Kinderladen (Jol Rosenberg)
Ach Maximilian, wenn du wüsstest, wie typisch männlich deine Kritik daher kommt. (Kritik dieser Art habe ich so oft gelesen, auch Richtung von aiki und zufällig bisher nur von Herren).
Ach Yvonne, müssen wir dieses Fass hier aufmachen? Das vergiftet doch schon die Diskussionen in den asozialen Medien, wenn nicht auf die Kritik(punkte) an sich eingegangen wird, sondern sich auf das Label des Kritisierenden gestürzt wird.
Mit der Geschichte habe ich dasselbe Problem, wie es Max und auch Roland haben: Die Konzeption der künstlichen Kinder ist für mich nicht schlüssig.
Entweder werden sie in der Geschichte zu Unrecht vermenschlicht, oder sie sind schlussendlich doch mehr als nur Maschinen. Jol hat sich hier nicht wirklich entschieden.
("Die Kinder waren der Grund aus dem er sich für diese Arbeit entschieden hatte. Und damit kein Menschenkind erleben musste, was er durchgemacht hatte. (…) Manchmal tat es ihm leid, dass er die Kinder bereinigen, ihnen Teile ihres Lebens nehmen musste. Zentrale Teile. Ihm leuchtete ein, dass jede Kundschaft die gleiche Chance verdient hatte, eine leere Tafel mit genau einstellbaren Schwierigkeitsgrad, eine zurückgesetzte KI (…) Genau wie Menschenkörper erinnerten die organischen Teile von Androidenkindern Dinge auf zellullarer Ebene. Niemand konnte das löschen. Die Polizei hatte eine eigene Abteilung für Androiden und die kümmerte sich darum. Aber ganz sicher waren auch deren Löschungen nicht vollständig. Nicht heilend.").
Das Widersprüchliche und die vage Definition hat (leider) Auswirkungen auf die Geschichte selbst: Sind die künstlichen Kinder schlussendlich
nur hochentwickelte Bots, ergibt die Geschichte um Magda und Thorben / Luisa keinen Sinn. Sollten die künstlichen Kinder aber mehr sein, frage ich mich, wie der sehr empathische Rod seiner Tätigkeit nachgehen kann – und wirft gleichzeitig den Vorwurf an die übrige Menschheit auf, künstliche Menschen unethisch zu behandeln. (Löschen / Zurücksetzen, abschalten).
Die Geschichte zu genießen – und ja, das habe ich –, war für mich nur möglich, indem ich sie gedanklich als „Science Fantasy“ eingeordnet habe. Ich betrachte sie also ähnlich wie
Star Wars oder auch manches aus
Star Trek nicht unter dem Anspruch wissenschaftlicher Plausibilität, sondern nehme das Setting als phantastisch und in sich gegeben an. Oder, wie Stephan es formuliert hat: als „Robotergeschichte“.
Und damit auch zu den positiven Aspekten:
Strukturell und sprachlich ist die Geschichte erstklassig. Das beginnt mit dem ersten Satz, der direkt Aufmerksamkeit erregt, bis zum gleich darauf interessanten Setting: Eltern, Erziehende, Lehrende etc. für menschliche Kinder kann nur werden, wer sich durch den Umgang mit künstlichen Kindern "akkreditiert" hat. Ein interessantes Szenario, welches vermutlich viel Leid verhindern würde – es gibt zu viele Kinder, die ihre Eltern nicht verdient haben; bei vielen bleibt ein Kinderwunsch unerfüllt –, aber natürlich auch zugleich die Hürden der Diskriminierung mit sich bringt.
Diese Diskriminierung stellt auch die eigentliche Geschichte dar, in welcher ein lernbeeinträchtigtes Paar – Thorben und Luisa – sich danach sehnt, ihr Leben mit einem Kind zu teilen. Die "Defizite", die ihnen die Bürokratie assistiert, kontern sie mit einer unverfälschten, respektvollen Herzlichkeit. Diese Herzlichkeit ist es, die die künstliche Magda, die offenbar Missbrauch erfahren hat – der auch nach einer Zurücksetzung Spuren hinterlassen hat –, dazu bringt, sich wieder zu öffnen.
Die Geschichte hat ein interessantes Setting, ist wundervoll erzählt, hat lebendige Charaktere, ist sprachlich schön und hallt lange nach – wenn man sich auf sie einlassen kann und will.
Bearbeitet von ChristophGrimm, 15 Juli 2026 - 08:37.