Gelesen Mai, Juni, Juli 2026 (1/2)
Helmut Krausser Helge Lange Adrian Daub
Oh, ich bin faul gewesen. Und jetzt hat sich was angesammelt. Die Leseliste hätte längst mal aktualisiert werden können. Also daher jetzt schnell der 1. von 2 Teilen für den Frühling und Sommeranfang.
Hermann Dreßler: „Im Banne des Grauens“
Edition Dornbrunnen – Kleine Dornbrunnen Bibliothek, 2026
Dank des umtriebigen und gewissenhaft ausdauernden Phantastik-Suchers, Lars Dangel können wir heute diese schöne, stimmige Horror-Novelle lesen. Es handelt sich um einen alten Autor, der zu Beginn des 20. Jahrhundert aktiv war. Seine Erzählungen erschienen meist in Zeitungen und sind heute nur schwer zu finden. Die Zeitungen sind oftmals nicht für die Ewigkeit gemacht worden und selbst Bibliotheksexemplare sind zerfallen. Das könnte aber echt schade sein, denn diese Erzählung hier macht sehr neugierig auf den Autor.
Die Story könnte so etwas wie eine Vorarbeit zu Dan Simmons „Terror“ sein. In diesem voluminösen Roman verbindet der Autor eine historische Arktis-Expedition mit (Natur-) Horror – wie Dreßler auch. Allerdings fasst sich Dreßler deutlich kürzer – was ich persönlich angenehm fand.
Eine Expedition ins Eismeer bleibt stecken und man wird vor Ort mit einem Ungeheuer konfrontiert, dessen man erst gar nicht ansichtig wird.
Das Tier (?) tötet und verschleppt zunächst einen Hund, dann aber auch Mannschaftsmitglieder. Die Bluttaten sind recht drastisch. Man findet dann ein Exemplar des vermeintlichen Monsters und es beginnt ein Rätselraten um die Natur dieses „Monsters“.
Bis zum Schluss bleibt das Grauen gegenwärtig. Ich fand die Story ansprechend und spannend, zudem erzählt der Autor ziemlich „modern“, das wirkt nicht angestaubt.
Ein Gutteil des dünnen Büchleins gehört dem Herausgeber, der bio- und bibliografischen Fakten zum Autor auf die Spur kam und dies in seinem Nachwort niederschrieb.
9 / 10
Helmut Krausser: „Wann das mit Jeanne begann“ (2022)
Ein richtiger phantastischer Roman, auch wenn es nicht auf dem Buchdeckel steht – und vielleicht bei der Lektüre die Mainstream-Leserinnen verunsichern wird. Aber bei Helmut Kruasser muss man damit rechnen, überrascht zu werden. Was ja gut ist, so aus meiner Sicht.
Die Protagonisten sein keine Vampire – wird zumindest behauptet, aber… es gibt gute Gründe, daran zu zweifeln.
Es geht aber auch um kriegerische Frauen des Mittelalters, um Frauen, die Männerrollen übernommen haben (?) – gerade jetzt (Mai 2026) aktuell im Kino ist „Rose“. Der Roman kommt sozusagen 4 Jahre zu früh, aber jetzt habe ich ihn gelesen, und den Film im Kino gesehen. Die Frauen, die im Roman die Hosen anziehen – und das Schwert in die Hand, setzen sich auf sehr unterschiedliche Weise an Spitze der kriegerischen Männergesellschaft. Das erforscht einer der „Weißmagier“ (wie die Nicht-Vampire sich selbst nennen).
Am Ende werden noch ganz andere Geheimnisse aufgebaut und gelöst. Ich bin mit dem Roman nicht so im Reinen, wie mit dem, den ich im Vormonat von Krausser las. Aber er ist absolut faszinierend, vielseitig, interessant, auch spannend und hat superinteressante Figuren. Mehr auch hierzu im NEUEN STERN.
10 / 10 Punkte
Jurij Mamlejew: „Der Mörder aus dem Nichts“
Auf den Gedanken, das Buch jetzt zu lesen, brachte mich mein NEUER-STERN-Kollege Bernd. Er las und rezensierte für den Rundbrief das Buch. Wow! Kam überraschend. Warum gerade jetzt? Muss ich ihn mal beim SF-Stammtisch fragen.
Auf jeden Fall hat er mich damit „angesteckt“. Mamlejew hatte ich ja schon vor einigen Jahren gelesen, aber nicht dieses Buch, das als sein wichtigstes gilt. Das gab es „damals“ auch nicht, war für mich nicht verfügbar. Die anderen, die ich damals von ihm – ersatzweise – las, hatten mich nicht so richtig überzeugt. Jetzt kam ich aber an das Buch heran; mitunter bekommt es für einen vernünftigen Preis antiquarisch.
