Lesezirkel für die DSFP-nominierten Kurzgeschichten aus 2025
#31
Geschrieben 12 Juli 2026 - 09:40
Außerdem haben wir auch zu wenig Preisgeld für eine weitere Kategorie.
#32
Geschrieben 12 Juli 2026 - 09:58
Wir waren hier von Ralph Alexander-Neumüller
Trotz des sehr länglichen Texts bleibt die Figur Paul blass und widersprüchlich: z.B. er liebt es zu präsentieren, mag aber seinen Leuten nichts erklären. Die Grundidee einer versteckten Botschaft in den Genen ist interessant aber es fällt schwer zu glauben, dass eine fremde Spezies diese wie beschrieben entziffern könnte. Zahlenreihen wären möglich aber den Namen Paul kodiert In Genen zu entdecken würde das Verständnis unseres Alphabets bedingen. Außerdem sehe ich einen Widerspruch zur Startprämisse: Zahlen sind die Zukunft.
Fazit: redundante Dystopie die den eigentlichen Gag mit abgenutzten Weltuntergangsbildern zuschüttet. Zudem wurde das Thema "versteckte Genbotschaft" in den 2000er Jahren des Öfteren diskutiert, siehe u.a. "Hausdorf: Götterbotschaft in den Genen" oder "www.welt.de/print-welt/article334784/Eine-Botschaft-der-Aliens-versteckt-in-unserem-Erbgut.html". Es ist also nicht sehr originell. Daher meine Einschätung: der schwächste Text der Liste
Tatsächlich bin ich eher angetan. Ich bezweifle zwar nicht, dass es unwahrscheinlich ist, dass die zukünftigen Wesen das Wort "Paul" entziffern, im Zuge der Story habe ich es aber akzeptieren können.
Anfänglich ist die Story eher lang und für eine Kurzgeschichte viele Details. Der Autor ist offenbar eher in längeren Genres zu Hause. Oual wird für mich hauptsächlich durch Dialoge und Beziehungen charakterisiert, besonders gelungen jene zu seiner anfänglichen Konkurrentin.
Nicht ganz so schön ist die Beschreibung des Chinesen, die ist sehr klischeehaft. (ja, ich weiß, gab es in Story of your life auch, da war die Figur aber komplexer und nicht durchweg negativ).
Die Beschreibung des Afrikaners bzw die Sicht Pauls auf ihn ist sehr nahe dran an strukturelle Rassismus.
Dass wir uns letztendlich nicht einigen können, finde ich realistisch.
Die letzte Szene ist gut gemacht und zuerst dachte ich, upps, der Fehler wird wiederholt. Wäre auch eine gute Story gewesen.
Insgesamt waren mir die ein, zwei Jahrzehnte zu knapp. Würde nicht ein kleiner Teil der Menschheit überleben? Wenn auch eben ohne Welt übergreifende Zivilisation, ähnlich wie bei the walking dead oder so.
Dass die Zivilisation in ein, zwei Jahrzehnten zusammen bricht, ist vorstellbar. Aber das eliminiert ja noch nicht alle Menschen. Vermutlich spielt das aber keine Rolle.
Mir hat die Story Gut gefallen, toller Stil, gute Idee und gute Auflösung.
Mir fehlt jetzt nur noch eine Story, die ich noch gar nicht kenne, der Gardemann. Dann kommen vier Rereads.
Mindestens drei Storys haben schon eher novellen-vibes. Wobei ich nichts dagegen habe -)
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#33
Geschrieben 12 Juli 2026 - 10:01
Michael Pfrommer - Die Amazone
Eine Welt die sich beinahe zwanglos aus unser aktuellen Wirklichkeit entwickeln könnte: fragmentiert auf genetischer und weltanschaulicher Ebene. Man fragt sich angesichts der Massendemos gegen die Coronapolitik: Sind Menschen wirklich so aggressiv und dämlich und der Blick auf unsere Welt sagt ja. Vor dem Hintergrund dieser agitierten Menschenmassen entspannt sich ein politischer Whosdonit-Krimi bekannter Machart mit dem üblichen noch-nicht-ganz resignierenden Ermittler. Das Worldbuilding ist exzellent, die Figuren glaubhaft, der Schreibstil perfekt mitreißend. Das offene Ende charakterisiert die Geschichte eher als Romaneinstieg und stört mich ein wenig.
