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PetraHartmann



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Jahresrückblick V: Dezember 2021

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 02 January 2022 · 665 Aufrufe
Jahresrückblick

Und hier das letzte Fünftel meines Rückblicks auf das Lese-Jahr 2021. Es ist ein großer, internationaler Rundumschlag geworden: Jüdische Aufklärung, norwegische und dänische moderne Romane, ein persisches Versepos, Goethes Naturwissenschaft, Karl der Große, eine Art Liebesroman einer chilenischen Autorin, Helgoland, ein niederländisches Kinderbuch, ein Diplomat im Dienst Friedrichs des Großen, eine Argumentationshilfe gegen Verschwörungstheoretiker, ein Wikinger-Fantasy-Comic und Zeitabenteuer eines japanischen Karategirls ... Viel Spaß beim Lesen und Stöbern!

 

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

 

Uta Lohmann: David Friedländer. Reformpolitik im Zeichen von Aufklärung und Emanzipation
Beeindruckende Biografie eines Haskala-Gelehrten und vor allem Politikers: David Friedländer nannte sich stets mit Stolz einen Schüler Moses Mendelssohns, doch er war auch erfolgreicher Geschäftsmann und vor allem ein Mensch, der, webersch gesprochen, "harte, dicke Bretter mit Augenmaß und Leidenschaft bohrte". Friedländer ist der große Politiker und Pragmatiker der jüdischen Aufklärung. Einer, der Sachen umsetzte, sponserte, vor allem aber Kontakte knüpfte, argumentierte, Gremienarbeit leistete und hochrangige und einflussreiche Politiker für seine Ziele gewinnen konnte. Wo andere Vertreter der Haskala philosophische Schriften über Menschenrechte schrieben und die Gleichberechtigung der Juden theoretisch herleiteten, verfasste Friedländer Gutachten und Gesetzesentwürfe, lieferte statistisches Material, leistete Lobbyarbeit und gewann Unterstützer. Man denke nur an seine "Aktenstücke", die er zur Diskussion um die Vergabe des Bürgerrechts an Juden veröffentlichte. Oder auch an seinen Austausch mit Wilhelm von Humboldt über Fragen der Bildung und des Sprachunterrichts.
Uta Lohmanns Buch ist damit nicht nur eine Biografie, vielmehr zeichnet sie die Rolle Friedländers bei der Entstehung des preußischen Judenedikts von 1812 nach, schildert Grundlagen, Zusammenhänge, Ergebnisse und Sackgassen, Verdienste Friedländers, aber auch Positionen, die er nicht durchsetzen konnte. Dass Friedländer durch sein Sendschreiben an Propst Teller Teile seines guten Rufs bei Juden wie bei Christen einbüßte, ist mehr als bedauerlich. Der Mann war ein äußerst engagierter Kämpfer für die Rechte der Juden in Deutschland und hat eine Lebensleistung vorzuweisen, die einfach nur beeindruckend ist.

 

Peter Høeg: Der Susan-Effekt
Irre, einfach irre. Ich will das gleiche Zeug, was Peter Høeg raucht. Diese Susan ist eine Person, deren Erzählstimme man nicht vergisst. Eine herbe Frau, durch und durch Naturwissenschaftlerin, der kein Detail entgeht, und die trotzdem um die Ecke denken kann, wie die Freunde des Zeit-Kreuzworträtsels. Susan, die Ausnahme-Physikerin, und ihr Mann, der gefeierte Star-Pianist, stecken mitsamt ihren Kindern in Schwierigkeiten. Ein dänischer Diplomat haut sie raus, doch der Preis dafür ist hoch: Sie sollen als Gegenleistung ein Papier beschaffen - das Protokoll der letzten Sitzung der dänischen Zukunftskommission. Klingt harmlos, doch offenbar gibt es Leute, die bereit sind, für dieses Papier zu töten. Angehörige der dänischen Wissenschaftselite werden tot aufgefunden, und auch für Susan und ihre Familie wird es lebensgefährlich. Vor allem, als sie einer ganz großen Verschwörung auf die Spur kommen, in die der dänische Staat mehr als verwickelt ist. Aber Susan, ihr Mann und die beiden Kinder haben ein Ass im Ärmel. Eine geheimnisvolle Superkraft, die andere Menschen dazu bringt, sich ihnen zu öffnen und ihnen helfen zu wollen. Susan nennt es den "Susan-Effekt". Und besonders stark wirkt er, wenn alle vier zusammen auftreten und in einem bestimmten Winkel zu einander stehen.
Wie ich schon sagte: Es ist irre, aber es hat seine ganz eigene Logik. Und Teile davon könnte ich mir durchaus als real vorstellen. Dazu die gelassene, mitleidslose, nicht aus der Ruhe zu bringende Art, wie Susan erzählt und in Krisensituationen sofort schaltet. Ein ganz besonderer Roman.

 

Jostein Gaarder: Ein treuer Freund
Zauberhafte Geschichte über einen Sprachwissenschaftler namens Jakop, der ein bisschen verklemmt ist und nicht besonders gut im Knüpfen sozialer Kontakte. Seine besten Unterhaltungen führt er mit der Handpuppe Pelle, wobei Pelle deutlich schlagfertiger ist als sein Spieler. Jakop hat ein ungewöhnliches Hobby: Er geht gern auf Beerdigungen fremder Menschen und gibt sich für einen guten Freund des Verstorbenen aus. Als perfekter Hochstapler bietet er seine gemeinsamen Abenteuer mit dem Verstorbene dar und kann so für ein paar Stunden dazugehören. Pech nur, wenn man an eine Familie gerät, mit der man schon einmal getrauert hat. Und wenn es häufiger vorkommt, beginnt irgendwann das Geschichtengebäude des Trauergastes zu wanken. Aber es gibt auch die Chance auf eine große Liebe. Auch wenn die Frau von Pelle offenbar wesentlich mehr fasziniert ist als von Jakop.
Liebenswert, philosophisch, magisch. Auch wenn ich immer ein bisschen misstrauisch bin, wenn ein dickes Buch als fiktiver Brief daherkommt. Kein Mensch schreibt seiner Geliebten einen Brief von 272 Seiten.

 

Ferdausi: Schahname. Die Rostam-Legenden (Reclam)
Das Original war ein Versepos, die vorliegende Fassung ist ein Prosastück. Schlimmer noch: Es ist eine Prosa-Nacherzählung, die ausgewählte Abschnitte der Erzählungen über Rostam darbietet, zwischendurch aber größere Teile auslässt und nur den Inhalt wiedergibt. Fand ich scheiße. Die Geschichten selbst, hm, zumindest in den ersten vier Fünfteln (geschätzt) hat Rostam überhaupt keine Probleme. Er geht halt irgendwo hin, vollbringt irgendwelche Heldentaten, und fertig. Schon die Geschichte seines Vaters Zal birgt wenig Dramatik. Der wird geboren, hat weiße Haare, der Vater sieht das, lässt ihn aussetzen, der Zaubervogel Simorg zieht ihn auf, irgendwann reut es Sam, das er den Sohn ausgesetzt hat, er erfährt, wo Zal geblieben ist, holt ihn nach Hause, fertig. Keine Auseinandersetzungen, keine Probleme. Dann werden immer wieder schreckliche und Starke Gegner für Rostam aufgebaut, Rostam geht hin, erschlägt sie, fertig. Gegen Ende, als Rostam gegen seinen eigenen Sohn zu Felde ziehen muss und sich mit einem ziemlich doofen König herumärgert, kommt ein bisschen Dramatik in die Sache. Aber das ist auch nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Ich fand's fad und zäh. Am meisten Farbe und Phantasie wendet der Erzähler auf, wenn er die prachtvollen Kleider und Geschenke beschreibt, die die Helden und Könige einander machen.
Vielleicht sollte man dem Übersetzer/Nacherzähler sogar dankbar sein, dass er soviel weggelassen und in geraffte Inhaltsangaben gepackt hat.

 

Goethes Werke: Hamburger Ausgabe Band XIII: Naturwissenschaftliche Schriften
Ich hatte mir schon lange vorgenommen, einmal Goethes "Farbenlehre" zu lesen. Ein paar Auszüge kannte ich aus dem Studium und ich hatte auch seinerzeit eine sehr gute Vorlesung über Alexander von Humboldt und die Naturwissenschaft der Goethezeit gehört. Nun also wolle ich Ernst machen. Ich fand mit dem Suchwort "Farbenlehre" das oben genannte Buch bei Amazon Marketplace und schaffte es mir an. Und wenn man sich einen Band anschafft, in dem auch andere Schriften enthalten sind, dann fängt man ja auch vorn an. Es gab ein sehr schönes Wiedersehen mit der "Urpflanze", mit dem Gedicht über die "Metamorphose der Pflanzen", mit dem legendären Zwischenkieferknochen. Da waren Betrachtungen über die Gesteine des Harzes, über Skelette ausgestorbener Tiere, alle sehr schön. Auch die enthaltenen Texte über Goethe und die Naturwissenschaften, einer davon von Carl Friedrich von Weizsäcker, waren sehr lesenswert und erhellend. Nur die Farbenlehre selbst ... Ich las und las und las, das war ja alles ganz nett und mit aufmerksamen, wachen Augen betrachtet ... Aber wo waren denn nun all die Ausfälle gegen Newton? Wo war die Auseinandersetzung, der Streit, die Action geblieben? Des Rätsels Lösung: Die Herausgeber hatten sich entschieden, nur den didaktischen Teil abzudrucken, und haben den polemischen Teil weggelassen. Einmal aus Platzgründen, und zweitens sogar mit Billigung Goethes, der zu Lebzeiten vermerkt hatte, der polemische Teil könne als der weniger interessante Teil ja in späteren Ausgaben weggelassen werden. Es sei ihm ja gar nicht um Streit gegangen. Ihm nicht, aber mir, verdammt nochmal. Da sitze ich nun mit der halben Farbenlehre und fühle mich einfach betrogen. Danke für nichts.

 

Matthias Becher: Karl der Große
Kompakte Gesamtdarstellung aus der Beck-Reihe. Klein, praktisch und übersichtlich, gut für Einsteiger und durch das Hosentaschenformat auch eine gute Unterwegs-Lektüre. Bisschen spröde, aber ganz okay.

 

Isabel Allende: Ein unvergänglicher Sommer
Ich war damals begeistert von ihrem "Geisterhaus". Als ich daher dieses Leseexemplar von meiner Buchhandlung geschenkt bekam, habe ich sofort zugegriffen. Aber, hm, es ist nicht unbedingt schlecht, aber vom Hocker gerissen hat es mich nicht. Es geht um zwei Frauen und einen Mann mit südamerikanischen Wurzeln und ein ziemlich absurdes Winter-Abenteuer. (Hat also mit Sommer nix zu tun. Der Titel wird auf der letzten Seite durch eine Anspielung auf Camus erklärt.)
Es herrscht ein übler Schneesturm in Brooklyn. Richard ist mit seinem Auto unterwegs, passt eine Sekunde nicht auf und fährt von hinten auf ein anderes Auto auf. Dessen Fahrerin ist völlig aufgelöst, sie ist Kindermädchen, illegal in den Staaten und hat den Wagen ihres jähzornigen, gewalttätigen Chefs ohne dessen Wissen ausgeliehen. Richard nötigt ihr seine Karte auf, was die Frau zunächst gar nicht mitbekommt, sosehr ist sie neben der Spur. Erst später, mitten in der Nacht, steht das Mädchen Evelyn, immer noch vollkommen verwirrt, vor Richards Tür. Sie braucht dringend Hilfe. Richard ruft sicherheitshalber seine Universitäts-Kollegin, Untermieterin und Beinahe-Geliebte Lucia zur Hilfe, damit die beiden sich von Frau zu Frau unterhalten können. Es stellt sich heraus, dass die Delle im Heck des Wagens nur das kleinste Problem ist. Der Kofferraumdeckel lässt sich nicht mehr richtig schließen. Und im Koffer liegt eine Leiche.
Die drei beschließen, den Wagen nach Kanada zu bringen und ihn dort in einem See zu versenken. Die Logik dahinter war jetzt nicht unbedingt nachvollziehbar, aber so funktioniert die Geschichte. Auf der Fahrt werden dann in zahllosen Rückblenden die Lebensgeschichten der drei Personen erzählt. Allesamt tragische, zum Teil extrem gewalttätige Geschichten, so wurde Evelyns Familie Opfer einer kriminellen Gang in Guatemala, Lucia hatte Probleme mit dem chilenischen Regime, bei Richard war es eine tragische Familiengeschichte, die zum Tod seines Sohnes führte und seine Frau in den Wahnsinn trieb ... Da hat jemand mit sehr krassen Farben gemalt, um Wirkung zu erzielen. Weniger wäre mehr gewesen. Jedenfalls kommen sich Richard und Lucia bei der Leichen-Entsorgung endlich näher, und es gibt eine Art Happy End.

 

Isabel Bogdan: Mein Helgoland
Ein Essay, in dem die Autorin und Übersetzerin über ihre Beziehung zu der Insel nachdenkt. Ich entdeckte das Büchlein während meines Helgoland-Urlaubs und musste es natürlich gleich mitnehmen. Isabel Bogdan nutzt die Insel, wie ich auch, regelmäßig als Schreibort, stellt lokale Besonderheiten dar und hat sogar die neue Sensation aus den jüngsten Stürmen mit erwähnt: Der Fisch, der nach dem Sturm auf dem Schulhof im Oberland lag, und der Seetang an der Kirchturmspitze hatten ja auch schon in den Jugendkrimi "Das Geheimnis des gelben Papyrus" von Michael Stoffers Eingang gefunden, den ich ebenfalls auf der Insel las. Die Autorin reflektiert ihre Übersetzungs- und Schriftstellertätigkeit anhand klassischer Schreibratgeber, aber auch im Dialog mit James Krüss, dem großen Helgoländer Kinder- und Jugendbuchautor, der in seinem Klassiker "Mein Urgroßvater und ich" einige goldene Ratschläge und kritische Töne dazu notiert hatte. Sehr interessant fand ich, wie sie die enge Beziehung der Helgoländer untereinander schildert: Die Insulaner sind ihr Leben lang auf engstem Raum miteinander zusammen, sind aufeinander angewiesen, wissen aber auch alles über jeden, und natürlich gibt es da die eine oder andere Reiberei. Aber: "Wir haben hier eine besondere Kultur des Verzeihens", sagte ihr eine Helgoländerin. Darüber müsste man mal nachdenken. Auf jeden Fall eine empfehlenswerte Art, miteinander umzugehen. Etwas schmunzeln musste ich allerdings, als die Autorin erzählte, sie sei schon häufig zum Schreiben auf der Insel gewesen, einmal sogar zwei Wochen lang. Ich las ihr Buch nämlich am Anfang der fünften Woche meiner Schreibferien auf Helgoland.

 

Franzi von Kempis: Anleitung zum Widerspruch
Argumente, mit denen man den Tiraden von Verschwörungstheoretikern, Covidioten, Reichsbürgern, Nazis, Antisemiten usw. begegnen kann. Die Autorin stellt Fakten zusammen, bereitet Hintergründe auf, entlarvt populistische Scheinargumente und Logikfehler, die immer wieder in den Argumentationen auftauchen.
Wenn diese Leute tatsächlich an Argumenten und Argumentationen interessiert wären, könnte man ihnen damit auf jeden Fall auf den rechten Weg zurückhelfen. Da es vielen aber eben nicht um Diskussionen geht, sondern um Hass und Hetze, sind die Adressaten eher andere Leute: Es geht darum, Schwurblern im Internet oder auch im realen Leben öffentlich Paroli zu bieten, damit sich deren Argumente gar nicht erst in den Köpfen der schweigenden Zuhörer und Mitleser festsetzen können. Und vielleicht darum, Unentschlossene und Leute, die noch zu retten sind, vor dem Abdriften zu bewahren.
Mit den ganz harten Nazis zu diskutieren, bringt nichts und könnte auch gefährlich werden. Wer erstmal in die Verschwörungstheorien abgerutscht ist, für den ist jedes Gegenargument zu Futter, das ihn in seiner Ansicht bestärkt, dass alle um ihn herum nur Schlafschafe und von "ihnen" manipulierte Systemlinge sind - oder sogar Teil der Verschwörung.
Mal abgesehen davon, dass es keinen Spaß macht, sich von paranoiden Schwurblern stundenlang ein Ohr abkauen zu lassen.
Fazit: Hilfreiches, sehr gut aufbereitetes und didaktisch gut geordnetes und präsentiertes Material, das man einsetzen kann. Aber passt auf euch auf, okay?

 

Dezember

 

Annett Schaap: Emilia und der Junge aus dem Meer
Nettes, sehr schön von der Autorin selbst illustriertes Kinderbuch, das es sich mit dem Ende leider etwas zu einfach macht. Es geht um eine ungewöhnliche Freundschaft und Probleme mit den Eltern, um einen Schiffbruch, einen Leuchtturm, Piraten, Meerjungfrauen und -männer und um das Zusammenhalten. Emilia ist die Tochter eines Leuchtturmwärters. Sie liebt ihren Vater. Auch wenn der sie manchmal schlägt, wenn er betrunken ist ... Eigentlich ist Emilia längst schon die wahre Leuchtturmwärterin. Der Vater hat nur noch ein Bein und weigert sich, ein Holzbein zu tragen. Er kommt längst nicht mehr die Treppe hoch, und so ist es die Aufgabe seiner kleinen Tochter, jeden Abend, bevor es dunkel wird, die vielen Treppenstufen hinaufzusteigen und das Licht zu entzünden. Jetzt hat sie das letzte Streichholz verbraucht. Sie muss unbedingt daran denken, morgen neue zu kaufen. Ja, Emilia ist oft zerstreut, sie vergisst viele Dinge, aber die neuen Streichhölzer, daran muss sie denken, unbedingt, sonst passiert ein Unglück ... Unnötig, zu sagen, dass sie am nächsten Tag vergisst, die Streichhölzer zu kaufen. Als sie es bemerkt und bei Einbruch der Dunkelheit noch rasch zum Kaufmannsladen läuft, ist es schon zu spät. Ein Schiff verunglückt. Und als die Behörden im Leuchtturm nach dem Rechten schauen, stellen sie fest, dass der Mann betrunken ist und das Mädchen grün und blau geschlagen wurde. Die Lehrerin nimmt Emilia gleich mit. Zu ihrem Schutz, aber auch aus Kostengründen: Das Mädchen soll in einem finsteren Haus als Dienstmädchen arbeiten - bis der Preis für das zerstörte Schiff abgearbeitet ist.
Im Haus geht etwas Unheimliches vor sich. Emilia entdeckt ein Wesen, das hier versteckt gehalten wird: Der Sohn des Kapitäns und einer Nixe ist ein Junge, der als Monster gilt, weil er verkrüppelte Beine hat. Aber bei näherem Hinsehen sind es keine Beine ...
Die Geschichte ist ein sehr liebenswertes und spannendes Abenteuer und erzählt davon, wie Emilia und der zuerst recht grantige und hochnäsige Junge Freundschaft schließen. Gemeinsam kommen sie seiner Herkunft auf die Spur, und er erfährt, wie großartig er schwimmen kann - er, der bisher mühevoll trainiert hat, laufen zu lernen, um seinem Vater zu gefallen. Eine sehr schöne Geschichte. Etwas gewöhnungsbedürftig ist allerdings die immer mehr um sich greifende Mode, Geschichten im Präsens zu erzählen. Ich schätze sie nicht. Und das Ende hat mir nicht gefallen.

Spoiler

 

Christian Wilhelm von Dohm: Denkwürdigkeiten meiner Zeit. Band 1
Was für ein Ärgernis! Das bezieht sich jetzt nicht auf den Verfasser und sein Werk, sondern auf den grottenschlechten Scan. Der Autor wird sich angesichts dieses Pfuschs vermutlich im Grabe umdrehen.
Mehrere Seiten sind komplett unleserlich, bei vielen Seiten mit ungerader Seitenzahl fehlen jeweils die Zeilenanfänge, bei einigen geraden Seiten die Zeilenenden (jeweils 1-4 Buchstaben jeder Zeile). Mehrere Seiten fehlen komplett, besonders schmerzliche Lücken gibt es in den Aktenstücken zum Falle des Müllers Arnold, wodurch man teilweise nicht mehr zuordnen kann, zu welchem Gutachten und welcher Stellungnahme einzelne Seiten gehören. Mehrere Seiten sind doppelt vorhanden, manche sogar dreimal, was den Lesefluss erheblich stört.
Für den stolzen Preis von 47 Euro kann man als Kunde erwarten, dass vor dem Druck wenigstens mal ein Praktikant draufschaut und überprüft, ob alles korrekt und komplett erfasst ist. Also: Finger weg von diesem Machwerk!

Inhaltlich durchaus interessant. Dohm, der Friedrich den Großen vergötterte, ihn stets "Friedrich den Einzigen" nannte, geht durchaus offen mit den Fehlern seines Helden um. Etwa diversen falschen Entscheidungen im österreichisch-bayerischen Krieg. Sehr deutliche Worte findet Dohm in Bezug auf die Polnische Teilung, die er als schändlich und jedes Völkerrecht verletzend brandmarkt. Und auch in der Auseinandersetzung um den Müller Adolph (nein, das ist nicht der aus der Anekdote mit dem Kammergericht) zeigt er, wie Friedrich übers Ziel hinausschoss und eine sehr ungerechte Entscheidung traf. Hätte ich alle gern im Zusammenhang gelesen.

 

Isaak Euchel: Reb Henoch oder: Woß tut me damit
Eine Komödie des Haskala-Gelehrten Isaak Euchel, die zwar komisch ist, aus der aber auch etwas Resignation spricht. Es ist schon ein wenig die Frage: Was haben wir denn erreicht? Statt wahrer Aufklärung viele junge Leute, die jeden Respekt und jede Moral fahren lassen, statt selbstbewusste Juden, die gute Bürger werden, viele, die einfach den bequemeren Weg der Taufe wählen. Dazu der Niedergang der Zeitschrift "Ha-Meassef". Da mag man sich als alternder Aufklärer schon fragen: "Wos tu me damit?", wie es der alte Familienvater Reb Henoch ständig tut.
Das Stück ist insofern sehr interessant, als hier verschiedene Sprachen aufeinander treffen. Reb Henoch und seine Generationsgenossen sprechen jiddisch, manchmal durchsetzt mit hebräischen Bibel- oder Talmudzitaten. Die Aufklärer sprechen Hochdeutsch, ein paar Möchtegern-Gebildete sprechen ein komisches Zwischending zwischen Hochdeutsch und Berliner Dialekt, außerdem treten ein Engländer und ein Franzose auf. Babylon in a nutshell. Reb Henoch hat zwei Söhne und zwei Töchter, außerdem beherbergt er einen jüdischen Studenten bei sich. Allerdings verliert der Student seine Freitisch bei Henoch schon am Begin des Stücks, da ein Denunziant eine Ungeheuerlichkeit berichtet: Der Junge Mann soll auf der Straße Pflaumen gekauft und sie "unbesehen" gegessen haben. Unbesehen meint: Er hat einfach hineingebissen, ohne vorher zu kontrollieren, ob Würmer darin sind. Der Verzehr von Würmern ist laut den jüdischen Speisevorschriften streng verboten. Auch mit seinen Kindern hat Henoch Sorgen. Sie scheinen alle missraten zu sein. Die beiden Töchter sind leichtfertig, eine ist verheiratet und geht fremd, der eine Sohn hat sich mit den Aufklärern eingelassen und ist dadurch etwas aus der Spur geraten. Sehr positiv ist die Figur des "Doktor" besetzt, der sowohl den Studenten als auch den von Henoch verstoßenen Sohn unter seine Fittiche nimmt und für eine moderne Philosophie in Verbindung mit hoher Ethik steht. Für Henoch bricht jedoch eine Welt zusammen, als ausgerechnet sein anderer Sohn, den er als guten und frommen Jungen, der stets nur seine Tora studierte, ansah, plötzlich angeklagt wird, er habe ein Dienstmädchen geschwängert. "Woß tut me damit?", kann er nur noch fassungslos fragen.
Die Komödie ist etwas anstrengend zu lesen und durch ihre Vielsprachigkeit nur schwer zu dechiffrieren. Das Buch ist aber gut kommentiert, und die nicht auf Hochdeutsch verfassten Stellen sind übersetzt. Ein sehr interessantes Stück.

 

Cherokee Editor. The writings of Elias Boudinot. Edited by Theda Perdue
Elias Boudinot war Herausgeber des "Cherokee Phoenix", der ersten Zeitung eines indianischen Volkes. Der Phoenix erschien zweisprachig auf Englisch und Cherokee, wobei letzteres in der neu entwickelten und schnell verbreiteten Silbenschrift der Cherokee gedruckt waren, die Sequoyah erfunden hatte. Die Zeitung erschien in den Jahren 1828 bis 1834, Boudinot war bis 1832 Herausgeber. Er übernahm viel aus anderen Zeitungen, berichtete über die Probleme und Erfolge anderer Indianervölker, schrieb aber auch eine Menge eigener Artikel, die hier versammelt sind.
Boudinot, sein Cherokee-Name lautete Galagina Oowatie, war begeistert vom Christentum und davon, dass die Cherokee eine "zivilisierte Nation" werden würden. Eine Vision, die viele Cherokee teilten. Sie änderten ihre Lebensweise, wurden statt Jäger und Krieger nun Landwirte und Christen.
Boudinot erhielt als besonders begabter Schüler auch eine theologische Ausbildung und wurde Missionar. Er übersetzte das neue Testament in die Sprache der Cherokee. Anschließend sammelte er auf einer Vortragsreise durch die USA Spenden für eine eigene Druckerpresse und Bleilettern in Cherokee-Schriftzeichen.
Der Phoenix wurde nicht nur von den Angehörigen seiner eigenen Nation gelesen. Auch Wilhelm von Humboldt besaß eine Ausgabe und studierte sie eingehend. Und so schließt sich der Kreis wieder, und ich werde wieder an meine Literaten und Wissenschaftler zurückverwiesen. Irgendwie gleichen sich die Muster: Die Reformation begann mit der Bibel-Übersetzung durch Martin Luther, sie schuf sich eine eigene Hochsprache und wurde befeuert durch die Druckpresse. Die Haskala schuf ihr eigenes modernes Hoch-Hebräisch in der Gefolgschaft Moses Mendelssohns und seiner Tora-Übersetzung, gründete eine eigene Druckerei, die "Orientalische Buchdruckerei", und verbreitete ihre eigene Zeitung, den "Me'assef". Und die Cherokee hatten ihre von Sequoyah geschaffene Schrift, Boudinots Übersetzung des Neuen Testaments und die Druckerei, in der der Phoenix entstand.
Allerdings gab es für den Herausgeber und seine Zeitung kein Happy End. Als sich die Vertreibung der Cherokee abzeichnete - man hatte auf den Land Gold gefunden und wollte sie umsiedeln -, stimmte Boudinot für die Umsiedlung. Ihm war es wichtiger, die Cherokee als Volk zu erhalten, als um das Land zu kämpfen, was sicher die Auslöschung seines Volkes oder zumindest die Versprengung und Zerschlagung des Stammes zur Folge gehabt hätte. Insofern trat er auch in seiner Zeitung deutlich für den "Vertrag" zur Umsiedlung ein, unterzeichnete schließlich auch ein solches Papier. Nach dem "Trail of Tears", dem Auszug der Cherokee aus ihrem Land, auf dem etwa 4000 Cherokee starben, wurde Boudinot von einem Stammesangehörigen ermordet. Dessen "Legitimation", war eine doppelte: Zum einen gab es ein Cherokee-Gesetz, demzufolge jeder mit dem Tod bestraft werden sollte, der Land des Volkes verkaufte. Zum anderen trat der Mann als Bluträcher auf, denn seine Verwandten waren bei der Vertreibungsaktion umgekommen.
Die Ausgabe enthält Boudinots Zeitungstexte sowie seine Briefe und Werbeschreiben für das Phoenix-Projekt. Durch das Vorwort, weitere einleitende Texte zu den einzelnen Abteilungen und einen Kommentarteil am Ende der jeweiligen Bereiche wird der Leser gut informiert und bekommt viele Informationen zu Boudinot und zum Phoenix. Lesenswert.

 

Die Welten von Thorgal: Thorgals Jugend 9: Die Tränen der Hel

 

Yoko Tsuno: Gesamtausgabe, Band 3: Jagd durch die Zeit
- Die Zeitspirale
- Die Rache der Dämonen
- Der Astrologe von Brügge

Der dritte Sammelband der Serie bietet drei Zeitabenteuer, die Yoko Tsuno an der Seite ihrer Freundin Monya aus der Zukunft besteht. Als Monya mit ihrer "Zeitspirale" das erste Mal in Yokos Welt eintritt, hat sie schlechte Neuigkeiten: Dann im 39. Jahrhundert wird die Menschheit ausgelöscht werden. Es sei denn, Yoko schafft es, die Geschichte zu ändern. Die zweite Geschichte, kunstvoll mit der ersten verknüpft durch ein Bild einer Tempeltänzerin, das Yoko sehr liebt, erzählt, wie Yoko ebendiese Tänzerin retten muss und damit erneut in den Verlauf des Zeitflusses eingreift. Das dritte Abenteuer schließlich führt sie nach Brügge, wo Yoko einem uralten Gemälde auf die Spur kommt, das sie und Monya zeigt. Einfach schön und erneut großartig aufbereitet. Ein Klassiker.

 

Weitere Jahresrückblicke
Januar bis März 2021
April bis Juni 2021
Juli bis September 2021
Oktober bis November 2021

 

© Petra Hartmann




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Jahresrückblick IV: Oktober bis November 2021

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 31 December 2021 · 617 Aufrufe
Jahresrückblick

Mein Lese-November auf Helgoland hat, wie schon letztes Jahr, das Fassungsvermögen des Blogs gesprengt. Ihr findet im vierten Teil also nur den Oktober und zwei Drittel des Novembers. Rest folgt morgen ... Was bieten diese sieben Wochen? Ich habe den Rest der Oz-Serie gelesen, eine Menge über antike Autoren, Aufklärung und Haskala, etwas über Helgoland, Krimis, politische Literatur, aktuelle Belletristik, Science Fiction, Klassiker, Abenteuer, Kinderbücher. Viel Spaß damit

 

Oktober

 

L. Frank Baum: OZ, Complete Edition 13: The Magic of Oz (e)
"Pyrzqxgl" ist ein mächtiger Zauberspruch. Wer ihn richtig betont, kann damit Lebewesen in etwas anderes verwandeln. Ein Zauberer auf dem Berg Munch hat das herausgefunden. Aber da in Oz das Zaubern außer für Glinda und den Zauberer von Oz verboten wurde, hat der alte Munchkin-Zauberer das Wort nicht mehr benutzt. Allerdings schrieb er es, zusammen mit der Aussprache-Anweisung, auf. Eines Tages findet sein Sohn Kiki Aru diese Notiz und beginnt sofort, damit herumzuexperimentieren. Er verwandelt sich in einen Habicht, fliegt durch unterschiedliche Länder und trifft schließlich den Nomenkönig. Der wittert eine Chance, endlich Oz zu erobern, und tut sich mit Kiki Aru zusammen.
Kiki Aru hütet sich freilich, dem König das Zauberwort und die Aussprache zu verraten. Er verwandelt sich und seinen neuen Partner in Vögel. Sie fliegen in den Wald von Ugu zu den wilden Tieren, um diese als Verbündete im Kampf um Oz zu gewinnen. Hier treten sie in Gestalt von Li-Mon-Eags auf, Fabelwesen aus mehreren Bestandteilen anderer Tiere. Sie lügen den Tieren vor, die Oz-Leute hätten vor, den Wald zu erobern und die Tiere zu versklaven. Dann bieten sie den Tieren ihre Hilfe an und wollen eine tierische Armee gegen Oz aufstellen.
Gleichzeitig gibt es in der Smaragdstadt große Vorbereitungen für ein besonderes Fest: Ozmas Geburtstag steht bevor. Während Trot und Capt'n Bill für die Herrscherin von Oz besondere Blumen von einer geheimnisvollen Insel holen wollen, wird Dorothy durch den Zauberer auf eine andere Geschenkidee gebracht: Sie will einen Kuchen backen, aus dem dann eine Gruppe dressierter Affen herausspringt und Kunststücke aufführt. Nun reist sie zusammen mit dem Zauberer dem feigen Löwen und dem hungrigen Tiger in den Wald von Ugu, um dessen Herrscher, einen wilden Leoparden, um eine Handvoll Affen für die Torte zu bitten.
Die Glaskatze, die die Insel der wunderschönen Blumen entdeckt hat, führt Trot und den Kapitän dorthin. Allerdings ist die Insel verzaubert: Alle lebendigen Wesen schlagen dort Wurzeln. Auch Trot und der Kapitän wachsen dort im Boden fest. Einzig das Holzbein des alten Seemanns lässt sich noch bewegen. Aber das nützt nichts, da der andere Fuß bombenfest im Boden verwurzelt ist. Die Glaskatze hatte damals die Insel ohne weiteres betreten und verlassen können, da sie ja aus Glas besteht. Auch nun läuft sie unter Wasser wieder zurück zum Festland und sucht ihre Freunde, um Hilfe für die beiden Festgewurzelten zu finden.
Als Dorothy und ihre Freunde im Wald ankommen, läuft gerade die Beratung der Tiere, ob sie die Smaragdstadt angreifen sollen oder nicht. Der Nomenkönig Ruggedo erkennt seine alten Feinde und bittet Kiki Aru, sie zu verwandeln. Der tut dies, unter anderem verwandelt er den Zauberer in einen Fuchs. Allerdings verzaubert er auch den Nomenkönig in eine Gans. Das ist für ihn besonders unangnehm, da er eine Todesangst davor hat, die Gans könnte ein Ei legen. Eier sind für Nomen tödlich. Komischerweise hatte er zuvor in seiner Vogelgestalt zuvor keine Angst davor ...
Schließlich verwandelt Kiki Aru die Affen in riesige Soldaten, um gegen Oz zu marschieren.
Aber der Zauberer, der ihm in seiner Fuchsgestalt gefolgt war, belauscht ihn und erfährt so das Geheimnis des Wortes "Pyrzqxgl". Er verwandelt Kiki Aru und Ruggedo in eine Walnuss und eine Hickorynuss. Dann gibt der Zauberer auch seinen Freunden und den Affen ihre ursprüngliche Gestalt zurück. Die wilden Tiere sind sehr dankbar dafür. Sie sind nun überzeugt, dass die Leute aus der Smaragdstadt ihre Freunde sind und dass der Nomenkönig und Kiki Aru nichts Gutes im Schilde führten. So darf Dorothy auch ein paar Affen mitnehmen und sie für Ozmas Fest abrichten.
Mithilfe des Zauberworts werden auch Trot und der Kapitän von der Insel befreit. Capt'n Bill streift sich eine Schiffsplanke über sein gesundes Bein. Damit und mit seinem Holzbein kann er die Insel gefahrlos erneut betreten und holt eine der Zauberblumen für Ozma.
Es gibt ein rauschendes Fest, und die Affenshow und die Blumen werden von Ozma sehr gut aufgenommen. Schließlich werden Kiki Aru und der Nomenkönig im Schlosshof zurückverwandelt - und zwar als extrem durstige Ausgaben ihrer selbst. Wieder aus ihrer Nussgestalt befreit, stürzen sie sich verzweifelt auf den Brunnen im Schlosshof - der ja das Wasser des Vergessens enthält. Es erfolgt eine Komplettlöschung ihres Gedächtnisses. Beide werden gute, freundliche Bürger der Smaragdstadt.

 

L. Frank Baum: OZ, Complete Edition 14: Glinda of Oz (e)
Dorothy und Ozma besuchen ihre Freundin Glinda die Gute. Dabei werfen sie auch einen Blick in Glindas magisches Buch und erfahren, dass ein Krieg zwischen den Flatheads und den Skeezers ausgebrochen ist. Seltsamerweise haben alle drei noch nie von diesen Völkern gehört. Aber da es offenbar Völker von Oz sind, fühlt sich Ozma als ihre Herrscherin verantwortlich und beschließt, zwischen ihnen Frieden zu stiften. Ozma und Dorothy brechen in das Kriegsgebiet auf, aber weder der Herrscher der Flatheads noch die Königin der Skeezers wollen sie anhören. Sie werden beide Male gefangen genommen. Beim zweiten Mal ist die Situation besonders unangenehm: Sie sitzen im Inselkönigreich der Skeezers fest, das deren Königin mit einer Glaskuppel überwölbte. Nun sinkt die Insel auf den Grund des Sees. Unter Wasser sind Dorothy und Ozma völlig hilflos, auch die Skeezers sind gefangen, während die Königin an der Wasseroberfläche eigentlich mit ihrem Schiff den Flatheadkönig ergreifen wollte. Doch der verwandelte sie in einen Schwan. Nun ist sie so bezaubert von ihrem Spiegelbild im Wasser, dass sie sich gar nicht satt daran sehen kann.
Inzwischen sind Dorothys Freunde am Ufer angelangt, allen voran Ozma. Aber es wird schwierig, die Insel zu heben. Hierz müssen drei Adepten der Zauberkunst gefunden werden, die die Frau des Flatheadkönigs in Fische verwandelt hatte, nachdem sie ihnen ihre Magie geraubt hatte.
Dieser Band war der letzte Oz-Band aus der Feder von L. Frank Baum. Aber er hatte Nachfolger, die die Serie fortsetzten. Diese Aufgabe übernahm zunächst Ruth Plumly Thompson, dann John R. Neill, Jack Snow, Rachel R. Crossgrove sowie Elois Jarvis McGraw & Laureen Lynn McGraw. Das letztgenannte Duo verfasste den 40. Oz-Band, der der letzte offizelle Band der Serie war. Es folgten die "inoffiziellen Bände" des "International Wizzard of Oz Clubs", weitere Bücher von Familienmitgliedern des Autors L. Frank Baum und anderen Autoren. In der englischsprachigen Wikipedia sind noch weit über 50 Bände nach den offiziellen "famous Fourty" verzeichnet. Die tue ich mir jetzt erstmal nicht an. Stopp, eines muss ich erwähnen: In meiner Jugend habe ich "Ein Himmelsstürmer in Oz" von Philipp José Farmer gelesen. Das fand ich gut.
Heruntergeladen habe ich mir zusätzlich noch die eBooks "The Magical Monarch of Mo" und "Queen Zixi of Ix" die in der Welt von Oz spielen. Da schaue ich nächstes Jahr noch rein.
Ein Hinweis noch: Dieses eBook kam zwar daher als Komplettausgabe der Oz-Bücher, es fehlte aber der Kurzgeschichtenband, den ich mir separat anschaffen musste. Wenn schon, denn schon.

 

L. Frank Baum: Little Wizard Stories of Oz (e)
Der Band enthält sechs Kurzgeschichten, alle recht nett, sehr kurz und sehr pointiert, es gibt keine großen Verwicklungen und jeweils nur ein kleines Personal. So handelt die erste Geschichte davon, dass der feige Löwe und der hungrige Tiger eines Tages darüber sprechen, dass sie doch eigentlich Raubtiere sind und dann auch mal böse sein sollten. Den hungrigen Tiger gelüstet es ohnehin schon seit Jahren, mal ein Baby zu fressen. So ziehen die beiden los, um mal ihren Trieben freien Lauf zu lassen. Dann finden sie tatsächlich ein Baby, sie stürzen sich auf es und - retten es, oder was habt ihr gedacht?
Eine andere Geschichte dreht sich darum, dass der Zauberer Dorothy immer streng verboten hatte, sich allein in Oz herumzutreiben, das sei viel zu gefährlich für ein kleines Mädchen. Aber Dorothy und Toto gehen irgendwann doch wieder auf Entdeckungsreise. Sie treffen auf einen furchtbaren, bösartigen, gefährlichen Riesen, der sie packt und mitnimmt. Dorothy hat fürchterliche Angst. Aber dann stellt sich heraus, dass es nur eine pädagogische Aktion des Zauberers war: Der Riese war er selbst. Er wollte Dorothy nur mal zeigen, was alles Gefährliches passieren kann, wenn ein Mädchen allein spazieren geht.
Außerdem gibt es eine Begegnung zwischen Tik-tok und dem Nomenkönig, Jack Pumpkinhead ist mit dem Sägepferd unterwegs, dann noch ein Märchen über Ozma und den kleinen Zauberer und ein Abenteur der Vogelscheuche und des Holzfällers. Alles sehr nett und nicht allzu abgründig.
Der Band war wohl so etwas wie ein Verlegenheitsbuch, das Baum seinen Fans lieferte, als diese nach dem sechsten Band, als er ja das Ende der Oz-Serie verkündet hatte, vehement Nachschub einforderten. Seine anderen Versuche, Kinderbuch-Serien zu starten, endeten spätestens mit Teil zwei. So schrieb er dann doch irgendwann Teil sieben der Oz-Abenteuer. Aus der Oz-Nummer kam er nicht wieder raus.

 

Manfred Geier: Die Brüder Humboldt
Sehr schönes und sachkundiges Doppelporträt der beiden Brüder, das mich sehr beeindruckt hat. Ich habe mich mit beiden in den vergangenen 30 Jahren immer mal wieder befasst, mit Wilhelm als Germanist und Politologe naturgemäß etwas mehr, aber Alexander habe ich auch immer geschätzt und einige Bücher und Hörbücher von ihm und über ihn gelesen beziehungsweise gehört.
Trotzdem ist mir erst durch dieses Buch klar geworden, wie ähnlich die beiden Brüder sind. Man hat ja immer wieder sofort diesen Gegensatz zur Hand: Wilhelm der Geisteswissenschaftler auf der einen Seite, und auf der anderen Alexander der Naturwissenschaftler. Ja, das waren sie auch. Aber das ist eine oberflächliche Unterscheidung. Wenn man etwas in die Tiefe geht, findet man, dass sie aus dem gleichen Quell schöpfen und im Denken und vom wissenschaftlichen Ansatz her sehr ähnlich ticken. Beide gehen ausgesprochen ganzheitlich an ihre Forschungen heran.
Wilhelm hat den weiten Blick auf Sprache als eine ganze weite Welt, er sieht Zusammenhänge, schafft Bezüge, er geht auf das Wesen der Sprache und verliert sich nicht in kleinen Grammatikprokeleien. Er ist kein Grammatiker, sondern Sprachphilosoph, wie Alexander als Naturphilosoph daherkommt. Er seziert keine Tiere oder zupft Planzen die Staubfäden raus, sondern er schreibt Landschaftsbilder. Er erkennt Klimazonen und setzt sie in Beziehung zu Höhenmetern der Gebirge. Er ist einer der ersten, der Ökosysteme erkennt und beschreibt. Man denke auch an den rhodischen Genius, sein einziges literarisches Stück.
Von Jugend an Jugend nahm ihr Bildungsgang parallele Bahnen, ihre Gedanken kreisten um ähnliche Probleme. Was ich schon im vorigen Jahr über beide aus dem Buch "Haskala und allgemeine Menschenbildung" von Uta Lohmann lernte: Beide waren eng befreundet mit David Friedländer, mit dem sich Wilhelm auch über Bildungsfragen austauschte. Friedländer als politischer Vorkämpfer der jüdischen Schulbildung, Humboldt als Kultusminister und Bildungsreformator. Und es war auch Friedländer, der half, Alexanders Amerikafahrt zu finanzieren, als ihm sein Finanzplan zusammenbrach.
Dass Alexander für seinen Bruder als Feldforscher unterwegs war und ihm wertvolles Material über indianische Sprachen von seiner Reise mitbrachte, wurde mir auch erst jetzt klar: Der Mann wusste sehr genau, wonach er suchte, er raffte nicht einfach nur irgendwelche unsortierten Vokabelfetzen zusammen. Ethisch und politisch lagen sie auch nahe beieinander. Nur dass Wilhelm am Ende seines Lebens versuchte, aus dem kosmopolitischen Bruder einen rechten Preußen zu machen, sorgte wohl für eine Missstimmung unter den Brüdern. Und doch war Wilhelm nirgends so glücklich wie in Italien ... Ein sehr schönes Doppelporträt, sehr klug und obendrein gut geschrieben. Hat Spaß gemacht.

 

Moritz Hartung: Grünes Gesindel

 

Hörspiel/Hörbuch

 

Ulrike Beck: Abenteuer & Wissen: Johannes Gutenberg: Der Siegeszug des Buches
Ich habe vor rund 30 Jahren die Rowohlt-Monografie über Gutenberg gelesen. Damals hatte ich das Gefühl, dass der Verfasser nur sehr wenig Daten und Fakten über Gutenberg zur Verfügung hatte. Und ich habe ihn dafür bewundert, wie er trotzdem ein ausreichend dickes Buch über ihn schreiben konnte, indem er sich dann nämlich mehr mit seinem Werk und einer künstlerischen Betrachtung der Gutenberg-Bibel befasste. Die Schilderungen dieser Gutenberg-Ästhetik hatte beinahe lyrische Qualitäten.
Bei diesem Hörbuch ist es ganz anders: Ich habe den Eindruck, dass der Autorin eine unfassbar große Menge an Material zur Verfügung stand und dass es ein rappelvolles Hörbuch geworden ist.
Man kann schon feststellen, dass ein großer Teil des Materials, das als Zeugnis für Einzelheiten aus Gutenbergs Leben vorliegt, Prozessakten sind. Gutenberg muss nicht nur ein streitbarer Mann gewesen sein, er wurde auch oft selbst vor den Kadi gezogen, zum Beispiel wegen (angeblicher?) Heiratsversprechen. Und der Mann fackelte selbst nicht lange. Mal eben den Stadtschreiber seiner Heimatstadt gefangennehmen lassen, bis ihm seine Leibrente ausbezahlt wird, das ist schon ein kühner Handstreich.
Dass der Erfinder nicht mit seiner Bibel-Ausgabe, sondern mit anderen Drucken seinen Hauptumsatz machte, war mir so auch nicht klar: Der "Donat", ein Latein-Lernbuch für Schüler, war seine zweitwichtigste Einnahmequelle. Die wichtigste: Ablassbriefe. Ausgerechnet Ablassbriefe! Wenn man bedenkt, dass seine großartige Erfindung der Motor der Reformation war, ist das schon eine sehr kuriose Wendung.
Ebenfalls eine interessante Entdeckung, die geradezu rührend ist: Wusstet ihr, dass aus dem Schrifttyp Gutenbergs auch die Times New Roman hervorgegangen ist? Das freut mich.
Was ich in der Rowohlt-Monografie nicht verstanden hatte: Warum Gutenberg und sein Bruder unbedingt Spiegel in großen Mengen für die Teilnehmer der Pilgerfahrt herstellen wollten und warum sie sich einen solchen Reichtum davon versprachen. Nun ist mir die Sache klar: Die Pilger kamen in so großen Scharen, dass der überwiegende Teil von ihnen die gezeigten Reliqien gar nicht berühren konnten. Ja nicht einmal sehen konnten sie viele im Gedränge der Gläubigen. Aber wenn sie im Gedränge ihre Spiegel hochhielten, konnten sie nicht nur wie durch ein Periskop die heiligen Gegenstände und Körperteile sehen, sie konnten auch die segensspendende Aura, die Energie der Reliquien in ihren "Heilsspiegeln" einfangen und mitnehmen. Wieder was gelernt. Und der Plan ging auch auf, Gutenberg und sein Bruder verkauften tatsächlich massenweise Spiegel.
Und noch eine Sache, die ich anders im Hinterkopf hatte: Ich war immer davon überzeugt, dass Gutenberg einsam, verbittert und im Elend gestorben ist, als ihm Fust & Schöffer das Wasser abgruben und ihm die Druckerei wegnahmen. Das war offenbar nicht der Fall. Sein Fürst, der die Erfindung wertzuschätzen wusste, adelt ihn, gibt ihm ein Hofamt und sorgt dafür, dass der Mann ein Auskommen hat. Gut so, ich gönne es ihm von Herzen.

 

Ute Welteroth: Abenteuer & Wissen: Alexandra David-Néel. Die Frau vom Dach der Welt
Bemerkenswerte Geschichte einer Abenteurerin, die unbedingt nach Tibet in die verbotene Stadt Lhasa reisen wollte. Überhaupt eine sehr spannende Frau. Sie lief als Kind schon mehrfach von zu Hause weg, lernte Sprachen wie Sanskrit und Tibetisch, ernährte sich zwischenzeitlich als Opernsängerin, als Sopranistin in Indochina. Ihren Mann lernte sie in Tunis kennen. Sie traf den 13. Dalai Lama und ließ sich von einem Eremiten in die Kunst einweihen, in Eis und Schnee zu überleben - zur Ausbildung gehörte auch das Baden im eisigen Wasser, wonach sie stundenlang nackt in der Kälte hocken musste ... Sie besucht Indien, Japan und China, verbrachte zwei Jahre in einem buddhistischen Kloster. Mehrfach wird sie ausgewiesen und taucht doch immer wieder an der Grenze zu Tibet auf. Endlich dringt sie zusammen mit einem jungen Tibeter nach Lhasa vor. Er als Lama verkleidet, sie als eine Bettlerin, die ihm folgt. Unter ärmlichsten, dreckigsten Bedingungen übernachtet sie auf diversen Stationen des Pilgerpfades. Als ihr Begleiter im Eis schwer verletzt wird, schafft sie es, ihn irgendwie auf dem stundenlangen Weg bis zur nächsten menschlichen Behausung weiterzutragen oder ihn zu stützen. Schließlich erreichen sie Lhasa. Sie beteiligt sich an den Ritualen, besucht die heiligen Stätte, hört, sieht, liefert authentische Beschreibungen. Erwischt wird sie nicht, sie kann nach ausgedehntem Aufenthalt unerkannt wieder abreisen. Aber: Die Behörden waren nahe dran, Argwohn zu schöpfen. Es gibt Berichte über eine verdächtige Bettlerin mit einer sehr ungewöhnlichen Angewohnheit: Die Frau wäscht sich täglich ...
Sehr interessant, spannend erzählt, ich habe viel daraus gelernt.

 

November

 

Ursula Schmid: Mord in Cork. Krimis aus Irland

 

Carmina anacreontea. Griechisch/Deutsch (Reclam)
Schöne Ausgabe der Anakreontischen Gesänge. Achtung: Nicht der Lieder des griechischen Dichters Anakreon, sondern späterer Lyriker, die ihn und seine Art, das Leben zu besingen, liebten und nachahmten. Ich hatte mich in den frühen 90ern, während meines Studiums, in einer griechischen Lyrikanthologie an den Anakreontikern festgelesen und wollte mehr über diese Leute wissen. So ging ich in eine Buchhandlung und fragte, ob es ein Buch über Anakreontik gebe. Die Buchhändlerin tippte "Anna Kreonte" in ihren Rechner ein und fragte mich dann sicherheitshalber, wie der Nachname genau geschrieben wurde ... Es war dann aber nur noch ein Buch über die gleichnamige schlesische Dichterschule zu finden. So bin ich kein Anakreontik-Fachmann geworden. Immerhin las ich die Mörike-Übersetzung, die auch heute noch die am weitesten verbreitete ist. Es gab kaum nennenswerte Neuübersetzungen. Nicht, weil diese Lieder so uninteressant sind, sondern weil die Übersetzung von Mörike einfach so beliebt war. Und gut getroffen hatte er den Ton einfach.
Jetzt aber doch eine neue. Und ich muss sagen, der Spaß und die Liebe waren sofort wieder da. Etwa beim Gedicht von Eros, der als nackter, durchnässter Knabe vor der Tür steht, eingelassen wird und prüft ob die Bogensaite trocken geblieben ist, und dann seinem Gastgeber mal eben den Pfeil ins Herz jagt. Oder die Forderung: Gebt mir die Leier des Homer - aber ohne seine Mördersaite. Es sind die Lieder eines alt gewordenen, aber frisch gebliebenen Menschen, der der griechischen Festkultur folgt und das hohe Lied von Wein, Weib und Gesang singt, ohne dabei platt oder eklig, weil besoffen, zu wirken. Anakreon hätte an meinem Gelage immer einen Platz frei.

 

Archilochos: Gedichte Griechisch/Deutsch (Reclam)
Sehr schöne, brandneue Ausgabe der Werke meines absoluten griechischen Lieblingslyrikers. Sie enthält auch die neueren Fundstücke und ist vermutlich die vollständigste Archilochos-Ausgabe, die aktuell auf dem Markt ist. Die Übersetzung ist gut lesbar, die Texte ordentlich aufbereitet und kommentiert.
Es war ein schönes Wiedersehen mit dem Schildgedicht und dem Gedicht über die Sonnenfinsternis vom 6.4.648 vor Christus, 9.54 Uhr. Das erste Datum der Literaturgeschichte und dabei noch so ein präzises. Und immer wieder erstaunlich, wie nah und nachfühlbar die Gedanken und Gefühle dieses Dichters einem beim Lesen erscheinen. Uns trennen schließlich mehr als zweieinhalb Jahrtausende. Archilochos spricht sein eigenes Herz an und rät sich selbst, sich von Kümmernissen nicht allzusehr herunterziehen zu lassen. Er wünscht seinen Feinden die Pest an den Arsch, respektive einen Schiffbruch, nach dem sie halbtot an die Küste getrieben und von Thrakern als Sklaven verkauft werden. Er besingt den Wein und die nächtlichen Wachen im Heerlager, nennt sich selbst einen Diener des furchtbaren Kriegsgottes, der sich doch auch auf das Geschenk der Musen versteht. Verfolgt den Lykambes, der ihm seine Tochter zur Frau versprochen hat und sie ihm dann doch verweigerte, mit hasserfüllten und spottenden Versen - die den Mann und seine Tochter in den Wahnsinn und Selbstmord getrieben haben sollen. Ein Dichter, der ausgesprochen unhomerisch auftrat, der alte Traditionen und die Kriegerehik auf den Prüfstand stellte. Etwa, wenn er im Schildgedicht darauf hinweist, dass es vollkommener Blödsinn ist, den Schild, der ja dazu dienen soll, das Leben zu schützen, gerade mit seinem Leben zu verteidigen. Es galt als schimpfliches, teilweise sogar todeswürdiges Verbrechen, wenn man den Schild wegwarf, um schneller flüchten zu können. Pah, sagt Archilochos, einen neuen Schild kann ich mir an jeder Straßenecke kaufen, aber mein Leben habe ich durch diese Aktion gerettet ... Das gab in Sparta einen echten Aufschrei. Ebenfalls unhomerisch: Ich brauche keine Feldherrn mit glattem Gesicht, gepflegten Locken und tollen Klamotten, gebt mit lieber einen kleinen, krummbeinigen Kahlkopf, der Mut hat und das Herz auf dem rechten Fleck.
Absolut lesenswert und gut ausgestattet. Ein Archilochos gehört in jede Bibliothek, und dieser hier ist ordentlich aufgemacht und dabei noch wohlfeil. Tadellos.

 

Ursula Schmid-Spreer: Cork, noch mehr Mord

 

Fabienne Siegmund: Die Blätter des Herbstbringers

 

Jane Austen: Stolz und Vorurteil
Das wollte ich schon immer mal lesen. Klassischer englischer Liebes- und Entwicklungsroman des frühen 19. Jahrhunderts über eine Frau und einen Mann, die sich seit ihrer ersten Begegnung verachten und verabscheuen, aber dann endlich feststellen, dass sie sich doch lieben und für einander bestimmt sind. Es fängt ein bisschen schwergängig an, man erfährt einiges über Familienverhältnisse und Verkupplungsversuche und darüber, wie es ist, wenn man seinen Töchtern kein Erbe hinterlassen kann und sie unter die Haube bringen muss, um sie zu versorgen. Von der ersten blöden Bemerkung des Mister Darcy bis zum Happy End nimmt die Geschichte dann ordentlich Fahrt auf. Klar es ist ein bisschen kitschig und hat jede Menge Herzschmerz, aber es ist ein gutes Buch, das nicht umsonst so oft zitiert wird. Lesbar.

 

Maria Sibylla Merian: Das Insektenbuch
Sehr schönes Insel-Taschenbuch, das die "Metamorphosis Insectorim Surinamensium" enthält. Geboten werden die colorierten Stiche der Insekten und Pflanzenbilder, die Maria Sibylla Merian nach ihrer Forschungsreise nach Surinam veröffentlichte, zusammen mit einer jeweils danebenstehenden deutschen Übersetzung ihrer lateinischen Beschreibung der Tiere und Pflanzen. Eröffnet wird das Buch, prestigeträchtig und PR-stark, mit dem Bild der Ananas. Merian sieht keines der vorgefundenen Tiere isoliert, stets bildet sie den jeweiligen Schmetterling und die dazugehörige Raupe sowie den Kokon auf den zugehörigen Pflanzen ab, die sie nach Möglichkeit mit Blättern, Blüten und Früchten zeigt (das Tropenklima Surinams machte diese Gleichzeitigkeit möglich). Interessanterweise fehlen die Eier. Kannte sie die nicht? Außerdem bildet sie Käfer ab, einige Reptilien, Kröten. Viel erfuhr sie von den Angehörigen der indigenen Bevölkerung, mit der sie, wie auch mit den schwarzen Plantagensklaven, freundlichen Umgang pflegte und deren Behandlung durch die Weißen sie anprangert. Auch mehr als hundert Jahre jüngere Alexander von Humboldt machte sich ja auf seiner Südamerika-Reise gegen die Sklaverei stark. Es hätte sich auch für andere Weiße gelohnt, den Einheimischen zuzuhören: Von ihnen erfuhr die Schmetterlingsforscherin viel über die Heilkraft der Pflanzen und ihre weiteren Verwendungsmöglichkeiten. Bei vielen Pflanzen riet sie, doch hier die Möglichkeiten für Anbau und Export zu prüfen. Die Frau war schließlich erfahrene Geschäftsfrau, und die Plantagenbesitzer hätten vermutlich mit den von ihr vorgeschlagenen Landwirtschaftsprodukten große Erfolge erzielt. Verpasst. Jedenfalls wurde hier ein künstlerisch und wissenschaftlich herausragendes historisches Buch sehr schön aufbereitet und dargeboten. Es hat sich gelohnt.

 

Antonia Michaelis: Der Koffer der tausend Zauber
Ein Kinderbuch, das auf Madagaskar spielt. Der Held ist ein Straßenjunge namens Rabé, der von seinem Freund Koto einen großen Koffer "erbt". Der andere Junge war durch einen Unfall schwer verletzt worden - oder war es kein Unfall? Seit Rabé den Koffer besitzt, lebt auch er gefährlich. Zusammen mit einem Jungen aus reichem Hause und einem "Mitternachtsmaki" macht sich der Straßenjunge auf eine abenteuerliche Reise quer durch Madagaskar. Der Koffer, der nach und nach seine Geheimnisse preisgibt, führt sie zu einem Mädchen mit einer Zauberstimme. Und da der Koffer einst einem Bühnenzauberer gehört hatte, hat er immer noch einen Trick parat, wenn es für die beiden Jungen gefährlich wird.
Antonia Michaelis hat ein spannendes Kinderbuch geschrieben, das nicht nur eine Menge Abenteuer zu bieten hat, sondern auch viel Wissenswertes über Madagaskar. Vom Buschtaxi bis zum Nationalspiel "fanorona", von Tierarten bis zur Währung Ariary ist vieles erklärt, und im Anhang gibt es sogar ein kleines Lexikon der benutzten Ausdrücke aus der Sprache Malagasy. Dass die Autorin zu der Zeit, als sie das Buch schrieb, auf Madagaskar lebte, hätte die Kurzbiografie auf einer der vorderen Seiten eigentlich gar nicht zu erwähnen brauchen: Man merkt deutlich, dass die Autorin weiß, wovon sie schreibt. Trotz der fantastischen Koffergeschichte.

 

Werner Bergengruen: Der Basilisk und andere Spuknovellen
Ich bin ja ein großer Bergengruen-Fan und schaue regelmäßig auf Amazon Marketplace und ZVAB.de rein, ob es dort irgendwelche antiquarischen Bergengruen-Bücher gibt. Wobei im Anthologie-Bereich immer die Gefahr besteht, dass ich das alles schon kenne. Sei's. Bergengruen ist jedes Wiederlesen wert. Jetzt also der Basilisk. Es handelt sich um eine Sammlung von zwölf Novellen, die sich mit dem Unheimlichen und mit Geistererscheinungen befassen. Keine Horrorgeschichten im heutigen Sinne eher klassische Novellen, meist aus Weimarer Zeit. Ich kannte alle bis auf die Titelgeschichte aus anderen Zusammenstellungen, aber das Wiedersehen war schön. Die Spenersche Ausfahrt hat mich, als ich allein im nächstlichen Zimmer war, dann doch wieder "angefasst", und auch das "Räuberwunder", die Erzählung von einem Räuber, der im Gebirge von Soldaten eingekreist ist und nicht entkommen kann und doch in seiner letzten Stunde in seiner Heimatkirche auftaucht und beichtet, ist einfach zeitlos schön. Er erliegt im Gebirge seinen Wunden, aber die Blutspur im Beichtstuhl gibt Rätsel auf.
Die Titelgeschichte "Der Basilisk" ist die jüngste in diesem Buch. Entstanden nach der Nazizeit. Zugrunde liegt die Sage, dass ein Basilisk sterben muss, wenn er sich selbst im Spiegel erblickt. Die Hauptfigur ist, anders als der namensgebende Basilisk kein Ungeheuer, ja nicht einmal in irgend einer Weise bedeutend, es geht um einen jungen Mann, alleinstehend, nicht unbedingt intellektuell herausragend, zu seinem Leidwesen auch nicht besonders groß. Schließlich tritt er in die SA ein und kann sich nun wichtig fühlen. Dann wird ein Film gedreht. Ein abendfüllender Rundumblick über das nationalsozialistische Leben in Deutschland, und auch die SA-Abteilung des Herrn Basilinski kommt drin vor. Der Mann ist stolz wie Bolle. Dann passiert das Entsetzliche: Der Film wird bei einer Gemeinschaftsvorführung gezeigt. "Mensch, dass sind unsere!", geht der Ruf durch das Kino. Da marschieren sie alle schneidig und zackig. Und dann marschiert Basilinski - und sieht sich selbst. Alle bestätigen, dass er darin vorkommt, genau wie er leibt und lebt. Er aber ist von seinem Anblick getroffen, erkennt plötzlich, was für eine kleine, hässliche, unbedeutende Person er ist. Basilinski verlässt das Kino als gebrochener Mensch. Er verliert jede Lebenskraft und jeden Antrieb. Irgendwann stirbt er und wird nach Maßgabe der SA-Bestattungsvorschrift als normaler Kamerad ohne besondere Leistungen begraben. Und nun? Basilinski giert noch immer nach Aufmerksamkeit und setzt als Gespenst "das Hauptanliegen seines irdischen Daseins fort.". Dabei ist er weder schauerlich noch geistvoll, eher phantasielos und läppisch. Schließlich wird er ganz vergessen. In der modernen, flüchtigen Zeit nimmt ihn schließlich niemand mehr wahr. "So blieb er schließlich aus; über sein weiteres Schicksal und Verhalten liegen mir keine Nachrichten vor", notiert der Verfasser. Ein verdientes Ende.

 

Jasmina Kuhnke: Schwarzes Herz
Eine Mischung aus Roman und Autobiografie. Erzählt wird die Geschichte einer jungen Frau, deren Vater schwarz war. Die Ich-Erzählerin berichtet darüber, wie es ist, mit dunkler Hautfarbe in Deutschland aufzuwachsen, sie spricht über Alltagsrassismus, Diskriminierung und darüber, wie es ist, ständig auf dieses Schwarzsein festgelegt und reduziert zu werden. Die Heldin des Buches ist Deutsche, aber wird ständig als afrikanisch definiert. Selbst ihre Freude an Leichtathletik und ihre Leistungen im Laufen zählen offenbar nichts, da sie schwarz ist. Ein Sportlehrer verweigert ihr die verdiente Eins. Gerade aus Fairness den anderen gegenüber habe er sie eine Note herabgestuft, erklärt ihr der Mann. Denn als Afrikanerin habe sie ja einen ganz anderen Körperbau und könne eben von Natur aus schneller laufen, das sei unfair gegenüber den anderen.
Aber es geht auch um Gewalterfahrung, Missbrauch und einen widerlichen Ehemann. Schließlich um den Entschluss, den Kerl zu verlassen und eine Karriere als Schriftstellerin zu beginnen.
Das Buch ist teilweise autobiografisch und soll es auch sein. Die Verfasserin ist auf Twitter unter dem Namen Quattromilf bekannt, als Vierfachmutter, die gegen Rassismus kämpft, einigen auf die Zehen tritt, austeilt und auch viel einstecken muss. Als Roman gelesen wäre das Buch ein bisschen dünn, literarisch hat es nicht unbedingt die höchsten Ansprüche, aber als Erfahrungsbericht und Einblick in das Leben einer farbigen Deutschen ist es ein ziemlicher Brocken. Verdammt, warum kann man nicht einfach Menschen wie Menschen behandeln und sonst gar nichts?

 

Fabienne Siegmund: Das Mühlenreich

 

Sappho: Lieder. Griechisch/Deutsch (Reclam)

 

Bergengueniana V
Das fünfte Doppeljahrbuch der Werner Bergengruen-Gesellschaft ist im Oktober druckfrisch erschienen und bringt erneut einen umfangreichen Auszug abus dem "Compendium Bergenguenianum", der Skizzen-, Gedanken- und Beobachtungen-Sammlung des Autors. Ferner widmet sich dieser Band dem Roman "Am Himmel wie auf Erden" und einen Beitrag über Bergengruens publizistisches Schaffen. Es sind Auszüge aus seinem Briefwechsel mit seiner Frau zu lesen, man erfährt etwas über eine Studienfahrt durch das Baltikum, erhält eine Auswahlbibliografie seines unselbstständig publizierten Schrifttums. Schließlich ist die Verleihung des Bergengruen-Preises 2019 an Ingo Schulze dokumentiert, inklusive Laudatio und Dankesrede.Erneut ein sehr voller, reichhaltiger und lesenswerter Band.

 

Nicholas Jubber: Von Monstern und Mythen
Ein Reisejournalist auf den Spuren der großen europäischen Epen: Nicholas Jubber sieht sich die Schauplätze der alten Schlachten und mythologischen Auseinandersetzungen an und versucht dabei herauszufinden, was die Wurzeln Europas sind. Es sind meist ziemlich nationalistische Fundamente, auf denen Europa ruht.
Die Idee, die alten Handlungsorte zu besuchen, fand ich gar nicht so schlecht. Sie ist freilich nicht neu, ich musste schon zu Beginn an die legendäre Serie "Unterwegs mit Odysseus" denken. Insgesamt kamen mir die Kapitel über Epen, die ich gut kannte, ziemlich oberflächlich vor. Bei denen, die ich noch nicht kannte, war ich echt angefixt und habe das Gefühl, eine Menge Input bekommen zu haben. Generell bin ich nicht sicher, was für einen Mehrwert es haben soll, wenn ich lese, wie ein Reisejournalist an der Stelle, an der Odysseus möglicherweise den Eingang zur Unterwelt fand, seine Tabletten verlor, worunter er mehrere Stationen seiner Reise lang leiden soll.
Die Epen, denen der Autor auf den Grund gehen will, sind die Odyssee, der Kosovo-Zyklus, das Rolandslied, das Nibelungenlied, Beowulf und die Saga von Brennu Njáll. Er geht den noch lebendigen Traditionen vor Ort nach, Sängern, Puppenspielern, traditionellen Instrumenten, bildlichen Darstellungen, Schauspielen. Beklemmend, wie der Kosovo-Zyklus im Jugoslawien-Krieg von serbischen Nationalisten instrumentalisiert wurde. Sich vorzustellen, dass Radovan Karadžić eigentlich ein hochgebildeter Kulturmensch gewesen sein soll. Dichter und Psychologe, Grüner, Manager eines Fußballvereins. So viele Literaturliebhaber in den Reihen der Kriegsverbrecher. Kultur ist kein Heilmittel gegen Barbarei.
Lesen will ich unbedingt den Kosovo-Zyklus und die Saga von Brennu Njáll. Aber ich verstehe echt nicht, warum der Autor das Kalevala ignoriert hat. Und den Kalevipoeg. Schade.

 

Wolfgang Schadewaldt: Sappho. Welt und Dichtung
Eine antiquarische Entdeckung, die ich natürlich mitnehmen musste. Alles, was ich über griechische Lyriker weiß, weiß ich von Schadewaldt, bzw. hat zumindest seinen Ausgang bei Schadewaldt genommen, vor allem in den Tübinger Vorlesungen. Dies hier ist ein Einzelband über Sappho, sehr gediegen, allerdings muss ich gestehen, dass man diesem Band dann doch die Patina schon anmerkt. Er kommt etwas altväterlich daher und schafft es, kein einziges Wort über gleichgeschlechtliche Liebe fallen zu lassen. Egal, auf jeden Fall ein lesenswerter, kompetenter Autor, der für die Antike brannte und in der griechischen Literatur lebte wie kein zweiter.

 

Nikolai von Michalewsky: Banditenehre
Ich bin immer wieder aufs Neue fasziniert davon, wie dieser Autor es schaffte, hochdramatische Jugendbücher mit tragischem Ende zu schreiben und zu verkaufen. Dies ist die Geschichte eines Jungen, der zum Verbrecher wurde, weil ihn ein selbstgerechter, wichtigtuerischer Polizist bei einer Fahndung nach einem geflohenen Verbrecher erst blöd anmachte und ihm dann eine Ohrfeige verpasste. Der Junge sieht sich in seiner Ehre verletzt und schwört, den Polizisten zu töten. Kurz darauf ist der Polizist wirklich tot. Der Junge ist zwar unschuldig, aber als die Polizei ihn verhören will, ergreift er die Flucht und lebt in der Wildnis. Hier schließt er sich irgendwann einer Verbrecherbande an. Als diese einen Mann entführt und Lösegeld erpressen will, wacht er auf, erkennt, dass diese Leute die falsche Gesellschaft für ihn sind, und hilft dem Opfer zu fliehen. Inzwischen ist auch seine Unschuld am Polizistenmord erwiesen. Als der Entführte erzählt, dass der Junge ihn gerettet hat, wird jede Fahndung eingestellt, der Junge könnte als freier Mann zurückkehren. Dummerweise weiß das weder der Junge noch der Polizist, dem er kurz danach begegnet. Der Junge flüchtet, der Polizist schießt, und das war es dann. Tragisch und sehr mitreißend. Sehr gut geschrieben.

 

Boris Friedewald: Maria Sibylla Merians Reise zu den Schmetterlingen
Edles Hardcover, reich bebildert und sehr informativ. Eine Biografie, die etwas über 130 Seiten hat, dazu einen Anhang mit Literaturhinweisen und mit Kommentaren zu den abgedruckten Bildern der Merian. Sehr konzentriert, leicht zu lesen und inhaltlich und gestalterisch eine kleine Kostbarkeit.

 

Frederik Hetmann: Der Kelim der Aphrodite
Ebenfalls eine antiquarische Entdeckung. Es geht um eine Art moderne Fassung der Odyssee, der Rückkehr des Odysseus zu seiner Penelope, verbunden mit der Kabbala und dem Tarot. Die Erzählperspektive schwankt zwischen Ich-Erzähler, Personalem Erzähler und Allwissendem Erzähler. In die Handlung einmontiert sind auch Dokumente, nämlich drei verschiedenfarbige Notizbücher, die von der weiblichen Hauptfigur verfasst wurden.
Eine der beiden männlichen Hauptfiguren ist Robert Suttner, eine Art Kartenleger, Magier, Lebensberater, der allerdings nicht jeden als Kunden annimmt. Mit der weiblichen Hauptfigur, die eigentlich Sophia heißt, aber als Schauspielerin die Penelope spielt, verbindet ihn mehr als eine Geschäftsbeziehung, aber sie wollen es auch nicht zu einem "Verhältnis" machen, sie betrachten und definieren sich eher als Geschwister. Sophia/Penelope ist verheiratet mit Odysseus, der dritten Hauptfigur. Man weiß nie so ganz genau, ob es tatsächlich um den mythologischen Odysseus geht, oder um eine modernen Menschen. Er benimmt sich wie der Held der Odyssee, ist aber mit einer modernen Frau verheiratet ...
Eines Tages bekommt Suttner von Sophia die Nachricht, er müsse sofort nach Paris kommen. Er hat zwar keine Lust dazu, tut es dann doch und ist ziemlich verblüfft, als Sophie verschwunden ist und ihm ihr Haus überschrieben hat. Zurück ließ sie nur einen kunstvoll gewebten Kelim mit mythologische Szenen und Symbolen, drei Notizbücher und auf dem Boden die Zeichnung eines kabbalistischen Sephirot-Baums Suttner studiert die Bücher. Es sind Erzählungen, Lebensentwürfe. Ein Büchlein erzählt die Geschichte von Odysseus nach dem Freiermord. Er hat Sophia/Penelope nämlich danach sitzen gelassen und ist wieder abgehauen auf der Suche nach Freiheit und sich selbst. Dann aber beginnt Sophia, von sich selbst zu schreiben, von ihrer Hörigkeit gegenüber einem Philosophen oder Esoteriker, der sie womöglich in einem afrikanischen Land opfern will. Langsam löst sich für Suttner das Rätsel. Schließlich wagt er einen Rettungsversuch ...
Eine spannende, verschlungene und anspruchsvolle Geschichte. Hat mir gefallen.

 

Dominique Bourel: Moses Mendelssohn
Eine schöne, volle und umfangreiche Biografie Moses Mendelssohns, das Werk umfasst 800 Seiten und ist eine Übersetzung aus dem Französischen. Der Autor bietet einen guten Überblick über die wichtigsten Lebensstationen Mendelssohns, etwa das Erscheinen des Phaedon, die Lavater-Affäre oder die Tora-Übersetzung. Dabei werden die Hintergründe ausführlich dargestellt und die handelnden Personen und ihre Beweggründe detailreich vorgestellt. Das Buch ist stellenweise schwer zu lesen, nicht aufgrund seines Satzbaus, sondern dadurch, dass der Verfasser etwas andere Schwerpunkte setzt, als eine deutsche Biografie das tut, und dass er andere Dinge für selbstverständlich oder erklärungsbedürftig hält. In die französische Tradition muss ich mich erst noch einlesen. Interessant: Der Autor nimmt Friedrich II. gegen den Vorwurf in Schutz, er habe aktiv Mendelssohns Berufung in die Akademie verhindert und seine Ernennung nicht unterschrieben. Bourel weist nach, dass die Akademie selbst in vorauseilendem Gehorsam die Aufnahme Mendelssohns nicht weiter verfolgte. Friedrich hatte also gar nichts erhalten, was er hätte ablehnen können. Alles in Allerm ein hochinteressanter, lehrreicher Ziegelstein.

 

Natasha A. Kelly (ed.): The Comet - Afrofuturism 2.0
Zweisprachige Dokumentation der Beiträge einer Tagung anlässlich des Jubiläums 100 Jahre "The Comet". Die im Jahr 1920 erschienene SF-Geschichte von W.E.B. Du Bois gilt als erste SF-Story mit einem schwarzen Helden. Sie ist in dem Band mit englischem Originaltext und deutscher Übersetzung enthalten. Die Tagungsbeiträge sind sehr interessant und vielseitig. Ein wenig war ich überrascht, denn ich hatte gedacht, es wäre ein Band, der sich schwerpunktmäßig mit afrikanischer Science Fiction befasst. War es aber nicht, auch wenn dann auch auf den "Black Panther"-Film eingegangen wurde. Afrufoturismus ist wesentlich mehr, es ist eine umfassende Bewegung, die Politik und Gesellschaft, Design, Architektur, Kunst und einfach alle menschlichen Lebensäußerungen umfasst.
Ein Wort zum Gendern: Man kann darüber geteilter Meinung sein, aber in diesem Buch wurden die deutschen Texte offenbar von einem Menschen gegendert, der von deutscher Sprache, Grammatik und Satzbau offenbar keine Ahnung hat. Ohne Sinn und Verstand einfach mal weibliche Endungen dranhauen, aber dann die männlichen Formen nicht zu berücksichtigen, die Hälfte der Adjektive nicht oder falsch zu flektieren oder geballte Nicht-Folgerichtigkeiten im Satz zu produzieren, das ist nicht nur für den Leser (m/w/d) eine Beleidigung, sondern auch eine Demütigung der Wissenschaft. ÜbersetzerInnenn sollten zumindest der deutschen Sprache mächtig sein.

