Jahresrückblick 2025: November
Jahresrückblick
Hier kommt der vierte Teil meines Lektüre-Jahresrückblicks. Da der November, bedingt durch meinen Lese-Urlaub, wieder ziemlich voll geworden ist, ist mein viertes Quartal, wie gewohnt, nur einen Monat lang, und der Dezember folgt separat.
Beschäftigt haben mich diesmal vor allem römische Literatur (Terenz, Seneca und stoische Philosophie) und Kleinverlags-Phantastik. Außerdem gab es ein paar Horror-Klassiker und Krimis (indianisch und lokal) sowie etwas über Helgoland und über Quastenflosser-Forschung. Viel Spaß damit!
Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.
November
Terenz: Adelphoe - Die Brüder. Lateinisch-Deutsch (Reclam)
Ich setze meine im Oktober begonnenen Terenz-Lektüre fort. Die Komödie über ein Brüderpaar, das sehr ungleich erzogen wird, geht erneut auf eine Vorlage des griechischen Dichters Menander zurück und liegt hier in einer schönen zweisprachigen Ausgabe mit Anmerkungen, Literaturhinweisen und Nachwort vor. Es geht um zwei Brüder Ctesipho und Aeschinus. Ctesipho wird von seinem Vater Demea ziemlich streng erzogen, der Bruder Aeschinus hingegen wurde an den Onkel Micio übergeben, der eher großzügig und locker mit seinem Adoptivsohn umgeht. Immer wieder diskutieren Vater und Onkel über ihre unterschiedlichen Erziehungsmethoden.
Die beiden jungen Männer haben sich verliebt. Aischinus in ein junges Mädchen namens Pamphila, das er vergewaltigt und schwängert, Ctesipho in eine Kitharaspielerin, die zu gewinnen ziemlich kompliziert ist. Sein Bruder kann sie einem Kuppler rauben, woraufhin der Eindruck entsteht, er selbst sei scharf auf das Mädchen. Es gibt Verwechslungen, ein ständiges Hin und Her und die Klärung der Frage, wer denn nun zu wem gehört. Am Ende gibt es aber zwei glückliche Paare und einen Vater, der sich zur Großzügigkeit gegenüber seinem Sohn bekehrt. Schon die zweite Komödie, in der ein Mädchen vergewaltigt wird und danach den Mann heiratet und glücklich mit ihm wird. Komische Vorstellung von Komödie.
Spuk im Weltraum. Marburg Award 2025
Die Storys zum Marburg Award. Erneut ein sehr schöner, liebevoll gestalteter Sammelband mit den zum Wettbewerb eingereichten Geschichten und passenden Illustrationen. Diesmal von den Genres her nicht so breit aufgestellt wie sonst. Bei einem Thema wie "Spuk im Weltraum" sind auch weniger Fantasy-Storys oder Märchen zu erwarten. Gespenster, Aliens, Seelen verschollener Raumfahrer, Bordrechner und KIs spuken in Raumschiffen und Wracks, auf Stationen oder auf fremden Planeten. Größtenteils gute Geschichten, aber ich fand den Band diesmal trotz der Vielzahl der Autoren etwas monoton, das Thema war offenbar doch etwas zu konkret für große Überraschungen und großen Reichtum an Variationen.
Iva Moor: Das Lied der Tollpatsche
Fünf Geschichten aus dem Herbstgebirge, aus der Welt eines liebenswerten Volks, das sich Dappen nennt. Die erste Story erschien bereits in einer Anthologie, doch die Autorin merkte wohl ziemlich schnell, dass in diesem Völkchen mehr steckt. Die erste Geschichte erzählt von einem Fest, zu dem sich die unterschiedlichsten Völker treffen. Auch die junge Erle Zapf ist mit ihrer Familie angereist. Die Dappen wollen hier etwas vorsingen. Außerdem hat Erles Vater vor, einen Mann für sie zu finden. Doch darauf hat Erle keine Lust. Als dann ihr kleiner Bruder in eine brenzlige Situation gerät, kann Erle zeigen, was in ihr steckt.
Die zweite Geschichte handelt von einer jungen Albin, deren Bruder sich in einen Nachtalb verwandelt und über sie herfällt. Es geht um das Verhältnis von Alben zu Nachtalben, um Blut und darum, wie die berühmten Belrohil-Stoffe ins Land der Dappen und Nachtalben gelangten. Teil drei ist dem Dappenmädchen Leia Zapf und den Vorbereitungen für ein besonderes Fest gewidmet. Es geht um einen Baum mit Lichtern. Im vierten Text geht es um die Kunst der Handarbeit, das Sticken und Spinnen mit Belrohil, in dem es die Dappen zu einer wahren Meisterschaft gebracht haben. Und um einen Jungen, der sich in der alten Kunst bewährt. Im letzten Kapitel geht es um eine dappische Tradition: Leia soll ihre Maidenweihe erhalten und benötigt dazu ein besonderes Kleid.
Eine schöne Sammlung mit lesenswerten Geschichten, in der Probleme bewältigt werden, die nicht nur Dappen betreffen. Angenehm zu lesen und im praktischen Hosentaschenformat. Sehr schön gestaltet.
Terenz: Andria. Lateinisch-Deutsch (Reclam)
Zweisprachige, kommentierte Ausgabe. Das Nachwort gibt auch einen gerafften Überblick über die gesamte römische Komödienliteratur. Andria ist das dramatische Debüt des Terenz. Auch hier hat er sich bei Menander großzügig inspirieren lassen. Es geht um eine Intrige, bei der ein pfiffiger Sklave hilft. Vater Simo will seinen Sohn Pamphilos hereinlegen und täuscht vor, ihn verheiraten zu wollen. Wenn Pamphilus das väterliche Gebot nicht erfüllt, soll er bestraft werden. Hintergrund ist, dass Pamphilos ein Verhältnis mit der Nachbarin Glycerium hat, von dem der Vater Wind bekam. Sie ist inzwischen von ihm schwanger und steht kurz vor der Niederkunft. Doch Pamphilus steht treu zu seiner Freundin. Es gibt eine Menge Verwechslungen, Täuschungen und Gegentäuschungen, ein Hin und Her um das Baby, schließlich stellt sich noch heraus, dass Glycerium eine verschleppte Tochter eines Freundes von Simo ist, also eine Freie. Schließlich gibt es ein Happy End, und die Liebenden dürfen heiraten. Bisher eine der verschlungensten Komödien von Terenz, die ich gelesen habe. Sehr sorgfältig gebaut, hat Spaß gemacht.
Monika Grasl und Asmodia Tear: Die Rache der Baba Jaga
Rasputin, einmal anders. Düstere Träume quälen den Magier am Zarenhof: Er sieht den Tod der Zarenkinder voraus. Wer schickt ihm diese qualvollen Träume? Eine Person aus seiner Vergangenheit? Endlich kommt er zu dem Schluss, dass es die Baba Jaga sein muss, die ihn nachts mit diesen furchtbaren Traumgesichten heimsucht. Denn sie hat mit ihm noch eine Rechnung offen.
Es wird eine Reise in die Vergangenheit, der sich Rasputin stellt. Erinnerungen an die Zeit, als er noch ein kleiner Junge war, Sohn eines Trunkenbolds, geschlagen, halb verhungert, immer auf der Flucht und als Bastard beschimpft. Sein Leben änderte sich, als die Baba Jaga ins Dorf kam, um ihn abzuholen. Sein Vater hat ihn verkauft.
Als Schüler der Baba Jaga beginnt Rasputin ein neues Leben, lernt Magie und all das, was ein Meister der schwarzen Kunst wissen muss. Doch dann kitzelt Rasputin der Ehrgeiz, eine geheimnisvolle Stimme ruft ihn an den Zarenhof, als Heiler für den schwer erkrankten Kronprinzen. Und statt die Traumwanderung zu lernen, flieht Rasputin aus der Hütte der Baba Jaga.
Nun also ist sie wieder da. In Gesprächen mit den Zarenkindern - besonders zu Anastasia pflegt er ein sehr inniges Verhältnis - erzählt er von seiner Vergangenheit, spricht von den drohenden Gefahren, schließlich muss er sich der Hexe stellen ...
