⊛⊛⊛ Der soziokulturelle Komplex ⊛⊛⊛
Ein Gedicht, das seinerzeit gefeiert wurde. Seinerzeit, das war vor fünf Jahren. Ein Poem, das von Heilung und Hoffnung handelte, einen Neuaufbruch versprach: "The Hill We Climb" von Amanda Gorman war das Inaugurationsgedicht zur Amtseinführung des US-Präsidenten Joe Biden. Eine gereimte Regierungserklärung zum Teil. Heute, im Jahr 2026, wissen wir: Die Hoffnung und Heilung war nur befristet. Ein Moment des Aufatmens und der Leichtigkeit, die Feier einer künftigen Zeit, die nicht von von Dauer war.
Amanda Gorman, Jahrgang 1998, die jüngste Inaugurations-Poetin, mit der jemals ein US-Präsident sein Amt angetreten hat, Nachfahrin von Sklaven, 2017 erste National Youth Poet Laureate der USA, beschreibt sich selbst als "skinny Black girl" (Groß- und Kleinschreibung von der Poetin), als kleines, dürres schwarzes Mädchen, das in diesem Land doch eine Hoffnung darauf hat, die Präsidentschaft zu erringen. Sie tritt ans Rednerpult noch unter dem Eindruck der Bilder vom Sturm auf das Kapitol, bewusst, in einem zerrissenen Staat zu leben, dessen Bürger zutiefst verunsichert sind, in dem Angehörige verschiedener Parteien einander unversöhnlich gegenüberstehen. Ein Amerika, in dem ein neuer Tag anbricht - doch was wird er bringen? Sie schreibt:
"Ein neuer Tag, und wir fragen uns,
wo wir Licht finden sollen
im nicht enden wollenden Schatten.
Unsere Verluste fassen, ein Meer durchmessen.
Wir haben tief in den Abgrund geblickt.
Wir haben gesehen, dass Ruhe nicht immer gleich Friede ist,
unsere Anschauung und Auslegung dessen,
was scheinbar recht ist, nicht immer gerecht."
Die letzte Zeile dieses Zitats enthält eine der interessantesten Formulierungen des Gedichts, ein Satz, der sich in der deutschen Übersetzung nur schwer fassen lässt: " And the norms and notions of what 'just ist' isn't always justice." Heute, im zweiten Regierungsjahr Donald Trumps, wurde das Wortspiel "justice - just ICE" geläufiger.
Gorman spricht von einer Nation, die durch die finsterste Nacht gegangen ist, einer "Nation, die nicht zerbrochen ist, / nur unvollendet", die gelitten hat, doch nun wieder das Licht erblickt: "Unversehens gehört uns der Morgen", sagt die Dichterin. Sie beschwört das amerikanische Erbe, die gemeinsame Geschichte, die Gemeinsamkeiten überhaupt. So ruft sie zu einer (neuen) großen Einheit auf:
"Ein Land für Menschen aller Art,
jeder Kultur und Lage, jeden Schlags.
Und so lenken wir den Blick nicht auf das,
was zwischen uns steht,
sondern auf das, was vor uns liegt.
Wir schließen die Gräben,
weil wir begreifen:
Soll an erster Stelle die Zukunft stehen,
müssen wir erst
von unseren Differenzen absehen."
Es sind nationale Mythen, aber vor allem auch biblische Motive, die Gorman herbeizitiert, Bilder aus der Heiligen Schrift, die den religiösen Amerikanern vermutlich präsenter sind als den Deutschen. Sie spricht vom Weinstock und vom Feigenbaum, spielt an die Gefangenschaft und Verzweiflung des Propheten Jona im Bauch des Walfischs an, schon der Titel ihres Gedichts, das Ersteigen des Hügels, hat biblische Anklänge. Die amerikanischen Zuhörer werden auch die Zitate und Anspielungen auf Reden von Martin Luther King oder Barack Obama wiedererkannt haben.
Auferstehung aus Tod und Nacht, eine Metaphorik, die stark mit der Gegenüberstellung von Licht und Schatten arbeitet, und immer wieder der Aufruf zur Einheit auf dem gemeinsamen Weg in die Zukunft, das alles macht den Zauber und die Kraft dieser Rede aus, deren Wirkung auf die zeitgenössischen Zuhörer eine ungeheuerliche war. Was daraus wurde, ist Geschichte. Die beschworene lichte Zukunft dauerte lediglich eine einzige präsidiale Amtsperiode.
Und ist das Gedicht nun gut? Die Beantwortung dieser Frage erfordert einigen Mut. Es bedarf dazu der Tapferkeit vor dem Freund. Denn die Antwort darauf lautet: Nein.
