Metanoq von Maximilian Wust
Okay, macht euch gefasst auf eine Menge Ambivalenz, zudem Disclaimer: Es bringt hier nichts, wenn ich alles weich spüle, ich werde also sehr direkt und ehrlich sein, einverstanden? (Ich glaube, Max kann das ab.)
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Du, no hard feelings. Mit Kritik kann ich umgehen. Noch dazu, wenn sie von Leuten kommt, die ich in der Schriftstellerei als Freunde / Kollegen / Gleichgesinnte / Du-weißt-was-ich-meine betrachte und ihr zustimmen muss. Dass "Metanoq" nicht den DSFP bekommen wird (nicht gegen Uwe Post und Jol Rosenberg), war mir im Moment der Nominierung bewusst 
Tatsächlich hat die Recherche für "Metanoq" über zwei Monate in Anspruch genommen und ich habe wahrscheinlich so viele Experten zu den jeweiligen Themen konsultiert, wie ich es nicht nochmal machen werde. Eine kleine Logiklücke habe ich dabei tatsächlich belassen: Die Rotation des Crew-Moduls wäre so immens, dass einmal das Ein- und Aussteigen nicht so leicht wäre, wie in der Geschichte beschrieben und es sich zum anderen auf die Beschleunigung auswirken würde. Ich war nur irgendwann dermaßen mit dem "Wäre das physikalisch exakt so möglich?" überfordert, dass ich irgendwann einfach den "Betonmischer" als festes Objekt im Schiff definiert habe. Aber mal davon abgesehen: Ja, die Charaktere gingen dagegen unter. Sollte jemals eine Uncut-Version der Geschichte erscheinen, werde ich vielleicht die Szenen wieder ein- und ausbauen, in denen sie koloriert wurden.
(Hoppla, jetzt wurden meine zwei Posts verschmolzen. Ich editiere das eben.)
Ich fange dann auch mal an:
Blumen für Lisa-9
von Uwe Post
Die wahrscheinlich stärkste Kurzgeschichte in der diesjährigen Auswahl liest sich zunächst wie die typische Folge von Black Mirror: Eine Familie kauft sich eine Androidentochter und hat zunächst mit den üblichen Roboter-Mensch-Diskrepanzen zu kämpfen. Und während ich noch dachte, dass ich gerade die x-te Neuinterpretation des Filmes „A.I.“ lese, musste ich auf einmal sogar einen Moment lang mit dem Lesen stoppen.
Denn, um den Elefanten im Raum anzusprechen: Ich bin mir ziemlich sicher, dass es eines Tages Sex-Roboter geben wird. Dass sie auch als Kindermodelle angeboten werden könnten, war eher eine ungute Ahnung als Gedanke. Gruseligerweise wäre es im Moment sogar überall, außer in Großbritannien, legal, diese zu erwerben. Auch etwas, das ich nicht wusste. Uwe Post jedenfalls thematisiert diese Thematik auf eine Art, die sich wie eine Bohrmaschine in Magengegend anfühlt und erzählt derart psychologisch aus der Sicht eines, sagen wir, Besitzers eines Androiden dieser Art, dass ich mich frage, wie oft er bei der Recherche sein Mittagessen wiedergesehen hat. Die Geschichte von Lisa-9 ist eines der widerlichsten, provokantesten, aber auch wichtigsten Science-fiction-Werke der letzten zwanzig Jahre. Ohne zu übertreiben: Diese Geschichte gehört in die Clarkesworld, für den Hugo-Award nominiert und mehr. (Frage hier: Können das ausländische Geschichten überhaupt?)
Geschrieben ist sie natürlich einwandfrei, geradezu makellos. Mir ist lediglich ein Satz aufgefallen, der mir nicht gefiel. Einer! Uwe Post merkt man seine immense Erfahrung an – und auch, dass er weiß, wie man seine Leserschaft schockiert. Notfalls eben mit einem literarischen Bohrhammer.
Und im Sinne von, dass es keine Schande ist, gegen einen Besseren zu verlieren: Das ist vermutlich der Preisträger für dieses Jahr. Ich habe noch nicht alle Nominierten gelesen, aber ich bezweifle sehr, dass Post in diesem Fall ernsthaft Konkurrenz hat. Und ja, da schließe ich meine eigene Story definitiv mit ein.
Wir waren hier
von Ralph Alexander-Neumüller
Ich hatte schon einmal eine Rezension zu dieser Geschichte geschrieben, daher gehe ich jetzt nicht so sehr auf die Handlung ein. Kurzgefasst: Ein Genetiker aus Wien versteht, dass die Menschheit unausweichlich durch den Klimawandel zum Aussterben verurteilt ist – und beschließt einen abstrakt-witzigen Plan.
Wie für Alexander-Neumüller üblich, so ist die Geschichte gut und vor allem flüssig geschrieben. Die Science-fiction-Elemente sind (meines Wissens nach) gut recherchiert und können zuweilen durchaus interessant sein. Die Charaktere würde ich eher als funktional bezeichnen. Das ist aber kein echter Kritikpunkt, zumal die „Tales of Science“ um Wissenschaft gehen sollten – und das tut „Wir waren hier“.