 

Kübra Gümüsay: Sprache und Sein
Ich kaufte mir das Taschenbuch, als die Autorin in Goslar eine Lesung hielt. Hier mein Bericht, den ich für die Goslarsche Zeitung verfasste:

 

Goslar. Sprache verbindet, Sprache trennt, sie macht menschliche Gemeinschaft erst möglich - aber sie zeigt auch ganz klar, wer draußen ist und nicht dazu gehört: Kübra Gümüsay, Journalistin und Autorin, stellte als Gast der Frankenberger Winterabende ihr Buch "Sprache und Sein" vor, beschwor den Zauber fremder Wörter, für die es im Deutschen keine Entsprechung gibt, beschrieb Phänomene und Missstände, die man ohne das passende Vokabular nicht wahrnehmen oder ansprechen kann, und nahm die rund 100 Gäste in der Frankenberger Kirche mit ins "Museum der Sprache", ein beklemmendes Haus, in dem man besser "unbenannt" bleibt.
Im Anfang war das Bild. Eine Tante, die beim Blick aufs Meer rief: "Wie herrlich dieser yakamoz leuchtet!" Gümüsay, obwohl türkische Muttersprachlerin, kannte weder das Wort, noch sah sie überhaupt ein Leuchten. Doch nun, seit sie weiß, dass das türkische Wort die Reflexion des Mondes auf dem Wasser beschreibt, sieht sie es bei jedem nächtlichen Spaziergang am Meer. "Denn Sprache verändert unsere Wahrnehmung. Weil ich das Wort kenne, nehme ich wahr, was es beschreibt", sagt die Autorin.
Aber es sind nicht nur die schönen Dinge, für die oft die Worte fehlen. "Sexuelle Belästigung" etwa ist ein Begriff, den es erst seit kurzem gibt. Wie soll eine Frau, die den Tatbestand gar nicht in Worte fassen kann, ihn definieren, anprangern, sich überhaupt bewusst machen? Und ist es ein Wunder, wenn ein übergriffiger Mann sein Verhalten nur als "Flirten" begreift?
Während in Deutschland über Gendersternchen und sprachliches Sichtbarmachen von Frauen diskutiert wird, gibt es Sprachen, in deren Grammatik Geschlechter überhaupt nicht vorkommen, beispielsweise Türkisch. Was dazu führen könne, dass man sich längere Zeit über einen fremden Menschen unterhalte und erst nach einer halben Stunde frage, ob es um einen Mann oder eine Frau gehe. Eine Erfahrung, die Gümüsay auch aus der eigenen Familie kennt. So habe ihr Sohn, der zunächst Türkisch gelernt habe, immer wieder die Geschlechter von Personen falsch angegeben und irgendwann, wenn sie ihn korrigierte, nur noch entnervt gefragt, warum das überhaupt wichtig sei. Nicht, dass es in der Türkei viel zur Emanzipation beigetragen habe, räumte sie ein. Die türkische Gesellschaft habe eine der weltweit höchsten Quoten an Frauenmorden. Aber ohne sprachliche Gleichberechtigung werde auch die gesellschaftliche schwierig.
Wie sehr Bezeichnungen ausgrenzen, machte Gümüsays Bild vom "Museum der Sprache" deutlich. Sie schilderte einen großen Ausstellungsraum, durch den die "Unbenannten" flanieren. In Glaskästen zum Anschauen dagegen stehen "Bezeichnete": "Der Gastarbeiter", "die Muslimin", "der schwarze Mann". Jeder, der mit einem Etikett bedacht wird, wird entindividualisiert, verliert seine Menschlichkeit, wird auf ein einziges Merkmal reduziert und seiner Facetten beraubt. Und wer sich auflehnt, erhält vielleicht etwas Aufmerksamkeit und einen größeren Glaskasten, aber er wird nie ein "Unbenannter". "Wenn ich als äußerlich erkennbare Muslimin bei Rot über die Straße gehe, gehen mit mir 1,9 Millionen Musliminnen bei Rot über die Straße", schilderte die Kopftuch tragende Frau die Wirkung solcher Etiketten auf die Wahrnehmung. Sie warb stattdessen dafür, Sprache als etwas Verbindendes, als Werkzeug zur Verständigung zu nutzen. Und: "Wir brauchen mehr Leute, die noch staunen können, die überrascht werden können. Menschen mit Demut."
Nach der Lesung signierte sie Bücher für die Besucher. Die Taschenbuchausgabe von "Sprache und Sein", war an diesem Tag druckfrisch erschienen und per Kurier nach Goslar gebracht worden.

 

Michael Winterhoff: Deutschland verdummt
Ein sehr bedrückendes Buch, das mir von meiner Schwester (Lehrerin) sehr ans Herz gelegt wurde.
Es ist eine Argumentation gegen die aktuell in Mode gekommene Lehre, man solle Schüler ihren Lehrstoff weitgehend selbst entdecken und erarbeiten lassen, während der Lehrer mehr oder weniger auf die Rolle eines Moderators im Hintergrund reduziert wird. Der Autor diagnostiziert zunehmende Verblödung der Kinder, soziale Inkompetenz und mangelnde Fähigkeit und Bereitschaft, sich überhaupt mit Dingen zu befassen, die keinen Spaß machen. Für die oberen Klassen und später im Studium ist es zwar durchaus wichtig und gewollt, dass die jungen Menschen selbstständig arbeiten und forschen. Aber in den unteren Schulklassen ist es für Kinder unheimlich wichtig, dass sie ein Gegenüber haben, dass sie Grundlagen, Strukturen, Regeln erhalten, eine Basis, auf der dann die Persönlichkeit wachsen kann. Winterhoff zeichnet ein düsteres Bild einer verlorenen Generation, er schildert Menschen, die sich nach ihrer freiheitlichen Schulkarriere nicht einmal aufraffen können, ihren Hartz-IV-Antrag selbst auszufüllen. Das klingt jetzt überspitzt. Aber in seiner Argumentation bleibt der Autor ganz bodenständig, liefert Zahlen und Fakten, bietet Interviews mit Lehrern, Schulleitern, Eltern, Psychologen. Wie gesagt, sehr bedrückend.

 

Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse
Bei uns sagt man "Jottwedeh", "wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen" oder "am Arm der Welt", in der Heimat des Marschmädchens ist es "wo die Flusskebse singen": ein abgelegener Ort, wohin sich kaum jemals ein Mensch verirrt. Es ist die Welt des Mädchens Kya, das hier allein lebt, manchmal gefangene Fische an den Tankstellenpächter verkauft und ansonsten wild und frei in der Gegend zwischen See und Land lebt. Kyas Mutter hat ihren gewalttätigen, stets besoffenen Mann verlassen, dann gingen die Geschwister nach und nach weg, bis schließlich irgendwann auch der Vater verschwand. Seitdem schlägt sich Kya allein durch. Die Wälder und Wasserläufe kennt sie inzwischen wie keine zweite. Im Dorf werden alle möglichen Gerüchte über sie erzählt, und es scheint sogar eine Art Wette zu geben, wer die wilde Frau als erstes flachlegen wird.
Eines Tages wird ein junger Mann tot und halb im Wasser liegend aufgefunden. Ein unsympathischer Supersportler aus reicher Familie, mit großer Klappe und chauvinistischem Auftreten, von dem es heißt, habe ein Techtelmechtel mit Kya gehabt. Der Verdacht fällt auf das Marschmädchen, die Polizei ermittelt gegen sie, es kommt zum Prozess.
Ein zauberhaftes Buch, das die herbe Poesie des Marschlandes einfängt, die Romantik eines "wilden" Mädchens, den Zauber des Strandguts und der Wissenschaften, aber zugleich auch eine Krimi-Handlung und eine modernisierte Fassung der "Zwölf Geschworenen" zeigt. Magisch, logisch und tragisch.

 

Otfried Preußler: Krabat
Kinderbuch-Klassiker, der mir allerdings nicht so gut gefallen hat. Die Geschichte eines Jungen, der sich als Lehrling an einer besonderen Mühle verdingt. Hier lernt man nicht nur das Mahlen, sonderrn auch das Zaubern. Allerdings auf eine sehr ungesunde Weise, denn jedes Jahr kommt einer der Müllergesellen ums Leben. Der Müller und Schwarzmagier, der hier das Sagen hat, hat eine Art Teufelspakt abgeschlossen. Als der junge Krabat merkt, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht, ist es schon zu spät: Fliehen ist aussichtslos. Es gibt nur eine Möglichkeit, den Dienst dieses Meisters lebend zu verlassen: Ein Mädchen muss seinen Anspruch auf einen Jungen geltend machen und ihren Geliebten vom Müller fordern. Allerdings wird er nur frei, wenn das Mädchen ihn auch im Dunkeln erkennt und ihn zweifelsfrei innerhalb der Gesellenschar identifizieren kann - auch wenn alle beispielsweise in Raben verwandelt sind.
Es ist nicht direkt schlecht erzählt, wenn auch sehr schematisch und altertümlich. Es ist vielmehr die bedrückende, lichtlose Atmosphäre der Mühlenwelt, die mich beim Lesen sehr runtergezogen hat. Und die Art, wie Krabat das Mädchen für sich gewinnt, kam mir doch sehr leicht und unglaubwürdig vor. Er nimmt magisch Kontakt zu ihr auf, liebt sie wohl auch, aber von ihrer Seite aus sieht die "Beziehung" doch relativ ärmlich aus. Dass sie ihn tatsächlich liebt und bereit ist, für ihn ihr Leben aufs Spiel zu setzten, kommt mir ziemlich seltsam vor. Sie kennt ihn ja überhaupt nicht.

 

Timo Stickler: Die Hunnen
Versuch, ein Volk näher zu fassen, von dem man vieles nicht weiß. Die Definition "Was ist ein Hunne?" bleibt ziemlich offen, und man weiß nicht so recht, ob die Reitervölker, die damals China bedrohten, tatsächlich identisch sind mit denen, die später in Europa als Hunnen bezeichnet worden sind. Etwas fassbarer wird es in römischer Zeit, aber viele Rätsel bleiben. Man erfährt mehr über die Politik der Völker an den Grenzen des Imperiums, über Handelsbeziehungen, Austausch, gemeinsame Interessen, Tribute und Kriege. Schönes Informationspaket im Hosentaschenformat.

 

Wolfgang Detel: Aristoteles. Eine Einführung
Eine in diesem Jahr erschienene überarbeitete und erweiterte Ausgabe der Einführung aus dem Jahr 2005. Neu aufgenommen wurden Rhetorik und Poetik (Schande! Wie konnte die Erstausgabe ohne die beiden auskommen?). Das Kapitel über Physik, Theologie und Biologie wurde aufgeteilt, die Metaphysik überarbeitet und erweitert. Insgesamt gibt es acht Kapitel, sieben davon über Themen der Philosophie des Aristoteles und eines über den Neoaristotelismus. Das Buch gibt einen guten Überblick, ist jedoch stellenweise auch ein bisschen spröde, wie der Philosoph, um den es geht. So ist das erste Kapitel über Dialektik und Analytik mit der Vorstellung der logischen Schlussverfahren für Unvorbereitete sicher ein ziemlich hartes Brett.

 

Michael Stoffers: Das Geheimnis des gelben Pergaments

 

Holger M. Pohl: D9E - Parasit
Der Abschlussband der D9E-Reihe. Die Hondh werden besiegt beziehungsweise unschädlich gemacht. Alles folgt dem uralten Plan, den ein Vertreter eines nicht minder alten Volkes ausgesonnen hat. Es ist eine Art Finalshow, bei der jeder Einzelheld und jede Planetenbevölkerung, der oder die in der Serie einen kleinen Beitrag zum Zurückdrängen der Eroberer geleistet hat, noch einmal auf die Bühne kommen darf, sich verbeugen und dann seinen Baustein ins Gesamtkonzept einpassen. Einzig Parasit ist eigentlich im Plan gar nicht vorgesehen. Dabei ist es gerade er, in dessen Händen schließlich alle Fäden zusammenlaufen. Und er ist es auch, der die letzte Konfrontation mit einem Angehörigen der alten Völker in konstruktive Bahnen lenkt. Es ist ein Ende, das irgendwie schade ist, denn im Prinzip hätte ich gern noch ein paar Jahre lang die Abenteuer der neunten Expansion mitverfolgt. Aber es geht ja doch irgendwie weiter. Und auf mich wartet ja noch der Loganische Krieg. Insgesamt hatte das Ende, die konzertierte letzte Aktion aller Beteiligten gegen die Hondh eine gewisse Logik und zieht eine Art Resümee aus der Gesamtserie. Wenn man bereit ist, an Pläne zu glauben, die mehr als eine Generation - und dann sogar Jahrtausende - überdauern, kann man das Ende sicherlich genießen. Ich glaube im privaten Leben zwar nicht daran, aber für den Verlauf eines literarischen Abenteuers kann ich mich gern darauf einlassen.

 

Tim James: Elementar
Kurzweilige, humorvolle Einführung ins Periodensystem der Elemente, mit viel Wissenswertem und einer Menge "nutzlosem Wissen". Ein Buch, das einfach Spaß macht und darlegt, wie das Periodensystem beinahe das ganze Universum erklärt. Der Autor schafft es tatsächlich, jedes der aktuell 118 bekannten Elemente mindestens einmal zu erwähnen. Bloß zum Dysprosium will ihm dann doch nichts besonderes einfallen. So stellt er es schließlich als nutzlosestes und dümmstes Element aller Zeiten dar, als einen Stoff, der zwar ein paar Sachen kann, aber es gibt bei jeder seiner Eigenschaften und Nutzungsmöglichkeiten mindestens ein Element, das es besser kann ... Man lernt den reaktionsfreudigsten und gefährlichsten Stoff aller Zeiten kennen, erfährt etwas über einen Forscher der literweise Urin verdampfen ließ und dabei Phosphor entdeckte, über den größten Pechvogel der Chemiegeschichte, der zahlreiche Elemente entdeckte, aber den Ruhm immer wieder von anderen weggeschnappt bekam. James erzählt von großen Entdeckungen und von hartnäckigen Irrtümern, von der Widerlegung der Phlogiston-Theorie, von griechischen Atomisten, von Alchimisten und modernen Atomphysikern ... Kurzum: Das Buch ist eine großartige Fundgrube - auch und gerade für Nicht-Chemiker.
Meine Beschäftigung mit dem Periodensystem hat mir übrigens einen außerordentlich merkwürdigen Traum eingebracht.

 

Frederik Hetmann: Enteignete Jahre
Als mich beim Weihnachtsessen im Familienkreis meine Schwester fragte, welches Buch mich bei meinem Leseurlaub am meisten beeindruckt hat, sagte ich: "Enteignete Jahre". Und das ist wirklich ein Buch, das mich sehr beschäftigt hat und an dem ich immer noch knabbere. Gekauft habe ich es als eine Art "Wundertüte". Ich schaute bei Amazon Marketplace nach, was sie da an alten Büchern von Frederik Hetmann haben. Das Buch, das ich erhielt, stammt aus dem Jahr 1962 und war da bereits in der dritten Auflage erschienen.
Was mich erwartete, wusste ich nicht. Es ist gar keine große Literatur, nicht einmal ein Abenteuerbuch, auch keine wissenschaftliche Abhandlung, nur eine Momentaufnahme. Der Autor beziehungsweise der Herausgeber hat mit jungen Menschen gesprochen, die aus der DDR in die Bundesrepublik geflüchtet sind. Es handelt sich um zehn Lebensgeschichten, eine Frau und neun Männer erzählen, wie es passieren konnte, dass sie in ihrem Land nicht mehr bleiben konnten und wollten. Das wirklich Erschreckende daran: Es sind gar nicht die großen Gegner des Sozialismus, keine Kämpfer gegen das System, keine Revolutionäre, die mit viel Pathos und großer Begeisterung für die Freiheit und gegen die Diktatur des Proletariats aufgestanden sind. Es sind meist ganz normale Schüler, Auszubildende, Studenten, die aufgrund irgend einer dummen Kleinigkeit aneckten. Und dann ging etwas los, das sich nicht wieder stoppen ließ. Da ist Helga, die einfach nur an ihrer Arbeitsstätte Apfelsinen aß, die ihr Verwandte aus dem Westen geschickt hatten. Seitdem hat ihr Chef sie auf dem Kieker. Während der Buchhändler-Lehre bekommt sie Rügen, sie bestelle die "falschen" Bücher. Sie liest nicht das, was ihre Pflicht ist, sondern, was ihr Spaß macht, tauscht mit anderen Westbücher, dann kommt ein neuer FDJ-Sekretär und will den Laden in Schwung bringen, sie wird gemeldet, weil sie das falsche Radioprogramm kennt, der Sekretär steht eines Tages vor der Haustür und will mit ihrer Mutter über ihre falsche Einstellung sprechen ... Ein Artikel über Frieden, den sie für die Wandzeitung verfasst hat, enthält einen unerwünschten Satz ... Sie erhält die Drohung: Wenn du nicht aus der Kirche austrittst, fliegst du aus der FDJ ...
Wolfgang bezeichnet sich selbst als "Sohn der Arbeiterklasse". Er wird in der Grundschule schon für die FDJ geworben, die zunächst eher ein unpolitisches Freizeitangebot ist. Dann wird die Organisation fordernder, zu anderen Hobbys oder überhaupt für private Interessen bleibt kaum Zeit. Immer mehr wird er für die Gruppenarbeit vereinnahmt, fährt sogar zum Deutschlandtreffen der FDJ. Und dann gründet er mit Freunden eine Tanzkapelle. Läuft auch gar nicht schlecht, bis sie auf einem FDJ-Fest einen Schlager spielen, den sie im Westradio gehört haben ... In die Partei will er nicht eintreten. Den Militärdienst lehnt er ab, er will keine Waffen tragen. Man verweigert seiner Mutter die Arbeitserlaubnis, lässt aber durchblicken, die Stelle könne sie haben, sowie ihr Sohn zur Armee geht. Man droht ihm damit, er werde seinen Job beim Hüttenkombinat verlieren... Da geht er.
Werner war gläubiger Marxist. Ein Suchender, Fragender, der sich intensiv mit der Philosophie beschäftigte. Er schreibt seine Diplomarbeit über das Problem der Freiheit. Aber er ist Mitglied der falschen Gruppe.
Einer ist Mitglied einer kirchlichen Laienspielgruppe, einer macht mit Freunden einen Ausflug ins Kino in den Westen ... Es sind nie die ganz großen Staatsfeinde, die hier isoliert, gemobbt, aus dem Land getrieben werden. Es ist nicht nur die Elite, die die DDR verließ, auch der Mittelbau wurde in diesen Jahren herausgebissen. Es ist schon erschütternd zu sehen, wie dieser Staat große Teile seiner Zukunft aus dem Land getrieben hat. Ein Buch, über das ich viel nachgedacht habe.

 

Friedrich Christian Delius: Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich
Ein Buch, das ich bei meiner Übernachtung in der Buchhandlung entdeckte und erwarb. Der Ich-Erzähler ist ein gefeuerter bzw. verrenteter Wirtschaftsjournalist mit dem Spitznamen "Kassandra", der aufgrund seiner kritischen Berichte einfach nicht mehr willkommen war. Nun hämmert er seine Gedanken in die Tastatur, um die Datei eines Tages seiner Enkelin zu hinterlassen.
Kassandra warnte immer wieder vor der Macht und Einflussnahme der Chinesen, die in Europa immer mehr Unternehmen aufkaufen und damit auch Einfluss auf die Politik der "übernommenen" Staaten ausüben. Aber auch die Art, wie mit Griechenland in der Krise umgegangen wurde, um es mal neutral zu formulieren, spielt einer bedeutende Rolle im Roman. Es gibt spitze Kommentare zur Politik der MÜK (maßlos überschätzte Kanzlerin), vor allem aber über bequeme, inkompetente Journalisten, die ihre Hausaufgaben nicht machen, Zahlenwerke nicht studieren und durchschauen und aus Bequemlichkeit und Inkompetenz einfach die Darstellungen der betreffenden Pressesprecher übernehmen. Bedrückend.

 

Nikolai von Michalewsky: Harte Grenze
Spionage-Thriller aus der Zeit des Kalten Krieges für Jugendliche. Es geht um geheime Unterlagen eines Wissenschaftlers aus der DDR. Diese sollen in der Nordsee übergeben werden. Um den Kapitän des Schiffs gefügig zu machen, hat der westliche Geheimdienst seine Tochter zur Flucht in die Bundesrepublik gelockt und dort entführt. Der Deal: Er kriegt seine Tochter zurück und kann die Sache vertuschen, dafür kriegt der Westen die Papiere ... Aber es gibt einen Verräter, ein russisches Schiff taucht auf. Es kommt zum Schusswechsel, zu einem Schiffbruch. Schließlich zum Wettrennen durchs ewige Eis und zu immer mehr Toten. Am Ende können sich nur der Protagonist, der westliche Agent Brandhorst, und die entführte junge Frau halbtot in eine Station retten. Ein Happy End? Der Autor schafft es wieder, einen kleinen Stachel in dem heroischen Retten der Unterlagen zu verbergen. Am Ende sind alle Menschen umsonst gestorben. Die Amerikaner hatten exakt diese Unterlagen bereits ein paar Tage vorher durch einen Überläufer erhalten. Böse.

 

Kim Rabe: Berlin Monster
Das Buch hatte meine Schwester ja bereits in "Wonnes Welt" vorgestellt. Und sie meinte, ich müsse es unbedingt auch lesen. So nahm ich es in den Urlaub mit. Ja, es ist superspannend, vielleicht etwas mainstreamig, aber das ist ja nicht schlecht. Die Geschichte ist handwerklich gut erzählt, die Hauptfigur sympathisch - eine klassische Privatdetektivin im versifften Büro, überschuldet und dringend auf den Fall angewiesen, nur diesmal eben mit übernatürlicher Auftraggeberin. Die Idee, dass aufgrund einer Bombenexplosion plötzlich alle Fabelwesen und fiktiven Personen aller Kulturkreise zum Leben erweckt werden, hat Potential. Schade, dass sich Gott nicht manifestierte. Auf die anderen Wesen christlicher Verehrung hat ja schnell der Vatikan die Hand gelegt und die Wesen eingefangen. Darüber hätte ich gern mehr gehört. Und dass der Vater der Heldin nicht mehr auftaucht, hat mich überrascht. Dass andererseits eine gewisse andere Figur sich schließlich als Strippenzieherin entpuppt, war zu erwarten. Ganz interessant.

 

Weitere Jahresrückblicke
Januar bis März 2021, April bis Juni 2021, Juli bis September 2021, November bis Dezember 2021

 

© Petra Hartmann




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Jahresrückblick III: Juli bis September 2021

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 30 December 2021 · 659 Aufrufe
Jahresrückblick
Mein Lese-Rückblick auf das dritte Quartal 2021 ist recht kurz. Ich las die Oz-Serie weiter, dazu die Comic-Klassiker "Prinz Eisenherz" und "Yoko Tsuno", ansonsten sind diesmal eine Handvoll Bücher dabei, die ich berufsbedingt als Redakteurin der Goslarschen Zeitung lesen musste, also Bücher von lokalen Autoren, Autobiografien, ein Krimi, der in Goslar spielt, und Werke von Künstlern, die in Goslar aufgetreten sind. Dazu ein paar Hörspiele, und das war's dann auch schon. Viel Spaß beim Stöbern!

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

Juli

Michael Hofmann: Aufklärung (Reclam)
Diesmal keine europäische Gesamtschau, sondern eine Darstellung, die sich sehr konkret auf die deutsche Aufklärung bezieht. konkreter noch: auf die Literatur der Aufklärung. Das Büchlein gehört ja auch zur Reihe "Literaturstudium" des Reclam-Verlags.
Zum Einstieg gibt es einige philosophische Betrachtungen, ausgehend von Horkheimer und Adorno, die den Bogen bis ins 21. Jahrhundert schlagen, es gibt auch ein Kapitel über die Grundlagen, mit hohem Kant-Anteil. Dann aber steigt der Autor in die Literaturgeschichte ein, schildert Gottscheds Regelpoetik, beschreibt die Entwicklung der Lyrik im 18. Jahrhundert und des Romans, die Dramentheorie, die Wahrheitssuche bei Lessing und den Humor bei Wieland. Moses Mendelssohn fehlt. Er taucht nur auf als Stichwortgeber Lessings, bzw. wird erwähnt als Briefpartner Lessings und Nicolais. Schade.

Yoko Tsuno - Gesamtausgabe: Band 1. Die deutschen Abenteuer
- Die Orgel des Teufels
- Zwischen Leben und Tod
- Wotans Feuer

Faszinierende Serie aus meiner Jugend, die inzwischen in einer sehr gut ausgestatteten und ausgesprochen werthaltigen Gesamtausgabe zu haben ist. Das sehr lesenswerte Vorwort ist üppig bebildert und zeigt vor allem durch den Vergleich von Comic und Fotos von den Handlungsorten (Rotenburg ob der Tauber, Burg Etz, der Rhein mit Loreleyfelsen), wie präzise und detailversessen Roger Leloup gearbeitet hat. Einfach sehenswert.
Etwas irritierend war zunächst, dass in dieser Gesamtausgabe die Abenteuer nicht nach Erscheinungsdatum geordnet sind, sondern nach Themen. So bietet der erste Band drei Abenteuer, die in Deutschland spielen, Band zwei enthält drei Abenteuer mit den Außerirdischen von Vinea, in Band drei folgen dann Zeitabenteuer ... Wenn man sich erstmal darauf eingelassen hat, ist es gar nicht schlecht, die Alben in diesem Zusammenhang zu lesen.
Im ersten Band hat mich vor allem das mittlere Abenteuer, "Zwischen Leben und Tod" beeindruckt. Vor allem, als ich im Vorwort las, dass es dazu einen realen Hintergrund gibt.

L. Frank Baum: The lost Princess of Oz
Prinzessin Ozma ist verschwunden. Und nicht nur die Prinzessin: Der Entführer ist zugleich ein Dieb, der Ozmas magisches Bild stahl, in dem alles zu sehen ist, was sich in Oz und dem Rest der Welt zuträgt. Diese Möglichkeit, Ozma wiederzufinden, scheidet also aus. Als sich dann auch noch herausstellt, dass Glindas magisches Buch, in dem man alles über das Verschwinden Ozmas hätte nachlesen können, gestohlen wurde, werden die Freunde langsam besorgt. Außerdem sind die Zaubergeräte des Zauberers von Oz verschwunden. Und last not least kam auch noch eine magische Bratpfanne abhanden, die Cayke, der Kuchenbäckerin vom Hochplateau im zu Oz gehörenden Land der Yips gehörte.
Es bilden sich zwei Suchteams: Dorothy, begleitet von Betsy Bobbin, Trot, Glinda, dem Zauberer und Buttonbright machen sich auf ins Land der Winkies, um dort nach Ozma zu suchen. Cayke zieht in Begleitung des Froschmanns, eines durch Magie zufällig vergrößerten Froschs, der durch seine Gestalt und seine große Klappe bei den Leuten von Yip eine große Nummer ist, suchen die magische, mit Diamanten verzierte Bratpfanne.
Dorothy und ihre Freunde reisen durch das Land der Thi und Herkus. Letztere halten Riesen als Sklaven. Bei ersteren gibt es wohlschmeckende Pfirsiche zu essen, und Buttonbright steckt einen goldenen Pfirsichkern ein - trotz der Warnungen der This, der böse Schuhmacher Ugu habe ihn verzaubert. Der Herrscher der Herkus ist sehr freundlich und verrät ihnen, wie sein Volk stark genug wurde, die Riesen zu beherrschen: Es verfügt über magisches "energy compound" (Energiepillen?), von dem er den Leuten aus Oz sechs Stück schenkt. Hier erfahren die Oz-Leute auch mehr über Ugu den Schuhmacher, der aus dem Land der Herkus stammt und eines Tages auf dem Dachboden magische Bücher eines seiner Vorfahren entdeckte. Das bringt die gruppe auf die Idee, der Schuhmacher könnte etwas mit dem Verschwinden Ozmas zu tun haben.
Sie ziehen weiter und treffen unterwegs zunächst auf Cayke und den Froschmann, dann auf eine Kolonie von Bären, darunter sehr niedliche Plüschtiere, aber auch ziemlich raubeinige Wesen, die die Eindringlinge gern töten würden. Der König der Bären erweist sich aber als sehr freundlich und begleitet sie auf ihrer Suche, gemeinsam mit einem rosafarbenen Teddy, der weissagen kann.
Dann geht Buttonbright mal wieder verloren. Er fällt in ein Loch. Als sie ihn finden und herausziehen wollen, fragt der Zauberer den kleinen rosa Bären, wo Ozma ist, und erhält die Antwort, sie befinde sich ebenfalls in dem Loch. Buttonbright wird heraufgezogen. Doch im Loch ist danach keine Ozma mehr zu finden. Neue Prophezeiung des Bären: Sie ist jetzt bei der Reisegruppe. Aber auch unter sich entdecken sie keine Ozma, was der Reputation des Bären nicht gut tut.
Schließlich stehen sie vor dem bösen Schuhmacher, der ihnen mit allerlei Zauber zusetzt. Dorothy hält dagegen mit dem Zauber ihres magischen Gürtels. Sie verzaubert ihn in eine Taube. Er zaubert sich wieder groß, behält aber seine Taubengestalt, und kann mit der magischen Pfanne, die eine Zauberpfanne ist, ins Quadlingland davonfliegen.
Die Gruppe findet ihre gestohlenen magischen Hilfsmittel in Ugus Schloss und nimmt sie wieder an sich. Als die Freunde erneut den rosa Bären befragen, sagt dieser, Ozma sei in Buttonbrights Jackentasche. Hier finden sie den goldenen Pfirsichkern und stellen fest, dass Ugu Ozma dort hinein gehext hat. Sie befreien die Prinzessin.
Alle sind total happy und kehren in die Smaragdstadt zurück. Tage später taucht dort auch Ugu die Riesentaube auf und bittet Dorothy um Verzeihung, weil er sich so schlimm benommen hat. Sie vergibt ihm. Als sie ihm anbietet, ihm mit dem Gürtel wieder seine ursprüngliche Gestalt zurückzugeben, lehnt er aber ab und zieht es vor, eine Taube zu bleiben ...


Hal Forster: Prinz Eisenherz. Band 8: Jahrgang 1951/1952 (Bocola)
Der achte Doppelband bringt für Prinz Eisenherz und Aleta zunächst einmal Familienzuwachs. Zwillinge. Klar, dass der junge Arn da eifersüchtig wird. Immerhin bekommt er nun schon eigene Waffen. Wir erleben einen spannenden Wettkampf im Abrichten von Jagdfalken, in dem Prinz Eisenherz granatenmäßig gegen Aleta verliert. Die Zähmung Bolthars durch eine nordamerikanische Indianerin, die sich auch als Retterin des entführten Arn hervortut. Eindrucksvolle winterliche Jagdszenen. Eine beeindruckende Zeichnung der alten germanischen Götter auf der Regenbogenbrücke. Sehr schön.
Etwas geärgert habe ich mich über die neue Funktion des jungen Knappen Arf. Als ihm auf dem Weg über die Alpen die Zehen abfrieren und er als verkrüppelter Mensch nicht mehr als Krieger infrage kommt, verzweifelt er. Daraufhin macht ihm Eisenherz Lust auf eine Karriere als Schreiber. Er soll nun Biograf des Prinzen werden und seine Taten aufschreiben. Ja, aber muss das bedeuten, dass wir den ganzen alten Scheiß nochmal lesen müssen? Das Vorwort lobt zwar die kreative Art, wie Forster seine alten Zeichnungen wieder verwendet und neu arrangiert. Aber ich fühle mich trotzdem etwas verschaukelt.

Yoko Tsuno - Gesamtausgabe: Band 2: Von der Erde nach Vinea
- Unterirdische Begegnung
- Die Vulkanschmiede
- Die dritte Sonne von Vinea

Wie schon im ersten Band sind auch hier thematisch zusammengehörende Abenteuer zusammengestellt. Yoko Tsuno lernt das Volk von Vinea kennen. Die blauhäutigen Außerirdischen stammen zwar von einem anderen Planeten, leben jetzt aber unter der Erde. Man könnte also sagen, dass diese Außerirdischen quasi Innerirdische sind. Während Yoko in ihren deutschen Abenteuern von ihrer Freundin der Organistin Ingrid Halgerd begleitet wird, sind es hier die blauhäutigen Schwestern Khany und Poky, mit denen sie Freundschaft schließt. Zusammen schaffen sie es sogar die Vineaner zurück in ihre Heimat zu bringen.
Die Darstellung der Technik und der Maschinen der Vineaner ist beeindruckend. Wie schon in den deutschen Abenteuern penibel, detailreich und ziemlich authentisch herüberkommend. Witzig die Entstehungsgeschichte Vineas: Der Autor blickte auf ein verblichenes Nivea-Werbeplakat und hatte plötzlich diesen Blauton im Kopf ...


August

Max Prosa: Flügel aus Beton. Gedichte 2010-2020

Barbara Beuys: Maria Sibylla Merian. Künstlerin, Forscherin, Geschäftsfrau
Nach dem Hörspiel aus der Reihe "Abenteuer und Wissen" wollte ich mehr erfahren über die Schmetterlingsforscherin. Das vorliegende Buch ist eine sehr interessante und lesenswerte Biografie der Merian. Die Autorin räumt auch mit einigen Klischees auf über die Frauen der damaligen Zeit. Die Verfasserin arbeitet sehr schön heraus, dass extreme Unmündigkeit der Frauen erst im 18./19. Jahrhundert entstand. Im Mittelalter oder der frühen Neuzeit, auch noch im 17. Jahrhundert gab es ganz selbstverständliche weibliche Berufs- und Geschäftstätigkeit, Handel und Handwerk waren diesem Geschlecht nicht verschlossen. Das Selbstbewusstsein, mit dem Maria Sibylla Merian ihre Werke anpries und sich selbst vermarktete, ihren Farbenhandel und ihre Jungferngruppe leitete und die Geschäfte der Familie führte, war demnach gar nicht so unerhört, wie es späteren Generationen vorkam. Da ist vieles zerstört worden in den Jahrhunderten danach.

Edith Nesbit: Melisande
Ich habe wieder mal versucht, meine Nichte zu Edith Nesbit zu bekehren. Am Ende saß ich ganz allein auf meinem neuen Kuschelteppich und las zum drölfmillionstenmal das Märchen von der Prinzessin, zu deren Taufe die böse Fee Malevola nicht eingeladen war, die dem Kind daraufhin eine Glatze wünschte. Als Melisande groß genug war, schenkte ihr Vater daraufhin einen Wunsch, den er einst von seiner Patenfee erhalten hatte. Auf Anraten ihrer Mutter wünscht sich Melisande schließlich blonde superlange schnellwachsende Haare, die nach jedem Schneiden doppelt so schnell nachwachsen. Tja, die Königin hatte halt keine Ahnung von Mathematik, und die Haare wuchsen und wuchsen und wuchsen. Sagte ich schon, dass ich coronabedingt zwei Jahre nicht beim Friseur war? ;-)


Mirano Peter: Und plötzlich war alles anders
Autobiografie eines jungen Mannes, der mit 19 Jahren plötzlich eine Hirnblutung bekam und seitdem schwerbehindert ist. Ich habe das Buch in der Goslarschen Zeitung vorgestellt:
https://www.goslarsc...id,2228173.html


Hörspiel

Berit Hempel: Abenteuer und Wissen: Isaac Newton. Pionier der Physik
Hörspiel-Biografie eines Physik-Genies, das auch die Katzenklappe erfand. So wird es jedenfalls berichtet. Das Hörspiel zeigt die ungeheure Vielseitigkeit dieses Mannes, seine optischen Entdeckungen, die astronomischen, die Gravitationsgesetze, dazu Universitätspolitik und Querelen mit Kollegen. Man erfährt auch, dass Newton, der aus ärmeren Verhältnissen kam, sich das Studium eigentlich nicht leisten konnte, aber als begabter junger Mann ein Stipendium bekam. Das war kein reines Zuckerschlecken, denn als Stipendiat hatte er die Aufgabe, die reichen Studenten zu bedienen: "Newton, leere meinen Nachttopf", mit dem Kommando eines blasierten Kommilitonen hebt das Hörspiel denn auch an. Wie gut, dass er trotzdem durchhielt. Und wie gut, dass er zum Landwirtsberuf vollkommen ungeeignet war, was wäre der Menschheit sonst verloren gegangen.


September

Peter Langsdorff: Ein verhängnisvolles Geschenk
Das Buch ist vom Autor in Goslar verortet worden. Daher las und besprach ich es für die Goslarsche Zeitung. Meinen Artikel dazu findet ihr hier:
https://www.goslarsc...id,2246017.html


L. Frank Baum: OZ, Complete Edition: The tin woodman of Oz (e)
Dieser Roman klärt eine Frage auf, die man eigentlich schon längst hätte stellen müssen.
Die altbekannte Geschichte, wie der Holzfäller zu einem Wesen aus Zinn wurde, hat etwas mit seiner großen Liebe zu tun. Nick Chopper und ein Mädchen namens Nimmie Amee waren ein Liebespaar, aber eine Hexe wollte sie auseinanderbringen. Sie verfluchte seine Axt, diese trennte ihm immer wieder verschiedene Körperteile ab, die aber immer wieder von einen geschickten Schmied durch metallene Glieder ersetzt wurden. Zuletzt ging der ganze Leib entzwei, der Schmied leistete Großartiges, und seither besteht der Holzfäller zu 100 Prozent aus Zinn. Allerdings hatte er auch kein Herz mehr. Und damit konnte er auch kein Mädchen mehr lieben. Die Hexe hatte also gewonnen.
Ja, aber warum hat er das Mädchen dann nicht wieder aufgesucht, als ihm der Zauberer von Oz ein neues Herz gegeben hatte?
Diese kritische Frage stellt ihm ein junger Gillikin namens Woot, der auf seinen Wanderungen am Schloss des Holzfällers im Winkieland vorbeikommt. Immerhin hat der Holzfäller, das weiß jeder, doch nun das beste Herz in ganz Oz.
Der Holzfäller und sein Freund die Vogelscheuche schweigen betroffen. Es sei so, erklärt der Holzfäller, dass er versehentlich um ein mitfühlendes/freundliches (kind) Herz gebeten habe, nicht aber um ein liebendes. Er ist also total sensibel und weichherzig, nur lieben, das könne er mit seinem Herzen leider doch nicht. Trotzdem: Das Mädchen muss gefunden werden. Man kann es ja nicht so allein sitzen lassen, beschließt der Holzfäller. Er sei ihr etwas schuldig. Und er sei so eine tolle Partie, sie werde ihn bestimmt gern nehmen, auch wenn er sie nicht lieben könne. So will er sich aufmachen, das Mädchen finden und sie als seine Braut heimführen. Die Vogelscheuche und Woot der Wanderer begleiten ihn.
Weil ihm die Sache doch etwas peinlich ist und er Aufsehen vermeiden will, umgehen sie die Smaragdstadt auf ihrem Weg ins Munchkinland in nördlicher Richtung und reisen durch Gillikin-Land. Dabei gelangen sie in das Schloss der bösen Riesin Mrs. Yoop. Diese verwandelt sie in Tiere: Woot in einen grünen Affen, den Holzfäller in eine Zinn-Eule und die Vogelscheuche in einen mit Stroh ausgestopften Bären. Im Schloss der Riesin gibt es noch eine Gefangene: Polychrome, die Tochter des Regenbogens wird hier als Kanarienvogel in einem Käfig gehalten. Die vier Freunde können fliehen, behalten aber ihre Gestalt. Sie gelangen ins Munchkin-Land zur Farm von Jinjur, die mit dem Holzfäller und der Vogelscheuche befreundet ist (in der Geschichte mit der Frauen-Revolution in Oz hörte sich das noch ganz anders an). Jinjur bringt sie in die Smaragdstadt, wo Ozma sie wieder zurückverzaubert und die Form des grünen Affen auf Mrs. Yoop überträgt.
Als die Freunde nun zu dem Ort reisen, an dem der Zinnmann vor sich hinrostete, bis Dorothy ihn fand, entdecken sie etwas Überraschendes: Dort steht eine verrostende unbewegliche Figur eines Zinnsoldaten, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Nick Chopper hat. Als sie ihn ölen, kann er wieder reden und sprechen und erzählt seine Geschichte, die der Geschichte des zinnernen Holzfällers sehr ähnelt.
Captain Fyter, so der Name des zweiten Zinnmanns, war der Geliebte von Nimmie Amee. Aber der schneidige Soldat war der Hexe ein Dorn im Auge, so verzauberte sie seinen Säbel, und der hieb ihm nach und nach Körperteile ab, die ein kunstfertiger Schmied durch zinnerne Glieder ersetzte. Zuletzt wurde Captain Fyter zum vollständigen Zinnmenschen ohne Herz und begann zu rosten.
Die beiden zinnernen Zwillinge beschließen, ihre Ex-Geliebte Nimmie Amee aufzusuchen und sie wählen zu lassen, wen von beiden sie heiraten will. Gemeinsam reisen sie weiter.
Als sie zur Werkstatt des Schmieds gelangen, entdecken sie auch ihre alten Körperteile wieder. Da es ja keinen Tod gibt in Oz, sind diese Glieder noch quicklebendig, man könnte sie wiederverwenden. Allerdings sind die Bausätze nicht vollständig. Nick Chopper hat eine sehr interessante Unterhaltung mit seinem ehemaligen (fleischlichen) Kopf, aber beide vertragen sich nicht. Der Kopf will seine Ruhe haben und in seinem dunklen Schrank liegen, und der Zinnmann verachtet Fleisch-Wesen schon lange und ist sehr eitel, was seinen glänzenden, unverwüstlichen Körper, der auch keine Nahrung braucht, angeht. Captain Fyter würde seinen Fleischkopf auch gern nochmal sehen, doch der ist verschwunden.
Schließlich erreichen sie den Hof von Nimmie Amee. Aber überraschenderweise will sie keinen der beiden Zinnmenschen heiraten. Sie lebt mit einem Fleischmenschen zusammen. Sein Name ist Chopfyt. Ein ziemlich durchschnittlicher Typ, aber aus Fleisch und Blut. Und es stellt sich heraus, dass er von dem Schmied aus den zerhauenen Gliedern des Holzfällers und des Soldaten zusammengefrankensteinert wurde. Auch eine Art Happy End. Allerdings fragt man sich dann, wieso der Schmied nicht einfach den Verletzten ihre abgehauenen Glieder wieder an den Körper genietet hat, da sie ja doch weiter verwendbar bleiben.
Und noch etwas, das mir jetzt erst auffiel: Zinn rostet ja gar nicht. Eisen tut das, aber Zinn nicht. Die Geschichte mit den Tränen und dem Verrostet-im-Wald-Herumstehen ist also ziemlicher Quatsch.



Friedhelm Kändler: WoWo
Friehelm Kändler: WoZwo
Friedhelm Kändler: WoWo jagt Dr. Ey

Ich habe mir die drei WoWo-Bände aus den 90ern noch einmal vorgenommen anlässlich eines Auftritts Friedhelm Kändlers in Goslar. War ein schönes Erlebnis. Die Lektüre und der Abend im Kulturkraftwerk. Meinen Artikel dazu findet ihr hier:
https://www.goslarsc...id,2203471.html

G.H. Harzig: Symphonie des Lebens - Zwischen Dur und Moll
G.H. Harzig: Wanderer zwischen den Welten

Die ersten beiden Bände einer dreiteiligen Autobiografie. Da der Verfasser in Oker lebt, habe ich die Bücher gelesen und in der Goslarschen Zeitung vorgestellt. Den Artikel dazu findet ihr hier:
https://www.goslarsc...id,2261530.html

Till Burgwächter: Dio Digitale
(Till Burgwächter ist zwar Braunschweiger, aber mit seinen Lesungen Stammgast im Goslarer Trollmönch, und so kam ich auch in den Genuss eines Rezensionsexemplars. Eine Besprechung in der Goslarschen folgt noch.)

Mit Klassikern wie „Die Wahrheit über Wacken“ oder „Juhr Gait tu Hewi Mettäl“ hat sich Till Burgwächter längst in die Herzen der Schwermetall-Fans eingeschrieben. Jetzt geht der Braunschweiger Autor in seinem neuen Buch „Dio Digitale“ der Frage nach, ob Heavy Metal eine Zukunft hat - und wie diese aussehen könnte.
Die Lage scheint ernst: „Die elenden Streaming-Plattformen gönnen den Künstlern, ohne die sie keine milliardenschweren, börsennotierten Monsterfirmen wären, sondern nur ein käsiger Programmierer, der mit 30 noch in seinem Kinderzimmer hockt, nicht mal den Dreck unter den Fingernägeln“, schreibt Burgwächter in seiner bitterbösen, rabenschwarzen und liebenswert-drastischen Ausdrucksweise. Die Szene ist am Vergreisen, die Musiker am Aussterben und Verwesen: „,Black Sabbath†˜ wurde an einem einzigen Tag im November 1969 aufgenommen. Logisch, dass die Protagonisten und ihre Nachfolger über 50 Jahre später nicht mehr durchgehend taufrisch aus der Wäsche gucken. Ronnie James Dio? Schon 2010 gestorben. Lemmy von Motörhead? Seit 2015 im Land, wo Jacky und Cola fließen. Slayer? Iron Maiden? Judas Priest? Kiss? Black Sabbath? Alle entweder eingemottet oder kurz davor, die finanzielle Pommesgabel ins Publikum zu werfen.“ So die Bestandsaufnahme.
Wie aber ist die vielgeliebte metallhaltige Musik dann zu retten? Ist etwa die digitale Unsterblichkeit durch moderne Hologrammtechnik der Weisheit letzter Schluss? Mit Grausen erinnert sich Burgwächter an ein Ereignis 2016 in Wacken, „als die Dio Disciples, eigentlich eine lauwarme Tribute-Band, plötzlich Besuch vom Meister selbst bekamen. Der trötete in bester Laune †šWe Rock†˜ über den Acker, obwohl er, damals seit sechs Jahren tot, maximal seinen Gottesacker hätte bespaßen dürfen.“ Dann lieber Frischzellenkuren, die Erschließung neuer Zielgruppen durch Gebärdendolmetscher oder der Versuch, in der Pornoszene oder bei Yogakursen Fans abzuwerben? Burgwächter hat jedenfalls einige krause Ideen im Kopf, die offenbar einer vollen Dröhnung Schwermetall geschuldet sind. „Keine Panik, noch ist der eiserne Drops nicht gelutscht. Wir haben Grunge und Nu Metal überstanden, wir schaffen auch das.“
Bitter, sarkastisch und mit dem schwermetallischen Herzen auf der spitzen Zunge schwärmt und lästert sich Burgwächter durch die Szene und verfällt in melancholische Erinnerungen an die Zeit, als Probenräume noch nach Schweiß, Moder und Rattenkot rochen. Für Fans der „besten Musik der Welt“ ein absolutes Muss. Und für Nicht-Fans (gibt es die wirklich?) eine Einstiegsdroge, zu deren Einnahme ernsthaft geraten werden kann. Lesenswert.

Hörspiel/Hörbuch

Robert Steudtner: Abenteuer und Wissen: Carl Benz. Pionier des Automobils
Carl Benz ist der Ich-Erzähler dieses Hörbuchs, das heißt, man hört seine heisere Erzählstimme immer wieder kommentieren und berichten, und er erinnert sich an Stationen und Fortentwicklungen seiner Erfindung. Aber die eigentliche Heldin ist seine Frau Bertha Benz. Sie packt eines Tages ihre Kinder in das neu erfundene Automobil und macht sich auf zur ersten großen Automobilfahrt quer durchs Land. Eine abenteuerliche Reise, die irgendwie Tschitty-Tschitty-Bäng-Bäng-Kopfkino entstehen lässt. Sehr liebenswürdig. Interessant auch der Blick in die Zukunft, den Kathrin Lichius, Entwicklungsingenieurin bei Daimler, wagt. Nicht schlecht.

Maja Lunde: Die Geschichte des Wassers
Ein Hörbuch, das ich auf gut Glück in der Buchhandlung für eine längere Autofahrt gekauft habe (die Alternative wären die drei ??? gewesen). Es ist eine Geschichte, die auf zwei Ebenen spielt, wobei zwischen den Erzählsträngen kapitelweise hin- und hergewechselt wird. Außerdem haben beide Erzählstränge eine Vorgeschichte, sodass immer wieder Rückblenden erfolgen. Im Prinzip ist es also eine Geschichte, die auf vier Ebenen verläuft.
Die eine Handlung spielt im Norwegen der Gegenwart oder auch etwas in der Zukunft. Eine knapp 70-jährige Frau kommt zurück in ihren Heimatort und sieht bestürzt, dass der Gletscher schon fast komplett verschwunden ist. Allerdings wird noch immer Eis abgebaut und in Kisten auf Schiffe verfrachtet: Der Bürgermeister, der die Jugendliebe der Heldin war, hat den Gletscher an schwerreiche Scheichs verkauft, die mit dem letzten norwegischen Eis ihrem Luxusleben den ultimativen Kick geben, während sich die Klimakatastrophe nicht nur ankündigt, sondern schon da ist. Die Frau stiehlt eine Anzahl der Eiskisten und lädt sie in ihr Segelschiff. Damit wagt sie die gefährliche Überfahrt nach Frankreich, um ihren Ex-Geliebten zur Rede zu stellen und ihm dieses letzte Eis vor die Tür zu legen.
Der zweite Handlungsstrang spielt im Jahr 2041 in Frankreich. Es ist die Geschichte eines Vaters, der zusammen mit seiner Tochter vor der Klimakatastrophe nach Norden flüchtet, wo es noch Wasser geben soll. Sie erleben schreckliche Szenen in Flüchtlingslagern, die andere Hälfte der Familie - seine Frau und sein Sohn - sind auf der Flucht von ihnen getrennt worden und bleiben verschollen. Schließlich bricht im Lager auch noch die letzte Ordnung zusammen, die Wasserreserven und die medizinische Versorgung sind dahin. Für den Vater und seine Tochter ist der Tod vorprogrammiert. Das letzte bisschen Hoffnung bietet ein altes Schiff, das nahe einem ausgetrockneten Flusslauf aufgebockt ist. Aber es zeichnet sich kein Regen ab, und der Fluss wird wohl nie wieder Wasser führen. Da machen die beiden eine Entdeckung und finden einen Schatz. Nein, kein Gold.
Sehr gut vorgelesene, eindringliche Geschichte, etwas moralisch, aber leider gar nicht so unrealistisch. Die Katastrophe hat schon begonnen ...

Weitere Jahresrückblicke
Jahresrückblick I: Januar bis März 2021
Jahresrückblick II: April bis Juni 2021
Jahresrückblick IV: Oktober bis Mitte November 2021
Jahresrückblick V: Mitte November bis Dezember 2021

© Petra Hartmann


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Jahresrückblick II: April bis Juni 2021

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 29 December 2021 · 669 Aufrufe
Jahresrückblick
Der zweite Teil meines Jahresrückblicks auf meine Lesefrüchte 2021. Erneut habe ich mich mit den Kinderbuch-Klassiker-Serien "Fünf Freunde", "Prinz Eisenherz" und "Oz" befasst, außerdem findet ihr wieder etwas über Aufklärung und Haskala, Phantastik, Musik, Lyrik, Antike und ein paar Sachen zur Lage der Nation. Viel Spaß damit, vielleicht ist ja etwas dabei, das ihr gebrauchen könnt!

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.


April

Friedrich II: Antimachiavell nebst zwei kleineren politischen Aufsätzen
- Betrachtungen über den gegenwärtigen Zustand des europäischen Staatskörpers
- Fürstenspiegel

Friedrich der Große versucht in diesem Büchlein, das Werk "Der Fürst" von Nicolo Machiavelli zu widerlegen. Das ist sehr rührend, weil der noch junge Friedrich ethisch argumentiert, wo Machiavelli technisch argumentierte. Friedrich schrieb also bei so ziemlich jedem Rat Machiavellis, dass ein anständiger Fürst so etwas niemals tun würde. Aber es war im "Fürsten" ja gar nicht um die Frage "Wie werde ich ein guter Fürst?" gegangen. Machiavelli schrieb einfach nur über die Mechanismen der Macht. Wie wird man Herrscher eines Landes, das einem nicht gehört? Wie erlangt man Macht? Wie erhält man sich seine Position? Welche Gegner soll man besser töten, welche sich zu Freunden machen? usw. Sehr interessant auch vor dem Hintergrund der schlesischen Kriege zu lesen. Also, noch einmal: Eine Widerlegung Machiavellis ist das nicht, Friedrich hat gar nicht kapiert, dass es niemals eine Schrift war, die sagte, wie ein Fürst ein moralisch untadeliger Mensch werden kann. Machiavelli sagte einfach nur: Wenn du A haben willst, musst du B tun. Das ist etwas anderes.

Enid Blyton: Fünf Freunde helfen ihren Kameraden
Ein neuer Sommerurlaub der drei Geschwister Julian, Dick und Anne bei ihrer Cousine George. Allerdings sind diesmal Georges Eltern verreist, und die fünf Freunde sind mit der Köchin allein. Das heißt, ganz allein doch nicht. Es taucht ein zweites "wildes Mädchen" auf, das ganz ähnlich veranlagt ist wie George: Josefine, genannt Jo gerät prompt mit George aneinander. Zwischen den beiden Hitzköpfen sprühen Funken. Aber auf Dick steht die junge Jo und würde alles für ihn tun.
Wieder einmal haben die geheimen und genialen Forschungsergebnisse Onkel Quentins die Aufmerksamkeit von Verbrechern erregt. Die Kinder sind gerade erst angereist, da wird auch schon eingebrochen. Die Diebe suchen Unterlagen zu einem Projekt Quentins, werden aber nicht fündig. Schließlich entführen sie George, um die Herausgabe der Materialien zu erzwingen.
Es ist Jo, die die Botschaft überbringt, denn ihr Vater steckt hinter der Entführungsaktion. Der Austausch scheitert, da die Kinder die falschen Dokumente liefern. Jo steht dabei zwischen den Fronten. Sie hasst George und wünscht ihr die Pest an den Hals, ist also durchaus zufrieden damit, dass das Mädchen, das ihr selbst so ähnlich ist, sich in einer üblen Situation befindet. Andererseits ist sie Dick geradezu hörig und würde alles für ihn tun. So hilft sie schließlich auch bei der Befreiung Georges.
George wird in einem nahezu unzugänglichen Haus am Meer, mit steilen Klippen und dem obligatorischen Geheimgang, gefangengehalten. Doch die Flucht gelingt. Die Verbrecher stürzen mit einem Hubschrauber ab, werden verhaftet, und Jo, deren Vater ja nun nicht mehr als Sorgeberechtigter zur Verfügung steht, findet bei einer Verwandten der Köchin Joan ein neues zu Hause.
Insgesamt ein schönes, spannungsvolles Abenteuer mit toller Landschaft und Klippen-Festungs-Atmosphäre. Und die Spiegelung Georges und die Psychologie Jos waren sehr eindrucksvoll. Den Titel verstehe ich allerdings nicht.

Hal Forster: Prinz Eisenherz. Band 4: Jahrgang 1943/44 (Bocola)
Der vierte Doppeljahrgang. Diesmal gibt es im Vorwort Erklärungen zum neuen Layout ab 1943 (neuer Titelkopf), und man liest etwas über die Darstellung von Verstümmelten, körperlich Behinderten. Immerhin erschienen die Geschichten während des Zweiten Weltkriegs. Der Kommentator weist darauf hin, dass Forster ohne falsche Rührseligkeit zwei Behinderte vorstellt, die dank der Ermunterungen des Prinzen ihren Weg finden.
In diesem Band sterben Eisenherz' Knappe Beric und der Ritter Tristan. Die Aleta-Handlung wird ausgesprochen dramatisch. Die Inselbewohner waren von Eisenherz' ehemaligen Weggefährten überfallen worden und hatten sich effektiv zur Wehr effektiv gesetzt, sprich: die Piraten getötet hatten. Nun hält Eisenherz, der die Leichen seiner Begleiter findet, ohne die Vorgeschichte zu kennen, Aleta und ihr Volk für durch und durch böse. Vom Wahnsinn gepackt, entführt er schließlich Aleta aus ihrem Palast, legt sie in Ketten und schleift sie als seine Sklavin hinter sich her durch die Lande, damit jeder ihre Verworfenheit sehen kann. Die Seiten dürften das Herz jedes BDSM-Fans höher schlagen lassen.
Ansonsten bietet der Band eine Rückkehr in die Sümpfe und eine Wiederbegegnung mit der Hexe, Seeabenteuer, die Liebesgeschichte zwischen der selbstbewussten Ingrid und dem blonden Eric, den sie vor dem Ertrinken rettet, eine an Leonardos Zeichnung der menschlichen Proportionen gemahnende Folterszene mit dem in einem Holzkreis ausgespannten Eisenherz und ein Solo-Abenteuer Gawains. Außerdem beginnen hier die Zusatzabenteuer der Serie "The medieval Castle" mit den Ritterknaben Arn und Guy am unteren Bildrand.

Christian Thielemann: Meine Reise zu Beethoven
Eine interessante Betrachtung des Dirigenten, der sich hier am Leitfaden der Symphonien eine Reihe eigener Konzertabende zusammenstellt. Er überlegt, was es eigentlich heißt, Beethoven aufzuführen, stellt Betrachtungen über das jeweilige Metrum an, erläutert die Besonderheiten und kommt immer wieder an Stellen, an denen Beethoven vertrackte Wendungen und harte Kopfnüsse zu bieten hat und es dem Musiker sehr schwer macht, ihn zu verstehen. Da tun sich an scheinbar leichten Stellen plötzlich doch Abgründe auf, und das Stück entgleitet den Interpreten. Thielemann denkt über Biographisches nach und über die Art, wie Dirigenten-Kollegen an die einzelnen Stücke herangegangen sind.
Insgesamt ein sehr spannendes Buch. Ich entdeckte es während meiner Übernachtung in einer Goslarer Buchhandlung, über die ich einen Artikel für die Goslarsche Zeitung schrieb, in einem Regal mit noch nicht weggeräumten Relikten aus dem Beethovenjahr 2020, und da habe ich mich einfach festgelesen.

Manfred Geier: Aufklärung. Das europäische Projekt
Schöne, sehr lesbare und spannend geschriebene Darstellung einer Bewegung, die in unterschiedlichen Ländern sehr unterschiedlich auftrat. Es geht um die Aufklärer in England, Frankreich und Deutschland. Wie bereits in einigen Büchern über die Aufklärung, die ich gelesen habe, wird vor allem der Gedanke, dass es sich um eine europäische Bewegung handelt, in den Vordergrund gestellt.
Mir hat das Buch besonders Lust auf die Lektüre John Lockes gemacht, ich habe mir gerade das Reclamheft mit seinem Brief über die Toleranz angeschafft. Auch die französischen Enzyklopädisten muss ich mir mal anschauen. Das Kapitel über die deutschen Aufklärer bot mir dagegen wenig Neues, da bin ich schon ziemlich tief im Stoff drin.

Mely Kiyak: Haltung. Ein Essay gegen das Lautsein
Hm. Ja, nein, vielleicht. Das Büchlein ist sehr schmal, gerade mal 61 Seiten, ein Essay. Es geht darum, dass man, wenn man Nazis, Covidioten, Reichsbürgern und dem ganzen Pack widerspricht, nur dazu beiträgt, dass sie stärker werden. Ja, vielleicht leben diese Leute wirklich nur von der Aufmerksamkeit, die man ihnen widmet. Ich bin nur nicht sicher, ob man Nazis wirklich ignorieren sollte, ob man tatsächlich schweigen darf. Stillsein, Haltung zeigen, alles sehr schön. Aber der Satz "Wer schweigt, stimmt zu" geht mir im Kopf herum. Es haben schon einmal zu viele Leute geschwiegen.

L. Frank Baum: Rinkitink in Oz
Vier Fünftel des Buches lang hatte ich das Gefühl: "Wow, das ist wirklich das beste Oz-Buch, das ich je gelesen habe." Dann bekam ich einen Schreikrampf und hätte am liebsten meinen eBook-Reader an die Wand gepfeffert.
Der Held des Buches ist Prinz Inga, Sohn von König Kitticut und Königin Garee, des Herrscherpaars der Insel Pingaree. Die Insel war früher einmal angegriffen worden von dem Doppel-Inselkönigreich Regos und Corregos, doch König Kitticut konnte die Feinde zurückschlagen, da er drei magische Perlen besaß: Die blaue Perle verleiht ihrem Träger übermenschliche Kräfte, die rosafarbene schützt ihn vor jeder Verletzung, und die weiße Perle gibt weise Ratschläge. Als der Prinz alt genug ist, verrät der König seinem Sohn das Geheimnis der drei Perlen und zeigt ihm, wo in seinem Palast sie versteckt sind.
Eines Tages kommt der König Rinkitink zu Besuch nach Pingaree. Der Mann ist nicht böse, nur total von sich überzeugt, gutmütig, tollpatschig, ein bisschen feige und memmig, auch etwas nervig. Dann tauchen erneut Feinde aus Regos und Corregos auf, zerstören alles und führen die gesamte Inselbevölkerung als Sklaven in ihr Königreich. Einzig Inga, Rinkitink und sein sprechender Reitziegenbock Bilbil werden nicht entdeckt und bleiben zurück. Inga holt die Zauberperlen aus ihrem Versteck und setzt den Feinden nach. Allein wäre er sicher schneller erfolgreich, aber mit dem weichlichen, memmigen Rinkitink an der Backe gibt es immer wieder Probleme.
Schwierig wird es auch, da es sich um zwei Inseln handelt. Wenn Inga gerade Regos erobert hat, versammeln sich seine Gegner auf Corregos und andersherum. Einmal wimmert Rinktink so lange rum, bis Inga ihm einer seiner Perlen überlässt, damit ihm keim Harm widerfährt. Natürlich geht sie prompt verloren. Einmal verliert verliert Inga die blaue und die rosafarbene Perle, weil er sie in seinen Schuhen aufbewahrt hat. Die Schuhe werden von einem armen Kohlebrenner gefunden, dieser schenkt sie seiner lieblichen Tochter, von der sie Inga aber schließlich wieder erlangen kann.
Es sieht so aus, als könnte Inga den Kampf gewinnen, aber seine entführten Eltern bleiben verschwunden. Der König und die Königin von Regos und Corregos haben die beiden dem Nomenkönig anvertraut und ihn gebeten, auf die Gefangenen aufzupassen.
Bis dahin war es superspannend, das Hin und Her mit den Perlen amüsant, Rinktikink teilweise lustig. Und dann kommt plötzlich die Stelle zum Schreien: Inga, der bisher alle Probleme mithilfe seines eigenen Verstands und der Perlen lösen konnte, gerät im Reich des Nomenkönigs unversehens in eine offenbar ausweglose Situation. Und plötzlich - aaaarrrgh! - schaut Dorothy in Oz auf das magische Bild, das alles zeigt, was in Oz und im Rest der Welt vor sich geht, und sieht, dass Inga und seinen Eltern übel mitgespielt wird. Sie und der Zauberer von Oz greifen ein, großes Hokospokus, rosafarbene Wölkchen, alles wieder in Ordnung, Nomenkönig gebändigt, Pingaree-Königsfamilie frei, und sogar der sprechende Ziegenbock, der sich als verzauberter Prinz entpuppt, wird wieder zurück verwandelt. Ich habe mich ja so geärgert, aber sowas von!

Antje Babendererde: Schneetänzer

Eduard Mörike: Das Stuttgarter Hutzelmännchen (Reclam)

Volkmar Kuhnle (Hrsg.): Tod des Helden
Eine Anthologie, in der ich mit der Geschichte "Geisterreiter" vertreten bin. Da ich selbst einen Text beigesteuert habe, bin ich nicht ganz objektiv und werde hier nichts weiter über das Buch sagen. Nur soviel: Es sind außer meiner Geschichte noch ganz viele tolle Beiträge darin, und das Cover ist wirklich sehenswert.

Igor Levit und Florian Zinnecker: Hauskonzert
Auch jemand, den ich seit dem Ende meines Twitter-Accounts vermisse. Die Musik und die Tweets von Igor Levit habe ich mit Begeisterung verschlungen, und da musste ich mir dann natürlich auch das Buch holen.
Was ist das für ein Buch? Eine klassische Biografie schon mal nicht. Florian Zinnecker konnte den Pianisten dafür gewinnen, ihn ein Jahr lang begleiten zu dürfen. Was daraus wurde, war für beide offen. Dann kam Corona. Keine Konzerte. Aber es passiert etwas anderes.
Die beiden treffen sich regelmäßig. Levit kann nicht auftreten. Aber auf Twitter gibt er seine inzwischen legendären "Hauskonzerte". Und dann spielt er auch noch die "Vexations". Wie verrückt muss man sein, um diese "Quälereien" - 840 mal das gleiche Motiv wiederholen - zu spielen? 15 Stunden am Klavier, und das Ganze live gestreamt ... Aber Corona ist ja auch verrückt.
Dass die beiden Gesprächspartner in diesem Jahr dann irgendwie doch auch Levits Biografie mit transportieren, liegt in der Natur der Sache. Auch wenn Levit - der furchtbarste Moment für einen Biografen - über seine Vergangenheit gesteht: "Du, ich erinnere mich eigentlich an gar nichts."
Doch, es ist ein gutes Buch geworden. Wenn auch ein sehr ungewöhnliches. Aber gerade darum.

Enid Blyton: Fünf Freunde auf großer Fahrt
Die Freunde haben ein verlängertes Wochenende lang schulfrei bekommen und nutzen es für einen viertägigen Ausflug. Unterwegs dahin wird aber Timmy am Bein verletzt. Während Julian und George einen Experten für verletzte Tiere (keinen richtigen Tierarzt, aber immerhin ...) aufsuchen, fahren Dick und Anne mit ihren Rädern schon weiter zur Farm, in der sie übernachten wollen. Die beiden geraten aber auf den falschen Hof. Eine alte, taube Frau will sie am liebsten wegschicken, da ihr Sohn keine fremden Leute auf dem Hof haben will. Sie lässt Anne dann aber aber heimlich im Haus und Dick im Stall übernachten. Hier hat Dick eine seltsame Begegnung: Jemand ruft leise seinen Namen und übergibt ihm dann einen Zettel mit einer kryptischen Nachricht. Am nächsten Morgen entdeckt der Sohn der Frau die beiden Kinder und jagt sie fort.
Später stellt sich heraus, dass de Sohn der Tauben zufällig auch Dick heißt und eigentlich der Empfänger der Botschaft hätte sein sollen. Der Versuch, einen Polizisten darüber zu informieren, scheitert an der Borniertheit des Mannes.
Die Freunde schaffen es schließlich, die Geheimbotschaft zu entschlüsseln, sie finden heraus, dass die Diebesbeute, auf die der böse Dick scharf ist, in einem versenkten Boot auf dem Grund eines Sees liegt. Anhand der Landmarken, die in der Botschaft genannt werden, können sie das Boot finden und schließlich auch den Schatz bergen. Da sie tagsüber von dem erwachsenen Dick und seiner Freundin beobachtet werden, ist dazu eine abenteuerliche nächtliche Tauchaktion nötig. Später können sie dank des freundlichen Beinahe-Tierarztes auch endlich ihre Geschichte der Polizei erzählen, dann wird das saubere Pärchen verhaftet.
Die Geschichte ist insofern etwas besonderes, als sie sehr schnell getaktet ist. Die Freunde haben nur vier Tage Zeit, ihr Abenteuer zu erleben und den Schatz zu finden. Da muss man schon zügig und effizient ermitteln und kombinieren.

Enid Blyton: Fünf Freunde als Retter in der Not
Der Kapuzinerberg, ein Berg voller Schmetterlinge, an dem es auch eine Schmetterlingsfarm gibt, ist diesmal das Ferienziel der Fünf. Die Freunde kommen auf dem Thomashof unter, wo auch Toby, ein Freund von Julian und Dick, lebt, ein Junge, der eigentlich ganz in Ordnung ist, aber einem durch seine ständigen Streiche und seine Scherzartikel ganz schön auf die Nerven gehen kann.
Toby hat einen Cousin, Kurt, für den er sehr schwärmt. Kurt ist Pilot beim Militär. Doch plötzlich ist Kurt verschwunden, zusammen mit seinem Freund Rolf. Beide sollen ein Flugzeug geklaut haben. Wenig später stellt sich heraus, dass das Flugzeug abgestürzt ist. Alles sieht so aus, als seien die beiden jungen Männer Verräter, die den streng geheimen Superflieger einer fremden Macht ausliefern wollte. Aber Toby glaubt nicht daran, dass Kurt so etwas tun würde. Die fünf Freunde nehmen die Ermittlungen auf. Dazu müssen sie sich auch zu der Schmetterlingsfarm schleichen, auf der sich ziemlich üble Leute herumtreiben. Eine spannende Geschichte, die besonders nett wird durch Tobys kleinen Bruder und sein Schwein.



Mai

Hal Forster: Prinz Eisenherz. Band 5: Jahrgang 1945/1946. (Bocola)
Endlich lichtet sich Eisenherz' Wahnsinn. Es dauert lange, aber schließlich fallen er und Aleta sich in die Arme, das Paar ist perfekt. Wo andere Heldengeschichten enden, nämlich mit dem Kuss und der anschließenden Ehe, dreht Forster allerdings voll auf. Ab jetzt geht es also um Eisenherz UND Aleta. Und die schöne Königin der Nebelinseln zeigt durchaus ungewöhnliche Talente. Als großartige Schwimmerin ist sie ja schon bekannt. Nun versucht sie sich als Ritterin, vor allem aber zeigt sie sich als brillante und zugleich intrigante Staatsmännin und Politikerin. Dabei bleibt sie stets Dame beziehungsweise Königin. Ja, sie wird auch schon mal entführt und von Eisenherz zurückerobert, aber die Rolle als blondes Opferfrauchen liegt ihr ganz und gar nicht, sie ist eine Frau, die gewohnt ist, dass man ihr huldigt. Sowohl auf Camelot als auch in Thule.


Lukrez: De rerum natura / Welt aus Atomen dt/lat (Reclam)
Poesie und Naturwissenschaft, Versmaß und Atomphysik - geht das zusammen? Lukrez muss es wohl geglaubt haben. Sein Epos "über die Natur der Dinge", das der Reclam-Verlag aus gutem Grunde unter dem Titel "Welt aus Atomen" veröffentlichte, ist im Wesentlichen eine in Verse gegossene Darstellung der Lehre der Atomisten, einer Gruppe der griechischen Naturphilosophen, denen Lukrez angehörte. Ein Epos über Atome und darüber, wie sie sich zusammenfinden, das ist keine uninteressante Kombination. Allerdings sind die Gedankengänge der Atomisten schon in Prosa manchmal ziemlich harter Stoff. Aber nun stellt euch mal euer Physikbuch in 7400 Versen vor. Sagen wir mal so: Spaß macht es nicht. Es ist, wie gesagt, sehr interessant und natürlich sehr gut aufbereitet. Nur für Hardcore-Nerds zu empfehlen.

Max Prosa: Die Reise des lausigen Kapitäns
Eine Art Theaterstück, etwas absurd oder surreal, sehr schöne sprachliche Bilder. Ein gestrandeter Kapitän, der von Aufbruch, Sternen und Einsamkeit singt. Im Gitarrenkasten landen dabei nicht viele Münzen, denn wer singt, was er will, verdient nicht viel. Zwei Studenten reden und trinken gelegentlich mit ihm, und er versucht, sie vom Studium abzuhalten. Die beiden sind erschreckend vernünftig, sie denken unter anderem daran, wie sie ihre Miete bezahlen können. Während der Kapitän sie auffordert, nicht mitzuspielen. Vergebens. Ich glaube, das Stück müsste man mal auf de Bühne sehen, vor allem die Gesänge hören.

Thorgal 38: Die Selkie

Léopold Sédar Senghor: Bis an die Tore der Nacht
Ein sehr schöner, zweisprachiger Lyrikband, den ich antiquarisch erstanden habe. Der Autor war gleichzeitig Dichter und Politiker, von 1960 bis 1980 war er der erste Präsident des Senegal, als Schriftsteller wurde er mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet.
Die Gedichte sind zum größten Teil Gesänge, bestimmten afrikanischen Musikinstrumenten wie Kora (eine Art Harfe), Balafong (Xylophon) oder Khalam (dreiseitige Gitarre) zugeordnet. Er besingt afrikanische Dörfer, Feste, Instrumente, Tiere, die Savanne, aber auch biblische Themen und Gestalten wie die Königin von Saba.
Er gilt als ein Mitbegründer der Negritude, einer afrikanischen oder afrofranzösischen intellektuellen politisch-kulturellen Strömung. Senghor war offenbar nicht ganz unumstritten, da er sich kulturell und politisch sehr stark an Europa orientierte. Er schrieb ja auch auf Französisch. Die Gedichte jedenfalls haben es in sich, das ist eine ganz eigene Melodie, ein sehr starker Rhythmus mit eindrucksvollen Bildern. Schon faszinierend, dass jemand gleichzeitig Politik und Gedichte machen kann.
Auf ihn gestoßen bin ich übrigens, als ein Facebook-Freund aus dem Senegal fragte, ob ich nicht mal in seinem Land lesen könnte. Gern sogar, wenn wir nur erstmal Corona überstanden haben.

Enid Blyton: Fünf Freunde im alten Turm
Nach einer fiesen Erkältung fahren die Kinder in die Berge, um sich auszukurieren. Sie sollen auf einer Farm wohnen, aber ihr Chauffeur verfährt sich versehentlich, sodass sie zunächst vor einem unheimlichen Turm im Wald landen, der offenbar bewohnt und von modernster Technik gesichert ist. Auch fährt der Wagen plötzlich schwerfälliger, als sei er schwerer geworden oder als sei die Handbremse angezogen.
Die Freunde kommen dann doch noch zur Farm. Aber dort hat Timmy Probleme mit den anderen Hunden, die ihn angreifen und verletzten. Die sieben Hunde des schweigsamen und etwas muffeligen Herrn Hansen bleiben weiter eine Bedrohung für Timmy. Und der Mann verhält sich so abweisend gegenüber den Kindern, dass sie ihn schon für einen Schurken halten. So ziehen die Freunde in eine kleine Bergütte, die zur Farm gehört. Überall liegt Schnee, und sie haben von dort aus auch einen guten Blick auf den Turm.
Sie freunden sich mit dem seltsamen Schäfermädchen Elli an, das sich allein mit eine Lamm und einem Hund in der Wildnis herumtreibt. Und sie erleben seltsame Dinge: Der Berg vibriert, vom Turm her sehen sie ein merkwürdiges Leuchten. Dann sehen sie ein Gesicht in einem Fenster des Turms, eine alte Frau, die offenbar Hilfe braucht. Dabei behauptet der Aufseher des Gebäudes fest, er sei der einzige Bewohner.
Schließlich zeig Elli den Freunden einen Brief, den sie von der alten Frau zugesteckt bekommen hat, ein Hilferuf, den das analphabetische Schäfermädchen nicht lesen konnte. Als sie Herrn Hansen den Brief zeigen, wird der wütend und schnauzt sie an, sie sollten die Finger davon lassen und sich vom Turm fernhalten.
Das tun sie natürlich nicht. Durch einen - klar - Geheimgang dringen sie in den Turm ein, um die alte Frau zu retten. Sie werden prompt von Schurken gefangen, die hier ein seltenes Metall abbauen, um später Bomben daraus herzustellen, schließlich aber werden sie von Herrn Hansen und seinen Hunden gerettet. Der Mann war doch kein Böser, er hatte nur selbst schon Nachforschungen wegen des Metalls angestellt und ahnte, dass es gefährlich für die Kinder würde. Eine seltene Wendung für ein Blyton-Buch. Normalerweise sind die Leute, die die Kinder anschnauzen, doch immer die Schurken, man muss es ihnen nur noch beweisen.


Constance de Salm. 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau
Ein Buch, das mir meine Schwester geschenkt hat. Sie meinte, das müsste ich unbedingt lesen.
Es geht um eine Frau, die sieht, wie ihr Geliebter in die Kutsche einer anderen Frau steigt. 24 Stunden lang wird sie von Eifersucht und Verzweiflung, Hoffen und Bangen hin und her getrieben, immer wieder kommen kleine Nachrichten und Informationsschnipsel zu ihr und jagen ihren Adrenalinpegel noch mehr in die Höhe. Alle paar Minuten schreibt sie ihrem Freund einen neuen Brief, lässt ihn durch Boten zu ihm tragen, versucht dann, die Briefe zurückzuholen, forscht seine Bediensteten und Freunde aus. Es ist Hysterie pur, ein Wechselbad der Gefühle, bis sich am Ende alles auflöst: Er war als Trauzeuge bei der fremden Frau und hatte bei ihr Gelegenheit, seinen Onkel zu sprechen, der ihm nun die Erlaubnis gab, seine Freundin, eben die Briefpartnerin, zu heiraten. Am Ende des Buches wird dann die Hochzeit der beiden verkündet. Krank, aber gut geschrieben. Echt lesenswert.

Katja Behrens: Der kleine Mausche aus Dessau. Moses Mendelssohns Reise nach Berlin im Jahre 1743
Ein zentrales Ereignis in der Geschichte der deutschen und jüdischen Aufklärung: Der junge Moses Mendelssohn bricht aus Dessau nach Berlin auf, weil sein geliebter Lehrer David Fränkel als Rabbiner nach Berlin berufen worden war. Das Datum ist bekannt, die Reiseroute und die Erlebnisse des jungen Moses aber kaum.
Für Katja Brandis ist diese Reise nicht nur die Gelegenheit, unterschiedliche Gesellschaftsschichten, Religionsangehörige und Nationalitäten vorzustellen, denen ein Reisender in jenen Tagen in Preußen begegnen konnte, sondern vor allem auch das fast babylonische Sprachengeflecht, das zu dieser Zeit in den deutschen Ländern anzutreffen war. Moses' Muttersprache ist das "Judendeutsche", das Jiddische, auch spricht er recht gut Hebräisch, ist im Umgang mit biblischen und Gebetstexten erfahren. Das Hochdeutsche, die Sprache der Gelehrten und der Reichen, ist vom Jiddischen sehr klar unterschieden, und als er gar unterwegs einen hessischen Handwerksburschen trifft, mit dem er sich anfreundet und zusammenschließt, beginnen Gespräche im herrlichsten Kauderwelsch. Eine Begegnung mit einem Zigeunerpaar (Sinti, Roma?) und einer jüdischen Räuberbande, mit einem preußischen Soldaten und reichen Kaufleuten machen das Sprachmosaik perfekt. Der junge Moses hört zu, lauscht den unterschiedlichen Klängen uns ist fasziniert.
Dieses Reisebuch ist eine einzige große Liebeserklärung an die Sprache und die Vielzahl der Idiome, und die Autorin zeigt sehr schön, wie hier der Grundstein gelegt wird für die große Sprachkunst des späteren Bibel-Übersetzers und Philosophen Moses Mendelssohn. Ja, so könnte es wirklich gewesen sein, damals auf dem Weg von Dessau nach Berlin.


Elisabeth Steinkellner: Papierklavier
Eine Graphik Novel, ein Prosabuch mit Comiczeichnungen dazu, im Prinzip so etwas wie Gregs Tagebuch oder Dork Diaries für etwas Ältere. Eine sehr schöne Geschichte über eine 16-Jährige namens Maia und ihre Familie und ihre Freunde. Die Familie ist nicht besonders reich. Trotzdem lässt sich die Heldin nicht unterkriegen. Mit viel Humor kommentiert und hinterfragt sie Alltagserlebnisse und macht sich abseitige philosophische Gedanken über den Rest der Welt und die Leute, denen sie in ihrem Job Smoothies verkauft.
Ihre Schwester ist musikalisch unheimlich begabt, aber ein klavier kann sich die Familie nicht leisten. Und als die alte Nachbarin stirbt, die ihr immer Klavierstunden gegeben hat, bleibt ihr nur noch das Üben auf einer aufgemalten Tastatur, dem "Papierklavier"...
Das Buch sollte eigentlich den katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis bekommen. Aber da eine Freundin der Heldin eine "Frau mit Penis" ist, stellten sich die Bischöfe quer. Schade eigentlich. Aber andererseits: Ohne den Eklat hätte ich sicher gar nicht erfahren, dass es dieses Buch gibt. Und das wäre doch schade.

