Lesezirkel für die DSFP-nominierten Kurzgeschichten aus 2025
#91
Geschrieben 15 Juli 2026 - 13:46
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#92
Geschrieben 15 Juli 2026 - 14:20
Ich habe die anderen Texte darin nicht gelesen, welche sind gut?
Es sind ja nur vier. Mir gefiel gleich die erste vom Emma Braslavski am besten, für mich einer der besten SF-Texte der letzten Zeit. Bei Anja Kümmel bin ich Fanboy, da ist meine Meinung sehr subjektiv und die vierte Story war richtig schön schräg und abgefahren.
Deshalb vielleicht fand Echo so viele Fans, weil diese Geschichte im Vergleich die konservativste war. Meiner Meinung nach.
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#93
Geschrieben 15 Juli 2026 - 15:07
Ein Nachtrag wegen der CAPRICE: Frank hat inzwischen den Zeichenrahmen herausgegeben: Mindestens 2.000 Wörter, maximal 70.000 Anschläge. Für ein Magazin ist das relativ satt, würde ich sagen.
#94
Geschrieben 15 Juli 2026 - 15:30
Danke für die Rückmeldung, ich finde, dann wäre mehr drin gewesenEin Nachtrag wegen der CAPRICE: Frank hat inzwischen den Zeichenrahmen herausgegeben: Mindestens 2.000 Wörter, maximal 70.000 Anschläge. Für ein Magazin ist das relativ satt, würde ich sagen.
Es sind ja nur vier. Mir gefiel gleich die erste vom Emma Braslavski am besten, für mich einer der besten SF-Texte der letzten Zeit. Bei Anja Kümmel bin ich Fanboy, da ist meine Meinung sehr subjektiv und die vierte Story war richtig schön schräg und abgefahren.
Deshalb vielleicht fand Echo so viele Fans, weil diese Geschichte im Vergleich die konservativste war. Meiner Meinung nach.
Von dem ersten Text habe ich auch viel Gutes gehört
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#95
Geschrieben 15 Juli 2026 - 19:26
Total spannend, euer Austausch, vielen Dank dafür. Was ich verraten kann: Der Text ist Ergebnis ausgiebiger Recherche und Beschäftigung mit verschiedenen Themen aus den Bereichen Ethik, Erziehungswissenschaften und Psychologie. Ich könnte meine Recherchefragen näher erklären, aber ich möchte nicht, weil ich eure Lesarten genauso valide finde wie das, was ich mir dabei gedacht habe. Besonders spannend ist dabei für mich der Effekt, dass eine für mich beim Schreiben zentrale Frage in der Diskussion hier nicht vorkommt. Damit bin ich gar nicht unglücklich, ich mag eure Lesarten. Insofern:
Yvonne, du kannst mir gerne vorwerfen, den falschen Baum angebellt bzw. an der falschen Stelle kritisiert zu haben. Das macht eine Diskussion aus meiner Sicht reichhaltig. Aber bitte sieh davon ab, in männliche und weibliche Kritik zu trennen. Was hättest du gesagt, hätte jemand die Aussagen von Jol und dir zu meiner Geschichte als "weibliche Kritik" bezeichnet, zumal ihr beide wenig mit dem Technik- / Wissenschaftsfokus anfangen konntet? Du wärst vermutlich erbost gewesen. Zurecht.
Ich habe "Kinderladen" übrigens vor meiner initialen Kritik mit einer ehemaligen Kollegin und guten Freundin, einer Informatikerin, und meiner Schwester, einer Ingenieurin, besprochen. Beide, zwei Frauen, hatten exakt dieselben Punkte wie ich angebracht. Meine beiden Brüder, denen ich die Geschichte habe auch zukommen lassen, sagten tatsächlich das Gegenteil, von wegen, dass es keine Rolle spielen würde, ob die Kinder LLMs oder volle VIs / KIs wären und die Story einfach guter Lesestoff gewesen wäre.
Wie ich darauf gekommen bin, dass Jol Rosenberg von LLMs und nicht von bewusstseinsfähigen KIs erzählt hat, war schlicht Rods Art, mit ihnen umzugehen. Auf das Wesentliche heruntergebrochen lautete meine Argumentationskette so:
a) Die Kinder sind bewusstseinsfähige Intelligenzen und Rod weiß nicht, dass er sie mit im Endeffekt ermordet. Aber das passt einfach nicht zum Rest seines Charakters, der einfühlsam ist und Leid ersparen will.
b) Die Kinder sind bewusstseinsfähig und Rod weiß exakt, was er tut. Aber ein Soziopath zu sein, passt nur noch weniger zu ihm.
Oder c) Die Kinder sind nichts als Software, die exakt das tut, was sie tun soll – und kein Gefühl bzw. noch nicht einmal ein Konzept für ihre Existenz hat. Das macht Rods Verhalten plausibel und nachvollziehbar – und wiederum die Kinder zu reinen LLMs. Oder meinetwegen: reinen Maschinen, wenn man unbedingt vom Begriff der LLM distanzieren will.
Habe ich eine Variante übersehen?
Ja, hast du. Ich jedenfalls hatte eine andere. (Kann natürlich sein, dass die nur für mich Sinn ergibt.)
Was ist eine "ludonarrative Dissonanz"? Da bitte ich um eine Erklärung.
Spannend für mich auch: Mir scheint, dass wir alle die Texte vor der Brille unserer Fachgebiete bewerten. Du, Maximilian (ist diese Ansprache für dich okay? In deinem Nick fehlt das I ja, darum habe ich vorher Max geschrieben) schaust auf LLM und KI, andere auf Physik. Und ich rege mich immer mal auf, weil etwas psychologisch für mich keinen Sinn ergibt. Ich kann daher die Wissenschaft in einem deiner Texte nicht wissenschaftlich finden und du in einem meiner Texte. Was mir nur aufstößt ist, wenn Psychologie, Soziologie oder Erziehungswissenschaft als weniger Wissenschaft erscheint als Physik, Mathematik oder Informatik.
