Geschrieben 18 Dezember 2006 - 07:29
Okey, Simifilm.Ich nehm mal nur »Reservoir Dogs« (desweiteren = RD): Alle bisherigen Tarantino-Filme haben ja Gewalt als zentrales Element. Entsprechend schrill kommt alles daher, bzw. ist in entsprechenden Mileus angesiedelt. RD ist nun ein Film, der für mich streng wie ein klassisches Drama auftritt (trotz der Rückblenden). Aus dem halsbrecherischen Tumult eines schiefgelaufenen Raubüberfalls schält sich schön langsam einige immunolgische Dilemmas über Vertrauen und Nähe heraus. †” RD ist dabei der reinste Männerfilm von Tarantino. Nur eine Frau, eine Autofahrerin, kommt meiner Erinnerung nach vor (JEDOCH! Diese Frau sorgt für die entscheidende Verletztung eines der Gangster.)Wir bekommen mit der Gangstertruppe verschiedene Haltungen zu ›Gewalt als Job‹ präsentiert. Auf den ersten Blick sind alle Kriminelle, sozusagen ›Menschen die des Menschen Wolf sind‹ in Reinform, auch wenn sich im Laufe der Story interessante Graustufen auftun, die in der berühmten Zirkel-Drohung-mit-Knarre implodiert.Oberflächlich könnte man RD für eine sprichwörtliche Räuberpistole halten, in der Werte wie Coolness (›Besonnenheit‹) und Toughheit (›Robustheit‹) im Mittelpunkt stehen. Aber einige Figuren entblößen immer mehr menschliche Schwächen, legen ihre gangstermäßige Überhöhtheit ab. Da ist der Sohn, der sich um das Geschäft sorgt, und Schiss vor dem Zorn seines Papas hat, und entsprechend den in der Bredoullie steckenden Trupp aus der Patsche helfen möchte. Da ist der smarte Zyniker, der seine ›Sensibilität‹ hinter der Attitüde des Durchblickers verbirgt und der aus Anteilnahme tragischerweise seinen Feigheits-Instinkt hintanstellt. Da ist der nette Kumpeltyp, der sich als vollkommener Psycho, als das eigentliche Monster der Gruppe entpuppt (Immunologische Story No. 1: Der karzinomische Feind im Gruppenkörper). Da ist der alte Zyniker, der sich als vertrauensseeliger Mentor entpuppt und dafür bitter bezahlt. Und da ist der junge Idealist, der sich als steiler junger Sprücheklopfer tarnt (Immunologische Story 2: Der virusartige Spionfeind von Außen).Ich finde, daß mit den Mitteln des harten Gangsterfilm hier ein Maximum an verschiedenen Perspektiven geboten wird, auf die Frage: was macht Menschlichkeit in einem entmenschlichenden Umfeld aus? Wem vertraut man und wem nicht? Wofür lohnt es sich zu sterben (Geld, Werte, das nackte Überleben)?Ich geb zu, daß RD vielleicht zu flott und spektakulär daherkommt (Sprüche, Posen, Ballerei, Gewalt). Intellektuelle ist daran für mich nun mal, daß man auf eine ungewohnt ›intime‹ Art und Weise den Figuen nahekommt. Trotz der Übertreibungen bleiben die Figuren anschaulich, glaubhaft und kommen als exemplarisch daher, kurz: wie ein Argument in einem Diskurs.Allein schon, daß (zumindest zu meiner vollsten Befriedigung) bei RD beide Zuschauerhaltungen vollends ermöglicht werden, ist für mich ein Merkmal der intellektuellen Struktur des Films. Man kann sich in RD reinkippen lassen, ABER man kann eben auch diese reiche Diskurs und Verweisstruktur genießen. †” Bevor nun das entkräftende Argument kommt, daß dies ja allen Filmen möglich ist, sag ich gleich: dem ist, denke ich, nicht so.Tarantino gilt nicht umsonst als ein Wendemarkenregiesseur, denn die Intellektualität seiner Filme drängt sich nicht in den Vordergrund, wartet aber unter der Oberfläche mit einer unglaublichen Fülle an Facetten auf. Und mit Facetten meine ich nicht etwa ›nur‹ Zitate, Anspielungen und Gägs. †” Immerhin sterben am Ende zwei Helden den tragischen Tod von Schüler und Mentor, und es fließen Tränen bei dem harten Veteranen (über das eigene verpfuschte Leben, über das des Jungspunds? Über das verfehlt investierte Vertrauen, über die ent-täuschte Zuneigung?)Letztendlich aber ist RD der erste Streifen eines Autoren und Filmemachers, der mit den ›Versatzstücken‹ ›heroischer‹ Männer-Genres beunruhigende Absagen an Heldentum liefert. Die Art von ›Helden‹, die sich mit Waffen und entsprechenden Posen für die Prinzen der Erde halten, entpuppen sich als Narren und Clowns; und wir, die ›Harmlosen‹, die sich ›nur‹ um Freundschaft, zuneigung und so Kinderkram kümmern, finden uns in der Mitte zwischen diesen Sprüchklopfern und ›Kriegshunden‹ gefangen (um einen wichtigen Song des Films aufzugreifen).So zuminest meine Deutung. Kann sein, ich lieg vollkommend daneben und Quentin meint das alles als Werbeclip für die National Rifle Assosciation :-)GrüßeAlex / molo