Das Gedicht bezieht seine Wirkung aus seiner unbestreitbaren historischen Bedeutung. Handwerklich hingegen ist es nicht unbedingt herausragend. Manches reimt sich, manches nicht. Manche Reime sind rein, manche nur Assonanzen. Manches hat ein traditionelles Metrum, manchmal sind es unrhythmische Prosazeilen, getrennt durch Absätze. Eine einheitliche Zeilenlänge scheint gar nicht erst angestrebt worden zu sein. Ein paar schöne Wortspiele und Metaphern, aber manches mutet gar nicht an wie ein Gedicht, sondern wie ein Schüleraufsatz.
In seiner Aufmachung kommt das Ganze durchaus ein wenig überbewertet daher. Der Klappentext preist das Poem an als "das berühmteste Gedicht der Welt". Klingt, als ob die Leute beim Verlag Hoffmann und Campe noch nie etwas von Typen namens Homer oder Goethe gehört haben. Ersthaft - braucht es drei Übersetzer für diese rund 100 Verse? Es ist nicht die Septuaginta. 100 Zeilen, verteilt auf 20 Buchseiten, wobei auf einer Seite oft nur drei bis vier Verse stehen, das ist mehr als großzügig layoutet, böse Zungen würden von Zeilenschinderei sprechen. Aber man muss ja das Buch vollkriegen. Mit 20 Seiten englischem und 20 Seiten deutschem Text, Vorwort von Oprah Winfrey, also einem echten Schwergewicht, mit einem Kommentarteil und Biografien der Dichterin sowie der drei Übersetzerinnen kam der Verlag auf 63 Seiten, für die der Leser 12 Euro hinblättern darf. Man soll bei Lyrik ja nicht auf den Pfennig schauen, aber das ist schon ein interessantes Preis-Leistungs-Verhältnis.
Die Übertragung ins Deutsche ist größtenteils redlich. Sie gibt, wenn auch nicht die Schönheit, so doch den Inhalt des Gedichts wieder. Aber hinter die Übersetzung "Bürger*innen Amerikas" für das englische "Americans" kann man durchaus ein Fragezeichen setzen. Und wenn die Dichterin über ein kleines, dünnes Schwarzes Mädchen" spricht, das "Descended vom slaves" ist, muss man (also in diesem Fall: frau) das unbedingt übersetzen mit "Nachfahrin von Sklavinnen"? Es ist vermutlich müßig, über das Gendern in Gedichten zu sprechen. Aber schön hört sich das nicht an. Und im Original steht auch nicht, dass nur ihre weiblichen Vorfahren unfrei waren. Das ist keine Übersetzung, sondern die Übersetzerinnen legen der Autorin hier Dinge in den Mund, die sie nicht gesagt hat.
Immerhin: Original und Übersetzung sind für den Leser gut vergleichbar, und durch das übersichtliche Layout gibt es auch keine Probleme, die Zeilen einander zuzuordnen und selbst zu beurteilen, wie gut oder wie schlecht eine Formulierung getroffen ist. Übersetzen heißt auch, Entscheidungen zu treffen.
Sehr gut gelungen und hilfreich ist auf jeden Fall der Kommentarteil, gerade für kryptische Zitate und Anspielungen, die dem deutschen Leser nicht so geläufig sind.
Ansonsten kann man auf jeden Fall Oprah Winfrey Recht geben, die im Vorwort von den raren Momenten besonderer Strahlkraft spricht, von den "Kadenzen der Klugheit", dem "Inbild sanfter Anmut" und von Worten, die "Balsam für unsere Seelen" waren. Nicht unbedingt ein literarisches Meisterwerk für die Ewigkeit. Aber ein historisches Zeugnis und gute Worte für einen Moment, in dem Amerika sich wiederfand und sich bereit machte für den Weg zurück ins Licht. Ein Licht, das sich leider inzwischen wieder verfinstert hat.
Fazit: Ein bedeutendes, ein wichtiges Gedicht. Handwerklich und literarisch nicht unbedingt großartig, aber ein berührendes Zeugnis eines historischen Moments, eines Augenblicks der Hoffnung, die leider nicht zur dauerhaften Zukunft führte. Ein Gedicht, das sich fünf Jahre nach dem ersten Vortrag in ein sehr trauriges Denkmal einer nicht erfolgten Heilung verwandelt hat. Nachdenkenswert.
Amanda Gorman: The Hill We Climb. Den Hügel hinauf. An inaugural Poem for the Country. Ein Inaugurationsgedicht für das Land. Zweisprachige Ausgabe. Mit einem Vorwort von Oprah Winfrey. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt und kommentiert von Uda Strätling, Hadija Haruna-Oelker und Kübra Gümüsay. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2021. 63 S., Euro 12.
© Petra Hartmann
Wie jedes Jahr war ich gespannt auf die aktuell stattfindenden ZKFT. Kulturelle Höhepunkte laden zum Verweilen ein, Lesungen, Workshops, Krimicomedy und vieles mehr.