Fazit: nicht das originellste Stück SF aber ich würde den Roman gerne lesen wollen.
#34
Geschrieben 12 Juli 2026 - 10:06
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#35
Geschrieben 12 Juli 2026 - 12:15
Aiki Mira - Ausreißende Sterne
Natürlich habe ich mich am ersten Satz gestoßen: Eine Supernova ist kein Planet! Aber im poetischen Sinn der Geschichte erscheint es doch sinnvoll. Leider fehlt mir die Kenntnis der Andymon-Vorgeschichte. Daher kann ich die Story nur alleinstehend bewerten und nicht als Ergänzung eines vorhandenen Geschichtsgerüst. Für sich genommen ist es ein sehr emotionaler Text über Familienbeziehungen vor einem kosmologischen Hintergrund. Stimmig, nachvollziehbar, voller Poesie. Die Space-Symbiose war schon ein Thema bei ihrem Roman "Titans Kinder".
Fazit: sprachlich und emotional gelungener Text, lesenswert, auch durchaus 2 mal
#36
Geschrieben 12 Juli 2026 - 12:25
Die nominierten Kurzgeschichten sind halt auch nicht nur von der Länge sondern auch vom Stil und vom Genre her betrachtet komplett verschieden. Die liegen soweit auseinander das es mir da als Jury echt schwerfallen würde einen Vergleich anzustellen und schon mal gar nicht da irgendwie einen ersten, zweiten und dritten Platz festzulegen.
Zum Beispiel ist die Geschichte von Uwe Post ohne Zweifel sehr gut geschrieben, die Sprache ist absolut preisverdächtig, da kann ich gar nicht dran rumdeuteln. Aber wenn mir das Thema absolut nicht zusagt, hätte ich große Schwierigkeiten es über einer Geschichte zu platzieren, die stilistisch vielleicht nicht ganz heranreicht, aber einen Plot hat, der mich wesentlich mehr anspricht.
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#37
Geschrieben 12 Juli 2026 - 12:49
Ich überlege auch schon wie mein Ranking wohl ausfällt, muss aber noch vier Texte erneut und zwei erstmals lesen
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#38
Geschrieben 12 Juli 2026 - 13:27
Blumen für Lisa-9
sehr kontrovers
Bearbeitet von Stephan, 12 Juli 2026 - 14:49.
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#39
Geschrieben 12 Juli 2026 - 14:13
Für mich macht Uwe Post schon sehr deutlich, dass Lisa ein Androide ist: u.a Ladekabel und Zehamputation aber auch mehrfach im Text. Die Kernfrage ist: welche Gefühle entwickeln wir für eine menschlich wirkende Maschine? Und wie sind sexuelle Interaktionen in dieser Situation zu werten? Und richtigerweise gibt Uwe keine Antworten auf diese Fragen, sondern überlässt es dem / der Lesenden.
#40
Geschrieben 12 Juli 2026 - 14:27
Das Ladekabel und der kaputte Zeh dienen lediglich als Erinnerung daran, das Lisa-9 ein Android und kein 9 jähriges Kind ist. Über diese Versicherung hinaus sind diese technischen Dinge ohne Funktion für die Geschichte.
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#41
Geschrieben 12 Juli 2026 - 14:42
Für mich macht Uwe Post schon sehr deutlich, dass Lisa ein Androide ist: u.a Ladekabel und Zehamputation aber auch mehrfach im Text. Die Kernfrage ist: welche Gefühle entwickeln wir für eine menschlich wirkende Maschine? Und wie sind sexuelle Interaktionen in dieser Situation zu werten? Und richtigerweise gibt Uwe keine Antworten auf diese Fragen, sondern überlässt es dem / der Lesenden.