Ein sehr interessanter, literarischer Roman, düstere Fantasy vom Feinsten, die durch die unterschiedlichen Erzählebenen - Träume, Visionen, Gedankenstimmen, Rückschau auf die Kindheit, ungeheuer vielschichtig wirkt. Spannend, dunkel, bedrohlich, gleichzeitig gut geschrieben und sehr angenehm zu lesen. Ein dickes Lob auch für das von D. Klewer gestaltete Titelbild, das in düster-dramatischen Grün-Blau-Tönen eine windschiefe, bemoste Baba-Jaga-Hütte auf einem halbverwitterten Baumstamm zeigt, bewacht von einem unheimlichen, sich am Himmel abzeichnenden Augenpaar. Beeindruckend.
Terenz: Heautontimorumenos - Einer straft sich selbst. Lateinisch-Deutsch (Reclam)
Erneut ein Stück, dessen Vorlage Menander lieferte, dessen Text ist jedoch nicht erhalten. Es geht um einen Vater, der seinen Sohn dazu gebracht hat in den Krieg zu ziehen. Letzterer hatte sich in ein Mädchen verliebt, war aber von seinem Vater derart heftig niedergemacht worden, dass er wegging und Soldat wurde. Nun quält sich der Vater selbst, bürdet sich die härtesten Arbeiten auf und schuftet auf seinem Landgut wie der elendeste Sklave, um seine Härte gegen den Sohn zu sühnen. Es gibt noch einen weiteren Vater und einen verliebten Sohn, dazu wie in den "Brüdern" Diskussionen um Erziehungsprobleme. Klar, dass am Ende dann doch nach einigen Verstrickungen eine Doppelhochzeit gefeiert werden kann. Nette Geschichte, gut geschrieben, vor allem der intrigante Sklave, der am Ende für seine Streiche begnadigt wird, macht Spaß. Ansonsten ist die Komödie bekannt durch ein Zitat, das zum geflügelten Wort wurde: “Homo sum, humani nihil a me alienum puto” - „Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd“.
F. T. Bock: Durch die Zeit reisen und in Ärsche treten
Manche Bücher kauft man sich einfach wegen des Titels. Die Geschichte ist aber auch nicht schlecht. Sie erinnert in der Ausgangssituation ein wenig an "Per Anhalter durch die Galaxis". Ein Typ namens Desmond will eigentlich nur in den Pub, als plötzlich Sachen und Wesen in seinem Dorf auftauchen, die nicht in die Gegenwart gehören, wie Dinosaurier und Nazi-Bomber. Und genau so plötzlich stellt sich heraus, dass sein Freund Winston, den er eigentlich für einen ziemlich normalen Menschen gehalten hat, in Wirklichkeit ein Zeitreisender ist.
Irgendwas ist nicht in Ordnung mit der Zeit, und so springen Desmond und Winston durch verschiedene Epochen, um die Anomalien und Anachronismen zu stoppen und die Zeitlinie zu retten. Was gar nicht so ungefährlich ist. Denn hier ist eine gefährliche Organisation am Werk, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Zeitreisen zu stoppen. Dies kann Zeitreisende schon mal das Leben kosten oder ihnen zumindest die Heimkehr unmöglich machen. Denn die Gruppe, angeführt von einem hasszerfressenen ideologieverseuchten Hardliner, zerstört jede Zeitmaschine, derer sie habhaft werden kann - was jedes Mal neue und schlimmere Anachronismen hervorruft. Ob auf dem Turm von Babylon oder unter römischen Gladiatoren in der Arena, Desmond und Winston geraten von einer brenzligen Situation in die nächste. Schließlich stranden sie sogar ohne Chance auf Rückkehr im Nirgendwo. Nein, durch die Zeit zu reisen und in Ärsche zu treten, ist zumindest für die Helden dieses Buches nicht lustig. Für die Leser natürlich schon. Ich habe mich jedenfalls köstlich amüsiert.
Terenz: Phormio. Lateinisch-Deutsch (Reclam)
Wieder eine Komödie, die auf eine Vorlage zurückgeht, diesmal von Apollodoros, das Original ist jedoch verschollen. Phormio, der Titelheld, ist ein gewitzter Schmarotzer, der sich im Stück als Arrangeur zweier Hochzeiten für seine Freunde und Gönner hervortut.
Es geht um zwei junge Männer, die sich verlieben und die Mädchen heiraten wollen. Aber die Väter, zwei Brüder, sind abwesend und würden ihre Zustimmung zu den beiden Ehen nicht geben. Denn Phaedria liebt eine unfreie Lautenspielerin, Antipho hat sich zwar in eine Freie verliebt, seine Phanium ist jedoch ein Waisenkind und hat kein Geld. Phormio regelt die Sachen dreist und kriminell. Er betätigt sich als Urkundenfälscher und legt vor Gericht Papiere vor, die beweisen, dass die arme Waise mit Antipho nahe verwandt ist. Und einem alten attischen Gesetz zufolge muss eine Waise vom nächsten Verwandten geheiratet werden. Das Gericht entscheidet demnach knallhart, dass Antipho seine Phanium heiraten muss. Ein Urteil, dem er sich nur allzu gern beugt. Phormio deichselt auch die Geschichte mit Phaedria und der Harfenspielerin und der nötigen Kohle für den Kuppler. Als Phaedrias Vater nach Hause kommt, ist er stinksauer, denn er hatte bereits eine Ehe für seinen Sohn arrangiert. Der Sohn soll eine "natürliche Tochter" seines Onkels heiraten. Ratet mal, wer diese natürliche Tochter ist. Richtig, Phaedria hat sich genau in das richtige Mädchen verliebt.
Die Geschichte hat mir von allen am besten gefallen, vielleicht auch, weil ich hier nichts so oder so ähnlich schon mal Gelesenes vorfand. Das Original ist ja verschollen, und auch die Ausgangssituation ist ja eine etwas andere. Und der entschlossene und in seiner Dreistigkeit irgendwie auch liebenswürdige "Beziehungsmanager" Phormio ist schon ein ausgesprochen interessanter Charakter. So, damit bin ich mit den Reclam-Ausgaben der Terenz-Komödien durch. Was mir noch fehlt, ist die sechste, "Hecyra - Die Schwiegermutter". Vielleicht finde ich im nächsten Jahr noch eine gute Ausgabe.
Plüschies alive
Was passiert im Kinderzimmer, wenn die Menschen nicht zusehen? Die uralte Menschheitsfrage hat schon zahlreiche Teddybären-Abenteuer und Puppen-Dramen hervorgebracht. Nun hat der Leseratten-Verlag mit seiner neuen Anthologie "Plüschies alive" neues Licht ins Dunkel gebracht und zeigt, welche Tragödien und Verbrechen, aber auch herzergreifende Szenen von Liebe, Heldentum und Opferbereitschaft sich dort im Verborgenen abspielen. 16 Autoren erzählen in ihren Beiträgen über die geheime Welt der Stofftiere. Wir begegnen klugen Detektiven und Privatschnüfflern, die die kleinen oder großen Mordfälle im Kinderzimmer aufklären, und fiesen Karrieristen, die in der Gunst ihres Kindes aufsteigen wollen, indem sie ihren Konkurrenten das Kuschelfell mit Klebstoff oder Bonbons verkleben. Wir treffen auf eitle Puppen, auf das heldenhafte "B-Team" im Action-Einsatz, auf Neulinge, die noch nicht wissen, wie der Hase läuft. Der Leser erfährt etwas über das Bankwesen im Kinderzimmer und darüber, dass Watte die härteste Währung der Welt ist. Abenteuerliche Rettungsaktionen und die Suche nach verschollenen Freunden zeigen, dass kleine Plüschtiere an Heldenmut und Einsatzbereitschaft den großen Helden der Hollywood-Blockbuster in nichts nachstehen. Aber gegen Panik ist keine Stofftier-Gemeinschaft gefeit, wenn die Mutter eines Tages das gefürchtete "Wort mit A" ausspricht. Aussortieren. Ein Kampf auf Leben und Tod beginnt.
Das Buch ist eine zauberhafte Liebeserklärung an die eigene Kindheit - voll Herz und Humor, ernsthaft und parodistisch, aber immer zum Knuddeln. Ein dickes Lob geht an Holger Much für das Cover. Unfassbar, wie viele unterschiedliche Teddybären einem da entgegenblicken. Dschungelkämpfer, Kettensägenmassaker-Brummis, schwer bewaffnete Kuscheltiere, die mit Klo- und Zahnbürste, Uhu- oder Ketchup-Flasche und grimmigem Gesicht, deutlich machen, dass sie zu allem bereit sind, um sich gegen Knuddelattacken zu verteidigen. Einfach zum Umarmen.
Edgar Allan Poe: Die schwarze Katze (+Der Untergang des Hauses Usher) (Reclam)
Zufallsfund in meiner Lieblingsbuchhandlung. Es gibt ja leider wenige Buchhandlungen, die noch ein Reclam-Regal haben.
