Hofmanns Leseliste 2026 beginnt mit...
2026 beginnt mit ...
Lars Dangel (Hg.): „Die Blumen der Mumie Neith“
Die Sammlung enthält zumeist kurze SF- und Phantastik-Stories von vor 1945. Einige sind bereits in anderen Ausgaben neu erschienen, andere hier nach vielen Jahrzehnten das erste Mal. Bis auf eine waren mir alle neu. Die Anthologie enthält folgende Erzählungen:
Felix Dörmann - Das Elixier des Lebens: Ein griechischer Antiquitätenhändler kümmert sich rührend um einen altägyptischen Vampir.
Walter Küster - Der Andere: Ein Kommissar wird durch – ja, durch wen eigentlich? – ermordet. Im Raum war jedenfalls nur ein Spiegel.
Frigyes Karinthy – Röntgenland: Oha, ein bekannter Name! Ein Klassiker der ungarischen SF. Die Story gehört in den Reigen kurzer SF-Ideen-Stories des Bandes. Andere sind eher Grusel-Geschichten, mit metaphysischem, übersinnlichem Hintergrund. Hier geht es um die ästhetischen Folgen von allgemein verfügbarer Röntgentechnik im Alltag.
Josef Klemens Kreibig - Die Todtenfliege: Nach dem Lesen fiel mir das Sprichwort von den Liedern, die man singen soll, ein, wenn man möchte, dass man sich nur mit guten Leuten umgibt. Hier wird gezeigt, dass Musik auch richtig böse sein kann. Ansonsten ist das Bio-SF.
Anton Siebenstein - Der Zeit-Überwinder: Frühe SF-Ideen-Story über den Wirrwarr, den man mit Zeitreisen anstellen kann. Überraschend frisch!
Mihály Babits - Das fliegende Dorf: Eine Flüchtlingsstory. Interessant, dass diese Problematik damals schon reflektiert wurde. So richtig nachvollziehen konnte ich die Story nicht – von dem Dorf, dass den Migranten folgt.
William Livingston Alden – Wagenerium: SF-Story über den Entdecker radioaktiver Elemente. Der Umgang mit dem Material mutet heute natürlich komplett falsch an. Damals war die Radioaktivität noch nicht so schlimm…
Pierre Mille - Der den Tieren gebietet: Über jemanden, der mit den Tieren spricht – und dies für einen Racheakt ausnutzt.
Jakob Michael - Die Idee des Doktor Livius: Richtig tolle, stimmungsvolle Mumien-Story; könnte ein Exposé für einen Hammer-Film sein!
Edith Heralth - Die Flucht von der Erde: Ziemlich verrückter Garn, scheint eine Kolportagestory über die Flucht einer Kriminellen ins All, zum Mond, zu sein, aber … es gibt ein seltsames Ende.
Robert Hugh Benson - Der alte Beichtstuhl
Die Geschichte fand ich nicht so toll. Halt über eine Kirchenlegende.
Ferenc Herczeg - Baron Rebus
Den Autor hatte ich ja schon mal kennen lernen dürfen. Auch dank eines Buches von Lars Dangel. Die Story kannte ich daher schon, aber die Zweitlesung hat auch großen Spaß gemacht. Eine Androiden-Geschichte.
Frank R. Stockton - Das magische Ei: Ein großartiger Illusionist und Hypnotiseur schafft eine perfekte Vorstellung, bei der ungefragt Leute manipuliert werden, was zum Verlust seiner Verlobten führt.
A. M. Fellmann - Die Blumen der Mumie Neith: Grabbeigaben in ägyptischen Pharaonengräbern sollte man lieber nicht anfassen. Schöne unheilbeschwörende Stimmung, wenig Action.
Mór Jokai - Der Unverwundbare: Auf die Story war ich echt neugierig, weil sie von einem Autor stammt, den ich aus meiner Jugend kannte (Ein Goldmensch), den ich guter Erinnerung hatte. War etwas enttäuscht von der patriotischen, militaristischen Geschichte die zudem auch eigentlich gar keine phantastische ist. Ein unverwundbarer Soldat, der zum menschlichen Mistkerl wird, fällt _nicht_ durch eine feindliche Kugel.
Lisa Honroth-Loewe - Die Kakteen-Sammlung: Die könnte von Roald Dahl sein. Eine pflanzliche Eigenschaft überträgt sich auf einen Menschen, wie eine Krankheit. Vielleicht auch eine Metapher für eine Vergewaltigung mittels KO-Tropfen?