Ist das die Kernfrage?
Man bringt das Thema Pädophilie nicht auf den Tisch, wenn es keine Behandlung erfährt.
Es geht doch per se gar nicht nur um einen Sexbot - sondern um einen Vater, der nicht nur eine „technische Lösung“ für seine Neigung gefunden hat - (ob DAS eine Lösung ist, kann man Lesenden überlassen) -, sondern diese Lösung in seine Familie integriert.
Das ist ein Konflikt, der keine wirkliche Thematisierung, keine Lösung und nur sehr bedingt eine Reflektion erfährt.
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#42
Geschrieben 12 Juli 2026 - 17:39
Das erinnert mich an eine Diskussion die wir vor einigen Jahren im DSFP-Kommitee hatten. Der Roman "Hell Fever" von Peter Schattschneider beschriebt kenntnisreich die Entwicklung einer perfekten virtuellen Realität. Leider wird diese u.a. von Pädophilen genutzt und der Autor beschriebt mehrfach recht detailiert Kindesmissbrauch. Auch wenn dieser "nur" virtuell statt findet verursachten diese Schilderungen vielen von uns erhebliche Bauschschmerzen und an eine Nominierung war nicht zu denken, obwohl die technologische Entwicklung stimmig erläutert wurde und Schreibstil, Worldbuilding und Personenentwickung auf hohem Niveau standen.
Uwe Post hingegen beläßt vieles im Vagen und der Interpretation durch den/die Lesende. Ich denke, dass man seine Geschichte nicht auf das sicherlich wichtige Thema Pädophilie reduzieren kann, sondern dass es hier viele Ebenen gibt, über die Nachzudenken sich lohnt. Für mich ist Blumen für Lisa-9 bislang die beste Story aus den Nominierungen (allerdings muss ich noch ein paar lesen).
Bearbeitet von rostig, 12 Juli 2026 - 17:42.
#43
Geschrieben 12 Juli 2026 - 18:02
Für mich ist ein wichtiger Punkt in Lisa-9 auch, dass offenbar eben der Sohn auch sexuelles Interesse an seiner Schwester entwickelt. Das wird recht unterschwellig serviert und gar nicht problematisiert, aber man kann in der Abwendung der Mutter erahnen, dass sie das schwierig findet. Vor dem Hintergrund, dass Lisa-9 ja neun bleibt, während der Erzähler erwachsen wird, ist das ... nun ja, zumindest schwierig.
Ich finde es einerseits gut, dass die Geschichte keine Moral hat. So wirft sie die Fragen auf und positioniert sich nicht dazu. Andererseits ist sie mir trotz der Ich-Erzählung zu distanziert erzählt, was für mich dann auch verhindert, dass ich mir eine Meinung bilde. Insofern finde ich dann doch, dass etwas mehr Positionierung ihr gut getan hätte. Weil dann vielleicht klarer gewesen wäre, wo es lohnt, noch etwas genauer hinzusehen. Beispielsweise bei dem hier schon benannten Machtgefällt Zuungunsten der Frau: Das wird hier einfach nur am Rande als Normalität gezeigt, aber in ihrer Auswirkung auf den Sohn bleibt es völlig schwammig. Wir erahnen seine Einsamkeit, die vermutlich damit zu tun hat, aber so richtig eine Hypothese dazu entwickeln kann ich nicht.
Bearbeitet von Jol Rosenberg, 12 Juli 2026 - 18:03.
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#44
Geschrieben 12 Juli 2026 - 18:37
Metanoq von Maximilian Wust
Das war gar nicht meins. Blasse Figuren, dabei immer wieder männliche Wesen, die auf weibliche Körper schauen oder Frauen anschmachten, und jede Menge Technik-Gebabbel, das über meinen Kopf geht. Auch sprachlich war das nicht meins, viele Vergleiche holperten für mich und rissen mich aus dem Fluss. Ich habe vier Seiten gelesen, bin aber gar nicht in einen Lesefluss gekommen und habe es dann abgebrochen.