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#96
Geschrieben 15 Juli 2026 - 22:55
Wer diese Geschichte noch benötigt …
»Das letzte Mal« von Stephanie Lammers, erschienen in »c’t 02/2025«, ISSN 0724 8679
… kann sich bei mir per Mail (chris(at)christophgrimm.com) melden.
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#97
Geschrieben 16 Juli 2026 - 08:21
Danke!
Mein Kurzgeschichtenfavorit in den Klimazukünften war übrigens "Qajaq" von Burkhard Wetekam. Den Text fand ich so toll, dass ich ihn auch für den KLP nominiert habe. Und war damit, wenn ich mich richtig erinnere, allein. Der Text hallt immer noch in mir nach.
In "Ausreißende Sterne" begeistert mich die Sprache, wie immer bei Aiki, aber mir fehlt die Handlung. Und ich kann mich mit den Figuren kaum verbinden. Darum ist der bei mir nicht in den Top Drei.
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#98
Geschrieben 16 Juli 2026 - 09:04
Ausreißende Sterne hatte für mich diese typische Aiki-Stimmung, alles etwas psychedelisch und exotisch. Mag aber auch daran liegen, dass ich diese Geschichte mehrfach von Aiki vorgetragen gehört habe.
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#99
Geschrieben 16 Juli 2026 - 09:27
Daher sind Rosenberg und Post bei mir wahrscheinlich auch weiter oben
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#100
Geschrieben 19 Juli 2026 - 21:52
Wir waren hier
Bearbeitet von Stephan, 19 Juli 2026 - 22:02.
Mein Blog über Science Fiction: www.ostinspace.blog
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#101
Geschrieben 20 Juli 2026 - 01:47
@Stephan:
Das war für mich auch ein Problem. Sollten wir nicht irgendwelche Brunnen B-Stabilisationssatelliten in den Orbit schießen, wird hier in über einer Milliarde Jahre nicht mehr viel los sein. Zudem sollten eigentlich 200 Millionen Jahre mehr als ausreichen, um eine weitere Spezies ins Primatenstadium zu erheben. Aber ich wollte nicht der Kerl sein, der die Pointe kaputt argumentiert.
Wie dem auch sei, ich mache dann auch mal weiter:
Das letzte Mal
von Stephanie Lammers
Als ich um das Jahr 2000 zum ersten Mal „Neuromancer“ gelesen habe, war ich ehrlich gesagt alles andere als begeistert davon. Gegenüber „Snowcrash“ oder den meisten Cyberpunk- oder Shadowrun-Romanen der 1990er versagte das Debüt von William Gibson für mich schlicht auf struktureller Ebene, die ich damals irgendwo zwischen Amateurliteratur und erste Schreibversuche einordnete.
Als einzige Szene im ganzen Roman gefiel mir, als sich Protagonist Henry in die Deuteragonistin Molly einloggen und die Welt durch ihre Augen, Ohren und Nervenenden erleben durfte. Ich habe mich lange gefragt, warum niemand daraus mehr gemacht hat (und bin dann 2021 über „Anyone“ von Charles Soule gestolpert).
Stephanie Lammers jedenfalls, um jetzt mal den Bogen zu „Das letzte Mal“ zu ziehen, hat aus aufgezeichneten Sinneswahrnehmungen eine kleine, feine Kurzgeschichte gemacht – die allerdings seicht bleibt. Eine berühmte Köchin erzählt ihrem Publikum mit allen Sinnen, wie es ist, das letzte Rindfleisch der Welt zuzubereiten, so dass kommende Generationen den Wert natürlicher Nahrung zu schätzen wissen.
Und während diese Geschichte wirklich schön und handwerklich absolut einwandfrei geschrieben ist, bleiben beide Themen, um die sie sich dreht, relativ blass zurück. Das Fleisch wird rein mechanisch behandelt und die Erfahrung eher oberflächlich beschrieben.
Und bevor das jetzt kommt: Nein, Star-Köchin Kira hätte niemanden ermorden müssen, keinen Sex haben oder sich wie in „Cyberpunk 2077“ an ein Kreuz nageln lassen, um mein Gusto zu befriedigen. Für eine Geschichte über die Facetten der Sinne waren für mich nur einfach zu wenig Sinneswahrnehmungen darin. Der Gedanke, mich vollständig in eine andere Person versetzen zu können, ist faszinierend. Hier hätte die Autorin ruhig noch etwas mehr ins Detail gehen können.
Vielleicht konzentriere ich mich hier aber auf die völlig falsche Facette und sollte eher mit dem philosophischen Gedanken auseinandersetzen, dass Kira das allerletzte Rind der Welt zubereitet.
Living Nightlights
von Lisa-Viktoria Niederberger
Diese Geschichte war für mich ein schon seltsam-interessantes Auf-und-ab. Aber eines nach dem anderen:
In einem Brief erzählt die Protagonistin ihrem – vermissten oder toten? – Beziehungspartner von einer Welt nach einem eher sanften Kollaps. Oder so in der Art. Strom und Ressourcen sind rar und die Technologie irgendwo zischen Anfang des 20. oder 21. Jahrhunderts zurückgefallen.