Besonders freute ich mich über die Möglichkeit, neben der Personalausstellung von Gerlach Bente, wieder mit vielen anderen Künstlern im Museum Bilder zeigen zu können.
Mir gefällt das Ambiente. Voller Ehrfurcht bewunderte ich, wie beim letzten Mal, die herrlich alten Kreuzgänge des ehemaligen Franziskanerklosters.
Die Werke wurden von der Kuratorin angenommen und passend präsentiert.
Natürlich war die Vernissage gut besucht. Reden wurden gehalten, bemerkenswerte Gesangseinlagen mit musikalischer Begleitung gehörten dazu.
Beim Schlendern durch die Gänge fand ich die Bilder einer Künstlerin aus Jever. Ihre Arbeiten fielen mir schon mehrmals auf. Ich hatte das Glück, die Malerin Monika Reuss selbst in dem alten Gemäuer zu treffen und konnte ein wenig mit ihr plaudern. Das war eine wichtige und schöne Erfahrung für mich.
Die ZKFT geht bis zum 15. März 2026.
Ein Hinweis: In der Zerbster Stadthalle findet am 18.3.2026 um 19.00 Uhr eine Bonus-Veranstaltung statt. Arno Strobel liest aus seinem neuen Buch Ungelöst - Die erste Zeugin. Das würde mich auch interessieren.
2026 beginnt mit ...
Lars Dangel (Hg.): „Die Blumen der Mumie Neith“
Die Sammlung enthält zumeist kurze SF- und Phantastik-Stories von vor 1945. Einige sind bereits in anderen Ausgaben neu erschienen, andere hier nach vielen Jahrzehnten das erste Mal. Bis auf eine waren mir alle neu. Die Anthologie enthält folgende Erzählungen:
Felix Dörmann - Das Elixier des Lebens: Ein griechischer Antiquitätenhändler kümmert sich rührend um einen altägyptischen Vampir.
Walter Küster - Der Andere: Ein Kommissar wird durch – ja, durch wen eigentlich? – ermordet. Im Raum war jedenfalls nur ein Spiegel.
Frigyes Karinthy – Röntgenland: Oha, ein bekannter Name! Ein Klassiker der ungarischen SF. Die Story gehört in den Reigen kurzer SF-Ideen-Stories des Bandes. Andere sind eher Grusel-Geschichten, mit metaphysischem, übersinnlichem Hintergrund. Hier geht es um die ästhetischen Folgen von allgemein verfügbarer Röntgentechnik im Alltag.
Josef Klemens Kreibig - Die Todtenfliege: Nach dem Lesen fiel mir das Sprichwort von den Liedern, die man singen soll, ein, wenn man möchte, dass man sich nur mit guten Leuten umgibt. Hier wird gezeigt, dass Musik auch richtig böse sein kann. Ansonsten ist das Bio-SF.
Anton Siebenstein - Der Zeit-Überwinder: Frühe SF-Ideen-Story über den Wirrwarr, den man mit Zeitreisen anstellen kann. Überraschend frisch!
Mihály Babits - Das fliegende Dorf: Eine Flüchtlingsstory. Interessant, dass diese Problematik damals schon reflektiert wurde. So richtig nachvollziehen konnte ich die Story nicht – von dem Dorf, dass den Migranten folgt.
William Livingston Alden – Wagenerium: SF-Story über den Entdecker radioaktiver Elemente. Der Umgang mit dem Material mutet heute natürlich komplett falsch an. Damals war die Radioaktivität noch nicht so schlimm…
Pierre Mille - Der den Tieren gebietet: Über jemanden, der mit den Tieren spricht – und dies für einen Racheakt ausnutzt.
Jakob Michael - Die Idee des Doktor Livius: Richtig tolle, stimmungsvolle Mumien-Story; könnte ein Exposé für einen Hammer-Film sein!
Edith Heralth - Die Flucht von der Erde: Ziemlich verrückter Garn, scheint eine Kolportagestory über die Flucht einer Kriminellen ins All, zum Mond, zu sein, aber … es gibt ein seltsames Ende.
Robert Hugh Benson - Der alte Beichtstuhl
Die Geschichte fand ich nicht so toll. Halt über eine Kirchenlegende.
Ferenc Herczeg - Baron Rebus
Den Autor hatte ich ja schon mal kennen lernen dürfen. Auch dank eines Buches von Lars Dangel. Die Story kannte ich daher schon, aber die Zweitlesung hat auch großen Spaß gemacht. Eine Androiden-Geschichte.
Frank R. Stockton - Das magische Ei: Ein großartiger Illusionist und Hypnotiseur schafft eine perfekte Vorstellung, bei der ungefragt Leute manipuliert werden, was zum Verlust seiner Verlobten führt.