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#45
Geschrieben 12 Juli 2026 - 18:52
Hallo Jol, die einzige anzügliche Szene ist die (geduldete) Beobachtung der Amazone. Das erwähnte Anschmachten geht von einer Katze aus. Darin sehe ich nichts sexistisches. Und der Techno-Babbel hat sehr viel naturwissenschaftlichen Hintergrund. Als SF-Fan freut es mich, wenn etwas mehr Science in die Geschichten einfließt.
Patricia Eckermann - Sabotage
Elon Musk lässt grüßen: angeblich verbreitet er seine Gene weltweit in von ihm finanzierten Fruchtbarkeitszentren. Wahr oder nicht es passt zu ihm und seinen Mars-Plänen. Diese Ausgangssituation hat die Autorin konsequent weiter gedacht. Aufbau, Worldbuilding und Personencharakterisierung sind gelungen, das Ende etwas zu vorhersehbar. Die Verbindung zu Andymon kann ich nicht beurteilen. Aber für sich genommen haben wir eine durchaus gelungene Story.
Bearbeitet von rostig, 12 Juli 2026 - 18:52.
#46
Geschrieben 12 Juli 2026 - 20:46
Anzüglich finde ich die Szene nicht. Oder doch? Hmm. Er betrachtet gern fast nackte Frauen und sie stellt sich dafür zur Verfügung, ohne dass klar ist, wieso. Und sie sind Kolleg*innen. Aber es fällt eben auf, dass weibliche Figuren hier immer von männlichen Figuren begehrt werden und jede weibliche Figur so vorgestellt wird. Während keine einzige männliche Figur so vorgestellt wird. Das finde ich ein sexistisches Muster und ich mag es nicht. Wieso muss eine der wenigen Frauen in diesem Text halbnackt vorkommen, damit der Mann sie betrachten kann?
Und ob das nun eine Katze ist? Auf den vier Seiten, die ich gelesen habe, wird das nicht klar. Da wirkt es eher wie ein Mann in einem Katerkörper. Vielleicht ändert sich das aber auf den nächsten 26 Seiten noch, dazu kann ich nichts sagen. Ich bin ja bei der Geschichte nicht weit gekommen.
Ich suche bei Geschichten nach lebendigen Figuren und interessanten Plots. Beides fand ich hier nicht. Dass es interessante Physik gibt, glaube ich gern. Aber das ist für mein aktuelles Physikwissen zu voraussetzungsvoll und nicht so verpackt, dass ich es lesen mag.
Bearbeitet von Jol Rosenberg, 13 Juli 2026 - 15:58.
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#47
Geschrieben 12 Juli 2026 - 20:48
Lese ich gern und oft in der anglo amerikanischen Literatur (prominentes Beispiel the expanse), aber zu selten hierzulande
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#48
Geschrieben 13 Juli 2026 - 08:37
Living Nightlights von Lisa–Viktoria Niederberger
Wunderschöner, poetischer Text in Briefform an den verstorbenen Mann. Der Gedanke, dass unsere Kinder in einer einfacheren Welt glücklicher sein würden drängt sich förmlich auf wenn man an Social Media, Konsumüberfluss und Freizeitstress denkt. Was auf den ersten Blick so "retro" wirkt, so ein Gefühl von "früher war alles besser" verbreitet, erweist sich als denkbarer (wenn auch wenig wahrscheinlicher) Ausweg aus dem heutigen Turbokapitalismus; die titelgebenden Glühwürmchen stehen symbolisch für diesen Gedanken. Und der Wunsch, dass es unseren Kinder einmal besser gehen soll, ist wohl universell.