Hal Forster: Prinz Eisenherz. Band 6: Jahrgang 1947/1948 (Bocola)
Ja! Das war der erste Band, den ich noch nicht aus der Carlsen-Zeit kannte, und ich bin hin und weg davon. Zugegeben: Ein Ritter der Tafelrunde hat nicht allzu viel im vorcolumbianischen Nordamerika zu suchen, aber die Zeichnungen sind einfach nur genial. Schön auch, wie Forster sich anhand von Landschaftsaufnahmen und geologischen Thesen an die damalige Welt herantastet und versucht, die Niagara-Fälle von vor 1500 Jahren zu rekonstruieren.
Aleta, hochschwanger, zeigt sich erneut als große Staatsmännin und Völker-Lenkerin. Und dann ist da plötzlich dieser kleine Schreihals, der am Knauf des singenden Schwertes herumknabbert. Eisenherz ist Vater eines waschechten Amerikaners geworden, und er nennt ihn nach seinem Jugendfreund: Arn. Wieder in Europa zurück, hat er nichts Eiligeres zu tun, als seinen damaligen Rivalen um die Gunst der schönen Ilena aufzusuchen und ihn als Taufpaten einzuladen. Arn wäscht ihm gehörig den Kopf, dass er Aleta geheiratet hat. Schließlich hatten doch beide geschworen nie eine andere Frau als Ilena zu lieben. Doch schon krabbelt ein kleiner Hosenscheißer um die Ecke und straft seinen Vater lügen. Auch Arn ist verheiratet und gerade Vater geworden und nannte - oh Wunder - seinen Sprössling Prinz Eisenherz.




Juni

Christine de Pizan: Das Buch von der Stadt der Frauen
Die Autorin gilt als die erste Schriftstellerin, die von ihren Werken leben konnte, und das im Jahr 1405 fertiggestellte Buch von der Stadt der Frauen gilt als eines der ersten feministischen Werke der europäischen Literatur.
Als ich dieses Jahr erstmals von dem Buch hörte, war ich etwas vor den Kopf gestoßen. Ich hatte mich an der Uni mal mit literarischen und sozialen Utopien des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit befasst, mit Städten und Inseln wie Utopia, Nova Atlantis, Civitas Solis und Christianopolis, aber mir war diese "Cité des Dames" noch nie untergekommen. Als Entwurf einer Gegenwelt gehört sie doch mit dazu ... Nach der Lektüre muss ich aber sagen: Es ist vielleicht doch keine Utopie, es ist eher eine Sammlung von Berichten über tüchtige, kluge und ethisch vollkommene Frauen, nicht der Entwurf eines alternativen Landes.
Die Ich-Erzählerin, mit der sich Christine de Pizan wohl selbst identifiziert, berichtet, sie habe sich sehr geärgert über das frauenfeindliche Buch "Lamentationes Matheoli" von Matthaeus aus Boulogne-sur-Mer. Daraufhin erscheinen ihr drei Frauen, vielleicht eher Allegorien, die die Vernunft, die Rechtschaffenheit und die Gerechtigkeit verkörpern. Sie fordern die Autorin auf, die Stadt der Frauen zu gründen - nicht aus Stein und Holz, sondern auf dem Papier, in Form eines Buches.
Das Buch, das daraufhin entsteht, besteht aus drei Teilen, in dem jeweils eine der drei Besucherinnen der Schriftstellerin Frauen aus der Geschichte (wobei auch Mythologie und Bibel als historisch betrachtet werden) schildert, die besonders klug, rechtschaffen oder gerecht waren. Für jedes Laster, das in der Schmähschrift des Matthaeus den Frauen zugeschrieben wird, werden hier tadellose, herausragende Frauen vorgestellt, die die höchste Tugend und Bildung verkörperten.
Das Buch ist etwa spröde, und das Lesen dieser Kataloge tugendhafter Frauen kann auf Dauer durchaus etwas zäh werden. Aber es schadet nichts, das Buch mal gelesen zu haben und es jetzt als Nachschlagwerk im Regal stehen zu haben.


Walhalla: Die gesammelte Saga, Band 3:
- Die Schlange der Tiefe
- Freyas Halsschmuck
- Die Herausforderung des Riesen

Hal Forster: Prinz Eisenherz. Band 7: Jahrgang 1949/1950 (Bocola)
Sagte ich schon, dass Aleta eine Frau ist, die Wert darauf legt, dass ihr gehuldigt wird? Nun, die riesengroße Taufgesellschaft und den Erzbischof, der die Zeremonie vornimmt, verdanken die beiden Säuglinge Arn und Prinz Eisengerz zweifellos ihrem Talent, König Artus um den Finger zu wickeln. Jedenfalls ist es eine eindrucksvolle Szene. Zu erleben sind auch ein untalentierter Zauberer und ein Schloss voller vermeintlicher Monster, und Eisenherz bekommt einen neuen Knappen. Boltar, der poltrige Wikinger, wird von Aletas indianischer Dienerin gezähmt. Nachdem sie ihn mit dem Tod bedroht hat, ist er vollkommen verliebt in sie. Es gibt ein paar nette Gedanken aus der Perspektive des kleinen Arn, und Eisenherz erhält aufgrund eines fehlgegangenen Experiments mit Schießpulver kurzfristig eine neue Frisur. Aber dass Eisenherz aufbricht, um christliche Missionare nach Thule zu holen, nein, das halte ich für keine gute Idee.


Stefan Kruecken: Sturmwarnung. Das aufregende Leben von Kapitän Schwandt
Kapitän Schwandt ist vielen durch seine Artikel für die Hamburger Morgenpost bekannt, vor allem aber durch sein Eintreten gegen Fremdenhass und Nazis. Im Buch erzählt der Kapitän von seinem Leben, spart auch die unschöneren Seiten des Seefahrerdaseins nicht aus, redet über Alkohol, Tattoos, Handgreiflichkeiten und den Umgang untereinander an Bord. Aber da sind auch eher humorvolle, augenzwinkernde Geschichten wie das Kapitel "Als ich die MS Europa versenkte", da war der Kapitän gebeten worden, an einem modernen Simulator seine Steuermannskunst zu zeigen.
Ein Satz, den man sich wirklich einrahmen sollte: "„Auf meinen Reisen habe ich überall auf der Welt gute Menschen kennengelernt. Und auch ein paar Arschgeigen. Das hat nichts mit Hautfarbe, Pass oder Religion zu tun." Passt schon.
Lesenswert auch die ausgewählten Kolumnen, die am Ende des Buches mit abgedruckt wurden. Etwa die verzweifelte Suche nach einem ganz normalen Herrenfriseur. Oder über Blockflötenterror zur Weihnachtszeit.



Hörspiel

Sandra Doedter: Abenteuer und Wissen: Astrid Lindgren. Eine kunterbunte Welt
Astrid Lindgren, die Mutter von Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter, von Michel aus Lönneberga und Karlson vom Dach, Gründerin von Bullerbü und Nangijala und überhaupt die beste Freundin aller Kinder, für deren Rechte sie auch vehement eintrat. Die Frau, die mit einem Märchen die schwedische Regierung stürzte ... Ich bin wie alle Kinder der 70er mit ihr aufgewachsen und habe mich später im Studium mit ihr befasst. Nun war das Wiedersehen beziehungsweise Wiederhören sehr schön. Die ersten Schritte eines Kindes auf einem Hof wie aus den Michel-Geschichten. Die Arbeit für die Lokalzeitung, die Beziehung zu ihrem Chef, aus der ein unehelicher Sohn entstammte. Der Wunsch der kranken Tochter: "Erzähl mir von Pippi Langstrumpf". Der Zweite Weltkrieg - und Lindgren in ihrem "Spionage-Job", als sie für die Regierung Briefe auswerten musste. Der Ruhm. Die vielen Schreiben ihrer Fans aus allen Ländern. Aber auch die nervenden schon tausendmal beantworteten Fragen der Journalisten: "Wie kam es zu Pippi Langstrumpf?", auf die sie irgendwann resigniert antwortete: "Wissen Sie es wirklich nicht?" Eine großartige, für Generationen prägende Schriftstellerin. Und auch eine gute Hör-Biografie. Hörenswert.

Berit Hempel: Abenteuer und Wissen: Leonardo da Vinci. Die Welt des Universalgenies
Spannend, informativ und mit vielen neuen Eindrücken. Für mich noch um einiges faszinierender als das Michelangelo-Hörspiel aus der gleichen Reihe, das ich kurz zuvor gehört hatte. Sicher weil ich über Michelangelo einfach schon wesentlich mehr weiß. Wusstet ihr, dass Leonardo Linkshänder war? Weil er beim Schreiben immer mit dem Handballen die Tinte verschmierte, kam er als Kind auf eine geniale Idee: Er schrieb einfach in Spiegelschrift, schon wurde nichts mehr verwischt. Seltsamerweise war er wesentlich mehr als Veranstaltungsmanager und Bespaßer seines Fürsten unterwegs und organisierte Festattraktionen. Auch Kriegsmaschinen hat Leonardo, der eigentlich absoluter Pazifist war, in Mengen entworfen. Überhaupt: Maschinen aller Art nahmen einen wesentlich größeren Raum in seinem Leben ein als das bisschen Malerei. Aber "das bisschen", dazu gehören immerhin das letzte Abendmahl und die Mona Lisa. Was für ein Bisschen!

Weiter Rückblick
Jahresrückblick I: Januar bis März 2021
Jahresrückblick III: Juli bis September 2021
Jahresrückblick IV: Oktober bis Mitte November 2021
Jahresrückblick V: Mitte November bis Dezember 2021

© Petra Hartmann


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Jahresrückblick I: Januar bis März 2021

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 28 December 2021 · 692 Aufrufe
Jahresrückblick
Tschau 2021, das war's ja wohl schon fast. Bleibt nur noch, ein bisschen zurückzublicken und meine Lesefrüchte Revue passieren zu lassen.
Kurz ein noch persönliches Resümee: Ich bin gesund, vollständig geimpft und geboostert, bin gut durch die Pandemie gekommen und hatte auch keinen Krankenhausaufenthalt, wie einige von euch nach Lektüre meines Weihnachtsmärchens "Die Botschaft" befürchteten. Die einzigen Spuren, die Corona an meinem Körper hinterlassen hat, sind meine extrem langen Haare - ich als bekennende Stoppelputzfrau war nämlich pandemiebedingt fast zwei Jahre lang nicht mehr beim Friseur ...
Ich schreibe immer noch für die Goslarsche Zeitung, die schönste Zeitung der Welt, dank der ich mir dieses Jahr sogar meinen alten Wunschtraum erfüllen konnte, einmal in einer Buchhandlung zu übernachten und darüber eine Reportage zu schreiben.
Was habe ich literarisch geleistet? Anfang Dezember habe ich meinen Indianerroman "Der Flug des Jungen Adlers" fertiggeschrieben. Jetzt muss ich das alles nur noch abtippen und einen Verlag dafür finden. Ansonsten habe ich eine neue Movenna-Geschichte verfasst, die nächstes Jahr in einer Anthologie über Met erscheinen soll. Meine Veröffentlichungen waren dieses Jahr überschaubar: Die Geschichte "Geisterreiter" erschien in der Anthologie "Tod des Helden", und das war's auch schon. Zurzeit läuft ein supertolles Projekt mit Thomas Hofmann und Ernst Wurdack, auch hier muss noch etwas abgetippt werden, hoffentlich hauen die beiden mich nicht, weil es so lange dauert ...
In der Hildesheimer Allgemeinen ist ein großer Artikel über mich erschienen.
Ich hatte in diesem Jahr neun Lesungen. Meist mit kleinem Publikum, aber vielleicht war es gerade deshalb so schön.
Ich habe meinen Twitter-Account verloren. Das tut immer noch weh, ging aber nicht anders.
Mein Blog hat die Zwei-Millionen-Aufrufe-Marke geknackt. Und ich habe jetzt eine Gastrezensentin: Meine Schwester Yvonne stellt in der Abteilung "Wonnes Welt" Bücher vor.

Schauen wir nun auf meine Leseliste des ersten Quartals 2021. Ich habe mich schwerpunktmäßig drei Kinder-Klassiker-Serien gewidmet: Ich setzte meine 2020 begonnene Lektüre der OZ-Bände fort, habe mir die Gesamtausgabe der "Fünf Freunde" von Enid Blyton zugelegt und lese mich nach und nach durch die Prinz-Eisenherz-Gesamtausgabe von Bocola hindurch. Spoiler: Die beiden letztgenannten Serien habe ich dieses Jahr noch nicht komplett geschafft. Man wächst mit seinen Aufgaben. Ansonsten gibt es wieder etwas Phantastik, Lyrik, Aufklärung, Helgoland und Indianerromane. Schaut doch mal rein, vielleicht ist etwas für euch dabei. :-D


Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.


Januar (14)

L. Frank Baum: OZ, Complete Edition 6: The Emerald City of Oz (e)
In dieser Geschichte bricht das materielle Elend der realen Welt in den Erzählkosmos Baums ein. Die Farm, auf der Dorothy mit ihrem Onkel und ihrer Tante lebt, ist überschuldet, die Familie muss den Hof aufgeben. In dieser Notlage beschließt Dorothy, die beiden alten Leute, die nie an Oz geglaubt haben, mit in ihre Wunderwelt zu nehmen. Den beiden gehen die Augen über, als sie die Smaragdstadt sehen. Allerdings, das Hofleben ist nichts für die beiden einfachen alten Herrschaften. Sie möchten gern arbeiten, was ihnen aber in Ozmas Palast abgenommen wird. So macht sich eine gewisse Schwermut unter ihnen breit. Ozma will sich etwas für die beiden ausdenken und schickt Dorothy und ihre beiden Angehörigen samt einiger altbekannter Begleiter zu einer Rundfahrt durch einige interessante Orte ihres Landes aus. Sie besuchen unter anderem eine Stadt, die von Papierpuppen bewohnt ist, die beim leisesten Windhauch davonfliegen, und sie treffen auf das Volk der Rigmaroles, das für seine extrem geschraubte Sprache bekannt ist. Anstatt einfach "Ja" oder "Nein" zu sagen, beantworten diese Leute jede Frage mit einem endlos verdrechselten Sermon, der im Prinzip auch nichts anderes als eine Bejahung oder Verneinung darstellt, aber einige Stunden dauert.
In der Zwischenzeit gibt es allerdings Probleme in der Smaragdstadt. Der böse Nomenkönig erinnert sich an die Niederlage, die ihm Dorothy und Ozma zugefügt haben, und beschließt, Oz mit einer wahrhaft furchterregenden Armee zu erobern. Da sie die tödliche Wüste nicht durchqueren können, tun die Nomen das, was sie am besten können: Sie graben einen Tunnel unter der Wüste hindurch, der genau unter Ozmas Palast enden soll. Zwar sieht Ozma dank ihres magischen Bildes, das ihr alle Vorgänge in Oz und der ganzen Welt zeigt, die herannahende Armee überdeutlich, aber sie ist nun einmal aus Prinzip gegen Blutvergießen, will also nicht kämpfen. Das Hin-und-Her zwischen Dorothys ahnungsloser Reisegruppe, den bösartigen Angreifern und den Beratungen im Kreise Ozmas ist ein klassisches Mittel, Spannung zu erzeugen, und funktioniert auch diesmal.
Am Ende löst sich die Sache dann recht einfach auf. Im Schlosshof, wo der Tunnel der Angreifer enden soll, steht ein Brunnen, dessen Wasser jeden, der davon trinkt, das Gedächtnis verlieren lässt. Mit Magie sorgen die Ozianer dafür, dass es die Angreifer unterwegs recht schön trocken und staubig haben, und als die Armee aus dem Tunnel stürzt, stürmen die Soldaten wie Verdurstende auf den Brunnen los. Allen voran der Nomenkönig. Alles vergessen, die Armee ist hilflos und wird von den freundlichen Ozianern ausgesprochen liebenswürdig nach Hause komplimentiert. Und auch für Dorothys Onkel und Tante findet sich schließlich noch etwas zu tun.
Dieser Band hätte eigentlich der letzte Band der Oz-Serie werden sollen. Darum beschreibt Baum, wie Glinda einen Zauber um das Land webt, damit Oz endlich Ruhe vor Eindringlingen von außen hat: Künftig ist das Land von einem magischen Schild umgeben, der es unsichtbar macht. Ende, Aus, Schluss, Vorbei mit den Reisen aus unserer Welt nach Oz. So dachte der Autor jedenfalls. Die Fans forderten jedoch so nachdrücklich noch weitere Fortsetzungen, dass er dann doch wieder zur Feder griff ...

Brita Rose-Billert: Sheloquins Vermächtnis

Eckhard Wallmann: Helgoland. Eine deutsche Kulturgeschichte
Eine unendliche Fleißarbeit, eine Lebensaufgabe geradezu hat der ehemalige Inselpastor Eckhard Wallmann da auf sich genommen. Eine Kulturgeschichte Helgolands von den frühesten Zeugnissen aus Antike und Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert, 672 Seiten stark, reich bebildert und mit ausführlichen Testauszügen aus den literarischen Betrachtungen über die Insel. Das Register des Buchs liest sich wie ein "Who's who?" der Literatur- und Kunstgeschichte vieler Jahrhunderte, denn wer immer seinerzeit Rang und Namen hatte, hat sich auf Helgoland blicken lassen, spätestens als sich die Insel zum mondänen Seebad entwickelte.
Das Buch ist ein sehr schönes Lesebuch und hat mich durch einen fünfwöchigen Lese-Urlaub auf dem roten Felsen begleitet. Ich habe viele alte Bekannte wieder getroffen, aber auch eine ganze Menge neue Autoren entdeckt. Schade fand ich nur, dass die Auswahl der ausführlicheren Leseproben sehr zu Ungunsten meines geliebten Ludolf Wienbarg ausgefallen ist, während etwa Fanny Lewald, die mehrfach auf der Insel weilte, einen ausgesprochen großen Raum erhält. Ich habe den Verfasser damals, als er sein Buch vorstellte, beim ersten Helgoländer Lesefestival getroffen und mit ihm auch über Wienbarg gesprochen. Ihm war Wienbarg zu nationalistisch, wie er erklärte, so fiel das Kapitel über ihn sehr schmal aus.
Dafür hat er, eine kleine Kostbarkeit, auch Theodor Mundts Helgoland-Schilderung abgedruckt. Als Mundt-Fan, der über den Jungdeutschen auch noch seine Doktorarbeit geschrieben hat, habe ich mich darüber natürlich ganz besonders gefreut. Heine ist Pflicht, natürlich, und Wallmann, der schon vor Jahren eine separate Veröffentlichung über Heine und Helgoland vorgelegt hat, lässt den Begründer der Nordseelyrik hier ausführlich zu Wort kommen. Ansonsten gab es viele Neuentdeckungen und sehr viel Lesenswertes. Das Buch ist eine wahre Fundgrube und sei jedem Helgoland-Fan ans Herz gelegt.

Markus Heitkamp: Die Reisen des jungen Haselhorn

Thorgals Jugend 8: Die zwei Bastarde

Werner Schneiders: Das Zeitalter der Aufklärung
Kompakte Übersichtsdarstellung aus der Reihe CH. Beck Wissen. Gut für Einsteiger geeignet, die sich einen ersten Eindruck verschaffen wollen. Bietet einen guten Überblick über die Aufklärung als europäische Bewegung und nimmt die Länder England, Frankreich und Deutschland in den Fokus.

L. Frank Baum: OZ, Complete Edition 7: The Patchwork-Girl of Oz (e)
Eigentlich hatte der Autor die Oz-Serie mit dem siebten Band enden lassen wollen. Doch die Fans schrieben ihm immer wieder Briefe und baten um Fortsetzungen. So entstand die Geschichte vom Patchwork-Mädchen.
Held der Geschichte ist ein Munchkin-Junge namens Ojo, der zusammen mit seinem Onkel in einer ziemlich einsamen und abgelegenen Gegend wohnt. Doch irgendwann beschließt der alte Onkel, den Zauberer Dr. Pipt zu besuchen. Der ist seit sechs Jahren dabei, ununterbrochen seinen Kessel umzurühren, um Lebenspulver zu schaffen, und wird just zu diesem Zeitpunkt fertig. Wir erinnern uns: Magie ist, sofern sie nicht von Glinda, Ozma oder dem Zauberer Oz ausgeübt wird, eigentlich verboten im Land, und das Lebenspulver hatte schon so seltsame Wesen wie den Gump, Jack Pumpkinhead und das Sägepferd zu Leben erweckt. Pipt jedenfalls braucht das Pulver, um für seine Frau eine Haushaltshilfe zu schaffen. Das neue Dienstmädchen, das die Frau schon mal vorgebaut hat, besteht in der Hauptsache aus einer alten Patchwork-Decke. Pipts Frau wählte dieses Äußere für die neu zu belebende Dienerin, damit sie nicht eitel werde, sondern schön demütig bleibe. Ojo, der dem neuen Mädchen etwas Gutes tun will, schüttet aber heimlich noch ein paar Zutaten ins Gehirn des Wesens, so erhält sie Verstand, Humor und eine gehörige Portion Eitelkeit.
Als Pipt das Konstrukt mit dem Pulver zum Leben erwecken will, passiert ein Unglück. Zwar wird die Fetzenpuppe tatsächlich lebendig, aber durch eine unbedachte Bewegung stürzt eine Packung Versteinerungspulver auf Pipts Frau und Ojos Onkel, die sofort zu Stein werden. Eine Prise Lebenspulver könnte die beiden zwar wieder zum Leben erwecken, aber der magische Stoff ist durch die Erschaffung des Patchwork-Märchens verbraucht. Es gibt nun zwei Möglichkeiten: Entweder Dr. Pipt rührt weitere sechs Jahre in seinem Kessel, um neues Lebenspulver herzustellen. Oder: Ojo macht sich auf die Suche nach den Zutaten zu einem anderen Zaubermittel, dessen Rezept in einem von Pipts Zauberbüchern steht. Gebraucht werden: Wasser aus einem dunklen Brunnen, drei Haare vom Schwanzende eines Woozy, ein Tropfen Öl aus dem Gelenk eines lebenden Menschen, ein sechsblättriges Kleeblatt und der linken Flügel eines gelben Schmetterlings.
Ojo macht sich auf, die Zutaten zu suchen. Dabei wird er begleitet vom Patchwork-Mädchen, das sich nun Scraps nennt, und der gläsernen Katze des Doktor, die dieser vor Jahren schon mit Lebenspulver belebt hatte. Eine Weile läuft ihnen auch noch Dr. Pipts Grammophon mitsamt des vierbeinigen Grammophontischs hinterher, das versehentlich bei der Katastrophe eine Prise Lebenspulver abbekommen hatte.
Das Ganze lässt sich zunächst an wie eine 0815-Queste, hat aber durchaus ihre Besonderheiten, schon durch das verfolgende Grammophon und die Eitelkeiten des Patchwork-Mädchens. Schon bald treffen sie das gefürchtete Wesen Woozy, das irgendwie als "quadratisch" beschrieben wird und Menschen in Angst und Schrecken versetzen kann. In Wirklichkeit ist das Wesen jedoch harmlos und hilfsbereit und würde den Suchern gern drei Haare aus seiner Schwanzquaste überlassen. Allein: Das Tier ist zu stark und zu unzerstörbar, die Haare sitzen bombenfest. So bietet es an, die Wanderer zu begleiten, und auf diese Weise können sie tatsächlich drei Woozy-Haare mitnehmen, mitsamt dem daran hängenden Tier.
Unterwegs treffen sie auch den Shaggy-Man, der sich ihnen anschließt. Er verrät ihnen, dass es in der Nähe der Smaragdstadt zahlreiche sechsblättrige Kleeblätter gibt. Es sei zwar bei Strafe verboten, sie zu pflücken, doch man könne ja die Herrscherin Ozma um eine Ausnahmegenehmigung bitten. Leider ist Ojo ungeduldig. Als er unterwegs ein sechsblättriges Kleeblatt sieht, pflückt er es heimlich und steckt es ein. Dumm nur, dass Ozma nichts entgeht, was in ihrem Reich passiert. Als die Gruppe die Smaragdstadt erreicht, wird Ojo wegen des Kleeblattdiebstahls verhaftet.
Ojo kann schließlich seine Situation erklären, und Ozma verspricht Hilfe. Aber sie stellt auch klar, dass das Kleeblattpflückverbot kein dummes Gesetz ist, das man einfach übertreten darf. Es hat einen sehr ernsten Hintergrund: Sechsblättrige Kleeblätter sind eine starke magische Zutat für Zauber aller Art. Das Pflücken eines Kleeblatts ist also die Vorbereitung zum Übertreten des strengen Magieverbots und birgt in sich die Gefahr, dass da jemand heimlich (schwarze) Magie zu praktizieren beginnt.
Da eine Zutat ein Flügel eines gelben Schmetterlings ist und Gelb die Farbe des Winkie-Landes, begibt sich die Gruppe nach Westen, ins Land des zinnernen Holzfällers. Unterwegs finden sie auch noch den dunklen Brunnen, dessen Wasser für den Zauber gebraucht wird. Und als sie den zinnernen Holzfäller treffen, der gerade seine Gelenke ölt, damit sie nicht rosten, ist klar, woher sie die Zutat "ein Tropfen Öl aus dem Gelenk eines lebendigen Mannes" bekommen. Fehlt nur noch die allerletzte Zutat.
Doch nun stoßen sie auf eine Barriere, die sich nicht umgehen lässt: das gute Herz des zinnernen Holzfällers. Um einen gelben Schmetterlingsflügel zu bekommen, müssten sie einem Tier einen Flügel ausreißen. Der Holzfäller, der sonst alles für Hilfesuchende tun würde, verbietet ein für alle Mal, einen seiner Schmetterlinge zu töten oder zu verletzen. Damit ist jede Möglichkeit, das Gegenmittel herzustellen zunichte gemacht.
Niedergeschlagen kehrt der Suchtrupp zurück in die Smaragdstadt. Doch hier ist inzwischen Glinda, die Dea ex Machina von Oz, angekommen. Und für die gute Hexe ist es ein Leichtes, den Versteinerungszauber wieder aufzuheben. Glinda erweckt Onkel Nunkie und die Frau von Dr. Pipt wieder zum Leben, dem Doktor selbst aber nimmt sie all seine magischen Fähigkeiten. Ende gut, alles gut.
Die Geschichte ist nett erzählt, hat durch Scraps und eine sich andeutende Beziehung des Patchwork-Mädchens mit der Vogelscheuche sogar einen kleinen romantischen Aspekt, bietet sehr viel Humor und hat durch die Idee, dass der Holzfäller die allerletzte Zutat einfach verweigert, sogar eine kleine Besonderheit im ewig gleichen Heldenreisen- und Artefaktsuche-Plot zu bieten. Die Auflösung, dass am Ende Glinda einfach nur ein bisschen Hokuspokus macht und alles ist Friede-Freude-Eierkuchen, ist allerdings ziemlich billig und enttäuschend. Schade.

Walhalla. Die gesammelte Saga, Band 1
- Der Wolf ist los
- Thors Brautfahrt
- Odins Wette

Sprüche der Väter. Das Weisheitsbuch im Talmud (Reclam)
Die Vätersprüche sind das bekannteste Buch des Talmud, und die jetzt neu erschienene Reclam-Ausgabe wird das ihrige tun, um die Sammlung weiter zu verbreiten. Es geht um Lehrsätze bekannter Toralehrer, um Bibel-Auslegung, religiöse Fragen, aber auch um ganz alltägliche Begebenheiten, die unter Gesichtspunkten der Ethik betrachtet werden, allgemeine Lebensrichtlinien und mehr. Das Ganze ist mit einem umfangreichen Kommentarteil versehen und enthält zusätzlich ein Glossar. Sehr interessant ist das Nachwort, in dem unter anderem Parallelen des Talmud zur Stoa herausgearbeitet werden. Lesenswert.

Walhalla. Die gesammelte Saga, Band 2
- Quark trumpft auf
- Im Land der Riesen
- Die goldenen Äpfel


Hörspiel

Sandra Pfitzner: Abenteuer und Wissen: Michelangelo. Einsamer Rebell mit Pinsel und Meißel
Biographie eines Ausnahmekünstlers und seiner faszinierenden Werke. Hempel zeigt den Maler und Bildhauer in seiner Liebe zur Kunst und seiner Begeisterung, aber auch in seiner Schroffheit. Einen Künstler, der bedeutend genug war, auch Päpsten die Stirn zu bieten, einen glühenden Republikaner, der seinen David als Kämpfer für die Freiheit schuf und der doch Zeit seines Lebens von den Geldbeuteln reicher Familien, vor allem der Medici, abhängig blieb. Im Hintergrund lebt immer noch das Bild des Bußpredigers Savonarola und sein tragisches Ende weiter, eines Mannes, den Michelangelo nie vergessen hat. Aber es gibt auch liebenswürdige Anekdoten, wie die Geschichte des Fauns, den der junge Künstler zuerst mit vollkommenem Gebiss gemeißelt hatte und dem er dann nach einer Kritik seines Förderers die Zähne einschlug. Oder die Geschichte, wie Michelangelo den ersten Schneemann (oder zumindest einen der ersten Schneemänner) schuf. Sehr schön.

Berit Hempel: Abenteuer und Wissen: Ernest Shackleton. Gefangen im Packeis
Wie einige von euch wissen, wollte ich als Kind ja mal Polarforscher werden ... ;-)
Die Geschichte der Shackleton-Expedition ist eines der faszinierendsten Antarktis-Abenteuer. Ich lernte sie damals durch Arved Fuchs und seine Endurance-Tour auf Shackletons Spuren kennen und habe nicht nur Fuchs' Buch über die Antarktis-Expedition Spuren gelesen, sondern auch die Bücher des Expeditionsleiters Shackleton selbst und einiger anderer Beteiligter.
Geplant war eigentlich eine Durchquerung der Antarktis zu Fuß. Doch das Schiff, die "Endurance", scheiterte und wurde von den Eismassen zerquetscht. Shackleton schaffte es, seine Crew rund zwei Jahre lang nach dem Untergang seines Schiffs zusammenzuhalten und schließlich alle unversehrt nach Hause zu bringen. Eine Leistung, die vor allem seinen Fähigkeiten als Führungspersönlichkeit und Psychologe geschuldet war. Schon bei der Auswahl seiner Mannschaft achtete er weniger auf Qualifikation als auf Persönlichkeit und Teamfähigkeit und darauf, eine gruppe aus möglichst unterschiedlichen Individuen und zum Teil seltsamen Charakteren zu schaffen. Legendär ist seine Frage, ob der Betreffende denn auch singen könnte. Einen Mann hat er einfach nur mitgenommen, weil er so lustig aussah. Als die Mannschaft dann im ewigen Eis festsaß, zahlte sich diese Arte der Auswahl aus. Es gab Theateraufführungen, Gesang, Gedichte, auch in der Extremsituation blieb die Mannschaft mental gesund, niemand drehte durch ...
Sehr schön war, dass Arved Fuchs als späterer Leiter einer Shackleton-Gedächtnis-Expedition aus eigener Erfahrung über die Gegebenheiten vor Ort sprechen konnte. Einiges versteht man sicher besser, wenn man vor Ort gewesen ist, und so konnte Fuchs auch Entscheidungen Shackletons nachvollziehen, die er zuvor rätselhaft fand.



Februar

Frederik Hetmann: Moses. Die Entdeckung Gottes
Ich bin ja ein großer Fan von Frederik Hetmann und mit seinen Jugendbüchern aufgewachsen, die irgendwie immer ein bisschen "anders" waren als andere Jugendbücher, etwas anspruchsvoller und anspruchgebender, politisch, wissenschaftlich, aufklärerisch. Dieses hier ist ganz besonders anders. Tatsächlich ist es für ein Jugendbuch ein ziemlich unerhörtes Buch, denn es tritt zwar zunächst in der Verpackung eines historischen oder biografischen Romans für junge Leser auf, begeht aber dann ein großes Wagnis und eine "Zumutung" für Leute, die einfach nur ein bisschen Zerstreuung und Abenteuer in einem Buch suchen: Der Autor legt, bevor er zu erzählen beginnt, seine Quellen offen, stellt ausführlich seine wissenschaftliche Basis dar, diskutiert historische Ereignisse, Überlieferungen und politische Hintergründe, sodass der Leser beinahe "übervorbereitet" ist, wenn die tatsächliche Erzählung anhebt.
Das Buch gliedert sich in drei etwa gleichberechtigte Teile. Teil eins legt dar, was wir aus der Bibel über Moses wissen, sondiert das Quellenmaterial, gleicht Informationen mit einander ab, erzählt auch davon, wie der Auszug aus Ägypten noch heute von Juden mit dem Pesach-Fest gefeiert wird. Teil zwei befasst sich mit wissenschaftlichen Forschungen, etwa mit der Textinterpretation und archäologischen Funden, mit der zeitlichen Einordnung der beschriebenen Ereignisse und ihrer Plausibilität, aber auch mit der These "Moses gab es nicht" und damit, dass Moses möglicherweise ein Ägypter gewesen sein könnte. Erst nach diesen beiden Vorbereitungsschritten hebt der dritte Teil an, eine romanhafte Biographie und Abenteuer-Geschichte über einen jungen Mann aus Ägypten, der eine besondere theologische Sendung hat. Und jeder Leser weiß dabei, wo der Autor sichere Quellen hat, was er warum dazu erfand und wieso er die Geschichte so und nicht anders erzählt. Ein faszinierender Ansatz. Und das in einer Zeit, in der wir selbst bei erwachsenen Lesern immer wieder überlegen: Ist das zu kompliziert, ist das zu anspruchsvoll, müssen wir es noch mehr vereinfachen, damit der Leser sich beim Lesen bloß nicht die Mühe machen muss, ein wenig nachzudenken oder die Wikipedia aufzurufen? Im Zeitalter der Übersimplifizierung ein schöner Ansatz. Auch und gerade im Jugendbuchbereich.
Hetmann lässt einen hebräischen Schreiber die "wahre Geschichte des Moses" aufzeichnen. Ein Papyrustext, der später an der Westmauer des Jerusalemer Tempels entdeckt und auf Umwegen in die Hände des Autors gelangt, so die Erzählfiktion.
Der Schriftsteller macht Moses in seinem Roman zu einem Sohn der Pharaonin Hatschepsut, einem geheimen Seitensprung mit einem einflussreichen Hebräer, einem Kind, auf dem besondere Hoffnungen der Herrscherin ruhen. Die Geschichte mit dem im Nil treibenden Körbchen, in dem der Knabe anlandet, wird zu einer großartig inszenierten Show für das Volk, Moses soll zum Kronprinzen erhoben werden. Später wird er gezeigt als kritischer Schüler, der die alten Mythen hinterfragt, und als Leiter einer bedeutenden Expedition ins Goldland Punt. Doch dann gibt es eine Palastrevolution, Hatschepsut wird vergiftet, ihr Sohn gefangengesetzt. Moses kann fliehen. In der Wüste findet er zu Gott. Dem einen.
Hetmann erzählt, wie Moses die Hebräer als sein Volk wählt und sie aus Ägypten führt. Er erzählt auch von Moses' Vater, der seinen Sohn unterstützt. Aber der Haken an der Sache ist, dass Moses an diesen gefundenen einen Gott wirklich glaubt ...
Faszinierendes Stück Jugendliteratur. Es sollte mehr davon geben.

L. Frank Baum: OZ, Complete Edition 8: Tik-Tok of Oz (e)
Achter Band der Abenteuer aus Oz, die der Verfasser ja eigentlich schon mit Band sechs beenden wollte. Diesmal gibt es eine neue Heldin aus der Menschenwelt, die in Oz ankommt. Statt um Dorothy dreht es sich diesmal um die junge Betsy Bobbin, die aufgrund eines Unwetters zusammen mit ihrem treuen Maultier Hank an der Küste des Zauberlands angespült wird. Aucht Tik-Tok, der Kupfermann spielt eine gewisse Rolle, aber warum er Titelheld dieses Buchs wurde, bleibt mir schleierhaft.
Das Buch hebt an mit einem ganz anderen Handlungsstrang: Königin Ann aus Oz' Nachbarland Oogaboo will Oz erobern und stellt eine Armee auf. Das ist recht lustig, da sie für jeden Armee-Angehörigen einen prunkvollen Dienstrang vergibt und am Ende 16 Leiterlinge hat, aber nur einen einzigen Soldaten. Der wollte allerdings unbedingt normaler Soldat sein, weil er Heldentaten vollbringen möchte und nicht bloß hinten stehen und rumkommandieren. Glinda erfährt jedoch rechtzeitig von den Angriffsplänen und verzaubert den Weg, sodass die Truppe sich verläuft und in einem einsamen, feuchtkalten Nebelland ankommt.
Betsy und Hank sind derweil in einem Land gestrandet, in dem Rosen leben. Es sind ziemlich feindselige Pflanzen, die von den Fremden nicht viel halten und die Besucher aus dem Land vertreiben bzw. töten wollen. Das ist Aufgabe des einzigen Menschen in diesem Land, des Gärtners. Doch als er das Urteil der Rosen gerade vollstrecken will, plumpst plötzlich der Shaggy Man ins Rosenland, dorthin gezaubert durch Ozmas Zaubergürtel. Der Shaggy Man ist auf der Suche nach seinem Bruder, der vermutlich Gefangener des Nomenkönigs ist.
Der aus der "Straße nach Oz" bekannte Herz-Magnet des Shaggy Man zeigt sofort Wirkung: Der Gärtner wendet ihm seine Sympathie zu, die Rosen jedoch, die keine Herzen haben, bleiben unbeeindruckt. Dorothy, Hank, der Shaggy Man und Ozga, die Rosenkönigin, die die Besucher abgepflückt haben, verlassen das Land. Kurz danach treffen sie Polychrome, die Tochter des Regenbogens, die sich mal wieder auf dem Erdboden verirrt hat und nun warten muss, bis sie ihren Vater wieder am Himmel sieht, um heimzukommen. Außerdem finden sie in einem Brunnen Tik-Tok, den der Nomenkönig dort hinein geworfen hat. Sie holen ihn aus dem Loch, ziehen ihn auf, und der Maschinen-Man ist sofort wieder denk, sprech- und kampffähig wie zuvor. Wenig später begegnen sie Königin Ann und ihrer Armee. Die Königin befiehlt, dass sie alle gefangen und gebunden werden sollen. Aber der ehrenhafte Soldat weigert sich standhaft, Mädchen zu fesseln, und quittiert den Dienst.
Im Gespräch mit der Gruppe erfährt die Königin vom reichen unterirdischen Reich des Nomenkönigs und beschließt, dass es sinnvoller sei, dieses Land zu erobern, als Oz zu unterwerfen. Tik-Tok stellt sich ihr als neuer Soldat zur Verfügung.
Der Nomenkönig erfährt vom Herannahen der Gruppe. Er ist inzwischen geheilt vom Vergessenstrank, den er im 6. Band geschluckt hat. Um die lästigen Eindringlinge loszuwerden, sorgt er dafür, dass sie sich in ein Gummiland verirren und dann durch einen Tunnel in ein anderes Land stürzten, wo der furchtbare Titti-Hoochoo regiert. Dieser hasst Eindringlinge und geht gewöhnlich ziemlich unliebenswürdig mit ihnen um. Was der Nomenköng allerdings nicht erwartet: Die Gruppe kann Titti-Hoochoo erklären, dass sie gar nicht freiwillig durch die Röhre plumpste und dass der Nomenkönig schuld daran ist. Titti-Hoochoo, der über Kräfte verfügt, die selbst dem Nomenknönig Angst machen, beschließt, diesen zu bestrafen, und schickt sie in Begleitung eines Drachen wieder nach oben. Der Drache trägt ein besonderes Halsband, das den Nomenkönig, sowie er seiner ansichtig wird, seiner Zauberkräfte beraubt. Außerdem hat er sechs Eier bei sich, vor denen Nomen tödliche Angst haben (siehe Buch drei der Serie). Der Nomenkönig wird besiegt und aus dem Land verbannt, wobei die sechs Eier immer hinter ihm herrollen.
Der neue Nomenkönig zeigt der Gruppe, wo der Bruder des Shaggy Man zu finden ist. Er wird in einem unterirdischen Wald gefangen gehalten und ist obendrein noch mit dem Fluch der Hässlichkeit belegt. Nur ein Kuss kann diesen Bann brechen. Doch nicht jeder kann den richtigen Kuss geben. Als Betsy es versucht, passiert nichts. Auch Ozga als ehemaliges Feenwesen kann nichts ausrichten. Erst der Kuss der Regenbogentochter Polychrome löst den Zauber.
Inzwischen bittet der alte Nomenkönig um Gnade. Kein Nome kann außerhalb der Unterwelt glücklich leben. Er wird wieder eingelassen unter der Bedingung, dass er sich benimmt.
Zuletzt ist großes Nach-Hause-Gehen angesagt. Polychrome findet den Regenbogen. Die Oogaboo-Leute und die Ozianer werden per Wunschgürtel in die Smaradgdstadt geholt. Wobei auch Betsy Bobbin, Maultier Hank und der Bruder des Shaggy Man in Oz bleiben dürfen.
Es gibt ein großes Fest, und Betsy lernt Dorothy kennen und wird ihre Freundin.
In diesem Buch erklärt Baum auch endlich, warum alle Tiere in Oz sprechen können, nur Toto nicht. Es hatte wohl ziemlich viele Leserbriefe zu dem Thema gegeben. Jedenfalls stellt Dorothy sich die Frage jetzt auch, und Ozma meint nur lächelnd, warum sie denn glaube, dass Toto nicht sprechen könne. Toto lässt sich schließlich beknien, unter der Bedingung, dass sie ihn danach nie wieder zum Sprechen auffordere, und erklärt in fließendem Menschisch, natürlich könne er sprechen, er habe bloß keine Lust dazu, und es sei ihm zu blöde. Und dann bellt und knurt er weiter. Alles Hundebrauch.
Insgesamt ein ziemlich durchschnittliches Buch. Einiges Hin und Her, seltsame Geschöpfe, bekannte Gesichter, und zum Schluss wird der Wunschgürtel eingesetzt. Kann man lesen, muss man aber nicht.


Diana Menschig: Jaspers Reise zur Erkenntnis. Eine Herbstlande-Novelle

Enid Blyton: Fünf Freunde erforschen die Schatzinsel
Letztes Jahr hatte ich ja die Abenteuer-Serie durchgekaut. Da war es jetzt einfach Zeit, sich auch mal Enid Blytons größtem Klassiker zu widmen: Den fünf Freunden. Vorweg: Ich habe die Serie als Kind nicht gemocht, weil ich massive Vorbehalte gegenüber George hatte. Das Mädchen, das ein Junge sein wollte, hat mich immer wieder verärgert, weil die Message, die bei mir ankam, lautete: Es ist nicht in Ordnung, ein Mädchen zu sein. Ganz ehrlich: Ich bin als Kind auf Bäume geklettert, habe mich im Wald herumgetrieben, hatte immer mein Taschenmesser in der Hose, aufgeschlagene Knie, trug unaufwändige, leicht zu reinigende Kleidung, fiel alle Nase lang in unseren Dorfbach und kam mit triefenden, schlammverschmierten Klamotten nach Hause, habe auch schon mal zugehauen, wenn mich jemand angriff ... Aber ich hatte nie das Bedürfnis, ein Junge zu sein, das alles kann man als Mädchen schließlich genau so. Da muss man nicht so tun, als seien Jungs irgendwelche höheren Wesen. Also, kurz und gut: Ich fühlte mich von George massiv beleidigt. Zumal dieses quietschige Furchtmädel Anne als weibliches Rollenmodell ja nun wirklich zu nichts etwas taugt.
Naja, abgesehen davon muss ich zugeben, dass mich jetzt beim (Wieder-)Lesen die Serie nachhaltig beeindruckt hat, auch und gerade durch die doch sehr ausgefeilte Charakterzeichnung Georges. Mein vorläufiges Zwischenfazit ist, dass die Serie tatsächlich Blytons beste ist.
Da ich einen leichten Vollständigkeitskomplex habe, habe ich mir gleich die Gesamtausgabe zugelegt: Eine schöne Sammeledition mit elf Bänden im Schmuckschuber, darin enthalten sind 21 Romane und acht Kurzgeschichten, zum Gesamtpreis von 49,99 Euro, ein absolutes Schnäppchen also. Woran man sich gewöhnen muss, sind die Namen. Julian heißt in dieser Ausgabe Julius, George heißt Georg, Dick ist Richard, Timmy ist Tim. Bei Anne bin ich nicht ganz sicher, ob ich sie als Ann kennengeleint habe.
Das erste Abenteuer erzählt, wie die vier beziehungsweise fünf Freunde sich kennenlernten. Die Geschwister Julius, Richard und Anne werden von ihrer Mutter über die Ferien zu Verwandten ans Meer geschickt. Der wunderliche und hochgelehrte Onkel Quentin und seine Frau Fanny nehmen die drei auf. Die Tochter der beiden heißt Georgina und wird sofort fuchsteufelswild, als sie von den Neuankömmlingen mit diesem Namen angeredet wird. Georg erweist sich als tougher Freund, hat allerdings auch das explosive Temperament Quentins geerbt. Und sie besitzt drei faszinierende Dinge bzw. Lebewesen: eine Insel, die sie von ihrem Großvater geerbt hat, ein Boot, um zur Insel hinauszufahren, und den Mischlingshund Tim, den sie allerdings vor Quentin verstecken muss.
Langsam wächst die Freundschaft zwischen den Geschwistern und ihrer wilden Cousine. Schließlich nimmt George ihre Freunde mit auf ihre Insel. Im alten Piratenschiff entdecken sie eine geheime Karte und den Hinweis auf verstecktes Gold, das in der Burgruine zu finden sein soll. "Ingots" nannte Blyton das. Das musste ich erstmal googeln. Es heißt soviel wie Barren. Eine abenteuerliche Suche beginnt. Allerdings: Es stellt sich heraus, dass die Kinder die Insel nicht für sich allein haben ...

Enid Blyton: Fünf Freunde auf neuen Abenteuern
Die drei Geschwister Julius, Richard und Anne sind wieder zu Besuch bei ihrer Cousine George. Sie verbringen die Weihnachtsferien dort. Allerdings sind es keine reinen Ferien, denn da die beiden Jungen während der Schulzeit krank geworden sind, soll nun ein Hauslehrer sie unterrichten. Auch George, die ihr erstes Schulhalbjahr hinter sich hat und teilweise sehr schlechte Leistungen erbrachte, soll in den Genuss dieses Nachhilfeunterrichts kommen. Allerdings blockiert sie vollkommen, als der Lehrer sie als "Georgina" anredet. George ist bockig und redet nicht mit dem Lehrer. In der Folge wird George mehr und mehr isoliert und gequält. Ihr wunder Punkt ist ihre Sorge um Timmy, und durch diesen Hund wird sie erpressbar. Ihre Erziehungsberechtigten beschließen, dass Timmy so lange draußen in der Kälte bleiben muss, bis Georgina sich unterwirft. Der Hund geht beinahe an einer Lungenentzündung zugrunde, bis George sich überwindet und wieder am Unterricht teilnimmt. Enid Blyton exerziert hier den alten Autoren-Grundsatz durch: "Tu deiner Hauptfigur weh." Sie spannt dabei den Bogen, bis er fast bricht. Und erschwerend kommt noch hinzu, dass die anderen drei Kinder den Hauslehrer eigentlich ganz in Ordnung finden und sich von ihm einwickeln lassen. Da ist es am Ende außerordentlich befriedigend, wenn sich am Ende des Abenteuers, das natürlich wieder mit einem Geheimgang zu tun hat und mit aus Onkel Quentins Labor gestohlenen Papieren, herausstellt, dass der Mann ein Schurke ist. Da hatten Timmy und George, die ihn von Anfang an nicht leiden konnten, den absolut richtigen Riecher.

Hal Forster: Prinz Eisenherz. Band 1, Jahrgang 1937/38 (Bocola)
Das musste jetzt einfach mal sein. Prinz Eisenherz in der Bocola-Ausgabe, jeweils zwei Jahrgänge in einem Hardcover-Band. Ich bin damals in den 90ern irgendwann in der Carlsen-Ausgabe stecken geblieben. Mal sehen, wie weit ich diesmal kommen.
Die Ausgabe macht nicht nur optisch eine Menge her, sie bietet auch jeweils in den Einleitungen tolle Hintergrund-Informationen und Material zur Einordnung und Entstehung der Storys. Der erste Band erzählt von Eisenherz' Kindheit und Jugend in den Sumpflanden, der Hexe und ihrem Sohn, man erlebt die ersten Reitversuche des Prinzen (herrlich das Bild mit dem Sturz vom Pferd), dann erste Abenteuer am Artushof, die Freundschaft mit Gawain. Ich liebe ja die Geschichte, in der Eisenherz sich mit einer abgezogenen Entenhaut als Dämon verkleidet und eine ganze Raubritterburg in Angst und Schrecken versetzt. Und dann ist da noch die Entführung Ilenes, die großartige Zeichnung, auf der Eisenherz auf der Bordwand steht und die Laute schlägt. Das tragische Ende der ersten großen Liebe. Und natürlich das singende Schwert. Ein schönes Wiedersehen.

Enid Blyton: Fünf Freunde auf geheimnisvollen Spuren
Julian, Dick und Anne kommen in den Ferien erneut zu Besuch zu ihrer Cousine George. Doch die geplanten Ferien mit Ausflug zur Felseninsel fallen beinahe ins Wasser, als Tante Fanny erkrankt und ins Krankenhaus muss. Onkel Quentin reist ihr hinterher, um sie zu betreuen. Und die Kinder bleiben zurück unter Aufsicht der garstigen neuen Angestellten. Sie und ihr schrecklich unerzogener Sohn führen sich auf wie kleine Tyrannen, schikanieren die Kinder und versuchen obendrein auch noch Timmy zu vergiften. Da machen die Freunde kurzen Prozess, schnappen sich Georges Boot und einige Vorräte und hauen einfach ab. Es geht zur Felseninsel, wo sich die Kinder in ihrer Ruine einnisten. Allerdings: Es verdichten sich die Anzeichen, dass sie nicht allein auf der Insel sind. Und schließlich finden sie heraus, warum die böse Frau sie nicht zur Insel fahren lassen wollte. Ihr Mann hält hier ein Kind versteckt, das er entführt hat. Klarer Fall, dass die Freunde das Kind befreien und für die Verhaftung der sauberen Familie sorgen.

Enid Blyton: Fünf Freunde auf Schmugglerjagd
Die Freunde hatten sich so auf die gemeinsamen Osterferien gefreut. Aber dann fällt ein Baum auf das Haus von Onkel Quentin, Tante Fanny und George. Dort können sie nun nicht mehr bleiben. Aber ein Wissenschafts-Kollege von Onkel Quentin, dessen Sohn zugleich ein Schulfreund von Julian und Dick ist, bietet ihnen eine Unterkunft in einem unheimlichen Schloss im Moor, das einst ein Schmugglerzentrum gewesen sein soll. Dass der Wissenschaftler eingeschworener Hundefeind ist, macht die Sache nicht gerade einfacher, aber George schafft es, ihren Timmy mit einzuschmuggeln. Ein alter Geheimgang - Blytons Lieblingszutat zu ihren Abenteuerbüchern - eröffnet hier großartige Möglichkeiten. Und dann kommen die Kinder einer rätselhaften Sache auf der Spur. Jemand gibt vom Burgturm aus geheimnisvolle Signale ins Moor ab. Offenbar gibt es hier noch immer Schmuggler. Und Onkel Quentin, der einen großartigen Plan entworfen hat, wie man das Moor trockenlegen und nutzbar machen kann, kommt den Verbrechern in die Quere. Sie kidnappen ihn kurzerhand. Aber die Männer haben nicht mit dem Spürsinn der Kinder und vor allem Timmys gerechnet. Bei einer dramatischen Suchaktion und Begegnung in den Geheimgängen ist Timmy der Held des Tages. Doch dann gerät der Hund selbst in Gefahr ...


Hal Forster: Prinz Eisenherz. Band 2: Jahrgang 1939/40 (Bocola)
Ebenfalls optisch und inhaltlich sehr schön, versehen mit einem gehaltvollen Vorwort. Es geht um den Kampf gegen die Hunnen und den eindrucksvollen Fall der Festung Camorans, wir lernen den flinken kleinen Ganoven Flitz kennen, den grausamen Tyrannen Piscaro, den finsteren Kalla Khan und die schöne Hulta, schließlich ist da noch ein vermeintlich böser Riese, der um sich her ein Paradies für Arme geschaffen hat. Das Album berichtet auch, wie Eisenherz seine besondere Stahlkette bekam, neben dem singenden Schwert sein wichtigstes Ausrüstungsstück. Außerdem hat dieser Doppeljahrgang eindrucksvolle Bilder des Vesuv zu bieten.


Enid Blyton: Fünf Freunde beim Wanderzirkus
Einen kleinen Kulturschock habe ich doch bekommen, als ich von "Wohnwagen" gelesen habe und dann feststellte, dass es möglich ist, sie von Pferden ziehen zu lassen. Campingfahrten in mobilen Häuschen sind also keine Erfindung des Automobilzeitalters. Wieder was dazugelernt.
Diesmal sind die Freunde in den Ferien nicht bei George, sondern im zu Hause von Julian, Dick und Anne. Als ein Wanderzirkus durch die Stadt kommt, freunden sie sich mit einem Zirkusjungen namens Nobby an, der mit seinem zahmen Schimpansen ebenso vertraut ist wie George mit ihrem Timmy. Der Anblick der Zirkuswagen inspiriert George zu der Idee, man könnte doch mal mit solchen Wagen eine Ferientour machen. Die Kinder erhalten die Erlaubnis dazu, und die Eltern von Julian, Dick und Anne, mieten für die Kinder zwei Pferde und zwei Wagen. Sie fahren durch die Landschaft, lassen sich an einem schönen See nieder, wo sie auch die Zirkusleute und ihren Freund Nobby wiedertreffen. Nobby ist ein Waisenkind, und sein Vormund ist ein ziemlich übel gelaunter aggressiver Mistkerl, der die Kinder vom Zirkusgelände vertreibt. Eigentlich will er sie auch ganz des Ortes verweisen, aber die Kinder bleiben in der Nähe. Dass sie Nobbys Vormund damit ganz gehörig in die Quere kommen, merken sie erst später. Denn einer der beiden Wohnwagen parkt genau über den versteckten Eingang zu einer Höhle, in der Nobbys Vormund das Diebesgut versteckt, das er während der Touren des Zirkus zusammenklaut. Die Kinder und Nobby kommen dem Dieb auf die Spur. Am Ende wird der Mann verhaftet, und Nobby findet gute Adoptiveltern.



März

Christel Scheja und Uta Hesse: Im Bann der Wilden Jagd

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann
Ein absolut liebenswertes, zauberhaftes Buch, das von einer vollkommen absurden Idee ausgeht: Immer, wenn die alte Selma von einem Okapi träumt, stirbt innerhalb des nächsten Tages ein Mensch aus dem Dorf. Jetzt hat sie erneut diesen Traum. Und obwohl es eigentlich niemand weitersagen soll, verbreitet sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. Alle haben Angst, nur einer wartet schon lange auf den Tod, doch gerade ihn trifft es nicht. Dazwischen: Eine junge Frau, Selmas Enkelin, die sich in einen buddhistischen Mönch verliebt, der auf dem Weg nach Japan ist. Ihr Vater, der in der Welt herumreist und seiner Familie einen Husky hinterlässt. Ein älterer Herr, der es seit Jahrzehnten nicht über sich bringt, einer Frau seine Liebe zu gestehen. Ein Sägeattentat auf den Hochsitz eines aggressiven Nachbarn - samt Rettungsaktion mit Klebstoff und Nägeln. Es ist zart, phantastisch, philosophisch, irre und zauberhaft zugleich und in einem wunderschönen Sprachrhythmus geschrieben. Und dann sieht der weltreisende Vater tatsächlich ein echtes Okapi ...

Hal Forster: Prinz Eisenherz. Band 3: Jahrgang 1941/42 (Bocola)
Der dritte Doppelband der Prinz-Eisenherz-Abenteuer. Erneut opulent ausgestattet, mit Bildern zum Träumen und einem gehaltvollen Vorwort. Dieser Band bietet nicht nur die erste Begegnung mit Eisenherz' Geliebter Aleta, der Königin der Nebelinseln, sondern auch eine Feier seines 18. Geburtstags. An Bildern ist mir vor allem der beeindruckende Riesenkrake im Brunnen in Erinnerung geblieben und die Flucht der schönen Prinzessin Melodia mit dem schlanken Kapitän Hektor in Eisenherz' Boot. Und dann natürlich die afrikanischen Abenteuer: Die Begegnung mit dem Gorilla und dem Elefanten war schon überwältigend. Ich glaube, zu der Zeit hatte ich in meiner Jugend auch das Jugurtha-Album mit der Afrika-Fahrt auf Hannos Spuren gelesen, das passte sehr gut zusammen. Außerdem fällt ein kleiner Schatten auf die Freundschaft zwischen Eisenherz und Gawain. Weil Gawain noch ein bisschen länger feiern und turteln will, bricht Eisenherz allein zum Kundschaftergang auf. Er soll überprüfen, ob der alte Römerwall im Norden noch in Ordnung ist und zur Verteidigung gegen die Feinde Englands taugt. Eisenherz begegnet dem römischen Soldaten Julian, der hier treulich Wacht hält, bricht dann in abenteuerlicher Verkleidung nach Norden auf und wird prompt von einer Schar Pikten gefangen und grausam gefoltert. Schließlich taucht der verspätete Gawain sehr zerknirscht auf und setzt alles daran, seinen Freund zu retten.

Enid Blyton: Fünf Freunde auf der Felseninsel
Ein neues Abenteuer auf Georges Insel. Allerdings sieht es zuerst so aus, als ob die fünf Freunde die Insel in diesen Ferien gar nicht nutzen können. Denn Georges Vater, Onkel Quentin, will dort an einem Konzept für eine Art neue Energieform forschen. George stimmt schließlich zu, ihm die Insel zu leihen. Die Kinder bringen ihm mit Georges Boot auch regelmäßig Nahrungsmittel rüber. Aber Georges Vater ist ein wichtiger, berühmter Mann, und seine Erfindung weckt Begehrlichkeiten. Eines Tages gibt er die vereinbarten Zeichen vom Turm der Ruine aus nicht mehr, die zeigen sollen, dass alles in Ordnung ist. Kein Wunder, denn er wurde von Verbrechern gefangen. Aber die Schurken haben ihre Rechnung ohne die fünf Freunde gemacht. Zumal diese ja sehr erfahren im Benutzen der Geheimgänge sind. Die Geschichte vom Geheimgang, in dem Timmy seine Heldentaten vollbringt und Quentin rettet, ist nicht neu und erinnert an die Schmugglergeschichte und das Moor. Auch, dass die Kinder sich mit dem Mündel eines der Verbrecher anfreunden, diesmal ist es der kunstbegeisterte Martin, haben wir so ähnlich schon schon beim Campingwagen-Abenteuer gelesen. Martin kann nach der Verhaftung seines Vormunds dann eine Kunstschule besuchen. So steuert alles auf ein Happy End zu.

L. Frank Baum: OZ, Complete Edition 9: The Scarecrow of Oz (e)
Zunächst auch hier der Hinweis: Die im Titel genannte Vogelscheuche taucht zwar auf, aber eigentlich hat sie nur eine Nebenrolle. Wie bei "Tik-Tok of Oz" ist der Titel also irreführend. Die Heldin des Buchs ist erneut ein junges Mädchen aus der Menschenwelt, nach Dorothy und Betsy nun also die dritte. Das Mädchen Trot ist aber etwas handfester als Betsy und nicht so farblos wie sie. Außerdem hat sie bereits in anderen Büchern Baums mitgespielt, bevor er auf die Idee kam, sie nach Oz zu versetzen. Aus dieser Zeit kennt sie auch Buttonbright, den sie in Oz wiedertrifft.
Trot ist zusammen mit ihrem Freund, dem einbeinigen Seemann Capt'n Bill in einem kleinen Boot unterwegs, als sie von einem Unwetter gepackt, unter Wasser gerissen, dann aber von einigen ihnen aus einem anderen Abenteuer bekannten Meermädchen, die sonst im Buch nicht weiter vorkommen, gerettet und in eine unterseeische Höhle gebracht werden. Hier begegnen sie einem Wesen, das sich gleichfalls verirrt hat: Es ist ein Ork. Und wer jetzt Bilder von Tolkiens Orks vor Augen hat, kann gar nicht falscher liegen. Baums Ork ist eine Art nackter, vierfüßiger Vogel mit einem kräftigen Propeller als Schwanz, sehr selbstbewusst und von seiner Großartigkeit überzeugt, aber sonst ein guter Freund und Wegbegleiter. Trot, Bill und der Ork wandern durch die Höhle und versuchen einen Ausgang zu finden. Sie erreichen zunächst eine Insel, auf der ein ziemlich übel gelaunter Mensch wohnt. Außerdem finden sie hier magische Beeren, mit deren Hilfe sie, ähnlich wie in Alices Wunderland, ihre Größer verändern können. Dank dieser Beeren schrumpfen Trot und Bill, und der Ork kann sie übers Meer tragen. So gelangen sie ins Land Mo. In Mo regnet es Limonade und schneit Popcorn, außerdem finden sie hier Buttonbright, der mal wieder verloren gegangen ist. Während der Ork allein weiterfliegt, vergrößern die Menschen zwei Vögel mit deren Einverständnis mithilfe von Zauberbeeren und lassen sich von ihnen nach Oz bringen. Sie landen jedoch nicht direkt in Oz, sondern in Jinxland, das zwar irgendwie dazugehört, aber durch eine Bergkette von Oz getrennt ist. Hier herrscht zurzeit ein Premierminister, der den König entmachtet hat und nun dessen Tochter Gloria mit einem reichen Bürger verheiraten will. Die Prinzessin aber liebt den Gärtnerburschen Pon. Um ihr diese Liebe auszutreiben engagieren sie eine Hexe, die Glorias Herz einfrieren soll. Dabei kommt ihr Capt'n Bill in die Quere, wird in einen Grashüpfer mit Holzbein verwandelt, dann vereist die Hexe Glorias Herz. Allerdings geht der Plan des üblen Duos nicht auf, denn mit ihrem Eisherz kann sie auch den bösen Bürger nicht lieben.
Dies bekommt die gute Hexe Glinda mit, als sie in ihrem Zauberbuch liest. Sie entsendet die Vogelscheuche, um die Sache wieder in Ordnung zu bringen. Es gibt etwas Hin und Her, bei dem die Vogelscheuche überwältigt und verbrannt werden soll, doch dann kehrt der Ork, der zwischenzeitlich in sein Heimatland zurückgefunden hat, mit einem großen Schwarm seiner Artgenossen zurück und startet einen Luftangriff. Die böse Hexe wird durch einen Schrumpfzauber gezwungen, ihre Zauber wieder rückgängig zu machen. Bill wird wieder zum Menschen, Gloria kann wieder lieben, sie wird Herrscherin von Jinxland und heiratet Pon. Und Trot, Bill und Buttonbright gehen mit der Vogelscheuche nach Oz, wo es ein großes Fest gibt. Trot und Bill dürfen in Oz bleiben.
Nicht gerade ganz großes Kino. Aber ich mag Trot, sie gefällt mir wesentlich besser als Betsy. Auch Capt'n Bill und der Ork sind liebenswerte Charaktere. Und das Wiedersehen mit Buttonbright war schön. Ich mag ihn einfach.

Enid Blyton: Fünf Freunde im Zeltlager
Diesmal sind die fünf Freunde mit ihren Zelten unterwegs. Damit jemand auf die Kinder aufpasst, begleitet ein Lehrer von Julians und Dicks Schule die Gruppe. Komisch, mit den beiden Campingwagen durften die Kinder allein auf Tour gehen. Aber egal. Der Lehrer ist ein Insektenliebhaber und die meiste Zeit beschäftigt, hinter irgendwelchen Schmetterlingen herzulaufen, so kommt er den Kindern nicht weiter in die Quere. Obendrein ist er schwer in Ordnung - für einen Erwachsenen.
Die Gruppe schlägt ihre Zelte in der Nähe einer Farm auf. Hier können sie nicht nur Nahrungsmittel kaufen, sondern sie finden sogar einen Freund, nämlich den Sohn der Bäuerin. Sein Stiefvater allerdings ist ein echtes Arschloch, quält den Jungen, herrscht als absoluter Tyrann über den Hof, wenn er denn zu Hause ist, und will auch die Kinder vertreiben. Vor allem, als die Freunde beginnen, nach den geheimnisvollen "Geisterzügen" zu fragen, wir er extrem aggressiv.
Die Geisterzüge. Da sind offenbar Züge, die fahren auf einer Seite des Berges in einen Tunnel hinein, kommen aber auf der anderen nicht wieder heraus. Ein Geheimnis, das die Fünf natürlich aufklären müssen.
Besonders eindrucksvoll und unvergesslich: Die Szene, in der ein Zug genau unter dem Berg durchfährt, auf dem die ahnunghslosen Freunde gerade sitzen. Der Boden bebt, Rauch steigt aus dem Boden auf. Und die sonst so mutige George bricht in Panik aus, wqeil sie denkt, sie sitzen auf einem Vulkan, der gleich Lava spucken wird. Ausgerechnet die Schisshäsin Anne bleibt vollkommen cool und gelassen. Klar. Wie der Leser weiß, hatte sie ihre erste Begegnung mit diesem "Vulkan" schon vorher. Da hatte sie die Panikattacke und glaubte an den Vulkan, wurde dann aber aufgeklärt ... Ein klassisches Abenteuer mit Geheimgängen, getarnten Tunneln mit künstlichen Felswänden, Gefangennahme und Befreiung, nächtlichen Kundschaftergängen und am Ende der Verhaftung des Bauernhof-Tyrannen, woraufhin sein Stiefsohn glücklich aufatmen kann.

Birk Meinhardt: Wie ich meine Zeitung verlor
Erschütterndes Buch über den NIedergang einer Zeitung vom ehemaligen Leitmedium bis zum "Gesinnungsblatt". Birk Meinhardt, einstige Edelfeder des Blattes erkennt nach und nach Muster aus seiner DDR-Vergangenheit wieder. Es geht ganz langsam, scheibchenweise. Anfangs sind es Kleinigkeiten, die irgendwie nicht stimmen. Etwa, dass er gefragt wird, ob ein kritischer Leserbrief zu seinem Artikel abgedruckt werden soll. Ja, natürlich, sagt der Journalsit. Und erfährt dann, dass ein Kollege in einem anderen Fall dem Abdruck nicht zugestimmt hat. Dann sind da Artikel, die nicht gedruckt werden, weil die Ergebnisse, obwohl korrekt recherchiert, einfach nicht zur Politik des Hause passen. Etwa die Geschichte eines vorverurteilten Rechtsradikalen, der abe rin der Angelegenheit völlig unschuldig war. Immer wieder werden Artikel unterdrückt. Schließlich kündigt der Autor. An Ende nimmt er dann doch das güpnstige Probeabo seines Blattes an. Nein, nicht, weil er die Texte lesenswert findet. Sondern, weil er sie lesen will, "um zu verachten". Leider kein fiktiver Roman. Ein Buch, das weh tut.

Enid Blyton: Fünf Freunde geraten in Schwierigkeiten
Erneut begeben sich die fünf Freunde auf Campingtour, diesmal aber ohne einen beaufsichtigenden Erwachsenen. Sie fahren mit ihren Fahrrädern durch die Lande, als sie einem Jungen begegnen. Der Fremde heißt Richard - wie auch der Bruder von Julian und Anne, der aber Dick genannt wird. Richard würde die Freunde gern begleiten, und sie lassen sich breitschlagen, ihn mitzunehmen. Er will nur seine Mutter um Erlaubnis fragen. Als er diese nicht antrifft, kehrt er zu den Freunden zurück und lügt sie an: Er behauptet, dass sie ihm den Ausflug erlaubt hat. Zusammen radeln sie weiter.
Später will er im Haus seiner Tante übernachten, doch dann wird er von einem Auto verfolgt. Die Männer wollen ihn kidnappen, da sein Vater sehr reich ist, Den Tipp haben sie von einem ehemaligen Leibwächter, de rfür die Familie gearbeitet hat, aber entlassen wurde, weil Richard Lügengeschichten über ihn erzählt hat. Es kommt dann jedoch zu einer folgenschweren Verwechslung: Die Kidnapper, die Richard nicht persönlich kennen, entführen versehentlich Dick. Nach einigem Hin und Her können die Freunde Dick in einem abgelegenen Haus aufspüren, das allerdings von einem hohen Zaun umgeben ist. Richard wird ihnen im Verlauf des Abenteuers immer unsympathischer, er ist feige, eine Memme und lügt wie gedruckt. Sie nutzten die Gelegenheit, als ein Auto durch das Tor fährt, doch dann schließt sich das Tor, und sie sitzen auf dem Grundstück in der Falle. Ein Versuch, Dick zu befreien, gelingt fast, doch dann werden die Freunde geschnappt. Schließlich bekommen sie sogar mit, dass nicht Dick, sondern Richard derjenige ist, den sie suchen. Am Ende erweist sich Richard dann aber doch als mutiger Junge und guter Freund. Er überwindet seine Angst und versteckt sich im Kofferraum eines Autos, das kurz danach das Grundstück verlässt. Nach draußen gelangt, sucht er eine Polizeidienstzstelle auf, berichtet von seinem Abenteuer und lotst die Beamten in das abgelegene Haus. Happy End mit mehreren Verhaftungen. Und Richard ist endlich anerkannt als Freund.

Julie Bender: Der Schatz des Arabers

Pia Tafdrup: Tarkowskis Pferde



Hörspiel

Sandra Pfitzner: Abenteuer und Wissen: Sophie Scholl

Oliver Weckauf und Tanja Bruns: Harzliche Geschichten
Oliver Weckauf und Tanja Bruns: Confused, Teil 1
Oliver Weckauf ist ein Hörspielmacher aus Hahnenklee. Ich lernte ihn kennen, als er für seine Zivilocourage ausgezeichnedt wurde, da er einen betrunkenen Messerstecher entwaffnet und das Opfer erstversorgt hat. Über ihn und sein Studio habe ich in der Goslarschen Zeitung berichtet.

Sandra Pfitzner: Abenteuer und Wissen: Maria Sibylla Merian. Expedition zu den Schmetterlingen


Weitere Jahresrückblicke:
Jahresrückblick II: April bis Juni 2021
Jahresrückblick III: Juli bis September 2021
Jahresrückblick IV: Oktober bis Mitte November 2021
Jahresrückblick V: Mitte November bis Dezember 2021

© Petra Hartmann


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Jahresrückblick V: Dezember 2020

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 01 January 2021 · 677 Aufrufe
Jahresrückblick
Der fünfte und letzte Teil meines Lese-Rückblicks auf 2020. Offenbar hat der November mein Blog gesprengt, sodass ich hier den letzten Monat separat abfeiern muss. Dafür wird es jetzt kurz. Etwas SF und Phantastik, ein weiterer Oz-Band und etwas zur Aufklärung und Haskala, das wars dann mit dem alten Jahr. Fürs neue habe ich schon ein paar Lesungen geplant, auch soll demnächst eine Kurzgeschichte von mir erscheinen. Wir sehen uns wieder, sobald Corona es zulässt. Und wenn die Seuche noch weiter wütet, bleibt uns immer noch das Lesen. Alles Gute für dieses neue Jahr 2021.

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.


Dezember

Rund um die Welt in mehr als 80 SF-Geschichten
Engagiertes Projekt des Verlags Saphir im Stahl. Die im Titel angesprochene, von Jules Verne inspirierte Zahl 80 wurde allerdings durch die zur Verfügung gestellten internationalen SF-Storys bei weitem übertroffen. Es wurden 93 Geschichten von 93 Autoren aus 41 Ländern. Eine stattliche Sammlung. Und natürlich ist jede einzelne Geschichte auf ihre Art schön.
Meine absoluten Lieblinge waren vier Storys.
Da ist zunächst "Bevillinger" von Flemming R. P. Rasch aus Dänemark. Es handelt sich um eine Wissenschafts- und Bürokratie-Persiflage, eine sehr schöne Satire auf die Vorschriften zur Beantragung von Fördergeldern. Ein Wissenschaftler hat eine bahnbrechende Idee, schafft es aber leider nicht, den entsprechenden Förderantrag korrekt auszufüllen. Daher beantragt er für sein Institut die Einstellung einer Fachkraft, die sich um Antragssachen kümmert. Doch der Apparat legt ihm einen Stein nach dem anderen in den Weg. Auch sein Versuch, bei einem Institut in der freien Wirtschaft unterzukommen, wird blockiert, da die Beamten Rechte an seiner von ihnen verhinderten Idee geltend machen wollen. Am Ende ist durch das entstandene bürokratische System jede Wissenschaft und Forschung unmöglich geworden.
Weiterhin beeindruckt hat mich die Geschichte "Licht" von Ghassan Homsi aus Syrien. Es geht um Solartechnik. In der Wüste sind riesige Anlagen des Unternehmens Desertec für die Erzeugung von Sonnenergie entstanden, doch aufgrund von Verträgen fließt der Strom nur an bestimmte Länder, vor allem in Europa, während die Anwohner leer ausgehen. Doch dann schließen sich die Staaten des nahen Ostens zusammen, Araber und Israelis, friedlich vereint, stemmen ein Großprojekt zum Einfangen des Sonnenlichts bereits im Weltall. Und sie können das Licht von den Desertec-Stationen abfangen. Der milliardenschwere Konzern guckt in die Röhre. Schön und gerecht.
"Linber" von Galit Dahan Carlibach aus Israel ist eine berührende, in eingängigem, beinahe lyrischem Rhythmus geschriebene Geschichte, die in Berlin spielt und sich mit dem Holocaust beschäftigt, mit den dortigen Stolpersteinen und der Judenvernichtung in der Nazizeit, die sowohl von vielen heutigen Deutschen, als auch von afrikanisch-stämmigen Juden verdrängt beziehungsweise als nicht sie betreffend betrachtet wird. Doch in einer Nebelnacht in Berlin begegnet die Ich-Erzählerin den Geistern der Ermordeten und ihrer eigenen Identität. Nicht unbedingt etwas, das ich als Science Ficition bezeichnen würde, aber einfach eine sehr gute Geschichte.
Viertens schließlich möchte ich die Geschichte "Unterstadt" von Maria Eijo López aus Spanien hervorheben. Es ist eine sehr harte, böse Geschichte über ein Geschwisterpaar und mehrere andere Bewohner der Unterstadt, die in den falschen Zug steigen und umkommen, weil sie die Durchsage auf Neu-Esperanto nicht verstehen. Eine Säuberungsaktion, mit der sich die Herren aus der Oberschicht der ungebildeten Bewohner der ärmeren Stadtviertel entledigen wollen. Sehr böse.

Uta Lohmann: Haskala und allgemeine Menschenbildung
Eine sehr gute und umfangreiche Darstellung der Freundschaft und Zusammenarbeit von David Friedländer und Wilhelm von Humboldt. Eine Freundschaft, die über Religions- und Altersgrenzen hinweg trägt und sich in einem bildungspolitischen Dialog und gegenseitiger Inspiration zeigt. Beim Stichwort Freundschaft zwischen jüdischen und christlichen Philosophen fallen einem ja immer zuerst Lessing und Mendelssohn ein, aber das, was hier in der darauf folgenden Generation entstanden ist, hat mindestens die gleiche Qualität. Ein Austausch zweier sehr kluger Menschen, die sich im Bereich der Bildungspolitik engagieren, immer auf Augenhöhe und sehr offen für andere Kulturen und Perspektiven. Humboldt ging in die Geschichte ein als großer Bildungsreformer und Schöpfer des humanistischen Gymnasiums. Friedländer kämpfte für die Gleichberechtigung der Juden, für ein Bildungsprogramm und die Gründung einer Schule. Beide zusammen traten ein für Freiheit und Menschenwürde und eine offene, freie Menschenbildung jenseits aller Schranken der Herkunft und Konfession.

David Friedländer, der Ältere, war ursprünglich eine Art Mentor und väterlicher Freund Wilhelms und auch Alexanders, des jüngeren der Humboldt-Brüder. Beide gingen in ihrer Jugend sehr offen auf jüdische Zeitgenossen zu, diskutierten in den Salons jüdischer Gastgeberinnen jenseits aller Standesschranken mit Intellektuellen und Künstlern und lernten Hebräisch. Sprachstudien, die in Wilhelms sprachphilosophischem Werk eine herausragende Stellung hatten, neben Latein und Griechisch ein wichtiger Pfeiler in dessen Philosophie. Und als die Finanzierung von Alexanders Forschungsreise nach Südamerika auf der Kippe steht, ist es Friedländer, der dem Freund mit Geld und Kontakten beispringt und das Auslaufen möglich macht.
Uta Lohmann stellt die bildungspolitischen und sprachphilosophischen Positionen beider Denker dar und arbeitet unter anderem sehr schön heraus, dass vieles, was Friedländer anlässlich seiner Übersetzungsarbeit und der Thora-Übersetzung Mendelssohns als Grundsätze entwickelt hat, in die sprachphilosophischen Aufsätze Humboldts mit eingeflossen ist. Gerade beim Nachspüren von Wortbedeutungen und bei Gedanken über das Wesen von Sprachen und Möglichkeiten der Übertragung sind Humboldt und Friedländer sehr dicht beieinander. Und auch Humboldts bildungspolitische Arbeit wäre ohne den Austausch mit Friedländer sicher sehr anders ausgefallen. Auch in der Übersetzungsarbeit selbst berühren sich die Gedankenwelten und Problemkreise der beiden. Humboldt, der über 20 Jahre an der Übersetzung des aischyleischen Agamemnon arbeitete, und Friedländer, der rund 30 Jahre mit der Übersetzung des Jesaja rang, den Hiob übersetzte und eine Übersetzung des jüdischen Gebetbuchs veröffentlichte, haben sehr ähnliche Gedanken und Ideale bei der Übertragung von einer Sprache in die andere.