A. M. Fellmann - Die Blumen der Mumie Neith: Grabbeigaben in ägyptischen Pharaonengräbern sollte man lieber nicht anfassen. Schöne unheilbeschwörende Stimmung, wenig Action.
Mór Jokai - Der Unverwundbare: Auf die Story war ich echt neugierig, weil sie von einem Autor stammt, den ich aus meiner Jugend kannte (Ein Goldmensch), den ich guter Erinnerung hatte. War etwas enttäuscht von der patriotischen, militaristischen Geschichte die zudem auch eigentlich gar keine phantastische ist. Ein unverwundbarer Soldat, der zum menschlichen Mistkerl wird, fällt _nicht_ durch eine feindliche Kugel.
Lisa Honroth-Loewe - Die Kakteen-Sammlung: Die könnte von Roald Dahl sein. Eine pflanzliche Eigenschaft überträgt sich auf einen Menschen, wie eine Krankheit. Vielleicht auch eine Metapher für eine Vergewaltigung mittels KO-Tropfen?
Max Hirschfeld - Die Vergangenheitsmaschine: Die 2. Zeitreisestory des Bandes, die auch zeigt, dass die phantastisch klingende Möglichkeit, in der Zeit zu reisen (hier nur in die Vergangenheit), nur auf den allerersten Blick toll ist.
Leopold von Günther-Schwerin – Unkas
Unkas ist ein Hund, der mit seiner Menschen-Familie in einem alten Haus Urlaub macht. Da spukts. Ja, leider nicht viel mehr. Ich war nicht sooo sehr angetan. Aber gut.
Emil Lucka – Sphex: Noch eine Bio-SF-Story, über die unbedarfte Züchtung von sehr großen Wespen, die ihre Eier in Warmblütlern ablegen. Je größer die Wespe, desto größer muss das Wirtstier sein. Nun ja…
Leonhard Stein - Der Gürtel des Marco Polo: Die Story konnte ich nicht lesen, habe mir keine Mühe gegeben. Ist eine Herausforderung und ich wünsche ihr verständigere Leser als mich. Sie ist in einem mittelalterlichen, altdeutsch anmutenden Stil verfasst.
Insgesamt hat mir der Band viele Spaß gemacht, sehr empfehlenswert, wenn man mal schauen will, wie unsere Altvorderen so SF konnten – oldies but goldies. Als „Dornbrunnen Taschenschmöker“.
Johanna Dab: „Größer als Kaiser und schneller“
Nach der vielversprechenden Story der Autorin in daedalos 17 begab ich mich auf die Suche nach weiteren Texten der mir bis dato unbekannten Autorin.
Ich wurde fündig. Allerdings scheint sie wirklich noch eine junge Autorin zu sein – wie alt sie ist, weiß ich nicht, aber als Autorin hat sie wohl noch nicht so viel gemacht. Das ist das einzige Solo-Werk von ihr, eine Erzählung als Einzelveröffentlichung. Musste ich mir gleich mal reinziehen.
Das kleine Werk fiel derzeit auch auf fruchtbaren Boden bei mir, denn ich hatte gerade zwei Bücher gelesen, die sich – das eine direkt mit dem Untertitel, das andere ohne dieses Etikett, gehört aber sicher auch dazu, ist aber witziger und humoriger als das erste – einer „Anti-Wokeness-Phantastik“ zuordnen lässt. Ich kann am Ende mit diesen den vermeintlichen „Zeitgeist“ ablehnenden Stories doch wenig anfangen, zumal sie mir als Literatur auch nicht so dolle gefallen haben. Wie auch immer...
Jetzt also ein – wenn man so will – Pro-Wokeness-Märchen! Ja, das ist es, erst einmal ein Märchen, sowohl vom Ton, also auch inhaltlich – aber auch mehr, denn was hier an Märchenhaftem, Utopischen geschildert wird, ist am Ende nur eine Version des Möglichen, keine fiktionale Realität.
Ein mythisches Wesen aus dem alten China, ein Quilin, kommt nach New York. Es hat bestimmte Eingeschalten und Skills, das es sehr sensibel für menschliche Problemlagen macht. Ich lass das mal so unbestimmt. Die Autorin behandelt in ihrer gleichnishaften, fabelhaft-phantastischen Geschichte die Möglichkeiten und Gefahren der KI-Nutzung. Der Ton – ähnlich wie das bezaubernde Coverbild – muten naiv an – im Sinne eines künstlerischen Stils. Sie bricht die Problematik herunter. Aber das ist okay, soll ja keine Anleitung zum konkreten Tun sein.
Leute, die ihre ideologischen Probleme mit sog. woken Gedankengut haben, dürften bei dem Text mächtig getriggert werden. Na ja, finde, da hat die Autorin dann schon mal viel richtig gemacht.