Und? Nun ja, ist schon finster! Die nihilistischen, egomanischen, egozentrischen Typen, die hier die „Helden“ sind, sind im Grunde unerträglich. Von den Verhältnissen, die beschrieben werden, will ich erst gar nicht anfangen. Die Tristesse und der Unrat, die ggf. Metaphern darstellen, für den gesellschaftlichen Zustand der Sowjetunion, wie sie der Autor empfunden haben muss, kommt sehr überzeugend zum Ausdruck. Und von einer „entwickelten sozialistischen Persönlichkeit“, vom „neuen Sowjetmenschen“ ist überhaupt nicht die Rede und wenn man diese Utopie, diese Wunschprojektion als Maßstab heranzieht, kann man nur entsetzt den Kopf schütteln.
Um was es bei diesem „Mord aus philosophischer Neugier und perverser Lust“-Roman geht, kann man gern übrigens in Bernds Rezi im NEUEN STERN nachlesen. Ich hatte schon überlegt, ob ich auch noch „meinen Senf“ dazugebe; mal sehen…
Ein Blick ins Herz der Finsternis – extrem dunkle 8 / 10 Punkte
Adrian Daub: „Was das Valley herrschen nennt“
Jetzt habe ich wohl alle „Daubs“ durch. Das neue Buch von ihm ist im Grunde eine Weiterschreibung des „Was das Valley denken nennt“. Es knüpft inhaltlich an, stellt aber ähnlich ideologische und eher theoretische Grundlagen der neurechten KI-Technokraten dar. Aber jetzt haben sie ja teilweise auch Regierungsverantwortung und das kommentiert der Autor natürlich auch.
Habe noch mal zusammenfassend anschaulich über die diversen Protagonisten dieser Entwicklung lesen können. Was mich als SF-Fan natürlich besonders interessierte, ist deren Bezug auf SF und Fantasy und die Erkenntnis, wie unterschiedlich man doch Literatur lesen und „nutzen“ kann.
9 / 10 Punkte
Thomas Brussig: „Das gibts in keinem Russenfilm“
„Es war ein Junge und sie nannten ihn Thomas“ (geb. 19.12.1964) – tja, soll ich jetzt schreiben, das ist ein Buch über mich? (Beim Geburtstag hat sich der Autor aber um ein paar Tage vertan, na, kann schon mal passieren.) So beginnt das Buch (nach einem kurzen Vorwort). Und so ganz persönlich hat es mich damit schon eigefangen. Aber das ist natürlich ein sehr individueller, persönlicher Grund.
Die Autorbiografie des Autors/Erzählers – also, ich gehe mal davon aus, dass sie bis kurz vor der „Wende“ durchaus sehr autobiografisch ist – ist aber dann doch so anders als meine, der ich ein Zeitgenosse bin. Beim Lesen dachte ich, dass er das Erlebte, von dem ich später erst hörte und erfuhr (Dissidentisches, Indie-Kulturszene in der DDR) und von dem ich dann dachte, dass ich da vielleicht was verpasst habe. Aber so ein Gedanke ist natürlich müßig, denn ich war eben anders als die Figur in bzw. der Autor des Buches und hatte mein eigenes Leben.
Irgendwann ist die Realität, die uns der Autor hier erzählt, eine ganz andere als die die wir kennen. Ein Alternativ-Welt-Roman, reinsten Wassers, aber irgendwie doch an der Autorbiografie des Autors dran. Absolut genial, das Teil; bin sehr begeistert, auch wenn der „Schelmenroman“ mitunter eben auf Pointen ausgerichtet ist, gern auch auf herzliche Lacher, aber auch auf sehr viel Überlege3nswertes. Und raffiniertes Spielen mit der Realität, wenn er bekannte Persönlichkeiten aus Politik und Kultur der nahen „eigentlichen Nachwende-) Vergangenheit ins Spiel bringt. Der Autor lehnt sich dabei durchaus etwas aus dem Fenster – okay, ist ja alles von der Kunstfreiheit gedeckt. Und es ist nicht gewiss (mir), ob die Wertungen, die die Figur hier im Roman vornimmt, wirklich die des Autors sind. – ein paar Leutchen kommen sehr gut weg, andere weniger.
10 / 10 Punkte
Helge Lange: „Tiefgang“
Edition SOLAR-X 2026
Kleine und sehr feine phantastische Erzählung, die uns hinab unter die Erde entführt. Eine Gruppe neu eingestellter Arbeitnehmer wird auf eine Tour in den Untergrund geschickt. Warum? Keiner weiß es, auch nicht von wem…
Da „unten“ begegnet die unfreiwillige Abenteurergruppe verschiedenen Kommunen, Künstlern, Alchimisten etc. Das hat was von „2033“, aber ohne die politischen, gesellschaftskritischen Implikationen. Aber dennoch unterhaltsam und rätselhaft genug. Hat mir gefallen! (Etwas mehr im NEUEN STERN)
9 / 10 Punkte

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