Max Hirschfeld - Die Vergangenheitsmaschine: Die 2. Zeitreisestory des Bandes, die auch zeigt, dass die phantastisch klingende Möglichkeit, in der Zeit zu reisen (hier nur in die Vergangenheit), nur auf den allerersten Blick toll ist.
Leopold von Günther-Schwerin – Unkas
Unkas ist ein Hund, der mit seiner Menschen-Familie in einem alten Haus Urlaub macht. Da spukts. Ja, leider nicht viel mehr. Ich war nicht sooo sehr angetan. Aber gut.
Emil Lucka – Sphex: Noch eine Bio-SF-Story, über die unbedarfte Züchtung von sehr großen Wespen, die ihre Eier in Warmblütlern ablegen. Je größer die Wespe, desto größer muss das Wirtstier sein. Nun ja…
Leonhard Stein - Der Gürtel des Marco Polo: Die Story konnte ich nicht lesen, habe mir keine Mühe gegeben. Ist eine Herausforderung und ich wünsche ihr verständigere Leser als mich. Sie ist in einem mittelalterlichen, altdeutsch anmutenden Stil verfasst.
Insgesamt hat mir der Band viele Spaß gemacht, sehr empfehlenswert, wenn man mal schauen will, wie unsere Altvorderen so SF konnten – oldies but goldies. Als „Dornbrunnen Taschenschmöker“.
Johanna Dab: „Größer als Kaiser und schneller“
Nach der vielversprechenden Story der Autorin in daedalos 17 begab ich mich auf die Suche nach weiteren Texten der mir bis dato unbekannten Autorin.
Ich wurde fündig. Allerdings scheint sie wirklich noch eine junge Autorin zu sein – wie alt sie ist, weiß ich nicht, aber als Autorin hat sie wohl noch nicht so viel gemacht. Das ist das einzige Solo-Werk von ihr, eine Erzählung als Einzelveröffentlichung. Musste ich mir gleich mal reinziehen.
Das kleine Werk fiel derzeit auch auf fruchtbaren Boden bei mir, denn ich hatte gerade zwei Bücher gelesen, die sich – das eine direkt mit dem Untertitel, das andere ohne dieses Etikett, gehört aber sicher auch dazu, ist aber witziger und humoriger als das erste – einer „Anti-Wokeness-Phantastik“ zuordnen lässt. Ich kann am Ende mit diesen den vermeintlichen „Zeitgeist“ ablehnenden Stories doch wenig anfangen, zumal sie mir als Literatur auch nicht so dolle gefallen haben. Wie auch immer...
Jetzt also ein – wenn man so will – Pro-Wokeness-Märchen! Ja, das ist es, erst einmal ein Märchen, sowohl vom Ton, also auch inhaltlich – aber auch mehr, denn was hier an Märchenhaftem, Utopischen geschildert wird, ist am Ende nur eine Version des Möglichen, keine fiktionale Realität.
Ein mythisches Wesen aus dem alten China, ein Quilin, kommt nach New York. Es hat bestimmte Eingeschalten und Skills, das es sehr sensibel für menschliche Problemlagen macht. Ich lass das mal so unbestimmt. Die Autorin behandelt in ihrer gleichnishaften, fabelhaft-phantastischen Geschichte die Möglichkeiten und Gefahren der KI-Nutzung. Der Ton – ähnlich wie das bezaubernde Coverbild – muten naiv an – im Sinne eines künstlerischen Stils. Sie bricht die Problematik herunter. Aber das ist okay, soll ja keine Anleitung zum konkreten Tun sein.
Leute, die ihre ideologischen Probleme mit sog. woken Gedankengut haben, dürften bei dem Text mächtig getriggert werden. Na ja, finde, da hat die Autorin dann schon mal viel richtig gemacht.
Ansonsten lässt sie das Ergebnis offen. Ob die Gedankengänge nun wirklich neu und wegweisend sind, möchte ich auch nicht vorbehaltlos bejahen, aber es war – für mich – das absolut richtige Werk zur richtigen Zeit, und dazu auch noch toll und kurzweilig erzählt (das ging mir bei der Erzählung in daedalos 17 auch schon so). Ich bitte die Autorin, aktiver zu werden, mehr zu schreien, bitte!
