molosovsky, on 22.08.2010, 13:01, said:
Darauf spielte ich auch an, als ich andere Namen nannte, bei denen gewisse Meinungsträger geneigt sind, deren Werk als ganzes vom Tisch zu fegen, weil die entsprechenden Denker (Nietzsche, Benn, Heidegger, Jünger wurden als Beispiele genannt) durch direkte oder indirekte Verbindung mit dem Dritten Reich ™ zu Personas non grata wurden. -- In diesem vom Tisch wischen liegt für mich der unerhörte Akt. Wie man selbst nun die Werke solcher Denker einstuft, ob man sie mag oder nicht mag, ist eine andere Sache.
Aber dieses "Vom-Tisch-Wischen" passiert doch überhaupt nicht. Heidegger z.B. habe ich in einem Gender-Studies-Seminar gelesen. Nietzsche steht da auch hoch im Kurs (vor allem natürlich, weil man ihn für Foucault "braucht"). Sogar ein ein erklärter konservativ-autoritärer Philosoph wie Carl Schmitt wird da rezipiert. Wenn diese Philosophen also sogar in einem so explizit "linken" Studienumfeld nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern auch geschätzt werden, dann lässt das ja wohl vermuten, dass sie so geächtet nicht sein können.
Und was "Schaumschwester" betrifft: Der steht in der Buchhandlung, in der ich arbeitete, jetzt seit bald drei Monaten (wie Blei) in der Auslage und wartet, dass sich ein Kunde seiner erbarmt. Hätte ich auch schon lange remitieren können, wenn ich Zensurabsichten hegen würde. Mach ich aber nicht. Und auch keine andere Buchhandlung wird so ein Buch aus dem Programm nehmen, weil irgendwer sich im Feuilleton über Nazirelativierungen ärgert.
Diesen Mechanismus kennt man doch zu genüge: irgendwer geriert sich als Tabubrecher. Ein paar Leute tun ihm den gefallen, aufgeregt gegen ihn zu krakeelen. Eine meist sogar größere Zahl formuliert eine vernünftige Kritik an dem angeblichen Tabubruch. Und der selbsternannte Tabubrecher und seine Gewährsleute behaupten dann anschließend, sie wären "unbequem" und man wolle sie zensieren. Und das ist schlicht und einfach Quatsch.
Was die Philosophen angeht: scheint mir da auch so ein Angstbeißreflex dahinter zu stecken. "Oh, Heidegger war ein Nazi. Aber ich finde ihn doch anregend und sogar gut, dann wäre ich auch ein Nazi! Das kann und darf nicht sein. Heidegger war folgerichtig kein Nazi, wer so etwas behauptet, ist überhaupt selber nicht viel besser als ein Nazi." Dabei wäre die einzige integere Haltung, seine Vorliebe für Heidegger weder mit Klauen und Zähnen zu verteidigen noch ihr reuig zu entsagen, sondern sich damit auseinanderzusetzen, was Heideggers Philososphie möglicherweise damit zu tun hatte, dass er gemeinsame Sache mit den Nazis gemacht hat, was man trotzdem an ihr schätzt und wie man dieses Wissen vielleicht sogar einsetzen kann, um besser zu begreifen, was das verlockende am Faschismus war und ist.
Stattdessen folgt z.B. auf meine einfache, überprüfbare Feststellung, dass Heidegger Nazi war (mindestens aus Opportunismus, mag sein auch aus Überzeugung, oder vielleicht auch, weil er, wie Hannah Arendt meinte, einem tragischen Irrtum unterlag), die völlige Aberkennung meiner Urteilsfähigkeit mitsamt irgendwelcher Spekulationen über meine "Moralität". Als wäre "Nazi" ein Urteil, mit dem man gleichzeitig sagt: "Mit dieser Person setzen wir uns nicht mehr auseinander. Sie ist Anathema, es interessiert uns nicht, was sie dachte und warum sie es dachte."
Das sage ich aber nicht. Tatsächlich ist genau das die Haltung der Verdrängung, die ich ablehne: Mit den Nazis will man nichts zu tun haben, man will sich nicht auseinandersetzen müssen. Allenfalls zieht man sich auf die Feststellung zurück, dass man heute sowieso nicht verstehen könne, wie das damals wohl war. Und enthebt sich damit jeglicher Verantwortung für die Denkanstrengung.
Wenn man "Nazi" zum rein moralischen Urteil macht, gleichbedeutend mit "böser Mensch", dann übersieht man eben, dass der Nationalsozialismus ein gesellschaftliches Phänomen war, das natürlich historische Wurzeln hat und das natürlich bis heute fortwirkt. Dann hat man nur noch böse Nazis, die heute zum Glück alle tot sind, und begreift dabei absolut gar nichts. Diese Haltung scheint mir Frank zu unterstellen, und zwar entweder böswillig oder, weil er zu faul oder zu blöd ist, meine Beiträge vernünftig zu lesen und eigentlich eh nur stänkern möchte. Und das stinkt mir gewaltig.