"Störung" impliziert eine von Außen getätigte Aktion, nicht die vernetzte Aktion eines geschlossenen Systems.
Das wäre dann eher eine Definitionsfrage - ein Streit um Begriffe. Ich persönlich würde durchaus auch schon von einer "Störung" sprechen, wenn eine vorher gegebene und aus Sicht des Betrachters wünschenswerte Funktionalität des Systems ... äh ... eben "gestört" wird.
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..., sozusagen als Naturgesetz.
Es gibt ein Naturgesetz, das dafür sorgt, dass ich runterfalle, wenn ich über den Rand einer Klippe trete. Es gibt kein Naturgesetz, dass mich dazu zwingt, über die Klippe zu treten. Und der Mensch ist sogar sehr gut darin, Wege zu finden, um unmittelbare Auswirkungen von Naturgesetzen seinen Vorstellungen gemäß gemäß zu "verbiegen" - also einen Weg zu finden, um über Klippen zu treten und nicht runterzufallen.

Man muss da vorsichtig sein, dass man nicht voreilig mit "Naturgesetzen" vermischt, was in Wahrheit nur ein schlecht getarntes deterministisches Weltbild ist. Denn die Gesetzmäßigkeiten, die entscheiden, ob man "über die Klippe tritt", sind keine Naturgesetze, sondern Ergebnis der Interaktion zwischen Naturgesetzen und komplexen Strukturen, die prinzipiell einer Veränderung unterliegen, sich anpassen können und deren Entwicklung damit eben nicht eindeutig durch Naturgesetze determiniert ist. Eingegrenzt und beeinflusst, vielleicht, aber nicht in jedem Schritt festgelegt.
Und solange da Entwicklungspotenzial vorhanden ist, liegt es auch im Rahmen natürlich menschlichen Verhaltens, wünschenswerte Entwicklungen zu definieren und den Prozess auch kulturell zu steuern. "Der Natur ihren Lauf lassen" ist keine Option für den Menschen, selbst dann nicht, wenn man davon ausgeht, dass der Mensch als Teil der Natur eben keine "unnatürliche Störung" verursacht - denn die Einflussnahme liegt eben in der Natur des Menschen, und diese Legitimation gilt dann natürlich nicht nur für die zurecht oder zuunrecht konstatierten "Fehlentwicklungen", sondern auch für sämtliche Gegenkräfte in der Gesellschaft.
Sprich: Wenn es natürlich sein sollte, dass der Mensch seine natürlichen Ressourcen bis an den Rand der Auslöschung verbraucht, dann sind die Naturromantiker, die am liebsten alle Ressourcen bis zum Ausglühen der Sonne in der Erde lassen würden, genauso natürliche Ausprägungen menschlichen Verhaltens, und alle zusammen bilden "die Menschheit" als sich selbst regulierenden evolutionären Gesamtkörper, der sich erfolgreich behaupten wird oder eben nicht ...
Ich beziehe mich auf molos Rezension ein paar Posts vorher. Und wie man an seiner Antwort auf mein Posting sieht, sieht er das genauso, wie ich es befĂĽrchtet habe.
Hm, ich weiß nicht. Ich konnte Molos Rezi bisher nicht entnehmen, wie naiv-"Gutmenschenhaft" die Position des Buches tatsächlich ist ... und seine Antwort, nun: Du hast dem Buch eine Position unterstellt, Molo dir dann die Gegenposition, was in beiden Fällen aber nicht heißt, dass einer der Beteiligten tatsächlich genau diese Haltung auch einnimmt.
Zum so genannten "Klimawandel":
Vor 4 Milliarden Jahren haben wir schon einmal ein umfangreiches Redesign der Erdatmosphäre durch terrestrische Lebewesen erfahren. ...
Ja, ja - die gute alte "Relativierung des Klimawandels"

Hört man immer wieder gerne, dass es in der Erdgeschichte schon schlimmere natürliche Veränderungen gab, und gerne wird damit auch suggeriert, dass der Klimawandel dann ja nicht so schlimm wäre. Ersteres ist auch richtig. Massensterben gibt's auch immer wieder mal - das Aussterben der Dinsosaurier beispielsweise mag man als natürlichen Prozess ansehen; scheiße nur, wenn man ein Dinosaurier ist.
Da hört dann irgendwo der Relativismus auf.
Als Mensch ist man eben kein außenstehender Betrachter des Systems, der mal locker darüber spekulieren kann, dass die Welt sich in 4 Milliarden Jahren schon so oft verändert hat und in den nächsten 4 Milliarden Jahren sowieso noch mehr verändern wird. Wir sind Teil des Systems, wir haben einen konkreten Lebensraum und ökologische Nischen, die wir besetzen und damit haben wir eine konkrete Perspektive für die gegenwärtige Veränderung.
Also, wie bedeutsam der Klimawandel sein wird, wer weiß? Ob er nicht auch Vorteile haben kann, wer weiß? All dass kann man diskutieren. Dass es ein zyklisch wiederkehrender Vorgang ist, der so und schlimmer immer wieder mal passiert ist, ist allerdings von eher theoretischen Interesse - in der Praxis muss sich der Blick da im Grunde auf die Frage fokussieren, was der gegenwärtige Wandel für
uns bedeutet. Und das gilt auch für alle anderen ökologischen und gesellschaftlichen Fragen.
Wenn etwas für den Menschen - die Individuen, die Kultur, die Menschheit an sich - eher schädlich ist, sollte man ruhig darüber nachdenken, was man daran verändern kann. Ich wüsste nicht, wie es bei möglicherweise unangenehmen Entwicklungen für die Menschen ein Trost sein sollte, dass es vor n Milliarden Jahren den anaeroben Bakterien auf der Welt noch viel schlechter ging.
Der Ansatz deucht mich ein wenig seltsam ...
Insofern habe ich das Gefühl, dass ich mich durchaus an ähnlichen Dingen wie a3 stören würde - aber nicht schon daran, dass bestimmte, Kausalitätskomplexe und mögliche Fehlentwicklungen angesprochen werden. Das finde ich sogar sehr interessant, vor allem wenn auf Zusammenhänge verwiesen wird, die nicht offensichtlich sind und die man sonst womöglich übersehen hätte. Oder wenn Dinge angesprochen werden, die gegen den Mainstream und gegen gesellschaftliche Tabus gehen und die sonst eben schamhaft verschwiegen werden.
Stören würde mich eher ein "wie" bei der Behandlung dieser Themen - wenn es nur rechtschaffene Empörung über einen Status Quo wäre, dunkel dräuende Untergangsszenarien, die einen negativen Determinismus der Menschheit konstatieren wollen, oder allzu simple Alternativen. Das nervt in der Tat ziemlich.
Wäre also die Frage, wo sich Kunkel in dieser Hinsicht einordnet: Fragen aufwerfen, interessante Gedankenspiele, augenzwinkerndes Spiel mit Modellen, mit "Wahrheiten" und "Selbstverständlichkeiten" ... oder eher Predigt und suhlen in Kulturpessimismus? Da würde ich die Grenze zwischen wertiger literarischer Behandlung eines Themenkomplexes und einem "trivialen Roman" sehen. Denn der entsteht ja nicht durch die angesprochenen Themen selbst, sondern durch die Aufarbeitung derselben.
"Modern Economics differs mainly from old Political Economy in having produced no Adam Smith. The old 'Political Economy' made certain generalisations, and they were mostly wrong; new Economics evades generalisations, and seems to lack the intellectual power to make them." (H.G. Wells: Modern Utopia)