Poe erzählt die Geschichte eines Mannes, der wegen Mordes an seiner Frau zum Tode verurteilt worden ist. Der Ich-Erzähler versucht zu erklären, was passiert ist. Angefangen hatte alles mit einer Katze, mit der er sich auch gut verstand, bis er in seiner Trunksucht dem Tier mit dem Messer ein Auge ausstach. Alkohol, Schuldgefühle und ein offenbar langsam wachsender Wahnsinn treiben ihn dazu, das Tier später aufzuhängen. Eine neue Katze kommt ins Haus. Das Tier gerät dem Mann auf der Kellertreppe zwischen die Füße, der wird sauer, will es mit der Axt erschlagen, doch seine Frau fällt ihm in den Arm, um die Katze zu retten. Woraufhin sich die Wut des Mannes auf die Frau entlädt. Wohin mit der Leiche? Er mauert sie im Keller ein. Als mehrere Tage später die Polizei zu ihm ins Haus kommt, verrät ihn jämmerliches Katzengewimmer aus der Wand - er hatte die Katze versehentlich mit eingemauert. Böse, rabenschwarz, hat mich echt angefasst.
Als zweite Geschichte ist der deutlich längere "Untergang des Hauses Usher" mit abgedruckt. Eine Geschichte, die ich in den 90ern schon mal für ein Seminar über Horrorliteratur lesen "musste". Interessante psychologische Studie über eine Adelsfamilie, in der über Jahrhunderte hinweg immer nur ein einziger Erbe überlebt hat, sodass es nie Seitenlinien gegeben hat. Nun sind nur noch der letzte Sohn und seine Schwester da. Ein Freund des Sohns erlebt das Verlöschen seines bleichen, schwächlichen, anämischen Freundes mit. Kurz zuvor war schon dessen Zwillingsschwester in die Familiengruft gebracht worden. Allerdings - sie war nur scheintot. Als sie plötzlich blutüberströmt vor dem Bruder steht und sich sterbend auf ihn wirft, tötet ihn der Schock. Der Ich-Erzähler flüchtet aus dem Schloss und sieht beim Blick zurück, wie das alte Gemäuer in sich zusammenfällt. Sehr eindrucksvoll, zu Recht ein Klassiker.
Hendrik Thomsen: Irrlicht. 1: Absturz
Stefan Kruecken: Das muss das Boot abkönnen
Eine hysterische Zeit, Unsicherheit, Hass, Hetze und Häme allenthalben. Wo sind die Ruhe, der klare Blick, der Anstand und die Zuverlässigkeit geblieben? Auf der Suche nach Orientierung und Haltung können wir von Schiffskapitänen etwas lernen, ist Stefan Kruecken überzeugt. In seinem Buch stellt er Männer vor (ja, ausschließlich Männer), die im Sturm den Überblick behalten, Boot und Mannschaft durchbringen und sich nicht vom allgemeinen Geschrei beeindrucken lassen. In Anekdoten und Erlebnisberichten stellt er Vorbilder für Verantwortung und Vertrauenswürdigkeit vor, von deren Entscheidungen Leben und Gesundheit ihrer Mannschaft abhängen und die sich in manchen Krisensituationen bewährt haben. Ein Modell für Politik und Gesellschaft? Kruecken jedenfalls wünscht es sich und stellt die Vorbildfunktion dieser Kapitäne heraus, die im Sturm ihr "Dienstgesicht" aufsetzen, auch wenn ihnen der Hintern tausendmal auf Grundeis geht, die einfach nur Klarheit und Sicherheit ausstrahlen und ihr Boot durchbringen. Wobei der Autor die Angehörigen dieses Berufsstandes durchaus nicht komplett verklärt und glorifiziert. Einige schwarze Schafe und katastrophale Stelleninhaber hat es durchaus gegeben, so erinnert er an die Havarie der Costa Concordia, bei der der Kapitän nicht nur leichtsinnig und unfähig agierte, sondern auch als einer der ersten von Bord flüchtete. Lesenswertes Buch, aber ich schätze, Kapitän wird man nur auf See, und Haltung erwirbt man nicht aus Büchern, sondern im Sturm. Trotzdem sehr anregend.
Selma Lagerlöf: Die Geisterhand (Reclam)
- Die Geisterhand
- Die Rache bleibt nicht aus
- Eine Geschichte aus Halstanäs
- Vineta
Schon das zweite Lagerlöf-Buch, das ich dieses Jahr lese. Die zweite große schwedische Schriftstellerin hat auch im Bereich der unheimlichen Geschichten einiges zu bieten. Der vorliegende Band enthält vier fein komponierte, ausgesprochen elegante Erzählungen. Die Titelgeschichte handelt von einem besonderen Spuk, der in der Familie einer jungen Braut immer wieder auftritt. Wenn im "Gespensterzimmer" jemand beim Kartenspielen betrügt, legt sich eine Hand auf den Tisch, eine uralte Hand mit Diamantring und Spitzenärmel, und deutet mit dem Finger schweigend auf die unkorrekt abgelegte Karte.
Nun sitzt die Braut im Zimmer und schreibt einen Brief an den Bräutigam. Doch als sie die Worte "Mein gel..." schreibt, legt sich die Geisterhand auf den Brief. Die Frau ist vollkommen verstört. Ja, sie hat "falsch gespielt". Sie liebt den Mann nicht, sie wollte ihn nur heiraten, um von zu Hause wegzukommen, gesteht sie ihm, vom schlechten Gewissen getrieben. Der Mann ist schockiert. Aber hochanständig. Er nimmt den Ring tiefbetroffen wieder an sich, spricht danach so verständnisvoll und tief ergriffen mit ihr, dass das Mädchen sich nun doch in ihn verliebt. Eine neue Verlobung ist die Folge.
Meine Lieblingsgeschichte im Buch ist "Die Rache bleibt nicht aus". Eine Geschichte über eine Frau, die manchmal übernatürliche Eingebungen hat. Aufgrund einer solchen Eingebung verlässt sie das Haus und findet im Wald drei halbverhungerte und fast erfrorene Männer, die sie in ihr Haus aufnimmt und wieder aufpäppelt. Der arrogante Pfarrer des Ortes will aber nichts davon wissen, dass die Frau eine gute Tat vollbracht hat und ein Wunder erfuhr. Er beschimpft sie als böses Trollweib. Pah, dabei hat der Pfarrer seinen eigenen Wohlstand eigentlich nur ihr zu verdanken. Die Frau erzählt ihren Bekannten und Nachbarn, wie es zuging, als sie damals die Geister austrickste und seinen verstorbenen Bruder dazu brachte, ihr zu verraten, wo er seinen ganzen Reichtum versteckt hatte. Dankbarkeit zeigte der Pfarrer, obwohl er es versprochen hatte, nicht. Dafür ereilt ihn nun die Strafe. Denn am nächsten Tag findet man den Pfarrer erschlagen vor. Die drei Landstreicher, die die Geschichte vom Schatz mit angehört hatten, haben ihn erschlagen und ausgeraubt. So schnell kann es gehen.
Die Geschichte von Halstanäs erzählt von einem Dummejungenstreich eines heute wohlhabenden Menschen, der sich als feuriger Geisterreiter verkleidete und die Leiche einer armen Frau stahl. Ein Freund träumt bei einem Besuch auf dessen Landgut von einem Mann mit Stiernacken, platter Nase, Schweinsaugen und einer blutigen Hand. Wenig später sieht er genau diesen Mann unter dem Gesinde seines Freundes und rät ihm dringend, ihn zu entlassen. Vergebens. Ein Jahr später erhält er die Nachricht, sein Freund sei erschlagen worden. Von dem Mann mit Stiernacken, platter Nase und Schweinsaugen.
Die Geschichte "Vineta" schließlich spielt in Visby. Im Mittelpunkt steht ein Mädchen, später eine Frau von etwas schlichtem Gemüt. Ein Engländer, der per Schiff angereist ist und unterwegs mit dem Steuermann Freundschaft geschlossen hat, entdeckt bei einem Spaziergang durch die Stadt die rätselhafte Frau und verliebt sich in sie. Nach und nach erfährt er ihre Geschichte, in der sein Freund Tom eine nicht unbedeutende Rolle spielte.