Auf der einen Seite macht das Sinn. Ein technologischer Kollaps würde einige Errungenschaften belassen und nicht in ein festes Zeitalter zurückwerfen, sondern eher ein Passepartout der letzten 150 Jahre erschaffen – wie eben in „Living Nightlights“. Das hat beim Lesen ehrlich Spaß gemacht. Auf der anderen Seite wird das Technologielevel doch sehr der erzählerischen Notwendigkeit unterworfen: Man kann noch ein Internet wie Anfang der 2000er betreiben, hat aber kaum genug Strom für Glühbirnen? Man ist in der Lage, Solarzellen herzustellen, aber keine modernen Kraftwerke? Und woher kommen die Mikrochips? Oder sind das einfach nur die, die noch nicht ausgebrannt sind? Niederbergers Welt ist wenig konsistent und richtet sich mehr danach, was sich für die Atmosphäre gut anfühlt.
Und die funktioniert! Mit unglaublich schön gezeichneten Bildern wird der Leser durch eine freundliche, „Stardew Valley“-kuschelige Anti-Dystopie geführt, die sich eher warm und bewohnbar als endzeitlich anfühlt, auch sehr menschlich und auf freundliche Art erwachsen, so ambivalent das klingen mag.
Die Erzählung selbst ist einerseits profan, andererseits nervig, dann wieder schön, um langatmig zu sein und dann doch nirgendwo hinzugehen. Gedanken folgen auf World-Building folgen auf Bilder folgen auf Gedanken.
Und dieses eigenartige Hin-und-her machte „Living Nightlights“ – warum auch immer der Titel englisch sein muss – zu einem Text, der bei mir wirklich hängen blieb. Ich würde ihn definitiv in die obere Hälfte einordnen und könnte mir sogar vorstellen, dass er aufgrund seiner Kunstfertigkeit und farbenfrohen Kreativität am Ende den DSFP erhält. Ich weiß nur ehrlich nicht, ob ich gut oder schlecht fand. Erinnerungswürdig, beschreibt es wohl am besten.
Die Amazone
von Michael Pfrommer
Die Länge dieser Kurzgeschichte machte mir nichts aus. Vielmehr störte mich, wie lange Michael Pfrommers Werk auf der Rollbahn unterwegs war, bevor es dann endlich startete. Geschlagene zwölf Seiten geht man durch Gedankenspiele und Vorgeschichten der Charaktere. Das hätte gerne über den ganzen Text verteilt werden dürfen oder teilweise sogar der Interpretationsgabe der Leserschaft überlassen.
„Die Amazone“ jedenfalls spielt in einer nah-fernen Zukunft (ich glaube, dem 23. Jahrhundert – bin mir aber nicht mehr sicher): Epidemiewellen haben den Planeten heimgesucht und die Menschheit sogar auf genetischem Level attackiert. Coronamaßnahmen (die sogar direkt als das bezeichnet werden) gehören zum Alltag, ebenso pestilenzgleiche Sterbewellen. Als ein Ermittler während einer VIP-Rettung seine zuvor übermüdete Pilotin wecken will, bemerkt er, dass sie sich nicht bloß ausruht – und der Fall beginnt. Dieser nähert sich bald einer Gruppe an Frauen, die der Geschichte auch ihren Namen geben.
Leider hat mich die Story mit ausgesprochen gemischten Gefühlen zurückgelassen. Der Ermittler z.B. gefällt mir. Er ist hard-boiled, distanziert und effizient, wie ich diese Charaktere gerne habe. Das Setting ist interessant und glaubwürdig, die Ermittlung an sich macht Spaß, wird aber immer wieder durch immenses, ja fast tolkienhaftiges World-Building und Infodump ausgebremst. Glaubwürdig ist auch die Beziehungssituation dieser fiktiven Zukunft: Androiden haben die menschlichen Beziehungspartner weitestgehend ersetzt, was auch der genetischen Degradation durch die Virenwellen geschuldet ist. Beziehungen gehen oft nur diejenigen ein, die auch miteinander kompatibel sind. Andersherum stellt sich mir allerdings die Frage, wie es daher überhaupt noch so viele Menschen geben kann, wenn praktisch nur zwei von einhundert zusammenpassen (die Zahl ist jetzt sehr frei von mir interpretiert worden).
Was mir zuerst und zusätzlich aufstieß, war Corona. „Die Amazone“ liest sich des Öfteren wie eine Verarbeitung der Coronakrise – und das aus einem überspitzten Blickwinkel. Man möge mir hier bitte meine Lakonie verzeihen, aber so allmählich ist das Thema wirklich zu Tode erzählt und eher politisches Statement als Aufarbeitung geworden. „Die Amazone“ tut das glücklicherweise nicht. Aber es hätte der Geschichte immens gut getan und auch weit mehr Zeitlosigkeit verliehen, wenn sich Michael Pfrommer hier einen eigenen Namen ausgedacht hätte.
Um meine Kritik hier nachvollziehbar zu machen: Eine von Epidemien geplagte Welt ist ein schickes Setting. Bei sowas stellt sich mir sofort die Frage, ob diese geplant sind oder ob die überdominante menschliche Spezies nun doch vielleicht ihren Fressfeind gefunden hat, wenn auch aus dem einzelligen Bereich. Dass die Krankheitswellen schon gleich zu Beginn der Geschichte mit Covid in Verbindung gebracht werden, ließ mich befürchten, dass mir nun eine (weitere!) Geisterbahnfahrt durch die schillernden Verschwörungstheorien aus den rechten Echo Chambers bevorsteht.
Zum Ende muss ich hier in die Runde fragen: Hat diese (beinahe) Novelle keines? Ja, der Fall wurde einigermaßen gelöst (einschließlich dem guten alten Ermittlungsstopp von ganz oben), aber gleichzeitig wird eine bedeutend größere Verschwörung angedeutet. „Die Amazone“ habe ich mit dem Nachgeschmack verlassen, dass sie eher der erste Akt eines Romans ist – oder sein sollte.