Die Grundsätze "Wir wollen ... gute und moralische Menschen bilden" oder "Nach Wahrheit forschen, Schönheit lieben, das Gute wollen, das Beste tun" ziehen sich leitmotivisch durch die politische und reformatorische Arbeit beider Männer hindurch, und es ist sehr erhellend, Humboldts Positionen einmal vor dem Hintergrund der Bildungsdiskussion der Haskala (etwa der Wessely-Debatte) zu betrachten.
Uta Lohmann stellt die Wechselwirkungen zwischen jüdischer Aufklärung und neuhumanistischer Bildungstheorie ausführlich und gut nachvollziehbar dar. Der Band enthält auch den Briefwechsel Humboldts mit Friedländer, so weit erhalten, sowie weitere Schreiben von und an Friedländer und seine Familie, außerdem Briefe Alexanders von Humboldt, dazu Textanalysen, Faksimiles und Bildmaterial. Eine sehr schöne, gediegene Ausgabe, die mir sehr gefallen und beim Lesen sehr viel Spaß gemacht hat. Schön, wenn man seinen alten Freund Wilhelm von Humboldt nach so vielen Jahren mal von einer noch neuen Seite vorgestellt bekommt und wieder einmal feststellen kann, dass er auch dort ein sehr anständiger und kluger Mensch war. Gut so.


Wenn die Welt klein wird und bedrohlich. Schreiben aus der Corona-Isolation
Anthologie, in der ich selbst mit einem Text vertreten bin, daher hier keine Bewertung. Wir waren 30 Autoren und haben den ersten Monat des ersten Lockdowns schreibend begleitet. Ich steuerte meine "Notizen aus der Lokalredaktion" bei.

L. Frank Baum: OZ, Complete Edition: 5: The Road to Oz (e)
Ein Landstreicher kommt an der Farm vorbei, auf der Dorothy zusammen mit ihrem Onkel und ihrer Tante lebt. Der Shaggy Man (Zottelmann) trägt nicht gerade vornehme Klamotten, aber er besitzt einen Herzmagneten, der ihm alle Menschen, denen er begegnet, sofort gewogen macht. Als er Dorothy nach dem Weg zu einem benachbarten Ort fragt, meint sie, es wäre einfacher, ihn dorthin zu begleiten. Doch Dorothy, Hund Toto und der Shaggy Man kommen nie dort an, obwohl sie sich auf der Straße eigentlich gar nicht verlaufen können.
Sie begegnen zunächst dem hübschen, aber ziemlich einfältigen jungen Buttonbright, der jede Frage mit "Don't know" beantwortet. Da der Junge nicht weiß, wo er zu Hause ist, beschließen Dorothy und der Shaggy Man, dass sie ihn nicht allein dort sitzen lassen können, und nehmen ihn mit.
Ihr Weg führt sie durch unbekannte Städte. Als sie in eine Stadt kommen, die von Füchsen bewohnt ist, hält der Fuchskönig Buttonbright aufgrund der ständigen Antwort "Don't know" für einen besonders klugen Menschen und zaubert ihm einen Fuchskopf. Buttonbright und seine Begleiter sind entsetzt, der Fuchskönig etwas betrübt, dass der Junge die große Ehre nicht zu würdigen weiß. Leider kann er das Geschenk nicht wieder wegzaubern, das könne nur der Brunnen der Wahrheit in Oz, sagt der Fuchs. Apropos Oz: Der Fuchs erzählt, dass Ozma, die Herrscherin von Oz, demnächst ihren Geburtstag feiert, und er hätte doch so gern eine Einladung ... Dorothy verspricht, dass sie Ozma bitten wird, den Fuchskönig einzuladen, sobald sie sie trifft. Die Wanderer haben jetzt also ein Ziel: Oz. Und Dorothy, die im Bereisen von Zauberländern erfahren ist, macht sich auch keine Sorgen.
Wenig später erreichen sie eine Stadt, die von Eseln bewohnt wird. Selbes Spielchen. Diesmal ist es der Shaggy Man, an dem der Eselskönig einen gewaltigen Narren gefressen hat. So ein höflicher Besucher wie der Shaggy Man ist doch wahrhaftig eines Eselskopfes würdig, meint das königliche Grautier. Ups. Nein, rückgängig machen kann eine solchen Zauber nur der Brunnen der Wahrheit in Oz. Apropos Oz, da ist ja bald diese Geburtstagsparty ...
Die Freunde wandern weiter und treffen ein wunderschönes Mädchen, das immer wieder zu tanzen anfängt, weil ihm so kalt ist. Es handelt sich um Polychroma, die Tochter des Regenbogens, die versehentlich vom Himmel fiel und nun nicht mehr zu ihrem Vater zurückfindet. Polychroma schließt sich der Gruppe an.
Eine weitere interessamte Begegnung haben sie mit einem "Musicker". Der Mann ist offenbar an Musik erkrankt, sein Körper macht bei jedem Atemzug musikalische Geräusche, zum Teil wunderschön, zum Teil aber auch extrem nervtötend, weil ja mit Geräusch verbunden. Auch der Musicker bittet um eine Einladung zu Ozmas Party.
Schließlich erreichen sie die tödliche Wüste, hinter der Oz liegt. Leider, wie gesagt, tödlich, also nicht so ohne weiteres zu überqueren. Doch der Shaggy Man hat einen Freund, den er offenbar in jeder Gefahrensituation anrufen kann: Johnny Dooit. Dieser seltsame, hilfreiche Deus ex Machina erscheint und zimmert für die Gruppe ein Sandsegelschiff, mit dem sie durch die Wüste fahren können. Den Dank dafür wartet Johnny Dooit gar nicht ab, er ist ein vielbeschäftigter Mann und verschwindet sofort. Und die Freunde segeln durch die Wüste. Das Schiff nimmt rasch Fahrt auf, es fährt schnell, aber mit dem Bremsen hapert es, so zerschellt es auf der anderen Seite an Klippen. Doch die Freunde sind in Oz. Und zwar genau am Brunnen der Wahrheit. Schnell baden Buttonbright und der Shaggy Man darin und erhalten ihre wahre Gestalt wieder.
Das war so ungefähr die erste Hälfte des Buchs. Die andere Hälfte besteht aus Besuchen bei Dorothys alten Freunden, Wiedersehensfreude, Erzählen, dann die Ankunft bei Ozma, Gespräche, Empfänge, Festessen, schöne neue Klamotten, wobei die für den Zottelmann zwar aus sauteuren Stoffen hergestellt werden, aber seinem persönlichen Stil folgend als Zottelklamotten gestaltet werden. Es gibt haufenweise Besucher, das Ganze liest sich wie eine endlose Folge von Namedroppings. So wird natürlich die ganze Königsfamilie von Ev bewirtet, jedes Volk, das in den vorigen Bänden irgendwann mal erwähnt wurde, ist hier vertreten. Hinzu kommen auch viele noch unbekannte Völker und Länder. Auch Johnny Dooit ist zu Gast. Der Fuchskönig und der Eselskönig sind da. Der Musicker erhielt keine Einladung, wegen des Krachs, den der Mann macht. Der verrückte Erfinder aus dem vorigen Band schenkt Ozma Knisterer für ihre Kleider usw usw usw.
Zum Glück taucht auch der Weihnachtsmann auf, der als Freund aller Kinder auch Buttonbright kennt und weiß, wo er zu Hause ist. Und auch wo sich Polychromas Vater gerade aufhält, wird nun klar.
Der Zauberer von Oz führt seine neue Luftblasenmaschine vor. Die Riesenblasen sind stabil und lassen sich steuern, sodass alle Gäste, einschließlich Buttonbrights, mit ihnen nach Hause fliegen können. Einzig Dorothy will lieber mit dem Zaubergürtel Ozmas nach Hause geschickt werden. Alle wieder daheim. Ende gut, alles gut.
Die erste Hälfte fand ich ganz nett, allerdings war es wieder ein stereotypes Wiederholen von üblichen Reisegeschichten in und nach Oz. Immer wieder neue seltsame Leute, die sich ihnen anschließen oder ihnen Köpfe aufsetzen, und alles soll sich, wie gehabt, in Oz lösen. Das kennt man aus Teil 1, 2 und 4. Die zweite Hälfte war einfach nur fad, da wurden nur endlos lang Leute aufgezählt, Klamotten und Festessen beschrieben, Wiedersehensfeiern mit alten Freunden gefeiert und alte Erinnerungen aufgewärmt. Verzichtbar.
Was mir aufgefallen ist: Bisher konnten alle Tiere, die Dorothy nach Oz mitbrachte, sprechen: Henne Billina, Kutschpferd Jim, Katze Eureka ... Nur Toto bleibt auch bei seinem zweiten Besuch in Oz stumm. Wieso?
Interessant ist auch, dass das Transsexualitätsthema fortgesetzt wurde. Beziehungsweise Wesen mit scheinbar männlichem Geschlecht werden als Frauen erkannt, während scheinbar weibliche Wesen plötzlich Männer sind. Billina, ehemals Bill, hat inzwischen zahlreiche Nachkommen. Alle ihre zehn Kinder nannte sie Dorothy. Allerdings musste sie dann drei von ihnen umtaufen, da sie sich als Gockel entpuppten, die heißen jetzt alle David, da sie unbedingt einen Namen mit D brauchten, weil Ozma ihnen ja jeweils ein Halsband mit einem D darauf geschenkt hatte ...


Heike Wüller: Christian Wilhelm von Dohm. Ein Mann der Aufklärung im preußischen Staatsdienst
Kleiner Nachklapp zu meinen Dohm-Studien im Frühjahr. Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um eine schmale 42-seitige Broschüre, Herausgegeben vom Landesverband Lippe und der Stadt Lemgo, Dohms Geburtsstadt. Das schlanke Bändchen bietet eine Überblick über Leben und Werk Dohms, ist reich bebildert und erschien in einer Reihe mit dem Titel "Lemgo.Persönlichkeiten". Sehr gute Einstiegslektüre, mit der Lemgo einen der bedeutenden Söhne der Stadt vorstellt. Inhaltlich aber nicht beschränkt auf sein Wirken in Lemgo und seinen Bezug zur Stadt, sondern eine Gesamtdarstellung. Kurz, knapp, handlich, hilfreich.


© Petra Hartmann


Weitere Jahresrückblicke:
Teil I: Januar bis März 2020
Teil II: April bis Juni 2020
Teil III: Juli bis September 2020
Teil IV: Oktober und November 2020
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Jahresrückblick, Teil IV: Oktober bis November 2020

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 31 December 2020 · 1172 Aufrufe
Jahresrückblick
Vierter Teil meines Jahresrückblicks auf 2020. Diesmal ausnahmsweise nicht der letzte. Da ich im November einen exzessiven Leseurlaub gefeiert und es dabei wohl etwas übertrieben habe, hat das vierte Quartal mein Blog gesprengt, und ich musste den Dezember in einem separaten Eintrag unterbringen.

Hier also meine Lesefrüchte der Monate Oktober und November. Diesmal sind eine Menge Kinderbuch-Klassiker und Abenteuer-Bücher dabei. Ich habe mich der Abenteuer-Serie von Enid Blyton gewidmet, mehrere Bände der Oz-Serie von L. Frank Baum gelesen, drei Taucher-Abenteuer im Mittelmeer von Nikolai von Michalewsky bestanden und mich mit Horatio Hornblower und der britischen Marine befasst. Dazu Science Fiction, düstere Phantastik, etwas Belletristik und ein paar weitere Werke zur Haskala. Schaut mal rein, ob etwas für euch dabei ist.



Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

Oktober


L. Frank Baum: OZ - The Complete Edition (e)
- Teil 2: The marvellous land of Oz
Kostenloses Kindle-eBook mit allen 14 Oz-Folgen, ein Schnäppchen. Ende September hatte ich den ersten Teil gelesen, ab Oktober ging es dann durch weitgehend unbekanntes Terrain. Okay, ich kannte den Disney-Film. Aber bislang dachte ich, der Film sei einfach die Umsetzung von Teil zwei. Weit gefehlt: Disney bastelte sich seinen Stoff aus Teil zwei und Teil drei zusammen. Aus Stücken, die gar nicht so richtig zusammen passen.
In Teil zwei geht es um Tipetarius, genannt Tip, einen Jungen, der im Dienst der Hexe Mombi steht. Um seine Herrin zu erschrecken und sich für die miese Behandlung zu rächen, baut er in ihrer Abwesenheit eine Horrorgestalt mit einem Kürbiskopf. Die Hexe erschreckt sich allerdings nicht. Im Gegenteil: Als sie nach Hause zurückkehrt, kommt ihr die Figur gerade recht als Versuchskaninchen. Sie hat nämlich von einem zwielichtigen Zauberer eine Dose Lebenspulver erworben. Damit bestreut sie den Kürbismenschen, und Jack Pumpkinhead wird lebendig. Die Hexe Mombi ist erfreut über ihr gelungenes Experiment, aber trotzdem sauer auf Tip. Sie beschließt, ihn für seinen Streich zu bestrafen und in eine Statue zu verzaubern. Tip haut aber rechtzeitig ab. Er nimmt Jack und die Dose mit dem Lebenspulver mit. Und da beide irgendwann nicht mehr laufen können, bestreut Tip ein "Säge-Pferd" (wir würden sagen: Sägebock) mit dem Pulver und erhält so ein sehr schnelles Reittier, das obendrein auch denken und sprechen kann.
Tip beschließt, in die Smaragdstadt zu reiten und sich dort beim König Hilfe gegen die böse Hexe zu holen. Dort herrscht aktuell die weise Vogelscheuche, die der Zauberer von Oz zu seinem Nachfolger ernannt hat. Allerdings herrscht sie dort nicht mehr lange, denn Tip ist gerade eingetroffen und hat sich vorgestellt, als im Palast eine Revolution losbricht. Die Generalin Jinjur und ihre aus Frauen bestehende Gefolgschaft wollen die Männerherrschaft in Oz brechen und eine Art Amazonenstaat ausrufen. Oha, Feminismus in Oz? Allerdings ist es eher eine ziemlich alberne Frauen-Revolution. Zum einen, da Frauen wie Männer im Land sowieso gleich frei und gleich berechtigt sind, zum anderen, weil es den tussigen Frauentruppen vor allem darum geht, sich die Edelsteine der Smaragdstadt unter den Nagel zu reißen und sich damit zu schmücken.
Trotzdem: Der Vogelscheuche soll es an den Kragen gehen, die Situation ist brenzlig, doch die Vogelscheuche kann mit Hilfe seiner neuen Freunde flüchten. Er, Tip, Jack und das Sägepferd flüchten ins Land des zinnernen Holzfällers. Von dort aus kehren sie schließlich mit Verstärkung durch den Zinnmann und einen riesigen gelehrten Käfer zurück, können dank der Hilfe der verbündeten Mäuse ungesehen ins Schloss gelangen und wollen nun die Stadt zurückerobern. Doch was erst aussieht wie ein guter Plan, erweist sich als Falle. Sie werden von den Truppen Jinjurs und ihrer Verbündeten Mombi in die Enge getrieben, können aber in letzter Sekunde noch vom Turm aus flüchten, da sie sich ein besonderes Fluggerät bauen: Aus zwei Sofas, einem Besenstiel, einem Elchkopf und ein paar Palmwedeln als Flügeln entsteht der Gump, der sie durch die Lüfte ins Reich der guten Hexe Glinda trägt.
Glinda erobert zwar mit ihrer Armee die Smaragdstadt zurück und schafft Frieden zwischen Männern und Frauen, die ohnehin keine Lust mehr auf Revolution haben. Aber Glinda stellt auch klar, dass die Vogelscheuche nicht rechtmäßiger Herrscher von Oz ist. Der Zauberer habe damals den wahren Herrscher von Oz besiegt. Es gebe aber noch eine Tochter des alten Königs Oz, Prinzessin Ozma, der die Krone zustehe. Damit hat die weise Vogelscheuche kein Problem, sie ist zur Übergabe der Krone an Ozma bereit, wenn sich die Prinzessin nur findet.
Durch Drohungen schafft es Glinda schließlich, aus der bösen Mombi, die die Prinzessin damals verschwinden lassen sollte, den Aufenthaltsort Ozmas herauszubekommen. Mombi versteckte die Prinzessin auf geradezu geniale Weise: Sie verwandelte sie in einen Jungen. Es ist Tip, der auf die Information, dass er eigentlich ein Mädchen ist, nicht gerade begeistert reagiert. Doch als Glinda Ozma zurückverwandelt, erweist sich die junge Frau als hervorragende Herrscherin und wird neue Regentin von Oz.
Eine ziemlich interessante Geschichte. Es ist der bislang erste Kinderbuch-Klassiker, in dem ich von einer transsexuellen Heldin las. Außerdem interessant: Zwischen Teil 1 und Teil 2 gibt es auffallende Widersprüche: In Teil 1 hieß es noch, der Zauberer sei ins Land gekommen, habe es ohne Herrscher vorgefunden und den Bau der Smaragdstadt befohlen. Nun also soll er den Vater Ozmas vertrieben haben, der in der damals schon bestehenden Smaragdstadt herrschte. Außerdem weiß offenbar jeder in Oz, dass er ein Schwindler war. Trotzdem soll Mombi einige Zaubertricks bei ihm gelernt haben ... Seltsam.


- L. Frank Baum: Oz, Teil 3: Ozma of Oz
Der dritte Oz-Band bringt ein Wiedersehen mit Dorothy. Sie ist mit ihrem Onkel auf einem Schiff unterwegs, gerät in ein Unwetter und geht über Bord, zusammen mit einem Hühnerstall und einer Henne. Der Hühnerstall landet schließlich an einer fremden Küste, und da die Henne, Billina, plötzlich sprechen kann, weiß Dorothy, dass sie sich in einem Zauberland befindet.
Am Strand finden sie eine Warnung. Sie sollen sich vor den "Wheelers", den Radmenschen, hüten. Diese Leute, eine Art Rockerbande auf körpereigenen Motorrädern bzw. Rocker und Bike in einem Wesen, bedrohen Dorothy und Billina tatsächlich, als Dorothy einen gefüllten Picknickkorb von einem Picknickbaum pflückt. Doch die beiden flüchten in die Dünen, wohin die Räder der Radmenschen nicht rollen können. Hier finden sie den aufziehbaren Kupfermann Tik-Tok, der die Radmenschen tüchtig verprügelt und Dorothy erzählt, dass sie im Land Ev gelandet ist. Ev liegt an der Wüste, hinter der das Land Oz liegt.
Das Herrschergeschlecht von Ev wurde vom Nomenkönig verzaubert, der sie als Schmuck- und Kunstgegenstände in seinem Felsenreich unter der Erde gefangen hält. Einzig eine entfernter verwandte Prinzessin namens Langwidere ist noch frei und beherrscht das Land, allerdings interessiert sich die verwöhnte, gelangweilte Göre nur dafür, ihre zahllosen Köpfe zu wechseln, wie andere Leute ihre Hutcollection. So will sie nun auch Dorothys Kopf haben. Doch bevor es zum Showdown um den Kopf kommt, sieht Dorothy durchs Fenster etwas Merkwürdiges: Prinzessin Ozma und ihr Gefolge überqueren auf einem rollenden Teppich die Wüste. Ozma hat von der Südhexe Glinda dieses Transportmittel zur Reise durch die tödliche Wüste erhalten und will nun den Mitgliedern der Königsfamilie von Ev helfen.
Zusamen gelangen sie ins Land des Nomenkönigs. Der hatte mithilfe seines magischen Gürtels die elf Mitglieder der Königsfamilie von Ev in Krimskrams verwandelt, der nun zwischen dem gesamten Nippeszeug in seiner Schatzkammer herumliegt. Er bietet den Oz-Leuten ein Wettspiel an: Alle dürfen nacheinander in die Schatzkammer eintreten und versuchen, einen Gegenstand zu finden, der ursprünglich ein Mitglied der Königsfamilie war. Wenn der Rater das Wort "Ev" ausspricht und richtig geraten hat, wird der Zauber rückgängig gemacht, und der Mensch ist frei. Jeder darf so oft raten, wie verzauberte Personen im Raum sind. Schafft er es jedoch nicht, wird er selbst ebenfalls verzaubert. Die Ozianer willigen ein, Ozma rät zuerst, hat jedoch keinen Erfolg. Nach und nach werden alle ihre Begleiter in Schmuckstücke verwandelt und verschwinden in der Schatzkammer. Einzig Dorothy schafft es einmal, einen Ozianer zu erlösen, nämlich die Vogelscheuche, aber das nur zufällig, Dann rät sie das letzte Mal falsch und wird auch verzaubert.
Schließlich rettet die Henne Billina die Situation: Sie hat die Nacht heimlich unter dem Thron des Nomenkönigs geschlafen und dabei ein Gespräch belauscht, in dem der König erzählte, dass man die Verzauberten an der Farbe erkennen kann, sie haben nämlich die Nationalfarben ihres Landes. So erkennt und erlöst Billina unfehlbar alle Evianer und Ozianer in der Schatzkammer.
Mehr noch: Sie legt Eier, und vor Eiern haben die Nomen und ihr König eine wahre Todesangst. Dadurch wird der König erpressbar und muss die Gruppe ziehen lassen. Dorothy schafft es außerdem, dem König seinen magischen Gürtel abzunehmen, mit dem fortan Ozma zaubern kann.
Die Leute von Ev sind befreit, die Leute von Oz und Dorothy kehren zurück in die Smaragdstadt. Doch irgendwann sieht Dorothy in einem magischen Spiegel, wie ihr Onkel sich grämt, weil er denkt, sie sei ertrunken. Daraufhin bittet sie Ozma, sie mithilfe des magischen Gürtels zurückzuschicken. Dorothy selbst kann den Gürtel nicht mitnehmen, da er außerhalb des Zauberlandes in der realen Welt seine Magie verlieren würde. Ozma verspricht aber, regelmäßig in den magischen Spiegel zu schauen und Dorothy nach Oz zu zaubern, wenn sie dies wünscht.
Auffallend ist, dass sich nach Tip/Ozma nun ein zweites Wesen in Oz befindet, das eine Art transsexuelle Geschichte hinter sich hat: Die Henne Billina war nämlich in ihrer Kindheit für einen Jungen gehalten worden. Damals hieß sie Bill. Erst als sie irgendwann begann, Eier zu legen, wurde sie umgetauft in Billina.
Es gibt erneut einige Widersprüche zu den Vorgängerbänden. So ist der Löwe jetzt wieder ein Feigling, obwohl er doch damals vom Zauberer geheilt wurde. Sehr sympathisch übrigens sein neuer Freund, der hungrige Tiger. Der Holzfäller wurde nicht mehr durch die böse Hexe immer wieder so schwer verletzt, dass seine Körperteile durch zinnerne Ersatzteile ausgetauscht werden mussten, sondern nun ist es pures Ungeschick des Mannes gewesen, das zu den Arbeitsunfällen geführt hatte. Die Rückverwandlung Ozmas in ein Mädchen soll nun durch eine gute Fee bewirkt worden sein, nicht durch die dazu gezwungene Hexe Mombi. Glinda hatte in Band 2 noch gesagt, dass nur Leute mit ganz schlechtem Charakter solche Verwandlungen durchführen.

- Teil 4: Dorothy and the wizzard in Oz
Diesmal gerät Dorothy durch ein Erdbeben in ein Zauberland: Sie ist eigentlich unterwegs, um einen Onkel zu besuchen, und gerade zusammen mit ihrer Katze Eureka am Bahnhof angekommen. Ihr Cousin Zeb soll sie mit der Kutsche abholen. Plötzlich tut sich die Erde auf, und Dorothy, Eureka, Zeb und Kutschpferd Jim stürzen in die Tiefe.
Sie landen allerdings recht sanft auf einem gläsernen Hausdach. Die Bewohner der Stadt, die ganz aus Glas besteht, heißen Mangabus. Sie sind nicht gerade freundlich zu den Fremden, da sie sie für die aufgrund des Erdbebens herabprasselnden Steine verantwortlich machen. Was in einer Glasstadt ja ziemlich ärgerlich ist. Der örtliche Zauberer soll entscheiden, ob sie schuldig sind und was mit ihnen geschehen soll. Justament in diesem Augenblick kommt ein Ballon angeschwebt. An Bord: Der Zauberer von Oz, der ja am Ende von Teil 1 versehentlich mit dem losgerissenen Fesselballon davongetrieben wurde.
Der Zauberer Oz tritt mit dem örtlichen Zauberer (wizzard gegen sorcerer, die englische Sprache ist da erstaunlich vielseitig. Keiner ist ein magician) in einen Wettstreit und gewinnt diesen durch einen Trick mit neun kleinen dressierten Schweinchen und einem vergrößerten Schwert, woraufhin Oz der Scharlatan neuer Zauberer des Glaslandes wird. Allerdings soll jetzt noch der Herrscher über die Neulinge entscheiden. Der ist sehr freundlich zu ihnen, beschließt aber ihren Tod.
Die Fremden erfahren, dass die Bewohner des Glaslandes als Gartenfrüchte wachsen, so wird ihnen auch die Knolle gezeigt, aus der ein neuer Zauberer wachsen soll. Auch der Nachfolger des Herrschers, eine Herrscherin diesmal, ist schon erkennbar und eigentlich schon vollreif, sogar überreif, aber der aktuelle König will sie noch nicht pflücken lassen, da dann auch sein Leben endet. Dorothy pflückt kurzentschlossen die Königin, und tatsächlich: Die neue Herrscherin ist netter zu den Fremden und will sie nicht töten lassen.
Allerdings sollen ihre Tiere entfernt und in die "schwarze Grube" geworfen werden. Als die Katze, das Pferd und die Schweine in ein Loch im Berg getrieben werden, folgen Dorothy, Zeb und Oz ihnen. Währenddessen mauern die Magabus von außen das Loch im Berg zu. Dorothy und ihre Freunde fahren in der Kutsche durch den Berg und kommen ins Tal Voe, in dem die Bewohner sich durch das Verspeisen einer seltsamen Knolle unsichtbar gemacht haben, damit die gefährlichen Bären sie nicht finden können. Allerdings haben die Bären inzwischen auch die Knolle gefressen ...
Die Fahrt geht weiter zum Pyramidenberg, in dem ein Weg immer weiter nach oben führt. Hier werden sie von Gargoyles mit hölzernen Flügeln angegriffen und können nur mit Mühe entkommen, außerdem treffen sie einen verrückten Erfinder, der Flatterer und Knisterer erfunden hat. Flatterer kann man zum Beispiel an Flaggen befestigen, die dann trotz Windstille sehr eindrucksvoll auswehen und flattern, Knisterer dienen dazu, teure, edle Seidenkleider so richtig schön und romantisch rauschen zu lassen ...
Schließlich geraten die Reisenden im Berg in eine Sackgasse, haben keine Chance mehr, sich aus eigener Kraft zu befreien, und sind völlig verzweifelt. In dieser Situation erinnert sich Dorothy an ihre Freundin Ozma. Sie erzählt ihren Freunden: Ozma und sie hätten vereinbart, dass Ozma täglich um Punkt 16 Uhr in ihren Zauberspiegel schaut und guckt, was Dorothy macht. Wenn Dorothy ihr ein vereinbartes Zeichen gibt, wünscht Ozma sie mit dem Zaubergürtel nach Oz. (In Band 3 hatte die Vereinbarung noch gelautet, dass Ozma jeden Samstag in den Spiegel schaut.)
Die Gruppe wartet nun darauf, dass es 16 Uhr wird, Dorothy gibt Ozma das Geheimzeichen, und prompt landen alle in Oz. Dann gibt es noch ein bisschen Hin und Her im Zauberland, Wiedersehen mit alten Freunden, Festessen und so weiter, außerdem ein Wettrennen zwischen Jim und dem Sägepferd, bei dem der arrogante Kutschgaul schnell von seinem Hochmut geheilt wird. Dann ist Zeit für den Abschied, und außer dem Zauberer, der am Hofe Ozmas bleibt, wird die ganze Reisegesellschaft zurück in ihre Heimatwelt versetzt.
Interessant ist, dass es in einem Gespräch zwischen dem Zauberer, der jetzt den Namen Oz trägt, und Ozma darum geht, ob das Land nach dem Zauberer oder der Zauberer nach dem Land benannt wurde. Der Zauberer erzählt, dass seine ersten beiden Vornamen Oscar und Zoroaster sind, aus denen dann sein Künstlername Oz wurde (die Anfangsbuchstaben seiner restlichen Vornamen ergeben "Pinhead", Dummkopf, darum lässt er sie meist weg). Allerdings war "Oz" beziehungsweise die weibliche Form "Ozma" traditionell schon immer der Name der Herrscher und Herrscherinnen von Oz, wie Ozma erzählt. (Im Band 2 wurde noch berichtet, ihr Vater habe Pastoria geheißen.) Als der Zauberer Oz in Oz ankam, passte dies wohl hervorragend, und man hielt ihn anscheinend mit ein Mitglied der Königsfamilie.
Oz gilt nun wieder als Erbauer der Smaragdstadt. Und er hat angeblich noch nie zuvor etwas von Ozma gehört, obwohl er sie doch laut Band 2 verschwinden lassen hatte. Und Ozma erzählt, dass Mombi einst die böse Nordhexe (Vorgängerin der guten Nordhexe aus Band 1) war, die ihren Großvater gestürzt hatte.

Kreuzfahrt, Mord und Mittelmeer
Eine Anthologie, in der ich selbst mit einer Geschichte vertreten bin. Daher hier keine Meinung dazu. Nur soviel: Es handelt sich um eine Sammlung mit Krimi-Kurzgeschichten, die entweder an Bord eines Kreuzfahrtschiffs oder in einem der zahlreichen Häfen an der Nordküste des Mittelmeers spielen, die das Schiff ansteuert. Jeder Autor hatte eine andere Stadt als Schauplatz zur Verfügung, um dort zu morden, betrügen oder rauben. Mein Tatort war Port-Vendres. Schaut gern mal rein in das Buch.

Enid Blyton: Im Strudel der Abenteuer
- Die Insel der Abenteuer

Kinderbuch-Klassiker. Für den Urlaub hatte ich mir die Gesamtausgabe der Abenteuer-Serie besorgt. Das musste mal sein. Ich war als Kind ja ein Fan der "Geheimnis um ..."-Serie. Mit den "Fünf Freunden", deren Abenteuer ich als Cassetten-Hörspiele kennen lernte, bin ich nicht so recht warm geworden, die "Abenteuer"-Serie hatte ich als Kind zur Hälfte gelesen. Jetzt also die Komplett-Ausgabe. Ja, war gut. Vielleicht etwas voraussehbar und für Leute in meinem Alter stellenweise nicht ganz so befriedigend, aber, wie sagte es die Autorin? "Kritik von Leuten über 12 interessiert mich nicht."
Band 1, die Geschichte mit der abenteuerlichen Insel, hatte ich seinerzeit in der DTV-Ausgabe gelesen, und es war eine schöne Erinnerung. Philipp mit seiner beinahe magischen Fähigkeit im Umgang mit Tieren, war natürlich mein ganz besonderer Liebling. Jack wegen seiner ruhigen Art und vor allem wegen Kiki kam gleich danach. Aber mir war nicht ganz klar, wie blöd die beiden Mädchen tatsächlich waren. Dina hatte wenigstens noch Feuer, wenn sie mit ihren ständigen Wutausbrüchen Philipp anging. Lucy mit ihrer großäugigen Verehrung Jacks war schon ziemlich fade. Mir war damals gar nicht klar, wie sehr die Autorin die beiden Mädchen aus den gefährlicheren Szenen herausgehalten hat. Vermutlich könnte man die beiden ohne große Verluste aus der Handlung rauskürzen ...
Die Geschichte selbst ist spannend. Erzählt wird, wie die beiden Geschwisterpaare ihren großen Freund Bill kennen lernten und dann auf der geheimnisvolle Insel eine Verbrecherbande ausheben. Ja, die Altmeisterin verstand schon etwas von Spannung. Interessant auch die Darstellung des Jojo, des schwarzen Dieners auf Burg "Felseneck". Von der erst harmlosen, abergläubischen und verrückten Nebenfigur bis zum Kopf einer Verbrecherbande ...



November

Enid Blyton: Im Strudel der Abenteuer
- Die Burg der Abenteuer

Die Patchwork-Familie aus den beiden Geschwisterpaaren, Papagei Kiki sowie aus Philipps und Dinas alleinerziehender Mutter wächst langsam zusammen. Und auch Kriminalpolizist Bill ist zufällig in die Nähe, als die Familie Urlaub machen will. Die Kinder sind fasziniert von einer geheimnisvollen, anscheinend leerstehenden Burg. Und vor allem für Vogelfreund Jack ist das alte Gemäuer interessant, da hier Adler nisten. Zusammen mit einem Zigeunermädchen namens Tassie finden sie einen Weg, in die Burg einzudringen. Ich habe bei dieser und der vorangehenden Folge ziemlich viel über "Political Correctness" im Kinderbuch nachgedacht. Bei dem Schwarzen Jojo kam in der deutschen Übersetzung das "N-Wort" nicht vor, obwohl es schon eine ziemlich alte Ausgabe war. Ist die Darstellung rassistisch? Zumindest in den Szenen, als er den albernen, abergläubischen Diener spielte, ging es schon hart ans Klischee vom dummen, ungebildeten Sklaven heran. Andererseits, das war ja sehr geschickt von ihm selbst vorgetäuscht. Und in seiner Eigenschaft als Verbrecherchef war er zwar ein Arschloch, aber das hatte nichts mit seiner Hautfarbe zu tun. Schwierig, aber wohl akzeptabel. Aber wie ist das bei Tassie? Sie ist ein "wildes Mädchen", aber auch ein prima Kumpel. In einem modernen Buch würde man das Wort "Zigeunerin" sicher vermeiden. Und dass sie gebrochen Deutsch (beziehungsweise im Original Englisch) spricht und sich nicht wäscht, ist natürlich Klischee hoch zehn. Trotzdem ist sie ein toller Spielkamerad, mutig und tüchtig und ist mehr als einmal diejenige, die den Freunden aus der Patsche hilft. Wie sieht das eigentlich in den modernen Ausgaben aus? Wurde das umgeschrieben?

- Das Tal der Abenteuer
Urlaub mit Bill, ein Ausflug mit seinem tollen Dienstflugzeug - klar, dass die Kinder da begeistert sind. Allerdings setzen sie sich dann ins falsche Flugzeug. Die Maschine wird von Verbrechern gekapert und fliegt ins Ausland, die Kinder reisen unbemerkt mit. Ein etwas unwahrscheinlicher Auftakt, aber das Ganze ist spannend erzählt. Eine klassische Abenteuer-Geschichte mit Höhlen und unterirdischen Gängen - eigentlich kommt in fast jedem Abenteuer-Band ein Geheimgang vor - und einem uralten Ehepaar, das noch ältere Kunstschätze hütet. Spannend, wenn auch klassische Abenteuer-Kost, man kennt es ja.


- Die See der Abenteuer
Bill wird von einer Verbrecherbande verfolgt und soll, einer Anweisung seines Chefs zufolge, untertauchen. Das passt ihm zwar nicht, Bill würde seine Gegner lieber direkt angehen und zur Strecke bringen, aber er gehorcht. Er tarnt sich als Natur- und besonders Vogelfreund, der mit einem Motorboot eine Fahrt durch eine Insellandschaft vor der schottischen Küste macht. Und Jack, Philipp, Lucy und Dina sowie Kiki dürfen mit - als Tarnung. Allerdings wird das, was eigentlich ein Urlaub hätte sein sollen, dann doch brandgefährlich. Die Bande, die zufällig genau in diesem Inselparadies ein Waffenschmuggel-Lager betreibt, schlägt Bill nieder, entführt ihn, und die Kinder bleiben ohne Boot allein auf der Insel zurück. Natürlich schaffen sie es trotzdem, die Bande zu besiegen. Und die beiden Lunde, Schnarr und Schnauf, sind einfach liebenswürdig.

- Der Berg der Abenteuer
Ferien in Wales für die vier Kinder, Mutter/Tante Allie und Kiki. Die Kinder wollen eigentlich nur einen Ausflug in das sagenhafte "Schmetterlingstal" machen und die dortigen Schmetterlinge beobachten, aber ihr Führer verirrt sich im Nebel, und sie geraten an einen Berg, in dem es nicht geheuer ist. Im, Höhlensystem haust eine Bande eines verrückten Erfinders, der mit der Entwicklung von besonderen Fluggeräten beschäftigt ist. Die jeweiligen Testflieger überleben den Flug gewöhnlich nicht, wenn sie mit diesen gebastelten Flügeln und einem System, das die Schwerkraft reduzieren soll, vom Berg gestürzt werden. Dann kommt der Erfinder auf die Idee, statt erfahrener Piloten leichtere Menschen für seine Versuche zu verwenden. Da kommen ihm die vier Kinder gerade recht ... Skurril und mit typischem Höhlenerlebnis. Kiki beginnt zu nerven. Philipps zahmes Zicklein ist aber süß.

- Das Schiff der Abenteuer
Eines der Bücher, die ich schon aus der DTV-Ausgabe kannte. Die Freunde auf Kreuzfahrt - und auf den Spuren einer alten Sage. Ist der Plan, den sie in einem alten Buddelschiff gefunden haben, tatsächlich eine Schatzkarte, die ihnen den Weg zum legendären Schatz der Andra zeigt? Der schmierige Inselkäufer und Archäologie-Geschäftemacher Eppy, der sich Teile der Karte unter den Nagel reißen kann, ist jedenfalls überzeugt davon. Ein Wettrennen zum Schatz beginnt, bei dem die Kinder Unterstützung von ihrem großen Freund Bill haben. Trotzdem wird es lebensgefährlich. Und das Rätsel ist gar nicht so einfach zu lösen. Erst Philipps zahmes Äffchen Mickie findet den geheimen Eingang hoch oben in einer hohlen Säule. Es geht, wie üblich, tief in die Erde hinab. Übrigens: Wie ich mir ergoogelt habe, war diese Geschichte - mit Heiratsantrag Bills an Allie - eigentlich von der Autorin als Abschlussband vorgesehen. Da die jugendlichen Fans aber so begeistert waren und Nachschub forderten, legte sie noch zwei Bände nach.

- Der Zirkus der Abenteuer
Bill soll auf einen ausländischen Jungen aufpassen. Es handelt sich um einen Thronfolger eines fiktiven osteuropäischen Landes namens Tauri-Hessia, und Bill fand die Idee gut, ihn als Teil seiner Familie auszugeben und zusammen mit Jack, Philipp, Dina und Lucy zu verreisen. Nützt aber nichts: Die Verschwörer, die in Tauri-Hessia einen Umsturz planen, entführen den Prinzen und drei der Kinder gleich mit. Jack, der gerade noch hinzukommt und die Entführung beobachtet, bleibt frei. Er und Kiki folgen den Männern, gelangen an ein Flugzeug und fliegen als blinde Passagiere mit. In Tauri-Hessia angekommen taucht Jack bei einem Zirkus unter und versucht, in das Schloss zu gelangen, in dem seine Freunde und der Prinz gefangen gehalten werden. Schließlich kann er sie befreien. Und Tierflüsterer Philipp hat Gelegenheit, seine einzigartigen Fähigkeiten zu zeigen, als ein Bärenführer erkrankt und die Bären des Zirkus ohne ihre Bezugsperson vollkommen durchdrehen und gefährlich werden. Eine Folge, die ich noch nicht kannte und die neben dem "Schiff der Abenteuer" meine absolute Lieblingsgeschichte der Serie wurde.

- Der Fluss der Abenteuer
Das Buch kannte ich schon aus einer alten Hardcover-Tosa-Ausgabe. Ich hab's sehr gemocht.
Es geht um eine abenteuerliche Bootsfahrt im Orient auf dem "Fluss von Abentoa", den die Kinder natürlich prompt auf den Namen "Fluss der Abenteuer" taufen. Bill hat den Auftrag, einen Verbrecher zu beobachten und herauszufinden, ob dieser etwas tun will, was dem britischen Staat schadet. Die Kinder und Allie sollen dabei quasi als Bills Tarnung fungieren. Der Mann erkennt Bill allerdings und lässt ihn und Allie kidnappen. So machen sich die Kinder allein auf die abenteuerliche Schiffsreise den Fluss entlang, um die beiden zu retten. Dabei geraten sie in einen bisher unbekannten unterirdischen Seitenarm des Flusses und finden in einer Höhle wertvolle Kunstschätze, hinter denen Bills Kidnapper eigentlich hinterher war. (Tragisch: Als Raubgräber und illegaler Kunsthändler hätte er Bill gar nicht interessiert und wäre niemals Teil von Bills Ermittlungen geworden. Gerade durch die Entführung hat der Mann sich und seinem Unternehmen selbst das Grab geschaufelt).
Besonders im Hinterkopf geblieben ist mir damals beim ersten Lesen die tragische Geschichte von der Bargua, der Giftschlange, der man die Giftkanäle durchtrennt hatte. Damit ist das Tier zum Tode verurteilt. Philipp hegt und pflegt sie liebevoll auf der Reise, sie rettet ihm mehrfach das Leben, da man mit ihr prima Verbrecher zu Tode erschrecken kann. Am Ende kriecht sie davon und stirbt einsam. Traurig. Aber etwas, das dieses Buch aus der netten Kinderbuchwelt heraushebt.

Julius H. Schoeps: Moses Mendelssohn
Kurze, sehr kompakte Biografie, die einen guten Überblick über das Leben des Philosophen liefert. Knapp 200 Seiten, die die wichtigsten Lebensstationen nachvollziehen. Gut geschrieben und leicht lesbar. Allerdings nicht mehr im normalen Buchhandel erhältlich, ich habe es auf Amazon Marketplace fast geschenkt erhalten.

"Wie gut sind deine Zelte, Jaakow ..."
Festschrift zum 60. Geburtstag meines ehemaligen Hebräisch-Lehrers Reinhold Mayer. Erneut ein Fundstück auf Amazon Marketplace. Enthalten sind zahlreiche Aufsätze aus dem Bereich der Judaistik, es geht Archäologie, Geschichtsschreibung, Vergleiche römischen, griechischen und jüdischen Rechts, aber auch um Bibel-Exegese, um Rosa Luxemburg, Franz Rosenzweig und Martin Buber, um Antijudaismus in den Briefen des Paulus, den Holocaust und das Verhältnis von Christen und Juden. Eine sehr vielschichtige Sammlung. Für einige sehr spezielle Artikel hätte ich vermutlich etwas mehr Vorwissen gebraucht, aber es war auf jeden Fall lesenswert.

Henry Wadsworth Longfellow: Der Sang von Hiawatha
Vor sechs Jahren hatte ich das Epos schon einmal gelesen. Damals in der kostenlosen eBook-Version, inzwischen gibt es eine On-Demand-Ausgabe von Tredition, und da ich doch ein Mensch bin, der alles gern anfassen und getrost nach Hause tragen möchte, habe ich mir das Buch geholt. Es ist eine sehr angenehm in der Hand liegende und auch angenehm und sauber layoutete Ausgabe mit ordentlichem Schriftbild. Druckfehler infolge vom System falsch erkannter Buchstaben sind mir nicht weiter aufgefallen, und mit 12,90 Euro ist der Preis für den 200 Seiten starken Klassiker vollkommen in Ordnung.
Es handelt sich, wie schon beim eBook, um die alte Übersetzung von Ferdinand Freiligrath, der auch ein kurzes Vorwort dazu geschrieben hat. Freiligrath weist darauf hin, dass das Werk gelegentlich als "indianische Edda" bezeichnet wurde, aber in seiner Anlage und seinem Rhythmus eher dem finnischen Kalevala vergleichbar ist. Ein Einschätzung, die ich teile. Sowohl das Versmaß als auch die klassische Doppelgliedrigkeit der Personenbezeichnungen sind purer Kalevala-Stil. Und auch die Entstehungsgeschichte dürfte ähnlich sein: Elias Lönnrot, der Verfasser des Kalevala war ja auch eher ein Sammler von Sagen und Liedern, die er zum Groß-Epos zusammenstellte. Ähnlich sammelte wohl auch Longfellow indianische Sagen und gestaltete daraus seinen Hiawatha.
Auch inhaltlich gibt es Ähnlichkeiten. So erinnert Nokomis, Hiawathas Mutter, die aus dem Vollmond wie ein Stern vom Himmel fiel, mich sehr stark an die Himmelsjungfrau Ilmatar, den Luftgeist, der sich vom Himmel auf den Wassern niederließ und schließlich, nachdem die Welt entstanden war, den Väinemöinen gebar. Auch zwischen Väinemöinen als Kulturheros, der eine Schwende in den Wald schlug und Ackerland schuf, und Hiawatha, der den Maisgott Mondamin im Ringen besiegte und die wertvolle Pflanze zur Ernährung seines Volkes gewann, besteht eine gewisse Ähnlichkeit.
Der junge und schöne Hiawatha ist freilich bei seiner Brautwerbung um die schöne Mine-haha erfolgreicher als der alte Väinemöinen bei seiner Bewerbung um die Nordlandtochter. Hiawathas Freunde, der Sänger Chibiabos und der starke Kwasind, ergeben mit dem indianischen Kulturheros zusammen ein ähnlich mythisch-magisches Dreigestirn wie Väinemöinen, der Himmelsschmied Ilmarinen und der leichtsinnige aber schöne Lemminkäinen auf ihrer Freifahrt. Die Rolle, die der Gesang in beiden Epen spielt, als Weltschöpfergesang, epische Erzählung und Zauberlied, ist ähnlich, und sogar der Schluss des Hiawatha erinnert an das Kalevala: Väinemöinen muss weichen, als mit dem altklugen Sohn der Jungfrau Marjatta eine neue, christliche Zeit herandämmert, und auch Hiawatha bricht auf, als "Schwarzröcke", christliche Missionare, in sein Land kommen. Beide besteigen ein Boot und fahren auf dem Meer davon. Ganz sicher keine indianische Edda, sondern Kalevala pur.

Werner Bergengruen, Reinhold Schneider: Briefwechsel
Zwei Autoren der "Inneren Emigration", beide Gegner der Nazis, beide gläubig, katholisch, beide bekannte Schriftsteller, die ihren Lesern in dunkler Zeit viel Kraft gegeben haben, um es mal pathetisch auszudrücken. Die beiden haben sich gegenseitig sehr geschätzt, ja geradezu verehrt, und dieser gesammelte Briefwechsel kommt wie eine kleine Reliquie daher. Allerdings muss man nicht glauben, dass die Schreiben der beiden für denjenigen, der etwas über ihre Werke erfahren will, sehr ergiebig ist. Die Briefe sind sehr kurz, keiner der beiden spricht groß von seinen literarischen Plänen, Gedanken, Seelenzuständen. Es sind eher kleine Noten, in denen sie sich gegenseitig ihre Verehrung und Wertschätzung versichern, oft verbunden mit der Übersendung aktueller Werke, kurze Grüße und der Hinweis, dass man sich vom anderen verstanden fühlt, oder dass man ein bestimmtes Gedicht besonders stark empfunden habe ... Dazu einige kurze Texte bzw. Reden von Bergengruen über Schneider und Äußerungen Schneiders zu Bergengruen. Alles sehr karg, sehr dünn, eher ein Andachtsbüchlein für Verehrer der beiden als wirklich ein Stück Literatur.


Im Zauberbann des Harzgebirges
Alte Sagen aus dem Harz in einer sehr schön gestalteten und illustrierten Hardcover-Ausgabe. Interessante Geschichten, Lokalsagen, Entstehungsgeschichten zu bestimmten markanten Punkten in der Landschaft, etwa besonderen Felsen, Geschichten über historische Persönlichkeiten in den Harzstädten. Allerdings, eine Sache muss ich hier doch mal loswerden: Diese Harz-Sagen sind alle furchtbar depressiv und traurig, die wenigsten nehmen ein gutes Ende. Wenn ich dagegen Sagen aus anderen niedersächsischen Gegenden anschaue, die haben wesentlich mehr Humor. Man denke an den Alfelder Hödeken oder die Geschichten um den Huckup, über Zwerge und über Leute, die den Teufel austricksten, den Celleschen Schäfer, an bauernschlaue Dorfmenschen, die sich bei ihren Landesherren in Respekt setzten ... Die Harzer müssen schon bitterarme Leute gewesen sein, wenn sie vor lauter Jammer und Elend noch nicht einmal mehr Humor hatten. Ich habe noch nie so eine traurige Sagensammlung gelesen.

Ina Elbracht: Pentimenti
Ein wunderschön gestalteter Hardcover-Band aus der "Edition 100" im Wurdack-Verlag in einer limitierten Auflage von 100 Stück. Ich habe Nummer 5 erhalten - mit Signaturen der Autorin Ina Elbracht und des Illustrators Daniel Bechtold. Es ist eine phantastische Geschichte, düster und grauenhaft, ein Künstlerroman über einen Maler, der auf seine Art einzigartig ist. Seine Frau hat ehrgeizige Pläne, sie bereitet seine Farben mit geheimen Zutaten zu, kümmert sich um die Publicity und Vermarktung und schafft einen unheimlichen Mäzen heran. In der Einsamkeit eines Waldhauses erschafft der Maler besondere Porträts, eigentlich gegen seinen Willen, er malt junge Frauen, Freundinnen des Mäzens, mit besonderen Farben, die seine Frau für ihn bereitete. Aber was er damit erschafft, ahnt er nicht. Langsam nimmt das Grauen seinen Lauf ...
Eine schreckliche Geschichte, doch voller sprachlicher Schönheit. Ein Buch, das man nicht wieder aus der Hand legen kann, bis die Ereignisse ihren schlimmstmöglichen Ausgang gefunden haben.


Bernd Fischer: Ein anderer Blick: Saul Aschers politische Schriften
Ich habe bereits zwei Textsammlungen der politischen Schriften Saul Aschers gelesen. Das hier vorliegende Buch ist keine weitere Sammlung, sondern es handelt sich um Sekundärliteratur zu den wichtigsten Texten Aschers. Bernd Fischer gibt Inhaltsangaben, Interpretationen und Einordnungen zu zwölf Schriften des Spätaufklärers, darunter "Eisenmenger der Zweite", die "Germanomanie", der "Leviathan", der "Napoleon", die "Geschichte der Revolutionen" und die "Wartburgs-Feier". Außerdem gibt eine Darstellung zu Leben und Werk Aschers. Ein sehr guter Überblick, sehr hilfreich.

Aristoteles: Über Tugenden und Laster / Große Ethik / Eudemische Ethik
Eigentlich war ich nur auf die "Große Ethik" scharf, die Nikomachische habe ich im Studium ausführlich bearbeitet, sie war sogar mein mündliches Prüfungsthema im Fach Politik, die Eudemische habe ich vor ein paar Jahren gelesen. Aber da in dem Band außer der Großen Ethik noch zwei weitere Schriften enthalten waren, habe ich die anderen beiden auch mit gelesen.
Es handelt sich um eine Ausgabe aus dem Jahr 1951, übersetzt und kommentiert von Paul Gohlke, die ich antiquarisch auf Amazon Marketplace erstanden habe. Gohlke erläutert in der Einleitung das Verhältnis der vier aristotelischen Schriften über Ethik zueinander. Wobei ich bislang die erste Schrift, "Über Tugenden und Laster" gar nicht auf dem Schirm hatte. Sie ist auch recht dünn, kaum mehr als eine katalogartige Auflistung diverser Tugenden und Laster nebst kurzer Definition. Eine Jugendschrift, sehr schülerhaft, eben ein Anfang.
"Die Große Ethik" ist trotz ihres Namens von den drei Ethiken des Aristoteles die kürzeste. Und, wie Gohlke darlegt, auch die früheste der drei Ethiken. Bestimmte Gedanken, etwa die Idee von der rechten Mitte zwischen zwei extremen Verhaltensweisen, fehlen hier noch. Auch weist er darauf hin, dass die Große Ethik sich sprachlich deutlich abhebt von den beiden anderen Ethiken, aber einiges mit der Schrift über Tugenden und Laster gemein hat: Bei beiden tritt der Einfluss des äolischen Dialekts deutlich zu Tage, während Eudemische und Nikomachische Ethik eher attisch geprägt sind. Er ordnet die Große also in die Frühphase ein und stellt fest, dass sie die älteste der drei Ethiken ist. In der Eudemischen Ethik, laut Gohlke der zweitältesten, die die zweite Hälfte des Bandes ausmacht, sind die Übereinstimmungen mit der Großen Ethik markiert, sie ist fast doppelt so umfangreich wie die Große Ethik. Alles sehr interessant und Aristoteles ist sowieso ein kluger Kopf, wenn auch etwas spröde. Insgesamt bleibt aber die Nikomachische meine Lieblingsethik, auch aufgrund ihrer klaren Struktur. Ja, sie ist tatsächlich die reifste und ausgearbeitetste von den dreien.

Cecil Northcote Parkinson: Horatio Hornblower
Fiktive Biografie Horatio Hornblowers auf der Basis der elf Hornblower-Bände von Cecil Scott Forrester. Der Verfasser ist übrigens nicht nur selbst bekannt geworden als Autor von Seekriegsromanen, sondern auch der Erfinder des Parkinsonschen Gesetzes.
Ausgehend von fiktiven Unterlagen über Hornblowers Erwerb eines Landguts zeichnet Parkinson den Lebensweg seines Helden nach, erzählt etwas über die Herkunft des Mannes und sein Aufwachsen in ärmlichen Verhältnissen, und wir erfahren auch einige Dinge über das Verhältnis zu Lady Barbara, die Forrester verschwiegen hat.
Sehr gelungen, hat mir Spaß gemacht, und ich habe Lust bekommen, mir die alten Hornblower-Bände noch einmal vorzunehmen.

Werner Koch: Pilatus
Der Untertitel weist dieses Büchlein als historischen Roman aus. Ich selbst würde es eher Sprachkunstwerk in beinahe lyrischer Prosa bezeichnen. Wer hier schon länger mitliest, weiß ja, dass ich Werner Koch seit seiner See-Trilogie liebe, und auch dies hier war wieder ein meisterhaft geschriebener ... Roman?
Es geht um Pilatus, den römischen Statthalter, der Jesus kreuzigen ließ. Nun ist Pilatus in Rom, politisch kaltgestellt und ein Opfer von Intrigen, seine Gegner sind kurz davor, die Schlinge um seinen Hals zuzuziehen. Aber das politische Gezerre ist ihm längst gleichgültig geworden. Seine Frau ist gerade gestorben, der vermutlich einzige Mensch, dem er näher stand, aber auch sie hat er immer wieder vor den Kopf gestoßen, alle liebevollen Gesten wies er zurück. Und nun steht er am Fenster seines Hauses in Rom und sieht einer Katze auf der Straße beim Verenden zu.
Immer wieder kehren seine Gedanken auch zu dem Prozess gegen den sonderbaren Mann zurück, den einige den Messias nannten. Eigentlich einer von Hunderten, vielleicht Tausenden, die damals hingerichtet wurden. Aber irgendwie ist Pilatus dieser Mensch dann doch noch im Gedächtnis geblieben. Langsam kommt ihm die Erinnerung an die kurzen Dialoge mit dem Delinquenten wieder hoch. Und daran, wie seine Frau ihn diplomatisch bat, er solle doch in diesem Falle "besonders gerecht sein". Als ob er das sonst nicht wäre, ärgerte sich Pilatus. Dann denkt er wieder daran, wie er versuchte, die Menschenmenge zu überzeugen, sie solle doch den Jesus losbitten. Und nicht den Barabas. Doch daraus wurde nichts ...
Und nun ist auch noch einer seiner Diener Christ geworden. Immer wieder bemüht er sich, Pilatus mit zu einer Versammlung der Gemeinde zu bringen. Einmal lässt der sich sogar breitschlagen. Doch er kann dem Gerede des Predigers nichts abgewinnen. Und als man ihn erkennt, den Mörder des Messias, weicht die Gemeinde vor ihm zurück. Da nützt es auch nichts, wenn der Diener und der Priester ihm immer wieder versichern, alle hätten sich gefreut über seine Anwesenheit.
Pilatus versinkt immer mehr in seinen Gedanken. Am Ende interessieren ihn Messiasse, politische Intrigen und der Tod seiner Frau nicht mehr. Die einzige Frage, die ihn nach seiner Entmachtung und dem Tod noch interessiert, lautet: "Wo ist meine Katze?"

Nikolai von Michalewsky: Korallenjäger
Jugendbuch über drei Taucher im Mittelmeer, die nach Korallen tauchen. Ein Freund, Roberto, hatte ein besonders ergiebiges Korallenriff entdeckt, Korallen von besonderer Größe und Schönheit, aber auch in besonderer Tiefe. Doch dann verunglückt Roberto tödlich. Er tauchte zu schnell auf, ohne sich die Zeit für den nötigen Abbau des Stickstoffs im Blut zu lassen, erlitt eine Embolie, unrettbar. Er soll senkrecht nach oben aus dem Wasser geschossen sein, undenkbar eigentlich, dass ein alter Fuchs die allererste Regel beim Tauchen so außer Acht lassen kann. Es sei denn, er begegnet dort unten etwas, das gefährlicher ist, als ein Aufstieg im Höchsttempo.
Ricardo, der Ich-Erzähler, war Freund und Schüler Robertos, nun ist er sein Erbe und erhält die Position der reichen Korallenbank. Zusammen mit seinen Partnern Bernard und Marco will er die Fundstelle ausbeuten. Es geht für die drei auch um ihre Existenz, denn sie können ihr gemeinsames Boot nicht mehr bezahlen, wenn nicht ein Wunder geschieht. Doch Gier und Sicherheit beim Tauchen passen nicht gut zusammen. Und das, was Roberto getötet hat, lauert noch immer da unten. Die Gefahr ist tödlich. Und schließlich geht Ricardo seiner letzten Konfrontation entgegen ...
Ein spannender, klar strukturierter und zielstrebiger Jugendroman, der Abenteuerlust, Fragen nach Ethik und Verantwortung und Tragik in sich vereint. Ein bedrückendes unhappy End ist in einem Jugendbuch ja recht selten, aber hier passt es wie die Faust aufs Augen. Dazu sehr authentisch und von großer Sachkenntnis. Beeindruckend.

Stefan Cernohuby: D9E - Die Geister der Vergangenheit
Ich habe den "Loganischen Krieg" nicht gelesen. Den "Spin off" der D9E-Serie wollte ich mir eigentlich erst nach Ende der Hauptserie anschaffen. Ich hatte das irgendwie als netten Schlenker zwischendurch oder als Anschlussserie verstanden. Ein Fehler, wie ich jetzt merkte. Denn der Band "Geister der Vergangenheit" bezieht sich unmittelbar auf den Loganischen Krieg, und bei all den Rückverweisen bleibt das unbefriedigende Gefühl zurück, dass mir ziemlich viel fehlt. André bzw. das, was ich von ihm und seiner Vorgeschichte erfahren habe, hat mir gefallen, und ich habe mich über die 1714 und ihren eigenartigen Humor gefreut. Das war, trotz des erschwerten Reinkommens, auf jeden Fall etwas Positives. Und den Loganischen Krieg hole ich nach.

Dirk van den Boom: D9E - Ruf der Evocati
Gut erzählt, spannend, in der Serie fest verortet und mit den Ereignissen der anderen Bände verbunden, und trotzdem selbsttragend und separat verstehbar. Nach dem rätselhaften Vorgänger eine schöne Leseerfahrung. Es geht um die Entführung einer Wissenschaftlerin durch eine Sekte. Die Frau hat eine Alternative zur Fortbewegung durch den Menger-Raum entwickelt - wichtig für die Raumfahrt, wenn die Hondh durch Sabotage des Menger-Raums in ihrem eigenen Gebiet festgesetzt und aus der Zone der neunten Expansion ausgesperrt werden.
Die Handlung ist klar strukturiert und zielsicher durchgezogen, und ich vergebe mehrere Extrasternchen für Humor. Die beiden Steuerfahnder, die plötzlich einen Mord aufklären müssen und dabei in die intergalaktische Suche nach einer entführten Wissenschaftlerin geraten. Dr, Merrick, die ihre Entführer auf geniale und physikalisch völlig unmögliche Weise auszählt. Duftende Aliens mit ihrer olfaktorischen Sprache. Ferngesteuerte Raumanzüge und der schräge Gonwik aus einer noch schrägeren Roboterzivilisation ... einfach nur gelungen.

Fabienne Siegmund: Herbstfeuer

Fabienne Siegmund: Alissa im Drunterland
Eine kurze Erzählung, die den Alice-Romanen von Lewis Carroll verpflichtet ist, aber auch ein wenig an die unendliche Geschichte erinnert. Die Heldin heißt diesmal Alissa, sie kennt die Alice-Geschichten und gerät in ein Land, das dem Wunderland und Spiegelland verwandt ist: Das "Drunterland". Wobei sehr interessant ist, dass Alices "Wunderland" laut ursprünglichem Manuskript Carrolls heißen sollte "Alice's Adventures under Ground".
Das Drunterland hat ein Problem: Die Uhr des Nachthasen ist abgelaufen. Noch schlimmer, als wenn im Wunderland das weiße Kaninchen zu spät kommt. Das Drunterland ist dem Untergang geweiht. Nur ein Menschenmädchen kann es retten. Das ist Alissas Job. In einem altertümlichen Uhrmachergeschäft beginnt für sie eine abenteuerliche Reise.
Das Büchlein ist reich an wunderlichen Wesen und liebenswerten Einfällen, dabei deutlich düsterer und melancholischer als Carrolls Welt. Schlecht ist es nicht, aber dann doch etwas dünn geraten, und damit meine ich nicht nur die geringe Seitenzahl. Wer mit den Alice-Romanen in die Schranken treten will, sollte schon etwas wuchtigere Geschosse auffahren. Fabienne Siegmund kann eine Menge, aber dies ist einfach nur klein und nett, ein bisschen gewollt, aber es hat wenig Kraft. Ohne das Alice-Monument im Hintergrund wäre es ein ganz ordentliches Märchen geworden, aber so ist es ziemlich blass.


Peter Høeg: Die Kinder der Elefantenhüter
Brillante Mischung aus Logik und Phantasie, Philosophie und Anarchie. Die Kinder eines Pastorenehepaars müssen feststellen, dass ihre Eltern einen ganz großen Kunstraub planen, und versuchen gleichzeitig, dem Jugendamt und der Polizei zu entkommen, die seit dem Untertauchen der Eltern hinter den drei Kindern her sind. Peter, der Ich-Erzähler, und seine blitzgescheite und manchmal ziemlich direkte Schwester Tilte versuchen, eine Katastrophe zu verhindern, während der älteste Bruder die Liebe seines Lebens trifft. Mit einer Gruppe seltsamer Sektenangehöriger und einem Sarg, in dem eine tote Frau zu einer Segnung gebracht werden soll, machen sie sich auf nach Kopenhagen, schlagen immer wieder den Behörden ein Schnippchen und finden auf so krause und abwegige Art immer wieder neue phantastische Puzzleteilchen, dass der Leser einfach nur mit den Ohren schlackern kann.
Ja, es ist irgendwie ein Krimi, alles passt logisch zusammen. Aber das Ganze ist auch wieder so irre und zauberhaft, dass man sich fragen muss, was der Autor eigentlich geraucht hat. Einfach nur toll. Ich möchte einfach nur weiter von Tilte lesen und dabeisein, wenn sich in einem besonderen Moment die Tür öffnet ...


Isaac Euchel. Der Kulturrevolutionär der jüdischen Aufklärung
Aufsatzband mit 16 Texten über Euchel und seine Rolle in der Haskala, der jüdischen Aufklärung. Die Beiträge waren ursprünglich Vorträge auf einer Tagung anlässlich seines 200. Geburtstags im Jahr 2006. Unter anderem gibt es Beiträge zu seiner Biografie und Familiengeschichte, über seine Familie in Kopenhagen, seine Kontakte und das jüdische Leben in Hannover und Königsberg, sowie sein Wirken in Berlin. Dazu ein Vergleich der Gebetsübersetzungen von David Friedländer und Isaac Euchel, mehrere Beiträge über seine Komödie "Reb Henoch", etwas über seine Mendelssohn-Biografie und zwei Aufsätze über seine Bildungskonzeption und jüdische Erziehung. Sehr spannend und sehr gut zu lesen. Ich habe viel daraus gelernt.

Nikolai von Michalewsky: Schatztaucher
Wie im Buch "Korallenjäger" geht es auch in diesem Abenteuer um eine Gruppe von Tauchern, die ein besonderes Ziel haben. Sie sind auf der Suche nach einer gesunkenen spanischen Galeone voller Gold. Den ungefähren Lageort kennen sie aus einer uralten Karte. Tatsächlich finden sie das Schiff - aber in einer solchen Tiefe, dass die Bergung todgefährlich, beinahe unmöglich ist. Wagemut und Gier, verbunden mit der Existenznot der Taucher, lassen die Männer das fast Unmögliche versuchen. Und tatsächlich: Erste Erfolge stellen sich ein. Doch die Goldgier vernebelt ihnen das Hirn. Im Bestreben, möglichst viel von den Barren in möglichst kurzer Zeit emporzuholen, passieren Fehler, die einfach nicht passieren dürfen. Fehler die in diesen Tiefen das Leben kosten.
Nikolai von Michalewsky versteht es, eine spannende Handlung und authentische Taucherfahrung zu einem packenden Roman zu formen. Und erneut ein Roman, der tragisch endet. Der Ich-Erzähler überlebt zwar, aber hat alles verloren, der zweite Überlebende wird mit ziemlicher Sicherheit kurz nach Ende der erzählten Begebenheiten umkommen, weil er sich nicht von dem verfluchten Gold trennen kann ... Beeindruckend.

Isaak Euchel: Vom Nutzen der Aufklärung. Schriften zur Haskala
Der Band enthält sieben zentrale Texte Euchels, die wichtige Eckpunkte der Haskala markieren. Da ist zum einen die Schrift "Nachal Habesor", Strom der guten Nachrichten, mit der Euchel die neue Zeitschrift "HaMeasef", der Sammler, ankündigt, das zentrale Organ der jüdischen Aufklärer. Euchel stellt das Programm der Zeitschrift vor, die Themen, die behandelt werden sollen, und die Personen, die dahinter stehen. Außerdem ist das Vorwort zum Measef abgedruckt. Im Buch findet sich auch der Brief, in dem Euchel den dänischen König als Unterstützer zur Gründung einer jüdischen Schule zu gewinnen versuchte, nebst einem Aufsatz, in dem er sein Bildungskonzept und die Notwendigkeit einer solchen Schule darlegt, und einem kurzen autobiografischen Abriss, um sich dem König als der geeignete Mann hierfür vorzustellen. Der Band enthält ferner eine Verteidigungsschrift, mit der Euchel die "Schwätzer", die sich gegen ihn aussprechen, in die Schranken weist. Sehr spannend ein literarischer Text Euchels, die Reisebriefe des Meschulam Ben Uriah Haeschtemoni, ein Reisebericht, über jüdisches Leben und jüdische Gemeinden im Mittelmeerraum, vor allem Madrid und Livorno, der leider Fragment blieb. Schließlich ein Beitrag über die "Übernachtung der Toten", mit dem sich Euchel an der Diskussion über die frühe Beerdigung beteiligte. Ein zentraler Streitpunkt zwischen Haskala und Orthodoxie in jenen Zeiten.
Sehr schön, dass dem Band die hebräischen Originale im Anhang mitgegeben wurden. Außerdem gibt es ein informatives Nachwort und hilfreiche, weiterführende Fußnoten.

Nikolai von Michalewsky: Tödliche Bergung
Der dritte Taucher-Roman nach "Korallenjäger" und "Schatztaucher". Es geht um ein Flugzeugwrack, das im Mittelmeer in 230 Meter Tiefe liegt. Für Taucher fast unerreichbar. Aber die abgestürzte Maschine birgt wichtige militärische Geheimnisse, und ein amerikanischer Auftraggeber, der das Bergungsschiff "Thor" samt Mannschaft mietet, macht deutlich, dass von der Rettung dieser Geheimnisse der Weltfrieden abhängt. Schon haben sich russische Schiffe aufgemacht, das Wrack zu suchen. Ein Wettrennen mit der Zeit beginnt. Und die Bergung ist ein Spiel auf Leben und Tod.
Robert Sedlitz ist ein Ausnahmetaucher und vermutlich der einzige, der diesen Job überhaupt hinkriegen kann. Und Sedlitz ist zurzeit billig zu haben, denn seit er einen Arbeitgeber wegen unzumutbarer Arbeitsbedingen öffentlich angegriffen hat, engagiert ihn niemand mehr. Doch nun soll er die Sache übernehmen und das Team leiten. Arroganz, Karrieregelüste und Intrigen eines übergangenen Kollegen, der Ehrgeiz eines jungen Tauchneulings und nicht zuletzt die Skrupellosigkeit des amerikanischen Bevollmächtigten machen den ohnehin höchstgefährlichen Tauchgang zu einem Himmelfahrtskommando. Als der jüngste im Team gegen Roberts ausdrückliche Anweisung bei einem Bergungsversuch eingesetzt wird und umkommt, kippt die Stimmung vollends. Robert setzt schließlich alles auf eine Karte und zieht den Job durch. Doch obwohl er das Flugzeug tatsächlich bergen kann, hat er am Ende alles verloren.
Der vermutlich stärkste der drei Taucher-Romane. Allerdings hätte ich jetzt auch keinen vierten mehr lesen mögen, denn das Konzept von Gier, Eitelkeit und dem Gefühl, eine Sache durchziehen zu müssen, was dann zum tragischen Ende führt, scheint mir jetzt ausgereizt.

David Grossmann: Der Kindheitserfinder
Das Buch habe ich vor Jahren angefangen, bin aber stecken geblieben, und dann wurde es auch noch Opfer eines Wasserschadens im Keller ... Jetzt also ein neuer Start mit einem neuen Buch. Erzählt wird die Geschichte des jungen Aaron Kleinfeld, der gerade mit dem Pubertieren beginnt. Seine Freunde sind schon viel weiter, und er ekelt sich ein wenig vor all den sexuellen Anspielungen, die sie machen. Zwischen Ekel und Faszination schwebt er auch, als er im Schrank der Eltern erotische Fotos entdeckt. Und vor allem die Nachbarin, in deren Wohnung er manchmal heimlich eindringt, beschäftigt seine Phantasie.
Dass die Frau auch Gelüste und Phantasien hat, zeigt sich, als sie sich ein erotisches Erlebnis ganz eigener Art verschafft. Sie bittet Aarons Vater, ob er als starker Mann ihr nicht eine Wand in der Wohnung einreißen könne. Sie wolle ein wenig umgestalten. Dem kräftigen, muskelbepackten, schweißnassen Mann mit bloßem Oberkörper bei dieser Arbeit zuschauen zu können, erregt die Frau offenbar sehr, jedenfalls engagiert sie ihn wenig später, eine weitere Wand einzureißen. Und noch eine. Wie soll man da in Ruhe die Pubertät durchziehen?
Aaron klammert sich an seine Kindheit, die alten Spiele, die Geheimzeichen, die er mit seinem Freund ausgemacht hat. Doch der ist ihm inzwischen ins Erwachsenenleben entkommen. Und die Houdini-Nummer, mit der Aaron einmal auftreten will, ist auch kein sicherer Anker. Eher eine todgefährliche Übung.
Ein Roman, der einen zum sehr langsamen Lesen zwingt. Nachdenklich, manchmal mit einem bitteren Humor, irgendwo zwischen Kinderlogik und herber Resignation. Nicht schlecht, aber "Stichwort: Liebe" und "Zickzackkind" haben mir besser gefallen.

Khaled Hosseini: Drachenläufer
Geschichte zweier ungleicher Freunde in Afghanistan - und eines großen Verrats. Ein wirklich beeindruckendes Buch, das sich wie im Rausch liest und unter die Haut geht. Amir und Hassan wachsen zusammen in Kabul auf. Aber Hassans Vater ist der Diener von Amirs Vater. Amir gehört zum Volk der Paschtunen, Hassan zur ethnischen Minderheit der Hazara, die von den Paschtunen unterdrückt und verfolgt werden. Doch zwischen beiden besteht ein besonderes Band, da sie die gleiche Hebamme hatten, also Milchbrüder sind. Dennoch: Amir würde Hassan niemals als seinen Freund bezeichnen. Wohingegen Hassan alles für Amir tun würde.
Beim Drachenkampf von Kabul sind sie ein eingespieltes Team, und Hassan ist Amirs Drachenläufer: Er hat ein untrügliches Gespür dafür, wo die im Kampf von ihren Leinen abgeschnittenen Drachen niedergehen. Und als Amir beim Turnier siegt, läuft Hassan los, um seinem verehrten Herrn den abgeschnittenen Drachen seines letzten Gegners zu bringen. Für Amir nur eine wertvolle Trophäe. Doch Hassan zahlt den höchsten Preis dafür, den ein Junge zahlen kann: Als er den Drachen findet und ihn Amir bringen will,. wird er von einer paschtunischen Jungengang bedroht. Er hätte freien Abzug erhalten, wenn er nur den Drachen herausgerückt hätte. Doch Hassan bleibt eigensinnig, will Amir nicht enttäuschen. Woraufhin die Jungen ihn anal vergewaltigen. Für Hassan ein furchtbares Erlebnis, schlimmer als der Tod. Für Amir, der heimlich zugesehen hat und dem Freund nicht beigesprungen ist, ein Moment des Versagens. Die Schuld, die Erkenntnis seiner Feigheit verändern Amir nicht zum Guten. Er kann Hassan, den er verraten hat, nicht mehr ertragen und versucht, ihn loszuwerden. Schließlich schiebt er ihm seine Uhr unter und behauptet, Hassan habe sie gestohlen. Daraufhin ziehen Hassan und sein Vater fort.
Erst Jahre später, als die Taliban in Afghanistan die Macht übernommen haben und Hassan gestorben ist, gibt es für Amir eine Chance, seine Schuld abzutragen. Und Geheimnisse aus der Familiengeschichte zu erfahren, die ihn völlig aus der Bahn werfen ...
Ein Roman von der Härte und strengen Logik einer griechischen Tragödie. Unausweichlich fordert das Schicksal die Schuld Amirs ein - ein hoher Preis, den er zuletzt auch bereit ist zu zahlen, auch wenn er extreme Schmerzen auf sich nehmen und dem Tod begegnen muss. Beeindruckend und beschämend zugleich die unerschütterliche Ergebenheit Hasans, der bis zum Tode seinen Freund Amir als besten Freund der Welt geschildert hat. Es ist mehr als korrekt, dass Amir versucht, dieses Unrecht wieder gut zu machen. Einzigartig.



Frank Adam: Hornblower, Bolitho & Co.
Ein Buch über die Zustände in der britischen Marine zur Zeit der großen Romanhelden Hornblower, Bolitho & Co. Ich hatte mir den Inhalt ein bisschen anders vorgestellt. Im Prinzip hatte ich eine literaturwissenschaftliche Analyse erwartet, eine Untersuchung des literarischen Aufbaus, Charakterstudien der Helden, etwas zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte.
Das vorliegende Buch setzt seinen Schwerpunkt aber darauf, die Welt vorzustellen, vor deren Hintergrund diese Seefahrer-Romane spielen. Es werden die unterschiedlichen Schiffstypen vorgestellt, die Art der Besegelung, der Aufbau der einzelnen Decks, die unterschiedlichen Kanonentypen und wie sie bedient werden. Man erfährt etwas über Dienstränge und Uniformen, über die Höhe des Solds in den einzelnen Diensträngen und über die Verteilung von Prisengeldern. Dazu gibt es kurze historische Abhandlungen und Zeittafeln zu den einzelnen Epochen und die Vorstellung verschiedener wichtiger Seeschlachten der britischen Marine. Der Autor berichtet über die Hintergründe der Seeleute, ihre soziale Herkunft, die Ausbildung der Offiziere und Mannschaften und mögliche Aufstiegschancen, aber auch darüber, wie streng die Disziplin an Bord war, welche Strafen wofür verhängt wurden, wie das mit dem Anspruch auf Rum war. Berichtet wird auch über Prostituierte, die mit kleineren Schiffen im Hafen zum Kriegsschiff übersetzten, weil die Seeleute meist das Schiff nicht verlassen durften. Und es gibt umfangreiches statistisches Material. Zum Beispiel über Art und Umfang von Verwundungen und Krankheiten an Bord. Nein, die Wahrscheinlichkeit, an einer Kugel oder einem Säbelhieb zu sterben, war in der britischen Marine zur Hornblower-Zeit äußerst gering, diese Todesursache rangiert unter "ferner liefen". Weit häufiger waren es Krankheiten, meist aufgrund mangelnder Hygiene, und entzündete Bagatellwunden, die bei Arbeiten an Deck entstanden, die den Seeleuten den Garaus machten. Dazu gibt es meist in jedem historischen Kapitel eine kurze Übersicht, wo welcher Romanheld von den geschilderten Ereignissen betroffen war. Also: Viel mehr über die literarische Arbeit Forresters habe ich jetzt nicht erfahren, aber Leuten, die mal einen Seekriegsroman schreiben wollen, kann ich dieses Buch wärmstens empfehlen.

Gabrielle C.J. Couillez: Die Rückkehr der Störche
Das Buch schildert laut Untertitel die bewegte Jugend des Georg Wilhelm Schimper, eines Kurpfälzer Naturforschers und Reisenden. Schimper stammte aus einem verarmten Adelsgeschlecht. Der Vater hatte sich allerdings aus dem Staub gemacht, Georg Wilhelm, sein Bruder und die alleinerziehend Mutter leben in bitterer Armut und müssen sehen, wie sie über die Runden kommen. Die Autorin schildert die Jugend des Protagonisten, also die Zeit, bevor er zu seinen Reisen aufbricht und berühmt wird.
Es sind Hungerjahre, die die Schimpers durchstehen müssen. Georg Wilhelm wird zu Verwandten geschickt und soll ein Handwerk lernen. Der Bruder ist für den Pastorenstand vorgesehen. Aber Georg Wilhelm kann von dem gleichfalls armen Meister nicht mehr beschäftigt werden. Und in seiner Heimatstadt findet er nach Ende der Lehre ebenfalls keine Anstellung. So bleibt nur die eine Chance, sich als Soldat zu verpflichten. Gleichzeitig muss er sich um die kranke Mutter kümmern, während der Bruder sein Studium vernachlässigt und sich stattdessen um Naturforschung bemüht und Pflanzen sammelt.
Es ist schwer zu entscheiden, wer von den beiden nun der größere Hallodri ist. Der Bruder, der sein Studium schleifen lässt und nur dem Hobby des Pflanzensammelns frönt, den daheimgebliebenen Bruder mit der kranken Mutter immer wieder um Geld anhaut, ihn gar zu erpressen sucht. Oder Georg Wilhelm, der tatsächlich seinen Bruder einmal finanziell übervorteilt hat und der sich nun in immer neuen Weibergeschichten sein Mütchen kühlt.
In zahlreichen Briefen der Brüder stellt die Autorin das Verhältnis der beiden sehr lebensnah dar und zeigt, wie es damals war, wenn man aus ärmlichen Verhältnissen kam und etwas zum Beißen brauchte. Doch schließlich kann Schimper seine Vorgesetzten überzeugen, dass er naturwissenschaftliche Studien machen und eine Studienreise in den Süden unternehmen muss. Der Roman endet, als das, wofür Schimper eigentlich bekannt ist, erst losgeht. Eine sehr interessante Vorgeschichte seiner Lebensleistung und eine gelungene Vorstellung eines inzwischen leider vergessenen Forschers.