9 / 10 Punkte
Ina Elbracht: „Mollusca Obscura“
Lovecrafts Schriften des Grauens 50, Blitz-Verlag, 2025
Es beginnt rätselhaft und etwas kurios: Ein nackter Mann findet sich am Strand von Neuseeland wieder, ohne Gedächtnis. Er hat nur eine rote Damenunterhose an. Und er verspürt einen Heißhunger auf rohe Leber.
Das geht auch einer ehemaligen K-Pop-Sängerin und nunmehrigen Punk-Göre so. Das „Leber-Motiv“ setzt sich fort: Es wird ein toter Pottwal angespült, dem fehlt seine Leber.
Neben den beiden gibt es noch eine 3. Protagonistin, eine Fotografin. Alle Drei verbindet natürlich etwas, was Stück um Stück offenbart wird. Der Roman konzentriert sich auf diese drei Personen, auf ihre Lebensumstände, Beziehungen zueinander, ihre Geheimnisse, deren sie sich selbst erst wieder bewusst werden.
Fast nebenbei wird ein weiteres Bausteinchen dem Cthulhu-Mythos hinzugefügt, der u.a. mit der Sagenwelt der australischen Ureinwohner verknüpft wird. Wunderbar, großartig! Die Figuren faszinieren und fesseln, die unheimlichen, cthulhuiden Geschehnisse, die genau 100 Jahre nach dem Auftauchen und Wiederabsinken der Stadt R'lyeh, wie es Lovecraft in seiner Erzählung „Chthlhus Ruf“ beschrieb, desgleichen. Bin restlos begeistert von dem kleinen, feinen Roman aus dem Blitz-Verlag.
10 / 10 Punkte
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Tobias Bachmann: „Konzerte“
Dunkelgestirn 2025, mit CD von Dunkelpoet
Ein famoses Buch aus dem Hause Dunkelgestirn. Und ein wenig ist es wie ein Nachhausekommen, denn ich hatte ja selbst mal das Vergnügen, ein Buch mit Erzählungen von Tobias Bachmann, das von Eric Hantsch gemacht wurde, damals noch in der Edition Cthulhu Libria, zu illustrieren. Denn das Buch hier ist ja auch „illustriert“ – wobei FALPICO / Heiko Schulze ja richtige Gemälde zum Buch beisteuerte. Ich habe mich schon lange auf das Buch gefreut, denn angekündigt war es ja schon ein Weilchen. Auch gefreut wegen der Musik dazu! (Wobei mir – falls ich es mal wusste – inzwischen entfallen war, dass das nächste Dunkelpoet-Werk im Zusammenhang mit dem Buch entstehen sollte). Also, alles beisammen.
Und? Ja, war nicht übel. Wobei mir nicht wirklich alle Stories 100%ig gefallen haben. Z.B. der Krimi, „Das Biest“, in dem Kommissare Michael Marrak (sic!) ermittelt und in dem es um ein im wörtlichen Sinne gefräßiges Musikinstrument geht. Irgendwie zu lang die Story. Irgendwann wird ja klar, dass es „nicht mit rechten Dingen“ zugeht, ab dann ist ja nur noch interessant, ob und wie die rationalen Kriminologen diese Tatsache aufnehmen und was sie damit anfangen.
Für mich so ganz persönlich war die Geschichte mit der Band Us & Her in Paris interessant, in der Poes „Untergang des Hauses Usher“ noch mal auflebt. Interessant deshalb, weil sie mir eine Erfahrung widerspiegelt, die ich irgendwie auch gemacht habe, natürlich auf anderem Wege; und zwar, dass Leute, die vorgeben, einen alternativen Lebensweg zu gehen (hier in dem Fall Gothics) am Ende auch nur Konsumopfer sind und dem schnöden Geld und Luxusleben nachrennen. Der Protagonist ist der Kopf einer erfolgreichen Gothicrock-Band und will sich ein „angemessenes“ Domizil suchen. Muss ein mittelalterlich wirkendes Haus sein, in einer Wohngegend, wo eben nicht der Plebs lebt. Usw. Unangenehm, fand ich, der Typ hat schon mal nicht meine Sympathie bekommen. Sollte er wohl auch nicht. (Aber so richtig sicher bin ich mir nicht.) Und schön ist dann auch, als die nach Außen immer als Horror-Grusel-Gothic-Freunde dann mit einer richtigen Gruselgeschichte konfrontiert werden, drehen sie am Rad oder ganz durch. Herrlich…
Anrührend fand ich die Geschichte mit dem vererbten Requiem, eines ehemaligen KZ-Insassen, dessen Musikstück die Seelen der Menschen auf eine ganz besondere Weise anrührt. Das wird unfreiwillig zum Instrument der Rache und Gerechtigkeit.