Ansonsten lässt sie das Ergebnis offen. Ob die Gedankengänge nun wirklich neu und wegweisend sind, möchte ich auch nicht vorbehaltlos bejahen, aber es war – für mich – das absolut richtige Werk zur richtigen Zeit, und dazu auch noch toll und kurzweilig erzählt (das ging mir bei der Erzählung in daedalos 17 auch schon so). Ich bitte die Autorin, aktiver zu werden, mehr zu schreien, bitte!
9 / 10 Punkte
Ina Elbracht: „Mollusca Obscura“
Lovecrafts Schriften des Grauens 50, Blitz-Verlag, 2025
Es beginnt rätselhaft und etwas kurios: Ein nackter Mann findet sich am Strand von Neuseeland wieder, ohne Gedächtnis. Er hat nur eine rote Damenunterhose an. Und er verspürt einen Heißhunger auf rohe Leber.
Das geht auch einer ehemaligen K-Pop-Sängerin und nunmehrigen Punk-Göre so. Das „Leber-Motiv“ setzt sich fort: Es wird ein toter Pottwal angespült, dem fehlt seine Leber.
Neben den beiden gibt es noch eine 3. Protagonistin, eine Fotografin. Alle Drei verbindet natürlich etwas, was Stück um Stück offenbart wird. Der Roman konzentriert sich auf diese drei Personen, auf ihre Lebensumstände, Beziehungen zueinander, ihre Geheimnisse, deren sie sich selbst erst wieder bewusst werden.
Fast nebenbei wird ein weiteres Bausteinchen dem Cthulhu-Mythos hinzugefügt, der u.a. mit der Sagenwelt der australischen Ureinwohner verknüpft wird. Wunderbar, großartig! Die Figuren faszinieren und fesseln, die unheimlichen, cthulhuiden Geschehnisse, die genau 100 Jahre nach dem Auftauchen und Wiederabsinken der Stadt R'lyeh, wie es Lovecraft in seiner Erzählung „Chthlhus Ruf“ beschrieb, desgleichen. Bin restlos begeistert von dem kleinen, feinen Roman aus dem Blitz-Verlag.
10 / 10 Punkte
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Tobias Bachmann: „Konzerte“
Dunkelgestirn 2025, mit CD von Dunkelpoet
Ein famoses Buch aus dem Hause Dunkelgestirn. Und ein wenig ist es wie ein Nachhausekommen, denn ich hatte ja selbst mal das Vergnügen, ein Buch mit Erzählungen von Tobias Bachmann, das von Eric Hantsch gemacht wurde, damals noch in der Edition Cthulhu Libria, zu illustrieren. Denn das Buch hier ist ja auch „illustriert“ – wobei FALPICO / Heiko Schulze ja richtige Gemälde zum Buch beisteuerte. Ich habe mich schon lange auf das Buch gefreut, denn angekündigt war es ja schon ein Weilchen. Auch gefreut wegen der Musik dazu! (Wobei mir – falls ich es mal wusste – inzwischen entfallen war, dass das nächste Dunkelpoet-Werk im Zusammenhang mit dem Buch entstehen sollte). Also, alles beisammen.
Und? Ja, war nicht übel. Wobei mir nicht wirklich alle Stories 100%ig gefallen haben. Z.B. der Krimi, „Das Biest“, in dem Kommissare Michael Marrak (sic!) ermittelt und in dem es um ein im wörtlichen Sinne gefräßiges Musikinstrument geht. Irgendwie zu lang die Story. Irgendwann wird ja klar, dass es „nicht mit rechten Dingen“ zugeht, ab dann ist ja nur noch interessant, ob und wie die rationalen Kriminologen diese Tatsache aufnehmen und was sie damit anfangen.
Für mich so ganz persönlich war die Geschichte mit der Band Us & Her in Paris interessant, in der Poes „Untergang des Hauses Usher“ noch mal auflebt. Interessant deshalb, weil sie mir eine Erfahrung widerspiegelt, die ich irgendwie auch gemacht habe, natürlich auf anderem Wege; und zwar, dass Leute, die vorgeben, einen alternativen Lebensweg zu gehen (hier in dem Fall Gothics) am Ende auch nur Konsumopfer sind und dem schnöden Geld und Luxusleben nachrennen. Der Protagonist ist der Kopf einer erfolgreichen Gothicrock-Band und will sich ein „angemessenes“ Domizil suchen. Muss ein mittelalterlich wirkendes Haus sein, in einer Wohngegend, wo eben nicht der Plebs lebt. Usw. Unangenehm, fand ich, der Typ hat schon mal nicht meine Sympathie bekommen. Sollte er wohl auch nicht. (Aber so richtig sicher bin ich mir nicht.) Und schön ist dann auch, als die nach Außen immer als Horror-Grusel-Gothic-Freunde dann mit einer richtigen Gruselgeschichte konfrontiert werden, drehen sie am Rad oder ganz durch. Herrlich…
Anrührend fand ich die Geschichte mit dem vererbten Requiem, eines ehemaligen KZ-Insassen, dessen Musikstück die Seelen der Menschen auf eine ganz besondere Weise anrührt. Das wird unfreiwillig zum Instrument der Rache und Gerechtigkeit.