© Petra Hartmann

Weitere Jahresrückblicke:
Teil I: Januar bis März 2020
Teil II: April bis Juni 2020
Teil III: Juli bis September 2020
Teil V: Dezember 2020


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Jahresrückblick Teil III: Juli bis September 2020

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 30 December 2020 · 791 Aufrufe
Jahresrückblick

Lese-Rückblick auf das dritte Quartal 2020. In diesem Sommer habe ich recht wenig gelesen. Dafür ist mit drei rotmarkierten Titeln auf dieser Liste die Zahl der Bücher, von denen ich euch ausdrücklich abraten möchte, diesmal besonders hoch. Ebenfalls auffallend hoch ist der Anteil an Hörbüchern. Der Rest ist erneut eine Mischung aus Phantastik, Haskala-Literatur, Antike, etwas Lyrik, dazu ein Thriller, Kinderbücher und Goslarisches. Schaut einfach mal rein, ob etwas für euch dabei ist ...

 

 

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

 

 

Juli

 

Philo of Alexandria: Flaccus
Eine englische Übersetzung des Textes. Die Schrift entstand zu der Zeit, als Philo Leiter einer Gesandtschaft aus Alexandria nach Rom war und sich bei Kaiser Caligula über judenfeindliche Ausschreitungen beschweren wollte bzw. um den Schutz des Kaisers für die jüdische Gemeinde ersuchte. Flaccus war Chef der Gegen-Delegation, und in dieser Schrift stellt Philo seinen Gegner näher vor.
Der Text ist eines der On-demand-Produkte, von denen ich einige hier schon übelst verrissen habe. Diese Textfassung aber ist absolut in Ordnung, die Buchstaben sauber umgewandelt, alles sehr lesbar. Das Büchlein ist sehr dünn, der Preis etwas höher als für ein vergleichbares "normales" Buch, aber ebenfalls in Ordnung. Etwas schade finde ich, dass absolut keine bibliografischen Angaben gemacht werden. Aus dem Buch geht weder hervor, welche Ausgabe die Quelle war, noch erfährt man den Namen des Übersetzers. Zitierfähig ist es also nicht. Aber besser als nichts.

 

Günter Abramowski: das leichte ist im schweren

 

Ina Frodermann: Die jüdische Aufklärung in Preußen. Im Spiegel der Berlinischen Monatsschrift 1783-1796
Ich gestehe, ich war etwas schockiert, als ich das Buch aus dem Briefkasten fischte. Ich hatte beim Bestellen nicht auf die Seitenzahl geachtet und sah nun, dass ich ein weniger als 100 Seiten umfassendes, on demand produziertes Taschenbuch zum Preis von 49 Euro erworben habe. Und nicht mal ein besonders innovatives, wegweisendes wissenschaftliches Werk, sondern offenbar eine studentische Abschlussarbeit.

Ich möchte die Verfasserin nicht diskreditieren. Sie hat sorgfältig ihr Thema abgearbeitet, ein bisschen schulmäßig zwar, aber ich bin sicher, dass sie dafür eine gute Note bekommen hat. Trotzdem: Die zweibändige, gebundene Ausgabe der Schrift über die "bürgerliche Verbesserung der Juden" von Christian von Dohm (siehe meinen Rückblick aufs zweite Quartal) mit insgesamt 640 Seiten und vorbildlichen Beigaben kostet nur 44,95 Euro. Das mal zum Vergleich.
Beim Googeln nach dem Verlag, dem VDM Verlag Dr. Müller, stieß ich auf den Artikel "Die akademische Müllhalde" in der Zeit. Der erklärt vieles.
Also, kurz zum Inhalt: Das Buch widmet sich der Haskala, der jüdischen Aufklärung, und zwar soll es besonders um die Haskala im Spiegel der Berlinischen Monatsschrift gehen. Die Autorin betrachtet dabei ausgewählte Artikel der Maskilim, der jüdischen Aufklärer. Mehr als eine Auswahl war sicher durch das zur Verfügung stehende Zeitfenster nicht möglich, eine Komplettanalyse erst recht nicht. Das ist in Ordnung. Weniger gefallen hat mir beim Lesen, dass ungefähr die Hälfte des Buches für Erklärungen der Vorgeschichte und der Grundlagen verwandt wird. Eher schulmäßig, das schrieb ich ja schon. Die Autorin referiert die Debatte über Dohms Schrift zur "bürgerlichen Verbesserung" und stellt andere Versuche zur Emanzipation der Juden vor, sie erläutert die Problematik der Judeneide und gibt kurz den Inhalt von Moses Mendelssohns Werk "Jerusalem" wieder. Sie stellt die Diskussion zwischen Mendelssohn und Michaelis dar und erklärt ausführlich, was Haskala eigentlich bedeuet. Außerdem referiert sie biografische Daten Mendelssohns, erzählt etwas über seine Bedeutung und über seine Positionen, über seine Freundschaft mit Lessing, sein Wirken, sein zweites großes Werk, den "Phädon".
So bleibt für das eigentliche Thema relativ wenig Platz. Im zweiten Teil widmet sie sich dann einigen wichtigen Texten jüdischer Aufklärer in der Berlinischen Monatsschrift. Dabei fokussiert sie sich auf Moses Mendelssohn, Salomon Maimon und Lazarus Bendavid sowie David Friedländer. Betrachtet werden Mendelssohns "Beantwortung der Frage: Was heißt aufklären?", David Friedländers "Rabbinische Parabel" und Texte zu Kant von Maimon und Bendavid. Weitere Themen sind die Debatte um die frühe Beerdigung bei Juden und ein Vorschlag, das Purimspiel abzuschaffen. Außerdem geht es um die Modernisierung des Schulwesens und die Gründung der jüdischen Freischule.
Sehr spannend fand ich den Vergleich zwischen jüdischem Außendiskurs und den innerjüdischen Debatten. Frodermann zieht in ihrer Schlussbetrachtung das Fazt, dass die Maskilim für die kontroverseren innerjüdischen Debatten nicht die Berlinische Monatsschrift als Podium wählten, sondern beispielsweise die hebräische Zeitschrift Hame'assef. Hier gab es durch die hebräische Sprache einen gewissen Schutzraum, und man konnte wirklich "unter sich" diskutieren. In der Monatsschrift dagegen diskutierten die Maskilim zum einen Themen der klassischen Spätaufklärung, mit denen sich auch christliche Aufklärer befassten, zum anderen versuchten die Maskilim dort, Verständnis für die jüdische Sondersituation zu finden und um Verbündete gegen antijüdische Angriffe zu werben.
Nochmal: Keine schlechte Arbeit, aber eben ein studentischer Text zu einem völlig überzogenen Preis.

 

Katharina Richmond: Die Entwicklung der jüdischen Erziehung während der Haskala
Und gleich noch ein zweites Mal reingefallen. Gleicher Bestellvorgang, anderer Verlag. Grin arbeitet nach demselben Prinzip wie der VDM Verlag Dr. Müller und veröffentlicht studentische Arbeiten zu horrenden Preisen. Dies Büchlein hat 10 Seiten, davon sieben Seiten Text. Kostenpunkt: 9,99 Euro. Der Studentin, die dieses Referat verfasst und auch ordentlich zitiert und viel Sekundärliteratur benutzt hat, gönne ich die Tantiemen von Herzen, aber geärgert habe ich mich doch. Und auf Grin werde ich nie wieder reinfallen.

 

Paul Wendland: Die philosophischen Quellen des Philo von Alexandria in seiner Schrift über die Vorsehung. Berlin, 1892. (Reprint Forgotten Books 2018.)
Rechtefreier Text aus der Public Domain, den Scan erhielt der Verlag für umme und warf ihn dann als Book on demand auf den Markt.
Dieser Nachdruck ist ein absoluter Reinfall. Offenbar wurde das Original falsch eingescannt oder die Druckvorlage schlecht formatiert. Jedenfalls fehlen auf jeder rechten Seite rund zwei Zentimeter vom Zeilenende, sodass nur die linken Seiten problemlos lesbar sind. Ich habe das Buch leider ziemlich lange auf meinem SUB liegen lassen, bevor ich es aufschlug, und da war es für einen Umtausch zu spät. Also: Finger weg davon. Ich hole mir mal irgendwann das Original in der Landesbibliothek, wenn Corona vorbei ist ...

 

Reimer Boy Eilers: Die Schiffbrüchigen von Tumbatu

 

 

August

 

Arno Herzig, Hans Otto Horch, Robert Hütte (Hrsg.): Judentum und Aufklärung
Eine sehr vielseitige und interessante Aufsatzsammlung, die ich mit viel Gewinn gelesen habe. Vor allem, da auch einige Themen enthalten sind, die ich bislang gar nicht auf dem Schirm hatte. Spannend fand ich den Aufsatz über den Dialog zwischen jüdischen Ärzten und Rabbinern über das Thema Beschneidung, in dem zwei Gruppen, die beide hohe Kompetenz und Autorität mitbrachten, miteinander ins Gespräch kamen. Ebenfalls interessant die Diskussion um verschiedene Architekturstile beim Bau von Synagogen, entweder stark an christlichen Bauten orientiert oder eben ganz bewusst als an den Orient erinnernder Gegenentwurf. Man erfährt etwas über die Rolle des Lehrers als Verfasser und Akteur der Ghetto-Literatur, über Hofjuden als Vorreiter und Wegbereiter, die durch ihre Kontakte und ihren Einfluss viel bewegen konnten. Außerdem etwas über die jüdische Freischule in Berlin und ihre Programmschriften, über eine Huldigungsrede an den Preußenkönig und über israelitische Kreisversammlungen in Bayern. War spannend und las sich sehr flüssig, viel gelernt.

 

Hans-Joachim Pülm: Ruß oder Hohlwanges Sicht der Dinge
Ein Krimi, verfasst von einem ehemaligen Goslarer. Es geht um einen Schornsteinfegerlehrling, der ein Verbrechen beobachtet. Eine Buchvorstellung von mir gibts in der Goslarschen Zeitung. Wer den Text lesen mag, findet ihn hier (hinter der Bezahlschranke):
https://www.goslarsc...id,1522115.html

 

Aufgeben ist keine Option! Die Storys zum Marburg-Award 2020
Woher wusste der Marburger Verein für Phantastik nur, dass wir in diesem Jahr wirklich jede positive Geschichte brauchen, die wir kriegen können? Die Ausschreibung zum Marburg-Award 2020 war ein Aufruf zum Schreiben von phantastischen Storys der mir noch völlig unbekannten Genres Solar Punk, Hope Punk oder Noble Bright. Gesucht waren optimistische Beiträge, die Mut machen und positiv in die Zukunft blicken. Herausgekommen ist eine sehr lesenswerte Anthologie mit spannenden Geschichten. Allerdings, das muss ich auch zugeben, Literatur scheint mir doch etwas eher auf das schlechte Ende, das großartige Scheitern ausgelegt zu sein. Irgendwie fehlte mir dann doch die Tragik. Trotzdem: ein guter Ansatz, sehr spannend.

 

Antonia Michaelis: Wind und der geheime Sommer
Ein zauberhaftes Buch, sowohl die Geschichte als auch die Illustrationen. Wind, die Titelheldin, ist ein seltsames Mädchen, das allein auf einem wilden Gelände hinter einem Bauzaun lebt und Geige spielt. Und: Wind kann zaubern. Oder jedenfalls so lebendig erzählen, dass all die abenteuerlichen Landschaften, die sie ihren Freunden beschreibt, wirklich und wahrhaftig spürbar werden. Afrikanische Savannen, Weltmeere, ein geheimnisvoller Cenote - eine überflutete Höhle im Urwald - oder ein Tempel südamerikanischer Indianer, die Kinder stürzen von einem Abenteuer in ein anderes, eines spannender und zauberhafter als das vorherige.
Aber: Winds Zauberzeit ist begrenzt. Wenn die Sommerferien zu Ende sind, ist alles aus, sagt sie. Ob sie sterben wird oder nur wegziehen? Ihre Freunde wissen es nicht, aber vor allem für John-Marlon ist die Vorstellung beängstigend. Wer verstreut die sonderbaren Blütenblätter in Winds Welt und dringt sogar in ihr Baumhaus vor? Die dunklen Gestalten, die manchmal auf dem Gelände auftauchen, sind jedenfalls keine Abenteuer-Figuren aus Winds Märchen.
Liebenswürdig, melancholisch, zauberhaft, ein echter Michaelis eben.

 

 

September

 

Linda Budinger: Der siebte Schrei (e)
Packender Thriller um einen Serienmörder, der kleine Jungen entführt und zu Tode quält. Sechsmal hat der Mann bereits zugeschlagen. Fünf Jungen starben. Der sechste konnte entkommen. Aber der sechste Junge ist stumm, er war es schon vor der Entführung, und nun ist er verstört und traumatisiert, sodass seine Aussagen bei der Suche nicht sehr hilfreich sind. Dann wird ein siebter Junge entführt. Für die Polizei beginnt ein Rennen gegen die Zeit. Ist der siebte Junge noch am Leben, und kann er gerettet werden? Ein FBI-Agent versucht noch einmal, mit dem entkommenen Jungen ins Gespräch zu kommen - in der Hoffnung, doch noch Informationen über den Täter zu erhalten.
Linda Budinger versteht viel von Psychologie und Charakterzeichnung. Die Begegnung und die Gespräche zwischen dem neunjährigen Steve Wells und dem Special Agent Deacon Hamilton sind unglaublich intensiv und berührend. Ja, es ist ein Thriller, Gewalt und Action gehören auf jeden Fall mit dazu bei diesem Fall und diesen Ermittlungen, und es sind ausgesprochen harte Szenen dabei. Linda Budinger kann das sehr gut. Aber das, was diesen Roman vor allem ausmacht, was die Geschichte wirklich unter die Haut gehen lässt, das ist die Spannung, die entsteht, wenn die unterschiedlichen Personen aufeinandertreffen. Wenn Hamilton versucht, in die stumme Welt Steves vorzudringen. Wenn ein tumber, karrieregeiler Kollege Steve "hart rannimmt", um die Ermittlungen zu beschleunigen, der daraufhin wieder vollkommen blockiert. Wenn Steve bei seiner Pferdetherapie langsam wieder zu sich zurückfindet, Rückfälle erlebt, neues Vertrauen fasst. Und wenn der gestörte Mörder sich seiner besonderen Liebe mit Hingabe widmet.
Langsam fügt sich ein Puzzleteil zum anderen. Und endlich erkennt Deacon etwas Ungeheuerliches: Steve entkam dem Mörder nicht trotz seiner Behinderung, sondern gerade weil er stumm ist ...
Beeindruckend.
Eine Kleinigkeit am Rande: Ein bisschen schmunzeln musste ich, als die Autorin einen klassischen Lapsus deutschsprachiger Schriftsteller machte, die ihre Geschichten im englischsprachigen Raum spielen lassen: Deacon und Steves Reitlehrerin Marina River kommen einander durch ihren gemeinsamen Kampf für den Jungen so nahe, dass sie irgendwann offiziell ins "vertrauliche Du" wechseln. Dann steht einer intensiveren Beziehung ja nichts mehr im Wege ...

 

Hans Baumann: Orpheus
Sehr schön illustriertes Kinderbuch, das inzwischen 30 Jahre alt ist. Ich habe es auf Amazon Marketplace gefunden, und da ich Baumanns Kinder- und Jugendbücher sehr schätze, habe ich natürlich zugegriffen. Da es sich um ein Bilderbuch handelt, wird keinen wundern, dass das dramatische Finale der Orpheus-Sage ausbleibt. Der Mann wird nicht am Ende von schwärmenden Mänaden zerrissen. Er sitzt am Ende traurig da, als er seine geliebte Eurydike ein zweites Mal verloren hat, doch dann kommt ein Hirte, der den wundersamen Sänger um Hilfe bittet: Ein furchtbarer Löwe bedrohe sein Dorf, erzählt er. Und Orpheus steht auf, nimmt seine Leier und folgt dem Hirten, um den Löwen zu zähmen.
Erzählt wird die Geschichte eines jungen Mannes, der ein wenig anders als die anderen ist. Verstoßen von seinem Vater, weil er nicht Bogenschießen, sondern die Leier spielen will. Ein Mann, der die wilden Tiere mit seinem Leierspiel zähmt, von einer jungen Taube begleitet wird und einen Löwen als Freund gewinnt. Als Teilnehmer des Argonautenzugs tut sich Orpheus besonders hervor. Seine Musik gibt den ermatteten Ruderern neue Kraft, weckt den Wind, stillt Stürme, teilt einen Fluss.
Es ist seine Taube die den Flug zwischen den zusammenschlagenden Donnerfelsen hindurch wagt, dann bannt Orpheus die Felsen und lässt sie stillstehen, sodass die Argo sicher hindurchgleiten kann. Schließlich singt er sogar den Drachen in den Schlaf, der das Goldene Vlies bewacht. Ja, und dann die große Liebe, der Tod Eurydikes, der Weg durch die Unterwelt. Sehr schön. Solche Kinderbücher gibt es heute wohl nicht mehr ...

 

L. Frank Baum: OZ - The complete edition (e)
- Teil 1: The wonderful wizzard of Oz

Kostenloses eBook, das ich mir auf den Kindle geladen habe. Es enthält die komplette Oz-Serie, alle 14 Teile. Gebt zu, dass es so viele gibt, habt ihr nicht gewusst.
Teil 1 ist wahrscheinlich allerseits bekannt. Dorothy wird durch einen Tornado samt Farmhaus und Hund Toto ins wundersame Land Oz geweht, wird als Retterin betrachtet, da ihr Haus auf eine böse Hexe gefallen ist und diese erschlagen hat, und muss sich nun auf die Suche nach dem Zauberer von Oz machen, der sie vielleicht wieder nach Hause bringen kann. Unterwegs trifft sie eine Vogelscheuche, die sich selbst für strunzdumm hält und gern Verstand hätte, einen furchtsamen Löwen, der gern mutiger wäre, und einen Holzfäller aus Zinn, der sich ein Herz wünscht. Das große amerikanische Märchen. Und den Film kennt vermutlich auch jeder. Die Sprache fand ich sehr einfach, ich kam mit meinem Englisch gut durch und hatte keinerlei Probleme. Klar, ich wusste ja auch, worum es geht. Ab Folge drei gab es etwas mehr zu knabbern, aber das hört ihr dann im nächsten Quartal ...

 

 

Hörspiel/Hörbuch

 

Abenteuer & Wissen: Ludwig van Beethoven. Musik für eine bessere Welt
Das wird auch Zeit, dass ich im Beethovenjahr endlich mal dem Meister meine Reverenz erweise. Das Hörspiel stammt aus der Reihe "Abenteuer & Wissen", die ich in der Zeit, als die Hörspiele noch von Maja Nielsen stammten, sehr geliebt habe. Das hier ist, sagen wir, redlich. Es wird sehr redlich die Lebensgeschichte des Komponisten abgearbeitet, die Pflichtstationen werden besucht. Vom kleinen Jungen, der Eier stahl und nachts von seinem Vater mit Klavierunterricht gequält wurde, zum selbstbewussten Genie, das auch der kaiserlichen Kutsche in Teplitz nicht auswich: Goethe tritt zur Seite und verneigt sich, Beethoven bleibt stehen, und die Kaiserin muss ihm ausweichen ... Von der Formel "Mozarts Geist aus Haydns Händen" bis zum Heiligenstädter Testament, vom tauben Genie, das die neunte Sinfonie dirigiert und nach der Aufführung umgedreht werden muss, damit es den tosenden Beifall sehen kann. Alles da. Aber es fehlt einfach der Zauber. Und irgendwie kommen die Abgründe und die Dramatik nicht rüber. So bleibt es die Geschichte eines weitherzigen Menschenfreundes, die jemand in hölzerne Dialoge umgesetzt hat, damit Kinder sie auf eine vermeintlich kindgerechte Weise lernen sollen. Alles inhaltlich ganz okay, aber es hat einfach nicht das gewisse Etwas.

 

André Wiesler: Protektor - Monsterjäger mit Sockenschuss
Bingo - Volltreffer! Das war das absolut Genialste, was ich dieses Jahr gehört habe. Die Konstellation "Loser wird berufen, die Welt zu retten, und schafft es auch" ist zwar nicht neu, aber das, was André Wiesler daraus macht, ist einfach nur umwerfend.
Sein Held, Klaus Holger, Langzeitarbeitsloser, der schon lange die Kontrolle über sein Leben verloren hat, Zyniker und Pechvogel, ist vollkommen perplex, als die bildschöne Veronique ihn anspricht und abschleppen will. Und Veronique, altgediente Monsterjägerin schon aus Zeiten der Inquisition, ist genau so perplex, als sie kapiert, zu was für einem Volltrottel ihn ihre übersinnlichen Begleiter geführt haben. Dieser Idiot soll tatsächlich ihr Nachfolger sein und die Menschheit vor Dämonen und Teufeln retten?
Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, als Klaus Holger das mächtige Protektorensiegel in die Handfläche eingebeizt bekommt. Und es wird auch nicht besser, als sich sein "Tierbegleiter" zu ihm gesellt. Jeder Protector hat ein seelenverwandtes Tier an seiner Seite, das ihn im Kampf gegen das Böse unterstützt. Veroniques animalischer Seelenfreund war ein stolzer Silberlöwe. Das Entsetzen ist groß, als vor Klaus Holgers Tür plötzlich eine Kuh auftaucht, die bei ihm einziehen will. Aber nützlich ist diese Kunigunde mit ihren großen treuen Augen und ihrem noch größeren Herzen allemal. Zum Beispiel, wenn man einen Rammbock braucht, um eine Tür zu aufzusprengen, hinter der der eigene Vater Messdiener bei einem satanischen Ritual ist und sich an einem Huhn vergeht.
Verdammt nochmal, warum habe ich dieses Hörbuch erst jetzt entdeckt. Kauft! Dieses! Hörbuch!

 

Abenteuer und Wissen: Alexander von Humboldt
(Nach dem Beethoven-Hörspiel stieß ich auf die "Kennenlernbox" der Reihe "Abenteuer und Wissen" und dachte mir, man kann es ja nochmal versuchen, auch ohne Maja Nielsen. Ich bekam also drei CDs: Alexander von Humboldt, Albert Einstein und Edmund Hilary. Das Angebot ist sehr günstig.)
Ich habe es ja eigentlich mehr mit Wilhelm von Humboldt, aber ab und zu bin ich doch auch mit seinem kleinen Bruder unterwegs. Das vorliegende Hörspiel beginnt mit einem abenteuerlichen beinahe-Schiffbruch auf dem Orinoco und blendet dann zurück und erzählt, wie der Wissenschaftler und Weltreisende dorthin kommen konnte. Los geht es mit der Kindheit in Tegel, wo die beiden Brüder von einem Hauslehrer erzogen werden, Wilhelm ist recht fleißig beim Lernen, Alexander träumt sich davon in die Welt. Doch bis er dahin kommt, fließt noch viel Wasser den Orinoco hinunter.
Gezeichnet wird das Bild eines Mannes, der sehr offen und wertschätzend auf seine Mitmenschen, auch auf Angehörige anderer Völker und Kulturen, zugeht, und ich denke, dass das der Zug ist, den das Hörspiel wirklich am besten eingefangen hat. Ein Europäer, der nicht als Eroberer in die neue Welt fährt, sondern ernsthaft am Gespräch interessiert ist, der von den dortigen Menschen lernen will und der auch an die Natur nicht mit dem Skalpell, sondern mit Bleistift und Skizzenbuch herangeht, Zusammenhänge begreift, Ökosysteme und Klimazonen erkennt und versteht.
Ein wenig gewurmt hat es mich, dass der Autor den großen Bruder Wilhelm so herablassend über den kleineren reden lässt. Naja, die beiden werden als Kinder schon so oder so ähnlich mit einander umgegangen sein. Letzten Endes sind beide aber ganz besondere Menschen geworden.
Übrigens, eine interessante Duplizität der Ereignisse: Im November habe ich ein Buch über Wilhelm von Humboldt gelesen, in dem erwähnt wird, dass er einmal beinahe ertrunken wäre, wenn ihn ein Freund nicht gerettet hätte. Hier im Hörspiel ist die Szene, als Alexander beinahe im Orinoco ertrunken wäre, wenn ihn sein Freund Bonpland nicht herausgefischt hätte, sehr eindrucksvoll dargestellt. So ist das wohl mit Geschwistern, vieles wiederholt sich ...

 

Abenteuer und Wissen: Albert Einstein
Ordentlich erzählte Lebensgeschichte eines genialen, etwas weltfremden Mannes, der Atome und die Lichtgeschwindigkeit verstand, aber es nicht auf die Reihe brachte, sein Haar ordentlich zu kämmen oder gleichfarbige Socken anzuziehen. Tragisch die Geschichte mit seiner ersten Ehefrau Milena, dem vorehelichen Kind und ihrer wohl deswegen verpatzten Prüfung. Sehr gut getroffen seine Ablehnung von Uniformen und Gleichdenkerei. Ein Mensch, der für Menschenwürde und humanistische Werte eintrat - und dann der große Sündenfall, als die Nazis immer stärker wurden und er dem amerikanischen Präsidenten zum Bau der Atombombe riet. Das Hörspiel ist lang und enthält viele Details. Aber es fehlt auch hier wieder das Berührende, der Haken, der hängen bleibt und unter die Haut geht. Es ist okay, nicht mehr und nicht weniger. Aber mir fehlt das Mehr.

 

Abenteuer und Wissen: Edmund Hillary
Geschichte der Erstbesteigung des Mount Everest. Und was davor war. Man erfährt einiges über Hillarys Jugend, seine furchtbaren Verbrennungen bei einem Bootsunfall, seine Frau und die Faszination des Bergsteigens. Und auch das ist ein wichtiger Faktor: Geld. Denn ein guter Freund und mindestens ebenso guter Bergsteiger aus Hillarys Team kann dem Ruf an den Everest einfach nicht folgen, weil ihm die nötige Kohle fehlt. Dann ist es tatsächlich so weit: Edmund Hillary und Tenzing Norgay machen sich auf zum höchsten Gipfel der Welt.
Interessant ist auf jeden Fall, dass die Hörspiel-Macher als Gesprächspartner Reinhold Messner gewinnen konnten, der an einigen Stellen die Situation Hillarys kommentiert und eigene Erfahrungen als Everest-Besteiger beisteuert.
Es ist nicht schlecht. Aber gerade hier ist der direkte Vergleich zu Maja Nielsens Hörspielen möglich: Kennt ihr das packende, unter die Haut gehende Hörspiel, das sie über die Everest-Expedition von George Mallory und die Suche nach seiner Leiche gemacht hat? Die Gänsehaut davon habe ich noch immer.

 

© Petra Hartmann

 

Weitere Jahresrückblicke:
Teil I: Januar bis März 2020
Teil II: April bis Juni 2020
Teil IV: Oktober und November 2020
Teil V: Dezember 2020




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Jahresrückblick II: April bis Juni 2020

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 29 December 2020 · 585 Aufrufe
Jahresrückblick
Willkommen zum zweiten Teil meines Jahres-Leserückblicks. Im zweiten Quartal 2020 habe ich den Spagat zwischen Karl May, Turnvater Jahn, Gertrude Stein und Don Juan versucht. Außerdem habe ich mich intensiv mit Christian von Dohm befasst, zu dessen 200. Todestag ich unbedingt einen Artikel schreiben musste. Dazu ein wenig Goslar-Literatur, Zeitreisen und Alternativ-Historie, Antike, Comics, erneut Haskala. Ach ja, und ich habe sehr viel über Aale gelernt.

Viel Spaß beim Lesen. Vielleicht ist ja etwas für euch dabei.

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.


April

Arno Schmidt: Sitara und der Weg dorthin
Hm. Arno Schmidts ironisch-sarkastische Abrechnung mit Karl May und dessen Werken stand schon seit Jahrzehnten auf meiner To-do-Liste. Eigentlich habe ich das Buch schon vor einigen Jahren aus der Bibliothek ausgeliehen, als ich einen Artikel über das Thema "Gegenerde" schrieb und dabei auch auf den Stern Sitara als Mays Gegenerde eingehen wollte. Ich stellte jedoch ziemlich schnell fest, dass es in Schmidts Buch um etwas ganz anderes ging, und verschob dann die Lektüre. Jetzt habe ich es mir antiquarisch besorgt und endlich gelesen.
Worum geht es? Arno Schmidt will Karl May, einen der Lieblings-Trivialschriftsteller der braven Deutschen, als Homosexuellen bloßstellen und nimmt sich dafür schwerpunktmäßig den Wildwestteil des May'schen Kosmos vor. Dabei befasst er sich mit Personenbeschreibungen - etwa der sehr liebevollen Beziehung zwischen Winnetou und Old Shatterhand, aber auch mit Männern in Frauenkleidern wie der Tante Droll und ähnlichem - sowie mit Wortuntersuchungen und mit Mays Landschaftsschilderungen.
Okay, die Winnetou-Old Shatterhand-Sache leuchtet tatsächlich ein, deckt sich auch mit meinen eigenen Leseerfahrungen. So zärtlich, wie dieser Ich-Erzähler den Apachen beschreibt, redet tatsächlich nur ein verliebtes Turteltäubchen, und Schmidt stellt eine ganze Menge Szenen zusammen, bei denen man sich des Gedankens nicht erwehren kann: Oha, ja klar, die haben Sex miteinander.
Etwas fragwürdig scheint mir Schmidts Methode beim sprachlichen Teil. Da werden seitenlang Zitatstellen angeführt, in denen der Verfasser alles kursiv gesetzt oder mit einem Ausrufungszeichen versehen hat, was irgendwie auf Wörter wie Anus oder Po oder Hintern hinweisen könnte. Wenn Winnetou "indianische" Kleidung trägt, zieht Schmidt die Silben als "in-di-anisch" auseinander. Alles was imposant oder imponierend erscheint, alles was empor steigt, wird von Schmidt als Hinweis auf Analsex aufgelistet. Männer, die hinter einander gehen oder gar reiten dito. Überhaupt: Reiten - da kann ja nur Geschlechtsverkehr gemeint sein. Verdammt, was sollen sie denn machen, wenn sie die Kiowas auskundschaften wollen? Sollen sie die U-Bahn nehmen?
U-Bahn?, würde Schmidt sofort nachfragen. Ist das nicht dieses längliche harte Ding, das in den dunklen Tunnel rein und wieder raus fährt? Schon mal überlegt, was eine U-Bahn für Sie bedeutet, Frau(!) Hart(!) Mann(!)?
Jedenfalls ist die Po-Wort-Sammlung sehr akribisch zusammengetragen. Wenn Schmidt etwas macht, dann macht er es gründlich. Ich glaube nicht, dass ihm im Gesamtwerk Mays irgend ein Hintern entgangen ist. Wenn ich mal viel Zeit habe und nichts Besseres zu tun weiß, führe ich mal eine ähnliche Analyse (Anal-yse) anhand des Telefonbuchs von Hannover durch und weise nach, dass die Telekom für'n Arsch ist.
Zur Höchstform läuft Schmidt aber auf, wenn er May beim Malen homoerotischer, analfixierter Landschaften beschreibt beziehungsweise erwischt. Jeder Doppelberg ist ein Hintern, jeder Taleinschnitt die Pofalte, jedes stinkende Wasserloch oder dünne Rinnsal darin ... ach, das brauche ich nicht weiter auszuführen. Jeder Kaktus oder Solitärbaum ist natürlich ein Phallus, jeder Busch oder Wald steht für Schambehaarung. Ein Becken, eine Oase im Kaktusfeld, naja, mir fällt absolut kein in der Natur vorkommendes Phänomen ein, das Schmidt nicht sexuell interpretieren kann. Was hätte er wohl aus meinen movennischen Landschaften gemacht, aus dem Lilienmeer oder dem Schottergebirge?
Das Ganze erinnert an das lückenlose Wahnsystem eines Paranoikers. Wobei Schmidt seinem Autor zugute hält, dass dieser vermutlich diese Landschaftsbilder "unbewusst" entsprechend seiner Neigung gemalt hat. Nicht ganz klar war mir allerdings, was Schmidt - bewusst oder unbewusst - in dieses Wahnsystem hineingetrieben hat. Hat er es nicht gemerkt? Jedenfalls ist es eine enorme Fleißarbeit. Den Gesamt-May durchzukauen und alle Stellen zu unterstreichen, an denen die Silbe "po" vorkommt, das deutet schon auf eine gewisse Fixiertheit hin.
Fazit: Sehr interessant, aber auch ziemlich irre.


Peter Hacks: Ascher gegen Jahn. Ein Freiheitskrieg
Dieses Buch ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: Zum einen natürlich wegen des Inhalts, zum anderen aber wegen der Ausstattung. Denn der Essay, in dem Hacks sich mit Ascher auseinandergesetzt hat, kommt nicht als einsames kleines Büchlein daher, sondern als Teil einer Dreierbox. Zusammen mit dem Buch von Hacks befinden sich in dem Schuber ein Buch mit vier Schriften von Ascher und ein Buch mit Jahns Schrift über das "Deutsche Volkstum" (beide siehe unten). Es handelt sich um drei Hardcover-Bände mit Schutzumschlägen in unterschiedlichen Farben. Aschers vier Schriften und Jahns "Volkstum" sind Hacks Essay sozusagen als Dokumente mit beigegeben, sodass man den Konflikt, den Hacks schildert, anschließend an den Originaltexten nachvollziehen kann.
Der Essay selbst kommt sehr leichtfüßig und elegant daher, lässt sich gut und flüssig lesen, stellt mit Ascher einen Mann vor, der relativ unbekannt und inzwischen fast völlig vergessen ist, und macht durch seine spannende Darstellung durchaus Lust, sich wieder mehr mit Ascher zu befassen.
Hacks geht aus von den beiden Dingen, die heute einem gebildeten Menschen noch über Ascher im Gedächtnis sein könnten. Das ist zum einen der Abschnitt in Heines "Harzreise", in der Ascher als Vernunft-Doktor überzeichnet dargestellt wird und dem Reisenden in einem Alptraum als Gespenst erscheint, das ihm gleichzeitig äußerst vernünftig und im Sinne der Aufklärung darlegt, dass es keine Gespenster gibt. Die andere Erinnerung, die heute noch mit Ascher verbunden ist, ist die Bücherverbrennung auf dem Wartburg-Fest, bei der Aschers Schriften verbrannt wurden. (Siehe auch meinen Eintrag im 4. Quartal 2019, als ich begann, Ascher wiederzuentdecken.)
Hacks analysiert, warum die Wartburg-Leute einen solchen Hass auf Ascher hatten, und legt die Konflikt-Linien offen. Vor allem war es die Auseinandersetzung mit Fichte, die Ascher auf die schwarze Liste der deutschtümelnden Burschenschafter brachte. Ascher hatte Fichte wegen dessen offen antisemitischer Haltung scharf angegriffen, vor allem in seiner Schrift "Eisenmenger der Zweite". Aber auch seine "Germanomanie", mit der Ascher gegen die immer einflussreicher werdenden Nationalisten und ihre Juden- und Franzosenfeindschaft zu Felde zog, erregte den Zorn der Burschenschafter, was zur Verbrennung der Schrift führte.
Allerdings legt Hacks auch dar, dass der tumbe Turnvater Jahn wohl eher ausführendes Organ war, als er Aschers Schrift ins Feuer warf. Die eigentlichen Drahtzieher im Hintergrund waren demnach Fichte und seine akademischen Verbündeten.
Ein sehr schöner, gediegener, sprachlich und inhaltlich gelungener und lehrreicher Essay. Einen halben Punkt Abzug gibt es für die fehlenden Fußnoten. Aber man kann sich zumindest bei den Ascher-Zitaten die betreffenden Stellen ja selbst raussuchen.

Saul Ascher: 4 Flugschriften
- Eisenmenger der Zweite
- Napoleon
- Die Germanomanie
- Das Wartburgfest

Ich hatte bei der Vorstellung der anderen Ascher-Ausgabe im vorigen Quartal ja schon mein Befremden darüber geäußert, dass darin die "Germanomanie" nicht enthalten war. Der Grund scheint zu sein, dass es auf dem Markt damals schon eine Ascher-Ausgabe gab, die diese Germanomanie enthielt, nämlich dieses Buch mit dem Titel "4 Flugschriften". Germanomanie und Wartburgfest hatte ich vor Urzeiten in der Uni schon gelesen. Ich hatte mich damals in meiner mündlichen Magisterprüfung in Politikwissenschaft über das Hambacher Fest prüfen lassen und mich bei der Vorbereitung auch mit dem "anderen" politischen Fest befasst. So war mir Aschers Schrift auf den Schreibtisch gekommen, und ich las die Germanomanie gleich mit, beide gab es als Kopiervorlagen in der alten Germanisten-Bibliothek. Lange her.
Von den vier Schriften in diesem Buch sind drei vor dem Wartburgfest entstanden. Die vierte ist Aschers Reaktion auf die Bücherverbrennung. Die ersten drei sind der Grund, dass Ascher ins Visir der Germanomanen geriet.
Eine positive Darstellung Napoleons, verbunden mit dem Untertitel "Über den Fortschritt der Regierung", konnte natürlich den Franzosenfeinden nicht gefallen. Ascher betrachtet Napoleon als den Vollender der Aufklärung, ein Gedanke, der sich ähnlich auch bei Heinrich Heine wiederfindet, wenn er in der "Romantischen Schule" die Aufklärung als den "Traum von der Französischen Revolution" bezeichnet. Vor allem aber mussten die anderen beiden Schriften provozierend auf die Wartburger und die Köpfe dahinter gewirkt haben. In "Eisenmenger der Zweite" greift Ascher Fichte an. Der Titel geht zurück auf Johann Andreas Eisenmenger (1654 bis 1705), den Begründer/Wegbereiter des neuzeitlichen Antisemitismus. Eisenmenger hatte in seiner Schrift "Entdecktes Judentum" übelste Stereotype und antijüdische Behauptungen zusammengetragen und gewissermaßen eine Bibel der Pogrom-Veranstalter erstellt. Die Geschichten über Brunnenvergiftungen und Ritualmorde hatten fatale Folgen für die Juden, das Buch war quasi so eine Art "Hexen-Hammer" der Antisemiten. Nun erinnert Ascher an diesen Menschen und stellt Fichte als dessen Nachfolger vor. Die "Germanomanie" schließlich greift die Nationalisten an, die mit dem Rassebegriff operieren und wert auf ihre deutsche - besonders: nicht jüdische - Abstammung legen. Gegner ist unter anderem die "Christlich-Deutsche Tischgesellschaft", deren Mitglied nur jemand werden konnte, der nicht von einem Juden abstammte. (Mitglieder waren unter anderem Achim von Arnim, Clemens Brentano, Clausewitz, Savigny und eben Fichte). Mitglieder der Gesellschaft hatten einige üble Schmähungen gegen Juden, erst in Tischreden und dann in Schriften, von sich gegeben. Und da es nicht nur ein paar spintisierende Sonderlinge waren, sondern Vordenker der Romantik und der Burschenschaften, waren diese Leute ziemlich gefährlich. Das gefährlichste von allem war, dass in dieser Zeit und in diesen Kreisen Judentum nicht mehr religiös, sondern rassisch definiert wurde. Bis zu dieser Zeit war, bei aller Verfolgung, der Notausgang der Taufe immer noch möglich. Wir kennen die Folgen der Ideologie, die hier ihren Anfang nahm. Ascher schreibt gegen die Germanomanen an, gegen Jahn, Rüh, Fichte, Arndt. Und er wünscht sich sogar, dass deren Schriften gegebenenfalls zensiert und aus dem Verkehr gezogen werden. Wobei Ascher als Kind der Aufklärung und Vernunftoptimist immer noch glaubt, dass sich die Vernunft gegen die dumpfen völkischen Kreise durchsetzen wird.
"Die Wartburgs-Feier" schließlich ist eine Schrift der Ernüchterung. Ascher ist sehr betroffen angesichts der Verbrennung seiner "Germanomanie". Ja, es habe wohl so kommen müssen, dass diese nationalistischen Kreise erstarken, meint er. Er meint auch, dass dies auf Napoleon und eine Art notwendigen Gegendruck zurückzuführen ist. Dass Hass gegen alle Ausländer nach Meinung der Wartburger die erste Tugend der Deutschen sein soll, missfällt dem Verfechter eines weltoffenen und vernunftgeleiteten Kosmopolitismus zutiefst. Ascher, ganz Soziologe, versucht, das Phänomen zu analysieren. Dass er selbst tief betroffen ist, verschweigt er nicht. Ein bisschen resigniert ist er. Ganz hat er die Hoffnung jedoch nicht aufgegeben. Seine Hoffnung ist auch in der Spaltung der Religionen begründet, er hofft auf einen neuen Geist der Duldung und einen Weltbürgersinn ...
Die Ausgabe ist handlich, die vier Texte passend zum Gesamt-Thema gut ausgewählt und Aschers Argumentation ist durchaus spannend und interessant. Etwas schade ist, dass der Leser wirklich nur den nackten Text erhält. Eine kurze Einführung zu den jeweiligen Texten wäre schön gewesen, ein Kommentarteil erst recht.

Friedrich Ludwig Jahn: Deutsches Volkstum
Ziemlich anstrengendes, schwerlötiges Buch, das dickste in der Dreierkassette und auch das, das mir am wenigsten Spaß beim Lesen gemacht hat. Turnvater Jahn legt dar, was ein Volk ist, wer alles dazu gehört und wer nicht, stellt ein Konzept für Schulbildung auf und für die Wehrertüchtigung. Das Ganze in einer bewusst "deutschen" Sprache, fremdwortvermeidend, urwortsuchend. Ein Vielvölkerstaat ist ihm beispielsweise ein "Völkermang".
In seiner Ablehnung der altdeutschen Ständegesellschaft und seiner Forderung allgemeiner Bürgerrechte mutet er durchaus modern an. Die deutsche Einheit haben in Zeiten, als Deutschland aus mehr als drei Dutzend Staaten bestand, auch Heinrich Heine und Hoffmann von Fallersleben erträumt. Auch seine Vorschläge, das Schulwesen zu reformieren, sind, obwohl sie weder mit Herder noch mit Humboldt mithalten können, durchaus interessant. Aufstiegschancen für Menschen auch aus weniger begüterten Familien sind eine sehr sympathische Forderung. Aber dieser Nationalismus und Hass auf alles "Fremde", auf "Blendlingsvölker", der Antisemitismus und das Hochjubeln des deutschen Volks liest sich ziemlich eklig.
Gefehlt haben mir, wie auch bei Ascher, ein Kommentarteil und/oder Fußnoten, auch eine Bibliografie wäre nett gewesen. Und was mir nach der Lektüre des Hacks-Essays immer wieder im Kopf herumgegangen ist: Wenn Jahn gar nicht der Haupt-Akteur war, sondern nur ein ausführendes Organ Fichtes, warum ist dann Jahns Buch in diesen Dreier-Schuber eingegangen und nicht die Fichte-Texte, von denen Ascher sich herausgefordert fühlte?


Gerhard Becker: Menschen wie du und ich!
Berufliche Lektüre. Der Verfasser stammt aus Hahndorf bei Goslar. Ich habe seinen Lyrikband gelesen und anschließend einen Artikel darüber verfasst. Wer mag, kann ihn hier lesen, allerdings hinter der Bezahlschranke:
https://www.goslarsc...id,1505988.html


Christian Wilhelm von Dohm: Über die bürgerliche Verbesserung der Juden, 2 Bde.
Grundlegende Schrift und unverzichtbar für jeden, der sich mit der Geschichte der Haskala und der Emanzipation der Juden beschäftigt.
Dohms Argumentation für die Verleihung der Bürgerrechte an Juden erschien im Jahr 1781. Ein zweiter Teil, in dem er sich mit den Einwänden gegen sein Buch auseinandersetzt, kam 1783 heraus, dazu erschien auch eine überarbeitete Zweitauflage. Dohm argumentiert in dieser Schrift zwar als Aufklärer, Humanist und Menschenfreund, obendrein als guter Freund Moses Mendelssohns, der ihn zu dieser Schrift angeregt hatte, aber das Interessante an seinem Plädoyer für eine rechtliche Gleichstellung der Juden ist, dass der Verfasser, als hochrangiger preußischer Beamter und Diplomat, sehr deutlich sagt, welchen konkreten Nutzen ein Staat, in diesem Fall Preußen, davon hätte, den Juden Bürgerrechte zu verleihen.
Dohm stellt klar, welch ein Wirtschaftsfaktor freie, gleichberechtigte Juden werden können, wenn sie nur erst zu allen Berufen zugelassen werden. Gerade im Handwerk sieht er ein großes Potential. Er könnte sich aber auch vorstellen, dass Juden in wüst gewordenen Gegenden Landwirtschaft betreiben. Bis dahin gab es nur wenige Tätigkeiten, die Juden überhaupt gestattet waren, hauptsächlich Handel und Geldverleih - und das nicht unbedingt zum Besten ihres Charakters, wie Dohm klarstellt: Wer gegen eine rechtliche Gleichstellung das Argument ins Feld führe, Juden seien krimineller als Christen, der möge sich doch bitte vor Augen führen, dass Juden nicht von Natur aus kriminell seien, sondern erst durch Berufe wie Geldverleih und Handel moralisch abgesunken seien. Ein interessanter Gedankengang, der ein bezeichnendes Licht auf Dohms Meinung über Kaufleute wirft. Er hielt offenbar auch christliche Kaufleute für nicht ganz koscher.
Exkurs: Interessant dazu dürfte auch der Vergleich mit den Schriften David Friedländers sein. Der jüdische Kaufmann war Schüler Moses Mendelssohns und gehörte zur etwas jüngeren Generation der Maskilim, der jüdischen Aufklärer. Friedländer hat in seinen Schriften sehr dezidiert nachgewiesen, dass Juden auf keinen Fall krimineller als Christen seien (hierzu hat er sehr viel statistisches Material ausgewertet), außerdem gibt es von ihm auch eine sehr überzeugende Schrift über die Ethik des Kaufmanns, in der er darlegt, dass Vertrauen und Zuverlässigkeit für (Groß-)Kaufleute unerlässlich sind.
Zurück zu Dohm. Er hat sich unter anderem sehr intensiv mit der Frage befasst, wie jüdische Handwerker ausgebildet werden können. Zum Beispiel schlug er vor, falls die Zünfte sich querstellen und zünftige Handwerksmeister keine jüdischen Schüler annehmen wollen, die Ausbildung zunftfreien "Freimeistern" zu übertragen. Eine Frage, die in der Diskussion um sein Buch aufkam, war auch der Umgang mit dem Sabbat: Christliche Handwerker arbeiten am Sonntag nicht, fromme Juden aber dürfen am Samstag nicht arbeiten. Ein Argument, mit dem Gegner der jüdischen Gleichberechtigung eine Handwerksausbildung für unmöglich erklären wollten. Dohm entwickelte im zweiten Teil aber eine ganze Menge Gegenvorschläge. Zum einen machte er klar, dass Religion Privatsache sei. Insofern, sei es zwar Sache des Staates, Handwerksausbildung zu erlauben. Aber es sei Angelegenheit der privaten Vertragspartner Meister und Lehrling, wie sie den Ausbildungsvertrag gestalten. Zum Beispiel könnte der Lehrling eine Fünf-Tage-Woche bekommen, aber dafür würde die Lehre ein Jahr länger dauern. Oder man könnte das Lehrgeld anpassen. Oder der jüdische Handwerker würde irgendwann so weit verweltlichen bzw. in der christlichen Mehrheitsgesellschaft assimiliert werden, dass er einfach aufhören würde, ein Jude zu sein. Eine Möglichkeit, die Dohm gar nicht schlecht gefunden hätte. Was ihm auch von späteren Generationen einige Kritik eingetragen hat. Aber man sollte festhalten, dass Dohm, wie auch andere Aufklärer vermutlich genau so erwartet haben, dass auch der Christ aufhörte, ein Christ zu sein, und dass sich alle Menschen irgendwann zu einer Vernunftreligion jenseits der klassischen Religionsgrenzen zusammengefunden hätten. David Friedländer ging ja etwas später sogar noch einen Schritt weiter und versuchte, den Propst Teller für eine Art Fusion zwischen Judentum und evangelischem Christentum zu gewinnen.
Die zweibändige Ausgabe ist opulent ausgestattet und eine geradezu mustergültige Edition, darüberhinaus für Umfang und Qualität mit nur 44,90 Euro auch mehr als günstig zu nennen. Enthalten ist die Schrift "Über die bürgerliche Verbesserung" aus dem Jahr 1781, der zweite Teil aus dem Jahr 1783 sowie Dohms Schrift über die Juden im Elsass im französischen Original und in deutscher Übersetzung. Verzeichnet sind die Veränderungen zwischen Erst- und Zweitauflage, es gibt weiteres Quellenmaterial dazu, darunter Briefe von und an Dohm, ausführliche Darstellungen zur Entstehung und Wirkung der Schrift, eine biografische Darstellung und einiges zur Argumentation und Analyse der Texte. Eine wirklich herausragende Ausgabe, die ich wirklich empfehlen kann.
Übrigens war der äußere Anlass meiner Beschäftigung mit Dohm, dass ich einen Artikel für meine Zeitung schreiben wollte. Der Mann hatte nämlich dieses Jahr seinen 200. Todestag, und da er auch mal rund zwei Jahre in Goslar gewirkt hatte, nahm ich das zum Anlass, mich mal so richtig auszutoben und eine Sonderseite über ihn zu bauen. Wer ihn lesen mag, findet meinen Artikel hier.
https://www.goslarsc...id,1510590.html


Plutarch: Moralphilosophische Schriften (Reclam)
- Über den Fortschritt in der Tugend
- Von der Vielzahl der Freunde
- Über den Aberglauben
- Über die Bruderliebe
- Ob seelische oder körperliche Leiden schlimmer sind
- Trostschrift an die Gattin
- Aus den Gastmahlsgesprächen
- Über die Seele
Nach dem Insel-Bändchen im vorigen Quartal die zweite Plutarch-Auswahl, die ich mir in diesem Jahr zu Gemüte geführt habe. Es handelt sich um eine solide Reclam-Ausgabe mit kurzen Einleitungen zu den jeweiligen Texten, mit Anmerkungen, Literaturverzeichnis und Nachwort. Die Überschneidungen zu Insel-Bändchen sind gering, nur die Trostschrift ist in beiden enthalten.
Plutarch beschäftigt sich mit ethischen Fragen und geht seine Themen als guter Stoiker an. So geht er der Frage nach, wie man Fortschritte in der Tugend machen kann (auch kleine Schritte zählen und werden schließlich zu einem großen Fortschritt). Er erklärt, warum man lieber nur wenige, aber dafür gute Freunde haben soll, nämlich unter anderem, weil man seinen Freunden wohltun soll, und dies nicht mehr möglich ist, wenn man seine Kraft, seine Emotionen und sein Vermögen auf Hunderte von Leuten verteilt. Die Frage, ob seelische oder körperliche Leiden schlimmer sind, beantwortet er ganz klar: Natürlich ist es viel schlimmer, wenn mit der Seele etwas nicht in Ordnung ist. Vermutlich hat der Mann niemals richtige Zahnschmerzen gehabt ...
Insgesamt eine freundliche, leicht machende Lektüre. Ein Autor, der sehr vernünftig ist und sich dabei sehr angenehm liest.

Karl G. Bruchmann: Christian Wilhelm von Dohm und sein Wirken in Goslar
Ein Aufsatz aus dem Jahr 1951 (wohl anlässlich des 200. Geburtstags Dohms entstanden), ein Jahr später als separater Druck als kleines Büchlein erschienen. Recherchematerial für meinen Artikel zum 200. Todestag von Christian von Dohm. Wenn man, wie ich, den Mann bisher nur als Aufklärer und Verfasser der Schrift "Über die bürgerliche Verbesserung der Juden" kennt, erlebt man hier eine große Überraschung. Keine Spur von Philosophie, Aufklärung und theoretischen Gedanken aus dem geisteswissenschaftlichen Elfenbeinturm. Hier kann man einem preußischen Beamten bei der Arbeit zuschauen: Effektiv und ohne langes Herumeiern nimmt Dohm seine Arbeit auf. Sein Job: Die Stadt Goslar, die eben noch alte Kaiserstadt und reichsunmittelbar war und nun Teil Preußens geworden ist, umzustrukturieren und sie in den modernsten und effektivsten Verwaltungsapparat seiner Zeit einzugliedern. Dohm war nur knapp zwei Jahre da, aber er hat auf allen Ebenen gearbeitet und die Stadt wohl ziemlich umgekrempelt. Spannend, ihm dabei über die Schulter zu schauen und ihn auf eine ganz andere Weise kennen zu lernen.

Hörspiel
Zeitschiff Unicorn: Krieg der Zeiten



Mai

Angelika Kroker: Wendezeit. Die Reichsstadt Goslar an der Schwelle vom Ancien Régime zur Moderne
Ein Buch über die Stadt Goslar in der Zeit, als Christian von Dohm dort die Verwaltung reorganisierte. Die Verfasserin bietet ein umfangreiches Gesamtbild, stellt den Ist-Zustand bei der Übernahme durch Preußen dar und analysiert die politische und finanzielle Situation der alten Kaiserstadt. Deutlich widerspricht sie der oft berichteten Annahme, dass Goslar zu der Zeit nahezu pleite gewesen ist und sich aus eigener Kraft nicht mehr retten konnte. Es gab damals offenbar schon einige Anstrengungen und Erfolge des Goslarer Bürgermeisters. Sie stellt die einzelnen Interessengruppen und ihre Ziele vor, erklärt, was Dohm bewirkt hat und was nicht, und zeichnet ein etwas nüchterneres Bild seiner Arbeit als Karl Bruchmann. Sehr gut als Hintergrund für die Recherche über das historische Goslar.

Thorgal 37: Der Eremit von Skellinger

Valerian und Veronique: Souvenirs der Zukunft II
Zauberhaft wie alles von den beiden. Phantastisch, liebenswert und mit hintergründigem Humor. Valerian und Veronique sind als Botschafter und Friedensstifter unterwegs, müssen sich aber auch pädagogisch betätigen, und wir erleben sie schließlich auch als gestrandete Kinder auf der Erde bei Onkel Albert. Ich habe mich besonders über das Wiedersehen mit dem Schnarf gefreut. Und die Shinguz sind sowieso die coolsten.

Gertrude Stein: Die Welt ist rund
Das Buch habe ich mir angeschafft, weil es in dem Hörbuch "Gertrude grenzenlos" (siehe etwas weiter unten) eine wichtige Rolle spielte. Es ist ... hm ... naja, ist es ein Kinderbuch? Ein Erwachsenenbuch? Es ist die Geschichte eines jungen Mädchens namens Rose. Rose steigt eines Tages auf einen Berg, und unterwegs schreibt sie ihren Namen auf einen Baum: Rose. Und dann schreibt sie weiter: Rose ist eine Rose. Und da der Baum rund ist, wird daraus dann: Rose ist eine Rose ist eine Rose. Ein berühmtes Zitat, das ich bisher nur in der Version: "Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose" kannte. Außerdem spielen noch der Junge Willie und ein Löwe namens Löwe und ein Hund namens Love eine Rolle, vor allem aber geht es darum, dass die Welt rund ist, wie der Titel schon sagt. Tiefsinnig und gleichzeitig mit Lust am Quatschreden geschrieben. Ganz interessant, aber das Hörbuch hatte mir mehr versprochen ...

Faye Hell: Keine Menschenseele
Brrr. Ich weiß gar nicht, ob ich euch dieses Buch empfehlen soll oder lieber nicht. Es geht um die Geschichten mehrerer Menschen, die in einem Hotel unterkommen und dort von ihrer Vergangenheit eingeholt werden. Die einzelnen Geschichten berühren einander nicht, sie werden nacheinander erzählt, fast alle enden tödlich, und der jeweilige Hotelbewohner muss lange leiden und erlebt übelsten Horror. Der erste ist ein Mann, der als Kind eine Katze zu Tode gequält hat und von dieser Katze immer wieder heimgesucht wird. Das klingt harmlos, ist aber ziemlich heavy. Und doch ist diese Geschichte noch die harmloseste von allen. Es geht um Mord und Vergewaltigung, um eine psychisch gestörte Frau, die ein Kind entführte, es in ihrem Keller ankettete und sich, als es verhungert war, an der Leiche sexuell verging ...
Die Autorin beherrscht ihr Fach, sie kann echt was. Sprache, Aufbau der Geschichte, alles tadellos. Aber es ist kein Buch, das angenehme Leseerinnerungen hinterlässt. Nein, ich mochte es nicht.

Bergengrueniana IV
Vierte Ausgabe des Periodikums der Werner-Bergengruen-Gesellschaft. Enthält einen weiteren Teil des "Compendium Bergengruenianum" (Skizzen, Aphorismen, Beobachtungen und Kommentare des Autors), ferner den Bergengruen-Text "Kuckucksgedanken", den der Verfasser während der Nazizeit zu Hitlers Geburtstag veröffentlichen konnte und damit dem Führer gewissermaßen ein Kuckucksei ins Nest legte. Innere Emigration und literarischer Widerstand, das heißt: zwischen den Zeilen schreiben und lesen ... Außerdem geht der Band der Frage nach, was der "Völkische Beobachter" wirklich in seiner Rezension des Romans "Der Großtyrann und das Gericht" geschrieben hat (Stichwort: "Führerroman der Renaissance"). Es gibt Informationen über die Kinderbuchreihe "Zwieselchen", etwas aus Bergengruens Briefen an Charlotte Hensel und die Reden anlässlich der Verleihung des Werner-Bergengruen-Preises 2017 an Zsuzanna Gahse (Begrüßung, Laudatio, Dankesrede). Erneut ein sehr vielschichtiger Band, interessant und lesenswert.

Hilda und der Steinwald
Ein Comic, der mich gelinde gesagt, etwas ratlos zurücklässt. Die Figuren sind sehr einfach gezeichnet, die Geschichte kommt über weite Strecken, manchmal über mehrere Seiten ohne Text aus. Zu Beginn der Geschichte beobachtet man Hilda dabei, wie sie einem Stück Land hinterherläuft, das aus ihrem Garten abhaut. Später gerät Hilda zusammen mit ihrer Mutter in die andere Welt und verläuft sich in einem steinernen Wald beziehungsweise in einer Art Unterwelt mit hohen steinernen Säulen. Das Mädchen mit den blauen Haaren ist recht pfiffig, aber ganz warm geworden bin ich mit ihr nicht.

Michael Moorcock: Zeitnomaden I - Der Herr der Lüfte
Auf die Zeitnomaden-Bände wurde ich aufmerksam durch eine Buchvorstellung in Thomas Hofmans Blog nebenan. Aufmerksam heißt: Ich stutzte, als ich den Namen Oswald Bastable las. Denn Oswald Bastable ist "eigentlich" der Held einer Kinderbuchserie meiner Lieblings-Autorin Edith Nesbit, der edle und hochanständige Chef der Bastable-Geschwister auf der Suche nach Schätzen und einer Möglichkeit, den gesunkenen Stern des Hauses Bastable wieder steigen zu lassen. Und da musste ich doch nachschauen und hab mir die drei Zeitnomaden-Bände antiquarisch besorgt.
Worum geht es? Bastable ist englischer Offizier und ist in Indien stationiert. Hier leitet er eine Expedition zu einem Kloster, in dem sich einheimische Widerstandskämpfer gegen die britischen Besatzer versammelt haben. Allerdings geht es im Kloster nicht mit rechten Dingen zu, sondern mit seltsamen Mächten. Bastable wird erst unter Drogen gesetzt und dann durch ein Erdbeben aus dem Jahr 1902 ins Jahr 1973 geschleudert (das Buch erschein 1971). Bastable ist jedoch nicht in "unserem" Jahr 1973 gelandet, sondern in einer alternativen Zukunft, in der es beispielsweise keine Weltkriege gegeben hat. Eine perfekte Welt? Nicht ganz, auch hier gibt es Unzufriedene, einige Menschen wollen den Umsturz.
Bastable wird Flieger, Zeppelin-Steuermann. Überhaupt ist der Zeppelin das Hauptverkehrsmittel in dieser Zeit. Er trifft auf einen arschigen, großfressigen Ronald Reagan, auf eine Alternativ-Version von Rudi Dutschke, auf Lenin. Schließlich schließt er sich dem titelgebenden "Herrn der Lüfte" an, einem chinesischen Piratenchef, der die Weltherrschaft anstrebt und gegen die Kolonialmächte kämpft.
Einen direkten Bezug zu Edith Nesbits Werken habe ich nicht gefunden. Wohl aber noch einen kleinen Gruß über den literarischen Tellerrand: Bastables Ausbilder und erster Kapitän trägt den Namen Harding, wie der Zeitreisende Dickie Harding bzw. Richard von Arden aus den beiden Büchern über die Arden-Kinder und das weiße Muddeltier.

Wilhelm Gronau: Christian Wilhelm von Dohm nach seinem Wollen und Handeln. Ein biographischer Versuch (Ulan-Press und Forgotten Books)
Um das gleich vorweg zu sagen: Die rote Farbe bezieht sich nicht auf den Text von Wilhelm Gronau. Es handelt sich um eine Biografie aus dem 19. Jahrhundert, verfasst in dem damals üblichen Stil, etwas umständlich und schwülstig vielleicht, auch etwas unkritisch Dohm gegenüber (der Autor ist sein Schwiegersohn), aber man kann damit arbeiten, und die Arbeit ist penibel und detailreich ausgeführt. Wer sich mit Christian von Dohm befasst, kommt an der Gronau-Biografie nicht vorbei.
Ganz übel ist aber der Zustand des Textes in den vorliegenden Ausgaben. Ich habe zunächst die Ausgabe von Ulan Press gelesen. Dann habe ich mir in meiner Verzweiflung die Ausgabe von Forgotten Books geholt. Beides sind Verlage, die die Public Domain abgrasen und rechtefreie Texte, die digitalisiert vorliegen, automatisch in ihr System lutschen und ohne weitere Überprüfung der optischen Qualität im On-demand-Verfahren auf den Markt werfen. Die Qualität des Buches hängt dabei also von der Qualität des Scans ab. Meine Erfahrung aus diesem Doppelkauf: Beide Verlage greifen auf die gleiche Vorlage zurück. Und die ist absoluter Mist.

Viele Seiten fehlen, manche sind doppelt, immer wieder sind Seiten in der falschen Reihenfolge angeordnet, einige sind verdruckt, viele sehr dunkel. Stellenweise ist das Buch kein "Flickenteppich" mehr, sondern eher ein brüchiges "Netz" aus Seiten. Und die Lücken treten bevorzugt an den wichtigen und spannenden Stellen auf.
Ich weiß, dass diese eingescannten und dann im On-demand-Verfahren auf den Markt geworfenen "Originale" immer eine Wundertüte sind, und bin schon ein paarmal an minderwertige Ausgaben geraten. Meist nimmt man ein paar Ecken und Kanten ja gern in Kauf, die Alternative wäre ja, das Buch überhaupt nicht zu erhalten. Aber dieses Buch war wirklich ein ganz tiefer Griff ins Klo.
Tipp: Wenn ihr es irgendwie einrichten könnt: Geht in eine Bibliothek und lest das dort hoffentlich vorliegende Original.



Mordché Wolf Rapaport: Chr. W. Dohm - ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie
Eine wirtschaftswissenschaftliche Arbeit aus dem Jahr 1907, die nun rechtefrei geworden ist und im On-Demand-Verfahren gedruckt wurde. Diesmal ein absolut ordentlicher Druck, ich habe nichts zu meckern.
Inhaltlich geht es um Dohms Haltung zu wirtschaftlichen Theorien, der Schwerpunkt liegt auf dem physiokratischen System. Mich hat etwas gewundert, dass Dohm den physiokratischen Theorien anscheinend recht kritisch gegenüberstand. (Jedenfalls hätte ich ihn, da er nicht unbedingt ein Freund des Kaufmannsstands zu sein schien, eher den Physiokraten als den Merkantilisten zugeordnet ...) Rapaport weist unter anderem nach, dass Dohm, als "erster Gegner der physiokratischen Lehre in Deutschland" und Verfasser eines Aufsatzes über das physiokratische System, nur über sehr lückenhafte Kenntnisse ebendieses Systems verfügte und die grundlegenden Schriften des Physiokratie-Erfinders François Quesnay nicht bzw. nur durch Vermittlung anderer kannte. Interessant, aber eher etwas für Spezialisten, die sich tiefer in die Materie einarbeiten möchten.

Christian Wilhelm von Dohm: Die Lütticher Revolution im Jahr 1789 und das Benehmen Sr. königl. Majestät von Preussen bey derselben
Die Lütticher Revolution im Jahr 1789 war ein Volksaufstand in Lüttich gegen den amtierenden Fürstbischof Caesar Konstantin Franz von Hoensbroech. Das Volk litt unter angestiegenen Lebensmittelpreisen, und die Nachricht von der Französischen Revolution begeisterte die Lütticher zu einem eigenen Sturm auf die Bastille bzw. auf die Zitadelle der Stadt. Einen instabilen Staat in den deutschen Landen konnten allerdings die Herrscher der umliegenden Staaten nicht dulden, und so geriet Lüttich auf die Agenda mehrere mächtiger Fürsten, und auch der preußische König Friedrich Wilhelm II. hatte als Herrscher des Herzogtums Kleve Interesse daran, dass in Lüttich wieder Ruhe und Ordnung einkehrte. Er schickte daher einen seiner profiliertesten Diplomaten, Christian von Dohm, nach Lüttich, um zwischen dem Fürstbischof und seinem Volk zu verhandeln.
Dohm hatte sich gerade in Aachen durch den Entwurf einer neuen Verfassung hervorgetan und schien daher geradezu prädestiniert dafür, den Lüttichern eine moderne Verfassung zu geben, die sowohl dem Volk als auch dem Herrscher gerecht würde. Dohm als geübter Diplomat schaffte es, mit beiden Parteien ins Gespräch zu kommen. Und als liberaler Humanist hat er sogar viel freiheitlichere Ideen als die Aufständischen, denen eher eine ständische Verfassung nach mittelalterlichem Vorbild vorschwebt.
Allerdings scheitert Dohm dann doch. Zum einen, weil der Fürstbischof irgendwann türmt, zum anderen aber weil die Lütticher Revolutionäre mächtigen Staaten ein Dorn im Auge sind. Schließlich, als die Gefahr besteht, dass sich die Lütticher mit den gleichfalls aufständischen Brabantern zusammentun, und gewissermaßen ein revolutionärer Flächenbrand droht, bestehen die Pfalz und Kurköln auf einer militärischen Niederschlagung des Spuks. Schließlich marschieren die Preußen ein, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Dohm und seine Diplomatie sind gescheitert. Vor Ort mochte er sich Vertrauen erworben haben, aber die politische Großwetterlage war dann doch stärker. Spätestens mit der Reichenbacher Konvention (1790) und dem Zusammenrücken Preußens und Österreichs, verlor Dohm seine letzten Unterstützer in Berlin, die bis dahin die Lütticher Revolution schätzten als ein Mittel zur Schwächung Österreichs. Trotzdem ging der Diplomat mit recht gutem Ruf aus der Sache hervor.
Was wie und warum geschehen ist, darüber gibt Dohms Rechenschaftsbericht Aufschluss. Ein sehr interessantes Buch, allerdings nicht ganz unparteiisch und in etwas umständlichem Stil verfasst. Trotzdem lesenswert.


Hörbuch

Judith Burger: Getrude grenzenlos
Ein Hörbuch, das mich mehr als begeistert hat. Die Geschichte spielt in der DDR, zwölf Jahre vor dem Mauerfall. Ina ist eigentlich ein schüchternes Mädchen, das gar nicht aus der Reihe tanzen will, trotzdem eckt sie immer mal wieder an bei der Lehrerin, der Oberpionierin ihrer Klasse, der Kassenfrau, die heimlich IM ist und sie dauernd zurecht weisen will. Und nun kommt plötzlich Gertrude in ihre Klasse und wird neben ihr platziert. Gertrude ist anders, aufregend anders, und die Freundschaft mit ihr gibt Inas Leben einen Kick in eine völlig andere Richtung. Denn Gertrude stammt aus einer kirchlich orientierten Familie. Ihre Eltern haben einen Ausreiseantrag gestellt. Eine Freundschaft mit ihr ist mehr als gefährlich.
Zunächst versucht Ina noch, das System mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Sie will, dass niemand ihre neue Freundin schikanieren kann, und darum muss, so der Plan, Gertrude als vorbildliches Mitglied des Kollektivs dastehen. Ina macht sich mit ihrer neuen Freundin auf zum Altpapiersammeln, und die beiden Mädchen knacken mit ihrer riesigen Bollerwagen-Ladung den Schulrekord. Ina und Gertrude praktizieren "Timurhilfe", wollen alten Frauen die Einkaufstüten tragen und landen tatsächlich mit Bild in einem Artikel der örtlichen Zeitung, die die Leistung der beiden Mädchen positiv herausstellt. Aber, da nicht sein kann, was nicht sein darf, bleibt Gertrude eine Geächtete, von der Lehrerin gemobbt, und Ina landet auch auf der schwarzen Liste. Trotzdem, die Freundschaft der beiden Mädchen bleibt bestehen gegen alle Widerstände.
Immer wieder zieht es Ina hinüber zur Wohnung der Dissidenten-Familie. Hier lernt sie Literatur und Poesie kennen, Musik, Kreativität, Philosophie. Vor allem das Buch "Die Welt ist rund" von Getrudes Namenspatronin Gertrude Stein, deren Kernzitat "Rose ist eine Rose ist eine Rose" sich leitmotivisch durch die Geschichte hindurch zieht, hat es Ina angetan. Und dann kommt der Tag, an dem Gertrudes Familie tatsächlich ausreisen darf und muss ...
Eine wunderschöne Erzählung, die durch die etwas gnatzige Stimme von Natalia Belitzki den genau richtigen Tonfall hat. Kindlich und gleichzeitig empört und verbittert wie ein Mädchen ganz kurz vor dem Beginn der Pubertät klingt das, ein naives Reibeisen, das hassen und staunen kann, einzigartig.


Juni

Michael Moorcock: Zeitnomaden II: Der Landleviathan
Zweiter Teil der Zeitnomaden. Oswald Bastable, der nach seinen Abenteuern im Jahr 1973 zurück ins Jahr 1902 versetzt wurde, ist nicht ganz in seiner Wirklichkeit angekommen. Erneut sucht er das Kloster auf, von dem aus er durch die Zeiten geschleudert wurde. Diesmal landet er in einer Zukunft, in der Europa durch Kriege völlig zerstört wurde. Es gibt in Südafrika einen friedlichen Idealstaat, in dem die Völker in Harmonie zusammen leben. Staatschef ist Mahatma Gandhi. Und dann gibt es noch den General Cicero Hood, der den Rest von Afrika beherrscht. Hood wird zunächst als grausamer Bösewicht aufgebaut, hat aber als Kämpfer gegen Sklaverei durchaus ein mehr als verständliches Anliegen. Er will den letzten Sklavenhalter-Staat, die USA, zerstören und die Sklaven befreien. Mit einer riesigen Armee und furchtbaren Kampfmaschinen überrollt er Amerika. Die furchtbarste dieser Waffen ist der titelgebende "Landleviathan", der vielleicht als eine Art rollender Fleischwolf vorgestellt werden kann. Die Geschichte ist spannend und flüssig erzählt. Bezüge zu Edith Nesbit, die ich ja eigentlich suchte, habe ich hier aber nicht gefunden. Allenfalls allgemein in ihrem sozialen, politischen Anliegen.

Michael Moorcock: Zeitnomaden III: Der Stahlzar
Dritter Teil der Zeitnomaden und der Abenteuer von Oswald Bastable. Diesmal landet Bastable in einer Zeit, die den Zweiten Weltkrieg kennt, und der Held der Serie erlebt mehr davon, als ihm lieb ist. Er erlebt die Zerstörung Singapurs, wird Schiffbrüchiger, gerät in japanische Kriegsgefangenschaft und tritt schließlich in russische Dienste. Der russische Herrscher Dschugaschwili wird wegen seiner eisernen Maske auch der Stahlzar genannt. Unschwer lässt sich darin Stalin wiedererkennen. Und dieser Stahlzar ist drauf und dran, die Atombombe zu erhalten.
Ich bin auf meiner Suche nach Reminiszenzen an Edith Nesbit tatsächlich fündig geworden, als ich es beinahe schon aufgegeben hatte. Da taucht doch glatt ein Brigadekommandeur L.G.A. Nesbit auf, der offizielle Regierungsvertreter auf Rowe Island, wo Bastable strandet. Der letzte Beweis, dass der Autor seinen Helden Oswald Bastable auch tatsächlich genau so gemeint hat. Und wie genau? Ich denke, dass ihn schon die politische Edith Nesbit inspiriert hat. Die Mitbegründerin der sozialistischen Fabian-Society, ihr soziales und pazifistisches Engagement und ihre Sympathie für Bewegungen, die die armen und unterdrückten Menschen befreien und menschenwürdig behandeln wollten. So lässt Moorcock seinen Bastable in einem Gedankenexperiment die verschiedenen sozialen und politischen Systeme und Befreiungsbewegungen miterleben, bis zu ihrem Scheitern oder ihrer Pervertierung. Moorcock zeigt in seinen Alternativwelten ziemlich viel, das nicht funktioniert hat, ein Gemisch aus guten Motiven und Machtgier, und lässt es scheitern. Warum? Weil die Menschen so sind, wie sie sind? Eine funktionierende Utopie zur Menschheitsbeglückung hat er jedenfalls nicht anzubieten. Das ist auch eine Botschaft. Aber wohl keine, die Edith Nesbit gemocht hätte.

Uwe Pook: Heimat an der "Zonengrenze". Romanbiographie
Ein semi-autobiografischer Roman eines Autors, der in Vienenburg bei Goslar aufwuchs. Für mich also berufliche Lektüre, ich habe einen Artikel für die Goslarsche Zeitung darüber geschrieben. Zu finden hier, hinter der Bezahlschranke:
https://www.goslarsc...id,1513354.html

Carolin Christine Rosendahl: Don Juan-Variationen und die Frage nach dem Ðœythos von Don Juan
Masterarbeit, über die ich zufällig beim Ego-Googeln gestolpert bin. Die Autorin befasst sich mit einem ähnlichen Thema wie ich in meiner Magisterarbeit "Faust und Don Juan. Ein Verschmelzungsprozess", und da musste ich natürlich gleich reinschaun.
Schwerpunktmäßig analysiert Rosendahl die "Don Juan"-Fassungen von Tirso de Molina, Christian Dietrich Grabbe, Nikolaus Lenau und Max Frisch. Dabei geht sie, nach einer allgemeinen Analyse der Texte, jeweils der Frage nach, was den "Mythos" des Don Juan ausmacht und ob der betreffende Held in den einzelnen Dichtungen nun als Mythos begriffen werden kann, ob übernatürliche Elemente auftreten, ob und welche Bestandteile der Stofftradition vorkommen und wie sich der betreffende Text überhaupt in diese Tradition fügt.
Für mich waren vor allem die Kapitel über Tirso und Frisch interessant, da ich selbst beide Texte nur sehr kurz abgehandelt hatte, während mein Schwerpunkt auf Grabbe und Lenau (nebst Goethe, Mozart, Theodor Mundt und Gustav Kühne) lag.
Die Arbeit ist sehr klar strukturiert und bietet einen guten Überblick. Durch ihre Knappheit und Konzentration auf vier Texte ist sie auch gut als Einstieg ins Thema geeignet.
Wer sie nachlesen möchte, findet die Arbeit hier:
http://www.mythos-ma.../cr_donjuan.pdf


Maren R. Niehoff: Philon von Alexandria. Eine intellektuelle Biographie
Beeindruckend. Ich war erst skeptisch beim Blick auf den Titel. Zunächst hat mich das Wort "intellektuell" abgestoßen, und dann war da die Frage, wie man denn eine Biografie Philons schreiben könne. Immerhin gibt es nur ein einziges Datum zu seinem Leben, nämlich dass er im Jahr 39/40 nach Christus Leiter einer Gesandtschaft der Juden aus Alexandria war, die nach Rom reisten, um sich beim Kaiser Caligula über ein Pogrom zu beschweren, das die Heiden gegen die jüdische Bevölkerung in Alexandria veranstaltet hatten. Dass man daraus eine umfangreiche Biografie herausdestillieren kann, kam mir zumindest sehr überraschend vor.
Aber Maren R. Niehoff schreibt auch gar nicht über Lebensdaten. Sondern sie zeichnet eine Art Entwicklung Philons anhand seiner Werke nach. Daher auch "intellektuelle" Biografie, es geht um die Entwicklung von Philos Gedanken und Philosophie. Das Spannende daran ist, dass die Autorin sehr genau zeigen kann, wie sich Philos Schriften in seiner römischen Zeit verändern. Hatte er zuvor zu Lesern gesprochen, die wie er im Judentum zu Hause waren und damit die gleiche Basis hatten wie er, so redet er nun zu römischen Philosophen und Philosophie-Interessierten. Wenn er tatsächlich jüdische Themen behandelt, so muss er viel mehr erklären, quasi bei Adam und Eva anfangen, und kann nicht voraussetzen, dass irgendeiner seiner Leser Anspielungen auf die Tora versteht.
Aber mit der Anwesenheit in Rom verändert sich auch Philos Fokus. Es treten immer mehr klassische Themen der Stoa in den Vordergrund, und Philo schreibt sehr gezielt über Fragen, die in der römischen Öffentlichkeit gerade en vogue sind. Fast will es scheinen, als ob Philo geradezu nach Auflage und Publicity strebt und dies sehr planvoll angeht. Nun entstehen Werke, die in seiner Gemeinde daheim vermutlich viele nicht verstanden hätten, vielleicht sogar überhaupt niemanden interessiert hätten.
Interessanterweise setzt sich die Verfasserin dieser intellektuellen Biografie zuerst mit den späteren, römischen Schriften Philos auseinander, dann erst schlägt sie den Bogen zurück in der jüdisch-alexandrinische Welt, in der Philos frühe Schriften entstanden. Ein Ansatz, der die Entwicklung des Philosophen und die Wandlung seines intellektuellen Programms besonders deutlich macht. Dabei sehr gut und nachvollziehbar geschrieben. Ein Buch, das ich jedem, der sich mit Philo beschäftigt, sehr nachdrücklich ans Herz legen möchte.

