Hofmanns Leseliste Mitte März bis 1. Mai 2026
Steinmüller Adrian Daub Houellebecq Helmut Krausser
Heute ist der 1. Mai. Zeit zum „Tagebuchschreiben“ – Leseliste und über das, was gestern passierte. Damit bin ich ja sozusagen wieder mal im Leselisten-Rhythmus. Ob das so bleibt? Das darf in Frage gestellt werden.
Also, zuletzt gelesen:
Angela und Karlheinz Steinmüller: „Der vagabundierende Planet“
Ein neuer „Steinmüller“ – der demnächst erscheinen wird. Ich hatte das Manuskript, um wieder die kleine Titelvignette zeichnen zu können. Dazu „musste“ ich ja das Buch erst mal lesen. Ja, ja, eine große Entbehrung … Nein, war natürlich ein großes Vergnügen! Das Buch ist – wird – gut! Es geht um eine Mars-Orbitalstation, eine lebenspendende Röhre, schon ziemlich alt, auf der vor allem von ihren Raumfahrten Zurückkehrende landen. Da sie relativistisch oder im Kälteschlaf ziemlich lange weg waren von der irdischen/solaren Zivilisation, mitunter auch schon mal 500 Jahre, brauchen sie Zeit, sich an die aktuelle Lage zu gewöhnen. Und sie haben viel erlebt, was sie verarbeiten müssen.
Teilweise lesen sich diese Erlebnis-Schilderungen wie eine lange Version der berühmten Bladerunner-Szene „Tränen im Regen / Zeit zum Sterben“ – nur dass hier Menschen so viel Unsagbares (schönes und erschreckendes) erlebten und Androiden ihnen zuhören, die ihnen an die Seite gestellt wurden.
Die ferne Zukunftswelt ist auch manchmal ein Echo unserer Gegenwart und greift Diskussionen zu KI und ihr Verhältnis zum „richtigen“ Leben auf. Das alles ist aus meiner Sicht sehr schlüssig. Ohne es zu wissen, glaube ich aus den Texten herauslesen zu könne, dass sie schon getrennt voneinander woanders erschienen sind, zum Teil zumindest, denn ein paar Erklärung zu diesen „Habitat 5“, zu den „Dschinns“ (Cyber-Holo-„Diener“), Simper (Quasi-Spiegelbilder realer Menschen, die auf dieses Weise virtuell schnell woanders sein können) und den Androiden wiederholen sich.
Mosaiksteinchen für Steinchen wird zusammengetragen. Da die Raumfahrer aus verschiedenen Epochen und Zeiten zurückkehren, haben sie auch unterschiedliche Dinge aus der Vergangenheit der Zukunft zu berichten. Ohne ausufernd zu werden, erfährt man viel über eine abwechslungsreiche Zukunftshistorie, die sich nicht nur auf der Erde, sondern auch auf dem Mars, im Belt und anderswo im Sonnensystem abspielte. Da stecken noch so viele Geschichten drin! Da macht das Autorenpaar aber ein ganz großes Fass auf!
Das ist ein Roman in Erzählungen, in denen jeweils andere Personen im Zentrum stehen; der Roman entwickelt sich durch den Schauplatz und die Grundidee. Hinweise auf anderen Werke des Autorenpaars sind auch enthalten, also ist auch ganz viel für den Steinmüller-Fan dabei. Ich bin ziemlich angetan.
10 / 10 Punkte
PS: Inzwischen habe ich die Vignette fertig und sie wurde auch für annehmbar bewertet.
Adrian Daub: „Cancel Culture Transfer. Wie eine moralische Panik die Welt erfasst“
Mein 2. „Daub“, diesmal sogar etwas umfangreicher als der erste, den ich las. Hier kann er auch sehr viel aus (fast) eigener Erfahrung plaudern, denn das Phänomen der CC stammt originär aus dem Umfeld US-amerikanischer Universitäten, als Fortsetzung von PC – political correctness. Er kann das sehr genau an Beispielen belegen und darstellen.
Lektüre war für mich wichtig und erfrischend, auch wenn ich nicht glaube, dass es die cc- und pc-Rufer und -Mahner verinnerlicht haben, was Daub da sagt.
10 / 10 Punkte
Michel Houellebecq: „Die Möglichkeit einer Insel“
Das Buch „musste“ ich jetzt lesen, weil es dem Titel nach um eine Insel geht. Was das bedeutet? Na ja, hat natürlich wieder mit unserm Rundbrief zu tun. Dazu später mehr.
Zum Teil spielt der Roman auch auf einer Insel: Auf Lanzarote besucht der Protagonist, ein Fernseh-Komiker, der nach dem Sinn des Lebens oder, wie bei dem Autor typisch, nach sexueller Erfüllung sucht, eine Art Workshop einer Sekte. Deren Guru behauptet, Kontakt mit Aliens gehabt zu haben, und will nun die Menschheit auf deren Wiederkunft vorbereiten. Dazu muss man, wie es damals die Elohimiten getan haben, per DNS-Manipulation einen neuen, einen Neo-Menschen erschaffen, also Klone. Der Begriff „Cyborg“ geistert hier auch herum. Die Begrifflichkeit ist nicht sehr genau. Aber am Ende – und das ist dann der SF-Teil – funktioniert es: Der Mensch kann geklont werden und in den Kapiteln, die in ferner Zukunft spielen, erfahren wir von dem 24. u. 25. Klon von Daniel (dem Protagonisten), was aus der Erde, der Menschheit und den Neo-Menschen geworden ist. Unterm, Strich? Nix Gutes – kein Sex mehr bei den Klonen, daher Langeweile, soziale Isolation, Stagnation, Selbstmorde – quasi eine langsame, langweilige Fortsetzung der Apokalypse, die in unserer dekadenten Zeit begonnen hat und in naher Zukunft zu Umwelt-Katastrophen, Atomkriegen und Untergang der „alten“ Menschheit führen wird. Ein trauriges Szenario, das sich aber, so mein Eindruck, immer nur um den Nabel des Protagonisten (und das, was darunter ist) dreht.