Vera ist dumm, aber lieb und treu und vergöttert schon als kleines Kind den gleichaltrigen Tom. Tom kann ihr so gut wie alles einreden und macht sich manchmal auch einen Jux daraus. Doch Vera folgt ihm mit aller Hingabe. Und er macht wirklich böse Scherze mit ihr. Etwas Liebe ist aber auch im Spiel. Doch als Tom, der Seemann geworden ist, von einer Fahrt zurückkehrt, hat man sie an einen Schmied verheiratet. Der erleidet später einen Schlaganfall. Vera pflegt ihn, wie es ihre Pflicht ist. Schließlich lässt sich der Gelähmte von ihr ans Meer bringen, stürzt sich ins Wasser und lässt es so aussehen, als habe Vera ihn umgebracht. Doch Tom steht ihr bei, hilft ihr auch sich zu verteidigen, sodass sie vom Verdacht des Mordes freigesprochen wird. Und nun führt sie ihre wunderliche, etwas weltfremde Existenz ... Schließlich kann der Engländer sie für sich gewinnen.
Das hört sich jetzt etwas ungelenk an, ist aber sehr eingängig und atmosphärisch geschrieben. Eine sehr gediegene und berührende Textsammlung.
Andrea Tillmanns: Das Glück wohnt gleich nebenan
Liebeswerter und leichtfüßiger Roman über eine junge Frau, die ihren Job verliert und sich danach als Fotografin selbstständig macht.
Sandra hat die Schnauze voll. Als ihr cholerischer Arschloch-Chef ihr wieder mal die Hölle heiß macht, zieht sie die Reißleine und kündigt. Doch was nun? Beim Arbeitsamt kriegt sie zwar ein paar Adressen für Bewerbungen, aber das einzige Vorstellungsgespräch zeigt ihr ziemlich schnell, dass der betreffende Chef auch nicht gerade das Gelbe vom Ei ist.
In der neu gewonnenen Freizeit belebt Sandra ihr altes Hobby, die Fotografie, wieder. Sie hat ein besonderes Talent und einen großen Ehrgeiz, besondere, einzigartige Porträtfotos zu erstellen und die Fotografierten passend zu ihrer Individualität in Szene zu setzen. Ungewöhnliche Inszenierungen, besondere Locations, Schminke, Accessoires - über das alles macht sie sich sehr viel Gedanken, bis sie dann endlich das perfekte Bild eines Menschen geschaffen hat. Ihr Nachbar Leonard (gut aussehend, nett und ein engagierter Hobbykoch) gibt ihr den Tipp, in einer düsteren Kulturkneipe nach einer Ausstellungsmöglichkeit zu fragen, und tatsächlich: Sandra darf dort ihre besten Bilder aufhängen. Die Vernissage läuft gut, es gibt erste Bestellungen und Aufträge für Foto-Shootings. Dann will Sandra ein eigenes Geschäft eröffnen.
Die Geschichte ist ein wirkliches Gute-Laune-Buch. Leicht und unbeschwert kommt es daher, und trotz des von vielen gefürchteten Schicksals - Arbeitslosigkeit - herrschen hier die hellen Farben vor. Vielleicht läuft alles etwas zu glatt, im wirklichen Leben wäre Sandras Start in die Selbstständigkeit sicher etwas härter geworden. Die erste Ausstellung klappt. Der freundliche Herr vom Arbeitsamt bewilligt sofort die finanzielle Unterstützung für das neue Unternehmen. Es gibt Aufträge. Sandra knüpft, als sie ihren neuen Laden eröffnet, gleich Kontakte zu den Nachbargeschäften, und ein unattraktiver grauer Hinterhof, an dem diese Buden und Läden liegen, blüht auf und wird aus dem Dornröschenschlaf geweckt.
Von den im Klappentext angekündigten "Rückschlägen", die Sandra beim Weg in die Selbstständigkeit hinnehmen muss, habe ich im Buch nichts gefunden. Oder ist damit gemeint, dass sie nicht sofort eine zweite Location für eine weitere Ausstellung findet? Es läuft alles glatt und rund in diesem Buch. Vielleicht, weil Sandra als positiver Mensch eine solche Freundlichkeit ausstrahlt, dass ihre Gesprächspartner einfach etwas zurückgeben müssen. Und als Sandra sich, obwohl sie das überhaupt nicht will und es sich verboten hat, in Leonard verliebt, ist der freundliche Nachbar natürlich auch Feuer und Flamme. Dabei hatte Sandra Leonard eigentlich für "tabu" erklärt, als sie sah, dass ihre Nachbarin und gute Freundin Elke mit ihm flirtete. Neinnein, alles in Ordnung, versichert Elke. Sie habe nur demonstrativ mit Leonard geflirtet, um Sandra eifersüchtig zu machen und Sandra Liebe zu befeuern. So steht dem Traumpaar nichts im Wege, als sich Sandra in der Begeisterung über ihren neuen Laden vollkommen vergisst, Leonard umarmt und ihn küsst. Ein Happy End für ein freundliches Buch, nach dessen Lektüre es einem einfach gut geht.
Mariana Leky: Erste Hilfe
Ein Buch, das mir meine Lieblingsschwester geschenkt hat. Sie war so begeistert von "Was man von hier aus sehen kann" (das Buch mit dem Okapi), dass sie sich auch dieses Buch gekauft hat, mit dem sie aber irgendwie nicht warm wurde. Ich fand es gar nicht so schlecht.
Es ist der Erstling der Autorin. Sie schreibt über ein Trio aus drei eigentlich fast normalen Menschen, mit einigen liebenswürdigen Besonderheiten. Die Ich-Erzählerin ist Mitarbeiterin eines Zoogeschäfts und lebt zusammen mit Sylvester, den sie eigentlich schon kannte, bevor sie sich kennenlernten - Sylvester war nämlich auf einem Werbeplakat für eine Bank zu sehen. Die Dritte im Bunde ist Matilda, die den "größten Hund der Welt" besitzt und sich im Zoogeschäft ihr gekauftes Aquarienzubehör als Geschenk einpacken lässt. Matilda ist schüchtern, spricht nur sehr leise. Plötzlich entwickelt sie eine Angststörung: Sie traut sich nicht mehr, Straßen zu überqueren. Ein unangenehmes Handicap auf Wegen in der Stadt oder beim Gassigehen mit dem Hund. Immer wieder bleibt sie stehen, steht stundenlang am Straßenrand und traut sich nicht weiter zu gehen. Die beiden Freunde versuchen ihr zu helfen. Sie begleiten sie auf eine Odyssee durch verschiedene Psychiater- und Therapeuten-Praxen. Jeder hat andere, teilweise sehr skurrile Tipps und Behandlungsmethoden. Eigentlich ein ernstes Thema, aber Leky erzählt das Ganze federleicht und humorvoll, es ist mehr absurd-magischer Realismus als ein Problembuch. Glaubwürdig? Naja, Termine bei einem echten Psychiater oder Therapeuten zu bekommen, ist im realen Leben nicht gerade einfach, aber Matilda besucht in kürzester Zeit dutzendweise Fachleute. Egal, es ist ein Buch, das sich gut lesen lässt und gute Laune macht. Mir hat's gefallen.
Curt Bloch: Das Unterwasser-Cabaret
Schatten aus der Sonnenwelt
Der Verlag Torsten Low hatte mir bereits zwei sehr interessante Bände mit Phantastik aus Bulgarien beschert. Jetzt also spekulative Fiktion aus Griechenland. Und der Titel "Schatten aus der Sonnenwelt" ist tatsächlich Programm, es ist eine Sammlung der starken Kontraste, Licht und Schatten treffen aufeinander, und das nicht, um eine harmonische Dämmerung zu erzeugen. Enthalten sind zehn Geschichten von zehn Autorinnen und Autoren, die eine sehr große Bandbreite abdecken.
Es ist insgesamt eine Sammlung, die sich nicht einfach so nebenbei konsumieren lässt, keine gefälligen, netten Geschichten, man muss sich schon ein wenig hindurchbeißen. Was nichts Schlechtes sein muss. Besonders im Gedächtnis hängengeblieben ist mir die Geschichte "43 Minuten". Es geht um einen 13-Jährigen, der als Prostituierter arbeitet. Er ist hübsch, hat gutbetuchte Kunden und einen Chef und eine Organisation, die ihm Sicherheit gibt. Die wichtigste Regel für seine Arbeit: Vor der Tür des Kunden muss er eine Pille schlucken. Diese tilgt für die nächsten 42 Minuten sein Gedächtnis aus. Der Akt dauert jeweils 30 Minuten, so wacht er immer wohlbehalten im Auto seines Betreuers auf und erinnert sich an nichts. Ein gutes Gefühl, ein Gefühl der Geborgenheit. Doch eines Tages vergisst der Junge, seine Pille einzuwerfen, und erlebt einen Alptraum. Eine widerliche Vorstellung. Warum nur habe ich das Gefühl, dass so etwas gar nicht so weit hergeholt ist ...?