Viele Worte, kurzes Fazit: Die Welt, die Charaktere, der Fall und wie er so allmählich gelöst wird, sind klasse. Die Infodumps hätten nicht sein müssen. Und bitte, nenn deine tödlichen Epidemien nicht Corona! Ich nenne mein böses, planetenumspannendes Imperium auch nicht AfD.
Ein kleiner Nitpick in die Science-fiction generell: Wieso müssen eigentlich Codes, Seriennummern oder andere Kennziffern immer zur Gänze ausgeschrieben werden? In Filmen und Spielen ist das nett. Sprich, wenn das HUD irgendein Flugobjekt erfasst und mit Daten und Zahlen beschreibt. In geschriebenen Geschichten hingegen reißen sie mich einfach nur aus dem Lesefluss.
#102
Geschrieben 20 Juli 2026 - 02:13
Du, Maximilian (ist diese Ansprache für dich okay? In deinem Nick fehlt das I ja, darum habe ich vorher Max geschrieben) schaust auf LLM und KI, andere auf Physik. Und ich rege mich immer mal auf, weil etwas psychologisch für mich keinen Sinn ergibt. Ich kann daher die Wissenschaft in einem deiner Texte nicht wissenschaftlich finden und du in einem meiner Texte. Was mir nur aufstößt ist, wenn Psychologie, Soziologie oder Erziehungswissenschaft als weniger Wissenschaft erscheint als Physik, Mathematik oder Informatik.
Grundlegend: Nenn mich Max, Mäx, Maxi, Maximilian – was immer dir am besten gefällt. Viele aus meinem realen Leben nennen mich Maximilian, aber das sind allesamt vergeistigte Akademiker oder langjährige Berufskünstler, denen es nicht möglich ist, einfach mal unkompliziert zu denken
Annika nennt mich immer Maxi-Taxi. Weil sie weiß, dass mich das seit 35 Jahren nervt.
Das "Maxmilian" war ein Rechtschreibfehler, der mir erst später aufgefallen ist. Ich habe mich damals für einen eher stark inaktiven Noname-Autoren gehalten, der nie auf einer Con sein wird, sowieso nur kurz in der Schreiberszene rumhängt und auch nur für eine Leserunde in dieses Forum sickert, also war ich zu faul, das ändern zu lassen.
Wer kann das hier?
Wegen der ludonarrativen Dissonanz: Das beschreibt im Endeffekt, dass sich Charaktere in Spitzen oder generell nicht so verhalten, wie sie im realen Leben sollten. Wobei man den Begriff keinesfalls inflationieren sollte: Natürlich agieren Charaktere durchaus unrealistisch. Sie stellen sich im Regelfall Feinden, Gefahren oder Faktoren, wie es kein normaler Mensch tun würde und sind ungeduldig wie kleine Kinder in der U-Bahn, weil die Handlung vorangehen muss. Aber wenn die 21-jährige Archäologiestudentin Lara Croft in der Neuauflage von 2016 mit lähmenden Gewissensbissen zu kämpfen hat, weil sie einen Mann in Notwehr töten musste, aber keine zehn Minuten später an die fünfzig, sechzig erschießt oder sich aus dem Unterholz mit dem Messer auf sie stürzt, dann wirkt das so, als hätte sie dieses Problem ein bisschen zu schnell verarbeitet ![]()
#103
Geschrieben 20 Juli 2026 - 05:49
@Max: Ich habe eben mal geschaut, der angezeigte Name ist so ziemlich das einzige, das ich nicht ändern kann. Wahrscheinlich bekäme das System dann wirklich Probleme der Zuordnung (womöglich sind hier direkt unsere Nicks die persistent identifier und nicht noch im Hintergrund mit einer Nummer o ä verknüpft)
Und wegen "Die Amazone": Ja, auch rostigs und auch meine Rezension bemängeln das "Ende". Es fühlt sich eher wie das Ende einer Pilotfolge an, die Hunger auf mehr machen soll und nicht wie das Ende einer Geschichte.
Dass ein Ende bei "Living Daylights" fehlt und es eher nur einen Abschlussgedanken gibt (den aber beispielsweise FranzH als Ende akzeptiert", habe ich bei meiner Rezension auch angemerkt (stehe dabei aber zumindest hier ein wenig einsam herum, zumindest bevor deine Rezension kam).
Ich finde es sehr einleuchtend, dass du die fehlenden Sinneswahrnehmungen bei "Das letzte Mal" bemängelst. Ich erinnere mich aber, dass die Zeichenbegrenzung bei der c't barbarisch streng sind. Trotzdem das hätte man im Austausch für etwas anderes schon noch unterbringen können, darum geht es ja letztendlich in der Story.
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#104
Geschrieben 20 Juli 2026 - 09:46
Ja, schade. Dachte ich mir schon. Aber ist auch nicht so wichtig. Wenn jemand meine Rezensionen mit "Maxmilian Wust" rezitieren will (was inzwischen mehrere getan haben), wirkt es wie ein angenehmer "slice of daily madness" ![]()
Aber lass mal kurz ein wenig über "Das letzte Mal" sprechen, denn das Thema ist (für mich jedenfalls) immens groß: Sagen wir, das wäre heute bzw. eines Tages möglich. Ich für meinen Teil würde mich extrem gerne mal in eine Frau einloggen. Einfach nur, um zu sehen, wie sich das tatsächlich anfühlt: Ist der Körpermittelpunkt wirklich etwas höher? Fühlt man sich leichter? Fühlt man sich verwundbarer? Riecht man alles intensiver oder sind es eher gewisse Gerüche, die man intensiver diskriminiert? Und als ein großer Fan von Labyrinthen: Stimmt es, dass man sich Räume weniger als Layouts merkt, sondern mehr anhand markanter Stellen? Wie steht es mit Aggressionen? In meinen vier mageren Semestern Psychologie wurde mir erklärt, dass Frauen Wut nicht so punktuell und auch nicht so allumfassend wie Männer wahrnehmen, sondern deutlich weniger hitzig aber dafür weit länger, zumal sie weniger dem Kampf und mehr dem sozialen Status dienen würde. Wahrscheinlich wurde diese Erkenntnis von 2007 längst überholt, aber dennoch etwas, das man eher erlebt als beschrieben bekommen haben will. Andersherum würde ich auch gerne mal sehen, wie Farbenblinde die Welt sehen (und nicht bloß, indem ich in irgendeinem Videospiel die Farbsettings ändere).
