Da ist sie jetzt also. Ich erinnere mich noch gut, als das Smartokratie-Projekt von Christoph Grimm, Sarah Lutter und Kai Focke das Gesprächsthema in meiner kleinen Bubble war. Wer nicht dabei sein wollte, der erwartete sich wenigstens viel davon. Und nur Wenige in meinem Umfeld hatten Ideen, die über ein Smarthome hinausgingen.
Das Ergebnis ist auf den ersten Blick überraschend. Ich hatte tatsächlich erwartet, dass sich dort fast nur die üblichen Verdächtigen sammeln und die Anthologie eher eine Hall of Fame sein wird. Doch statt Uwe Post, Nele Sickel und Jol Rosenberg lese ich Namen, von denen ich noch nie gehört habe. Selbst Google gibt zu den meisten Autoren und -innen kaum etwas aus, außer vielleicht ein stiefmütterlich gepflegtes Profil in den Sozialen Medien.
Da sich allerdings Christoph Grimm als ein Garant der Qualität hervorgetan hat, sind meine Erwartungen also genauso hoch. Sehen wir mal, ob diese Anthologie wieder einmal gerecht wird.
Pling
von Thomas Matula
In naher Zukunft agiert die Demokratie direkt, dem Schweizer Modell nachempfunden. Jeden Tag, teilweise jede Stunde sollen die Bürger über alle möglichen Belange entscheiden – allerdings nur binär, mit Dagegen oder Dafür. Die Ich-Erzählerin fühlt sich davon belästigt und möchte mithilfe einer Frau namens Linda aussteigen. Es wäre aber keine Geschichte, wenn sie dabei nicht in eine Verschwörung rund um die Binäre Demokratie geraten würde …
Thomas Matula erzählt ausgesprochen flüssig und nutzt schöne Metaphern, um seine Gefühlswelten darzustellen. So wird zum Beispiel Nervosität als schmelzender Schnee beschrieben, der von Ästen abfällt. Das macht seine Protagonistin angenehm spürbar. Ihr Verdruss mit dem System, das eigentlich totale Kontrolle über den Staat gewährt, ist zudem nachvollziehbar. Gleichzeitig stellt es auch die Frage rund ums Supermarktregal, also, ob Menschen überhaupt so viel Freiheit wollen.
Am Ende habe ich mich leider ein wenig abgespeist gefühlt: Hier wird ein sogenannter Run vorbereitet, also die Infiltration einer Einrichtung. Gerade im Zusammenhang mit Smarttechnologie hätte ich mir hier einfach mehr gewünscht, als das übliche „Wir zwicken uns durch den Zaun und knacken Schlösser“, mit der man in 1980er Filmen in absolut jede Hochsicherheitsanlage hineinkam. Hier spürte ich vor allem Parallelen zum Höhepunkt von „Denial of Service“ von Aiki Mira – in dem Aiki mit vielen schönen Formulierungen daran scheiterte, auch nur irgendwie Spannung aufzubauen. Matula wie Mira würde ich gerne ein paar Romane von Tom Clancy oder eine Spielrunde „Cyberpunk Red“ empfehlen, was ihre Infiltrationen betrifft.
Die Schlussaussage mag vorhersehbar sein, trifft dafür aber umso mehr. Matula erzählt hier mit einer gewissen Tragikkomödie, wie sich selbst die besten Systeme zur Gefahr werden können und warnt damit – vielleicht auch nur versehentlich – vor aktuellen, realen Entwicklungen.
Alles in allem: ein guter, schön geschriebener Start mit leicht lahmendem Infiltrationspart.
Nah ist das Land, das sie Leben nennen
von Sven Haupt
Ein Corporal und ein Sergeant sollen zusammen mit einer gnadenlosen Inspektorin gegen sogenannte No-Names in der Stadt vorgehen, also Einwohnern ohne legalen Status. Parallel dazu erzählt sich die Geschichte eines obdachlosen No-Names, der mit seiner Affenpuppe spricht.
Wie für Sven Haupt üblich, so zeichnet er auch dieses Mal eine dunkel-schöne Welt und entführt seine Leser in eine verregnete Cyberpunk-Metropole, die „schöngeblendet“ wird. Ihre Einwohner tragen Brillen, die die Stadt so aussehen lassen, wie sie es wollen. Wer das nicht tut, der sieht eine Welt im Verfall – nicht nur äußerlich, sondern auch menschlich und moralisch.