Ist die Geschichte repräsentativ? Eigentlich ist keine der zehn Geschichten repräsentativ für die neun anderen. Da geht es um einen Mann, der Schädel von toten Tieren auf der verseuchten Erde sammelt, damit aus ihrem Erbgut vielleicht dereinst die Arten wieder geklont werden können. Denn was wäre eine Welt ohne Delphine? Gefallen hat mir auch die Geschichte "Das Pendel von Karthago", in der es um eine junge Frau geht, die als Kind eigentlich Meerjungfrau hatte werden wollen. Nun ist sie Gefolgsfrau einer Verkünderín, zweite in der Hierarchie, und es gibt einige Probleme zwischen ihr und der Nummer eins. Eine ihrer Aufgaben: den letzten Worten eines Sterbenden zu lauschen.
Eine sehr vielschichtige Sammlung mit jeder Menge lesenswerter Geschichten. Abenteuerlich, düster, nachdenklich. Nur den Humor habe ich ein wenig vermisst.
Klaus Mann: Mephisto (Hamburger Lesehefte)
Warum soll man im Mann-Jahr auch nur den Thomas lesen? Den Mephisto hatte ich schon lange auf meiner To-do-Liste. Jetzt fiel er mir auf der Buchmesse in die Hände. Die Ausgabe enthält Anmerkungen und ein Nachwort, beides sehr hilfreich. Gewünscht hätte ich mir etwas größere Buchstaben, für eine alte Frau mit schwachen Augen ist es stellenweise etwas anstrengend.
Mann erzählt die Geschichte des Schauspielers Hendrik Höfgen, der in der Nazizeit Karriere macht und sich den Machthabern andient. Zu Weimarer Zeiten hatte er durchaus in kommunistischen und sozialistischen Kreisen verkehrt, doch damit ist jetzt Schluss, und er kennt seine früheren Freunde nicht mehr. Abgesehen von Otto, für den er sich zweimal verwendet. Aber Otto ist ein zu anständiger Mensch, um von seinem Engagement zu lassen, so stirbt er schließlich in den Fängen der SS.
Hendrik Höfgen dagegen macht Karriere. Seine Paraderolle ist der Mephisto in Goethes Faust. Er hat Göring begeistert, zählt sogar zum Freundeskreis des Ministers, und auch Goebbels protegiert ihn. Einmal trifft er Hitler. Da rutscht dem Schauspieler das Herz derart in die Hose, dass er vor lauter Angst gar nichts von dem herausbringt, was er eigentlich sagen wollte. Was seiner Karriere noch förderlicher ist als große Reden. Denn Hitler mag es, wenn Leute vor ihm Angst haben, ein mutiges Auftreten hätte Höfgen ins Abseits befördert.
Höfgen wird Intendant, erreicht Ansehen und Macht. Dunkle Punkte in seiner Vergangenheit, etwa die Liebe beziehungsweise Hörigkeit gegenüber einer schwarzen Tänzerin, bei der er Tanzunterricht nimmt, lässt sein Nazifreund Göring verschwinden. Allerdings wird es um Höfgen herum einsamer. Freunde hat er keine, dafür jede Menge Bekannte, die ihn fürchten und sich bei ihm einschleimen wollen. Seine Frau, Tochter eines humanistischen Bürgers, der bei den Nazis in Ungnade fiel, verlässt ihn und schließt sich in Frankreich dem Widerstand an. Künstlerisch ist er nicht mit sich zufrieden. Sein Hamlet gelingt ihm nicht, auch wenn ihn alle Leute loben. Als sein Freund Otto im SS-Knast zu Tode gefoltert wird, hat Höfgen nachts Besuch von einem Kommunisten, der ihm höhnisch Ottos letzten Gruß ausrichtet. Höfgen ist erschüttert. Sein Schlusssatz: "Was wollen die Menschen von mir? Warum verfolgen sie mich? Weshalb sind sie so hart? Ich bin doch nur ein ganz gewöhnlicher Schauspieler."
Spannende und fein beobachtete Künstlerbiografie, Darstellung eines Menschen, der unter den Nazis Karriere machte. Dass eine Inspirationsquelle für Klaus Mann Gustaf Gründgens war, wusste ich schon. Nicht aber, dass Gründgens mit Erika Mann, Klaus' Schwester, verheiratet war. Wobei der Autor betont, es ginge nicht um einen konkreten Menschen, sondern um einen "Typus". Ebenfalls neu war für mich die Verbotsgeschichte des Romans, der als Verunglimpfung Gründgens' verstanden wurde. Sehr interessante Lektüre, gutes Buch.
Andrea Tillmanns: Die Tage des Drachen
Kurzgeschichtenband mit Texten, die schon einmal erschienen sind, ein bisschen wie ein Wiedersehen mit alten Freunden. Es sind Geschichten aus der Storyolympiaden-Zeit, aus der Legendensänger-Edition, aus dem Elfenschrift-Sonderband "Rosa Elfen", aus der Geschichten-Stadt Saramee, aber auch drei Geschichten, die 2025 erstmals veröffentlicht wurden, eine davon erschien erstmals in englischer Sprache und liegt nun also auch in deutscher Übersetzung vor. Die Sammlung ist sehr vielseitig, Märchen und Erzählungen für Kinder wechseln mit Fantasy-Storys ab, Drachen und Hexen, Schwertkämpfer und Heilerinnen, Tänzerinnen, Zwerge, Elfen und frei erfundene Wesen erleben spannende Abenteuer oder gewinnen tiefere Einsichten.
Eine Besonderheit ist, dass auch ein Roman-Drittel abgedruckt ist, das etwa die Hälfte des Buchumfangs ausmacht. Es handelt sich um den Mittelteil des Demonwright-Romans "Der eiserne Thron", verfasst von drei Story-Olympioniken. Es gab damals "Arbeit zu gewinnen". Ich selbst war ein Jahr vorher an dem Versuch gescheitert, zusammen mit drei weiteren Olympioniken einen Roman zu schreiben. Das Team vom "Eisernen Thron" hatte es geschickter angefangen und die Handlung in drei Teile zerlegt, die zwar aufeinander aufbauen, aber auch separat lesbar sind, wie die jetzige Veröffentlichung unter Beweis stellt. Der Romanteil "Im Zeichen der Melgrim" erzählt von Thania, einer jungen Zwergin, die als Heilerin tätig ist. Eines Tages kommt Frett, halb Zwerg und halb Elf, schwer verletzt in ihre Praxis. Er hat herausgefunden, dass der König des Landes durch einen Gestaltwandler ersetzt wurde. Eine gefährliche Information, wie Thania bald am eigenen Leib erfährt.
Sehr schön ist die optische Gestaltung des Bandes. Das sehenswerte Cover, das einen sich in Spiralen windenden Drachen zeigt, und die Innenillustrationen zu den Geschichten stammen von Marlene Walkenhorst. Spannend, wie Titel und Autorenname sowie Klappentext in und um die Windungen des Drachen geschrieben worden. Also: Nicht nur ein Buch mit guten Texten, sondern auch ein echter Hingucker.
Johannes Anders: Erdaufstand (Neue Erde 2400, Band 1)
Start einer neuen Serie, die im Jahr 2382 spielt. Die Erde nach oder in der Klimakatastrophe. Schwülheiße Luft, der Meeresspiegel steigt, eine Roboterarmee schützt die Grenzen vor Klimaflüchtlingen. Eine Gruppe jugendlicher Umweltaktivisten namens "Erdaufstand" hat sich formiert, die Mitglieder tragen besondere KIs und werden für zahlreiche Anschläge verantwortlich gemacht. Samantha ist ein Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen und möchte sich der Bewegung anschließen. Ihre wohlhabende Freundin Kerstin, die eine leitende Funktion im Erdaufstand innehat, rüstet sie mit einer neuen KI aus und nimmt sie mit zu einer Aktion, es geht um einen Einbruch in ein Firmengebäude. Die Sache läuft gut. Zu gut. Zu spät erkennen die Jugendlichen, dass sie in eine Falle getappt sind. Alle bis auf Samantha kommen um. Samantha kann mit Kerstins KI flüchten. Spannend, spacig, aber leider gar nicht so weit hergeholt. Wird es im Jahr 2382 überhaupt noch Menschen geben?