Fazit: sprachlich exzellent, emotional mitnehmend, mit Realitätsanspruch - derzeit meine Nummer 2
#49
Geschrieben 13 Juli 2026 - 15:52
Luc Francois - Echo
Xem ist Luxemburg (z.B. Burgruine Esch-Sauer, Beschreibung der Seen etc.), Echo mag für Amazon stehen. Das Worldbuilding erscheint stellenweise inkonsistent: in einer nahen Zukunft würde ich annehmen, dass Echo die geeignete Online-Apotheke beauftragt, benötigte Medikamente per Drohne oder Eillieferung heran zu schaffen und nicht den Kranken in die nächste Stadt schickt. Seine Wohngegend wird "grün" gekennzeichnet was nicht zu leer stehenden und verfallenen Häusern passen will.
Zu Elysion: Vor 15 Jahren übernachtete ich als Gast in Aamby Valley in Indien. Mitten in einer wüstenartigen Landschaft ein See, üppiges Grün, luxuriöse Häuser alles mit doppeltem Maschendraht und Hundepatrouillen gesichert. Gedacht war dies als sicherer Rückzugsort für zahlungskräftige Kunden. Das Konzept ging wohl nicht auf: heute kann jeder Tourist dort Urlaub machen. Würde Elysion nicht ähnlich enden?
Der Text liest sich sehr flüssig, die handelnde Person wird einem schnell sympathisch auch durch die eingebaute Familiengeschichte.
Fazit: lesenswert mit leider offenem Ende
#50
Geschrieben 13 Juli 2026 - 16:08
Meine persönliche Hitliste:
1) Blumen für Lisa–9 von Uwe Post
2) Living Nightlights von Lisa–Viktoria Niederberger
3) Metanoq von Maximilian Wust
4) Echo von Luc François
5) Sabotage von Patricia Eckermann
6) Die Amazone von Michael Pfrommer
7) Ausreißende Sterne von Aiki Mira
8) Kinderladen von Jol Rosenberg
9) Notizen eines Sonderlings von Jan Gardemann
10) Wir waren hier von Ralph–Alexander Neumüller
#51
Geschrieben 13 Juli 2026 - 16:23
»Wir waren hier« von Ralph–Alexander Neumüller
Hier habe ich immerhin neun Seiten durchgehalten, aber ich fand die Story einfach langweilig. Der Prota ist mir vage unsympathisch, bleibt aber ansonsten blass. Was er eigentlich vorhat, wird durch gewollte Auslassungen künstlich verschleiert. Bei dieser Geschichte fällt mir auf, dass ich eigentlich echt gern Wissenschaft aller Arten in Geschichten lese, aber dann muss sie interessant präsentiert sein. Für mich passiert das hier nicht. Absätzelang lese ich, wie der Prota Kaffee trinkt oder am PC tippt und frage mich, wieso mich das interessieren sollte. Es passiert einfach nichts. Seine Beziehung zur Tochter wird immer wieder erwähnt, ebenso wie, dass er seiner Ex aus dem Weg geht, aber beide bleiben als Personen so blass, dass sie nicht einmal holzschnitthaft hervortreten.
Sprachlich ist das für mich auch eher uninteressant, die Schreibe ist glatt und flüssig, ohne irgendwelche Besonderheiten.
Patricia Eckermann: Sabotage
In gewohnt fluffiger Sprache („kotzreizverursachender Geruch“ ist ein Beispiel dafür) erzählt Eckermann hier von einer Inhaftierten, die in einer Gefängniskapsel im Weltall den Mond umkreist. Einzige Kontaktperson ist die KI, die sie täglich verhört. Aber die Prota darf nichts verraten und erzählt immer wieder die gleiche unvollständige Geschichte. Bis sie dann erzählen kann, was wirklich passiert ist.
Der Text liefert eine unterhaltsame und ermutigende Vorgeschichte zu Andymon und hat mir ausgezeichnet gefallen.