Ist diese Technologie vielleicht sogar auf Tiere übertragbar? In dem Fall würde ich unglaublich gerne die berühmten Geruchsstraßen eines Hundes wahrnehmen oder Uhrzeiten anhand des Geruchs bestimmen können wie Katzen. Oder einfach mal erleben, wie sich die Zoomies um 3 Uhr Nachts anfühlen, wenn man die ganze eigene Familie aus dem Schlaf rasen und miauen muss ![]()
Ich kritisiere hierbei "Ein letztes Mal" vielleicht stärker, als die Story verdient hat. Sie ist immer noch, und aus meiner Sicht SEHR verdient, in der DSFP-Shortlist. Handwerklich gibt es an der Story absolut nichts auszusetzen. Aber das Thema Sinnesübertragung ist halt so immens viel größer und intensiver als, na ja, ein Rindersteak. Und ja, mir ist bewusst, dass das natürlich auch dem Zeichenlimit der c't geschuldet ist.
Bearbeitet von Maxmilian Wust, 20 Juli 2026 - 10:01.
#105
Geschrieben 20 Juli 2026 - 10:04
(Wobei ich laut deiner Zusammenfassung offenbar Wut eher wie ein Mann empfinde)
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#106
Geschrieben 20 Juli 2026 - 10:17
Kurze Info: Die Umfangseinschränkung bei der c't ist so krass, dass du damit rechnen musst, dass dir ein paar Sätze gestrichen werden, wenn sie nicht mehr auf die Seite passen oder ein paar Füllwörter eingefügt werden, damit die Absätze netter umbrechen... da machste nix.
Bearbeitet von Uwe Post, 20 Juli 2026 - 10:18.
Herausgeber Future Fiction Magazine (deutsche Ausgabe) ||| Aktuelles Buch: KI - KOMISCHE INTELLIGENZ (mit Uwe Hermann) ||| edition-übermorgen.de ||| uwepost.de ||| deutsche-science-fiction.de
#107
Geschrieben 20 Juli 2026 - 11:18
Ja, die Erfahrung habe ich auch schon machen dürfen. Also, jedes Mal ![]()
Ja, das wäre spannend. Ich würde auch sehr sehr gern mal in einem Männer Körper umher gehen.
(Wobei ich laut deiner Zusammenfassung offenbar Wut eher wie ein Mann empfinde)
Ich denke, das ist Jols Fachgebiet. Kann them gerne Erleuchtung spenden oder drüber schmunzeln.
Es ging mir auch eher generell darum, dass das Thema "In einen anderen Körper schlüpfen" bzw. "Einen anderen Körper erfahren" derart intensiv ist, dass ich mir da einfach mehr gewünscht habe. Kennst du das nicht, wenn man ein Buch anfängt und sich denkt "Wow, was für eine tolle Prämisse!", nur um dann festzustellen, dass diese kaum noch behandelt oder aufgegriffen wird. Mir passiert das meist mit Influencern, wenn sie das Videos mit irgendeinen schönen Gedanken eröffnen ... nur, um sich dann für zwanzig Minuten ins Thema Asmongold und seine Kakerlaken zu verlieren ![]()
Bearbeitet von Maxmilian Wust, 20 Juli 2026 - 11:25.
#108
Geschrieben 20 Juli 2026 - 12:07
Ja, die Erfahrung habe ich auch schon machen dürfen. Also, jedes Mal
Ich denke, das ist Jols Fachgebiet. Kann them gerne Erleuchtung spenden oder drüber schmunzeln.
Es ging mir auch eher generell darum, dass das Thema "In einen anderen Körper schlüpfen" bzw. "Einen anderen Körper erfahren" derart intensiv ist, dass ich mir da einfach mehr gewünscht habe. Kennst du das nicht, wenn man ein Buch anfängt und sich denkt "Wow, was für eine tolle Prämisse!", nur um dann festzustellen, dass diese kaum noch behandelt oder aufgegriffen wird. Mir passiert das meist mit Influencern, wenn sie das Videos mit irgendeinen schönen Gedanken eröffnen ... nur, um sich dann für zwanzig Minuten ins Thema Asmongold und seine Kakerlaken zu verlieren
passiert mir absolut
Diesbezüglich erinnere ich mich dunkel, dass Hologrammatica das sehr gut gemacht hat (in anderen Körpern bewegen).
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#109
Geschrieben 20 Juli 2026 - 12:31
Okay, ich bin endlich wieder aus dem Urlaub zurück (grins), und kann Uwes Geschichte lesen.
Blumen für Lisa-9 von Uwe Post
Ich finde, dass schon im ersten Absatz Spannung aufgebaut wird mit dem Satz
Sie hörte gar nicht mehr auf zu schaufeln.
Und das ist wirklich etwas, das ich in Prosa (vor allem in unserer SF Kurzprosa) bitte gern mehr lesen will: Subtil, aber zielsicher Spannung aufbauen, indem ich mich frage: What? Warum?
In einer Kurzgeschichte darf ich davon ausgehen, dass jedes Wort wichtig ist und hier wird schon ein Konflikt angedeutet, etwas heimliches, das Timo ggf. nicht versteht.