8 / 10 Punkte
Janika Rehak: „Kiras Käfer“
Ein Zombie-Zone-Germany-Heftroman.
Ich nehme diese Novelle mal in meine (Buch-)Leseliste auf; könnte aber auch in meinem Zine-Report stehen. Aber es handelt sich um eine schöne, recht lange, in sich abgeschlossene Erzählung oder Novelle, die ich sogar gern empfehlen möchte. Für mich war sie die perfekte Möglichkeit, mal in dieses Franchise reinzuschnuppern. Erworben habe ich es während einer Veranstaltung im Rahmen der „Nachtschrift“-Reihe im Dark Flower in Leipzig. Für mich war das die zweite Begegnung in Form einer Lesung mit der „Zombie Zone Germany“, nun also mal selbst etwas gelesen.
Und ich war ziemlich angetan. In der Geschichte dreht sich alles um Kira und ihren Freund, der sich leider mit den zombieerschaffenden Würmern infiziert hat und nun im Schlafzimmer angebunden dahinvegetiert. Er wurde zum „Käfer“, wie in Kafkas „Verwandlung“. Der Fortgang dieses Prozesses wird recht eindrücklich beschrieben. Kira muss damit klarkommen und wird sich am Ende auch von der gemeinsamen Wohnung und von ihrem Freund verabschieden. Bis dahin lernt sie auf die harte Tour Einsamkeit kennen und ihren Überlebenswillen zu trainieren. Die Autorin vermag es eindrucksvoll, das Leben in dieser neuen absoluten Mangelwirtschaft, die so ein Zivilisationszusammenbruch erzeugt, zu beschreiben. Auch wenn es sozusagen ein Kabinettstückchen ist, mit nur einer richtigen Figur, und keiner „Action“, hat mich der Roman gefesselt und fasziniert. Alle Achtung!
10 / 10 Punkte
Helmut Krausser: „Wer hat uns je geliebt?“
Wow! Was für ein Schmöker! Ich weiß nicht, wann mir das das letzte Mal passiert ist: Habe das Buch an 2 Nachmittagen durchgelesen – und ich lese nicht schnell! Ich konnte nicht aufhören, aber irgendwann musste ich ja. Als es zu Ende war – und eigentlich nicht alle Fragen geklärt waren. Ist halt wie im richtigen Leben.
Was man hier lesen kann, ist aber ein sehr metaphorisches Leben. Wir haben Hochsommer in Berlin. Die Stadt kocht, die Gemüter auch. Am Ende muss man einsehen, dass die Protagonistin, der ich sehr interessiert und gerne folgt, nicht trauen kann. Ist das nun alles ein Mysterium, sowas zwischen Himmel und Erde, oder eben doch eine hitzegeschwängerte Halluzination? Man weiß es nicht …
Für mich war das schon mal das Buch in 2026 – 11 / 10 Punkte! Etwas ausführlicher, aber nicht weniger euphorisch dann im NEUEN STERN.
Quinn Slobodian & Ben Tarnoff: „Muskismus. Aufstieg und Herrschaft eines Technoking“
Edition Suhrkamp 2026
Weiter ging es mit meiner Lektüre-Challenge zum Zeitgeist. Jetzt hat es mich tatsächlich gepackt und es gibt ja auch tolle Bücher zu den Fragen der gegenwärtigen gesell. Entwicklung, gerade auch in Bezug auf den KI-Boom. Dass sich da was tut, kann ja nun wirklich niemand leugnen. Um es zu verstehen, hilft mir auch dieses Buch.
Slobodian hatte ich zuvor im TV, in „Mit Elon Musk in ein neues Zeitalter? | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur“ gesehen und war fasziniert. Ein Historiker widmet sich dieser ziemlich aktuellen Entwicklung – nicht nur Musk, sondern auch das Drumherum – und kann es mir auf fesselnde Weise erklären. Das Buch musste ich dann eben auch gleich lesen und bin nach wie vor begeistert.
Ein paar sehr wichtige grundsätzliche Gedanken sind darin eindrücklich erklärt und dargestellt (u. a. das Verhältnis der Tech-Branche des Valleys zum Staat z.B., da hier die libertäre Agenda eben doch nicht so gilt; der Beginn des Endes des Globalismus…).
Ein Buch, das ich wieder mal mit dem Stift in der Hand las und ordentlich verunstaltet habe (angestrichen, Notizen). Der „Technoking“ steht zwar im Mittelpunkt, zu seinem persönlichen Werdegang erfährt man auch recht viel, aber vor allem viel über seine Bedeutung für die allg. Entwicklung. Der Historiker kann diesen sehr wichtigen Aspekt unserer gegenwärtigen Welt ins Große und Ganze erfassen und sehr gut erklären. Das Buch liest sich wie ein SF-Krimi (SF kommt übrigens sehr viel drin vor).
10 / 10 Punkte

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