Aiki Mira: Ausreißende Sterne
Auch bei Mira ist die Sprache ein typisches Element, an dem Lesende die Texte erkennen. Wie immer ist sie dicht, lyrisch, mit eigenwilligen Bildern und hypnotischem Sog. Der Text ist ein ein handlungsarmer innerer Monolog an eine Ex-Partnerin, die mit Du angesprochen wird. Wir erfahren von Trauer und einer nie dagewesenen Beziehung, wobei es um eine Mutter-Kind-Dyade geht. Der Text ist atmosphärisch und melancholisch, allerdings packt er mich nicht so wirklich.
Er spielt nach der Handlung von Andymon und hat für mich nur am Rande einen Bezug dazu. Mit viel Fantasie kann ich als verbindendes Element die Frage erkennen, was es Menschen macht, wenn sie von Robotern erzogen wurden. Reicht ihre Beziehungsfähigkeit aus, um dann eine gute Eltenrolle auszufüllen? Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich das da hinein interpretiere, oder das wirklich Miras Textansatz war.
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#52
Geschrieben 13 Juli 2026 - 16:31
Michael Pfrommer - Die Amazone
Eine Welt die sich beinahe zwanglos aus unser aktuellen Wirklichkeit entwickeln könnte: fragmentiert auf genetischer und weltanschaulicher Ebene. Man fragt sich angesichts der Massendemos gegen die Coronapolitik: Sind Menschen wirklich so aggressiv und dämlich und der Blick auf unsere Welt sagt ja. Vor dem Hintergrund dieser agitierten Menschenmassen entspannt sich ein politischer Whosdonit-Krimi bekannter Machart mit dem üblichen noch-nicht-ganz resignierenden Ermittler. Das Worldbuilding ist exzellent, die Figuren glaubhaft, der Schreibstil perfekt mitreißend. Das offene Ende charakterisiert die Geschichte eher als Romaneinstieg und stört mich ein wenig.
Fazit: nicht das originellste Stück SF aber ich würde den Roman gerne lesen wollen.
Hat mir an sich ausnehmend gut gefallen, nur mich stört dasselbe wie Roland :
Wenn eine Geschichte schon 53 Seiten hat, sollte sie dann danach nicht wenigstens vorbei sein?
Ja, der Fall ist zu meiner Zufriedenheit geklärt, aber die Story ist ja so nicht wirklich vorbei. Liest sich wie der Anfang von etwas.
Der weltenbau und die Ideen sind aber so klasse, dass wohl auch ich den Roman dazu lesen würde.
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#53
Geschrieben 13 Juli 2026 - 17:06
»Die Amazone« von Michael Pfrommer
Am Anfang habe ich das wirklich gern gelesen: eine launige Erzählstimme mit einer gewissen Schnoddrigkeit und ein abgehalfterter Ermittler, dazu ein ausgetüftelter Weltenbau. Fand ich cool. Allerdings fallen schon auf den ersten Seiten die Infodump-Einschübe auf: Da wird uns die Vergangenheit des Ermittlers erklärt und wie er zu seinen Implantaten kam, inklusive wie diese erzeugt wurden. Dabei interessiert mich das an der Stelle gar nicht. Die vielen Infodumpblöcke vor allem in den Dialogen verlangsamen den Text enorm, was mich irgendwann nervte. Auch interessiere ich mich gar nicht für den Fall, den er lösen soll: Der Ermittler kommt mir nicht nahe und auch die Person, die er retten soll, bleibt mir egal. Ich erfahre nur über sie, dass ihre Schwester Macht hat und dass sie mit einer Roboterpartnerin zusammenlebt.
Halb ausgestiegen bin ich dann, als die Kollegin des Ermittlers, mit der in einem Copter fliegt, nicht erweckbar ist. Das sollte in ihm ja irgendeine emotionale Reaktion hervorrufen. Stattdessen beschreibt der Erzähler die Reaktion der Kollegin - die gar nicht die Hauptfigur ist. Aber eben eine Frau und als solche darf sie wohl Emotionen haben. Leider bleibt für mich dadurch dieses Spannungselement - was hat die Kollegin und wird sie gerettet - unspannend.