Michael Stoffers: Die vergessene Destille von Helgoland
Johannes Anders: Miranda Wohlfahrt
Die Titelheldin ist eine talentierte Bilanzfälscherin. Ein ziemlich ungewöhnlicher Beruf für einen Helden eines SF-Romans. Und leider war sie dann doch nicht ganz so erfolgreich. Nun hat Chefdiplomat der Planetenunion Beweise gegen sie, und sie wird zwangsrekrutiert für den diplomatischen Dienst. Sie besucht unter anderem die Kaiserin eines Krakenvolks und erhält von dem extrem arroganten Wesen, das mit acht Gehirnen ausgestattet ist, eine Achtelaudienz, in der sie auf das Unflätigste beschimpft wird. Sie ist auf einem Diktaturplaneten zu Gast, bei dem jeder Besucher zur Begrüßung einen speziellen Halsreif angelegt bekommt. Was sie nicht ahnt, aber bald herausfinden wird: Bei jeder negativen Bemerkung über die Regierung und bei jedem Fluch sowie bei tausend weiteren "Vergehen" zieht sich der Ring ein Stückchen mehr zusammen. In einem Mönchskloster lernt sie jede Menge Selbstverteidigungstechniken, die sie später in einer Kampfarena sehr gut gebrauchen kann. Insgesamt besteht der Roman aus zwölf Episoden, die einzeln konsumierbar sind, aber auch miteinander zusammenhängen. So kehrt Miranda auch an den Ort ihrer folgenreichen Bilanzfälschung zurück. Spannend, schräg und ausgesprochen unterhaltsam. Eine Heldin, die Potenzial für einen Mehrteiler hat.
Tony Hillerman: Tanzplatz der Toten
Joe Leaphorns erster Fall: Ein Navaho-Cop ermittelt auf dem Gebiet der Zuni. Normalerweise hält er sich aus den Angelegenheiten des Nachbarstamms heraus, doch nun geht es um einen verschwundenen Navaho-Jungen, der sich sehr stark für die Zeremonien der Zuni interessiert und womöglich in seinem Eifer ein Tabu verletzt hat. Auch sein Zuni-Freund ist verschwunden. Und die gefundene Blutlache deutet darauf hin, dass der Junge ermordet wurde.
Die Ermittlungen gestalten sich auch dadurch schwierig, dass Zuni- und Navaho-Police nicht unbedingt vertrauensvoll zusammenarbeiten, und Joe das Gefühl hat, dass ihm Informationen vorenthalten werden. Tatsächlich war der Navajo-Junge tiefer in die Geheimnisse der Zuni-Zeremonien eingedrungen, als die Götter gutheißen könnten. Er hatte sich sehr eng an seinen Zuni-Freund angeschlossen, der bei der nächsten Kachina-Zeremonie einen der Götter verkörpern sollte.
Leaphorn ist ein zutiefst logisch denkender Mensch und lässt sich nicht von Flüchen oder Göttern ins Bockshorn jagen. Aber was hat es mit der in ein Kachina-Kostüm gekleideten Gestalt auf sich, die Leaphorn an der Hütte der Familie des Jungen beobachtet? Und welche Rolle spielen die archäologischen Ausgrabungen, die künstlerisch aufwändig hergestellte Pfeilspitzen einer geheimnisvollen alten amerikanischen Kultur ans Tageslicht fördern? Haben diese Menschen wirklich stundenlang an ihren filigranen Pfeilspitzen gearbeitet und sie, wenn nach vielen Stunden, einen winzigen Augenblick vor der Vollendung, die Spitze doch zerbrach, einfach den Stein gleichmütig fallen gelassen und sich einen neuen genommen?
Sehr schöner Ethno-Krimi, spannend und sachkundig geschrieben, mit viel Liebe zu den Navaho und einem guten Gespür für Erzähltempo.
Andreas Strutz: Mein Großonkel und ich
Ein Buch mit Geschichten und Informationen über Helgoland. Es geht um den zehnjährigen Conrad, der seinen Großonkel auf der Insel besucht und eine Woche lang von ihm Geschichten erzählt bekommt. Wobei "Geschichten" nicht unbedingt das richtige Wort ist, oft sind es einfach auch Erklärungen und Vorstellungen von Besonderheiten. Die Rahmenhandlung verteilt sich auf sieben Tage, dann muss Conrad wieder nach Hause. Themen sind unter anderem der Leuchtturm oder die Feuerbüse, das Projekt "Hummerschere", mit dem die Nazis Helgoland in einen riesigen Kriegshafen verwandeln wollten, die Lange Anna, die Robben, das U-Boot UC 71, das von der Mannschaft versenkt wurde, um es nicht den Engländern in die Hände fallen zu lassen. Der Titel "Mein Großonkel und ich" spielt natürlich auf den berühmtesten Helgoländer Schriftsteller an, James Krüss, der eines seiner bekanntesten Bücher "Mein Urgroßvater und ich" nannte. Der Verfasser ist sogar mit Krüss verwandt. Illustriertes Hardcover-Buch mit 66 Seiten, im Selbstverlag veröffentlicht und nur in einigen Geschäften auf der Insel zu haben. Ganz okay, wenn auch nicht der ganz große Wurf, einige Touristen und ihre Kinder werden es mit Gewinn gelesen haben. Allerdings hätte ein scharfäugiger Korrekturleser dem Buch gut getan.
Tony Hillerman: Blinde Augen
Navaho-Cop Joe Leaphorn hat gerade einen "alten Bekannten" verhaftet und will ihn in den Knast bringen, als er auf einen Raser aufmerksam wird. Der Versuch des Polizisten, das Auto zu stoppen, endet für ihn beinahe tödlich, denn der Fahrer eröffnet sofort das Feuer. Joe wird schwer verletzt und erinnert sich nur noch vage an das Gesicht des brillentragenden Fahrers und einen riesigen Hund, der im Auto saß.
Doch schon muss er wieder ran, um einen Mordfall zu lösen. Die einzige Augenzeugin, respektive Ohrenzeugin ist eine alte Frau mit Wahrsage- und Heilergabe, bei der das Mordopfer Rat und Hilfe suchte. Doch während sie draußen ihren Kopf in ein Loch steckte, um mit der Erde Zwiesprache über das Anliegen des Mannes zu halten, wird der Mann erschossen. Verwirrend der Satz, den der alte Mann zuvor geäußert hatte: Es sei jemand durch Sandbilder gelaufen. Da ist Joe ebenfalls ratlos. Denn bei den traditionellen Navaho-Zeremonien wird immer nur ein einziges Sandbild angefertigt, und dieses wird nach der Zeremonie wieder ausgelöscht. Sandbilder im Plural, das ist ein Widerspruch in sich. Langsam stellt sich heraus, dass der Tote Träger einer alten heiligen Überlieferung war. In seiner Familie wird von Generation das Wissen um eine Zeremonie weitergegeben, mit der man bei einer Zerstörung der Welt einen neuen Beginn einleiten kann. Magie und Spiritualität treffen auf kriminelle Energie und eine Banditenbande, die buchstäblich über Leichen geht. Hat mir gut gefallen.
Seneca: Briefe an Lucilius (Reclam)
Vollständige Ausgabe, kommentiert, mit Literaturauswahl und einem Nachwort. Solide Reclamqualität. 124 Briefe hat Seneca an seinen jüngeren Freund Lucilius geschrieben. Es geht um stoische Philosophie, Ethik und Ratschläge für ein glückliches Leben, oft gebunden an persönliche Erlebnisse und Lebenssituationen des Lucilius. Ein Buch, das guttut und einem tatsächlich leicht ums Herz werden lässt. Wie auch der "Blurb" auf dem Klappentext vermerkt. "Vergessen Sie moderne Glücksratgeber und lesen Sie Senecas Briefe an Lucilius" (Ferdinand von Schirach).
Es geht um das richtige Leben, um den Umgang mit Rückschlägen und Erlebnissen, die den gewöhnlichen Menschen niederschmettern, wie etwa Krankheit, der Tod geliebter Menschen, finanzielle Einbußen. Seneca ermahnt zur Gleichmut und dazu, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die wir als Mensch selbst in der Hand haben. Er spricht auch von Lehren anderer Philosophenschulen, warnt vor Scheinlogik und Wortverdrehereien rhetorischer Taschenspieler und gibt seinem Briefpartner oft als Schlusswort noch ein kleines Fundstück aus seiner eigenen Lektüre mit auf den Weg. Sehr erstaunlich, wie oft er den bei Stoikern gewöhnlich nicht im besten Ruf stehenden Epikur zitiert. Manchmal kommt er ein wenig altväterlich herüber, und heutige junge Menschen würden sich den belehrenden Tonfall vermutlich verbitten. Aber Lucilius wird es sich zur Ehre angerechnet haben, dass Seneca derart wohlwollend und väterlich mit ihm verkehrte. Auf jeden Fall eine außerordentlich lesenswerte Sammlung, in die man die Nase auch gut ein zweites oder drittes Mal hineinstecken könnte und sollte.