Insgesamt steht also Musik im Zentrum der Geschichten. Manche funktionieren, einige nicht so richtig; insbesondere zum jeweiligen Schluss hin fallen sie manchmal ab – für meinen Geschmack. Aber was heißt das schon.
Was allerdings wirklich kritikwürdig ist, sind die historischen Fehler; auffallend in „Klangkathedrale“: „…kann man es getrost Johann Sebastian Bach zusprechen, dass die Orgel seit dem 16. Jahrhundert fester Bestandteil in vielen Kirchen geworden ist. (S. 60) Nee, eher nicht „getrost“, wenn J. S. Bach doch erst am 31. März 1685, also Ende des 17. Jahrhunderts, geboren wurde. Richtig ärgerlich ist dann die historische Faktenlage in „Requiem für einen Träumer“. Möglicherweise könnte man insgesamt mit der Aussage der Story so seine Probleme haben, das sei dahingestellt; ich möchte die Utopie darin gern akzeptieren, auch wenn ich an sie echt nicht glauben kann, aber leider sind da einige Daten des historischen Hintergrunds komplett falsch. Warum gab es hier keine Kontrolle? Wenn schon Jahreszahlen genannt werden, sollte man die doch nachprüfen, oder?
Die Bilder sind meisten beeindruckend, manchmal könnten sie raffinierter in ihrer Komposition sein, fand ich. FALPICO greift immer sehr kräftig in den Farbtopf (was ich mich nie traue), was durchaus beeindruckt. Die Figürlichkeiten sind mitunter noch ausbaufähig (ja, sagt der Richtige, der so seine Probleme mit der figürlichen Darstellung hat – selber…).
Das Buch ist schön großformatig, mit Audio-CD – Musikstücke, die auf ihre Weise die Geschichten des Autors „illustrieren“. Sehr abwechslungsreich, mitunter hörspielartig.
8 / 10 (eigentlich -1 Punkt für die historischen Schludrigkeiten, und + 1 Punkt für die supertolle Ausstattung und grafische Gestaltung)
Aldous Huxley: „Zeit der Oligarchen“
Ein Essay über den Stand der Dinge und Aussichten in der Entwicklung der politischen Welt des Westens. Ende 40er Jahr geschrieben, klingt zum Teil aber hochaktuell. Es geht Huxley vor allem um den Stand der Wissenschaften und Technologie, die die maßgeblich die Herrschaft der „Oligarchen“ (gern auch Tech-Milliardäre…) zementieren hilft.
Für mich interessant bei seiner kleinen Analyse ist der Umstand, dass er sozialistische und kapitalistisch wirtschaftende Staaten vergleicht und sie auch im Grunde gleichsetzt – in dem Sinne, dass sozialistische Staatsapparte und Parteiführungen ausbeuterische Herrschaften darstellen. Finde ich sinnvoll.
Insgesamt schon ziemlich interessant, daher 9 / 10 Punkte.
Sebastian Guhr: „Der spanische Esel“
Jetzt bin ich mit dem Autor tagesaktuell – glaube ich, zumindest, was die Einzelpublikationen anbelangt; alle Erzählungen kenne ich da nicht. Das Büchlein ist wieder eine biografische Erzählung einer historischen Figur, allerdings nur eine kurze, leider, denn sie ist wiederum wundervoll geschrieben und ich hätte mich gern länger damit befasst.
Es geht um Luis Bunuel, den Filmemacher, der aus der surrealistischen Bewegung stammt und hier konkret um die Entstehungsgeschichte seines „surrealistischen Dokumentarfilmes“ „Las Hurdes“, der 1932 Premiere hatte.
Nach der Lektüre habe ich mir den Film angesehen und muss sagen, dass ich vieles im Film gar nicht wahrgenommen oder achtlos an mir vorbeilaufen gelassen hätte, hätte ich nicht zuvor gelesen, was – zumindest laut der Erzählung – beim Drehen der Szenen passiert ist. Oder davor, oder danach. (Ich fand den Film nun gar nicht so überragend und sehe darin kaum etwas „Surrealistisches“.)