Abgesehen davon, dass die Schwester nun die kleine Schwester ist und früher die große war, was wir SF-Fans vermutlich etwas gelassener hinnehmen als der herkömmliche Vanille-Lesende.
In dem Dialog mit Timo kommt mir ein bisschen zu viel Erklärbar von Lisa zu ihm, aber offenbar muss das so. Er kann das ja alles nicht wissen. Insofern eignet sich diese Kurzgeschichte wohl auch für SF-Anfänger*innen, man muss also nicht SF-vorgeschädigt sein :-).
Mal hier mal da könnte der Autor was weglassen, wie beispielsweise, dass kein Teller vor Lisa steht. Ich will nicht alles erklärt bekommen.
Witzig hingegen finde ich es, als die Mutter aus Versehen fast "euer Vater" gesagt hätte, weil die Kids jetzt in der Mehrzahl sind, sich aber korrigiert.
Schön ist der hintergründige Weltenbau (Stichwort Tauschbörse, offenbar gibt es keine Kleidungsgeschäfte mehr oder man geht aus irgendeinem Grund nicht hin, das meine ich, ich will's gar nicht erklärt kriegen, ich will mich selbst fragen).
Schon früh in der Geschichte gibt es Nacktheitsmomente und Berührungsmomente, die sich irgendwie anders anfühlen, als welche unter Geschwistern. (Ich habe zwei Kinder ungefähr in dem Alter und die sind anders und machen bestimmte Dinge einfach nicht.) Das erzeugt auch ein gewisses Unbehagen, sehr gekonnt!
Schön finde ich auch, dass die Mama Lisa auch irgendwie beschützt, beispielsweise als die Rektorin der Schule sie mal in die Klasse einladen will ("Zum Begaffen?", fragt die Mutter).
Auch schön, offenbar kann Lisa-9 Jungs verkloppen (Szene, als sie ihn von der Schule abholt).
Timos Beschützerinstinkt ihr gegenüber, als sie sich den Zeh bricht, hat mir auch sehr gefallen. Die Story hat viel Ambivalenz.
Auch der Ausschluss von Lisa-9 seitens der anderen Dorfkindern (und via Sippenhaft auch Timos Ausschluss) fühlt sich leider sehr realistisch an.
Am Ende bleibt sehr, sehr viel Ambivalenz. Was hat der Vater jetzt getan und was nicht? Er hatte also eine Geliebte? Hat aber auch was mit Lisa gemacht? Ich frage mich auch: Würden wir das alle machen? Klar, ich als 48jährige, lebenserfahrene Frau wohl nicht, aber wenn ich mir vorstellte, ich wäre 14 und voller Hormone? Aber Lisa hat ja den Körper einer neunjährigen, nicht den einer Vierzehnjährigen.
Und sie IST kein Mensch. Es schadet ihr nicht.
Ich glaube aber, dass es den Tätern schadet. Am Ende sind der Vater und auch Timo mit sich nicht im Reinen. Sie sind Täter, aber zugleich Opfer. Lisa-9 kann kein Opfer sein (genausowenig wie eine Gummipuppe dies könnte). Aber anders als eine Gummipuppe wirkt sie zu echt, zu sehr bei Bewusstsein, auch wenn es nur eine Programmierung ist.
Beim zweiten Mal hat mir die Story also eine andere Geschichte erzählt als beim ersten Mal. Beim ersten Mal war es eher die "die haben doch nicht?"-Gedanken. Jetzt aber ist es eher der Gedanke "Wem wurde hier eigentlich weh getan?". Und am Ende sind es doch Timo und sein Vater (und die Mutter, als quasi Beisitzerin?), die hier leiden, denen weh getan wurde.
Es ist nicht richtig, weil es sich eben nicht richtig anfühlt für Timo und seinen Vater.
Interessant wäre es, mal weitergedacht, wenn man jemanden finden würde, der mit einem künstlichen Menschen, so lebensecht wie Lisa-9, etwas machen würde und sich dabei nicht schlecht fühlte. Gäbe es dann kein Opfer?
Ich weiß auch nicht, ob ich mit meiner heutigen Lesart etwas neben der Spur bin, die Kurzgeschichte ist jedenfalls bemerkenswert gut.
Eben habe ich meine alte Rezension noch mal herausgesucht. Seltsam, dass mir da widersprochen wurde, dass man da schon viel hineinlesen müsste, um dort Pädophilie zu finden. Damals habe ich danach geschwiegen, aber hier sehe ich doch, dass die meisten das auch herauslesen?
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#110
Geschrieben 20 Juli 2026 - 12:57
Eben habe ich meine alte Rezension noch mal herausgesucht. Seltsam, dass mir da widersprochen wurde, dass man da schon viel hineinlesen müsste, um dort Pädophilie zu finden. Damals habe ich danach geschwiegen, aber hier sehe ich doch, dass die meisten das auch herauslesen?
Finde ich gar nicht seltsam, da die Geschichte ja in diesem speziellen Aspekt so polarisiert, dass hier je nach ganz individueller Perspektive die einen gar nix sehen und die anderen es für das dominierende Thema halten.
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#111
Geschrieben 20 Juli 2026 - 13:10
Okay, dann hier mein Ranking.
Im Gegensatz zu letztem Jahr ranke ich "bis unten durch", einfach weil ich diesmal finde. Alle Storys sind richtig gut. Wären die alle in einer Magazinausgabe oder einer Anthologie erschienen, wir würden noch jahrelang drüber reden und die Ausgabe als Positivbeispiel dafür nehmen, dass man auch durchweg gute Storys publizieren kann.