Alfred Ph. König: Die Galaxis steht offen
Die Lichtgeschwindigkeit ist nicht zu toppen? Eine Gruppe von Wissenschaftlern ist nicht überzeugt davon. Was wäre, wenn überlichtschnelle Raumflüge doch möglich wären? Fremde Galaxien wären erreichbar, andere bewohnbare Planeten gar nicht mehr so weit weg, vielleicht trifft die Menschheit sogar auf intelligentes, außerirdisches Leben dort draußen? In einem streng abgeschlossenen Institut arbeiten nun geniale Forscher an der Lösung dieses Problems. Und sie haben schneller Erfolg, als nach bisherigem Stand der Physik denkbar wäre. Erste Erfolge stellen sich ein. Aber das geheime Forschungsprojekt weckt auch Begehrlichkeiten. Zumal die dort entwickelten Geräte und Raumfahrzeuge durchaus auch in bewaffneten Konflikten auf der Erde eingesetzt werden könnten. Aktuell gibt es im Pazifikraum einen schweren Konflikt. Und kurz nach dem ersten großen Erfolg der Wissenschaftler - sie lassen einen Gegenstand schweben und teleportieren ihn über eine kurze Strecke -, explodiert in Australien eine Bombe, die offenbar auf die Superator-Technik des Instituts zurückgeht. Immer wieder schleichen Spione ums Institut, dringen in die Räume ein, oder andere Wissenschaftler werden als V-Leute eingeschleust. Es sind bei weitem nicht nur irgendwelche "ausländischen Mächte", sondern auch Kräfte im eigenen Land würden gern Hand auf die Technologie legen, Militär und Geheimdienste etwas würden diese ultimative Waffe gern in ihren Besitz bringen. Derweil machen die Forscher weitere Fortschritte. Auf den Start folgen weitere erfolgreiche Raumflüge. Die Galaxis steht offen. Und dann bekommen die Wissenschaftler Kontakt zu Wesen, die nicht von dieser Welt stammen.
Alfred Ph. König hat einen spannenden SF-Roman geschrieben, der ohne großes Techno-Gebabbel auskommt, sehr interessante Charaktere vorstellt und das Netz der zwischenmenschlichen Beziehungen im Institut sehr gelungen nachzeichnet. Die physikalischen Grundannahmen mögen bei Physikern ein Kopfschütteln verursachen, aber darauf kommt es ja nicht an. Die eigenen Aktionen der Wissenschaftler, wenn sie etwa entführte Kollegen suchen und befreien müssen, haben den Charme einer Olsen-Bande-Episode und lassen den Leser mitfiebern, ohne ihn durch hochwissenschaftliche Planungsarbeit zu überfordern. Hat mir gefallen.
Andrea Tillmanns: Tod im Wald der Engel
Ein Niederrhein-Lokalkrimi aus Neuss, der von einer Leiche auf der Ölganginsel handelt. Ich gestehe freimütig: Ich war noch nie auf der Ölganginsel und kenne Neuss nicht. Aber mit Genuss lesen konnte ich den Krimi trotzdem.
Die Heldin ist Anna Berg, eine Künstlerin, die soeben eine Vernissage einer neuen Ausstellung hinter sich gebracht hat. Nach der anstrengenden Ausstellungseröffnung, bei der ein niederträchtiger Lokalredakteur der örtlichen Zeitung sie ziemlich hart anging, will sie noch ein wenig Luft schnappen und sich die Beine vertreten. Dazu unternimmt sie einen nächtlichen Spaziergang auf der Ölganginsel und findet plötzlich ein Kätzchen mit blutigem Fell. Sie ruft die Polizei, und die findet etwas, das noch schlimmer ist als schmutzigrotes Katzenfell. Auf der Ölganginsel liegt eine Leiche. Der Tote ist Hartmut Lanski, ebenjener Journalist, mit dem Anna sich vor wenigen Stunden noch gestritten hat. Und als am nächsten Morgen in der Zeitung Lanskis gnadenloser, hämischer Verriss ihrer Ausstellung zu lesen ist, gehört Anna für die Polizisten zum engsten Kreis der Tatverdächtigen. Denn dieser Artikel hat auf jeden Fall das Zeug zum Mordmotiv. Anna bekommt Angst, sieht sich bereits mit einem Bein im Gefängnis und versucht daher selbst, den wahren Mörder zu finden. Dabei stellt sich heraus, dass Lanski wirklich eine echte Drecksau war, schon mal harmlose Dinge reißerisch hochgekocht hat und für einen Skandal so ziemlich alles tat. Auch die Polizistin, die die Ermittlungen leitet, war von Lanski schon mal in einem Artikel als völlig unfähig dargestellt worden. Die Leser erleben kriminalistische Ermittlungen einer Amateurdetektivin mit viel Kreativität und Lokalkolorit. Fast möchte man sich die Ölganginsel einmal selbst ansehen.
Allerdings: Dass eine Zeitung bereits am Morgen nach einer abendlichen Ausstellungseröffnung darüber berichtet, hm, nein, so schnell sind wir nun doch nicht. Wenn ich abends um 19 Uhr oder später auf einer Vernissage abhänge, mich dort mindestens eine halbe Stunde, eher länger, aufhalte, dann in die Redaktion fahre und vielleicht noch eine Stunde daran schreibe, habe ich die Zeit für den Andruck in der Druckerei schon längst überschritten. Abendtermine aktuell noch ins Blatt zu heben, das macht man vielleicht bei Bundesliga-Spielen oder Besuchen des Bundespräsidenten, aber nicht bei einer popeligen Ausstellungseröffnung einer nicht einmal lokal sonderlich gut bekannten Malerin ...
Reinhard Klein Arendt (Hrsg.): Angst im Empire
Optisch und inhaltlich prachtvoller Schmöker mit Horrorstorys aus den englischen Kolonien. Geschichten aus Indien, Neuguinea, Australien, Neuseeland, von den Fidschi-Inseln, aus Kenia, Ägypten und von Malta, die letzte spielt in London, wohin der Horror aus den unterdrückten Ländern schließlich gelangte. Es sind schauderhafte Erlebnisse, die die britischen Besatzer in den eroberten Gebieten haben, meist sind die Erzähler Angehörige der Armee, beziehungsweise noch häufiger: die Ehefrauen, die ihre Männer in die Länder begleiteten, oder Briten, die aus anderen Gründen in die Kolonien gelangten, in Australien auch Strafgefangene. Der Horror entsteht zumeist aus der Konfrontation mit den unterworfenen und unterdrückten Völkern heraus, oft spielen einheimische Religionen und magische Rituale eine Rolle. Es geht viel um verfluchte Orte und um Geistererscheinungen in Hütten und Unterkünften, vor denen die Neuankömmlinge dringend gewarnt werden. Die Autoren und Autorinnen - es gibt sehr viele Beiträge von weiblicher Hand - sind heute größtenteils vergessen, obwohl sie sich zu ihren Lebzeiten großer Bekanntheit und Beliebtheit erfreuten (Eine Ausnahme bildet der Australier Guy Newell Boothby, zu dem ich ja ein ganz besonderes Verhältnis pflege). Umso erfreulicher ist es, dass dieser Band den Texten jedes Autors eine Biographie voranstellt, und die Abteilungen der einzelnen Länder mit einem kurzen Abriss der jeweiligen Kolonialgeschichte bevorwortet. Überhaupt ist das Hintergrundmaterial zu diesem Buch gar nicht hoch genug zu loben. Ohne die Verfasser der einzelnen Kurzgeschichten abwerten zu wollen: Das Vorwort des Herausgebers Reinhard Klein Arendt ist der allerbeste und lesenswerte Text im gesamten Buch. Er geht unter dem Titel "Weltreich in Angst" unter anderem der Frage nach, ob der Horror, den Briten in den Kolonien empfanden, selbst geschaffen ist. Die Unterdrückung der Völker und der Hass, der den Besatzern entgegenschlug, die Angst, die die Kolonisten verbreiteten, die Gewalt, die sie ausübten, die Zerstörung, die sie hinterließen, all das ist eine Saat, die die Briten säten - und sie ernteten die Angst der Völker, die irgendwann auf sie zurückschlug. Sehr einleuchtend.