Insgesamt steht also Musik im Zentrum der Geschichten. Manche funktionieren, einige nicht so richtig; insbesondere zum jeweiligen Schluss hin fallen sie manchmal ab – für meinen Geschmack. Aber was heißt das schon.
Was allerdings wirklich kritikwürdig ist, sind die historischen Fehler; auffallend in „Klangkathedrale“: „…kann man es getrost Johann Sebastian Bach zusprechen, dass die Orgel seit dem 16. Jahrhundert fester Bestandteil in vielen Kirchen geworden ist. (S. 60) Nee, eher nicht „getrost“, wenn J. S. Bach doch erst am 31. März 1685, also Ende des 17. Jahrhunderts, geboren wurde. Richtig ärgerlich ist dann die historische Faktenlage in „Requiem für einen Träumer“. Möglicherweise könnte man insgesamt mit der Aussage der Story so seine Probleme haben, das sei dahingestellt; ich möchte die Utopie darin gern akzeptieren, auch wenn ich an sie echt nicht glauben kann, aber leider sind da einige Daten des historischen Hintergrunds komplett falsch. Warum gab es hier keine Kontrolle? Wenn schon Jahreszahlen genannt werden, sollte man die doch nachprüfen, oder?
Die Bilder sind meisten beeindruckend, manchmal könnten sie raffinierter in ihrer Komposition sein, fand ich. FALPICO greift immer sehr kräftig in den Farbtopf (was ich mich nie traue), was durchaus beeindruckt. Die Figürlichkeiten sind mitunter noch ausbaufähig (ja, sagt der Richtige, der so seine Probleme mit der figürlichen Darstellung hat – selber…).
Das Buch ist schön großformatig, mit Audio-CD – Musikstücke, die auf ihre Weise die Geschichten des Autors „illustrieren“. Sehr abwechslungsreich, mitunter hörspielartig.
8 / 10 (eigentlich -1 Punkt für die historischen Schludrigkeiten, und + 1 Punkt für die supertolle Ausstattung und grafische Gestaltung)
Aldous Huxley: „Zeit der Oligarchen“
Ein Essay über den Stand der Dinge und Aussichten in der Entwicklung der politischen Welt des Westens. Ende 40er Jahr geschrieben, klingt zum Teil aber hochaktuell. Es geht Huxley vor allem um den Stand der Wissenschaften und Technologie, die die maßgeblich die Herrschaft der „Oligarchen“ (gern auch Tech-Milliardäre…) zementieren hilft.
Für mich interessant bei seiner kleinen Analyse ist der Umstand, dass er sozialistische und kapitalistisch wirtschaftende Staaten vergleicht und sie auch im Grunde gleichsetzt – in dem Sinne, dass sozialistische Staatsapparte und Parteiführungen ausbeuterische Herrschaften darstellen. Finde ich sinnvoll.
Insgesamt schon ziemlich interessant, daher 9 / 10 Punkte.
Sebastian Guhr: „Der spanische Esel“
Jetzt bin ich mit dem Autor tagesaktuell – glaube ich, zumindest, was die Einzelpublikationen anbelangt; alle Erzählungen kenne ich da nicht. Das Büchlein ist wieder eine biografische Erzählung einer historischen Figur, allerdings nur eine kurze, leider, denn sie ist wiederum wundervoll geschrieben und ich hätte mich gern länger damit befasst.
Es geht um Luis Bunuel, den Filmemacher, der aus der surrealistischen Bewegung stammt und hier konkret um die Entstehungsgeschichte seines „surrealistischen Dokumentarfilmes“ „Las Hurdes“, der 1932 Premiere hatte.
Nach der Lektüre habe ich mir den Film angesehen und muss sagen, dass ich vieles im Film gar nicht wahrgenommen oder achtlos an mir vorbeilaufen gelassen hätte, hätte ich nicht zuvor gelesen, was – zumindest laut der Erzählung – beim Drehen der Szenen passiert ist. Oder davor, oder danach. (Ich fand den Film nun gar nicht so überragend und sehe darin kaum etwas „Surrealistisches“.)
