@lapismont:
No hard feelings here. Wenn ich meine Meinung bloß bestätigt haben will, schreibe ich mit ChatGPT
Eine gute Diskussion beginnt für mich erst, das man die Dinge anders sieht, besonders wenn die andere Person ihre Meinung auch gut begründen kann.
Aber dann mal weiter mit den Rezensionen:
SmartBib
von Sarah Lutter
Eine der beiden Verleger-Storys.
Zwei Hacker infiltrieren eine smarte Bibliothek, zwei Bibliothekare wirken ihrem Angriff entgegen. Und mehr zu verraten wäre bereits ein Spoiler.
Sarah Lutter liest sich grundlegend anders, was ich auch erst für mich lernen musste: Als Cozy-Autorin setzt sie nicht auf Geschwindigkeit oder Tiefgang, sondern auf Momente, in denen sie zart ankommen lässt und sie auch genauso erst wieder verlässt, nachdem sie auserzählt wurden. Ein Prinzip, das auch diese Geschichte definiert, auch wenn sich Lutter zum ersten Mal an zwei Erzählebenen versucht.
Für mich persönlich sind zwei Erzählebenen immer schwierig. Gerade einmal Ausnahmetalenten wie Aiki Mira oder Sven Haupt würde ich sie zutrauen, ohne dass Geschwindigkeit verloren geht. Sarah Lutter macht es sich hier leichter und erzwingt einfach mal nichts. Die „SmartBib“ verbleibt konstant ein Herbstspaziergang, selbst zum Höhepunkt hin und kann als das auch spielend genossen werden.
Technologisch (oder smart-technologisch) erzählt die „SmartBib“ nichts, was man nicht schon kennt, außer die immer aktuelle Reflexion um das Thema, wie weit wir uns von Technologie abhängig machen sollten. Und das schreibe, während mich mein Google-Terminkalender daran erinnert, dass eine Deadline näherrückt und ich einplanen muss, wie ich eine Karte für einen Fantasy-Kinderroman in die aktuellen Projekte einplanen kann ;-)
Vibes
von Christoph Grimm
Die zweite Verlegergeschichte.
Nach dem rätselhaften Tod einer Influencerin, macht sich eine Ermittlerin ans Werk – und taucht rasch in die irre Welt der modernen Medien und Selfmade-Stars ein. Dass sie dabei mit ihrer Ex-Freundin Misaki zusammenarbeiten muss, macht die Aufklärung dieses Mordes nicht leichter.
Was zunächst noch wie ein Standard-Fanfic-Krimi aus Reddit wirkt, entpuppt sich spätestens nach dem dritten Absatz als, wenigstens meiner Meinung nach, Grimms bisher stärkstes Werk. Das Internet der nahen Zukunft wird zunächst gruselig beschrieben, als eine Extrapolation der heutigen Social Media- und OnlyFans-Kultur. Influencer lassen sich den ganzen Tag von ihren Fans begleiten (auch bei dieser einen Sache, und ja, auch bei der anderen, wie der Autor scherzhaft anmerkt), während auch die Zuschauer zunehmend den Kontakt zur Realität verlieren. Alles ist nur noch Event, Kitsch, Plastik und bunt geworden – selbst der Tod eines Menschen. Grimm zeichnet hierbei eine seelenlose Welt und es ist unangenehm spannend, sie zu bereisen.
Die Dynamik zwischen Rina, der Ermittlerin, und ihrer ehemaligen Partnerin Misaki trägt zudem zu einem Setting bei, in der es nur noch Kontrast statt Kontakt gibt. Rina agiert zwar professionell, deutet aber immer wieder die Herzlichkeit an, die sie sich doch irgendwo wünscht, während Misaki kalt und auf Abstand verbleibt. Beide Charaktere sind so traurig menschlich – und das in einem Zeitalter, in dem alles nur noch gefälscht und Schauspiel ist.
Erwähnenswert ist für mich auch die technische Recherche, denn diese ist ausgesprochen präzise und glaubhaft. Bitter hingegen erzählt sich das Opfer, die Influencerin Jenna, und wie man selbst dann noch eine Fälschung sein kann, wenn man jede wache und nicht-wache Minute von Millionen von Menschen begleitet wird. Ich weiß nicht, ob sich Christoph Grimm durch den Aufstieg und Fall des Youtubers Tanzverbot zu dieser Geschichte inspirieren ließ, aber damit legt er den Finger nah am Puls der Zeit.
Was herauskam, ist eine herausragende Geschichte, die für mich ein klarer DSFP- und KLP-Kandidat ist.
Rückrufquote
von Harald Müller
Wer in Müllers Zukunft nicht ständig an seine peinlichsten Momente erinnert werden will, der kann sie sich einfach entfernen lassen. Der Ich-Erzähler tut das beruflich. Statt Therapie und Verarbeitung, bietet er Vergessen – den Undo-Button, der wenigstens schlaflose Nächte und einen Stillen Reflux erspart. Bei einer Überprüfung muss der Protagonist jedoch feststellen, dass er sogar an sich selbst eine Löschung durchgeführt hat.
Harald Müller schrieb eine Geschichte, die nach absoluter Potenzialverschwendung klingt, es aber dann doch nicht tut. Auf der einen Seite könnte er sich laut fragen, ob es nicht auch die schmerzhaften und peinlichen Erinnerungen sind, die uns definieren, und während ich schon die Angst hatte, dass das andersherum genauso in ein Essay mündet, bleibt Müller angenehm subtil. Viele Themen rund um Erinnerungslöschung werden lediglich angedeutet und als offene Fragen stehengelassen – vielleicht eines zu viel, um ehrlich zu sein.