Die zwei Erzählebenen sind dabei erwähnenswert gut verknüpft. In Kurzgeschichten gestalten sich Perspektivenwechsel meist nervig, oft verwirrend, da man meist zu wenig Raum hat, um in dem anderen Charakter anzukommen. Haupt hingegen legt seine Erzählebenen sehr methodisch an. Gerade ein einziges Mal hatte ich das Gefühl, dass der Wechsel unpassend verlief, ansonsten fühlte ich mich gut angeleitet – was vor allem in der zweiten Hälfte, während sich die Verfolgungsjagd zuspitzt, wirklich funktioniert. Handwerklich bin ich hier sehr beeindruckt. Es hilft auch, dass der Corporal und sein Sergeant eher kommentieren, als wirklich zu agieren – also in ihren Abschnitten nacherzählen, was passiert ist –, während der alte Mann und sein Affe durch die Gassen fliehen.
Die Aussage an sich bleibt dabei eher Nebensache. Sven Haupt eröffnet zwar immer wieder gesellschaftliche und soziopolitische Fragen zu Augmented Reality und dem leidigen Thema der Immigrationspolitik, belässt es aber dabei, ohne auch nur einmal belehrend zu werden.
Die finale Auflösung zum Schluss ist hingegen ein wenig dürftig und eher der Überraschung wegen überraschend als schlau erdacht. Hier hätte ich mir gerne eine Andeutung oder Forshadowing für den Klick-Effekt gewünscht, wenn dann die Puzzleteile zusammenpassen. Oder wenn es solche gab, dann sind sie mir vielleicht auch entgangen.
Fazit: Eine gelungene, hochprofessionell geschriebene Geschichte auf Sven Haupt-Qualitätsstufe.
Der verbleibende Zustand
von Felicitas Köhler
Eine Studentin in Australien telefoniert jeden Tag mit ihrer Mutter – bis diese auf einmal nicht mehr antwortet.
Felicitas Köhler erzählt eine kurze, knackige Geschichte mit einem Twist, den es im Science-fiction zwar schon oft gab – ich selbst habe ihn bei „Neuromat“ in der c’t verwendet –, aber hier angenehm vermittelt wird. Tatsächlich hätte diese Story auch so in der c’t abgedruckt sein können.
Leider kann ich sonst nicht viel zu Köhlers Beitrag sagen: Er ist kurz, gut geschrieben und vorbei, bevor er langweilig wird. Ein netter, kleiner Happen zum Thema Smarttechnologie.
Ein Fluss im Ozon
von Maximilian Wust
Im Heidelberg der nahen Zukunft jagt der junge NGO-Detektiv Noël im, sagen wir, Home-Office eine Hackergruppe und verwendet dabei jedes Werkzeug, in das er sich einloggen kann – von Kameras über Smartphones bis hin zu einem Gynoiden.
Maximilian Wust behauptet von sich, wirklich gute Pfannkuchen machen zu können – und wenigstens diesen Glauben sieht man in dieser Geschichte. Pfannkuchen werden darin zwar mit keinem Wort erwähnt, aber so schreibt definitiv jemand, der weiß, dass man die gewünschte Fluffigkeit mit Eischnee erzielt und mit einem Schuss Öl stabilisiert.
Bin mal gespannt, was die anderen dazu sagen.
Echos
von Nico Bergstreiser
In nächstnaher Zukunft ist es zum Gebet geworden, nicht nur ein Foto, sondern eine Totalaufnahme, fast wie ein Reel, von allen wichtigen Momenten des Lebens zu machen.
Was folgt sind keine Belehrungen, keine tiefgehenden Konflikte oder der Fingerzeig, den so eine Geschichte bietet, sondern eine kurze Momentaufnahme zum Thema der Momentaufnahme. Wie geht nochmal das Zitat? „Noch nie hatten wir eine ganze Generation, die sich so total und fleißig dabei dokumentiert, wie sie absolut nichts erreicht.“ Das erzählt Nico Bergstreiser schnell, auf nur 3,1 Seiten und angenehm emotional.