- »Kinderladen« von Jol Rosenberg
- »Blumen für Lisa–9« von Uwe Post
- »Ausreißende Sterne« von Aiki Mira
- »Sabotage« von Patricia Eckermann
- »Echo« von Luc François
- »Metanoq« von Maximilian Wust
- »Die Amazone« von Michael Pfrommer
- »Living Nightlights« von Lisa–Viktoria Niederberger
- »Das letzte Mal« von Stephanie Lammers
- »Wir waren hier« von Ralph–Alexander Neumüller
- »Notizen eines Sonderlings« von Jan Gardemann
»Kinderladen« von Jol Rosenberg
Ohne Frage Jols bestes Werk bisher. Da kann noch einiges kommen, sehr sehr cool! Richtig gute Kurzgeschichte, lebensbejahend, erfrischend, gut entwickelt, tolle Charaktere. Liest sich auch mehrmals einfach toll!
»Blumen für Lisa–9« von Uwe Post
Definitiv der Sonderling unter der Shortlist, aber auch diese Story ist lesenswert. Ich hätte mir mehr gewünscht, siehe Rezension, und muss hier vieles einfach so hinnehmen, kann aber nicht behaupten, dass ich nicht unterhalten gewesen wäre.
Insgesamt eine starke Shortlist! Ich gebe gern zu, dass ich ein paar andere Storys durchaus noch weiter vorn gesehen hätte wie Smarte Tränen oder Briefe an die DNA, aber vielleicht wurden die von zu wenigen Leuten rechtzeitig gelesen. However, jedenfalls, danke für die viele Arbeit an die Jury und ich bin gespannt, wer bei euch das Rennen macht!
Ehemals rezensionsnerdista.de findet sich nun bei https://yvonnetunnat...free.com/blog/
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#112
Geschrieben 20 Juli 2026 - 15:54
Stefanie Lammers: Das letzte Mal
Für mich ergab sich sprachlich nicht so ein guter Lesefluss. Die Figur, aus deren Sicht da erzählt wird, bleibt wenig greifbar. Gelungen finde ich den Weltenbau und auch, wie sich erst am Ende offenbart, was da passiert. Das hallt noch nach. Insgesamt ist mir der Text aber zu wenig sinnlich und ich hätte gern wenigstens im Ansatz verstanden, wofür die Hauptfigur eigentlich berühmt ist.
Jetzt lese ich, dass ihr meint, die Hauptfigur schlüpfe in andere Körper. Oder andere schlüpfen in ihren Körper. Das ist interessant, weil ich das nicht so interpretiert habe. Ich interpretierte eine fiktive Technik, mit der mehr als nur Bild und Ton übermittelt wird. Aber keinen Körptertausch.
Trotzdem: gute Geschichte, finde ich. Aber nicht unter meinen Top 3.
Ansonsten: In Uwes Story geht es für mich sehr klar um Pädokriminalität. Die Frage, wer da eigentlich leidet, finde ich eine sehr spannende. Meines Erachtens hängt sie sehr stark mit der Frage zusammen, ob Lisa-9 Leidensfähigkeit zugeschrieben wird oder nicht. Das bleibt für mich im Text offen.
Bei meinen 3 c't-Geschichten fand ich nicht, dass irgendwie krass gekürzt wurde oder so.
Und "Wut wie ein Mann fühlen"? Ich würde sagen, die Art, wie Emotionen verarbeitet, wahrgenommen und ausgedrückt werden, ist von individuellen, kulturellen und situativen Faktoren abhängig. Dazu gehört auch der eigene Körper, die eigene geschlechtliche Sozialisation und die unter anderem vom zugeschriebenen Geschlecht abhängigen Erwartungen des Gegenübers. Trotz des großen Einflusses von (zugeschriebenem und sozialisiertem) Geschlecht und körperlichen Unterschieden würde ich davon ausgehen, dass die interindividuellen Unterschiede größer sind als die zwischen Männern und Frauen. Ich würde also sagen, dass es sowas
In meinen vier mageren Semestern Psychologie wurde mir erklärt, dass Frauen Wut nicht so punktuell und auch nicht so allumfassend wie Männer wahrnehmen, sondern deutlich weniger hitzig aber dafür weit länger, zumal sie weniger dem Kampf und mehr dem sozialen Status dienen würde. Wahrscheinlich wurde diese Erkenntnis von 2007 längst überholt, aber dennoch etwas, das man eher erlebt als beschrieben bekommen haben will.
nicht haltbar ist. Es vermischt ja auch körperliche Korrelate und sozialisationsbedingte Emotionsregulation.
Aber: Es ist ohnehin echt schwierig, Emotionen oder Affekte zu messen. Oder ihnen auch nur klare körperliche Korrelate zuzuschreiben. Das ist ähnlich wie bei Schmerz: wir sind sehr darauf angewiesen, was Leute berichten. Und sie können aber eben nur berichten, was sie gelernt haben wahrzunehmen.
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#113
Geschrieben 20 Juli 2026 - 17:12
Aber: Es ist ohnehin echt schwierig, Emotionen oder Affekte zu messen. Oder ihnen auch nur klare körperliche Korrelate zuzuschreiben. Das ist ähnlich wie bei Schmerz: wir sind sehr darauf angewiesen, was Leute berichten. Und sie können aber eben nur berichten, was sie gelernt haben wahrzunehmen.
Ist das nicht etwas hart? Ich glaube, Menschen können durchaus gewaltige Spektren an Emotionen empfinden und erklären, auch wenn sie keine Worte dafür haben. Bestes Beispiel wäre für mich der Uncanny Valley: Die Talos- und Androiden-Mythen der antiken Griechen oder die Totenmasken der Römer werden ja von manchen bereits als erste Auseinandersetzung mit dem Thema gesehen. Auch im Mittelalter sprach man bspw. von der Mönchskrankheit und umschrieb mit vielen Worten, was heute jeder sofort mit Autismus oder ADHS assoziiert. Ich denke, wir sind heute einfach nur feiner darauf abgestimmt, diese Dinge zu erkennen. Aber bereits damals hat man es versucht.