Nach der zweiten Hälfte wird die Geschichte allerdings etwas flach, im Sinne von: Es gibt keine großen Konflikte, keine Hürden oder Komplikationen durch gute Einfälle oder Sherlock Holmes-gleiche Analytik zu überwinden. Die Geschichte geht klar auf ihre Pointe zu und die Dinge geschehen nur noch. Das fand ich etwas schade, störte aber nicht. Bevor die Story plätschern konnte, wechselt sich drastisch-interessant die Perspektive und war dann auch schon vorbei.
Ein guter Start der Anthologie und generell angenehmer, kluger Lesestoff.
Notizen eines Sonderlings
von Jan Gardemann
Die CAPRICE hat für mich einen gewissen Stellenwert. Sie ist das erste und vermutlich letzte Mal gewesen, das mir jemand schrieb, er wolle ein Kurzgeschichten-Magazin starten und mich von Anfang an dabei haben. Ich glaube, da würde sich jeder immens geehrt fühlen.
Wie dem auch sei: Die „Notizen eines Sonderlings“ ist ein klassischer Romantasy im Science-fiction. Sciencetasy? Dabei wird von einem außerirdischen Dichter auf einem zerstörten Planeten. Während eines Kneipenbesuchs lernt er die Menschenfrau Irene kennen. Was selbstverständlich Vertreter beider Spezies verurteilen, die sich (ebenso selbstverständlich) mit Misstrauen und Unverständnis begegnen.
Als durchaus Fan von Romantasy und Liebesromanen generell empfand ich die Geschichte als einen sympathischen, romantischen Snack. Natz Blakoolik (der Name könnte direkt aus der „Space Quest“-Reihe stammen) ist der typisch eingemauerte Einzelgänger, dessen Herz nur eine Romanze erweichen kann. Die Pfade sind mir dabei etwas ausgetreten und erzählen wenig, was man nicht täglich auf Reddit serviert bekommt, insbesondere im letzten Akt, in dem dann auch das Tempo rasend schnell zunimmt und mir ein bisschen zu wenig Payoff für ein durchaus langes Setup bieten. Hier hätte sich Gardemann aus meiner Sicht gerne Zeit lassen dürfen, wie er es im ersten Teil seiner Geschichte getan hat.
Schriftstellerisch hatte ich wenig auszusetzen. Ich erkenne hier und da Spurenelemente alter Perry Rhodan-Romane, die gut inkorporiert wurden. Die Charaktere sind zwar klassisch, aber nachvollziehbar und angenehm zu begleiten. Auch erwähnenswert: Ich war sehr froh, nicht wieder mit den üblichen Klischees von „Torches and pitchforks“ von Vertretern beider Spezies beworfen zu werden, die diese Romanze am liebsten mit Gewalt beenden würden. Der „Konflikt“, wenn man so will, wird sehr erwachsen behandelt.
Kinderladen
von Jol Rosenberg
Vorweg muss ich anmerken, dass ich die Covers der „Queer*Welten“ durchweg schön finde. Sehr gefühlvoll gezeichnet. Also, der Exemplare, die ich bei mir im Bücherregal habe. Oder hatte.
In Jol Rosenbergs neuester Geschichte wird es wieder Black Mirror: Eine Art „KI-Betreuer“ stellt seinen Kunden KI-Kinder zur Verfügung. Werden diese dann nicht mehr gebraucht oder gewollt, werden sie kurzerhand gelöscht – und sind damit gar nicht mal so einverstanden.
Und wo nun jeder Informatiker sagen wird „Na und? Das nennt sich Forking und ist die Basis aller Software-Entwicklung.“ erzählt Jol (natürlich) eine unglaublich rührende Geschichte mit exzellent ausgearbeiteten Charakteren – auf dem Level eines Moritz Boltz. Der Schreibstil ist unglaublich rund und flüssig, für Jol sogar unerwartet linear.
Und während ich bei Jols Werken manchmal kritisieren musste, dass mir irgendwie der Konflikt fehlte und nichts auf dem Spiel stand, ist er hier gleichermaßen spürbar wie artifiziell impliziert. Natürlich fürchten die KIs um ihr Leben, allerdings nur, um so menschlich als möglich zu wirken. Dass das als Leser rührt, hat ist gut gemacht, wirklich gut. Erst nach dem Ende der Geschichte ist mir bewusst geworden, dass ich hier gerade um LLMs trauerte, die überhaupt kein Konzept für Existenz besitzen. Ich erinnere mich dahingehend an einen Terminator-Roman, der während des Krieges mit Skynet spielt. Darin erklärte die Mentorfigur, dass manchmal besiegte Maschinen um Gnade flehten und sich so die nötige Schrecksekunde beschafften, um menschliche Widerstandskämpfer doch noch zu töten. Jols „Kinderladen“ bestätigte mir, dass das wirklich funktionieren würde.
Von allen Geschichten, die ich bisher von Jol lesen konnte, ist „Kinderladen“ tatsächlich die beste gewesen. Intellektuell und elegant. Und natürlich woke. Ohne geht nicht ;-) Aber wirklich nicht im überbordenden Sinne.
Bearbeitet von Maxmilian Wust, 09 Juli 2026 - 14:32.