Der Autor verknüpft die ziemlich schräge Entstehungsgeschichte dieses Filmes immer wieder mit Einsprengseln aus Bunuels Biografie. Die „Masche“ ist schnell erfasst – sie könnte durchaus störend wirken – auf mich allerdings nicht, ich fands gut: In der fortlaufenden Erzählung streut der Autor, ohne einen Absatz gemacht zu haben, Sätze zur Biografie oder seelischen, psychischen Befasstheit des Filmemachers ein, die mitunter aus dem Zusammenhang des gerade Gelesenen herausgerissen wirken. Der Text wird damit mächtig komprimiert, daher sind das dann am Ende nicht mal 90 Seiten, und dennoch hat man den Eindruck, eine Biografie gelesen zu haben. Außerdem mag ich die Schreibweise des Autors, von Buch zu Buch mehr.
10 / 10 Punkte
Anne Rabe: „Das M-Wort. Gegen die Verachtung der Moral“
Nach der Lektüre von 2 „anti-woken“ Phantastikbüchern, die sich gegen die moralisierenden woken Normen aus einer angeblichen Haltung des „normalen Menschenverstandes“, der sich komischer Weise gegen alles Progressive und die Probleme der Welt Aufgreifende stellt, also wider die „neue Moral“ anschreiben, musste ich mir einen seelischen Ausgleich schaffen. Es waren nicht nur die Lektüre selbst, sondern auch Diskussionen im Anschluss, die mich inzwischen so dermaßen ermüden. Sicherlich bräuchte ich das Buch von Anne Rabe ja gar nicht, weil mir vieles darauf, einiges intuitiv, geläufig ist. Sie muss mir nicht agitieren.
Interessanter Weise sind die Gegner der „neuen (woken) Moral“ ja selbst sehr moralisierend, indem sie „alte“, (keineswegs immer) „gute“ Werte der „guten alten Zeit“ hochhalten und diese zurückfordern. Das ist aber sicher nur ein Aspekt.
Mir hat das Essay der Autorin jedenfalls sehr gefallen. Es ist kein fundamentales Theoriewerk, eher eine Art Tagebuch – ein Tagebuch der eigenen Verzweiflung, die ich so sehr teile – teilen muss, leider.
Neben gegenwärtigen reaktionären, anti-progressiven Entwicklungen greift sie auch ein historisches Beispiel auf, den Historikerstreit, in dem sie für meine Begriffe hervorragend aufzeigt, wie man damals mittels angeblich neutraler Wissenschaftlichkeit bisher als notwendig erachtete gesellschaftliche Konventionen in Frage stellt.
Und dann kann sie einfach auch sehr gut, anschaulich und griffig schreiben.
10 / 10 Punkte
Frans Smit: „Gustav Meyrink. Auf der Suche nach dem Übersinnlichen“
Aus dem Niederländischen v. Konrad Dietzfelbingen
Was Biografien anbelangt, bin ich inzwischen von Gunnar Decker (Fühmann, Houellebecq) und Emmanuel Carrère (Ph. K. Dick) verwöhnt; mehr aus der Sicht der Erzählkunst, weniger wegen ihrer akademischen Exaktheit.
Die Meyrink-Bio hier ist da aus ähnlichem Holz: Biografisch mag sie stimmen, aber der Autor legt halt viel Wert auf die geistige-intellektuelle Verfasstheit Meyrinks, auf seine esoterisch-okkulte Entwicklung. Ich fand das sehr interessant und inspirierend. Nach der Lektüre glaube ich gern noch mehr, dass M. eben „nicht nur“ ein Phantast war, sondern wirklich die okkulten Themen, die er romanhaft darstellte, erforschte und bearbeitete. Ob die Ergebnisse seiner „Forschungen“ sinnvoll und ergiebig waren, sei dahingestellt.
Was den Schreibstil anbelangt, bleibt Smit weit hinter Decker und Carrère zurück. Dafür enthält das Buch sehr, sehr viele Zitate, vielleicht sogar zu viele, aber das macht die Lektüre authentischer. Für mich ist diese Bio auch wieder eine Verstärkung des Appells: Lies mehr Meyrink! Okay, mach ich.
8 / 10 Punkte
Jeder 6. Mensch in Deutschland liest keine Bücher.
Das geht aus einer Umfrage (2024) hervor (DACH-Länder, Frankreich,Italien; 5000 Befragte) , die im Auftrag des Onlinebuchhändlers Galaxus in Auftrag erstellt und Anfang diesen Jahres veröffentlicht wurde .
Demnach kommen hierzulande 1/3 der Befragten auf 1-3 Bücher im Jahr. Nur die Hälfte will künftig mehr lesen – was den niedrigsten Wert darstellt. Ähnlich Lesefaul zeigt sich höchstens noch Frankreich.
Deutsche benutzen vergleichsweise häufiger ebooks (19%) - und Hörbücher (11%). Zur Lesefaulheit der Deutschen passt letzteres wiederum, dass sie im europäischen Vergleich die meisten Hörbücher konsumieren – jede zehnte Person in der Bundesrepublik lässt sich Bücher vorlesen.