Hinzu kommt, dass mich nervt, dass der Weltenbau so erklärt wird und mit zugespitzten Klischees arbeitet.
Ich gebe zu: Auch hier habe ich nicht bis zum Ende durchgehalten. 19 Seiten, das ist mehr als die meisten Geschichten lang sind. Aber dann hat es mich rausgekickt.
Eine Rangliste mache ich nicht, da müsste ich ja meinen eigenen Text einordnen ... Meine Favoriten unter den nicht-mein-Texten sind Sabotage, Living Nightlights und Echo.
Was ich mal wieder spannend finde ist, wie unterschiedlich es ist, was Leute in Texten mögen. Alle Texte hier haben ja die Jury überzeugt, sonst hätte sie sie nicht nominiert. Und ich mag bei einigen nichtmal bis zum Ende lesen. Das hätte ich echt nicht erwartet.
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#54
Geschrieben 13 Juli 2026 - 17:19
@rosig:
Wow, sogar auf Platz 3 würdest du meine Geschichte einordnen? Ehrlich großes Danke dafür. Motiviert mich sehr
Falls du Interesse an Hard-SF mit naturwissenschaftlichem Hintergrund hast, habe ich noch einige Ideen, die dir vielleicht gefallen könnten. Ich muss nur schauen, wo ich sie unterbekomme.
Wegen "Blumen für Lisa-9" stimme ich zu: Falls Uwe hier noch mitliest, kann ich mir vorstellen, wie er aktuell breit grinsend vor seinem Smartphone oder PC sitzt, wohlwissend, dass er den Preis praktisch schon in der Tasche hat. Und das meine ich absolut nicht im Neid: Niemand, der so gut schreiben kann, wagt sich an ein derart kontroverses Thema.
Umso spannender finde ich gerade, wie sich die Meinungen auseinander entwickeln – auch in Privatgesprächen, die ich um den Preis hatte. Eigentlich kristallisieren sich ja immer rasch Favoriten heraus, aber jetzt macht es gerade ehrlich Spaß, zu spekulieren, wer wohin kommt.
Bearbeitet von Maxmilian Wust, 13 Juli 2026 - 18:43.
#55
Geschrieben 13 Juli 2026 - 21:18
Aber sicher ist es kkasssw, unabhängig von der Platzierung, dass diese lesenswerten Storys noch mal mehr Feedback sammeln
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#56
Geschrieben 13 Juli 2026 - 21:51
Gardemann, Notizen eines sonderlings
Bei dieser Konkurrenz hat der Text bei mir keine Chance. Er ist nicht direkt schlecht natürlich, ich kann ihm stellenweise einige abgewinnen (und er ist weit besser als viele Texte der neuesten Exodus und nie langweilig), aber schräg ist es trotzdem.
Die Welt ist so schön ausgearbeitet, warum also die sex Szene nicht?
Die er zahlende Figur wird so schön lebendig, warum bleibt es dann unklar, warum er sex mit Irene will? Und warum will Irene das? Macht sie dad öfter, wird sie deswegen eingesperrt? Womöglich würde es klarer, kennten wir die illustration dazu.
Max, kennst du die?
Es gibt mehr typos als üblich, Stil und Sprache sind aber sehr professionell, angenehm.
Hätte ich zwar nie im Leben nominiert (grins), landet bei mir sicher auch weit unten, bin aber zufrieden damit, den Text gelesen zu haben
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#57
Geschrieben 13 Juli 2026 - 23:33
Ich habe sie eben über meinen Webspace hochgeladen, damit ihr sie sehen könnt.

Ich persönlich habe mir beide beim Lesen ganz anders vorgestellt. Besonders Irene wirkt mir hier viel zu lasziv / tussihaft für den eigentlich forschen, gehärteten und desillusionierten Charakter, den sie in der Geschichte zeigt.
