Valerie J. Long schrieb am 18 Mai 2013 - 09:29:
Nachdem weiter oben bezweifelt wurde, dass ein Ingenieursstudium auch Bildung impliziert, reicht diese Antwort im Kontext des Fadens nicht mehr aus.
Exakt. Ausbildung und Bildung sind zwei völlig verschiedene Dinge.
Ist leider noch nicht bis zum Ausbildungs-, pardon, Bildungsministerium vorgedrungen.

In diesen Tagen - und damit meine ich durchaus die letzten dreißig, vierzig Jahre - hat ein Abitur herzlich wenig mit Bildung zu tun. Nur weil man das Bombardieren der Schüler mit Faktenwissen als "Kompetenzerwerb" labelt, heißt das nicht, daß
Bildung vermittelt wird. Und dank Bologna hat man dieses Vorbild ja auch recht gründlich im Universitätsbetrieb umgesetzt. Wenn man in diesem Zusammenhang von "Verschulung" spricht, meint man jedenfalls "Schule" nicht im Sinne einer
Bildungseinrichtung.
Ich möchte Mings "Kurzfassung" mit einem wunderschönen Zitat von John McDowell ergänzen:
(Aus
Mind And World)
Zitat
The point is clearly not restricted to ethics. Moulding ethical character, which includes imposing a specific shape on the practical intellect, is a particular case of a general phenomenon: initiation into conceptual capacities, which include responsiveness to other rational demands besides those of ethics. Such initiation is a normal part of what it is for a human being to come to maturity[.]
[...]
If we generalize the way that Aristotle conceives the moulding of ethical character, we arrive at the notion of having one's eyes opened to reasons at large by acquiring a second nature. I cannot think of a good short English expression for this, but it is what figures in German philosophy as Bildung.
Traurigerweise wird dies Aneignen der
second nature von den derzeitigen Schulstrukturen
mindestens nicht gefördert, tendentiell sogar
behindert.
Und das ist der Grund, warum Hochschulreife (Als ob!

) und die entspr. -abschlüsse ursächlich so wenig mit Bildung zu tun haben...
Womit ich natürlich nicht behaupten will, daß nicht immernoch ein Akademiker im Schnitt gebildeter ist, was immer das heißen mag.
Aber genauso ist es wahr, daß "materiell besserstehende" Haushalte im Schnitt eher Akademiker "produzieren".
Dann könnte man auch sagen, daß - im Durchschnitt - gebildet ist, wer Geld hat.
Und das mag
faktisch stimmen.
Faktisch stimmt es aber auch, daß auf der Welt mehr Schwarze als Weiße Aids haben.
Das bedeutet natürlich nicht, daß HI-Viren eine Präferenz für dunkle Hautfarbe hätten...
Alles, was ich sagen will...
Es mag stimmen, daß Abiturienten bzw. Akademiker einen Großteil der "gebildeten Schicht" ausmachen.
Aber ich halte es für grundfalsch, die schulische Ausbildung als Gradmesser oder gar Indikator für das Vorhandensein eines hohen Bildungsstands anzuführen.
(Genausowenig, wie es sinnvoll ist - deshalb obige Analogie - jemandem ein hohes Aids-Risiko aufgrund seiner Hautfarbe zu attestieren.)
Bearbeitet von Echophage, 18 Mai 2013 - 10:58.