Denn gegen Ende hätte ich mir noch ein wenig mehr gewünscht. Keinen Spannungsbogen und auch keinen Thriller im Sinne von „Total Recall“, sondern Auflösung, vielleicht sogar ein wenig Katharsis, aber wenigstens den Schmerz der Verarbeitung. Eine verdrängte Erinnerung muss für mich stechen, um den Wunsch spürbar zu machen. Ohne zu viel verraten zu wollen: Harald Müller, der vor allem mit offenen Fragen spielt, lässt jedoch auch diese unbeantwortet.
Am Ende ist die „Rückrufquote“ jedoch durchaus eine gute Geschichte, wenn auch mehr Gedankenspiel als Handlung.
Spa Hotel Sweet Memories
von Natalie Mierse
Alice Hansen ist Bewohnerin eines smarten Hotels und genießt die Vorzüge der technologischen Betreuung. Als sie jedoch im Spiegel eine alte Frau entdeckt und auf Personen angesprochen wird, von denen sie noch nie gehört hat, findet sie sich in einer zunehmend zerbrechenden Realität wieder.
Die relativ kurze Geschichte erzählt sich rasch, ohne dabei die Geduld um das Mysterium überzustrapazieren. Als ich ahnte, um was es wirklich geht, kam es auch schon zur Auflösung.
Was (bei mir) hängen blieb, war eine interessante Idee zu einem leider sehr realen Thema.
Das neue goldene Zeitalter
von Jan Seegelke
Die KI Kali verwaltet die Welt. Eines Tages beschließt sie, in Männern statistisch den Ursprung allen Übels zu sehen und ermordet sie kurzerhand in unter einer Minute – alle, auf der ganzen Welt. Nyota, die mitansehen musste, wie ihr Freund dabei getötet wurde, versucht daraufhin, sich damit zurechtzufinden.
Und jaaa, mir ist bewusst, dass diese Story guter Ragebait sein und polarisieren kann. Tatsächlich tut sie das gar nicht mal so sehr. Am Ende hätte ich es mir sogar gewünscht.
Einmal von der Politik mit dem Holzhammer abgesehen, wäre mir gleich zu Beginn weit mehr Dramatik in Szenen recht gewesen: Erzähl nicht bloß, wie da irgendein Nebencharakter, den ich nie kennenlernen durfte, von einem Kellner-Androiden getötet wird. Geh ins Detail! Beginne mit einem Mann, der gerade eine Untat begangen hat und Kalis Entscheidung rechtfertigt: Cedric O. steht noch über seinem Opfer, als er selbst eines wird. Danach zeige mir Johannes M., der schon vor einer Stunde hätte aufstehen sollen, aber stattdessen immer noch im Bett liegt, die Decke anstarrt und sich fragt, warum er einfach nie gut genug ist, als plötzlich ein Roboter in seine Wohnung stürmt und ihm final zeigt, dass er es wirklich nie war. Schildere den fast hundertjährigen Muhammad K., der sich trotz körperlicher Leiden jeden Tag zum Grab seiner Frau quält und alles dafür geben würde, wieder mit ihr vereint zu sein, bevor ein Grabpfleger-Android dafür sorgt, dass er das ist. Erzähle von Jacques F., der seinen beiden Töchtern Eis kauft und vor ihren Augen ermordet wird, weil er mit dem falschen Chromosom geboren wurde. Und zuletzt von John F., der als Frau geboren wurde und nach Jahren der Dysmorphie, HRT und Operationen endlich bei sich angekommen ist … und in seinen letzten Sekunden realisieren muss, auf die falsche Seite gewechselt zu sein. Du willst alle Männer töten? Dann tu es auch. Und das meine ich nicht einmal politisch, aber eine gute Apokalypse will schließlich genossen werden, und nicht bloß in eineinhalb Normseiten abgehandelt.
Danach erzählt sich die Geschichte vor allem in Dialogen und Gedankenspielen weiter. Immer wieder wird darüber nachgedacht, ob die Tötung aller Männer richtig oder falsch war, ohne eine Antwort zu liefern oder in bissige Tiefen zu gehen. Die männerfreie Welt von Seegelke wird zwar am Rand als gewaltfreies Utopia beschrieben, aber alles darüber hinaus hätte die Geschichte unter endlosem World-Building begraben, von daher bin ich vorsichtig, inwieweit ich mich hier beschweren darf. Viel passiert jedoch sonst nicht.
Wie ist so eine Welt ohne Männer? Wie fühlt sie sich an? Und, weil es schließlich auch eine Geschichte ist, wie geht man gegen eine weltbeherrschende KI vor, die einfach mal nebenher die Hälfte der Weltbevölkerung ausradieren kann? Ich persönlich hätte bei so einer KI immense Furcht, dass sie irgendwann das Jäten fortsetzt. Sie löschte alle Männer aus, weil 94% aller Gewalttaten von 5,9% aller Männer begangen wurden. Wie lange noch, bis Kali über eine ähnlich gefährliche Statistik stolpert und zum nächsten Genozid ausholt? Stattdessen bleibt Seegelke mild. Ja, Kali hat was Blödes getan. War nicht cool.
Gerade bei einer so extremen Phantasie, von dem ja auch immer wieder in den extremsten Echo Chambers der Woke und der Rechten gesprochen wird (Was wäre, wenn Bevölkerungsgruppe X komplett getilgt werden würde?), hätte ich einfach mehr gewollt. Auf erzählerischer Ebene hingegen fehlt mir einfach der Kampf gegen einen extrem grausamen, aber extrem potenten Gott. Die Politik beiseitegeschoben: Da wäre einfach noch viel möglich gewesen.