Der Autor verknüpft die ziemlich schräge Entstehungsgeschichte dieses Filmes immer wieder mit Einsprengseln aus Bunuels Biografie. Die „Masche“ ist schnell erfasst – sie könnte durchaus störend wirken – auf mich allerdings nicht, ich fands gut: In der fortlaufenden Erzählung streut der Autor, ohne einen Absatz gemacht zu haben, Sätze zur Biografie oder seelischen, psychischen Befasstheit des Filmemachers ein, die mitunter aus dem Zusammenhang des gerade Gelesenen herausgerissen wirken. Der Text wird damit mächtig komprimiert, daher sind das dann am Ende nicht mal 90 Seiten, und dennoch hat man den Eindruck, eine Biografie gelesen zu haben. Außerdem mag ich die Schreibweise des Autors, von Buch zu Buch mehr.
10 / 10 Punkte
Anne Rabe: „Das M-Wort. Gegen die Verachtung der Moral“
Nach der Lektüre von 2 „anti-woken“ Phantastikbüchern, die sich gegen die moralisierenden woken Normen aus einer angeblichen Haltung des „normalen Menschenverstandes“, der sich komischer Weise gegen alles Progressive und die Probleme der Welt Aufgreifende stellt, also wider die „neue Moral“ anschreiben, musste ich mir einen seelischen Ausgleich schaffen. Es waren nicht nur die Lektüre selbst, sondern auch Diskussionen im Anschluss, die mich inzwischen so dermaßen ermüden. Sicherlich bräuchte ich das Buch von Anne Rabe ja gar nicht, weil mir vieles darauf, einiges intuitiv, geläufig ist. Sie muss mir nicht agitieren.
Interessanter Weise sind die Gegner der „neuen (woken) Moral“ ja selbst sehr moralisierend, indem sie „alte“, (keineswegs immer) „gute“ Werte der „guten alten Zeit“ hochhalten und diese zurückfordern. Das ist aber sicher nur ein Aspekt.
Mir hat das Essay der Autorin jedenfalls sehr gefallen. Es ist kein fundamentales Theoriewerk, eher eine Art Tagebuch – ein Tagebuch der eigenen Verzweiflung, die ich so sehr teile – teilen muss, leider.
Neben gegenwärtigen reaktionären, anti-progressiven Entwicklungen greift sie auch ein historisches Beispiel auf, den Historikerstreit, in dem sie für meine Begriffe hervorragend aufzeigt, wie man damals mittels angeblich neutraler Wissenschaftlichkeit bisher als notwendig erachtete gesellschaftliche Konventionen in Frage stellt.
Und dann kann sie einfach auch sehr gut, anschaulich und griffig schreiben.
10 / 10 Punkte
Frans Smit: „Gustav Meyrink. Auf der Suche nach dem Übersinnlichen“
Aus dem Niederländischen v. Konrad Dietzfelbingen
Was Biografien anbelangt, bin ich inzwischen von Gunnar Decker (Fühmann, Houellebecq) und Emmanuel Carrère (Ph. K. Dick) verwöhnt; mehr aus der Sicht der Erzählkunst, weniger wegen ihrer akademischen Exaktheit.
Die Meyrink-Bio hier ist da aus ähnlichem Holz: Biografisch mag sie stimmen, aber der Autor legt halt viel Wert auf die geistige-intellektuelle Verfasstheit Meyrinks, auf seine esoterisch-okkulte Entwicklung. Ich fand das sehr interessant und inspirierend. Nach der Lektüre glaube ich gern noch mehr, dass M. eben „nicht nur“ ein Phantast war, sondern wirklich die okkulten Themen, die er romanhaft darstellte, erforschte und bearbeitete. Ob die Ergebnisse seiner „Forschungen“ sinnvoll und ergiebig waren, sei dahingestellt.
Was den Schreibstil anbelangt, bleibt Smit weit hinter Decker und Carrère zurück. Dafür enthält das Buch sehr, sehr viele Zitate, vielleicht sogar zu viele, aber das macht die Lektüre authentischer. Für mich ist diese Bio auch wieder eine Verstärkung des Appells: Lies mehr Meyrink! Okay, mach ich.
8 / 10 Punkte

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