Patrik Svensson: Das Evangelium der Aale
Dieses Buch war ein Zufallsfund in der Ameis-Buchhandlung in Hildesheim. Eine der wenigen Buchhandlungen, die für mich immer noch Überraschungen parat haben und nicht nur uninteressante Mainstream-Stapelware. Ich bin auf dieses Aale-Buch zugelaufen und musste einfach zugreifen.
Der Verfasser, der als Kind gemeinsam mit seinem Vater oft am Fluss auf unterschiedliche Art Aale gefangen hat, schildert hier einen besonderen, rätselhaften Fisch, über den die Wissenschaft immer noch erschütternd wenig weiß. Allein das Fortpflanzungsverhalten wirft seit zweieinhalbtausend Jahren Rätsel auf. Aristoteles glaubte noch, dass Aale einfach aus Schlamm geboren werden, und der junge Biologe Sigmund Freud wurde fast verrückt bei seiner ergebnislosen Suche nach einem Aal, der männliche Geschlechtsorgane aufwies. Mag sein, dass ihn das nachhaltig geprägt hat.
Svenson zeichnet die Entwicklung vom "Weidenblatt" zum Glasaal, zum Gelbaal bis hin zum Blankaal nach, erzählt von den weiten Wanderungen der Tiere, vom Weg flussaufwärts und von der Rückkehr ins Sargassomeer. Und immer noch gibt der Aal sein Geheimnis nicht preis, denn gerade im Sargassomeer, wo die jungen Weidenblätter am dichtesten vorkommen und am kleinsten sind, hat offenbar noch nie jemand einen geschlechtsreifen Aal gefunden ...
Svensson erzählt vom legendären Brantevik-Aal, der rund 150 Jahre lang in einem Brunnen lebte, und natürlich hat auch die nicht minder legendäre Aalfang-Szene aus Günter Grass' "Blechtrommel" ihren Platz im Buch.
Ein absolut lesenswertes und erkenntniserweiterndes Buch dieses "Evangelium der Aale".

© Petra Hartmann


Weiterer Jahresrückblick
Teil I: Januar bis März 2020
Teil III: Juli bis September 2020
Teil IV: Oktober und November 2020
Teil V: Dezember 2020


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Jahresrückblick I: Januar bis März 2020

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 28 December 2020 · 728 Aufrufe
Jahresrückblick
Ein seltsames Jahr geht zu Ende. Fast nichts ist so gelaufen wie sonst in diesem Jahr 2020, und beinahe will mir scheinen, als habe derjenige, der den chinesischen Fluch "Mögest du in interessanten Zeiten leben" erfand, dabei an die Corona-Pandemie gedacht. Aber wenn die Zeiten etwas turbulenter sind, dann ist es gerade geraten, die alten Rituale einzuhalten, die sind wichtig und geben uns die Stabilität, die wir brauchen. Willkommen also zu meinem traditionellen Jahresrückblick.
Zunächst einmal: Ich bin verschont worden und ausgesprochen dankbar dafür. Das Virus hat mich nicht erwischt, ich bin nicht erkrankt, ich habe im Familien- und Freundeskreis keine Krankheits- oder gar Todesfälle erlebt, und ich hatte auch beruflich keine Einschränkungen. Seit anderthalb Jahren bin ich nun bei der Goslarschen Zeitung unter Vertrag. Ich kann wieder fliegen, ich kann wieder zaubern, ich habe meine Unsterblichkeit zurück erhalten. Ein bisschen beschwipst bin ich vielleicht immer noch, aber daran stirbt man nicht. Ja, auch mir sind in diesem Jahr fast alle Lesungen und Buchpräsentationen weggebrochen, das war schade, aber ich war nicht finanziell darauf angewiesen. Ja, ich vermisse die Buchmessen und Cons und die Live-Treffen mit euch allen. Aber wenn das dazu beiträgt, uns alle gesund zu halten, ist es ein kleiner Preis.
Mein neues Buch "Falkenblut" ist erschienen, dann gab es noch zwei Anthologien mit Beiträgen von mir und haufenweise Zeitungsartikel, das ist eine gute Quote für dieses Jahr. Den Rest holen wir nach, wenn Corona weg ist, okay?

Mein Lektüre-Jahr war vielseitig. Hier folgt der Blick auf das erste Quartal. Ich habe mich natürlich wieder mit phantastischer Literatur befasst, dazu gab es etwas Indianisches, Flugpioniere haben mich beschäftigt, Kinderbuch-Klassiker und erneut viel Aufklärung und Haskala. Ein bisschen Goslar-Literatur war auch dabei und etwas Helgoländisches. Schaut einfach mal rein, vielleicht ist etwas für euch dabei. Viel Spaß beim Lesen!


Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.


Januar

Alfred Hildebrandt: Die Brüder Wright
Nachdruck eines Buchs aus dem Jahr 1909, geschrieben von einem Journalisten, der sich mit der geheimnisvollen Flugmaschine der Brüder Wright befasst und Informationen einholt, unter anderem auch bei dem Vater der beiden. Sehr interessantes historisches Dokument. Mit Original-Briefwechsel im Anhang und mit einer Beschreibung der Flugmaschine. Sehr gut lesbar. Für mich auch wertvolles Material, das ich für meinen historischen Roman brauche.

Ulrike Stegemann: Alonsos Reise und andere Katzengeschichten
Liebenswürdiges Buch mit fünf Kurzgeschichten über die flauschigen Kleinraubtiere mit dem eigenwilligen Kopf und dem geheimnisvollen Wesen. Die Titelgeschichte erzählt von einem Hamburger Hafenkater, der sich auf ein Kreuzfahrtschiff schleicht und sich auf große Fahrt begibt. Eine andere spielt in Paris, wo ein Kater eine besondere Liebe für Schmuckstücke offenbart. Wir erleben die Verwandlung einer Katze in einen Menschen, außerdem gibt es in dem Buch eine sehr interessante Variation des Märchens vom gestiefelten Kater und die Geschichte einer Katze, die als Tänzerin ihr Publikum bezaubert. Ein kurzweiliges und abwechslungsreiches Lesevergnügen, einfach zum Schnurren.

Otmar Hesse: Goslar und die salischen Kaiser
Berufliche Lektüre zur Geschichte meiner neuen journalistischen Heimat. Eine kurze, übersichtliche Darstellung der salischen Kaiser Konrad II., Heinrich III., Heinrich IV. und Heinrich V. und ihrer besonderen Beziehung zu Goslar. Die Stadt war für die damaligen Kaiser, die im Mittelalter ja ihr Reich zu Pferde durchreisten, von Pfalz zu Pfalz zogen und überall vor Ort regelten, was geregelt werden musste, einer der festen Bezugspunkte, und vor allem für Heinrich III. so etwas wie eine Heimatstadt oder Lieblingsaufenthalt. Er hing so sehr an Goslar, dass er verfügte, dass nach seinem Tod sein Herz dort begraben werden sollte. Ein Mythos, von dem die Stadt heute noch zehrt. Und die eindrucksvolle Kaiserpfalz, in der die salischen Kaiser während ihrer Goslar-Aufenthalte gewohnt haben, ist schon ein ganz besonderes Bauwerk. Mein besonderer Liebling war aber immer Heinrich IV., schon im Geschichtsunterricht hatte mich die Sache mit dem Investiturstreit wahnsinnig fasziniert. Die Schlagzeilen "Papst bannt Kaiser" und "Kaiser setzt Papst ab" in meinem Geschichtsbuch habe ich nie vergessen. Dass von Kaiser Heinrich am Ende nur noch der sprichwörtliche Gang nach Canossa im Gedächtnis der Bevölkerung geblieben sein soll, finde ich schade. Immerhin: Canossa war nur der Halbzeitstand, Heinrichs erstes Ungarnspiel sozusagen. Kluge Leute sollten also keine Probleme damit haben, mal nach Canossa zu gehen.
Das Buch ist kurz und knapp, sehr übersichtlich, reich bebildert und mit einem Preis von nur 5 Euro außerordentlich wohlfeil. Eine gute Einstiegslektüre vor allem für den Goslar-Neuling.

Die Welten von Thorgal: Thorgals Jugend VII - Blauzahn

Sibylle Luig: Magie hoch 2 - Band III: Diebe in Berlin


Hörbuch:

Gerald Hüther, Christoph Quarch: Rettet das Spiel!
Interessantes und hörenswertes Plädoyer für das Spiel. Die Autoren gehen aus von philosophischen, hinrphysiologischen und sozialen Theorien über das Spiel und machen deutlich, dass es nur die Fähigkeit zu spielen ist, die die menschliche Entwicklung voranbrachte. Manchmal sehen die Verfasser allerdings zu viel Spiel in der Welt: Einen Zufall wie etwa das Crossing over von Chromosomen oder bestimmte Vorgänge im Universum als "Spiel" zu bezeichnen, geht mir persönlich etwas zu weit. Aber generell kann ich der Argumentation schon folgen, wenn die Verfasser darauf hinweisen, dass große Erfindungen und Entdeckungen aus dem freien Spiel heraus geboren werden. Marketing und große technische Abteilungen können immer nur "lineare Entwicklungen" voran treiben. Das heißt: Wenn sie wissen, wie es geht, können sie die Ideen und Erfindungen dann mit immer mehr Geld und Material immer größer und immer aufwändiger weiter entwickeln, aber der zündende Gedanke, der wirklich etwas Neues hervorbringt, wird immer vom einzelnen, unaustauschbaren Individuum in einer entspannten, absichtslosen Atmosphäre, im Traum, immer abseits mechanischer Vervielfältigung und Vergrößerung gefasst. Nennen wir es: Spiel. Auch dies eine klare Argumentation gegen Bulimie-Lernen und das Einpauken von Stoff, um am Ende kleine, brave, funktionierende Zahnrädchen zu gewinnen, die reibungslos und ohne Aufwand in die industriellen Arbeitsplätze eingepasst werden können. Wir brauchen Menschen. Und der Mensch ist nur da Mensch, wo er spielt ...


Februar

Miriam Rademacher: Talisman und das tote Dorf

Dallas Chief Eagle: Wintercount
Ein historischer Indianer-Roman, verfasst von einem Lakota-Indianer. Erzählt wird die Geschichte eines frisch vermählten Paars: Der junge Krieger Keyaschante (Schildkrötenherz) und Tscheyasa-win, die "Frau, die immer weint", sind ein glückliches Liebespaar und feiern den Tag ihrer Hochzeit. Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer. Das Dorf wird von Banditen überfallen, die eigentlich nur Pferde stehlen wollen, aber dann das Paar mitnehmen - als Wegweiser und Geiseln. Wenig später kommt es zu einem Kampf, bei dem Schildkrötenherz schwer verletzt wird. Die Männer halten ihn für tot und lassen ihn liegen, während sie seine Frau mitnehmen in ein Fort der Weißen. Denn die hellhäutige Tscheyasa-win ist eigentlich eine Weiße, sie wurde lediglich als kleines Kind von den Lakota nach einem Überfall eines anderen Indianerstamms gefunden und aufgenommen. Während sie ihren Mann für tot hält und von den Weißen nach Osten gebracht wird, wo sie wieder in ein "zivilisiertes" Leben integriert werden soll, erholt sich Keyaschante langsam von seinen Verletzungen. Er kehrt zu seinem Volk zurück, um Kraft zu sammeln, dann will er losziehen und sich auf die Suche nach seiner entführten Frau machen. So weit, so gut. Es kommt dann allerdings immer wieder etwas dazwischen, die bekannten historischen Ereignisse nehmen ihren Lauf, Keyaschante wird einer der Häuptlinge seines Volkes, führt Krieg an der Seite Sitting Bulls und Crazy Horses gegen die Eindringlinge, sieht seine Verwandten und Freunde sterben. Erst spät, als Tscheyasa-win mehr zufällig erfährt, dass ihr Mann noch lebt, und sich auf den Weg in den Westen macht, finden die beiden wieder zusammen.
Das Buch ist als Buch eines Angehörigen des Lakota-Volkes natürlich ein wertvolles Dokument und eine kleine Besonderheit. Literarisch lässt es allerdings einiges zu wünschen übrig. So wird nach der Trennung zwar ein paarmal darüber gesprochen, dass Keyaschante sich auf die Suche nach seiner Frau machen will, aber es unterbleibt, und am Ende scheint es auch gar nicht so wichtig, diese Frau wieder zu finden.
Ähnlich wenig Fleisch auf den Rippen hat der Teil der Geschichte, der von Tscheyasa-wins Aufenthalt bei den Weißen erzählt. Man merkt keine Eingewöhnungs- und Umgewöhnungs-Probleme, obwohl sie doch als kleines Kind zu den Lakota kam und vollständig indianisch sozialisiert wurde. Von Erinnerungen an ihre "weiße" Vergangenheit findet sich nichts, und trotzdem ist sie sofort voll integriert, wird ohne weiteres in eine weiße Familie aufgenommen, erlebt nicht die Spur irgendwelcher Garstigkeiten und Gehässigkeiten, eckt nirgends an, hat nirgends das Gefühl, dass es in der Lakota-Gesellschaft aber menschlicher, ehrlicher, gerechter o.ä. zuginge, und hat sogar die Gelegenheit, eine "gute Partie" zu machen, als ein angesehener, leidlich wohlhabender und auch nicht unbedingt unsympathischer junger Mann um sie wirbt. Ja, wenn das so einfach wäre, von weiß zu rot und dann wieder zurück zu wechseln, warum haben sich die Völker dort drüben eigentlich bekriegt?
Die titelgebende "Wintererzählung" erweist sich gleichfalls als ein blindes Motiv. Zwar wird Schildkrötenherz im Buch von seiner Großmutter seine eigene, persönliche Wintererzählung, eine auf Leder aufgemalte Geschichte seines Lebens, übergeben, aber abgesehen von einigen Stellen, an denen er stolz darauf ist, einen persönlichen Wintercount zu haben, wird auf die Sache nie näher eingegangen. Man erfährt nie, was drin steht in der Geschichte und was sein Großvater eigentlich aufgezeichnet hat.
Auch die Wiederbegegnung der beiden Liebenden geht, wie bereits gesagt, auf einen reinen Zufall zurück. Es ist keine Leistung Keyaschantes, seine Frau wieder zu finden. Insofern bleibt alles zufällig, beliebig, nichts hängt zusammen, keine Handlung geht aus der vorherigen hervor.

Plutarch: Die Kunst zu leben (Insel)
- Über die Seelenruhe
- Über die Schwatzhaftigkeit
- Gesundheitsregeln
- Ratschläge für die Ehe
- Trostbrief an die Gattin
- Über Kindererziehung
- Das Gastmahl der Sieben Weisen
Von Plutarch hatte ich bisher nur die Parallelbiographien gelesen. Dieses Insel-Taschenbuch mit ausgewählten Schriften fiel mir mehr oder weniger zufällig in die Hände, ein Fundstück aus dem Prämienshop bei ebook.de. Es ist eine Auswahl, getroffen und übersetzt von Marion Giebel, die ich sehr schätze. Enthalten sind außer den oben genannten Texten auch ein Vorwort und zu jedem Text eine kurze Einführung, ferner gibt es im Anschluss ein paar hilfreiche Anmerkungen. Insgesamt ein sehr lesbares Buch in der geschmeidigen und eleganten Handschrift Plutarchs mit sehr vernünftigen, eben stoischen Ansichten. Ein guter Begleiter für unterwegs. Wenn auch der gefeierte Trostbrief an die Gattin ein wenig oberlehrerhaft daherkommt, und nicht tröstend.

Reinhard K. Sprenger: Total Digital
Sprenger hat wie immer einen guten Schreibstil und kluge Gedanken aufzubieten. Ich schätze seine Bücher sehr, auch darum, weil es mir danach immer ziemlich gut geht ... Als kleine Warnung möchte ich hier allerdings zweierlei vorwegschicken: Zum einen geht es hier nicht darum, wie man Digitalisierung im Unternehmen technisch hinbekommt und was alles möglich ist. Wer also hier nach Informationen sucht, welche Software man einkaufen sollte, um ein Unternehmen umstrukturieren, ist hier fehl am Platz. Das zweite ist, dass das Buch in extrem kurze Kapitel eingeteilt ist, meist nicht mehr als eine Seite. Das hat den Vorteil, dass man es häppchenweise lesen kann, in der Werbepause beim Fernsehen, in der U-Bahn, auf dem Klo oder wo auch immer, aber es hat keinen "Fluss" und ist keine groß angelegte Analyse mit anschließendem Programm, sondern es ist angelegt als Rezeptsammlung, die auch nicht in einer vorbestimmten Reihenfolge gelesen werden muss. Das wird auch geradezu als Leseempfehlung vorangestellt.
Inhaltlich bietet Sprenger einen sehr erfrischenden, humanen Ansatz zum Umgang mit der Digitalisierung. Eben, indem er den "Faktor Mensch" wieder in den Mittelpunkt stellt und klarmacht, dass gerade der Mensch den Unterschied macht und nicht irgendwelche Algorhythmen und Technologien.
Er setzt drei Schwerpunkte: Zum einen rät er, das Unternehmen wieder "vom Kunden aus" zu denken, also nicht immer wieder neue Möglichkeiten auf den Markt zu werfen und dann zu versuchen, das Zeug irgendwie an den Mann zu bringen, sondern ganz konkret bei jeder neuen Entscheidung zu fragen: Was will der Kunde? Welche Probleme will er gelöst haben? Was können wir ihm anbieten, um genau das zu tun?
Der zweite Schwerpunkt ist der Bereich der Kooperation und zwar sowohl der besseren Zusammenarbeit von Mitarbeitern im Unternehmen als auch gemeinsamer Initiativen mehrerer Unternehmen, die an bestimmten Projekten zusammenwirken.
Drittens legt Sprenger den Fokus auf das, was den Menschen schon seit jeher über die Maschine erhob: die Kreativität.
Ein interessanter Ansatz. Und einer, der Mut macht. Es geht gar nicht darum, den Wettbewerb mit der Maschine zu gewinnen. Sondern darum, uns genau auf das zu konzentrieren, was uns als Menschen ausmacht. Und das ist nicht, immer größere Datenmengen sammeln und zusammenzustöpseln ...

Eleanor H. Potter: Pollyanna
Kinderbuch-Klassiker, den ich schon lange mal lesen wollte. Jetzt kam er mir in der Buchhandlung im Goslarer Bahnhof in einer 5-Euro-Hardcover-Ausgabe in die Finger, und das muss man doch mitnehmen. Pollyanna mit ihrem unerschütterlichen Optimismus und ihrem "Freude-Spiel" ist im anglophonen Sprachraum geradezu sprichwörtlich geworden. Der Ausspruch "I am such a Pollyanna!" bedeutet so viel wie: Ich bin so ein fröhlicher optimistischer Mensch, meine naive Lebensfreude lässt sich einfach nicht auslöschen ...
Die Geschichte ist eine typische Waisenkind-kommt-zu-griesgrämiger-Pflegeperson-und-verwandelt-sie-durch-seine-naive-liebevolle-Art-in-einen-Riesenphilanthropen-Story. Denkt an Anne auf Green Gables oder den kleinen Lord oder sowas. Pollyanna hat ihre beiden Eltern verloren. Aber sie hat von ihrem Vater ein unfehlbares Gegengift gegen alle Verzweiflung mit auf den Lebensweg bekommen, eben das Freude-Spiel. Wann immer ihr irgend etwas Trauriges und Niederschmetterndes begegnet, dann will es die Spielregel, dass Pollyanna dieses Erlebnis so lange dreht und wendet, bis sie am Ende doch irgend etwas Gutes daran gefunden hat, über das sie sich freuen kann. Zu einer wahren Meisterschaft hat sie es einst gebracht, als sie zum Geburtstag statt der heißersehnten Puppe von einer Gruppe von Wohltätigkeitsdamen nur ein paar Krücken erhielt. Absolut aussichtslos, an diesen hässlichen Dingern noch etwas Erfreuliches zu finden? Doch. Pollyanna braucht zwar einige Zeit, bis sie die Lösung entdeckt, aber dann geht ihr ein Licht auf: Sie freut sich riesig darüber, dass sie diese Krücken nicht benötigt.
Auf diese Art gefeit gegen alle Verzweiflung kommt Pollyanna ins Haus ihrer Tante, einer griesgrämigen alten Dame, die es Pollyannas Mutter nie verziehen hat, dass diese eine "gute Partie" ausgeschlagen und stattdessen einen armen Geistlichen geheiratet hat. Aber Pollyanna lässt sich nicht unterkriegen, freut sich über alle Garstigkeiten und Gedankenlosigkeiten, mit denen die Tante ihr den Aufenthalt eigentlich zur Qual machen müsste, und nach und nach lehrt sie alle frustrierten Bewohner der Kleinstadt ihr Freude-Spiel. Bis eines Tages etwas passiert, über das sich selbst Pollyanna nicht mehr freuen kann ...
Das Freude-Spiel wird oft in der Ratgeber-Literatur zitiert, es ist so eine Art umgekehrte "Anleitung zum Unglücklichsein". Insofern war es interessant, hier einmal die Quelle kennen zu lernen. Literaturwissenschaftlich betrachtet ist das Buch allerdings nicht die ganz große Literatur, es kann nicht mit Waisenkind-Klassikern wie "Anne auf Green Gables", "Oliver Twist", "David Copperfield" oder "Eine kleine Prinzessin" mithalten, dazu ist Pollyanna zu eindimensional und nur auf dieses eine Spiel fixiert. Aber, wie gesagt, es war interessant.


März

Alessandra Reß: Die Sommerlande

Hartmut Bomhoff: Israel Jacobson - Wegbereiter jüdischer Emanzipation
Handliche, sehr kompakte Überblicksdarstellung aus der Reihe "Jüdische Miniaturen". Israel Jacobsohn war so eine Art Martin Luther des Judentums, also derjenige, der das Reformjudentum erfunden hat. Interessanterweise nahm das Ganze in Seesen seinen Anfang, also fast direkt bei mir vor der Haustür, wo Jacobsohn im Jahr 1810 die erste Reformsynagoge gründete. 1815 führte er in Berlin liberale Gottesdienste ein. Eine sehr spannende Geschichte. Ich mag die Reihe ohnehin, sie bietet jeweils einen guten Einstieg in die entsprechenden Persönlichkeiten.

Reimer Boy Eilers: Das Helgoland, der Höllensturz: Oder Wie ein Esquimeaux das Glück auf der Roten Klippe findet, obwohl die Dreizehenmöwen hier mit Rosinen gegessen werden (e)

Saul Ascher:Ausgewählte Werke:
- Soll der Jude Soldat werden?
- Leviathan oder Ueber Religion in Rücksicht des Judenthums
- Ideen zur natürlichen Geschichte der politischen Revolutionen
- Ansicht vom künftigen Schicksal des Christenthums
Sehr gediegene, ausgesprochen werthaltige Hardcover-Ausgabe mit einer allgemeinen Einleitung zu Saul Aschers Leben und Werk und vier Einzel-Einführungen zu den aufgenommenen Schriften, sie enthält auch eine Bibliographie der Primär- und Sekundärliteratur und einen Index. Etwas vermisst habe ich Aschers "Germanomanie". Die hätte in einen Band innerhalb einer Reihe mit dem Titel "Schriften zu Staat, Nation, Gesellschaft" unbedingt mit dazu gehört. Aber ich vermute mal, dass sie weggelassen wurde, da es noch eine weitere Ascher-Sammlung auf dem Markt gab, die die Germanomanie enthielt (dazu mehr im nächsten Quartal).
Ascher widmet sich in den Schriften politisch-gesellschaftlichen Themen und liefert geschichtsphilosophische Betrachtungen mit ungewöhnlicher Perspektive und ungewöhnlichen Ergebnissen. Sehr interessant fand ich seine Betrachtungen zur Frage "Soll der Jude Soldat werden?" Dies war zu der Zeit ein heiß diskutiertes Thema. Seit Christian von Dohms Schrift "Über die bürgerliche Verbesserung der Juden" (1781) war immer wieder darüber diskutiert worden, dass Juden, wenn sie denn die Staatsbürgerschaft. z.B. die preußische, bekommen, nicht nur die Rechte, sondern eben auch alle Pflichten eines Staatsbürgers haben, und gerade in Preußen war damit dann nicht nur auch, sondern vor allem die Wehrpflicht gemeint. Die Argumente dafür, dass Juden womöglich als Soldaten nicht geeignet waren, waren vor allem: 1) das Sabbatgebot, verbunden mit der Frage, ob Juden am Samstag überhaupt kämpfen und für den Krieg üben durften, 2) die Speisevorschriften, was die Frage aufwarf, ob jüdische Soldaten im Krieg überhaupt ernährt werden können, 3) damit verbunden die Feststellung, dass Juden aufgrund ihrer Ernährung - ob koscher oder aufgrund armutsbedingter Mangelernährung - doch meist sehr dünne und schwächliche Personen seien und dem Einsatz im Krieg physisch gar nicht gewachsen, und 4) die Loyalitätsfrage: Wären Juden bereit, sich für ihre jeweiligen Heimatländer totschießen zu lassen, oder fühlen sie sich diesen Staaten weniger verbunden, da sie dort ja bislang jahrhundertelang Fremde mit eingeschränkten Rechten waren? Viele Juden haben, wie die Teilnahme am Ersten Weltkrieg zeigte, mit Begeisterung für ihr Vaterland in die Schlacht ziehen wollen ...
Ascher bezieht sehr klar eine Gegenposition. Er geht aus von einer zeitgenössischen Schrift, die unter der Überschrift "Soll der Jude Soldat werden?" angetreten ist, aber dann nur die Frage beantwortet: "Kann der Jude Soldat werden?" Ascher rügt diesen Etikettenschwindel. Und dann geht er selbst diesem "soll" nach, das bislang in der Diskussion vernachlässigt wurde. Sein hartes, provokantes Urteil lautet: "Nein."
Aschers Argumentation: Wer Soldat werden soll, um sein Vaterland zu verteidigen, der ist dazu verpflichtet, wenn er denn ein Vaterland hat und von diesem von Kindesbeinen an Wohltaten empfangen hat. Ein christlicher Bewohner eines bestimmten Landes ist von Geburt an in den Genuss der staatlichen Fürsorge gekommen, ist aufgewachsen in Sicherheit, hat Schulunterricht erhalten, die Polizei schützte sein Eigentum und seine Sicherheit usw. Damit ist der christliche Staatsbürger auch verpflichtet, sich für diesen Staat einzusetzen. Ein Jude, der jetzt plötzlich die Staatsbürgerschaft erhält, aber vorher sein Leben lang unterdrückt wurde, hat diesem Staat gegenüber noch keine Verpflichtungen, hier ist der Staat erst noch in der Bringschuld. Erst die Angehörigen der nächsten Generation, die als vollwertige Staatsbürger aufgewachsen sind und alle Segnungen des Bürgerrechts frei genießen konnten, seien dann auch in der Pflicht, Soldat zu werden. Ascher fehlte es nicht an Selbstbewusstsein und an Mut, auch mal gegen den Mainstream zu argumentieren.
Ebenso selbstbewusst tritt er im "Leviathan" gleichzeitig mit Moses Mendelssohn und Thomas Hobbes in die Schranken. Dabei sind vor allem deutliche Differenzen zu Mendelssohns "Jerusalem" festzustellen. Beide treten zwar für eine "bürgerliche Verbesserung der Juden" ein. Doch während Mendelssohn auf jeden Fall an der jüdischen Tradition festhalten will und eher auf Bürgerrechte als auf religiöse Formen und Zeremonialgesetze verzichten will, tritt Ascher dafür ein, das Judentum als ein Glaubenssystem zu denken, das als solches auch reformierbar und modernisierbar ist. Hierdurch erklärt sich auch der Titel: Bei Hobbes war der Leviathan, benannt nach dem gewaltigen biblischen Ungeheuer, noch der absolute Staat, der die Bürger (zu ihrem eigenen Schutz) knechtet und in vollkommener Unfreiheit hält. Für Ascher bezeichnet das Wort den zum Moloch angewachsenen jüdischen "Staat im Staate", der die Emanzipation der Juden verhindert.
In seiner Revolutionsgeschichte fasst er Geschichte geradezu als eine Abfolge von Revolutionen auf, die jeweils einen Fortschritt beziehungsweise eine Veränderung zum Besseren hin mit sich bringen. Ascher zufolge liegen in der Menschheitsentwicklung zwei Bestrebungen miteinander im Widerstreit, nämlich Sinnlichkeit und Vernunft. Leuten, die sich gegen Revolutionen aussprechen, wirft er vor, dass sie Ursache und Wirkung verwechseln: Revolutionen entstehen, wenn ein Missstand vorliegt, und ihr Ziel ist es, diesen Missstand zu beseitigen.
Dass sich Ascher als Jude in einem Aufsatz mit dem "künftigen Schicksal des Christentums" auseinandersetzte, wäre für einen jüdischen Autor der vorherigen Generation wohl undenkbar gewesen. Auch bei dem Spätaufklärer Ascher werden es noch sehr viele Leute ziemlich keck gefunden oder für einen Anfall von Hybris erklärt haben. Ascher ficht das nicht an. Er geht davon aus, dass die "Offenbarungsreligionen" inzwischen mehr oder weniger abgewirtschaftet haben. Offenbarung ist laut Ascher nicht aus der Vernunft zu begründen, lässt sich nicht denkend entwickeln, Offenbarungsreligionen seien dem Volk immer von außen aufgedrückt worden, hätten "nie einen unmittelbaren Zusammenhang mit den Völkern selbst gehabt", schreibt er. Sie seien zu ihrer Zeit möglicherweise notwendig gewesen. Ascher geht aber davon aus, dass mit zunehmender Entwicklung der Menschheit die geoffenbarte Religion nach und nach einer Weltreligion das Feld räumen dürfte. Einer Religion, die sich, gut aufklärerisch gedacht, mit dem menschlichen Verstand weiterentwickeln wird. Besonders im Protestantismus sieht er eine fortschreitende Entwicklung. Am Schluss könnte für eine Art Religion der Freiheit und Vernunft stehen, in der die Menschen im Bewusstsein ihrer Selbstständigkeit leben.


Fabienne Siegmund: Das Nebelmädchen von Mirrors End


© Petra Hartmann


Weiterer Jahresrückblick:
Teil II: April bis Juni 2020
Teil III: Juli bis September 2020
Teil IV: Oktober und November 2020
Teil V: Dezember 2020


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Jahresrückblick IV: Oktober bis Dezember 2019

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 31 December 2019 · 1222 Aufrufe
Jahresrückblick

Vierter Teil meines Lese-Rückblicks auf das Jahr 2019. Es ist wieder viel Haskala-Literatur dabei, Bücher über Goslar, Phantastik, etwas über Luftfahrt-Pioniere. Viel Spaß beim Lesen!

 

Die anderen Quartale: Januar bis März, April bis Juni, Juli bis September

 

Oktober

 

Christoph Marzi: Charing Cross

 

Alexandra Kui: Der Nebelfelsen
Die Verfasserin hat vor meiner Zeit bei der Goslarschen Zeitung gearbeitet und im Buch den Redaktionsalltag geschildert und ein paar Kollegen abkonterfeit. Als mir eine Kollegin das erzählte, war klar, dass ich mir den Roman anschaffen musste. Wobei es nicht um die Goslar-Redaktion ging, in der ich sitze, sondern um eine Außenredaktion, die in dem fiktiven Harzort "Grauen" angesiedelt ist.
Das Buch hat eine sehr schöne, eingängige Sprache und einen guten Erzählfluss, und auch wenn ich nicht viel aus meiner aktuellen Umgebung wiedererkannte, kann ich mir doch vorstellen, dass sie die Kollegen gut getroffen hat. Es geht um eine neblige Klippe, von der sich immer mal wieder ein Selbstmörder hinabstürzt. Ein zwiespältiges Besitztum der Gemeinde Grauen. Denn einerseits will natürlich niemand Menschenleben in Gefahr bringen, doch andererseits lebt fast die gesamte Bevölkerung vom Tourismus, und die regelmäßigen Berichte über die unheimliche Sogwirkung, die von diesem nebligen Felsen ausgeht, erweisen sich als grandioser Besuchermagnet. Busladungen vor Touristen strömen regelmäßig nach Grauen, um den Grusel der Klippe hautnah zu spüren. Als die Heldin des Romans erfährt, dass sich ihre Freundin hier umgebracht haben soll, reist sie nach Grauen. Es geht nicht nur um Spurensuche. Die hochqualifizierte Starfotografin, deren Aufnahmen sonst in Hochglanzmagazinen abgedruckt werden, befindet sich offenbar in einer massiven Midlife-Crisis. Gerade hat sie ihrem Freund den Laufpass gegeben, und im Job kriselt es. Da kommt ihr das Angebot eines Grauener Zeitungsredakteurs, für ihn als Fotografin zu arbeiten, gerade recht. Zwischen Fotografin und Redakteur beginnt es zu knistern. Was eine kriminaltechnische Ermittlung hätte werden sollen, wird zur Liebesgeschichte. Aber dann erfährt die Frau doch noch, was an der Nebelklippe geschah.
Wie gesagt: Eine echt gut geschriebene Story. Einen halben Punkt Abzug gibts für den Etikettenschwindel: Es steht "Krimi" auf dem Buch. Dabei ist es eine waschechte Liebesgeschichte, in der am Rande auch gestorben wird. Ansonsten: Empfehlenswert, nicht nur für GZ-Redakteure.

 

Hans Baumann: Redleg. Der Piratenjunge im Schottenrock
Ein antiquarisches Buch, gefunden bei Amazon Marketplace. Redleg, der Titelheld, ist ein Junge aus Schottland, der stets einen Schottenrock trägt, auch im Winter. Weil die nackten Beine dann der Kälte und dem Wind ausgesetzt sind, frieren sie rot, daher der Name. Redleg ist Waisenkind und träumt eigentlich davon, eine Mühle zu besitzen. Aber dann wird er von Piraten gefangen und verschleppt. Fliehen kann der rotbeinige Schiffsjunge von dem Schiff nicht. Aber ein gleichfalls verschleppter Schiffsarzt gibt ihm einen Tipp: Der Weg nach draußen führt über die Karriereleiter. Nach und nach arbeitet sich der gewitzte Schottenjunge in der Hierarchie des Schiffs nach oben, wird Ausguck, Proviantpirat, Pulverfachmann, Kassenchef. Schließlich bringt er es bis zum Kapitän. Aber auch das ist nur ein weiterer Zwischenschritt auf seinem Weg zu seinem Lebensziel: Müller zu werden. Heiteres, amüsantes Kinderbuch, nett geschrieben. Hat mir Spaß gemacht. Wenn ich auch die Bemerkung im Klappentext, das Buch sei darum erst so spät fertig geworden, weil der Illustrator sich immer wieder halbtot gelacht hat, doch etwas übertrieben finde.

 

Gerd Bedszent: Im Auge des Chaac, Teil 1 und 2 (BunTES Abenteuer 23 und 24)
Mich hatte im vergangenen Jahr in der Anthologie "Heimkehr - Thüringen morgen und übermorgen" die Geschichte "Finklbergs Plan" von Gerd Bedszent sehr beeindruckt. Darum musste ich mir auf dem BuCon unbedingt die beiden TES-Hefte des Autors anschaffen. Wobei es nicht zwei Heftromane sind, sondern eine Story, die wegen ihres Umfangs auf zwei Hefte verteilt ist.
Der Ich-Erzähler ist derselbe Journalist wie in "Finklbergs Plan", zu dem dieser Roman gewissermaßen die Vorgeschichte bildet. Es geht um illegalen Handel mit Maya-Artefakten, um brandgefährliche Banditenbanden und skrupellose Kunsthändler, außerdem um eine junge indigene Widerstandskämpferin und ihren Kampf für den Erhalt ihrer Kultur und gegen den Ausverkauf archäologischer Schätze. Als die Banditen ein steinernes Relief einer bisher unbekannten Maya-Pyramide verscherbeln wollen, sind die junge Frau und der Journalist vor Ort und dokumentieren den Fall - eine todgefährliche Reportage ... Sehr spannend und gut geschrieben. Daumen hoch.

 

Bergrat Dr. Ing. Hans-Hermann von Scotti
Biografie eines für Goslar bedeutenden Menschen, der den Bergbau im Rammelsberg - und nicht nur dort - geprägt hat. Das Buch erschien als Jahresgabe des Fördervereins Weltkulturerbe Rammelsberg. Ich habe es für meine Zeitung gelesen, rezensiert und ziemlich böse verrissen. Ziemlich fragwürdig fand ich das Kapitel über von Scotti als Chef des Rammelsberges in der Nazizeit, über den Einsatz von Zwangsarbeitern in den Bergwerken und die Art, wie er im Zweiten Weltkrieg in eroberten Ländern kriegsnotwendige Rohstoffe requirierte. Im Artikel habe ich geschrieben:
"Erschütternd undistanziert schildert der Autor die Probleme bei der Beschaffung der Arbeitskräfte. 200.000 Jugoslawen waren als Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter nach Deutschland gebracht worden. 'Dadurch war das Arbeitskräftereservoir in dieser Gegend eigentlich bereits erschöpft' (S.132), heißt es im Tonfall eines modernen Managers, der den Fachkräftemangel beklagt. Eichhorn erwähnt die 'Bereitstellung von 10.000 ungarischen Juden' (S.133). Man könnte fast Mitleid haben mit den Bergbau-Organisatoren, wenn es heißt: 'Die Inbetriebnahme der Werke, die an der Grenze zu Kroatien und Albanien lagen, wurde von Anfang an durch Sabotageakte der Partisanen erschwert. Trotz dieser starken Beeinträchtigungen schaffte es die Preußag, nahezu den gesamten deutschen Antimonbedarf zu decken.'
Beinahe zynisch klingt die Beschreibung, wie Deutschland lange versuchte, die Gruben und Hüttenbetriebe im jugoslawischen Bor zu erlangen: 'Trotzdem waren die französischen Eigentümer erst nach der Kapitulation Frankreichs bereit, ihre Aktien an deutsche Interessenten zu verkaufen', notiert Eichhorn (S. 130). Auch wenn er nachschiebt, dieser Verkauf sei nicht auf politischen Druck geschehen - ein bitterer Nachgeschmack bleibt."
Zum Thema Zwangsarbeiter:
"In einem Bericht aus dem Jahr 1942 heißt es: 'Nachdem jedoch eine Anzahl hartnäckiger Bummelanten der Geheimen Staatspolizei gemeldet und von dieser in ein Arbeitserziehungslager oder Konzentrationslager gebracht worden war, haben die pflichtwidrigen Arbeitsverhältnisse fast völlig aufgehört.' Was er selbst damals dachte, bleibt weitgehend außen vor." (...)
"Erst im Schlusswort stellt Eichhorn die Fragen, die sich anlässlich des NS-Kapitels dem Leser stellen. Was dachte der Bergrat? Was sagte sein Gewissen? Der Mann wurde nach dem Krieg bald entnazifiziert, war wieder in leitender Position im Bergbau tätig. Er starb erst 1966, eine kritische Aufarbeitung scheint es nicht gegeben zu haben. Eichhorn versucht, von Scottis Handeln aus soldatischer Tradition und preußischer Pflichterfüllung zu erklären. Im Prinzip sei er Technokrat gewesen. Es sei ihm um das Erfüllen von Aufgaben, die technische Abwicklung, das Funktionieren des Betriebs gegangen. Das klingt logisch. Doch hätte man sich gewünscht, dass der Autor in der Technokraten-Eigenschaft dem Forschungs-Objekt nicht gefolgt wäre."
Meine vollständige Rezension zum Buch findet ihr hier (allerdings hinter der Bezahlschranke). Wer sich für das Buch selbst interessiert, findet eine kostenlosen Download hier.

 

November

 

Fabienne Siegmund: MoonBird

 

Manas. Dargestellt von Theodor Herzen. Erzählt von Samar Mussajew. Russische bearbeitet von Michail Rudow.
Den "Manas" wollte ich schon seit mindestens 20, wohl eher seit 30 Jahren lesen, aber bisher habe ich keine ordentliche Textausgabe die riesigen Epos gefunden (gibt es die überhaupt?).
Auch dies ist keine Ausgabe des Epentextes, sondern ein sehr schönes Kunstbuch. Es enthält die Illustrationen, die Theodor Herzen gemacht hat. Sehr beeindruckende Bilder in unterschiedlichen Techniken und aus unterschiedlichen Schaffensperioden, ein Lebenswerk. Dazu gibt es eine kurze Inhaltsangabe, jeweils auf Russisch und Deutsch, in der die einzelnen dargestellten Stationen der Geschichte kurz erläutert werden. Optisch grandios. Aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, einmal den kompletten Manas in einer deutschen Übersetzung zu lesen.

 

George Saunders: Fuchs 8
Ein liebenswürdiges, herzerwärmendes Büchlein über einen Fuchs, der die Sprache der Menschen so wunderschön findet, dass er sie lernt und dann auch zu schreiben beginnt. Fuchs 8, wie der kleine Held dieser Geschichte heißt, hat nicht nur einen freundlichen, naiven Blick auf alles, was die Menschen tun, sondern er hat auch eine Rechtschreibung, die man geradezu als rührend bezeichnen kann. Getreu dem Motto: "Schreib, was du hörst" setzt er seine Gedanken in Buchstaben um. Er erzählt von seinen ersten Begegnungen mit Menschen, vom Zauber ihrer Sprache, die in seine Ohren wie eine wunderschöne Musik klingt. Aber auch von dem schweren Leid, das die Menschen über die Fuchsfamilie gebracht haben, als sie den Wald zerstörten, um ein Einkaufszentrum zu bauen. In der Sprache von Fuchs 8 klingt das so:
"Wenn ir oich so schlecht fülen wollt wi di Fükse jezz dann 1) Wochen lang kaum was fressen, 2) seen, wi vile Froinde, du auch, jeden Tag dünner und dünner werden, 3) seen, wi merere von deinen gelibten Froinden immer dünner werden, bis si sterben."
Fuchs 8 fasst sich ein Herz: Zusammen mit seinem Freund Fuchs 7 schleicht er sich in die "Mall", um etwas zu essen zu finden. Beide sind begeistert. Doch dann passiert das Schreckliche, Undenkbare: Die von Fuchs 8 geliebten und verehrten Menschen entpuppen sich als blutrünstige Mörder und bringen seinen Freund Fuchs 7 um. Fuchs 8 kann fliehen. Lange braucht er, um seinen Schock zu überwinden. Aber dann schreibt er den Menschen einen Brief und fragt sie, warum sie so böse und gemein sind und warum sein Freund sterben musste.
Ganz große kleine Literatur. Wer an diesen Fuchs 8 nicht sein Herz verliert, der hat keines zu verlieren.

 

Maja Nielsen: Abenteuer! Pioniere der Lüfte
Ich liebe ja Maja Nielsens Abenteuer-Reihe. Bisher habe ich mir die einzelnen Teile immer als Hörbücher beziehungsweise Hörspiele im Auto gegönnt. Dieses hier war Urlaubslektüre und obendrein als Hintergrundmaterial für einen Flieger-Roman bestimmt, da war dann mal die Print-Ausgabe fällig. Erzählt wird darin die Geschichte der Brüder Wright und ihres Flyers. Sehr lehrreich und pädagogisch gut und lebendig aufgebaut. Man kommt gut in die Gedankenwelt der Brüder und die technischen Fragen hinein, und durch die großzügige Bebilderung wird das Ganze auch sehr fasslich. Wie immer bei Maja Nielsen ist auch in diesem Abenteuer die Historie nicht abgeschlossen. Die Autorin erzählt auch über einen aktuellen Pionier der Luftfahrt. Sie stellt den Schweizer Bertrand Piccard vor, der über energiesparende Flugmaschinen nachdenkt und der mit seiner solarbetriebenen Flugmaschine "Solar Impulse" die Erde umrundete. Sehr beeindruckend.

 

Sabine Fitz: Die bedeutendsten Pioniere der Lüfte
Noch ein Buch über Luftfahrt-Pioniere, diesmal nicht speziell über die Wrights, sondern in jeweils ca. achtseitigen Kapiteln über sehr unterschiedliche Flieger und Konstrukteure. Darunter sind Otto Lilienthal und Graf Zeppelin, aber auch der Schneider von Ulm und Leonardo da Vinci. Es geht um Charles Lindbergh, die Brüder Montgolfier, um Fockes Hubschrauber, um die Rekordpilotin Amelia Earhart und die Langstreckenfliegerin Amy Johnson. Das Ganze reich bebildert, optisch sehr gut und übersichtlich aufgemacht, mit Skizzen, Steckbriefen und mit einem kleinen pädagogisch wertvollen Multiple-Choice-Test nach jedem Kapitel. Sehr lehrreich, ich werde es gern wieder zu Rate ziehen für meinen Roman.

 

Andreas Zwengel: Panoptikum
Eine Sammlung mit zwölf Kurzgeschichten des Autors. Die Storys sind, bis auf zwei Ausnahmen, bereits in Anthologien veröffentlicht worden und entstammen den unterschiedlichsten Subgenres der Phantastik - von Horror über Science-Fiction zu klassischen Vampirgeschichten und Steampunk. Einen Teil davon kannte ich bereits aus anderen Sammlungen. Mein Favorit war die Steampunk-Geschichte "Volldampf", in der der "eiserne" Kanzler in einem Zug auf den magischen Schutzschild Prags zurast ... Sehr schön.

 

Antonia Michaelis: Das Institut der letzten Wünsche
Zauberhaft-liebenswürdiger Roman über zwei Frauen, die mit ihrem Unternehmen Sterbenden ihre letzten Herzenswünsche erfüllen wollen. Wer die Dienste des Instituts in Anspruch nehmen will, darf jeden, auch den absurdesten Wunsch aussprechen, und die beiden Frauen setzen alles daran, ihn zu erfüllen. Bedingung: Der Kunde muss eine ärztliche Bescheinigung vorlegen, dass die voraussichtliche Lebenserwartung bei maximal sechs Monaten liegt. Ein trauriger Ausgangspunkt. Aber gleichzeitig auch die Basis für eine ungeheuer leichte, befreiende Geschichte. Denn wenn der Tod ersteinmal so eindeutig an die Tür klopft, wird der Blick klar für das Wesentliche, das wirklich Wichtige im Leben. Und die Wunscherfüllerinnen Mathilde und Ingeborg sorgen dafür, dass sich eine gewisse Leichtigkeit und befreiende, fast heitere Atmosphäre ausbreitet. Für viele Kunden ist dieser letzte Wunsch eine Art Wiedergutmachung, ein Abschluss einer uralten noch offenen Rechnung, die letzte Aufgabe, die es noch zu erledigen gilt, bevor man sich leicht und frei auf den letzten Weg macht. Also eine Art Sterbebegleitung, nur mit Phantasie und einer ganzen Menge Chaos, das die beiden Frauen anrichten, um die Wünsche zu erfüllen.
Schon der Auftakt zum Roman ist ein typischer "Michaelis": Eine absolut unlogische, verblüffende Situation, kreatives Chaos als Institutsalltag: Mathilda versucht, ein Pony in eine U-Bahn zu bekommen. Eine ältere Dame hatte sich nämlich gewünscht, nur einmal im schneeweißen Kleid und mit schneeweißem Sonnenschirm durch den Stadtpark zu reiten. Und der teure Pferdetransporter ist im Büdget einfach nicht mehr drin. Dass es tausendmal schwerer war, einen schneeweißen Regenschirm aufzutreiben, als ein Pony in eine U-Bahn zu bugsieren, hat Mathilde dabei ohnehin gelernt. Als Schirm kaufte sie schließlich ein schwarzes Modell mit Totenköpfen und bleichte es aus.
Aber wie schaffen es Mathilda und Ingeborg, einer sterbenden alten Dame ihren Herzenswunsch zu erfüllen und sie noch einmal ein Konzert der Callas erleben zu lassen? Und was tut man, wenn sich ein älterer Herr danach sehnt, noch einmal einen Spielabend in einer Studenten-WG zu erleben, und alle Studenten absagen, weil sie sich davor fürchten, in ihrem zu Hause plötzlich einen toten Opa herumliegen zu haben? Und was passiert, wenn sich die Wunscherfüllerin in einen Kunden verliebt? Genau das geschieht nämlich Mathilde mit einem Krebspatienten, der auf der Suche nach seiner Jugendliebe ist, die ihn damals, als sie schwanger wurde, verlassen hat. Eine eigenartige platonisch-poetische Liebe keimt auf, und beide wissen, dass sie keine Zeit und keine gemeinsame Zukunft mehr haben ... Einfach ein zauberhaftes, herzerwärmendes Buch mit mehreren überraschenden Wendungen und erfüllt von einer großen Liebe zum Leben. Stellenweise absurd, aber immer irgendwie den Naturgesetzen und einer eigenen Logik folgend, schräg, liebenswürdig, schön.

 

Das Vermächtnis der Astronautengötter
Science-Fiction-Anthologie, die alten Legenden über Wesen nachgeht, die vom Himmel herabgestiegen sind. Die alten Völker nannten sie Götter, aber was, wenn es eigentlich Astronauten waren? Besucher von fernen Planeten oder aus der Zukunft, die den menschlichen Kulturen vielleicht sogar den entscheidenden Kick gaben und deren Entwicklung vorantrieben? Die Autoren erzählen von Atlantis, Ägypten oder biblischen Propheten, von Mayas und Inkas, Hippies, von Universitäten und Weltraummüll. Es sind sehr schöne und interessante Geschichten dabei, allerdings wiederholen sich die Situationen und Begegnungen auch manchmal, sodass eine gewisse Monotonie entsteht. Für sich einzeln betrachtet sind die Storys aber auf jeden Fall gut gearbeitet und spannend.

 

Andreas Kennecke: Isaac Euchel. Architekt der Haskala
Isaac Euchel war vermutlich neben Moses Mendelssohn der bedeutendste philosophische Kopf der Haskala und neben David Friedländer einer der größten "Macher" der jüdischen Aufklärung. Insofern ist die Bezeichnung als "Architekt" der Haskala, wie er im Buchtitel genannt wird, recht passend gewählt. Euchel stammt aus Kopenhagen (wie Naftali Herz Wessely), kam als Hauslehrer der Familie Friedländer nach Königsberg in die Stadt Kants, studierte an der dortigen Universität, eben bei Kant, und wurde, eine geradezu unerhörte Angelegenheit, von Kant als Dozent für orientalische Sprachen vorgeschlagen. Trotz der prominenten Unterstützung - ein Jude als Universitätsdozent, das war damals dann doch unmöglich. Und am Ende musste Kant selbst, der inzwischen Universitätschef geworden war, seinen eigenen Zögling aufgrund der Universitätsstatuten ablehnen. Immerhin: Es war ein Anfang. Und Euchel bekam wenigstens eine Stelle als Dolmetscher. Dennoch, schade.
Euchel hat sich daraufhin noch stärker auf seine Arbeit für hebräische Literatur konzentriert. Bekannt wurde er als Übersetzer des jüdischen Gebetbuchs, als engagierter Kämpfer für eine jüdische Freischule in Königsberg nach Berliner Vorbild, vor allem aber als Mitbegründer der Gesellschaft der hebräischen Literaturfreunde. Deren große Leistung war die Gründung des "Me'assef", des "Sammlers", der ersten modernen hebräischen Zeitschrift. Hierfür steuerte Euchel zahlreiche Artikel bei und war wie Wessely bemüht, eine neue hebräische Hoch- und Literatursprache zu schaffen. Unter anderem veröffentlichte er hier Reisebriefe an einen seiner Schüler, für die er eine ganze Menge neuer hebräischer Wörter erfinden und konstruieren musste, denn viele Sachen, die man bei Reisen durch das Europa des 19. Jahrhunderts unterwegs sieht, kommen ja im biblischen Hebräisch nicht vor ... Weitere Themen waren Philosophie (zum Beispiel Kants Kritik der reinen Vernunft) oder die Diskussion über die frühe Beerdigung bei Juden (hierzu hatte ja auch Mendelssohn Stellung bezogen). Aber auch Literatur: Euchel schrieb den ersten Briefroman der hebräischen Literatur.
Später war Euchel Leiter orientalischen Buchdruckerei in Berlin (ebenfalls eine Gründung der Maskilim), tat sich als Mendelssohn-Biograph hervor und veröffentlichte in seinen späten Jahren unter dem Titel "Reb Henoch" ein polyglottes satirisches Theaterstück, auch ein resignierter Abgesang auf die Haskala. Denn Euchel musste auch miterleben, wie viele Projekte scheiterten, wie der Zeitschrift nach und nach die Abonnenten ausblieben und wie viele Juden sich lieber der deutschen Sprache zuwandten als dem modernen Haskala-Hebräisch. Aber ein Scheitern auf hohem Niveau und ein faszinierender und engagierter Vorkämpfer seiner Bewegung. Lesenswert.

 

Marburg-Award 2018: Ein fataler Fehler!
Die Beiträge des Wettbewerbs in zufälliger Reihenfolge und in liebevoll aufgemachter Taschenbuch-Ausgabe, limitiert auf die Auflage von 50 Exemplaren und reich bebildert. Enthält 40 Geschichten zum Thema "Ein fataler Fehler!", vertreten sind fast alle Genres. SF, Fantasy, Horror, Dystopien, Märchenhaftes, sogar ein Western und eine Geschichte über den Verfasser von fiesen, kleingedruckten AGBs. Meine absolute Lieblingsgeschichte ist "Albenheim" von Iver Niklas Schwarz. Die Geschichte handelt von einem Wissenschaftler, dessen Frau bei einer gemeinsamen Expedition in einer Höhle verschüttet wurde und der nun versucht, Hilfe zu finden. Aber der Vertreter der Uni Hannover, der an dem unheimlichen Ort seine Messungen vornimmt, will ihm nicht glauben, dass er er selbst ist. Als beide sich doch noch auf die Suche machen, entdecken sie etwas Schockierendes ... Und sonst? Es ist eine besonders vielseitige Sammlung. Es geht um Druckfehler, Programmierfehler, falsch ausgesprochene Zaubersprüche und künstliche Intelligenzen, denen man zu viel Freiheit ließ. Um Therapien für Vampire und Fehleinschätzung gefährlicher Kunden. Um kleine Unachtsamkeiten, die zum Untergang ganzer Zivilisationen führen. Kurzum: Die ganze Palette der Fehlerkultur. Nur das Buch zu kaufen, das war eindeutig kein Fehler.

 

Herbstlande II - Verklingende Farben

 

Anja Bagus: Das Nebelreich

 

Fabienne Siegmund: Das Herz der Nacht
Wieder ein echter Siegmund: Melancholisch, magisch, traurigschön und einfach zauberhaft. Erzählt wird die Geschichte des nicht besonders talentierten Zauberers Mateo, dessen Lebensgefährtin und Showpartnerin Anisa plötzlich verschwindet. Die Suche bleibt ergebnislos, auch die Polizei kann nicht helfen. Es stellt sich aber heraus, dass noch mehrere andere Künstler verschwunden sind. Auf seiner Suche gelangt der Zauberer schließlich in einen seltsamen Zirkus. Hier trifft er auch seine Geliebte wieder, aber sie kann sich nicht mehr an ihn erinnern und ist jetzt mit einem Feuerspeier zusammen. Mateo lässt sich auf diesen seltsamen magischen Zirkus ein und nimmt eine Anstellung an. Er ist begeistert. In dieser Manege gelingt jeder, ausnahmslos jedert Trick, fast meint er, er könne wirklich zaubern. Doch nach und nach erkennt der Zauberer die Schatten hinter der heilen Glitzerwelt des idealen Zirkus. Alle Artisten sind Gefangene ihrer eigenen Kunst, unfrei und eingekauft mit den besonderen Fähigkeiten und der perfekten Show, die diese Manege möglich macht. Es führt kein Weg aus diesem Zirkus heraus. Es sei denn, Mateo bricht den Zauber der enttäuschten Liebe, der diesen Zirkus einst geschaffen hat. Dazu muss er allerdings den Widerstand der anderen Artisten überwinden. Denn für sie ist die schöne Scheinwelt ihr einziges zu Hause und eine Droge, auf die sie nicht verzichten können. Ein modernes, sehr weises Märchen über die wahres Glück und Drogen, die nur scheinbar glücklich, in Wirklichkeit aber leer machen. Über Weltflucht und den Weg zurück. Hat mir gefallen.

 

Tausendundeine Nacht: Das glückliche Ende. Übersetzt von Claudia Ott
Die Ausgabe wurde vor drei Jahren als Sensation gefeiert, und seitdem besitze ich das Buch auch schon, hatte nur nie genug Muße, es zu lesen. Es handelt sich um eine Übersetzung eines uralten Manuskripts, das in einer Bibliothek in Zentralanatolien lange ungesichtet und verräumt lag. Eine Ausgabe mit dem lange verschollenen Ende des Zyklus der Erzählungen aus 1001 Nacht.
Also, natürlich weiß jeder, dass Scheherazade - im vorliegenden Buch Schahrasad - sich durch ihre Erzählkunst retten konnte und den Sultan überzeugte, seine Ehefrauen nicht mehr nach der Hochzeitsnacht hinzurichten. Aber hier ist eben ausführlich das Ende (und der Weg dorthin) erzählt.
Das Buch enthält die Geschichten der letzten 125 Nächte. Außerdem wird die Rahmenhandlung weiter vorangetrieben. Das ist meist etwas stereotyp und formelhaft, die Erzählerin schließt vor dem Einschlafen immer wieder mit dem Versprechen, in der nächsten Nacht noch toller und amüsanter und spannender zu erzählen, und am nächsten Abend fordert ihre Schwester sie auf, doch mit ihrer Geschichte fortzufahren.
Das Ganze ist recht verschlungen, es passiert immer wieder, dass innerhalb einer Geschichte eine oder mehrere Personen ihrerseits wieder Geschichten erzählen. in denen dann auf einer weiteren Unterebene womöglich noch andere Märchen vorgetragen werden. In diesen letzten 125 Nächten kommen nicht die Gestalten vor, die man sonst mit 1001 Nacht verbindet. Sindbad, Ali Baba, Aladin bleiben außen vor. Es geht sogar ohne Magie ab, es geht um Schwänke, Diebe, romantische und erotische Begegnungen, Schelme und Gelehrte, Verheiratungen, Anekdoten, Tierfabeln und Sammlungen von Sinnsprüchen und Weisheiten.
Interessant ist dabei auch die Rahmenhandlung. Denn es wird deutlich gezeigt, wie der Sultan auf die Geschichten reagiert, wie er sich Gedanken über das Gehörte macht, manchmal in Selbstgesprächen kommentiert, dass er seine eigene Situation in den Erzählungen wiedererkennt und nach und nach zu der Erkenntnis kommt, dass sein Umgang mit seinen Ehefrauen, sprich: die ständigen Hinrichtungen, sehr ungerecht sind. Der Leser erlebt im Verlauf der Nächte den Wandel und den Erkenntnisprozess des Herrschers mit. Es ist nicht so, dass Sheherazade ihn am Ende der 1001. Nacht mit seinem Verbrechen konfrontiert, sondern der Mann kommt, behutsam von ihr angeleitet, selbst drauf. Bravo.
Inhaltlich muss ich sagen, dass ich die orientalischen Märchen nicht so mag. Ich habe lieber die klar strukturierten klassischen Grímm- und Andersen-Märchen mit perfekter, novellenartiger Handlungskurve. Und nicht dieses unstrukturierte Kuddelmuddel von immer neuen Handlungsfäden, die ins Kraut schießen, wirr durcheinander laufen und die, wenn das Publikum wegsackt, mal eben noch ein neues, spannenderes Fass aufmachen müssen. Die ständigen Unterbrechungen, wenn die Erzählerin und ihr Publikum einschlafen, nerven. Zumal sie manchmal auch bereits nach "Kurznächten" erfolgen, in denen die Frau nur zwei oder drei Sätze neu zu ihrer Geschichte hinzufügt und sich dann wieder schlafen legt. Diese ständigen neuen Handlungsstränge ermüden, und die Märchen gehen gar nicht weiter. Wenn ich der Sultan gewesen wäre, ich hätte ziemlich schnell losgeblafft: "Komm endlich zum Punkt, Sheherazade!"
Wie gut die Übersetzung geworden ist, kann ich nicht beurteilen. Man merkt aber, dass die Übersetzerin und Herausgeberin eine Menge davon versteht. Im Anhang schreibt sie vieles zum Hintergrund, über das Manuskript und die Tradition der Sammlung. Das hat mir sehr gefallen, wie auch die Aufmachung des Buchs. Ein gediegenes Stück Buchkunst und Literaturwissenschaft. Nur, dass die Märchen nicht so ganz meine Welt sind.

 

Verfluchte Mahnmale und Gedenkstätten
Düstere Anthologie mit Horror-Kurzgeschichten. Es sind ein paar sehr schöne Stücke darunter. Wobei es nur in den wenigsten Fällen tatsächlich um Mahnmale oder Gedenkstätten geht, oft sind es auch "nur" Gräber oder verfluchte Orte oder Schauplätze eines Unglücks, ohne dass jemand da groß Erinnerungskultur betrieben und eine Erinnerungstafel aufgestellt hätte. Die Sammlung enthält ausnahmslos gute Geschichten. Ich habe lange keine Anthologie gelesen, bei der ich wirklich alle Beiträge gemocht habe. Aber das hier ist wirklich ein Sonderfall. Sehr schön in der Komposition, eine gelungene, gut durchgehaltene Spannung und ein durchgehend hohes Niveau. Grusel, der wirklich zu empfehlen ist.

 

Antonia Michaelis: Die Allee der verbotenen Fragen
Und noch ein Buch von einer Lieblingsautorin. Kann die Frau eigentlich auch schlechte Bücher schreiben? Vermutlich nicht.
Es ist eine Art Liebesroman, allerdings mit einer doppelt schrägen Ausgangssituation. Johann Fin Paul, ein junger Mann aus England, kommt nach Deutschland, um sich die Heimat seiner Eltern anzusehen. Plötzlich steht er vor einem Grabstein, auf dem sein Name und sein Geburtsdatum zu lesen sind. Nur, dass dieser Johann Fin Paul offenbar bereits am Tag seiner Geburt gestorben ist. Während er noch verdutzt dasteht, kommt der örtliche Pfarrer auf ihn zu und händigt ihm einen Brief und einen Koffer aus. Und für Johann Fin Paul, den Lebendigen, beginnt eine seltsame, fast unwirkliche Suche nach einem anderen Fin Paul, der ihm offenbar sehr ähnlich sah.
Die zweite Hauptfigur ist weiblich, heißt Elena oder Akelei, ist schon im mittleren Alter, nicht glücklich, aber sattmachend verheiratet, und hat gerade ein lebendiges Huhn in ihre Einkaufstasche gesetzt, das sie für ihren Mann, der aus Überzeugung nur Hühner ist, die er selbst geschlachtet hat, abholen sollte.
Akelei ist vollkommen erschüttert, als sie den jungen Johann Fin Paul entdeckt. Er sieht ihrer Jugendliebe, Fin Paul, zum Verwechseln ähnlich. Die gleichen einzigartigen türkisfarben Augen, das gleiche Gesicht, die gleichen roten Haare. Und plötzlich gibt es für sie nur eine einzige Option: Diesem zweiten Fin Paul zu folgen und herauszubringen, wer er ist und wohin er geht. Sie lässt ihr altes Leben, ihren Mann, ihr zu Hause vollkommen hinter sich und folgt dem Jungen mit den Türkisaugen quer durch die Republik, nach Berlin, München, Hamburg, ohne Gepäck, nur mit einem Huhn als Begleiter. Eine absolut irrsinnige Kombination, aber das ist so rasant und zauberhaft erzählt, man muss einfach immer weiter lesen und beiden Helden, die erst sehr spät überhaupt mit einander reden, bei der Aufklärung eines schrecklichen Familiengeheimnisses folgen. Ja, die Geschichte ist konstruiert und absolut unwahrscheinlich. Aber genau das sind griechische Tragödien auch. Und das hier ist tragisch. Und doch einfach zauberhaft.

 

William Hiscott: Saul Ascher. Berliner Aufklärer
Eine Dissertation mit tragischem HIntergrund. Denn der Doktorand verstarb während der Abfassung. So sind es "nur" 800 Seiten geworden, das letzte Kapitel - über Aschers "Germanomanie" fehlt, dafür gibt es einen Lexikoneintrag, den der Verfasser über das Buch veröffentlicht hat. Schade. Aber auch so eine ganze Menge Lesestoff.
Saul Ascher war mir bisher nur aufgrund von zwei Reaktionen auf seine Werke ein Begriff. Zum einen durch Heines "Harzreise" in der er auf geniale und unvergessliche Weise als "Vernunftdoktor" dargestellt wird, der als Gespenst durch die Träume des Harzwanderers geistert und ihm dabei mit unwiderlegbarer kantianischer vernünftig-logischer Argumentation beweist, dass es keine Gespenster gibt.
Das zweite war, dass seine "Germanomanie" von Studenten als "undeutsch" auf dem Wartburgfest verbrannt wurde. Rechtslastiges Gesocks hat schon immer gern Bücher verbrannt. Die "Germanomanie" und die danach erschienene Schrift "Das Wartbugfest" gab es in der Germanisten-Bibliothek in Hannover als Kopiervorlage. Ich las sie im zweiten Halbjahr 1995 als Vorbereitung für meine mündliche Prüfung über das Hambacher Fest, für das ich eben auch einen Vergleich zum Wartburgfest ziehen wollte. Meine beiden fotokopierten Exemplare der Ascher-Bücher habe ich noch immer.
Ascher war Vertreter der "dritten Generation" der Haskala. Er kam, wie viele vor ihm, aus der Philosophie, hat sich dann aber vorwiegend als Schriftsteller hervorgetan. Dabei war er einer der ersten "Privatgelehrten". Es ist bezeichnend für diese dritte Generation, dass Ascher sich weniger als jüdischer Schriftsteller sah, der sich mit spezifisch jüdischen Themen auseinandersetzte. Vielmehr sah er sich als deutscher Literat und schrieb philosophische, politische und belletristische Texte für alle Leser. Tragisch, dass in dieser Zeit der Antisemitismus erfunden wurde. Als Juden noch "nur" aus religiösen Gründen gehasst wurden, ließ man sich halt als letzte Notlösung taufen und hatte die gleichen Rechte wie die christlichen Nachbarn. Aber wer aus "rassischen" Gründen verfolgt wird, dem hilft auch keine Taufe.
Hiscotts Dissertations-Fragment schlägt einen weiten Bogen und biete ein großzügiges Panorama der Haskala. Das heißt, dem Leser wird ein umfangreicher Überblick über die Bewegung geboten, und man erfährt so sehr viel über den Gesamtzusammenhang, in dem Aschers Werk steht. Die Texte Aschers selbst werden mit der Methode des "Close Reading" vorgestellt, das heißt, dass der Autor sich sehr eng am Text entlanghangelt, ihn wiedergibt und detailliert erläutert. Auch wer noch nie eine Zeile von Ascher gelesen hat und nicht viel über die Haskala weiß, wird hier umfassend in Kenntnis gesetzt und kann auch ohne Vorkenntnisse gut folgen. Sehr akribisch wurden auch die Reaktionen von Zeitgenossen und die Antworten und Rezensionen aufgespürt und gesammelt.
Gefallen hat mir die unverkrampfte und unverkopfte Sprache Hiscotts. Der Verfasser war Amerikaner, schrieb seine Dissertation aber in Berlin und auf Deutsch, ein sehr frisches Deutsch, das nicht vom deutschen Wissenschafts-Imponiergehabe der Universitäten verdorben wurde. So schreibt er, die Streitkultur der Aufklärung, speziell in Berlin, sei "zur ersten Massenprügelei der Philosophiegeschichte seit der Antike" geworden oder notiert anlässlich der Umstrukturierungen nach Regierungsantritt Friedrich Wilhelms I.: "Die Intelligenz im Beamtenapparat wurde maßgeblich verkleinert".
Fazit: Trotz des Fragmentcharakters eine sehr umfangreiche und ausführliche Arbeit. Absolutes Standardwerk.

 

Vikings of the Galaxy
Raufen, saufen, plündern, auf Abenteuerfahrt aufbrechen und unbedingt im Kampf sterben, sonst wird es nach dem Tode nichts mit der Aufnahme ins Wikingerparadies Walhall. Passt das zusammen mit dem Weltraum? Doch, irgendwie schon ... Wenn man genug Fässer Met intus hat und Spaß an der etwas schrägeren Art humorvoller Literatur. Der Leseratten-Verlag hat da offenbar Mächte heraufbeschworen, denen kein Zwerchfell gewachsen ist, jedenfalls haben es diese rotbärtigen Kerle und durchsetzungsstarken Walküren ganz schön in sich. Ob durch irgendwelche Dimensionslöcher oder Zeitreisemaschinen in den Weltraum versetzt oder ob sie einfach schon immer darin unterwegs waren, prügeln und saufen sich die Wikinger die Milchstraße entlang. Und beim Lesen empfiehlt sich, ebenfalls das Trinkhorn zur Hand zu nehmen. SkÃ¥l.

 

Juri Rytchëu: Gold der Tundra
Ein Roman, der auf der asiatischen Seite der Beringstraße im Land der Tschuktschen spielt. Es geht um eine Kooperation mit den USA, ein Projekt zur Walbeobachtung. Außerdem möchte der amerikanische Besucher mit tschuktschischen Wurzeln auch sein familiäres Erbe finden und wenn möglich mitnehmen. "Erbe" ist in diesem Fall durchaus wörtlich zu versehen. Denn sei Vorfahr besaß, der familiären Überlieferung nach, mehrere große schwere Goldklumpen, die er mit Kies überklebte und zur Befestigung seiner Jaranga (tschuktschisches Zelt) benutzte. Vorsichtiges Nachfragen ergibt, dass die Zeltsteine später als Grundsteine für eine Bäckerei benutzt wurden, die aber längst marode ist und nicht mehr produziert. Alle sind erstaunt, als die selbstlosen Amerikaner ihnen eine neue Bäckerei stiften und die alte abreißen wollen.
Dazu eine Liebesgeschichte, ein Blick in die Historie Tschukotkas, die negative soziale Entwicklung durch die sozialistische Umerziehung, die Alkoholprobleme. Und immer wieder werden Bodenschätze wie Öl oder Gold von den Einwohnern gezielt verborgen, um bloß keine Ausbeutungskonzerne auf das Land aufmerksam zu machen ...
Sehr schöner, auch etwas harter Roman. Aber ich habe schon viele bessere von Rytchëu gelesen.

 

Judith Swaddling: Die Olympischen Spiele der Antike (Reclam)
Gute Übersichtsdarstellung mit Infos zur Geschichte, zum Kult, zu den einzelnen Disziplinen und zu bekannten und erfolgreichen Athleten. Neu für mich war, dass es auch für Frauen Wettbewerbe gab, die Heraia zu Ehren der Götterkönigin Hera. Und dass es auch Wettbewerbe für Herolde und Trompeter gab. Man erfährt etwas über die Ehren und materiellen Vorteile, die Olympioniken hatten. Und auch über Fälle von Bestechung oder anders gearteter Kampfrichter-Beeinflussung wird berichtet. Dazu Anekdotisches. Und ein paar Vergleiche mit den heutigen Spielen. Sehr schönes, volles, informatives Buch, hat mir gefallen.

 

Pablo De Santis: Voltaires Kalligraph
Einer der Lieblingsautoren, denen ich mich in meinem Lese-Urlaub auf Helgoland gewidmet habe. Diesmal geht De Santis auf in der Liebe zur Kalligraphie und erzählt die Geschichte des Schreibers Dalessius, der im Dienste Voltaires den Mord an Marc Antoine Calas unrersuchen soll.
Verdächtig ist die gesamte Familie, vor allem Vater Jean, der schließlich hingerichtet wird. Als Motiv wird vermutet, dass der Sohn einer protestantischen Familie zum Katholizismus übertreten wollte.
De Santis verknüpft geschickt den historischen "Fall Calas" und den von Voltaire aufgeklärten Justizmord am Vater des Getöteten mit philosophisch-ästhetischen Gedanken über das Wesen des Schreibens und die Schönheit bestimmter Schriften. Das ganze vor dem Hintergrund einer an E.T.A. Hoffmann erinnernde Geschichte um "Automaten", also künstliche Menschen. Sehr düster und ein würdiger Nachfolger der schwarzen Romantik ist die in den Roman integrierte Erzählung über einen künstlichen Mönch, der es später zu den höchsten Würden bringt. Aber ist die Geschichte wirklich nur literarisch? Der Kalligraph, der nicht nur mit dem Henker de Vaters Calas, sondern auch mit einem genialen und verschlossenen Automatenbauer und dessen schöner Tochter zu Tun bekommt, hat jedenfalls einige sehr unheimliche Begegnungen, bevor er beginnt, die Wahrheit aufzuschreiben.
Erneut ein hintergründiger magisch-realistischer Roman von De Santis, der einen ungeheuren Sog entwickelt und den Leser in ein düsteres Gedankensystem hineinzieht. Der Mann versteht es einfach, historische Überlieferung und den kleinen irren Schuss Wahnsystem miteinander zu kombinieren. Sehr schön, allerdings seine anderen Romane fand ich noch besser.

 

Horst-Günther Lange: Geschichte der Juden in Goslar
Als ich nach Goslar kam, war eine der ersten Stadtführungen, die ich mitmachte, der Rundgang "Jüdisches Leben in Goslar". Die Stadtführerin hat mir zwei Bücher zum Thema genannt, die ich mir inzwischen antiquarisch beschaffen konnte und im Urlaub gelesen habe. Das oben genannte Buch ist eine Geschichte der Goslarer Juden vom Mittelalter bis zum Jahr 1933, das andere handelt von der Zeit zwischen 1933 und 1945.
Die jüdische Gemeinde in Goslar war immer recht klein, schon im Spätmittelalter bzw. der frühen Neuzeit gab es Probleme, einen Minjan (zehn religionsmündige Männer) zusammen zu bekommen, um einen jüdischen Gottesdienst abzuhalten. Es waren zumeist Kaufleute und kleine Händler. Ein Ghetto oder eine bestimmte Straße, in der die Juden leben mussten, gab es in Goslar nie, sie lebten also mitten unter ihren christlichen Nachbarn.
Dem Buch zufolge gab es relativ wenige Reibereien zwischen den städtischen Vertretern und den Juden, Konfliktpotential und Spannungen gab es aber immer wieder mit christlichen Geschäftsleuten, die ihre jüdischen Konkurrenten ausschalten oder zumindest kleinhalten wollten. An besonderen Ereignissen berichtete Lange unter anderem von der Flucht aller Goslarer Juden aus der Stadt im Jahr 1414: Zum Laubhüttenfest im September waren die Goslarer Juden vollständig nach Braunschweig gezogen, da die Gemeinde, wie gesagt, sehr klein war. Es war üblich, das Fest in Braunschweg zu feiern, und so zogen sie wie jedes Jahr hinüber zur Nachbarstadt, nachdem sie sich, ebenfalls wie üblich, der Stadt gegenüber verpflichtet hatten, nach dem Fest zurückzukehren. Allerdings kehrten sie nicht zurück. Die Ursachen liegen im Dunkel. Lange deutet zwar an, dass es sich um eine Steuerflucht gehandelt haben könnte, ist sich aber auch nicht sicher. Und nur wegen der Steuer sein Haus und seinen gesamten Besitz zurücklassen und mit der kompletten Gemeinde wegziehen? Es bleibt rätselhaft. Jedenfalls gab es einigen Kampf nach dieser Flucht. Die Goslarer konfiszierten das gesamte zurückgelassene Eigentum, die Juden ließen dafür jeden Goslarer Schuldner, der sich nach Braunschweig begab, festsetzen und trieben ihre Schulden ein. Erst 123 Jahre später ließ sich erneut ein Jude in Goslar nieder.
Im Gedächtnis ist mir auch noch der Eklat um eine "jüdische Schlittenfahrt", bei der einige junge Juden den Zorn der Christen auf sich zogen, als sie zur Weihnachtszeit rodelten. Und sehr spannend fand ich den Fall einer geraubten KInderleiche vom jüdischen Friedhof: Ein Medizinstudent grub das Kind heimlich aus, um anatomische Studien an der Leiche zu unternehmen. Das wirklich Besondere an dem Fall ist, dass der Vater des Kindes, als die Tat bekannt wurde, vor Gericht ziehen konnte und Recht bekam: Der Student musste ihm die Überreste des Kindes zurückerstatten, und das Kind wurde erneut bestattet.
Was ich auch nicht wusste, das ist, dass Christian von Dohm, bekannt geworden durch seine Schrift "Über die bürgerliche Verbesserung der Juden", zwei Jahre lang als preußischer Verwaltungsbeamter wirkte. Allerdings war er für die Juden, die sich mit einer Eingabe an ihn wandten, wohl kein großer Helfer, er war hauptsächlich mit Reform und Anpassung der Goslarer Verwaltung an preußische Verhältnisse beschäftigt.

 

Werner Koch: Diesseits von Golgatha
Ich bin Fan von Werner Koch, seit ich seine See-Trilogie vom Bodensee las. Im vorliegenden Buch geht es erneut um einen See und seine Menschen, nämlich um Menschen zur Zeit Jesu am See Genezareth. Darunter ist Judas, der nach Jerusalem geht, um sich einer Terroristengruppe anzuschließen. Aber auch Maria Magdalena und Barrabas. Einfache Leute, viele Fischer, ein reicher Wirt, Hirten und Hirtinnen. Das Ganze versucht nicht, ein historischer Roman zu sein. Es geht um sehr weltliche und gegenwärtige Gedanken, die Frage nach Gerechtigkeit, Verteilung von Besitz, Revolte der jungen Generation, am Rande eben auch um Jesus. Kurze philosophisch-aphoristische Kapitel, in der jeweils unterschiedliche Charaktere ihre Weltsicht darlegen. Am Ende ist es Judas, der Jesus verät. Aber der Vater des Barrabas ist schuld am Tode des Wanderpredigers, als er die gesamte See-Gemeinde motiviert, in die Stadt zu ziehen und seinen zum Tode verurteilten Sohn "loszuschreien". So kann Judas schließlich Barrabas nachdrücklich in Erinnerung rufen: "Er ist für dich gestorben." Sehr schöne Sprache, unbeschreiblich, am besten sich selbst laut vorlesen.