Vertragliche Priorität
von J.R. Tarson
Ein Bewertungssystem hat aus dem Gesundheitswesen eine Triage gemacht. In der unguten Zukunft von J.R. Tarson entscheidet der sogenannte Urbascore, um wen sich im Notfall zuerst gekümmert wird. Und wer nicht genug Punkte hat, für den kommt eventuell jede Hilfe zu spät. Jonas, ein Krankenpfleger, ist davon nicht nur angewidert, sondern stößt auch noch auf eine Ungereimtheit.
„Vertragliche Prioriät“ könnte so direkt aus der Netflix-Serie „Black Mirror“ stammen – also, als diese noch gut war und nicht nur ihre eigenen Episoden nacherzählt hat. Ein düsteres Bild der Gesellschaft, verbunden mit einer Warnung vor einem System, das so wirklich entstehen könnte, gemischt mit der üblichen Korruption.
Mir gefiel hier, dass Tarson nicht auf das bekannte Schema zurückgriff. „Gehe nach A, dann nach B, am Ende nach C“, hat sich für Kurzgeschichten dieser Art etwas sehr bewährt. Umso erfrischender ist Tarsons Bruch damit. Jonas arbeitet sich tiefer und immer tiefer in eine Verschwörung, die so wirklich existieren könnte (und mit Sicherheit würde), während der Gegenwind zunehmend stärker wird, aber dabei (fast) nicht ins Niveau eines Pulp-Krimis oder Agententhrillers geht. Dasselbe gilt für den Stil, der erwähnenswert gemäßigt bleibt und eine gewisse Trockenheit als Methode adaptiert. Das funktioniert überraschend gut.
Leider schwächelt die Geschichte zum Schluss. Aus der sonst so reifen Story wird plötzlich Flughafenliteratur – mit einem Ende, das nicht so ganz zum Rest passt. Dass der Bogen zurück zum initialen Thema gemacht wird, ist eine wirklich gute Idee, gelingt aber nicht so ganz in der Umsetzung. Hierbei muss ich erwähnen, dass ich absolut nichts gegen Überzeichnung einzuwenden habe. Nur leider war die „Vertragliche Priorität“ bis eben zum Epilog eine Geschichte, die auf solche Mittel verzichtet hat. Schade.
Ansonsten ist es eine wirklich gute Story.
Die schlafenden Kinder
von Maximilian R. Herzig
Die KI M.O.M. herrscht über eine Stadt in wahrscheinlich Deutschland und kontrolliert dafür nicht nur die Maschinen, sondern auch die Ernährungs- und Alltagsgewohnheiten der Menschen. Catrin und Ben bemerken bald, dass da mehr dahinter steckt …
Die Kritik zu dieser Geschichte zu schreiben, schmerzt nun ein wenig. Ich mag den Autoren, wir hatten mehrere angenehme Gespräche, aber leider konnten mich „Die schlafenden Kinder“ nicht überzeugen.
Die Grundidee sowie das Handwerk sind dabei solide, die Texte sind flüssig geschrieben, die Dialoge nachvollziehbar, der Text verliert sich jedoch in der Ausführung. Ich werde vermutlich nie ein Freund von Comic-artigen Zeitsprüngen in der Literatur sein (wie „7 Stunden zuvor“ oder „Zur gleichen Zeit, anderswo in der Stadt“), aber sie störten mich nicht wirklich. Was mir im Weg stand, war einmal die etwas unstrukturierte Lesart, aber vor allem das sehr vorhersehbare Thema selbst: Eine offensichtlich bösartige KI, die mit Sorgfalt über eine Stadt oder sogar den ganzen Staat herrscht, aber aus deren System man dann derart leicht entkommen kann, wie eben Catrin und Ben, fühlte sich unglaubwürdig an. Gab es während der Einführung von M.O.M. keine Aussteiger, Verweigerer oder Zyniker, die entfernt oder ins System gezwungen werden mussten?
„Die schlafenden Kinder“ macht dabei durchaus Spaß zu Lesen und passt sich größtenteils der Qualität der anderen Geschichten an, kann aber nicht mit der Güteklasse eines Sven Haupt oder einer Felicitas Köhler mithalten.
Ein kleiner Nitpick noch zum Schluss: Ich finde es immer seltsam, wenn in Geschichten gewaltige Zahlenreihen wörtlich ausgesprochen werden. Ein Bot nennt Catrin beim vollen Namen, also Catrin-3492303277. Tut er das wirklich? Betet er sechs bis sieben Sekunden lang einen Zahlencode runter, nur um jemanden anzusprechen?
Das soweit, mehr folgt bald.