Zudem muss ich dir absolut zustimmen, Yvonne: Ich habe mich inzwischen mit mehreren Romantasy-Autorinnen unterhalten (u.a. auch, weil ich keinen einzigen halbwegs erfolgreichen Autor für das Genre finden konnte) und absolut alle sagten mir dasselbe: Körperliche Intimität in der Romantasy ist ein Muss, am besten so, dass sie in den Sex übergeht. Dass z.B. eine Lebende und ihr Geister-Liebhaber aus dem Jenseits keinen haben könnten, ist exakt die Herausforderung, die Romantasy ausmacht und es ist deine Aufgabe als Autor, ihn trotzdem schön zu gestalten. Und während ich noch fasziniert war, wie besagte Autorin das tatsächlich geschafft hat, wurde mir anschließend erklärt, dass Intimität ins Detail zu gehen hat, aber dabei nicht wie ein billiger Porno sein darf. Ich lerne jeden Tag was Neues ![]()
Aber genau deshalb hätte ich mir gerade da Details gewünscht. Ich bin ein großer Junge, ich kann das ab – und gerade bei Partnern, deren Physiologie so immens verschieden ist, war ich doch sehr neugierig. Und dann leider etwas enttäuscht, zumal das einfach in zwei Absätzen zuerst eklig eröffnet und dann übersprungen wird (wobei ich hier anmerken muss, dass man das Eklige ja bewusst angenehm beschreiben, ihm sozusagen das Schöne abgewinnen soll). Dabei fand ich es sogar schön, dass Natz von ihrem Äußeren abgestoßen ist und sich nach Intimität mit ihrem Charakter sehnt. Das ist eine von den Facetten, die die besten Romanzen starten können. Es war halt sehr viel Setup für nicht so viel Payoff. Vor allem nach dem ganzen Gerede über den Verfall der Poetik, den menschlichen Eindringlingen in ihre Welt und so weiter – das war viel Startbahn für einen doch sehr kurzen Flug.
Soweit ich das verstanden habe, wird Irene nicht für ihre Interspezies-Beziehung eingesperrt, aber zumindest von beiden Seiten einigermaßen verurteilt. Was sie konkret an Natz gefunden hat (also, außer, dass er wie sie eher ein Außenseiter ist) ist mir nicht ganz klar. Ich dachte, das wäre einfach nur Fetisch (also sie das Science-fiction-Äquivalent eines modernen Scalie) und habe nicht viel darüber nachgedacht. Kein Kink-Shaming und so ![]()
Aber ja, jetzt wo ich nochmal darüber nachdenke, sind es schon zwei große Lücken oder bzw. Glättungen, die zur Intimszene führen, die aber dann zu früh abblendet. Schade irgendwie.
Bearbeitet von Maxmilian Wust, 13 Juli 2026 - 23:33.
#58
Geschrieben 14 Juli 2026 - 07:33
Ich habe weder ein Grinsen im Gesicht noch irgendwas in der Tasche (bis auf ein Ersatzhaargummi) ![]()
Bearbeitet von Uwe Post, 14 Juli 2026 - 08:51.
Herausgeber Future Fiction Magazine (deutsche Ausgabe) ||| Aktuelles Buch: KI - KOMISCHE INTELLIGENZ (mit Uwe Hermann) ||| edition-übermorgen.de ||| uwepost.de ||| deutsche-science-fiction.de
#59
Geschrieben 14 Juli 2026 - 07:35
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#60
Geschrieben 14 Juli 2026 - 08:35
Die Illustration ist ja eher nichtssagend, sie wirkt KI-generiert und glatt. Ansonsten stimme ich dir zu, Max: Ich finde, was den Sex angeht, ist da echt viel verschenkt. Und was ich mich echt frage: Was ist denn der Spannungsbogen dieses Textes? Es ist ja eher kein Slice of live-Text, aber so einen richtigen Spannungsbogen hat er auch nicht.
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