 

Dirk van den Boom: D9E - Tod einer Agentin
Nata, die ehrgeizige Agentin der Hondh, die eigentlich gewohnt ist, über Leichen zu gehen, hat bei ihrem jüngsten Auftrag versagt. Die Belohnung, die die geheimnisvollen außerirdischen Eroberer ihren Dienern in Aussicht stellen, das ewige Leben, könnte ihr dadurch nun endgültig durch die Lappen gehen. Doch die Hondh wollen ihr wertvolles Werkzeug nicht so ganz ungenutzt wegwerfen. Nata erhält eine Bewährungs-Chance: Sie soll sich zur Roboter-Zivilisation der mechanischen Hoheit begeben und dort einen Virus einschleusen, ähnlich dem, der die andere Roboterzivilisation, die 1713, ausgelöscht hat. Nun ist Nata zwar ehrgeizig, und die Belohnung will sie auch haben ... Aber die Art, wie ihr die Hondh die Waffe gegen die Roboter in den Unterleib pflanzten, hat sie zutiefst verletzt. Außerdem stinkt ihr, dass sie mit einem Partner und Aufpasser zusammenarbeiten soll. Und dann ist da noch ihre Liebe zu Thrax ... Spannend geschrieben, interessante Wendungen und an keiner Stelle langweilig. Ein temporeiches Abenteuer mit überraschender Pointe.

 

Holger M. Pohl: D9E - Ein uralter Plan
Die Hondh expandieren und scheinen unaufhaltebar. Aber ein uralter Plan könnte die geheimnisvollen Eroberer vielleicht doch noch stoppen. Dazu müssten sich allerdings die drei Völker Keruen, Senuin und Hoc - die Nachfahren der Aan-Vechtula - vereinigen. Letztere wurden schließlich nicht umsonst "Jene, die sich nicht beherrschen lasssen" genannt. Nomongent, der uralte Planer, konnte allerdings vor zahllosen Genrationen nicht voraussehen, dass jetzt, bei der Vereinigung der Völker und der gefundenen Artefakte ein bestimmtes Ingrediens fehlt ...
Ich habe mich schon beim ersten Auftreten in den Hoc verguckt und fand dieses Volk ausgesprochen spannend. Insofern fieberte ich der Fortsetzung dieses Handlungsstrangs ganz besonders entgegen. Trotzdem: Eine gewisse Skepsis bleibt. Menschen können nicht einmal Pläne durchhalten, die mehr als eine Genereation überspannen. Und dieser, der sich nicht beherschen lässt, soill etwas ausbaldowert haben, das erst nach mehreren Jahrmillionen Früchte trägt? Glaube ich nicht. Das erinnert mich an diese Mathematikaufgabe, in der ein Urururgroßvater eine Mark auf ein Bankkonto einzahlt, und durch Zins- und Zinseszins summiert sich das alles auf, sodass der Urururenkel plötzlich Millionär ist. Ja, Pustekuchen. Dazwischen gab es mehrere Inflationen und Währungsreformen, das Konto ist längst verloren ... Egal, hoffen wir mal das beste für das Universum. Möge der Plan funktionieren.

 

Hörbuch

 

Die Bibel
Altes und Neues Testament auf zehn MP3-CDs. Ungekürzt gelesen von Sven Görtz. Das Ganze hat eine Laufzeit von 105 Stunden und hat mich auf meinen Autofarten nach Gardelegen und Goslar rund ein Dreivierteljahr beschäftigt. Gekauft hatte ich mir die Box schon vor Jahren, dann aber festgestellt, dass mein betagter CD-Player in meinem ebenfalls betagten Fiat Panda gar keine MP3s abspielen kann. Dank des neuen Micra bin ich jetzt also doch noch in den Genuss dieses Werkes gekommen. Wobei "Genuss" hier schon noch etwas spezifiziert werden sollte.
Über die literarischen Qualitäten der Bibel muss ich wohl hier nicht allzu viele Worte verlieren. Das Teil hat seine Stärken, aber auch sein Längen. Gerade in den Geschlechtsregistern und den Reinheitsvorschriften ist das vorliegende CD-Set alles andere als ganz großes Hörbuch-Kino. Und wenn man sich stundenlang in immer wiederkehrendem Satzschema die unterschiedlichen Arten von Aussatz anhören muss, beißt auch ein geduldiger Hörer ab und zu mal ins Lenkrad. Aber, wie jeder weiß, der schon mal reingeschaut hat, die Bibel hat auch große, starke Erzählpassagen, und ich habe viele Stellen mal mit ganz anderen Augen gelesen beziehungsweise mit ganz anderen Ohren gehört als vorher.
Die Elberfelder-Übersetzung ist teilweise sehr irritierend. Und, auch wenn es hart klingt, ich mag die Stimme von Sven Görtz einfach nicht. Ich fühlte mich eher unangenehm berührt. Er klingt einfach sehr arrogant. blasiert, wie ein anämischer Wichtigtuer und Drübersteher, gerade an Stellen, die eher Herzenswärme, Menschenfreundlichkeit und Bescheidenheit austrahlen sollten. Er leiert. Oder er neigt zur Übertreibung. Dass die Stimme bei mir so unsympathisch ankommt, dafür kann er nichts, und es ist auch kein ordentliches Bewertungskriterium, aber 105 Stunden mit dem Mann auf engstem Raum in einem Kleinwagen sind einfach hart ...
Die Leistung des Sprechers muss ich aber dennoch ausdrücklich hervorheben. Der zu bewältigende Text ist hart, lang, oft monoton, enthält rhetorische und literarische Zumutungen, besteht aus endlosen Geschlechterregistern und seitenlangen Wiederholungen immer der gleichen Phrasen nur mit anderen Namen oder Objekten. Das zu lesen, das kann man gar nicht genug würdigen. Also auf jeden Fall Hut ab vor seinem Durchhaltevermögen und seiner schauspielerischen Kunst, das alles zu sprechen. Ein ganz ganz großes Kompliment.
Was mir tierisch auf die Nerven ging, war die falsche Aussprache mancher Namen. So wurde die Namensendung "i-el" (zweisilbig mit langem "e") oft zu einem "iel" wie in "Kiel", das ist extrem verwirrend. (Immerhin: Den "Hesekiel" hat er nicht verhunzt.) Und ich war lange Zeit total durcheinander, weil da immer wieder ein "Ase" vorkam. Wohlgemerkt, wir sind in der Bibel und nicht in der Edda, wo germanische Gottheiten hingehören. Erst beim genauen Hinhören und Nachzählen wurde mir klar, dass dieser "Ase" einer der zwölf Söhne Jakobs war: Gemeint war Ascher. Und erst dann hörte ich auch das "R" am Ende des Namens "Aser".
Trotzdem: Auch dieser siebte oder achte Bibel-Durchgang für mich brachte mir ein paar neue Erkenntnisse, ich habe eine Menge interessanter Details bemerkt, die mir vorher nicht aufgefallen war. Dankeschön dafür, Herr Görtz. War schon in Ordnung.

 

Dezember

 

Marburg-Award 2019: Viel zu heiß!!!
Die Beiträge zum Marburg Award 2019, erneut in einem reich illustrierten Taschenbuch in 50er Auflage. Geschichten aus dem gesamten Spektrum der phantastischen Literatur. Wobei das Motto "Viel zu heiß!!!" - wenig überraschend - viele Autoren zu Dystopien inspirierte und dazu, die befürchtete Klimakatastrophe auch tatsächlich losbrechen zu lassen.
Witzig, dass mir, wie im Vorjahresband die Gechichte von Iver Niklas Schwarz am besten gefallen hat. Den Autor werde ich mir merken. Seine Geschichte "Der letzte Flug der Glühwürmchen" ist mir aus zwei Gründen aufgefallen. Erstens wegen des Einstiegs: "Hi. Mein Name ist Mika Weiß. Ich habe heute einen Mann getötet und zum ersten Mal mit einem Mädchen geschlafen." Und dann wegen des Schauplatzes. Er lässt nämlich seinen Helden vor der tödlichen Sonne nach St. Andreasberg ins Unesco Weltkulturerbe Grube Samson flüchten. Tja, ich hab's nun mal ab jetzt mit dem Harz ...

 

Hans Donald Cramer: Das Schicksal der Juden in Goslar 1933 - 1945
Eine sehr detaillierte und gut recherchierte Arbeit. Die jüdische Gemeinde in Goslar war sehr klein ünd überschaubar. Cramer hat allen diesen rund 50 Personen nachgespürt und ihre Geschichte dokumentiert. Das Buch enthält viele Fotos und andere Dokumente der jüdischen Familien, beschreibt ihre Schicksale und arbeitet ihre Biographien heraus.
Er berichtet über den Boykott jüdischer Geschäfte, über die Reichspogromnacht und darüber, wie die Goslarer Juden im "Judenhaus" gegenüber dem alten Kloster und späteren Gasthaus "Trollmönch" zusammengepfercht lebten und auf ihren Abtransport in Konzentrationslager warteten. Einige wenige flüchteten rechtzeitig ins Ausland, doch die meisten konnten und wollten nicht glauben, dass ihnen in ihrer Heimat Deutschland etwas Böses widerfahren könnte ... bis es dann zu spät war. Viele waren Kriegveteranen, einige waren schwer verwundet aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt. Bei einigen Geschäftsleuten wurde deren soziales Engagement hervorgehoben und der Umstand, dass sie auch mal "anschreiben" ließen. Und Kramer berichtet auch von dem Kaufmann, der einem Nazi-Posten vor seiner Tür halb ironisch einen Stuhl brachte, damit der arme Mann nicht den ganzen Tag stehen musste. Aber da ist auch die Geschichte von dem jüdischen Jungen, dem ein Wachmann während des Besuchs Adolf Hitlers in Goslar die Pistole in den Rücken drückte: "Wenn dem Führer etwas passiert, schieße ich dich tot."
Auch nach den Boykottaufrufen kauften eine Menge Kunden noch bei den jüdischen Geschäftsleuten, bestellten oft heimlich, oft per Telefon, und wurden nachts beliefert. Auch legten Nachbarn manchmal Nahrungsmittel vor dem Judenhaus nieder, in dem die Bewohner hungerten.
Aber es gab auch Plünderer und Spitzel. Etwa den Denunzianten, der eine Frau anzeigte, weil sie ihren Judenstern nicht trug. Viele Goslarer machten gern mit bei der Zerstörung jüdischer Geschäfte und ihrer Waren.
Kein schönes Buch, aber ein notwendiges.

 

Bettina Ferbus: Spiegelmatrix
Teil zwei der Spiegelwelten-Serie. Den ersten Teil hatte ich vor rund zwei Jahren gelesen, ich kam aber gut wieder rein in die Handlung. Die Heldin ist eine junge Frau namens Tanja, die während einer Zaubershow, in der sie als Statistin bei einem Zaubertrick mitspielen sollte, in eine andere, magische Welt versetzt wurde. Sie befindet sich im Körper einer Saraud, einer Art Assasine, und ist offiziell schwachsinnig. Eine übliche Art des Umgangs mit Straftätern: Sie werden einer Operation unterzogen, die sie dumm und träge macht (lobotomiert). Eine solche "Tarigi" wird oft von Zauberern in dieser Spiegelwelt als Dienerin erworben, um als Blutspenderin für Rituale herzuhalten. Doch Tanja ist um die Operation herumgekommen. Ihr Zauberer und sie sind ein gutes Team, zumal Tanja und er durch einen Pakt mit einem Dämon eine mächtigen Verbündeten haben.
Im ersten Band wurde das Zusammenfinden dieses ungleichen Trios geschildert. Nun sind die drei damit beschäftigt herauszufinden, was in der Magierwelt nicht läuft und welcher Schurke in der Zauberer-Verwaltung welche Strippen zieht, um seine düsteren Interessen durchzusetzen. Lebensgefährlich wird es, als man Tanjas Zauberer auf die Schliche kommt und ihn wegen des Paktes mit einem Dämon anklagt. Tanja und ihre Freunde müssen ihn vor der Hinrichtung retten. Hierbei könnte ein neuer Spiegelzauber helfen, mit dem sich heimliche Räume, vielleicht sogar ganze neue Welten erschaffen lassen.
Erneut ein spannender, sehr gut und zügig geschriebenen Spiegelwelt-Roman. Hat mir gefallen.

 

Barbara Stollberg-Rilinger: Die Aufklärung. Europa im 18. Jahrhundert (Reclam)
Breit angelegte Überblicksdarstellung, die die Aufklärung als europäisches Phänomen darstellt. In den einzelnen Kapiteln geht es um Aspekte wie Geselligkeit, Frauen, Hunger, Bildung. Ein Thema, das kein eigenes Kapitel hat, ist die Literatur. Informativ, gut geschrieben und ein ordentlicher Überblick, sehr hilfreich.

 

Alexander von Ungern-Sternberg: Die Zerrissenen
Der Roman füllt die ersten Seiten eines Ziemlich dicken Buchs von Ungern-Sternberg, das den Titel "Gesammelte Werke" trägt. Das Buch kam letztes Jahr heraus, und ich habe es mir als Fan des "Jungen Deutschlands" und Vormärz-Interessierter natürlich anschaffen müssen. Wobei ich "Die Zerrissenen" schon mehrfach gelesen habe. Es ist eine Art Künstler-Roman, außerdem geht es um einen Fürsten und seine Liebschaften, und Eduard, der Protagonist, ein Maler, hat auch einige amouröse Beziehungen zu Frauen. Ferner gibt es ein paar gruselige, gespenstische Begegnungen und ein paar Betrachtungen über Kunst und Liebe. Das Buch ist nicht so toll, aber durch seinen Titel prägend für die damalige Autorengeneration. Eben Leute, die eine gewisse "Zerrissenheit" empfanden, sie manchmal auch feierten.
Ich habe in den Werken bereits weitergelesen und bin jetzt mitten im Roman "Lieselotte", ein historischer Roman über Lieselotte von der Pfalz. Ansonsten sind in dem ziemlich dicken Ziegelstein auch Ungern-Sternbergs Schiffersagen und die "Braunen Märchen" abgedruckt, beides Sammlungen, die ich sehr gut finde. Wesentlich besser als die Romane. Ich denke, die kleine Form liegt ihm mehr, und darin besteht seine wahre Stärke. Außerdem sind im Buch noch ein paar weitere historische Romane und ein paar Biographien zu finden.
Was mich etwas ärgert: "Eduard", die Fortsetzung der Zerrissenen", ist nicht mit aufgenommen. Dabei ist der Roman wesentlich besser. "Gesammelte Werke" heißt eben nicht: "Sämmtliche Werke".
Und wovor ich auch dringend warnen möchte: Das Buch ist extrem klein gedruckt. Wer den "fast-gesamten" Ungern-Sternberg auf 815 Seiten presssen will, muss halt Mini-Buchstaben wählen. Wer es als Leser größer braucht, dem sei das eBook empfohlen, das für nur 49 Cent erhältlich ist.

 

Plotin: Ausgewählte Schriften (Reclam)
Plotin, der bedeutendste Philosoph des Neuplatonismus, ist jemand, um den ich in den vergangenen Jahrzehnten absichtlich oder unabsichtlich einen weiten Bogen gemacht habe. Mit Platon habe ich es ja nie so gehabt, aber der Mann war literarisch ja einer der ganz Großen, und so hatte ich bei ihm wenigstens doch noch "was für die Sele" gefunden.
Plotin ist sprachlich etwas weniger verlockend. Sehr theoretisch, sehr präzise, sehr treu dem Meister und dabei seine Lehre fortschreibend. Was für den Pythagoräer das "autos epha" bedeutete, war für den Neuplatoniker das Werk Platons. Da geht es um eine Fortschreibung der Seelenlehre und darum, was denn un das "eine" sei, das vor allem anderen komme. Aber es geht auch um den interessanten Gedanken, dass ein Mensch beziehungsweise eine Seele nur Dinge erkennen könne, die ihr selbst bereits innewohnen. Das Auge, schreibt er, könne die Sonne nur daher erkennen, weil es selbst eine gewisse Sonnenähnlichkeit habe. "Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt' es nie erblicken", schrieb wesentlich später Goethe. Da hat er es also her. Plotin geht der Frage nach, was das Gute sei, oder was schön sei. Er fragt nach der Natur des Menschen. Bekämpft die Gnostiker. Und fragt sich eben, was das "Eine" ist. Sehr interessantes und sehr gehaltvolles Buch, gut aufgemacht und mit viel Informationen zu Plotin und seiner Lehre versehen. Aber, wie ich schon ahnte, nicht ganz meine Welt.

 

Thorgal 36: Aniel

 

David Friedländer: Ausgewählte Werke. Hrsg. v. Uta Lohmann
Die Sammlung enthält vier wichtige Schriften Friedländers, allesamt von Uta Lohmann mit einer Einleitung versehen und um weitere Materialien ergänzt. Zusätzlich gibt es eine biografische Einleitung zu dem gesamten Buch, die Leben und Werk Friedländers vorstellt.
Wie bereits im Jahresrückblick des dritten Quartals geschrieben: Hier sieht man Friedländer bei seiner Verhandlungstätigkeit und in seiner Arbeit als Gutachter. Vor allem die "Akten-Stücke" können wohl als sei Hauptwerk betrachtet werden. Friedländer, als gut vernetzte und einflussreiche Persönlichkeit, verhandelt und diskutiert mit hochrangigen Beamten und Fachleuten darüber, ob und wie Juden das Bürgerrecht in Preußen erhalten sollen. Beim Blick auf die Unterlagen und Listen wird einem erst recht wieder klar, dass vieles, was uns heute selbstverständlich ist, damals überhaupt nicht möglich war, erst recht für Juden nicht. Ob es Handwerk oder Landwirtschaft war, es war für Juden verboten. Universitätszugang und Abschlüsse waren bis vor kurzem noch völlig unmöglich, zu Friedländers Zeiten gab es schon ein paar Möglichkeiten des Studiums (siehe auch Isaac Euchel), hier hatte auch die Tätigkeit des Leuchtturms Moses Mendelssohn einige Schranken niedergerissen.
Friedländer widerlegt den Vorwurf, Juden seien krimineller als Christen durch statistisches Material.
Er geht der Frage nach, inwieweit sich jüdische Rechtsvorschriften und die Gesetze des preußischen Staates widersprechen, nach und kommt zu dem Schluss, dass es für Juden als ganz normale Staatsbürger auch selbstverständlich sein werde, die für alle geltenden Regeln und Gesetze zu befolgen. Zwei Unterschiede macht er aus: Das jüdische Erbrecht bevorzugt den ältesten Sohn, doch dies könne man getrost über Bord werfen, betont er, es sei eher eine Kann-Bestimmung, und das preußische Erbrecht könne problemlos auch von jüdische Preußen übernommen werden. Der andere Sonderfall sei die "Leviratsehe", bei der eine Witwe den Bruder des Verstorbenen heiraten könne. Auch daran müsse man nicht zwingend festhalten.
Friedländer geht fermer der Frage nach, ob Juden, die gleiche Bürgerrechte haben, dann auch die gleichen Pflichten erfüllen müssten, und kommt zu einem entschiedenen "Ja, natürlich." Hier ging es in Preußen vor allem um den Wehrdienst. Das sei überhaupt kein Problem, sagt Friedländer. Zwar seien die Juden in Preußen derzeit physisch nicht allzu stark und wehrtauglich (auch durch Armut und schlechte Eernährung), aber bereits die nächste Generation, die mit vollem Bürgerrecht aufgewachsen sei, könne auch im Heer Tüchtiges leisten.
Ansonsten seien Fragen des Glaubens und der Gebräuche Privatsache, die mit dem Leben als Bürger und dessen Pflichten gar nichts zu tun hätten, es sei also kein Widerspruch und stehe dem vollen Bürgerrecht nicht entgegen, und es gehe niemanden etwas an, wie jemand seine Religion privat praktiziert.
Für die Akten-Stücke hat Friedländer von allen Seiten viel Lob erfahren. Mit dem Sendschreiben an Propst Teller dagegen, setzte er sich gewaltig in die Nesseln und rief auch bei guten Freunden ratloses Kopfschütteln hervor. Was er dem Geistlichen anbot, war mehr oder weniger die Vereinigung von Juden und Christen zu einer neuen, gemeinsamen Religion, beziehungsweise die Wiedervereinigung in der beiden gemeinsamen ursprünglichen Religion. Wenn die Juden auf ihr strenges Zeremonialgebot verzichten würden und die Christen nicht mehr darauf bestehen würden, dass Jesus leiblicher Sohn Gottes sei, dann könne man sich doch zusammentun. Die Idee fand auf beiden Seiten nicht viel Zuspruch. Allerdings hatte es für die jüdischen Gemeinden einen sehr ernsten Hintergrund: Immer mehr Gemeindeglieder ließen sich taufen, um, wie es Heinrich Heine formulierte, ein "Entreebillet" zur Gesellschaft zu erhalten. Friedländer versuchte, diesen Konvertierungsstrom zu stoppen beziehungsweise den Juden die Chance zu geben, in die christliche Gemeinschaft aufgenommen zu werden, aber doch Juden bleiben zu können.

 

Die Welten von Thorgal: Kriss de Valnor 8 - der Herr der Gerechtigkeit

 

 

© Petra Hartmann




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Jahresrückblick III: Juli bis September 2019

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 30 December 2019 · 1136 Aufrufe
Jahresrückblick

Der dritte Teil meines Lese-Rückblicks auf das Jahr 2019. Erneut ist ziemlich viel Philosophie dabei: Haskala, Liberalismus, eine Geschichte philosophierender Frauen. Außerdem noch etwas Goslar-Literatur, ein bisschen Phantastik. Und mein Buch des Jahres ist ein Fachbuch über --- Algen!
Ich wünsche viel Vergnügen beim Stöbern und Lesen.

 

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

 

Juli

 

Julius H. Schoeps: David Friedländer. Freund und Schüler Moses Mendelssohns
Biographie eines der interessantesten Köpfe der Haskala, der jüdischen Aufklärung. David Friedländer sah sich selbst als Schüler Moses Mendelssohns und trug diesen "Titel" auch mit einigem Stolz vor sich her. Tatsächlich aber ist er weniger ein Philosoph als vielmehr der große "Macher" der Haskala, der Politiker und Praktiker unter den Aufklärern. Als Spross einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie und selbst erfolgreicher Geschäftsmann hatte Friedländer nicht nur eine ausgezeichnete Bildung genossen, sondern er förderte auch andere Gelehrte auf ihrem Weg und unterstützte Bildungsprogramme. Er war gut vernetzt, ein Mann, der Kontakte bis in die höchsten politischen Spitzen hatte, mit Wilhelm von Humboldt über Bildungspolitik diskutierte und sich in dessen Reform einbrachte.
Besonders zwei Projekte sind mit dem Namen Friedländers verbunden: Der Kampf um die politische und gesellschaftliche Gleichberechtigung der Juden und der Versuch, Judentum und Christentum einander anzunähern. Auf politischer Ebene hat er einiges erreicht, wenn er auch Rückschläge hinnehmen musste. Eine wichtige Schrift dazu waren die "Aktenstücke", in denen er seine Gutachten und Eingaben und die Schriftstücke weiterer an der Reform beteiligter Personen herausgab. Hierfür gab es viel Anerkennung unter modernen und fortschrittlichen Juden und Christen. Viel Prügel hat er allerdings einstecken müssen für seine Idee, Judentum und Christentum wieder zu einer gemeinsamen Religion zu vereinigen, wie er in einem Sendschreiben an den Probst Teller darlegte. Zu beiden Werken, die ich im Oktober gelesen habe, findet ihr mehr im vierten Quartal.
Ansonsten war Friedländer ein großer Kunstfreund und Numismatiker. Von Goethe hat er sich einmal sehr böse übers Ohr hauen lassen, als er dem alten Geheimrat freundlich ein paar kostbare Münzen aus seiner Sammlung zukommen ließ und dieser ihm dafür als Tauschobjekte ziemlich billigen Schrott zurückschickte. Friedländer hat höflich und zurückhaltend geschwiegen, immerhin war es ja ein Kontakt mit dem Dichterfürsten ...
Insgesamt eine sehr spannende und umfassende Lebensbeschreibung, aus der ich viel gelernt habe.

 

Israel Abrahams: Moses Mendelssohn - A short Biography (e)
Ein kostenloses eBook für den Amazon-Kindle. Das "short" im Titel ist in diesem Fall wörtlich zu verstehen. Ich habe den Text komplett gelesen, als ich beim Friseur etwas warten musste, und es hat nicht lange gedauert. Eine sehr kurze Übersicht über Leben und Werk, nicht tiefschürfend, nicht allzu ausführlich, aber bei Null Euro kann man nicht meckern.

 

Ossip Mandelstam: Gedichte (Der Stein, Tristia, Gedichte)
Ein sehr zierliches, kleines Büchlein, Hardcover, 73 Seiten, das mir in der Hildesheimer Buchhandlung Ameis zufällig in die Finger geriet. Enthält Gedichte aus mehreren Sammlungen, alle nach der russischen Oktoberrevolution entstandenen Gedichte Mandelstams in der Übersetzung von Paul Celan, der auch ein kurzes Nachwort dazu schrieb. Der Band erschien im Original 1928 und war die letzte Publikation des Dichters. 1934 fiel er den Stalinistischen Säuberungen zum Opfer.
Die Spannbreite der Themen ist weit. Naturschilderungen, Schwermut, Gedanken über Freiheit, Klagen über den Kerker Welt, Meer und Himmel, Sterne und Flügel, aber auch Revolutionspathos, Erinnerungen an den "Eid, den ich den vierten Stand geschworen", Widerständiges, die Weigerung, jemands Zeitgenosse zu sein ...
Schwer zu sagen, ob Mandelstam schon von Natur aus so klang wie Celan, oder ob die beiden einfach gut zusammen passten, auf jeden Fall ein sehr berührender und dabei präziser celanoider Klang. Gedichte, die sich irgendwie gut einatmen lassen, auch in den harten Sequenzen, und bei denen man immer mal wieder innehält, die Augen schließt und sich die gerade gelesene Zeile noch einmal im Gedanken nachsprechen muss. Hat mir gefallen.

 

Hans-Georg Dettmer: Der Roeder-Stollen im Rammelsberg
Mein Ausflug in den Roeder-Stollen ist eine hochinteressante Expedition in die Tiefen des Rammelsberges bei Goslar. Stadtführerinnen haben mir den Berg auch als den "Schicksalsberg" der Stadt beschrieben. Ging es dem Bergbau gut, ging es auch der Stadt gut. Und wenn der Bergbau als Quelle des Reichtums der alten Kaiserstadt darniederlag, dann ging es auch Goslar schlecht. Das muss sich eine Lokalredakteurin, die neu in der Stadt ist, natürlich anschauen.
Im Stollen kann man die beeindruckende alte "Wasserkunst" ("Kunst" war damals ein Wort für "Technik") mit ihren riesigen hölzernen Förderrädern bewundern, man sieht die Vitriole (Sulfate) an den Wänden in faszinierenden Farben leuchten (Kindern sagen, die blauen Vitriole sähen aus wie "Schlumpfkacke"), und man lernt den Plastikhelm, den man am Eingang noch für eine typisch deutsche überzogene Sicherheitsvorschrift gehalten hat, spätestens nach dem ersten Anditschen an der Stollendecke schätzen (bei mir hat es ca. 30 mal geditscht). Dass sie, als ich mich am Schluss der Führung rund 100 schmale, steile Metallgitter-Treppenstufen hinaufkämpfen musste, die Unverschämtheit hatten, "Glück auf, Glück auf" zu spielen, war allerdings ziemlich fies.
Klar, dass ich mir danach das Büchlein zum Stollen kaufte. Es hat 42 Seiten, kostet 5 Euro und ist eine knappe und übersichtliche Darstellung des Stollens, seiner Geschichte und seiner Besonderheiten. Handlich und sehr schön, auch eine schöne Erinnerung.

 

Jhumpa Lahiri: Die Kleider der Bücher
Netter Essay über Buchcover. Die Autorin denkt darüber nach, wie wichtig das Titelbild für den ersten Kontakt mit dem Leser ist, wie sie sich manchmal gewundert hat darüber, wie ihre Bücher eingekleidet wurden, und wie seltsam es doch ist, dass Cover in jedem Land anders funktionieren und dass man selten ein Motiv übernehmen kann, wenn das Buch in einer anderen Sprache und einem anderen Kulturkreis erscheint. Nicht buchwissenschaftlich, sondern eher private Eindrücke. Ein sehr nettes, dünnes Büchlein, es war okay, aber hat mich jetzt auch nicht nachhaltig berührt. Es war auf jeden Fall nichts dabei, was mich jetzt für meine Autorenkarriere und für Diskussionen mit Verlegern über das Outfit meiner Bücher geprägt hat.

 

Mario Vargas Llosa: Der Ruf der Horde
Eine etwas andere Philosophiegeschichte, in der Vargas Llosa einen Kanon der großen liberalen Denker aufstellt und gleichzeitig darlegt, wie und worin die einzelnen Persönlichkeiten ihn geprägt haben. Der Titel ist insofern irreführend, als es nicht rinfach um den "Ruf der Horde" geht, also um Populismus, Massenbewegungen und die immer stärker hochkochende mediale Ochlokratie, in der wir uns bewegen, sondern gerade darum, sich diesem "Ruf der Horde" entgegenzustellen, ein philosophisches Gegengift gewissermaßen.
Vargas Llosa stellt sieben Philosophen und ihre Ideen und Programme vor: Adam Smith, José Ortega y Gasset, Friedrich August von Hayek, Karl Popper, Raymond Aron, Isaiah Berlin und Jean-François Revel. Mit den letzteren drei hatte ich bisher noch nichts zu tun, die drei Kapitel klangen aber durchaus so, als sollte man da etwas nachholen.
Der Verfasser nennt als sein Vorbild Edmund Wilsons "Auf dem Weg zum Finnischen Bahnhof". Wie dieser die Geschichte der sozialistischen Ideen, wolle er selbst eine Geschichte des Liberalismus schreiben. Keine schlechte Idee, auch wenn meine Auswahl der liberalen Köpfe vermutlich etwas anders und "deutscher" (also weniger global) ausgesehen hätte. Nicht ganz folgen kann ich ihm allerdings, wenn er das Büchlein als persönliche Lebensbeschreibung betrachtet sehen möchte. Er nennt es zwar im Untertitel "Eine intellektuelle Autobiografie", aber die Bezüge zur eigenen Biografie und zum eigenen Denken legt er nicht allzu ausführlich offen. An einigen Stellen beschreibt er durchaus, was der einzelne Porträtierte für ihn selbst bedeutete und wie er sich an ihm abgearbeitet hat, aber oft fehlt dieser Bezug eben auch. So ist es für den Nicht-Fachmann und nur Gelegenheits-Vargas-Llosa-Leser etwas schwierig, die Verbindung zu finden.

 

August

 

Die Welten von Thorgal - Thorgals Jugend 6: Der Drakkar aus dem Eis

 

Gilles Ménage: Geschichte der Philosophinnen (lat./dt.)
Das Buch erschien zuerst im Jahr 1690 und ist auch heute noch die vermutlich umfangreichste Sammlung von Namen der antiken Philosophinnen. Ménage war jemand, der Frauen sehr schätzte und ihre Leistungen anerkannte, er soll sich unter anderem dafür ausgesprochen haben, Frauen in die Academie Française zu berufen. Der Verfasser widmete die Schrift der Denkerin Anne Dacier, die unter anderem als Philosophin, aber auch als Homer-Übersetzerin und - zusammen mit ihrem Mann - als Übersetzerin der Werke Marc Aurels viel geleistet hat.
Das Werk ist allein schon als grundlegende Schrift und wohl erste ihrer Art bedeutend. Es ist sehr umfassend. Jede einzelne Frau, die in der Antike an irgend einer Stelle als Philosophin oder Schülerin eines Philosophen erwähnt wird, ist hier aufgelistet. Je nach Quellenlage ist die Darstellung ausführlicher oder eben nicht. Bei manchen Frauen ist nur der Name überliefert. Bei manchen heißt es nur, dass auch eine gewisse Anzahl von Frauen in dieser oder jener Schule mit dabei waren, ohne dass man die Namen kennt. Besonders ausführliche Darstellungen gibt es beispielsweise bei den Pythagoräerinnen, allen voran Theano, auch die Platonikerin Hypatia ist recht gut dokumentiert. Bei anderen, wie gesagt, oft nur ein Satz. Aber so ziemlich alles, was an Quellen überhaupt vorhanden war, hat Ménage aufgespürt und ausgewertet. Eine sehr akribische Arbeit. Und auch heute noch bedeutend genau für eine Neu-Übersetzung.

 

Jostein Gaarder: Genau richtig
Der Titel ist die Botschaft: Gaarder setzt sich mit der Beobachtung auseinander, dass vieles auf dieser Erde einfach "genau richtig" ist. Angefangen mit der optimalen Entfernung zur Sonne - nicht zu heiß und nicht zu kalt, um Leben zu ermöglichen - bis hin zur Familiengeschichte des Jungen, der die Hauptperson ist. Sein Vater, der inzwischen längst verstorben ist, erzählt ihm, wie er und seine Frau sich kennen lernten, sich ineinander verliebten und schließlich dieses Kind bekamen: EInfach genau richtig, um diesen jungen Menschen zu dem zu machen, der er wurde.
Es ist ein Gedanke, den Gaarder seit "Sophies Welt" immer wieder vertreten hat: Wir sehen nur die "Gewinnerlose". Alles, was ist, hat eine Vorgeschichte, in der alles "genau richtig" gepasst hat, um es hervorzubringen. Auch jeder einzelne Mensch ist ein solches "Gewinnerlos". Eine fast unendliche Kette von Vorfahren, die alles genau richtig gemacht haben, um diesen einen Nachkommen hervorzubringen. Wäre in dieser Kette nur ein einziges Glied ausgefallen (und in den Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte voller Krieg, Mord, Totschlag, Hunger und Seuchen wäre das gar nicht so unwahrscheinlich gewesen), dann hätte ganz genau dieser Mensch, der heute lebt und sich über das Wunder des Lebens Gedanken macht, niemals das Licht der Welt erblickt.
Dabei verlief die Vorgeschichte der Familie gar nicht undramatisch. Der Vater stand sogar kurz davor, sich umzubringen. Gerettet wird er durch geradezu wunderbar erscheinende Umstände, die sich aber bei Licht betrachtet ebenfalls als eine Kette von Ereignissen erweisen, in der einfach alles zusammenpasst.
Ein sehr schönes, warmherziges Buch, das Romanhandlung, Philosophie und Wissenschaftsgeschichte zu einem großen Ganzen verbindet und den Leser mit einem guten Gefühl zurücklässt. Alles gut gemacht. Einfach genau richtig.

 

Sophie Scholl: Lesen ist Freiheit
Enttäuschend. Aber was habe ich denn eigentlich erwartet? Da hat sich halt jemand die Mühe gemacht, aus Briefen und Tagebucheinträgen Sophie Scholls Textstellen herauszusuchen, in denen sie darüber spricht, dass sie Bücher liebt und dass ihr das Lesen Kraft gibt. Ja, klar, natürlich hat auch Sophie Scholl gern gelesen. Welcher vernünftige Mensch tut das denn nicht? Okay, ein paar unveröffentlichte Sachen sind dabei. Aber für jemanden, der vor 30 Jahren die "Briefe und Aufzeichnungen" von Sophie und Hans Scholl, herausgegeben von ihrer Schwester Inge, komplett gelesen hat und der auch eine sehr schöne "Peter Pan"-Ausgabe mit ihren Zeichnungen besitzt, war es jetzt nicht gerade erkenntniserweiternd. Andererseits, noch einmal: Was habe ich denn erwartet von dem Büchlein? Einen bisher unentdeckten Essay zu dem Thema vielleicht. So ist es halt nur eine Art nettes Geschenkbüchkein wie "Seneca für Manager" oder "Goethe für Gestresste", irgendwelche Exzerpte unter einem Namen, der für gute Verkäufe bürgt. "Sophie Scholl für Buchliebhaber" oder so. Hätte ich nicht gebraucht.

 

Heinrich Detering: Untertauchen

 

Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen
Ein Essay über die zunehmende Verrohung unserer Welt und Sprache, aber auch darüber, dass es doch noch irgendwo das Gefühl für Anstand gibt. Ausgangspunkt ist ein Gespräch Hackes (oder meinethalben seines lyrischen Ichs) mit einem Freund in der Kneipe, als dieser eine bestimmte Biersorte aus politischen Gründen nicht trinken will. Eine kleine Geste, die zum Nachdenken darüber Anlass gibt, was Anstand überhaupt ist, wie man ihn im Laufe der menschlichen Geschichte definierte und wieso und wohin er jetzt möglicherweise verschwunden ist. Ein Plädoyer dafür, trotz alledem anständig zu sein und zu bleiben, und sei es auch nur in solchen kleinen Gesten wie der Weigerung, ein bestimmtes Bier zu trinken.
Die Frage nach dem Anstand ist eine ziemlich wichtige. Schon seltsam, dass sie bisher gar nicht gestellt wurde. Oder nicht laut genug gestellt wurde. Trotz seiner Leichtfüßigkeit und seines Plaudertons ist es auf jeden Fall ein wichtiges Buch. Auch wenn es die Frage, wie man den Anstand denn wieder in die Menschen hineinbekommt, gar nicht beantwortet. Hacke beobachtet, verknüpft, erzählt. Er liefert keine Patentrezepte. Allerdings, vielleicht ist es ja schon mal ein guter Anfang, etwas mehr darüber nachzudenken. Und sich selbst eben anständig zu verhalten. Was immer daraus werden mag.

 

September

 

Erika Mann: Zehn jagen Mr. X

 

Stella Fontana: Die Hexenbande
Ein Kinderbuch einer Goslarer Autorin. Erschienen bei BoD, reich illustriert. Es ist ein Lokalkrimi, der in Goslar spielt. Es geht um vier Mädchen, die eine Diebstahlserie in einem Kaufhaus aufklären. Es sind vier sehr unterschiedliche Charaktere, Schülerinnen der Schiller-Schule, unterstützt von einem Hund und von Kommissar Zufall. Der Fall ist recht einfach, eben kindgerecht, und für die Zielgruppe Grundschüler passend. Witzig fand ich das "Diebfangmittel", das eine der vier "Hexen" in ihrem Detektivkoffer hat. Es ist ein Pulver, das die Heldinnen auf dem Diebesgut verteilen und das die Finger schwarz färbt, wodurch der Dieb erkannt werden kann. Insgesamt nicht unbedingt ein anspruchsvoller Denksport-Krimi, keine Knobeleien und Spurensuche, eher ein wenig abenteuerlich. Die "Hexen" finden halt zufällig das Diebesgut und suchen dann den Dieb dazu. Für Grundschüler aber durchaus angemessen. Ich habe im Sommer für meine Zeitung eine Buchvorstellung dazu geschrieben.

 

Tina Birgitta Lauffer: Applejucy. Abenteuer in Amerika

 

Horst Pöttker, Anke Vehmeier (Hrsg.): Das verkannte Ressort. Probleme und Perspektiven des Lokaljournalismus
Berufliche Lektüre. Ab und zu aus dem Praxis-Sumpf auftauchen und sich mal wieder die reine Lehre zu Gemüte führen, tut ja nicht schlecht. Das Buch ist nicht mehr ganz neu, es erschien im Jahr 2009, aber so umwerfend viel hat sich in der Zwischenzeit nicht geändert.
Ein Schwerpunkt ist das Thema Qualität, eine besondere Baustelle die Qualifizierung der freien Mitarbeiter. Festangestellte Vollzeitredakteure bilden sich ja noch eher fort beziehungsweise erhalten durch ihren Arbeitgeber Unterstützung, wenn sie bestimmte Seminare besuchen wollen oder müssen. Ich denke, das Problem kennt jeder Rdeakteur, der bei einem bestimmten Freien immer die gleichen Fehler verbessern muss - und jeder Freie, der sich immer wieder über das Herumwerkeln eines Redakteurs in seinem Text ärgert. Es gibt im Buch Untersuchungen darüber, was von einer Zeitung organisierte Fortbildungen für ihre Freien bringen, und eine Beschreibung der "Anleitung zu Glücklichsein" der Rheinischen Post. (Ich hatte vor Urzeiten ja in Springe mal versucht, einen Leitfaden mit den wichtigsten Regeln für unsere Freien zusammenzustellen. Weiß nicht, was nach meinem Weggang daraus wurde.)
Ansonsten fand ich die Rolle der Bundeszentrale für politische Bildung ganz interessant. Es war mir bisher gar nicht so klar, dass die "Dehscheibe" Teil der eines Lokaljournalistenförderungsprogramms der Bundeszentrale ist und aus dem unmittelbaren Bedürfnis dieses Staates nach einem qualitativ ordentlichen Journalismus hervorging. (Sollte mich das misstrauisch machen?)
Teilweise ist das Buch etwas NRW-lastig, etwa bei den Spezialtexten zu bestimmten journalistischen Rechten und Auskunftsmöglichkeiten, aber das schadet nichts. Vieles lässt sich auf Niedersachsen übertragen.

 

Miek Zwamborn: Algen. Ein Porträt
Das zauberhafteste und faszinierendste Buch, das ich 2019 gelesen habe. Eindeutig mein Buch des Jahres. Magisch. Es handelt sich um ein kleines, schmales, algengrünes Bändchen mit vorn aufgeprägtem dunkegrünem, verzweigtem Tang-Ast, wunderschönes Hardcover-Büchlein, das man fast für einen Lyrikband halten könnte. Ich bin in der Hildesheimer Ameis-Buchhandlung darauf zugelaufen, in der ich oft Überraschungen entdecke, einfach Bücher, die abseits meiner ausgetretenen Literaturpfade liegen.
Worum es geht? Um genau das, was im Titel steht. Die Autorin schildert in ausgesprochen poetischer Sprache zunächst ihre ersten Begegnungen mit Algen, ihre Gänge zum Strand, die optische und haptische Faszination dieser Lebewesen. Es liest sich wie ein Essay über Ästhetik, nur eben nicht von einem drögen Philosophieprofessor, sondern von einer brillanten lyrischen Feder. Doch die Würdigung der einzelnen Algenarten als Kunstgenuss ist nur ein kleiner Teil dieses Ausflugs in die Welt des Federtangs, Meersalats und Purpurtangs, des Korallenmooses und der Drahtalgen. Die Autorin erzählt auch die Geschichte der Algenforscher und der Liebhaber, die diese Pflanzen zu konservieren versuchten. Über große Sammlungen, sozusagen eine Bibliothek der Algen, berichtet sie ebenso wie über Nahrungsmittel-Gewinnung aus dem Meer oder Zuchtfarmen. Angereichert wird das Ganze durch bezaubernde, einfühlsame Porträts einzelner Algenarten, durch Lyrik und Prosa aus aller Welt über Seetang und durch eine Sammlung von Algen-Rezepten zum Selbst-Ausprobieren.
Es ist unfassbar. Da wollte ich eigentlich nur ein wenig Sekundärliteratur studieren, die ich vielleicht für einen vierten Nestis-Band gebrauchen könnte, und plötzlich tut sich eine vollkommen neue Welt auf. Ich bin verliebt in dieses Buch. Es ist einfach unglaublich.

 

Andrea Tillmanns: Julia Jäger und die Welt der Wächter

 

Herbert G. Wells: Die Meerfrau
Ein Roman über eine Meerjungfrau - aber diesmal etwas anders. Eine britische Familie ist gerade beim Baden am Strand, als draußen im Meer eine scheinbar ertrinkende Frau auftaucht. Die Dame wird "gerettet", an Land gebracht und entpuppt sich zur Überraschung der Familie als eine Meerfrau. Der seltsame Gast schweigt sich über seine Ziele aus. Anscheinend will die fischschwänzige Frau die Menschen und ihre Kultur kennern lernen. Eine Art historische "Alf"-Geschichte. Die Familie verbirgt sie vor der Öffentlichkeit beziehungsweise tarnt sie als kranke Frau, die einen Rollstuhl benötigt. Nach und nach gewinnt die Meerfrau an Macht über die sie umgebenden Leute.
Die Geschichte ist reich an humorvollen Szenen und satirischen Seitenhieben. Da ist die sehr korrekte und sehr verschwiegene Dienerin der Familie, die mit der ihr eigenen Sturheit darauf besteht, dass die Lady beim Einkauf natürlich auch Schuhe erhalten muss. Da ist der investigative Journalist, der nachweisen kann, dass es sich um eine Meerfrau handelt - aber dank der Beziehungen der Familie von seinem Chefredakteur aufs Abstellgleis geschoben wird und seine Story wegwerfen muss. Und dann ist da auch noch der junge Politiker, der der Lady hoffnungslos verfällt. Das Ganze sehr schön mit historischen Illustrationen versehen und als geschmackvolles kleines Hardcover-Bändchen, selbstgebunden, in der Edition TES erschienen - einfach ein Leckerbissen.

 

Klaus Schröter: Der Brocken. Mythos & Wirklichkeit
Mini-Buch im Hosentaschenformat, dessen geringe Größe in verblüffendem Gegensatz seht zu seinem Gehalt. Man erfährt eine ganze Menge über den Berg, seine prominenten Besucher wie Heine und Goethe, seine Geschichte und die dort beheimateten Pflanzen. Man erfährt, dass der Teufelsbündner Faust erst in einem Buch von 1756 mit dem Berg in Verbindung gebracht wurde. Dass die Himmelsscheibe von Nebra "offensichtlich" exakt auf den Sonnenuntergang am Brocken justiert wurde (echt jetzt?). Dazu Infos über das Wetterphänomen "Brockengespenst", über die Brockenbahn, die Brockenpost, über Flieger und ihre Landeversuche auf dem Berg, über den Brocken als Standort für Sendemasten und Abhöranlagen, über Brockenwirte und das Original Brocken-Benno. Das alles auf rund 90 Mini-Seiten. Eine wahre Fundgrube für Harz-Einsteiger.

 

Betty Kast: Christines fantastische Welt. Teil 1: Christine ist unschuldig
Kinder/Jugendbuch einer Autorin aus Seesen, das ich für die Goslarsche Zeitung gelesen und besprochen habe. Die Geschichte entstand, als eine Tochter der Verfasserin im Urlaub schwer krank wurde und die Mutter an ihrem Bett saß und ihr etwas erzählen musste. Es geht um eine junge Frau, die Tochter einer Fee und eines Menschen ist. Da solche Kontakte den Feen streng verboten sind, werden die Eltern getrennt und mit Vergessen gestraft, das Kind wächst ohne Kenntnis seiner Herkunft bei einer Verwandten auf. Christine lebt in ärmlichen Verhältnissen. Sie liebt ihre Pflegemutter, aber deren Lebensgefährte hasst sie und will das Mädchen loswerden. Er schafft es, sie als Diebin hinzustellen, woraufhin Christine zur Zwangsarbeit verurteilt wird und in einem Bergwerk schuften muss. Und dann ist da noch eine böse Fee, die dem Mädchen ans Leben will ...

 

Das Tagebuch der Anne Frank - Graphic Novel
Das Tagebuch der Anne Frank - als Comic? Geht das überhaupt? Immerhin sitzen die ganze Geschichte über nur acht Personen in einem engen Raum, das gibt doch optisch nicht viel her.
Doch, das geht. In ihrem "Graphic Diary" zeigen Ari Folman und David Polonsky, dass die Welt der Anne Frank zwar räumlich beschränkt war, doch gerade dadurch eröffnete sich der Autorin eine nahezu unbegrenzte Welt der Phantasie. Wer diesen Comic aufschlägt, erhält einen Eindruck davon, wie reich und weit die Welt der Anne Frank war. Ihre Erinnerungen, aber auch ihre Lektüre und ihr Lernstoff bieten immer wieder Anlass für großformatige Bilder, für Landschaften, Gebäude, hiostorische Persönlichkeiten. Ihre bildhafte Sprache und ihre spitzen Bemerkungen über die eitle Frau von Daan beispielsweise werden von den Künstlern gern wörtlich genommen und mit kongenial spitzem Karikaturenstift in Szene gesetzt. Wenn Anne aus dem Fenster schaut und plötzlich ein jüdisches Paar sieht, das ihr fast vorkommt wie das siebte Weltwunder - schon erweitert sich der Horizont, und das Paar steht zwischen den Pyramiden, dem Artemision und dem Koloss von Rhodos. Und wenn die große Schwester Margot ihr wieder einmal als vollkommenes, unerreichbares Vorbild gegenübergestellt wird, dann erscheint im Buch eine überlebensgroße Ideal-Margot, an der mit Verbindungslinien und Stichpunkten wie in einem Schulbuch alles beschriftet ist, was denn nun so großartig an der großen Schwester ist. Aus der größtmöglichen Begrenztheit erwächst so eine unendliche, grenzenlose Weite. Das ist vielleicht eine Interpretation. Aber auf jeden Fall eine stimmige. Und die Künstler, die sich als Faustregel gesetzt haben: 30 Seiten Buch für eine Seite Comic, haben dennoch so viel Raum, auch mehrfach eine komplette Seite reinen Text aus dem Original-Tagebuch zu übernehmen. Eine beeindruckende neue Umsetzung des Tagebuchs. Sensibel, sehr eigen, sehr stimmig. Anne Frank als Comic? Ja, das geht. Sehr gut sogar.

 

Weitere Jahresrückblicke
Teil I: Januar bis März 2019
Teil II: April bis Juni 2019
Teil IV: Oktober bis Dezember 2019

 

© Petra Hartmann




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Jahresrückblick II: April bis Juni 2019

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 29 December 2019 · 1111 Aufrufe
Jahresrückblick
Im zweiten Quartal dieses Jahres habe ich relativ wenig fantaststische Literatur gelesen. Ein besonderer Schwerpunkt lag, wie auch in den späteren Monaten, erneut auf der Aufklärung, vor allem auf der jüdischen Aufklärung, der Haskala. Außerdem habe ich, bedingt durch meinen Einstieg bei der Goslarschen Zeitung, einiges an Goslar-Literatur studiert. Auch da kommt in den folgenden Quartalen noch einiges hinzu. Also, viel Vergnügen damit, und vielleicht ist ja etwas Interessantes für euch dabei.

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

April

Hans Gärtner: Der Gustl
Lausbubengeschichten in der Tradition des Klassikers von Ludwig Thoma. Der "Gustl" ist, wie der Untertitel verrät, "ein bayerisches Schlitzohr". Die Geschichten sind allesamt keine urbayerischen Schenkelklopfer, sondern eher etwas melancholisch erzählte, feinsinnige Jugenderinnerungen mit leichtem, hintergründigen Humor. Dabei geht es nicht um große Abenteuer oder Katastrophen, sondern eher um die kleinen Erfahrungen auf dem Lebensweg, die dieser Gustl macht, beispielsweise als er einmal zum Einkaufen geschickt wird und glaubt, er könne die Einkaufsliste ganz leicht im Kopf behalten, was dann natürlich - infolge mangelhafter Mnemotechnik - zu einigen Konfusionen führt. Aber Gustl löst das Problem, wie auch andere in diesem Buch, auf liebenswürdige und charmante Weise und bringt doch noch einen ordentlichen Einkauf zustande. Ein sehr freundliches, augenzwinkerndes Büchlein mit einem netten Blick zurück auf die eigene Kindheit.

Was bedeutet Aufklärung? (Reclam)
Textsammlung mit zentralen Schriften bekannter Aufklärer, darunter der titelgebende Aufsatz Immanuel Kants. Etwas verdrossen hat mich, dass in der uralten Vorgänger-Ausgabe zwar noch etwas von Moses Mendelssohn drin stand, in der neueren Zusammenstellung flog er aber raus. Schade, gerade seinen Aufsatz "Was heißt aufklären?", der fast gleichzeitig mit Kants "Was bedeutet Aufklärung?" erschienen ist, hätte ich gern neben dem Text des Königsbergers abgedruckt gesehen. Der Vergleich ist sehr spannend. Naja, ansonsten recht vernünftige Beiträge, Aufklärer eben, und die Arbeit des Reclam-Verlags solide wie gewohnt, lesbar.

Olaf Glöckner: David Friedländer: Aufklärer, Brückenbauer, Philanthrop (Jüdische Miniaturen)
Sehr kleines Heft im Reclam-Format, das einen gerafften Überblick über David Friedländers Leben und seine Werke und Ziele gibt. Auf rund 60 Seiten kann man natürlich vieles nur anreißen, und es ist keine erschöpfende Darstellung der Lebensleistung des Mannes geworden, aber es ist ein guter Einstieg in Friedländer. Insgesamt mag ich die Reihe und schätze sie als Einstiegslektüre, wenn ich mich mit bestimmten Persönlichkeiten befassen möchte. Hat man erstmal andere, dickere Bücher über den betreffenden Menschen gelesen, kommen die Miniaturen einem wahrscheinlich zu dünn vor, aber es ist ja auch nicht ihr Sinn und Zweck, mit dickleibigen Monographien in die Schranken zu treten. (Vorschau: Im dritten Quartal folgen ein paar Zeilen über eine ziemlich umfangreiche Friedländer-Biographie, die ich gelesen habe, und im vierten folgt eine Friedländer Werkausgabe.)

Naftali Herz Wessely: Moseide, Teil 1
(Hinweis: Die rote Warnfarbe dieser Buchvorstellung bezieht sich ausdrücklich auf die Qualität des Druckes, nicht auf die literarische Qualität des Werks.)
Es handelt sich um einen Reprint aus dem Verlag "Forgotten Books", der Scans alter rechtefreier Bücher im On-demand-Verfahren druckt. Diese Art Bücher sind für den Besteller immer ein Glücksspiel: Je nach Qualität des Scans kann es sich um ein gut oder weniger gut lesbares Buch handeln. Und bei Büchern, die sonst überhaupt nicht zu haben sind, ist man ja meist bereit, Abstriche zu machen. Aber ich habe noch nie ein derart schlecht entzifferbares Buch in der Hand gehabt wie diese Moseide. Das Original mag wohl sehr dünnes Papier gehabt haben, sodass oft die Buchstaben von der Rückseite spiegelverkehrt durchscheinen und mit erfasst wurden, wodurch viele Seiten völlig unlesbar sind. Hinzu kommt, dass manche Seiten ganz fehlen. Es ist traurig. Ich werde mir wohl mal einen Tag freinehmen müssen, um das Original in der Bibliothek im Lesesaal selbst in die Hand zu nehmen.
Kurz einige Sätze zum Inhalt: Wessely gehörte zur ersten Generation der jüdischen Aufklärer in Deutschland. Eine der großen Baustellen der Haskala war - ähnlich wie für die deutschen Reformatoren zu Beginn der frühen Neuzeit - die Schaffung einer gemeinsamen Hoch- und Schriftsprache. Wessely arbeitete also daran, ein modernes Hebräisch für die europäischen Juden zu schaffen, und dazu gehörte nicht nur der grammatische Part, sondern Wessely war auch journalistisch tätig und schuf auch große Literatur. Die Moseide gehört dazu. Das ursprünglich in modernem Haskala-Hebräisch abgefasste Epos schildert das Leben des Moses und die Herausführung der Israeliten aus Ägypten. Großes Vorbild war natürlich Klopstock mit seinem "Messias".
Wessely fand mit seiner Dichtung viel Anklang, und es gab auch Freunde des Werks, die die Gesänge ins Deutsche übersetzten. Die deutsche Fassung wurde schließlich von Wesselys Sohn postum herausgegeben. Wobei es nicht ein einzelner Übersetzer war, sondern mehrere, und wobei festgehalten werden muss, dass es sich bei dem vorligenden Band nur um den ersten Teil der "Moseide" handelt, wohl etwa das erste Drittel. Ob der Rest auch noch auf Deutsch erschienen ist, habe ich nicht herausgebracht.
Was ich aus den nicht verdruckten Seiten herauslesen konnte, hat mir stilistisch sehr gut gefallen. Es scheint wesentlich mehr Musik drin zu stecken als in Kloppstock. Insofern hoffe ich mal, dass es vielleicht irgendwann mal eine vernünftige, lesbare Neuausgabe geben wird.

Kim Scheider: Der rote Feuerstein und die Götterdämmerung


Mai­

Jens Kassner: Goslar an einem Tag
Handlicher Reiseführer, gut geeignet als Einstieg in eine neue Stadt. Sehr hilfreich und mit einem Preis von 5 Euro auch sehr günstig. Das erste Buch, das ich las, um mich mit meinem neuen Wirkungskreis vertraut zu machen. Empfehlenswert für den Goslar-Anfänger.

Johannes Scherr: Kaiser So und So und Prinzeß Gloria
Das kleine Büchlein erhielt ich als Mitglied des Forums Vormärz Forschung als kleine Überraschung. Es handelt sich um eine Posse, Burleske, Satire, vom Autor als "chinesisches Schattenspiel" bezeichnet. Erstmals erschienen 1845. Die Handlung: Die Tochter der Germania ("verwittwete Kaiserin von Deutschland"), die holde Prinzessin Gloria ("ihre Tochter aus verschiedenen Ehebünden") soll an den chinesischen Kaiser So und So verheiratet werden. Bei Hofe treten alle möglichen allegorischen Figuren und real existierende Persönlichkeiten der Zeit auf und geben ihre Kommentare zur Zeitgeschichte ab. Für den heutigen Leser sind die Anspielungen teilweise etwas schwer verständlich, aber es ist auf jeden Fall ein interessantes kleines Kabinettstückchen. Enthält ein hilfreichen Vorwort über den Verfasser sowie einige kommentierende Endnoten zum Stück.


Naftali Herz Wessely: Worte der Wahrheit und des Friedens
Ein 800 Seiten starker Band, der nicht nur Wesselys im Titel genannte Schrift, sondern auch die drei folgenden Sendschreiben abdruckt, ferner auch die Reaktionen auf Wesselys Schrift, sowohl der Unterstützer und Freunde als auch der Feinde. Außerdem eine ausführliche Darstellung der gesamten Diskussion um Wesselys vier Texte mit Hintergründen und und Folgen. Also das große Rundum-sorglos-Paket für jemanden, der sich tiefer mit der Materie befassen will.
Worum geht es? Wessely als Vertreter der Haskala, der jüdischen Aufklärung, nimmt Stellung zu einem bildungspolitischen Thema, das zunächst Österreich betraf, aber eigentlich die jüdischen Gemeinden im gesamten europäischen Raum betraf. Und so sind die abgedruckten Antwortschriften zu Wesselys vier Sendschreiben denn auch nicht nur aus Österrreich gekommen, sondern auch aus Deutschland, Italien, Polen und mehreren anderen Ländern.
Der österreichische Kaiser Joseph II. hatte im Rahmen einer allgemeinen Emanzipation der Juden in seinem Lande auch das Schulwesen reformieren wollen. Beziehungsweise erst einmal dafür sorgen wollen, dass die jüdischen Kinder auf staatlichen Schulen lernen. Wessely begrüßt das. Er verkündet den jüdischen Gemeinden die frohe Botschaft, dass nun auch die Juden vernündtige Schulbildung im Sinne der Aufklärung erhalten sollen, und macht Vorschläge zum Lehrplan und zur Abfassung von Schulbüchern.
Bis dahin lag das Schulwesen deutscher und österreichischer jüdischer Gemeinden sehr im Argen. Es gab, abgesehen von dem, was die Kinder von ihren Eltern lernten, fast nur religiöse Erziehung von Rabbinern und meist polnischen wandernden Hauslehrern. Alle diese Lehrer waren des Hebräischen kaum mehr mächtig, kannten nur einige notwendige Formeln und Sätze für den Hausgebrauch, hatten aber kaum noch Ahnung von Grammatik, und sprachen ansonsten das von Wessely und anderen Zeitgenossen als "verderbt" angesehenen "Judendeutsch" (Jiddisch). Weiterhin warf Wessely den Rabbinern vor, sich nicht auf die Thora (die fünf Bücher Mose) zu stützen, sondern auf den Talmud, der für Kinder vollkommen ungeeignet sei und auch für Erwachsene nur schwer verdaulich, eher ein Mittel zur Verdüsterung als dafür, Licht in den Köpfen zu schaffen. Wessely plädierte dafür, dass auch jüdische Kinder - wie für uns heute ganz selbstverständlich - Fächer wie Mathematik, Geographie oder Sprachen lernen sollen, um später in der Welt etwas zu werden. Dafür hat er aus religiösen und konservativen Kreisen sehr viel Prügel bekommen. Denn jede Mathestunde wäre ja vom Religionsunterrischt abgezogen worden. Viele konservative Rabbiner haben geschäumt vor Wut, als sie Wesselys Büchlein lasen. Allerdings muss auch gesagt werden, dass es auch aufgeschlossene Rabbiner gab, die Wessely unterstützten. Also im Prinzip der alte Kampf zwischen den alten Machthabern, die ihre Machtbasis gegen jede Veränderung verteidigen wollten, und den neuen, jungen Wissenschaftlern, die das Volk durch Bildung befreien wollen. Gab's im Christentum auch schon. Jedenfalls gingen die Wogen damals hoch. Heute kaum noch vorstellbar, dass sich ein Dorfpastor aufregen würde, wenn seine Konfirmanden außer dem Glaubensbekenntnis auch die binomischen Formeln auswendig lernen sollen. Aber noch gar nicht so lange her.
Was mir bei der Lektüre erst klar geworden ist: Letzten Endes war der Streit um Wessely und seine Sendschreiben mit ein Auslöser für Moses Mendelssohns Schrift "Jerusalem". Plötzlich merkt man beim Lesen, dass Mendelssohns Argumentation dafür, dass geistliche Vereinigungen, wie eben die christliche Kirche oder die jüdischen Gemeinden, nicht berechtigt seien, Mitglieder auszuschließen, gar keiner rein akademischen Fragestellung nachgehen will. Man dürfe dem Frevler, der ja gerade des geistlichen Trostes bedürftig ist, diese Zugehörigkeit nicht entziehen, argumentierte Mendelssohn. Und mit Wessely im Hinterkopf wird klar, dass es gar nicht um irgend eine theoretische Diskussion ging, sondern dass der Mann sehr konkret vom Bann bedroht war. Das war zu der Zeit zwar nicht mehr so lebensbedrohlich wie zu Uriel Accostas Zeiten, aber immer noch etwas, das einem Menschen das Leben ruinieren konnte.


Frank Heine: Der nationale Kandidat heißt Hitler
Eine Untersuchung über die Goslarsche Zeitung in der Weimarer Republik und ihre Berichterstattung über Adolf Hitler und die NSDAP. Das war für mich, nachdem ich den Vertrag bei der GZ unterschrieben hatte, das erste Buch, das ich ich über Goslar bestellt und gelesen habe. Man will ja wissen, in was für eine Firma man einsteigt.
Naja, wie viele andere Blätter hat sich meine neue Zeitung damals nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Die GZ war zur Weimarer Zeit schon recht national eingestellt, allerdings hielt sie sich zunächst hauptsächlich an die DNVP. Hitler und seine Leute waren anfangs gar nicht so prominent im Blatt. Doch rückte Goslar im Verlauf der 20er Jahre mehr und mehr in den Fokus der NSDAP, es gab in den jeweiligen Wahlkämpfen immer mehr Veranstaltungen der Partei, auch sehr eindrucksvolle Massenkundgebungen und Reden bekannter Spitzenpolitiker der Nazis. Die GZ berichtete erst distanziert, wurde später aber nach und nach freundlicher gegenüber der Partei, schließlich wurde die Haltung zu einem sehr deutlichen "Richtig so, NSDAP!" - und eine Trennung von Berichterstattung und Kommentar, wie es heute zum journalistischen Standard gehört, gab es in dem Sinne auch nicht. Die Kommunisten schwieg die Zeitung, solange es nichts Negatives zu berichten gab, tot, die SPD schaffte es eher ins Blatt, wurde aber eher kritisch beäugt.
Die GZ setzte eigentlich voll auf die DNVP, die Nazis waren zunächst eher eine Art interessanter Verbündeter aus dem gleichen Lager, ein bisschen rüpelhaft und nicht ganz ernst zu nehmen, zunehmend beeindruckend dann aber eben durch ihre modernen Wahlkampfmethoden und die Massen, die sie auf die Beine brachten.
Einen wichtigen Wendepunkt in der Berichterstattung markiert Hitlers "Legalitätseid" im Jahr 1930. Da hatte er öffentlich erklärt, er werde die Gesetze der Weimarer Republik achten und nur mit "legalen" Mitteln agieren - sprich: nicht durch einen Putsch, sondern durch formal korrekte Wahlen an die Macht gelangen. Damit hatte er die GZ auf seiner Seite. Die Zeitung erlag daraufhin vollständig der Faszination, die der "Führer" auf viele ausübte, und schrieb den Mann systematisch hoch ... Jedenfalls hat die Goslarsche Zeitung zu der Zeit durch ihre Berichterstattung schon recht aktiv Wahlkampfhilfe für Hitler geleiset. Wobei die Zeitung immer noch von einem nationalen "großen Ganzen" träumte und davon, dass ihre geliebte DNVP und die Nazis vereint für die nationale Sache kämpfen würden.
Was daraus geworden ist, weiß man aus den Geschichtsbüchern. Und gedankt haben die Nazis dem Blatt die engagierte Schützenhilfe auch nicht, als sie erstmal an der Macht waren. Erst kam nur die Androhung, die Zeitung zu schließen, dann die vollständige Kontrolle der Artikel, 1943 schließlich die Einstellung der Zeitung beziehungweise die Zwangsfusion mit den Goslarer "Neuesten Nachrichten".
Tja, das ist jetzt also die Zeitungsgeschichte, die ich geerbt habe. Zwei Dinge haben mich dann aber doch bewogen, offen in das Blatt hineinzugehen. Das eine ist, dass der im Jahr 1998 amtierende Verleger Klaus Krause ein Vorwort zu dem Buch geschrieben hat. Und das andere ist, dass der Autor des Buches nach seinem Studium als Volontär bei der Goslarschen Zeitung angefangen hat und inzwischen dort Redaktionsleiter geworden ist. Man kann es also mal versuchen mit der GZ.

Katja Ludwig: Das Mauerschweinchen
Berufliche Lektüre, da die Autorin aus Goslar stammt und ich für meine Zeitung eigentlich ein Porträt und eine Rezension dazu schreiben sollte. Die Autorin hat mich dann aber so angetusst, dass ich beides wieder gelöscht habe.

Michael Schnelle: Goslar
Noch ein Reiseführer im Einsteckformat, der mich etwas beim Hereinkommen in meine neue Stadt unterstützt hat. Etwas dicker und ausführlicher als der erste, auch fast doppelt so teuer (was bei 9,95 Euro aber auch nicht viel ist). Gute Ergänzung zu "Goslar an einem Tag". Auch für die Umgebung interessant.


Juni

Wilhelm von Humboldt: Schriften zur Bildung (Reclam)
Der dritte dicke Reclam-Band über Wilhelm von Humboldt ist noch relativ neu. Zu meiner Studienzeit habe ich mit intensiv mit seinen "Schriften zur Sprache" befasst und mit seinen "Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen". Der vorliegende dritte Band ist insofern ein typischer Humboldt, als er natürlich im gewohnten spröden Tonfall abgefasst ist, der einem Leser schon einiges an Liebe und Engagement abverlangt. Es handelt sich weniger um wissenschaftliche Texte, es handelt sich um Entwürfe für eine Umgestaltung des preußischen Schulwesens, um Gutachten, Berichte. Dazu gibt es Grundsätzliches zum Bildungsgang eines jungen Menschen, zu Zielen der Erziehung und zum Sinn von Bildung. Teilweise schon sehr idealistisch und optimistisch, aber wenn ich sehe, was im Namen von Pisa und Bologna inzwischen an Schulen und Universitäten zerstört wurde, dann wünsche ich mir doch einen Orkan, der dort durch die Räume fegt, den ganzen Bulimielernstoff aus diesem Augiasstall mit heiligem Zorn hinauspeitscht und die Fackel des Humboldtschen Humanismus neu entzündet. Nuff said.

Die Welten von Thorgal - Thorgals Jugend 5: Slive


Wilko Müller jr.: Fräulein Schmidt und die Reise nach Mexiko (BunTES Abenteuer 8/2012)
Kurzer Heftroman aus der Reihe "BunTES Abenteuer". Es handelt sich um ein Seitenstück zu der "Fräulein Schmidt"-Serie des Verfassers. Fräulein Schmidt ist eigentlich eine alte Maya-Göttin, die mit dem befasst ist, was vor einigen Jahren unter dem Schlagwort "Weltuntergang laut Maya-Kalender" von sich reden machte. Wobei die Mayas in ihrem Kalender eigentlich nur vom Übergang in ein neues Zeitalter ausgingen. Und wobei offenbar das größere Problem der Weltbevölkerung in diesem Roman ein ganz anderer Zeitenwechsel und Weltuntergang ist: Wir stehen kurz vor dem Jahreswechsel 1999/2000, und alle Welt fürchtet den schrecklichen "W2K" auf ihren Rechnern.

Frank W. Haubold: Der Garten der Persephone (BunTES Abenteuer 6/2012)
Hierbei handelt es sich nicht um einen Heftroman, sondern um zwei Kurzgeschichten, eine 20 Seiten stark, die andere 10. In der Titelgeschichte geht es um ein Raumschiff voller Menschen, die vor ewigen Zeiten mal auf der Erde gelebt haben und nun zurückkehren zu ihrem Heimatplaneten. Erzählt wird aus der Perspektive des jungen Marian, der als einziger keine Erinnerungen an die Erde hat, da er im All geboren wurde. Auch seine Eltern kennt er nicht, er wurde aufgrund eines "Notprogramms" geboren, das nach dem Tod des letzten weiblichen Besatzungsmitglieds anlief. Die Besatzung landet auf der Erde und findet Ruinen, alles ist zerstört und verfallen, die Bewohner sind scheinbar verschwunden. Es gab eine Katastrophe. Aber etwas hat überlebt. Ein Bewusstsein, das zu Marian Kontakt aufnimmt, um ihm zu zeigen, wohin die anderen gegangen sind. Sie gingen ins Dunkel ...
"Schwarz" heißt die andere Geschichte. Es ist die Geschichte eines Mannes, der erwacht und erstmal nicht weiß, wo er ist. Ist er tot? Getötet im Kampf um die Mondkolonien? Zum Glück ist jemand bei ihm, der schon etwas länger da ist ...
Zwei nachdenkliche, etwas melancholische Science-Fiction-Geschichten, die mit dem Thema Bewusstsein spielen und mit der Frage nach einer Existenz zwischen Leben und Tod.

Greta Thunberg: Ich will, dass ihr in Panik geratet
Das Buch enthält zehn Reden und einen Facebook-Kommentar, die letzte Rede ist die zur Verleihung der Goldenen Kamera, gehalten am 30. März 2019. Damit ist das Buch zwar schon realativ aktuell, aber die Reden, mit denen Greta Thunberg danach für Aufsehen gesorgt hat, fehlen natürlich.
Es ist ein sehr dünnes Buch, hat gerade mal 64 Seiten. Und es gibt einige Wiederholungen darin, manche Passagen kommen in mehreren Reden wörtlich oder fast wörtlich wieder vor. Trotzdem: rhetorisch sehr stark, es sind sehr gut formulierte Texte, kurz, knapp, prägnant, präzise, eindrücklich und im Gedächtnis bleibend. Dass sie inhaltlich recht hat, dürfte ohnehin klar sein.


Weitere Jahresrückblicke
Teil I: Januar bis März 2019
Teil III: Juli bis September 2019
Teil IV: Oktober bis Dezember 2019

© Petra Hartmann


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Jahresrückblick I: Januar bis März 2019

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 28 December 2019 · 1097 Aufrufe
Jahresrückblick
Was für ein Jahr! Wie gewohnt, findet ihr hier meine Lesefrüchte der vergangenen zwölf Monate. Aber zunächst eine kurze Standortbestimmung. Es war viel los in diesem Jahr 2019 ...

Für mich ist es vor allem journalistisch das vermutlich schönste Jahr meines Lebens gewesen. Ich habe im Mai der Gardelegener Volksstimme Lebewohl gesagt und bin seitdem Lokalredakteurin der Goslarschen Zeitung. Das ist jetzt länger als ein halbes Jahr her, aber ich bin immer noch verliebt wie am ersten Tag.

Schriftstellerisch waren meine Höhepunkte die Lesung auf dem Helgoländer Literaturfestival und der Besuch beim Nürnberger Autorentreffen (mit Lesung und Gegrilltem in der Galerie im Weinlager), Pflichtstationen waren auch der Marburg-Con und der Buchmesse-Con und die Leipziger Buchmesse. Ich hatte zwei sehr schöne Lesungen in Gardelegen und drei interessante Radiosendungen bei Radio Tonkuhle.

Was ist in diesem Jahr an Texten entstanden? Ich habe weiter an meiner Sammlung "Buchfinkenmärchen" gearbeitet (aktueller Stand: 45 von geplanten 50 Geschichten) und habe das erste Viertel eines Indianer-Romans, Arbeitstitel: "Der Flug des Jungen Adlers", geschrieben. Dazu einige Kurzgeschichten und Märchen. Auch wieder etwas aus meinem Fantasy-Land Movenna. Und natürlich ein Weihnachtsmärchen.

Im November gab es für mich wieder eine vierwöchige Auszeit auf Helgoland: Einen Monat lang nur Lesen und Schreiben bei vollständiger digitaler Entgiftung. War schön, und die Lesefrüchte aus dieser Zeit stelle ich euch, wie üblich, im vierten Teil dieses Jahresrückblicks vor.

Doch zunächst ein Blick auf das erste Quartal. Es ist eine Mischung aus Kinderbüchern, Klassikern, moderner und alter Phantastik und ein bisschen "unphantastischer" Belletristik. Schaut einmal rein, ob ihr etwas davon gebrauchen könnt. Viel Vergnügen damit.

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.




Januar

Birgit Otten: Falkenmagie (e)

Hans Baumann: Ich zog mit Hannibal
Jugendbuch-Klassiker über den karthagischen Feldherrn, der Rom erobern wollte und dazu mit Elefanten die Alpen überquerte. Die Geschichte wird erzählt aus der Persepktive eines Jungen, der mit dem Heer mitzieht und sich als besonders guter Elefanten-Betreuer erweist. Zwischen ihm und dem letzten Elefanten Hannibals entwickelt sich eine besondere Beziehung, ebenso wie zwischen Ihm und dem legendären Karthager-Feldherrn selbst. Erneut arbeitet sich Baumann an der Person eines berühmten, charismatischen Führers ab, der die Massen begeisterte, eine große Idee verfolgte, die Welt bewegte. Ein Thema, das den Autor, der in seiner Jugend vollkommen für Hitler schwärmte und damals "Cheflyriker" der Bewegung war, Zeit seines Lebens nicht wieder losgelassen hat. Wir erleben Hannibal von seiner menschlichen Seite, auch als Menschen, der für Humanität und Gerechtigkeit eintritt, der aus Tierliebe auf einen bestimmten Elefanten in seiner Phalanx verzichte und ihn zu Hause lässt und der mit dem kleinen Elefantenführer freundschaftlich und ohne Hierarchiedünkel spricht. Aber Baumann zeigt uns auch das andere Gesicht des Karthagers, den Machtmenschen, der skrupellos über Leichen geht, Städte vernichtet, Unschuldige opfert und für sein Ziel auch bereit ist, Lügen und Fälschungen zur Hilfe zu nehmen.

Jugurtha-Gesamtausgabe 4:
- Der große Vorfahr
- Die Mondberge
- Der schwarze Stein
Teil vier der Jugurtha-Gesamtausgabe. Erneut sehr opulent und hochwertig aufgemacht und wie bereits die Bände 2 und 3 und die zweite Hälfte von Band 1 absolut ohne Bezugspunkte zum historischen numidischen Prinzen gleichen Namens. In diesem Band ist Jugurtha wieder in Afrika unterwegs, ein Hintergrund, der mich wesentlich mehr überzeugt als die asiatischen Abenteuer. Und er trifft auch wieder auf korrupte, dekadente Schergen Roms. Zum Ende hin wird es sogar ein wenig spacig. Und wir erleben den Helden in einigen kurzen Zeichenabenteuern außerhalb der Kontinuität auf Stipvisite im 20. Jahrhundert. Sehr schön.

Clemens Brentano: Rheinmärchen (e)
Ein sehr umfangreiches, verschlungenes Märchen mit zahlreichen eingebetteten kürzeren Erzählungen und der weitverzweigten Geschichte einer Dynastie von Menschen, die auf besondere Weise mit dem Wasser und übernatürlichen Frauen verbunden sind. Ich habe mich damals für meinen Blog-Artikel über die Loreley näher mit dem "Rheinmärchen befasst, das ja in der Geschichte der Kunstsage um die blonde Frau auf dem Felsen eine besondere Rolle spielt. Insofern kann ich mich hier eigentlich kurz fassen. Es ist sprachlich sehr schön, wegen der vier Generationen und zahlreichen Betroffenen teilweise etwas schwer zu verfolgen, sodass man unterwegs manchmal den Faden verlieren kann, aber insgesamt nicht schlecht.
Was mich abgestoßen hat, war der üble Antisemitismus, der, ohne in der Erzählung eine nennenswerte Funktion zu erfüllen, gegen Ende der Geschichte aufflammt. Da haben die Bürger die Gelegenheit, ihre im Rhein versunkenen Kinder nach und nach zurückzuholen, indem jeden Tag ein anderer Elternteil dem Fluss eine Geschichte erzählt. Und plötzlich wollen sich zwei als ausgesprochen widerwärtig, eitel und von Hybris beherrscht dargestellte Jüdinnen vordrängeln und zuerst erzählen, um ihre Kinder als erste zurück zu erhalten. Während alle ehrbaren Christen natürlich dafür sind, dass selbstverständlich der Herrscher als erster erzählen darf. Woraufhin die Jüdinnen damit bestraft werden, dass sie als allerletzte an die Reihe kommen. Ein blindes Motiv. Und nicht nur inhaltlich, sondern auch literarisch und kompositorisch eine ziemliche Ecke, die Brentano hier seinem eigenen Erzählfluss schlägt. Wie groß muss sein Hass gewesen sein, wenn er als guter und professioneller Erzähler, der er ja war, gar nicht merkt, wie er an der Stelle seine eigene Geschichte versaut? Oder kommt mir das nur so vor, weil ich mit den Augen eines Lesers aus dem 21. Jahrhundert darauf blicke?