Sehr eindrucksvoll illustrieren die Zeichnungen Thomas Hofmanns die düsteren Erlebnisse im Empire. Insgesamt erneut ein sehr schöner, opulent aufgemachter Band aus der Edition Dunkelgestirn, inhaltlich, künstlerisch und handwerklich top.
Ju Honisch: Schlange des Bösen: Die Studentin
Elinor würde gern studieren. Aber sie ist eine Frau, und wir schreiben das Jahr 1887. Ihre Tante ist nicht so begeistert davon, und nun hat Elinor auch noch die Prüfung für die Aufnahme in Cambridge versemmelt. Kurz vor der demütigenden Rückkehr nach Hause passiert jedoch etwas, mit dem die junge Frau überhaupt nicht gerechnet hat: Auf der abendlichen Straße wird sie von einer riesigen magischen Schlange angegriffen. Elinor wehrt sich, kämpft um ihr Leben und wird zum Glück von einigen Magiern gerettet. Diese stellen bei ihr überraschenderweise ein magisches Potenzial fest. Völlig absurd, schließlich können Frauen nicht magiebegabt sein, denkt die Altherrenriege, doch einige sprechen sich für sie aus. So erhält Elinor die Gelegenheit, in Cambridge zu studieren. Allerdings in einer geheimen Bildungseinrichtung, im Royston College, wo Arkanwissenschaften gelehrt werden. Eine Frau am Royston? Sie ist die erste weibliche Studentin an dieser Schule. Was nicht nur organisatorische Probleme mit sich bringt, sondern auch Sexisten aller Altersgruppen auf den Plan ruft. Sowohl unter den Professoren als auch unter den Studenten gibt es viele, die ihr Steine in den Weg legen. Aber sie findet auch Freunde, zum Beispiel einen Wasserjungen, den sie beim Nacktbaden erwischt, eine ziemlich schockierende Begegnung für sie. Auch ein Werwolf unter ihren Kommilitonen sorgt für alles andere als romantische Vollmondstimmung. Und es ist beileibe nicht so, dass Royston die einzige Organisation ist, die sich mit Magie befasst. Eine christliche Bruderschaft macht Jagd auf die Magier, bedient sich dabei aber durchaus selbst arkaner Mittel. Und dann ist da noch ein geheimer Hexenzirkel, der nachdrücklich unter Beweis stellt, dass die Vorstellung, dass Frauen nicht magiebegabt seien, absoluter Schwachsinn ist. Die vermutlich größte Bedrohung für alle ist die Schlange des Bösen. Wobei ihr Meister möglicherweise gar nicht so weit entfernt von den Studenten und Professoren sitzt.
Schönes Jugendabenteuer, spannend, mit einigen humorvollen Szenen. Klassisches Fantasy-Thema im Harry-Potter-Stil: Waisenkind besucht magische Schule und wird von bösem Magier bedroht. Dabei aber durchaus eigen.
E. S. Schmidt: Die Rückkehr der Elynn
Anna Schriefl: Stoische Philosophie (Reclam)
Gut geschriebene, leicht lesbare, aber nicht übersimplifizierende Gesamtdarstellung, kompakt und doch umfassend. Die Autorin geht auf alle Bereiche der stoischen Philosophie ein, erzählt von Vorläufern und von Nachfolgern bis hin in die Gegenwart, schlägt sogar den Bogen bis zum Buddhismus. Für mich persönlich war das Kapitel über die Logik bei den Stoikern ein großes Aha-Erlebnis. Hier gab es sehr feine, aber bedeutende Unterschiede zur aristotelischen Logik. Habe ich bisher nicht gewusst.
Enn Vetemaa, Kat Menschik: Die Nixen von Estland
Ein wunderschönes Buch aus der Anderen Bibliothek, was ja ohnehin für künstlerisch und handwerklich besondere Bücher spricht. Ein Ratgeber für Forscher, die Nixen - genauer gesagt: estnische Nixen - beobachten wollen. Der Leser erfährt alles über Hilfsmittel beim Beobachten, über Lebensraum und Gewohnheiten der Nixen, über angemessenes Verhalten und über die biologische Einordnung der verschiedenen Gattungen und Arten. Unterschieden werden Arten wie die Nackttittige Wuchtbrumme, die Grünhaarige Kokotte, die Waschversessene Rubbelfee oder die Minilesbische Heulsuse. Vor allem die zahlreichen Illustrationen von Kat Menschik machen dieses Buch zu einem echten Genuss. So ziert das Titelbild eine Nackttittige Wuchtbrumme, eine Art Kreuzung aus einer Hannoverschen Nanna und einem Sumoringer mit leicht samoanischem Einfluss und blauen Ganzkörpertattoos in tänzerischer Pose. Mein Lieblingskapitel war das über die Flucherin, in dem die Schimpflieder dieser Nixenart analysiert werden und der Leser eine Bauanleitung für diese hochanspruchsvolle Lyrik erhält. Ein Beispiel für ein nach sehr strengen formalen Regeln konstruiertes Fluchlied einer solchen Nixe:
"Was sabbest du da, huhndumme Bumsnonne! Schande über euch skrofulöse Homöopathen! Geh Schweine hüten! Scheiße!"
Es ist ein lesenswertes Buch, das ich jedem Nixenfreund ans Herz legen möchte. Allerdings ist mir rätselhaft, wie dieses Buch, das zuerst 1983 in Tallinn erschien, jemals ohne die Illustrationen von Kat Menschik auskommen konnte. Diese Zeichnungen gehören einfach in das Buch, die Nixenkunde muss ohne sie vollkommen armselig gewesen sein.
Juliane Seidel: Herz aus Kristall
Hans Fricke: Die Jagd nach dem Quastenflosser
Ein Buch, das schon ziemlich lange auf meinem SUB liegt, und das jetzt endlich dran war. Es geht um die Entdeckung eines "lebenden Fossils" und die Suche mit einem U-Boot nach weiteren Vertretern dieser Spezies. Hans Fricke entwickelt sich nach und nach zum Experten für "Quastis", wie die Crew die besonderen Fische mit den auf "Armen" und "Beinen" sitzenden Flossen bald liebevoll nennt, und hat bald den Blick für typische "Quastenflosser-Landschaften". Die Forscher beobachten die Fische bei ihren seltsamen Kopfständen, folgen ihnen in Höhlen, lernen auch, die Tiere zu markieren, um ihre Bewegungen verfolgen zu können. Wobei der Quastenflosser eher ein standorttreuer, nicht zu langen, weiten Wanderungen aufgelegter Geselle ist. Und auch schnelle Strömungen und unruhiges Wasser mag er nicht. Fricke findet die Tiere an verschiedenen Küsten Ostafrikas, eine weitere Population wird im Gebiet zwischen Borneo und Sulawesi entdeckt. Der Autor erzählt von der Geschichte der Quasti-Forschung seit der Entdeckung dieses Tieres, berichtet vom Einsatz der legendären Marjorie Courtenay-Latimer, die den Fisch, den ein Fischer gefangen hatte, als etwas Besonderes erkannte. Er erzählt aber auch von den Schwierigkeiten, Forschungsgelder für Expeditionen und den Bau eines U-Boots zu bekommen. Von betrügerischen Wissenschaftlern, die aus Ruhmsucht Dokumente und Bilder fälschen, um auch einen entdeckten Quastenflosser vorweisen zu können. Von Vergnügungsbetrieben, die unbedingt einen eigenen Quasti in ihren Besitz bringen wollen, angeblich, um die Forschung voranzutreiben. Man erfährt etwas über den Quastenflosser als Nationaltier und darüber, wie das Tier unter Schutz gestellt wurde. Und es gibt eine kleine kriminalistische Recherche nach kleinen silbernen Kunstwerken in Form eines Quastenflossers. Interessant fand ich auch den Hinweis, dass Darwin lebende Fossilien gar nicht liebte. Sie widersprachen seiner Lehre, dass sich das Stärkere und Bessere durchsetzt, während überholte Übergangswesen eigentlich schon lange hätten ausgestorben sein müssen ... Ein sehr interessantes und informatives Buch.
Weitere Jahresrückblicke
2025, 1. Teil: Januar bis März
2025, 2. Teil: April bis Juni
2025, 3. Teil: Juli bis Oktober
2025, 5. Teil: Dezember
© Petra Hartmann

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