Das Lieblingsgenre was Spekulative Fiction anbelangt ist bei Deutschen die Fantasy – Franzosen stehen eher auf Science-Fiction (s. 2. Grafik).
Frauen lesen dagegen häufiger Romane: in Deutschland beispielsweise 3 von 5 Frauen und nur 2 von 5 Männern.
Quelle:
https://www.galaxus....e-buecher-36136
bitte auf Grafiken klicken zum vergrössern:
Nur was endet, hat bekanntlich einen Sinn: Also ist es Zeit, dass auch dieser Vlog zu Ende geht – alles hat ein Ende, ergo auch das Ende. See you in a better place... ¯\_(ツ)_/¯
Die Leiden des jungen Verlegers
...
Ich bin mal wieder spät dran*, und tausche außerdem für diesen & den nächsten Eintrag die Neu-/Alt-Reihenfolge. Es handelt sich hier platzhaltend um ein Buch aus der Dr.-Seuss-Reihe, die in den 60ern die Vorgehensweise beim Lesen-Erlernen für Kinder revolutionierte. Außerdem hält sich das Buch an die Nonsens-Tradition von anderen Kinderbüchern seit Alice in Wonderland, was Kindern (& mir, übrigens) sicher so gut wie immer gefällt. (Und: Eine brandneue audiovisuelle Umsetzung erscheint heuer auf Netflix!)
Im Buch erscheint ein frecher Kleinling namens Sam-I-Am, auf einem hund-ähnlichen Wesen vorbei-reitend, der einen älteren, größeren Pelzherren mit hohem schwarzen Hut auf die Nerven geht. Dieser sagt öfter "I do not like", anfangs in Richtung Sam, aber kurz danach auch dem Gericht das ihm Sam unter die Nase hält - Schinken mit grünen Spiegeleiern! Als aber der Schwarzhütige dies das erste Mal nicht mag, schaltet der Rothütige schlauerweise auf die Logikschiene - mag der Ältere das Gericht vielleicht an einem anderen Ort? Denn schließlich isst das Hirn ja mit, und vielleicht fühlt der Andere sich anderswo wohl(gesinnt)er?
Lässt sich der junge bzw. sich nicht alt fühlende Leser darauf ein, ist klar womit das restliche Buch gefüllt wird - den absurdesten Orten & Vehikeln, wo Schinken mit solchen Spiegeleiern vielleicht doch schmecken könnte... Irgendwann gibt der inzwischen durchnässte Schwarzhütler auf - und dann geschieht noch ein kleines Wunder!
Seuss hat wohl damals die altmodischen "anspruchsvolleren" Kinderbücher - wie ev. auch Alice? - in die Ecke gepfeffert und mit jemandem eine Wette ausgemacht, dass er ein besseres erstes Lesebuch mit einem Vokabular von nur 50 Wörtern erstellen könnte. Ein Buch wie dieses locker gereimte war das Ergebnis. (Das hier ist neben dem früheren Cat in the Hat das bekannteste aus seiner langen Serie.
Es gibt endlose Marketingumsetzungen davon! Ich behaupte, dass auch Hip-Hopper Will-I-Am sich daraus hat inspirieren lassen.)
Was ich an den Seuss-Büchern so toll finde, ist dass nicht nur die Texte schnell ins Absurde kippen, sondern die Illustrationen das praktisch von Anfang an tun, mit wilderen Aufstellungen mit jeder Seite. Die Protagonisten sind meist Tiere, oft eher unidentifizierbar - aber definitiv "furry" - und die tanzen/schweben/schwimmen in der Weltgeschichte herum, meist irgendwas unmöglich balancierend, umgeben von staunenden - oder selbst irgendwelche Stunts ganz lässig durchführenden - Zuschauern. Seuss stellt seine Welten subversiv gaga dar. (Oder angemessen der Zeitperiode: Dada! Apropos: Ich finde lustig, wie dieses 1. Buch die klassisch-amerikanisch-kapitalistische Rolle des ewigen nie-aufgebenden Verkäufers parsifliert!)
Diese Idee des einfacheren Anfangslernen wurde kurz danach dann auch von Sesame Street im TV fortgesetzt, und von vielen anderen Einrichtungen im Westen angewandt. Die US-TV-Serie wird übrigens im November ein halbes Jahrhundert alt! ![]()
Fazit: Am besten VORM Schauen bei Netflix sich mindestens ein Buch aus der Reihe mal reinziehen! Nachher kann man es einer Lieblingsenkelin oder so schenken; wird bestimmt mit großem Dank entgegen genommen.
(* offiziell ist das hier der Juli-Beitrag!!)
Regenbogen-Leseprobe.pdf (162,72K)
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