Oder Moment, das eigentlich beste Beispiel dafür wäre eher Hildegard von Bingen und ihre Aufzeichnung des weiblichen Orgasmus. Irgendwie schade, dass man erst im 11. Jahrhundert auf dieses verrückte Konzept gekommen ist. (Das war ein Scherz! Ich weiß, dass bereits Aristoteles den Orgasmus der Frau beschrieben hat. Aber Hildegard von Bingen hat wenigstens viel für "post-antike Aufklärung" getan.)
#114
Geschrieben 20 Juli 2026 - 17:26
Mein Gefühl ist, wir schreiben aneinander vorbei. Ich habe zum Beispiel gar keine Idee, was du mit "erklären, auch wenn sie keine Worte dafür haben" meinen könntest. Wenn da statt "erklären", "ausdrücken" oder sowas stünde, hätte ich eine Idee. Aber "Erklären" ist für mich an Sprache gebunden. Ohne Sprache habe ich gar kein Konzept von Erklärung.
Und was das mit Uncanny Valley zu tun hat, verstehe ich gar nicht. Oder mit welchem Thema sich die Androiden-Mythen (die ich gar nicht kenne) wohl auseinander gesetzt haben. Da hast du mich meilenweit abgehängt.
Meine Vermutung ist, dass du meine Aussage irgendwie missverstanden hast. Jedenfalls finde ich sie gar nicht hart und verstehe nicht mal, was daran hart sein könnte. Ich wollte jedenfalls nicht behaupten, dass Menschen in der Vergangenheit oder in anderen Kulturen oder so keine Sprache für ihr emotionales Empfinden haben oder hatten. Das liegt mir sehr fern.
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#115
Geschrieben 20 Juli 2026 - 17:59
Ah, da haben wir wirklich aneinander vorbeigesprochen. Wir scheinen da dieselbe Meinung zu haben.
Wie dem auch sei:
- »Kinderladen« von Jol Rosenberg
- »Blumen für Lisa–9« von Uwe Post
Ja, das entspricht ziemlich exakt auch meiner Ansicht, wobei ich noch am Hadern bin, wer von beiden sozusagen diesen einen finalen Punkt hat, den er oder they vom ersten Platz trennt. Beide Geschichten sind exzellent geschrieben, sehr gut strukturiert und hinterfragen bösartig tiefgründig die menschliche Moral, wie es guter Science-fiction sollte. Bei "Kinderladen" fehlte mir ein wenig der technische Background, bei "Blumen für Lisa-9" war mir der Zeitsprung zu abrupt, aber das ist nun wirklich Jammern auf hohem Niveau.
Außerdem mangelte es bei beidem zu sehr an Beschreibungen von Umgebung und Personen, als dass man sie gut zeichnen könnte (diesen Satz schreibe ich nur, um jemanden, der hier mit Sicherheit mitliest, zum Schmunzeln zu bringen).
Ich bin jetzt ehrlich auf die finale Platzierung gespannt. "Living Nightlights" scheine ich überschätzt zu haben, aber das macht sie ja nicht zu einer per se schlechten Geschichte.
Bearbeitet von Maxmilian Wust, 20 Juli 2026 - 18:05.
#116
Geschrieben 20 Juli 2026 - 18:53
Ich glaube, bei "Living Nightlights" geht es eher um verschiedene Vorlieben. Ich finde, das ist eine wirklich gute Slice of Live. Auch eine hohe Kunst.
Ach und danke noch für die Erklärung der ludonarrativen Dissonanz. Wieder was gelernt!
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#117
Geschrieben 20 Juli 2026 - 18:59
Ich glaube, bei "Living Nightlights" geht es eher um verschiedene Vorlieben. Ich finde, das ist eine wirklich gute Slice of Live. Auch eine hohe Kunst.
Exakt das meinte ich auch. Wie die "Sternennacht" von van Gogh, nur halt in Buchstaben gebannt. So etwas Ruhiges, Warmes in sanfter Umarmung mit dem Betrachter. Ja, ja, meine Kunstgeschichte-Dozentin wäre jetzt stolz auf mich ![]()
#118
Geschrieben Gestern, 07:33
Nach der ganzen Lobhudelei für Jols Geschichte hab ich mir "Kinderladen" durchgelesen und kann they wirklich nur beglückwünschen.
Ein sehr feine Idee und eine angenehm lesebare Story.
Einzig ...
Doch das ist das berühmte Jammern auf hohem Niveau.
![]()
† In memoriam Michael Szameit / Christian Weis / Alfred Kruse / Rico Gehrke
#119
Geschrieben Gestern, 09:23
Und gleich noch meine paar Cent zu "Metanoq" von Maximalian Wust.
Da hat aber jemand seine Hausaufgaben gemacht ... nur sind es zuviele. Die Multiwesen-Besatzung trifft auf die Multi-Ideen-BEK und mäandert in mindestens 6 Dimensionen durch die Geschichte.
Da sind wirklich soviele Ideen drin, dass es für 3 oder noch mehr Storys genügt hätte, aber in diese KG ist es vor allen Dingen ... zuviel.
Und das ist schade. Unendlich schade.
Ich hab es zu Beginn gerne gelesen, weil ich Maximilians Texte mag, dann fragte ich mich, wo es hingeht, irgendwann, wann es zum Ende kommt und dann ging es immer noch weiter ... und weiter ... und weiter.
Und - nicht missverstehen - es war nie langweilig, aber es war so überladen, wie das Bedürfnis des Kronos, ein lernender Schlund zu sein.
Was für eine Wundertüte.
† In memoriam Michael Szameit / Christian Weis / Alfred Kruse / Rico Gehrke
#120
Geschrieben Gestern, 10:54
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