Hans Friedrich August von Arnim: Quellenstudien zu Philo von Alexandria
- Über die pseudophilonische Schrift peri aphtharsias kosmou
- Philo und Aenesidem
- Ein stoisches Zetema bei Philo
Drei Aufsätze in einem Sammelband. Textsammlung aus dem Jahr 1888, ein Reprint aus der Reihje "Scholar Select", also eines von diesen 1:1 eingescannten Public-Domain-Büchern. Die Druckqualität ist in Ordnung. Inhaltlich sehr speziell. Es geht zum Teil um die Rekonstruktion anderer Autoren, an denen Philo sich abarbeitet. Insgesamt eine sehr sachkundige, detailreiche Arbeit, bedingt durch ihre Entstehungszeit etwas anstrengend im Satzbau.

Sallust: Bellum Iugurthinum / Der Krieg mit Jugurtha lat/dt (Reclam)
Das musste mal sein, wenn ich mich schon durch die Comic-Klassiker über den numidischen Prinzen durchfresse. Also mal wieder zu den Quellen. Erstmals gelesen habe ich den "Bellum Jugurthinum" 1988 im Lateinunterricht. Ich erinnere mich noch gern an die Diskussionen mit Herrn Möbius über Geschichte, Politik und allgemeine Weltanschauungsfragen. Waren manchmal echte Sternstunden. Schade, dass ich es versäumt habe, ihm den Comic zu zeigen. Tja, aber das Reclam-Heft ist ja auch ganz hübsch. Schöne zweisprachige Ausgabe, ein gut kommentierter Begleiter durch die römische Geschichte. Und Sallust ist als Geschichtsschreiber auch nicht ganz so dröge. War ein nettes Wiedersehen.

Vanessa Kaiser, Fabienne Siegmund, Stephanie Kempin, Thomas Lohwasser, Jana Damaris Rech: Herbstlande. Ein Reiseführer
Ich habe die beiden Bücher "Herbstlande" und "Geschichten aus den Herbstlanden" mit Genuss gelesen und hatte auch sehr viel Spaß an dem Reiseführer durch die drei Länder September, Oktober und November. Es handelt sich um ein DIN A 5-Heft, in dem die geographischen und zeitlichen Besonderheiten der Herbstlande dargestellt werden und in dem der Leser viele der besonderen Lebewesen, die diese Phantasiewelt bevölkern, noch einmal vorgestellt bekommt. Erneut ein sehr liebevoll aufgemachtes und opulent illustriertes Büchlein aus den Herbstlanden und trotz der einfachen Heftung und des schlichten Papp-Umschlags eine kleine bibliophile Kostbarkeit. Sehr nett.

Annette Zgoll: Der Rechtsfall der En-hedu-Ana im Lied nin-me-sara
En-hedu-Ana gilt als erste Schriftstellerin der Welt. Die Tochter Sargons II. war Priesterin der Liebesgöttin Ischtar und des Himmelsgottes An, aber auch Wissenschaftlerin und Politikerin. Als eine ihrer großen Leistungen gilt die Schaffung einer Art "Interpretatio romana" für die Götter des alten Zweistromlandes, in der sie die sumerischen und akkadischen Gottheiten einander zuordnet. Im Lied "Nin-me-sara" wendet sie sich in sehr persönlicher Weise an Ischtar und bittet sie um Hilfe in einer Situation, in der ihre Macht schwand und sie sich gegen Feinde zur Wehr setzen musste. Das Ganze ist dargelegt als eine Art Gerichtsfall, in dem sie auf der einen und der Gott Marduk auf der anderen Seite steht. En-hedu-Ana legt ihre Rechtschaffenheit und ihre Ansprüche dar und bittet um Unterstützung in der Verhandlung, sie sieht sich ungerecht behandelt und will in ihre alten Rechte wieder eingesetzt werden.
Ein wenig hat es mich an Sapphos Aphrodite-Ode erinnert, hier wie da wird die Liebesgöttin um Hilfe angerufen, es werden ihre Vorzüge geschildert, und die Verfasserin erinnert die Göttin daran, dass sie ihr ja schon zuvor in ähnlichern Situationen beigestanden hat. Der Unterschied ist, dass es bei Sappho um das eher private Thema Liebe und die Gewinnung eines bisher abweisenden Menschen (vermutlich einer Frau) geht, bei En-hedu-Ana aber um eine hochpolitische Angelegenheit und um Machtfragen.
Die vorliegende Arbeit enthält den Text des Gedichts/Gebetes, zunächst in einer wörtlichen, dann in einer etwas freieren Übersetzung sowie eine interpetierende und kommentierende Annäherung an die Priesterin. Ein sehr interessantes Werk, aus dem ich viel gelernt habe.


Hörbuch/Hörspiel

Carol Rifka Brunt: Sagt den Wölfen, ich bin zu Hause
Wow. Das war einfach toll. Geschichte eines ungleichen Schwesternpaars und seines verstorbenen Onkels. Der Mann war ein weltberühmter Maler, hat sich dann aber zurückgezogen. Kurz vor seinem Tode will er die beiden Mädchen noch einmal malen. Erzählt wird die Geschichte dieses Bildes und das, was davor geschehen war. Nach und nach erfährt der Leser die ganze Familiengeschichte und wie die "anständige" Familie den Onkel an den Rand drängte, wie er selbst zum Außenseiter wurde, zuerst als Künstler, dann als Homosexueller, schließlich als Aidskranker. Erzählt wird auch die Geschichte der beiden Mädchen. Zwischen ihnen gibt es die üblichen Reibereien unter Pubertierenden, aber das, was die ältere ihrer jüngeren Schwester antut, ist mehr als fies, es ist schon kriminell. Erzählt wird das Ganze aus der Sicht der jüngeren Schwester, die ihren Onkel abgöttisch liebte. Schließlich lernt sie seinen Lebensgefährten kennen, einen jungen Mann, der in der Familie als derjenige gilt, der den Onkel mit der Seuche angesteckt hat. Eine Geschichte, die unter die Haut geht. Wundervolle Sprache und sehr gut gelesen.


Februar

Jostein Gaarder: Das Orangenmädchen
Die Erzählung einer Jugendliebe, in Briefform von einem Vater für seinen Sohn aufgezeichnet. Nette Geschichte, leicht und locker erzählt, ein wenig rätselhaft, schon irgendwie im oberen Drittel angesiedelt, aber Gaarder kann mehr.

Günter Abramowski: darüberhinaus

Ulrike Stegemann: Dämonenfriedhof

Reinhold Mayer: Versuch über Paulus
Eine Betrachtung über Paulus und seine Art, das Christentum zu verbreiten, mit besonderem Schwerpunkt auf dem Antisemitismus des Mannes. Reinhold Mayer zeichnet nach, wie Paulus den Juden nach und ihre Rechte am Bund mit Gott aberkennt - bis hin zu der These, die Juden seien nur die illegitimen Abkömmlinge Abrahams von der Magd Hagar, während die Christen die wahren Kinder Abrahamns von dessen Ehefrau Sara seien. Schon schlimm, wenn man sich mal die Texte des engagiertesten Außendienstlers Jesu daraufhin genauer anschaut.


März

Regina Nagel: Flaschenpostsommer
Ein Buch, das ich lektoriert habe. Da ich selbst "die Finger drin habe", enthalte ich mich der Bewertung. Nur kurz zum Inhalt: Es geht um ein Mädchen und einen Jungen, die beide schwer kranke Geschwister haben. Auf beiden ruht daher schon in jungen Jahren eine große Verantwortung, und beide kommen in ihrer Familie selbst ein bisschen zu kurz. In den Ferien lernen sie sich kennen, und sie lernen, dass sie selbst ebenfalls wichtig sind.

Sibylle Luig: Magie hoch zwei. Band 1: Operation Waldmeister

Sibylle Luig: Magie hoch zwei. Band 2: Die fiesen Omas

Amos Oz: Wo die Schakale heulen
Kurzgeschichtensammlung aus der frühen Kibbuz-Zeit von einem der ersten israelischen Autoren. Kibbuzarbeit, Zwischenmenschliches, Streit, Verletzungen, immer wieder Angriffe, ringsum raue Wüste, und ab und zu heult ein Schakal. Eine sehr herbe Welt wird anschaulich, das ganze sehr spröde in der Sprache, fast emotionslos, aber eben darum sehr treffend.

T.H. White: Der Habicht

Sternmetall. Bulgarische Phantastik



Weitere Jahresrückblicke
Teil II: April bis Juni 2019
Teil III: Juli bis September 2019
Teil IV: Oktober bis Dezember 2019

© Petra Hartmann


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Jahresrückblick IV: Oktober bis Dezember 2018

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 31 December 2018 · 1110 Aufrufe
Jahresrückblick

Und hier der letzte Teil meines Rückblicks auf mein Literaturjahr 2018. Vor allem der November mit vier Lese-Urlaubswochen auf Helgoland und einem großen Koffer voller Bücher hat sich gelohnt. Nicht wundern über den teilweise schwelgerischen Tonfall - ich habe natürlich haufenweise Bücher von Lieblingsautoren mitgenommen, und da war schon einiges Gutes zu erwarten.
Viel Spaß beim Stöbern. Vielleicht ist ja was dabei für euch. Und kommt gut rein ins neue Jahr!

 

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

 

Oktober

 

Ida von Hahn-Hahn: Von Babylon nach Jerusalem (e)
Ida von Hahn-Hahn war eine Autorin des Vormärz und eine große Reisende. Ihr Buch "Orientalische Briefe" ist einfach großartig, da kann sich Fürst Pückler eine Scheibe von abschneiden.
"Von Babylon nach Jerusalem" hat allerdings recht wenig mit ihren Orientreisen zu tun. Die Gräfin beschreibt ihre innere religiöse Entwicklung, die sie nach der 1848er Revolution dazu brachte, zum Katholizismus überzutreten und ins Kloster zu gehen. Eine große Abrechnung mit dem Protestantismus und ein Eintreten für die wahre, katholische Religion. Hat mich zwar nicht überzeugt, aber ihr war es sehr ernst damit.

 

Werner Herrmann: Der Bund des Turmes

 

Gustav Kühne: Die Wartburgsfeier (e)
Geschichte zweier ungleicher Brüder, beziehungsweise Halbbrüder, Söhne eines Adligen, der eine ehelich gezeugt, der andere Spross eines vorehelichen Verhältnisses mit einer nicht standesgemäßen, aber geliebten Frau. Letzterer ist Student und zur Zeit des Wartburgfestes einer der Leiter. Die Geschichte hat aber danach nicht mehr viel mit dem Fest zu tun, sondern es geht um Familienverhältnisse, Leidenschaften, dunkle Stunden. Die Brüder sind beide schwer verliebt in das gleiche Mädchen, das obendrein das vielgeliebgte Ziehkind des Vaters der beiden ist. Letzterer legt im Testament fest, dass derjenige seiner Söhne, der die junge Frau ehelichen werde, den Löwenanteil seines Vermögens bekommen soll. Sollte sie es vorziehen, nicht zu heiraten, so soll der Großteil des Vermögens an sie fallen, und die Brüder mit einem recht kleinen Pflichtteil abgegolten werden. Es gibt viele tragische Tode, meist sterben die Leute an gebrochenem Herzen oder Schwermut, am Ende sind alle Beteiligten tot. Schwarze Schauerromantik aus der Frühzeit der Jungdeutschen.

 

Renate Hupfeld: Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland (e)
Biographie eines Journalisten und Revolutionärs, der die 1848er Revolution begleitete. Sehr schön aufbereitet. mit zahlreichen Quellentexten und reich illustriert. Gut und spannend geschrieben ist es zudem. Ich habe viel daraus gelernt. Interessant war er für mich vor allem durch seine Beziehung zu Malwida von Meysenburg, einer beeindruckenden Vormärzlerin und Autorin, mit der ich mich damals im Studium auseinadergesetzt habe. Außerdem natürlich als niedersächsischer Autor, ansonsten hört man ja eher etwas von den Leuten in Berlin, Frankfurt und Hambach ... Lesens- und empfehlenswert.

 

Fabienne Siegmund (Hrsg.): Irrlichter
Zauberhafte Anthologie, die ich bei der Tochter des Verlegers gegen ein Nestis-Buch getauscht habe.
Man findet darin Irrlichter in allen Farbtönen und Facetten ihres irritierenden, flackernden Lebens. Heimtückische Gesellen, die nächtliche Wanderer ins Moor locken. Wiedergänger, irrende Seelen, Elfenwesen. Und die Lichtgestalten, die in diesem Buch ihr Unwessen treiben, sind so unterschiedlich und vielseitig, dass man vor den Autoren nur den Hut ziehen kann. Man trifft auf ein unheimliches Lichtwesen aus der Welt der Inkas, irgendwo zwischen Erlkönig, Mondgottheit und Seelensammler ("Das Licht des Urubamba" von Sabrina Železný), erlebt ein Steampunk-Abenteuer an der Seite des jungen Nikola Tesla ("Archibald Leach und die verschollenen Irrlichter" von Markus Cremer), ist auf einer Versammlung der Lichter bei einer Diskussion um Wert und Unwert der Irrlichter dabei ("Der Kongress leuchtet" von Markus Heitkamp) und erlebt die Aufklärung eines Mordes durch eine geisterhafte Lichterscheinung ("Totenlicht" von Sandra Lode). Es gibt eine Biographie eines Irrlichter-Jägers ("Iszual" von Thilo Corzilius), eine spacige Suche nach dem Dealer einer Zukunftsdroge, der die Schwester des Ich-Erzählers auf dem Gewissen hat ("Neonnacht" von Iris Leonard) und die Landung eines Raumschiffs, das die Erde erforschen soll ("ELIX-4 erforscht die Erde" von Peter Stohl).
Meine drei Favoriten unter den Irrlichtern sind
- der Moorgeist, der mit der Zeit gehen musste und nun seine Kunden als Bankangestellter zuerst in den Ruin treibt und dann in den Selbstmord - vorzugsweise dann im Moor ("Karrierewechsel" von Jens Grabarske)
- die anrührende Geschichte von einem alten Mann, der immer wieder ins Moor geht, um Irrlichter zu fangen - auf der Suche nach seiner Geliebten, die vor Urzeiten im Moor verschwand ("Irrlichterjäger" von Christian Lange)
- und das putzige kleine Männchen, das Schokokekse über alles liebt und dessen Handy-Display nachts im Moor geheimnisvoll leuchtet ("Schokokekse über alles" von Ruth M. Fuchs).
Aber der Rest ist auch lesenswert. Einfach irre. Und erleuchtend.

 

Geschichten aus den Herbstlanden

 

Heimkehr. Thüringen - morgen und übermorgen

 

 

November

 

Lewis Carroll: Die Alice-Romane. Übersetzt von Günther Flemming (Reclam)
(Alice im Wunderland / Durch den Spiegel und was Alice dort fand)
Kennt ihr das? Ihr schreibt auf Facebook in einer Diskussion mal eben ein paar Sätze hin, und dann fangt ihr an, länger drüber nachzudenken, und irgendwann greift es auf das reale Leben über? Mir ist es mit Alice so gegangen. Eine Autorenkollegin fragte in die Runde, welche Märchen uns als Kind so richtig Angst gemacht haben. Schnell war da die Hexe aus Hänsel und Gretel genannt, und auch der Wolf, der das Rotkäppchen gefressen hatte, war natürlich ein absoluter Angstmacher. Bei mir war es kein Grimm- oder Andersen-Märchen, das ich als Kind furchtbar gruselig fand. Aber ich erinnere mich immer noch mit Grauen daran, wie wir im Kindergarten mal eine Schallplatte mit Alice im Wunderland gehört haben. Das hat mir Angst gemacht. Man stelle sich vor: Da fällt jemand tiefer, tiefer, immer tiefer und immer weiter, stundenlang durch ein endloses Loch. Außerdem haben wir damals wohl nur die erste Seite der Platte gehört, und so erfuhren wir auch gar nicht, dass die gute Alice am Ende aufwachte und wieder zu Hause war. Für mich war nur im Gedächtnis hängen geblieben, dass jemand einfach so tiefer und tiefer fällt und nie wieder nach Hause kommt. Mein Gott, war mir das unheimlich. Ich schätze, ich war zehn oder elf Jahre alt, als ich dann die Readers Digest-Ausgabe des Wunderlands las, und ungefähr 14 oder 15, als ich, auf der Suche nach den Wurzeln der Fantasy, mit zwei Goldmann-Taschenbüchern auf den Spuren Alices noch einmal das Wunderland und erstmals das Spiegelland durchstreifte.
Jedenfalls hat mich das Nachdenken über die Alice-Romane noch den ganzen Tag begleitet, und als abends in der Volksstimme-Redaktion die Reihe an mich kam, die tägliche Glosse zu schreiben, verfasste ich einen kurzen Text darüber, wie beängstigend Märchen sein können und dass ich seit meiner Kindheit ein Alice-Trauma mit mir herumschleppe.
Die Reaktion war sehr überraschend für mich. Denn am nächsten Tag fand ich im Briefkasten das schön gebundene Reclam-Buch vor, mit einer Widmung des Übersetzers, "für angstfreie Lektüre". Wusste bis dahin nicht, dass er in Gardelegen lebt und meine Zeitung liest ...
Im Urlaub hatte ich natürlich nichts Eiligeres zu tun, als mir die neue Ausgabe durchzulesen. Ja, es ist wirklich ein wundervolles Buch. Die Übersetzung hat mir gefallen. Und der Kommentarteil ist erste Sahne.
Aber wisst ihr was: Dieses ganze Wunderland mit seinen Bewohnern hat immer noch etwas Beängstigendes für mich. Es ist wie ein Gang durch eine riesige Irrenanstalt. Nirgends gibt es einen Ausgang. Und wen immer man treffen mag: Alle sind absolut irre, unzurechnungsfähig, unlogisch und unberechenbar. Kein Kettensägen-Massaker könnte mich so ins Gruseln bringen wie diese Ansammlung von Irren. :-D

 

Max Arnhold: Das Helgoländer Lotsenwesen
Geschichte der Helgoländer Lotsen, Auf- und Niedergang eines Gewerbes, das einst einen Großteil der Inselbevölkerung ernährt hat. Reich bebildert. Und als besonderes Schmankerl ist in der zweiten Hälfte des Buchs das alte Helgoländische Examensbuch aus dem Jahr 1839 in Hallunder und hochdeutscher Übersetzung abgedruckt. Wer einen historischen Roman über Helgoland schreiben möchte, sollte hier mal reinschaun.

 

Juri Rytchëu: Alphabet meines Lebens
Eine Art Autobiographie des tschuktischen Schriftstellers, aber eine sehr ungewöhnliche. Es sind kurze, in alphabetischer Reihenfolge ihrer Überschriften angeordnete Texte, wobei man im jeweiligen Titel meist sowohl das deutsche als auch das tschuktschische und das russische Wort findet. Der Autor erzählt von Abenteuern seiner Kindheit und Jugend auf der sowjetischen Seite der Beringstraße, aber auch von seinem Studium und seiner Wohnung in Moskau, von Lesereisen, auf denen er unter anderem Haile Selassie begegnet, vom ersten Automobil, vom ersten Telefon im Land der Tschuktschen und davon, wie er einmal plötzlich alle wichtigen Leute in seiner Heimat um sich hatte, die sogar mit ihm zum Angeln fahren wollten, weil er nämlich einen Anruf aus Amerika, vom Präsidenten, erhalten hatte. Allerdings hatten sich die Leute, die seine Leitung abhörten vertan und aufgrund ihrer schlechten Englischkenntnisse von dem Telefonat nicht viel verstanden. Denn der Präsident war nicht der US-Präsident gewesen, sondern nur der Präsident des National Geographic, der beim Autor eine Reportage bestellt hatte.
Robbenjagd und schamanistische Rituale stehen neben Geschichten über moderne Technik, Elektrifizierung und Großstadterlebnissen aus Moskau. Man erfährt etwas über Tschuktschenwitze, die man sich in Russland erzählte, über sowjetische Politik, denen die Robbenjäger von der Beringsstaße manchmal mit Unverständnis begegneten, und davon, wie Rytchëu einmal einem tschuktschischen Politiker die Kandidatur verdarb. Ohne zu ahnen, was es für Folgen hatte, als er den Namen des Mannes ins Russische übersetzte. Nein, einen Volksvertreter mit dem Namen "Donnernder Schwanz" wollten die Herren in Moskau dann doch nicht auf dem Wahlzettel haben. Aber auch mit seinem eigenen Namen gab es einige Probleme. Der Schamane, der eigentlich hätte herausfinden sollen, wie das neugeborene Kind heißen sollte, bekam trotz mehrerer Versuche keine Antwort aus der Geisterwelt und verlor endlich die Geduld: "Dann soll er Rytchëu heißen - der Unbekannte!", rief der Mann wütend, und dabei ist es geblieben.
Am besten hat mir aber die Geschichte über Mathematik und die Zahlen gefallen. So etwas wie Mathematik hatte es auf Tschukotka bis zur Ankunft der Europäer nicht gegeben. Und Zählen? Eigentlich basierte alles auf der Fünf, eben auf den fünf Fingern der Hand. Und dann gab es noch die Zahl Zwanzig, die auch so viel bedeutete wie "Mensch", wegen der zwanzig Finger und Zehen des Menschen. Wer da etwas nachrechnen musste, zog sich eben die Stiefel aus und zählte alles an Fingern und Zehen ab. Beeindruckend die Schilderung, wie Rytchëus Großmutter für ihre Abrechnung die gesamte Familie in ihr Zelt holte, alle mussten die Stiefel ausziehen, und dann ging die Abzählerei und Rechnerei los. Und wehe, einer wackelte mit den Zehen. Einfach ein wunderbares, anschauliches und sehr lebendiges Buch. Lest es.

 

Katharina Gerlach: Das Erbe. Der gestiefelte Kater
Neu-Erzählung des bekannten Grimmschen bzw. Tieckschen Märchens. Diesmal allerdings aus der Perspektive des Katers. Der ist nämlich verflucht und kann nur wieder erlöst werden, wenn er es schafft, dass der Müllerssohn eine Prinzessin heiratet. Was ihm erst vollkommen unmöglich erscheint. Aber als sein junger Herr und die Prinzessin sich begegnen, sind sie einander sofort sympathisch - und mehr als das. Sehr interessante und erfrischende Neufassung eines Klassikers mit einigen Überraschungen und einem eigenwilligen Erzähler.

 

Storyolympiade 2017/18: Maschinen
Die besten Texte des Wettbewerbs für Nachwuchs-Autoren aus dem Bereich Phantastik. Es geht um Maschinen, künstliche Wesen, mechanische Menschen, KIs, Apparate, die plötzlich ein Bewusstsein entwickeln. Und ich war überrascht, wie unterschiedlich die Texte waren und auf was für Ideen die Autoren gekommen waren. Da gibt es ein Spukhaus, in dem der Geist eines damals nicht ganz fertig gebauten Supercomputers haust. Einen alten Angestellten, der im Weltraum Maschinen hüten muss. Nano-Roboter, die sich als Viren in der Blutbahn zur tödlichen Seuche entwickeln. Die irrsinnig komische und gleichzeitig erschreckend reale Geschichte vom intelligenten Kühlschrank, der eigenständig Bestellungen aufgibt, nur noch Produkte seiner Firma kühlt, die Biomilch vom benachbarten Biohof gnadenlos grillt und den älteren, noch offline-sozialisierten Besitzer erst in einen Kleinkrieg, dann in den Wahnsinn treibt. Dann ist da noch ein von Robotern besiedelter Planet, der mit den Mennschen diplomatische Beziehungen aufnehmen will. Allerdings stürzt das Raumschiff ab, und die Roboter retten nicht den schwer verletzten Menschen, sondern den Bordrechner, den sie für ihren Gesprächspartner halten. Es gibt einfach so irrsinnig viele witzige Ideen und gute, ungewöhnliche Geschichten, dass ich mich richtig freue, diese hoffnungsvollen Nachwuchs-Autoren jetzt schon kennen lernnen zu dürfen. Aus denen wird mal was ganz Großes, aus den meisten bestimmt. Also, holt euch das Buch und bestaunt ihre ersten Schritte in der Literaturwelt.

 

Lyakon: Scyomantische Gespräche
Sehr schön aufgemachtes Taschenbuch mit stimmungsvollen Illustrationen. Es geht um einen Magier, der Geister beschwören kann, unerlöste Seelen, denen der Weg ins Jenseits verwehrt ist, da sie auf Erden noch eine Aufgabe zu erfüllen haben, nicht ordentlich beerdigt wurden, von einem Fluch betroffen sind oder eine schwere Schuld auf sich geladen haben. Welchen Geist der Scyomant aus der Zwischenwelt heraufbeschwört, ist mehr oder weniger Zufall. Aber wer immer auch vor ihm erscheint, erzählt ihm seine Geschichte, teilt ihm meist auch mit, wie er erlöst werden kann, und der Beschwörer tut dies auch. Das Buch enthält acht Geschichten, in denen jeweils ein Geist seine Lebensgeschichte und die Ursache für seine Zwischenexistenz erzählt, meist verbunden mit einer abschließenden Bemerkung des Magiers, ob und wie er den Geist danach erlöst hat. Dazwischen gibt es "fachwissenschaftliche" Exkurse über das Wesen der Scyomantie, über Geister, Ursachen ihrer Unfähigkeit, ins Jenseits zu gelangen, Beschwörungstechniken und ähnliches. Ein sehr interessantes, optisch ansprechendes Buch. Mal etwas anderes.

 

Horst Stern: Mann aus Apulien
Ein Buch, das mir der Vater einer Mitschülerin als "Dauerleihgabe" vermacht hat. Ich hatte ihm gegenüber erwähnt, dass ich gerade im Lesesaal der hannöverschen Landesbibliothek den aufwändigen Reprint von "De arte venandi cum avibus" - "Die Kunst, mit Vögeln zu jagen" las. Das Falknerei-Buch des Stauferkaisers Friedrich II., über das auch heutige Falkner noch mit Ehrfurcht und Pipi in den Augen sprechen. Der Vater meiner Freundin wurde daraufhin auch von einer gewissen Wehmut erfasst, denn er hatte sich mit dem Mann während seines Studiums intensiv befasst. Und er meinte, ich müsse unbedingt diesen "Mann aus Apuliern" lesen. Jetzt habe ich es getan.
Es ist die Geschichte des Staufferkaisers Friedrich II., geschrieben aus seiner eigenen Perspektive. Friedrich ist inzwischen alt geworden, aber immer noch ein Freigeist, der mit der Kirche nicht viel am Hut hat, der mit islamischen Gelehrten korrespondiert, sich von klugen Menschen manch einen Nasenstüber gefallen lassen muss, aber selbst auch nicht zimperlich beim Austeilen ist und nicht unter falscher Bescheidenheit leidet. Mit Walter von der Vogelweide liefert er sich einen Schlagabtausch, lässt sich von Franz von Assisi in langen Gesprächen immer wieder als Antichrist beschimpfen. Neben der Philosophie sind es vor allem zwei Leidenschaften, die den Kaiser umtreiben: Sex, gern auch von hinten, und die Falknerei. In letzterer hat er sich durch sein Fachbuch "De arte venandi cum avibus" hervorgetan, und in diesem Buch tritt er sehr entschieden der damals unumstrittenen Autorität der Natur- und Geisteswissenschaften entgegen. Selbstbewusst legt er an zahllosen Stellen dar, wie und wo Aristoteles gepatzt hat. Denn der Stagirit hatte ganz eindeutig überhaupt keine praktischen Erfahrungen in der Falknerei, ganz anders als der Kaiser.
Es ist ein faszinierendes, spannendes und gedankenreiches Buch, das Horst Stern da geschrieben hat. Sprachlich auch top. Allerdings auch sehr modern. Ich glaube nicht, dass der historische Friedrich sio geschrieben hat. Sei's. Es ist jedenfalls ein gutes Buch. Lest es.

 

Wolfgang Schadewaldt: Hellas und Hesperien II
Ich liebe und verehre Wolfgang Schadewaldt, seit ich die ersten Aufsätze von ihm und seine Tübinger Vorlesungen über griechische Literatur gelesen habe. Hellas und Hesperien war für mich immer so ein Traumbuch, das ich unbedingt haben wollte, aber es war ja schon seit Urzeiten nicht mehr lieferbar. Im vergangenen Jahr dann der einmalige Glücksfall, dass ich gleichzeitig eine Menge Geld hatte und ein Antiquariat die Sammlung - beide Bände! - anbot. Klar, dass ich da zugegriffen habe. Den ersten Band, der auf 800 Seiten Schadewaldts Aufsätze zur Antike - Literatur, Philosophie, Geschichtsschreibung - enthält, hatte ich ja letztes Jahr auf Helgoland gelesen. Dieses Jahr war der zweite Band dran. Ein rund 850 Seiten starker Sammelband mit Aufsätzen über den Einfluss der Antike auf die Literatur und Kunst der Neuzeit, über Winkelmann als Wieder-Entdecker der griechischen Kunst, über Goethe, über Kleists "Zerbrochenen Krug" als bewusst konstruiertes Gegenstück zum "König Ödipus" des Sophokles, über griechische Theaterstücke auf der modernen Bühne und mehr. Geburtstagsadressen und Nachrufe auf die altphilologischen Größen seiner Zeit. Auch etwas Autobiographisches, eine Kindheitserinnerung über ein totes Reh, eine eher humorvolle Skizze über die "Metaphysik der Hundemarke". Eine schöne Sammlung, bei der einem echt das Herz aufgeht und die Brust weiter wird. Ein Buch, das ich niemanden mit schmutzigen Fingern berühren lassen werde.

 

Dave T. Morgan: Der Schrei des Feuervogels
Fantasyroman über drei junge, sehr ungleich veranlagte Brüder, die um die Freiheit ihres Landes kämpfen. Der Sohn des Nachbarkönigs ist offensichtlich von einem bösen Geist besessen und rückt mit gewaltigen Drachen heran, nachdem er die Heirat seiner Schwester mit dem ältesten der drei Prinzen verhindert hat. Der Focus liegt vor allem auf dem jüngsten Prinzen, der einer Hexe begegnet und danach ungeahnte Kräfte in sich spürt. Unter dem Schutz eines Phönix und mit der Fähigkeit, mit Drachen zu kommunizieren, hat er gute Chancen, den Krieg zu entscheiden. Außerdem hat der die Gabe, Tote wieder zum Leben zu erwecken. An der Seite einer Prinzessin aus einem Reitervolk macht er sich auf die Suche nach Antworten und greift schließlich in den Kampf ein. Ein spannender, gut geschriebener Roman. Und es gibt eine Fortsetzung. Die hole ich mir wohl demnächst.

 

Schnittergarn
Der Tod. Schwarze Kutte, mit Sense bewaffnet, spricht in Großbuchstaben. So kennt man ihn. Diese Anthologie zeigt den Gevatter einmal so, wie ihn noch keiner kennt. Als Burnout-Patienten, der einfach nicht mehr klarkommt mit seinem Job. Als gestressten Firmenchef, dem die Buchhaltung und der Computer das Leben schwer machen. Als Medienmuffel, der mit seinen Knochenfingern kein Touchpad bedienen kann. Als Familienvater, dessen nichtsnutzige Gören auch mal Menschen abholen möchten und dabei ein heilloses Chaos anrichten. Als Urlauber im Ferienparadies. Als überforderten Akkord-Senser. Als Verliebten. Als Opfer eines Psychiaters, der, statt sich widerstandslos abholen zu lassen, den Sensenmann erstmal mit der brutalstmöglichen Menge an Pillen vollstopft. Oder an Bord eines Raumschiffs, dessen durchgeschepperte Crew selbst Götter und Psychiater in den Wahnsinn treiben kann. Ganz sicher nicht todlangweilig. Eher zum Totlachen.

 

Tora und Propheten
Die Tora-Übersetzung von Moses Mendelssohn. Ein Meilenstein in der Geschichte der deutschen Juden, wichtiger Beitrag zur jüdischen Aufklärung im 18. Jahrundert. Den Text gibt es jetzt als Taschenbuchausgabe, etwas modernisiert und überarbeitet, also etwa heutigen "Luther-Bibeln" vergleichbar, die ja auch für den modernen Leser an heutige Sprachgepflogenheiten angepasst wurde. Die Übersetzung weicht etwas von gängigen christlichen Bibelübersetzungen ab, ist sprachlich sehr schön und angenehm zu lesen. Etwas Schwierigkeiten könnte bereiten, dass Mendelssohn in der Schreibweise der Namen nicht die gräzisierte/latinisierte Form benutzt, sondern die hebräische, also Beispielsweise Yaakow statt Jakob, aber das ist eine Frage der Gewöhnung. Das Buch ist nicht nach der bei Christen üblichen Kapiteleinteilung gegliedert, sondern in die Tora-Abschnitte, die im Verlauf des Jahres im jüdischen Gottesdienst gelesen werden. Dazu passend sind im zweiten Teil die Haftarot, also die zu den jeweiligen Tora-Lesungen gehörenden Stellen aus den Prophetenbüchern abgedruckt. Diese Übersetzungen sind neueren Datums, stammen also nicht aus Mendelssohns Feder. Insofern ist der Titel ein wenig irreführend, denn es sind nicht die Tora (die fünd Bücher Mose) und die Prophetenbücher, sondern nur die im Gottesdienst zu lesenden Propheten-Abschnitte. Abgesehen davon eine schöne Lektüre. Und die Bibel, egal in welcher Übersetzung, sollte sich ein gebildeter Mensch, egal welchen Glaubens oder Unglaubens, sowieso mal zu Gemüte führen.

 

Pablo de Santis: Das Rätsel von Paris
Klassischer Detektivroman trifft auf magischen Realismus. Ein unfassbar bezauberndes Buch über einen jungen Mann, der es schafft, Gehilfe eines der zwölf großen Detektive seiner Zeit zu werden. Streng logisch, und doch mystisch, abgründig, und doch erhebend. Jedesmal, wenn ich ein Buch Pablo de Santis' kaufe, denke ich: Okay, mal sehen, ob es etwas Neues gibt, eigentlich kenne ich ihn ja jetzt schon. Aber ich bin jedesmal aufs Neue gefesselt und fasziniert und entdecke immer wieder neue Welten. Zauber eben.

Worum geht es? Sigmundo Salvatrio hat schon von frühester Jugend an den berühmten Detektiv Craig bewundert. Craig war der einzige der großen Zwölf, der nie einen Gehilfen angenommen hat, doch nun schaltet er eine Anzeige und lädt junge Talente in seine Akademie ein. Die Ausbildung ist fordernd, machmal auch enttäuschend, und Sigmundo bleibt ewig nur der Zweitbeste, bis der Beste des Kurses bei der Aufklärung eines Verbrechens verunglückt. Meister Craig macht sich daran, seinen letzten Fall aufzuklären und findet den Mörder. Doch zurück bleibt ein dunkles Geheimnis.
Als anlässlich der Pariser Weltausstellung 1889 zum großen Treffen der zwölf Detektive eingeladen wird, ist es der junge Assistent, der anstelle seines Meisters nach Frankreich reist und auf die anderen elf berühmtesten Detektive der Welt und ihre Helfer trifft. Dann passiert das Unfassbare: Einer der Elf stürzt vom noch nicht eröffneten Eifelturm in den Tod. Mord? Die verbliebenen kriminalistischen Genies - und auch Sigmundo - nehmen die Ermittlungen auf.
Geradezu brillant sind die immer wieder eingestreuten kürzeren Erzählungen über spektakuläre Fälle, die durch einen der Zwölf aufgeklärt wurden, jeder einzelne hätte einen eigenen Roman verdient. Oder die manchmal geradezu metaphysisch anmutenden Theorien über Verbrechen und ihre Aufklärung. Oder die unterschiedlichen Ermittlungsmethoden der einzelnen Detektive, etwa die beinahe zen-hafte Suche des japanischen Kollegen nach dem "weißen Verbrechen". Oder die fachlichen Diskussionen um das "Rätsel des abgeschlossenen Raums".
Ich habe eigentlich kein großes Interesse am Genre des Detektivromans. Aber der hier hat mich gefangen. De Santis hat einfach Magie. Auch im streng logischen Milieu der Verbrechensaufklärer. Einzigartig.

 

Theda Perdue, Michael D. Green: Die Indianer Nordamerikas (Reclam)
Gute, sachkundiige, knapp gehaltene Überblicksdarstellung über die Geschichte der Indianervölker und ihrer Auseinandersetzung mit den Weißen der unterschiedlichen Nationalitäten. Kurz und gut zu lesen. Allerdings gibt es einen kleinen Etikettenschwindel zu rügen: Es geht nicht um Indianer Nordamerikas in dem Buch, sondern um Indianer im Bereich der heutigen USA. Kanada und Mexiko bleiben weitgehend außen vor.

 

Kerstin Groeper: Donnergrollen im Land der grünen Wasser
Historischer Indianerroman aus der Zeit, als die Spanier Amerika durchstreiften und auf der Suche nach Gold ganze Völker ausrotteten und versklavten. Erzählt wird abwechselnd aus der Persepektive der jungen Maisblüte, einer Jugendlichen aus dem Volk der Chatah / Choktaw, und des Machwao, eines Mannes vom Stamm der Menominee. Maisblütes Volk lebt in Mabila, im Süden der heutigen USA, und sie ist auserwählt als Maisjungfrau einer Zeremonie beizuwohnen, als die Nachricht von der Ankunft seltsamer Fremder ins Dorf kommt. Der Häuptling beschließt, ihnen entgegenzugehen, zusammen mit den Jungfrauen, um ordentlich Eindruck zu machen. Keine gute Idee, denn es kommt zu gewalttätigen Auseinandersetzung. Die meisten Krieger werden von den Spaniern getötet, die Frauen, darunter Maisblüte, werden versklavt, müssen für ihre neuen Herren arbeiten und werden ständig vergewaltigt.
Ich muss gestehen, dass mir die stereotypen Vergewaltigungsszenen bei Kerstin Groeper langsam ein wenig auf die Eierstöcke gehen. Von historischer Korrektheit muss mir keiner etwas erzählen, natürlich wurden gefangene Frauen im Krieg zu allen Zeiten vergewaltigt. Aber man kennt die Szenen inzwischen. Bei "Kranichfrau", der Geschichte einer Frau, die als Krieger zu leben beschlossen hatte, war es irgendwie noch ... hm, ja, spannend, möchte ich sagen, sie dann doch wieder auf ihre Weiblichkeit zurückgeworfen zu sehen. Aber die Szenen in Groepers Romanen sind inzwischen immer wieder dieselben. Ich möchte nicht zynisch klingen, aber vielleicht versteht ihr, was ich meine, wenn ich sage, sie hätte ihre Prärieblume lieber einmal richtig vergewaltigen sollen, und die anderen Male einfach zusammenfassen. Klasse statt Masse und nicht den ganzen Roman hinweg immer wieder das gleiche.
Okay, zugegeben, es gibt etwas Neues. Prärieblumes kleiner Bruder wird ebenfalls vergewaltigt. Von einem pädophilen Priester in den Hintern. Ja, das ist auch historisch korrekt, es gab und gibt sowas. Ist die Szene gelungen? Vielleicht. Ich finde sie widerlich, aber vielleicht ist die Stelle gelungen. Was total misslungen ist, das ist die weitere Entwicklung des Jungen. Wie kann die Autorin schreiben: "Damit begann für Nanih Waiya eine unvorstellbare Tortur, die ihm für immer die Kindheit und seine Unschuld nahmen (sic)" (S. 214) - und dann für die restlichen 440 Seiten nicht mehr darauf eingehen? Man merkt diesem Kind einfach nicht an, dass da etwas passiert ist. Ja, der Junge hat Angst vor den Spaniern. Und als sie ihm als Strafe für einen späteren Fluchtversuch einen Finger abschneiden, ist dies auch in dem Augenblick schlimm für den Jungen, aber es wird später kaum noch darauf eingegangen. Als der Junge später zu Machwaos Volk kommt, wird er ein ausgesprochen fröhlicher und eifriger Knabe und später ein tapferer Krieger und guter Jäger. Keine Albträume, keine Traumata, keine Sekunden der Erstarrung, keine Tränen. wenn ihn irgend eine Kleinigkeit an den Priester und sein Treiben erinnert, das den Jungen angeblich um seine Unschuld und um seine gesamte Kindheit brachte. Es ist einfach weg. Nein, ich glaube dieser Autorin diesen Jungen nicht.
Der Roman ist, wie immer bei Kerstin Groeper, gut recherchiert und fachlich fundiert. Das ist die ganz große Stärke dieser Autorin. Die Pockenepidemie, die Machwaos Volk zum großen Teil dahinraffte, die Informationen über Jagd, Handel, Landwirtschaft und Bräuche der unterschiedlichen Völker, all das ist akribisch und detailgenau nachrecherchiert und wiedergegeben, und an den Stellen, an denen sie etwas frei erfunden hat, passt es. Es sind einfach die Charaktere selbst, die ich ihr nicht glaube.

 

Julie Harris: Der lange Winter am Ende der Welt
Ein Flugpionier auf dem Weg zum Nordpol. Dummerweise stürzt er ab. Eine Inuit-Gruppe birgt ihn aus den Trümmern seiner Maschine, rettet sein Leben, auch wenn dafür ein zerschmetterter Arm amputiert werden muss, und nimmt ihn bei sich auf. John - oder, wie sie ihn nennen: "Floreeda", weil er im Fieber immer wieder nach seiner Heimat gerufen hat - verbringt 19 Jahre im ewigen Eis, heiratet, hat Kinder, wird sogar als Jäger trotz seines Handycaps recht erfolgreich. Er hat sich fast vollkommen mit seiner neuen Heimat abgefunden, als ein Schiff mit amerikanischen Soldaten herannaht. Sie wollen die Inuit evakuieren. Der zweite Weltkrieg hat begonnen. Floreeda/John wird von seiner Familie getrennt. Er macht sich auf die Suche nach seinen alten Verwandten und Freunden in Florida.

 

Moses Mendelssohn: Ausgewählte Schriften. Studienausgabe, Band II
Zweiter Teil der zweibändigen Werkausgabe. Teil eins hatte ich ja im vorigen Lese-Monat auf Helgoland bereits gelesen. Nun also der zweite Band, der Schriften zur Aufklärung und zum Judentum enthält. Außer der großen Schrift "Jerusalem" sind Mendelssohns Schriften zur Lavater-Affäre enthälten, sein Vorwort zu Mannasseh Ben Israels Schrift zur Rettung der Juden, ein Aufsatz über das jüdische Gebet Alenu und ein Text mit Proben rabbinischer Weisheit. Eine besondere Schrift, die eigentlich jeder gelesen haben sollte, der etwas zum Thema "Aufklärung" erzählen möchte, ist der Aufsatz "Was heißt Aufklären?", der fast zeitgleich mit dem berühmter gewordenen Aufsatz Kants "Was ist Aufklärung?" erschien. Beide Texte entstanden unabhängig voneinander, obwohl Kant und Mendelssohn in regem Austausch standen. Beide waren auch sehr neugierig auf den Ausatz des jeweils anderen.
Enthalten sind außerdem seine "Morgenstunden", Aufzeichnungen beziehungsweise die literarische Fassung von Lehrgesprächen, die Mendelssohn mit seinem Sohn, seinem Schwiegersohn und einem Freund über das "Daseyn Gottes" führte. Schließlich die Schrift, die Mendelssohn das Leben gekostet hat, seine Verteidigungsschrift, die er verfasste, als dem verstorbenen Freund Lessing von Jacobi vorgeworfen wurde, er sei Spinozist gewesen. Die Ehrenrettung Lessings war ihm so wichtig, dass der gesundheitlich angeschlagene Mendelssohn sich hinsetzte, sofort eine Verteidigungsschrift aufsetzte, sie selbst zur Druckerei trug ... Dabei zog er sich eine schwere Erkältung zu, die den ohnehin geschwächten Mann wenige Tage später dahinraffte.
Wie Band eins ist auch der zweite Band sehr ansprechend gestaltet. Vor jedem Aufsatz oder Buch gibt es eine Abbildung des Titelbildes und eine kurze Einführung mit Hinweisen zur Entstehung und zur Erstausgabe. Sehr schön ist, dass bei den Kontroversen auch die Texte mit abgedruckt sind, die Mendelssohns Gegner beziehungsweise Gesprächspartner verfasst hatten und die die Kontroversen ausgelöst hatten. Gerade bei der Lavater-Affäre. Man liest das heutzutage und fragt sich, wie es überhaupt zu einer solchen Anmaßung Lavaters kommen konnte. Und ob er eigentlich wusste, was er Mendelssohn damit antat, ihn so öffentlich zur Stellungnahme zu fordern. Wer sich klarmacht, wie gefährlich dünn das Eis war, auf dem sich der jüdische Philosoph bewegte, als er herausgefordert wurde, entweder das Christentum zu widerlegen oder, wenn er die Gründe für die Wahrheit des Christentums nicht widerlegen könne, "zu tun, was Sokrates getan hätte", der begreift auch, dass die Ringparabel Lessings eben nicht nur eine nette, herzerwärmende Geschichte ist.
Ein Kommentarteil wäre noch ein Sahnehäubchen auf der Werkausgabe gewesen. Aber auch so ist sie eine Fundgrube und ein gutes Stück Literatur. Sehr schön.

 

Fabienne Siegmund: Namiria

 

Der letzte Turm vor dem Niemandsland
Donnerwetter. Das war eine Anthologie, die mich echt überrascht hat. Vor allem, weil es sich nicht um eine Themen-Anthologie handelte. Das Motto "Nur die Geschichte zählt", das sich Michael Schmidt und fantasyguide.de, die für diese Sammlung verantwortlich zeichnen, ist in diesem Falle tatsächlich Programm. Es ging nicht um Genres oder Themen, sondern darum, eine gute Geschichte zu schreiben. Nur fantastisch sollte es halt sein. Im weitesten Sinne. Das kann gruselig sein wie in Lisanne Surborgs Geschichte "Die Puppe mit dem blauen Kleid" - absolute Gänsehaut - oder auch böse und morbid wie in Andreas Flögels "Im Dienst des Wardens", die erst als poppige Batman-Parodie daherkommt und dann bitter-blutiger Ernst wird. Schräg und gar nicht so abwegig ist die Story vom Planeten "Couch-Potato", in dem Ellen Norten der Erde ein fettleibiges und unsportliches Horoskop stellt. Ins Western-Milieu entführt Xander Morus seine Leser mit "Das Grab am Canyon", und Christel Scheja lässt eine junge Elfe als Grabräuberin auf eine gefährliche Leiche und ein besonderes Schmuckstück treffen. Es gibt Kriminalfälle mit magischer Auflösung, kämpfende Barbaren, stolze Ritter und tollpatschige Magier auf der Drachenjagd. Und ein Ehepaar, das beinahe ewig leben kann - wenn es nur rechtzeitig in andere Körper umsteigt. Eine sehr gelungene Sammlung. Empfehlenswert.

 

Nadine Boos: Tanz um den Vulkan
Teil 17 der Reihe "Die neunte Expansion". Endlich ein Wiedersehen mit Trixie aus "Der Schwarm der Trilobiten", einem meiner Lieblingsbücher aus der Reihe, und mit dem seltsamen Unterwasservolk, das sie kennen gelernt hat. Trixie ist inzwischen die neue Matriarchin. Ihre Mutter gilt als tot, hat sich aber in Wirklichkeit in den Untergrund zurückgezogen und baut einen neuen Geheimdienst auf. Und ihre Großmutter, die alte Spinne, spinnt schon wieder Intrigen, woraufhin Trixie sie, zusammen mit der Großmutter ihres Mannes, kurzerhand auf eine Expedition ins All schickt. Dann bricht in den Meeren des Planeten Andesit plötzlich eine Seuche aus. Erneut ein sehr gut geschriebenes, freches Abenteuer mit gut ausgearbeiteten Völkern und Charakteren. Sehr schön.

 

Holger M. Pohl: Jene, die sich nicht beherrschen lassen
Pelungart, der letzte noch lebende Hoc, macht sich auf die Suche nach seinen Vorfahren. "Jene, die sich nicht beherrschen lassen", das Urvolk, hatte vor Äonen den geheimnisvollen Hondh eine bittere Niederlage beigebracht. Sie waren die einzigen, die die fremden Eroberer jemals zum Rückzug zwangen. Doch im Lauf der Jahrtausende waren die Hoc-Vorfahren ein wenig zu selbstsicher geworden. Einer von ihnen stellt fest, dass ihre Heimat inzwischen von Hondh-beherrschten Welten umzingelt und völlig abgeschnitten ist. Er fasst einen Plan, den Hondh erneut, diesmal endgültig, entgegenzutreten. Das Volk teilt sich in drei Teile, strebt auseinander, und die Angehörigen nehmen vollkommen unterschiedliche Entwicklungen. Erst nach einem unvorstellbar großen Zeitraum, in einer Zeit, als der Sieg und das Urvolk nur noch Legenden sind, werden den Wesen Informationen preisgegeben, die irgendwann zum Untergang der Hondh führen könnten. Spannend und gut konstruiert. Die Hoc gehörten sowieso zu einem der interessantesten Völker dieser Welt. Eine kleine Anmerkung allerdings zu dem Jahrtausende überspannenden Plan an dem unendlich viele Generationen arbeiten: Nach menschlicher Erfahrung ist es schon eine große Leistung, ein Projekt durchzuführen, das mehr als eine oder zwei Generationen überspannt. Wir haben es in den letzten 10.000 Jahren nicht geschafft, auch nur einen einizigen Plan über die gesamte Geschichte des Homo sapiens hinweg zu verfolgen. Ich glaube einfach nicht, dass man ein Projekt, bei dem obendrein kein einziger mehr die Zusammenhänge kennt, über einen solchen Zeitraum durchhalten kann. Naja, Menschen können es jedenfalls nicht. Aber vielleicht können es ja "Jene, die siuch nicht beherrschen lassen."

 

William Faulkner: Absalom, Absalom!
Südstaaten-Epos und großer Klassiker der amerikanischen Literatur. Interessante, stellenweise vertrackte Erzählweise, sprunghaft und verworren, auf mündlichen Berichten beruhend, und richtig klar wird einem das, was da passiert ist, erst am Ende. Dabei aber in einem sehr lesbaren und eingängigen Stil geschrieben.
Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der plötzlich zusammen mit einer Horde Schwarzer und einem Architekten in einer Kleinstadt auftaucht, von den benachbarten Indianern Land erwirbt und beginnt, zu roden, ein Haus zu bauen und ein Gut aufzubauen. Als er sich so eingerichtet hat, wirbt er um eine Honoratiorentochter und heiratet sie. Er bekommt einen Sohn und eine Tochter von ihr. Allerdings taucht irgendwann ein älterer Sohn aus erster Ehe auf, den der Vater wohl erkennt, aber erstmal nicht outet. Beide Sohne freunden sich auf der Uni an, schließlich verliebt sich der ältere Sohn in die Tochter, eine Heirat steht an ...
Interessant ist, wie die Familiengeschichte nur langsam und scheibchenweise an die Oberfläche kommt. Der Vater versucht, die Beziehung zu hintertreiben, ohne sich zu dem ältesten Sohn zu bekennen. Schließlich offenbart er dem jüngeren Sohn doch, dass dessen bester und vergötterter Freund gleichzeitig sein Bruder ist. Dies verzögert die Sache zwar, aber die Freundschaft ist trotzdem sehr stark. Und als beide auch noch zusammen in den Krieg ziehen und lebend zurückkommen, macht der jüngere seinem älteren Bruder das Angebot, er könne die Schwester doch noch haben, er selbst wolle wegsehen und über den Inzestskandal schweigen. Aber dann packt der Vater sein letztes Argument gegen die Ehe aus: Er verrät, warum er seine erste Frau verlassen hat: Sie hatte, was er bei der Heirat nicht wusste, einen Schwarzen unter ihren Vorfahren. Der älteste Sohn ist nur zu 15/16 weiß. Inzest ist ja Pillepalle. Aber kein Südstaatler hätte es damals ertragen, einen Schwager mit "Negerblut" in den Adern zu haben. Es kommt zum tödlichen Kampf zwischen den Brüdern. Ach ja, und der Rest der Familie kommt dann auch noch um ...
Groß angelegte Handlung, beeindruckende Geschichte, und wenn man sich erstmal in den etwas eigenwilligen Erzählstil hineingefunden hat, auch ein großartiges Literaturerlebnis. Macht Arbeit, aber es lohnt sich.

 

Carl Siegfried: Philo von Alexandria als Ausleger des Alten Testaments
Reprint eines Buchs aus dem 1875, etwas altertümlich geschrieben, aber recht lesbar. Der Autor beschreibt und analysiert Philos allegorische und metaphorische Interpretation der Tora. Die Methode Philos war damals wohl recht neu. Der Autor legte so ziemlich alles, was in der Bibel stand und nicht mit Logik und gesundem Menschenverstand vereinbar wahr, als bildlich gesprochen aus. Ein Beispiel: Wenn Gott zu Abraham sagt, er solle das tun, was seine Frau Sara sagt, dann ist das ja eigentlich ein Widerspruch zu der nach dem Sündenfall ergangenen Anweisung, dass die Frau dem Manne untertan sein soll. Philo löst das Dilemma auf, indem er sagt, Sara sei in diesem Falle nicht als die konkrete Ehefrau des Erzvaters aufzufassen, sondern als die Verkörperung der Weisheit. Gott habe also in Wirklichkeit gemeint, Abraham solle der Weisheit folgen.
Das Buch ist reich an Beispielen und bietet auch eine lange Liste von Tieren, Pflanzen, Mineralien und mehr, die Philo in seinen Werken erwähnt hat, nebst der Bedeutung, die er ihnen beilegte.
Sehr interessant und lesenswert ist der zweite Teil des Buchs, in dem Carl Siegfried die Wirkung Philos auf zeitgenössische Autoren und spätere Generationen schildert. Besonders bei Paulus und den Kirchenvätern lässt sich ein großer Einfluss Philos nachweisen. Hochinteressant.

 

Susanne Schnitzler: Tödliche Geheimnisse
Kapitänin Jane Kneifel hat eine besondere Reisegruppe an Bord ihres Raumschiffs: Sie bringt Leute zum Planeten Nonterrabat, die als Agenten für die Hondh arbeiten wollen. Getarnt ist das Ganze als Wellnesstour. Und dummerweise ist auch noch ihr Exmann mit an Bord. Es passiert ein Mord, und der Mentalfeldgenerator, der die Planetenbewohner zu stillen, gehorsamen Sklaven der Hondh machen soll, fällt aus. Außerdem taucht Wurm wieder auf und greift in das Geschehen ein. Eine interessante Agenten-Story, humorvoll und voller Anspielungen.

 

Katja Bulling: Salz der Götter
Fantasyroman, der in der Aufmachung etwas ägyptisch anmutet. Die handelnden Personen und Völker dagegen erinnern eher an eine klassische ans Mittelalter angelehnte Fantasywelt mit Naturvölkern, einfacher Landbevölkerung und Städten mit Märkten und Mauern.
Die Heldin ist eine Art Priesterin/Seherin, die in Träumen die Zukunft beziehungsweise gegenwärtige Bedrohungen sehen kann. Die Geschichte beginnt mit einer solchen Vision. Die Protagonistin sieht die oberste Visionärin auf grausame Weise sterben. Zusammen mit dem Sohn ihres Dorfobersten, einem jungen Mann, in dem mehr steckt als auf den ersten Blick erkennbar, macht sie sich auf den Weg zur obersten Visionärin. Und muss feststellen, dass es tatsächlich eine furchbare Bedrohung für ihr Land gibt. Einen machtgierigen Magier, der furchtbare Dämonen herausbeschwört. Doch die junge Frau ist nicht ganz wehrlos. In einer geheimnisvollen Höhle findet sie ein seltsames Pulver mit magischen Kräften - das Salz der Götter.
Ordentlich erzählte, vielleicht etwas vorhersehbare Geschichte. Vielleicht hätte die Autorin sich ein wenig mehr Raum für die Beschreibung der einzelnen Völker nehmen sollen (gerade über die Dämonenbeschwörer hätte ich gern mehr erfahren), und auch über die Herkunft des Salzes und über seine Kräfte hätte ich gern mehr gelesen. Aber nicht schlecht gemacht.

 

Dezember

 

Tino Fellenberg: Das Jardonische Werk
Berufliche Lektüre: Der Autor stammt aus Gardelegen, und ich habe für die Volksstimme einen Artikel über ihn geschrieben. Die Online-Version findet ihr hier.

 

Elvira Reck: Zehn goldige Märchen
Ja, diese Sammlung ist wirklich goldig. Es sind kurze Märchen, die sich gut zum Vorlesen auf der Bettkante eignen und auch für ganz kleine Kinder eine gute Unterhaltung bieten. Die Märchen sind alle sehr lieb, Albträume wegen schauriger Bösewichte und Ungeheuer sind nach dem Vorlesen nicht zu befürchten. Mein absolutues Lieblingsmärchen war die Geschichte von dem Teddybärendorf: Die Bärchen waren eigentlich ganz lieb und freundlich, aber nun erhalten sie keinen Besuch mehr. Denn ein Teddybär hatte versehentlich einen giftigen Pilz gefressen und dann einen Besucher in den Po gebissen ... Sehr niedlich. Schön war auch die Geschichte vom Drachen, der in eine Schnecke verwandelt wurde. Ein Hinweis noch: Die Information auf dem Titel stimmt nicht ganz. Nach einigem Quängeln der Leser oder Zuhörer lässt sich nämlich die Autorin erweichen und gibt eine Zugabe. Es sind also in Wirklichkeit elf goldige Märchen. Und das goldig auf dem Titelblatt stimmt. Ganz bestimmt.

 

Cornelia Funke: Hinter verzauberten Fenstern
Liebenswürdige Weihnachtsgeschichte über einen zauberhaften Adventskalender. Julia ist stinksauer: Während ihr kleiner Bruder Olli einen echten Adventskalender mit Schokolade erhält, hat die Mutter ihr nur ein albernes Pappding mitgebracht. Darauf ist ein Haus abgebildet mit 23 Fenstern und einer Tür. Aber als Julia lustlos das erste Fenster öffnet, merkt sie, dass sie es nicht mit einem gewöhnlichen Kalender zu tun hat. Hinter den Fenstern sind echte Zimmer mit echten Bewohnern. Dort leben ein genialer Flugmaschinen-Erfinder, Elfen, Zwerge, ein Riese, ein richtiger, wenn auch hässlicher Prinz ... Allerdings stellt Julia, die es schafft, in die Kalenderhaus-Welt einzutreten, auch schnell fest, dass dort nicht nur ungetrübte Heiterkeit herrscht. Der König der Kalenderwelt ist alt, senil und vergesslich geworden, und sein Berater, der immer mehr Macht an sich reißt, will die alten Bilderkalender zerstören und eine Welt voller Schokokalender errichten ... Nette, kindgerechte Begleitung durch die Adventszeit, eignet sich gut zum Vorlesen auf der Bettkante. Aber es ist kein in 24 Geschichten-Portionen eingeteiltes Kalender-Buch, sondern eine durchgehende Abenteuer-Geschichte, wie man vielleicht bei dem Thema erwarten könnte.

 

A.A.Milne: Winnie Puh (Traduizione di Luigi Spagnol)
Eine kleine Tradition bei mir: Jedesmal, wenn ich ein fremdes Land bereise, bringe ich mir Winnie the Pooh in der Landessprache mit. Diesmal führte mich die Reise nach Italien. Nach drei Vierteln meines Sprachkurses in Bologna konnte ich der Buchhändlerin nicht nur in fließendem Italienisch erklären, was ich wollte, ich habe das Buch auch ohne Probleme lesen können. Klar, kein Kunststück, wenn man die deutsche Fassung auswendig kennt ...

 

Ida von Hahn-Hahn: Sibylle. Eine Selbstbiographie (e)
Das Ganze ist keine Autobiographie der Verfasserin, wie man vielleicht aus dem Untertitel schließen könnte, sondern ein Roman, in dem die Ich-Erzählerin Sibylle von ihrem Leben berichtet. Ein paar autobiographische Züge mag es aber haben, vor allem die Hinneigung oder das große Interesse der Heldin für den Katholizismus. Sibylle ist eine junge Frau aus begüterten Verhältnissen, die Eltern haben ein kleines Gut in Mecklenburg. Es gibt eine ältere Schwester, die zu Beginn des Romans gerade das heiratsfähige Alter erreicht hat. Deren Vermählung mit einem jungen Mann namens Paul steht unmittelbar bevor, als sie erkrankt und stirbt. Die jüngere, noch kindliche Schwester, hatte sich aber schon immer für Paul interessiert und ihn vergöttert. So kommt irgendwann die Heirat zwischen Paul und Sibylle zustande. Allerdings lernt sie bald, dass Paul ihr jeden Wunsch von den Lippen abliest und in ihren Händen wie Wachs ist. Paul reist mit ihr nach England und Italien, schenkt ihr alles, was sie nur begehrt, aber gerade darum beginnt die Frau, die sich nach und nach zu einer argen Verschwenderin entwickelt, ihn zu verachten. Überhaupt scheint es mit der Liebe nicht weit her zu sein bei Sibylle. Die Diagnose eines Dichters und Frauenschwarms, der bei ihr nicht landen kann, ist eindeutig: Sibylle ist absolut kopflastig, sie kann nicht lieben. Ehrgeiz entwickelt sie, das ja. Als Paul stirbt und der Dichter sie umgarnt, glaubt sie, ihn dauerhaft fesseln zu können und heiratet ihn. Mit dem Erfolg, dass er nach seiner ewig langen Werbung das Interesse an dieser kalten Frau verliert und sie betrügt. Einen von ihr hochgeschätzten Musiker und frommen Katholiken, den sie verehrt und über alle anderen Menschen in ihrer Umgebung achtet, beinahe anbetet, stößt sie vor den Kopf, als sie ihm endlich nach Jahren gemeinsamer Studien und Reisen entlockt, dass er sie liebt. Denn sie - kann nicht lieben. Zuletzt passiert es ihr, dass sich ein junger Graf, den sie eigentlich mit ihrer Tochter vermählen will, in sie verliebt. Sie gibt ihm den Laufpass, und die Tochter, die sich ungeliebt sieht, stirbt kurz darauf an gebrochenem Herzen. Hört sich nach einem üblen Machwerk an, ist aber gar nicht schlecht geschrieben. Ein Bildungs- und Entwicklungsroman mit einer weiblichen Heldin, vielleicht auch ein bisschen mit einem weiblichen Faust. Und um Längen besser als das kurz danach erschienene Buch "Von Babylon nach Jerusalem", das ich im Oktober gelesen habe. Nicht schlecht und sehr interessant.

 

Tschingis Aitmatow: Du meine Pappel im roten Kopftuch
"Dschamilja" soll ja die schönste Liebesgeschichte der Welt gewesen sein ... Aber die Pappel mim roten Kopftuch ist auch nicht schlecht. Erzählt wird die Geschichte eines Lastwagenfahrers, der sich in ein Mädchen aus einem Dorf verliebt. Das Mädchen ist von ihrer Familie bereits an einen anderen Gemahl verhandelt worden, doch folgt es dem LKW-Fahrer, und beide heiraten. Ein Sohn wird geboren, alles könnte perfekt sein. Bis sich der Mann auf Alkohol und auf einen Seitensprung mit der Fahrdienstleiterin einlässt und dadurch Frau und Sohn verliert. Erst viel später trifft er sie an einer Station an einem Gebirgspass wieder ...

 

Hörspiel/Hörbuch

 

Jan Tenner Classics 10: Der verrückte Professor
Das erste Auftreten des irren Wissenschaftlers Professor Zweistein. Er entführt Professor Futura und stiehlt dessen Serum. Mit der Chemikalie entwickelt er riesige Saurier, die er auf die Menschheit loslässt. Über einen Radiosender verbreitet er sein Ultimatum: Entweder man übergibt ihm die Herrschaft, oder seine riesigen Dinosaurier greifen Westland an. Außerdem droht er damit, Professor Futura in einen geistigen Krüppel zu verwandeln. Gut, dass Jan und Laura in die Produktion des Serums eingeweiht sind. Laura injiziert Jan eine Version des Serums, das ihm Flugfähigkeit verleiht und seine Haut hart wie Diamant und undurchdringlich für Saurierbisse macht. Damit kann Jan die Riesenechsen besiegen. Etwas unlogisch ist allerdings, dass Jan und Laura, als sie zu einer versteckten Hütte fliegen, in der der Professor gefangen gehalten wird, Schutzgürtel mit Magnetfeld tragen, um sich vor Schüssen der Verbrecher zu schützen. Warum lassen sie sich nicht einfach wieder eine diamantharte Haut wachsen wie beim ersten Flug mit dem Serum? Die Gürtel jedenfalls erweisen sich als böse Falle, denn Zweistein schaltet beim Eindringen der beiden Retter einen riesigen Magneten ein, und Jan und Laura kleben hilflos wie halb-breitgeschlagene Fliegen an der Wand ... Gefallen hat mir, dass der General diesmal seine große Chance hat und nutzt. Er rettet Jan, Laura und den Professor und muss dafür am Ende auch ausnahmsweise nicht die Späße der Helden über sich ergehen lassen. Zweistein allerdings entkommt und bleibt als weitere Bedfrohung erhalten. Ordentliches, spannendes Abenteuer, sehr nett.

 

© Petra Hartmann

 

Jahresrückblick I: Januar bis März 2018
Jahresrückblick II: April bis Juni 2018
Jahresrückblick III: Juli bis September 2018




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Jahresrückblick III: Juli bis September 2018

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 30 December 2018 · 885 Aufrufe
Jahresrückblick
Teil drei meines Literatur-Rückblicks ... Das dritte Lesequartal 2018 war, wie schon im Vorjahr, offenbar ziemlich kurz. Und die Zusammenstellung wirkt ein wenig zusammengewürfelt: Jüdische Philosophie, irische Fabelwesen, römische Anti-Liebesgedichte, Widerstand, Märchen und Abenteuer-Klassiker. Schaut halt mal rein

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.


Juli

Maggie Stiefvater: Rot wie das Meer
Ein etwas anderes Mädchen-und-Pferde-Buch. Den Roman hat mir eine Freundin in einer Diskussion auf Facebook empfohlen, als ich mich outete und erzählte, dass ich in der Grundschule mal einen Ponyroman geschrieben habe. Naja, den Anfang davon.
Es geht um Capaill Uisce, gefährliche und blutgierige Pferde, die im Herbst vor der Insel Thisby aus dem Meer steigen. Die Tiere sind inspiriert von der keltischen Sagenwelt, ein wenig den Kelpies ähnlich, aber sehr eigen. Stolz, schön und wild wie das Meer und todgefährlich. Jedes Jahr gibt es ein großes Wettrennen auf diesen Meerespferden, und dem Gewinner winken Ruhm, Ehre und ein stolzer Geldpreis. Doch in diesem Jahr gibt es einen Skandal: Die junge Frau Puck will teilnehmen. Und als ob es noch nicht schlimm genug wäre, dass es hier eine Frau wagt, in die Männerdomäne einzudringen, Puck setzt noch einen drauf: Sie besitzt kein Meerpferd. Sie will mit ihrer braven, schon etwas betagten Stute antreten. Dass sie das Tier verlieren oder selbst dabei sterben kann, ist Puck klar. Doch um ihr überschuldetes Elternhaus zu retten und ihre beiden Brüder zu ernähren, bleibt kein Ausweg. Aber da ist auch noch Sean, der sich auf die Capaill Uisce versteht wie kein zweiter. Dieser Meerpferdeflüsterer, der schon oft gewonnen hat und auch jetzt haushoher Favorit ist, spielt um einen hohen Preis an diesem Tag: Gewinnt er, darf er seinen geliebten roten Hengst Corr, beinahe die andere Hälfte seiner Seele, endlich selbst besitzen. Verliert er, verliert er auch seine Freiheit für immer und bleibt als Knecht auf dem Hof von Corrs Besitzer. Und zwischen Sean und Puck knistert es, beide kommen sich näher, als es für Konkurrenten in dem tödlichen Rennen üblich ist ...
Ein wahnsinnig tolles, erfrischend anderes und erfrischend blutiges Pferdebuch. Ich habe es verschlungen und war begeistert. Ganz sicher kein Ponyroman. Tausendmal besser.

Shmuel Feiner: Haskala - Jüdische Aufklärung. Geschichte einer kulturellen Revolution
Ich habe bereits einige Bücher über die Haskala, die jüdische Aufklärung im 18. und frühen 19. Jahrhundert gelesen. Aber dieses hier ist etwas ganz Besonderes. Shmuel Feiner hat nämlich nicht nur sehr viel Ahnung von seinem Stoff, sondern er bringt ihn auch so rüber, dass etwas hängen bleibt. Ich weiß nicht, ob das despektierlich ist, wenn man von einem Wissenschaftler sagt, dass er auch ein guter Erzähler sei. Aber es muss wirklich einmal gesagt werden: Er hat einen guten, flüssigen Stil und schafft es, die Bewegung der Haskala langsam vor den Augen der Leser entstehen und sich entwickeln zu lassen.

Ausführlich wird die Geschichte der "Wessely-Affäre" aufbereitet, als Naphtali Herz Wessely in seiner Schrift "Worte des Friedens und der Wahrheit" für jüdische Bildung - säculare Bildung jenseits der religiösen Unterweisung - eingetreten war. Man verfolgt die Gründung der jüdischen Freischule, der Gesellschaft der hebräischen Literaturfreunde und der Zeitschrift ha-me'asef.
Eine Besonderheit des Buches ist, dass der Verfasser Moses Mendelssohn weitgehend ausklammert. Der große "jüdische Sokrates" kommt zwar vor, hat auch mit seiner Jerusalem-Schrift und seiner Tora-Übersetzung den ihm zukommenden Raum, wird auch als großes Vorbild und Mentor der jüdischen Aufklärer gewürdigt. Aber Feiner betont auch, dass Mendelssohn größtenteils der deutschen/christlichen Aufklärung angehörte. Ein Philosoph, der mit Kant und Lessing auf Augenhöhe ästhetische oder erkenntnistheoretische Fragen erörterte, spielte in einer ganz anderen Liga als die jüdischen Maskilim, deren erstes Anliegen überhaupt erstmal war, Bildungschancen zu erlangen und sich selbst Strukturen zu schaffen. Feiner hat das recht schlüssig begründet. Dass er von Mendelsohn durchaus auch viel versteht, kann man in seiner Mendelssohn-Biografie nachlesen, die hier zur ergänzenden Lektüre unbedingt empfohlen sein soll.
Dadurch, dass der große Mendelssohn recht knapp behandelt wird, schafft der Autor jedenfalls eine Menge Raum für andere jüdische Aufklärer. Neben Wessely sind dies vor allem Isaak Euchel und Isaak Satanow, die diesen Raum auch auf jeden Fall verdient haben.
Es gibt eine Menge Abhandlungen über Philosophenschulen und -gruppen, bei denen man zwar einen ganzen Bienenkorb an Namen und Lehren an den Kopf geworfen bekommt - mir ist es oft in Büchern über die Vorsokratiker oder die Sophisten so gegangen - aber am Ende dann doch nicht mehr genau sagen kann, wer denn nun wer war und wer was gelehrt und entdeckt hat. Dieses Buch dagegen ist pädagogisch sehr nachhaltig. Es bleibt eine Menge im Gedächtnis haften, und man hat keine Probleme, die einzelnen Beteiligten zu unterscheiden und wiederzuerkennen. Noch einmal: Diese Buch ist nicht nur klug, sondern auch sehr gut erzählt.



Peter Raffalt: Der gestiefelte Kater



August

Jutta Schubert: Zu blau der Himmel im Februar
Roman über Alexander Schmorell, Mitglied der Weißen Rose, und seine erfolglose Flucht vor den Nazis. Die Handlung setzt ein, kurz nachdem die Geschwister Scholl beim Verteilen des letzten Flugblatts entdeckt und festgenommen worden waren. Ein kalter Februartag im Jahr 1943, Schmorell versucht, mit dem Zug von München in die Schweiz zu gelangen. Es hätte klappen können. Es hätte alles wie geplant laufen können mit der Flucht. Bis Klais, zwischen Garmisch und Insbruck, konnte er gelangen, kam bei einem russischen Beklannten unter. Doch er muss weiter. Und dann verpatzt es eine Freundin, die ihm Papiere und Geld nachbringen soll. Sie verpasst den Zug. Alexander Schmorell hat keine Möglichkeit mehr, irgendwo unterzukommen. Mit dem letzten Zug kehrt er zurück nach München. Und wird entdeckt.
Eine beklemmende Geschichte, zumal man als Leser ja von Anfang an weiß, wie es ausgeht. Am 13. Juli 1943 wurde er hingerichtet. Gutes Buch über eine schlechte Zeit.

Uwe Grießmann: Sagenhaftes Hildesheim
Uwe ist ein Kollege aus den Reihen der Hildesheimlichen Autoren und hat sich, wie ich, einmal mit der reichen Sagenwelt der Stadt auseinandergesetzt. Herausgekommen ist ein Taschenbuch mit elf Nacherzählungen alter Geschichten aus der Domstadt. Es gibt eine Erzählung über den Hildesheimer Silberfund, der ja mit der Varusschlacht in Verbindung gebracht wird, eine eigene Version des Rosenstock-Wunders und natürlich eine Geschichte über den Huckup.
Dabei fällt auf, dass Grießmann das Sagenhafte und Übernatürliche konsequent aus seinen Geschichten heraushält. Alles geht hier ganz natürlich, also im Einklang mit den Naturgesetzen, vor sich. So erklärt er die Behauptung, die Dame Hildesia hätte bei der Belagerung Hildesheims im Dreißigjährigen Krieg Tillys Kanonenkugeln "mit ihrer Schürze eingefangen" und so die Stadt gerettet, ganz un-wunderhaft: Hildesia hätte einfach die Waffen einer Frau eingesetzt und sei erfolgreich gewesen, wo Männer versagten: Sie ging hinaus zum gegnerischen Feldherrn und redete vernünftig mit ihm, machte ihn auf den desolaten Zustand seiner Truppe aufmerksam und schaffte es schließlich, ihn zum Abzug zu bewegen. Hier hatte sich dann tatsächlich die Schürze einer Frau als mächtiger erwiesen als Kanonenkugeln.
Meine Lieblingsgeschichte ist die Story vom "Sünte Viet", vom Heiligen Veit, in der ein missratener und versoffener Sohn von seinem frommen Vater eine hölzerne Statue ebenjenes Heiligen erbt. Erbost, weil er natürlich viel lieber Geld zum Versaufen bekommen hätte, will er aus dem Heiligen Kleinholz für den Ofen machen. Doch eine fromme, bettelarme Nachbarin erbarmt sich des Heiligen und kauft ihm die Statue für ihre letzten vier Groschen ab. Ein Kauf, den sie nicht bereuen wird, denn in der Heiligenstatue hatte der Verstorbene sein gesamtes Gekd versteckt.
Insgesamt eine sehr schöne Sammlung, die auch dadurch interessant ist, dass der Autor seinen Nacherzählungen die Originalversionen an die Seite stellt. Der Leser kann also bei Interesse nachlesen, wie es "wirklich" war. Sowohl für Alteingesessene als auch für Neubürger und Hildesheim-Touristen ein lesenswerter Streifzug durch die Sagenwelt der Domstadt, und ein nettes Geschenk ist es zudem.

Ovid: Remedia amoris - Heilmittel gegen die Liebe lat./dt. (Reclam)
Dritter Teil der Liebes-Tipps von Ovid. Die beiden anderen Bücher hatte ich im vergangenen Jahr gelesen. Sehr hübsch, wenn auch vielleicht nicht alles praktikabel erscheint. Der Dichter rät dem Leser unter anderem, schon zu Beginn einer Beziehung aufzupassen, dass man sich nicht allzu sehr verliebt. So wird einem Mann geraten, kurz bevor er zu dem Mädchen, das er liebt, ins Bett steigt, mit einer anderen, ihm gleichgültigeren, Frau zu kopulieren, damit es zwischen ihm und der Geliebten nicht mehr zum Höhepunkt kommen kann. Oder man solle sich bewusst auf die Körperteile des oder der Geliebten konzentrieren, die etwas weniger schön sind, um nicht vollkommen der Liebe zu verfallen. Das alles mit einem Augenzwinkern. Naja, wenn ich mir mal unbedingt die Liebe meines Lebens aus dem Herzen reißen muss, schlage ich es nochmal auf. Im Ernst: Ein sehr liebes Buch, lesenswert.


September

Christoph Marzi: Phantasma
Ich liebe ja die kleinen Novellenbücher aus dem UlrichBurger-Verlag. Dieses hier handelt von einem Showstar, der für den ganz großen Erfolg seine Seele verkauft hat. Jedenfalls erinnert die Geschichte von Phantasma, dem das Publikum zu Füßen liegt stark an einen faustischen Teufelspakt. Phantasma erringt alles auf der Bühne - aber er darf nicht lieben. Wann immer eine Frau sein Herz gewinnt, passiert eine Katastrophe, und die Geliebte des Künstlers kommt auf tragische Weise ums Leben. Endlich, nach langer Bühnenabstinenz, entschließt sich Phantasma zur Generalbeichte in einer großen Talkshow ...
Die Geschichte ist nicht neu, aber gut erzählt, schön komponiert und hat einen konsequenten, zielstrebigen Handlungsbogen. Etwas nervig ist, dass das Publikum den Namen des Künstlers immer wieder anbetungsvoll-atemlos als
"Phan-
tas-
ma!"
jauchzt. Und das manchmal mehrfach pro Seite. Ja, man kann sich den Tonfall dadurch als Leser sehr gut vorstellen, und es bringt auch eine gewisse leitmotivische Melodik in den Text. Aber es beschleicht einen doch das Gefühl, dass hier - vielleicht aus drucktechnischen Gründen? - Zeilen geschunden werden mussten. Das Büchlein ist mit seinen 70 Seiten arg dünn, und ohne das ständige
"Phan-
tas-
ma!"
wäre es wohl noch um zehn Seiten dünner gewesen. Aber ich will nicht meckern. Passt schon. Und gut erzählt ist es wirklich.

Andrea Tillmanns: Julia Jäger und die Legende des Lichts

Kaukasische Märchen und Sagen
Schöne Märchensammlung aus dem Verlag Saphir im Stahl, zusammengetragen aus drei inzwischen gemeinfreien Büchern. Interessanterweise habe ich keine großartigen Überschneidungen mit der Sammlung von Adolf Dirr festgestellt, die ich vor einiger Zeit als eBook gelesen habe. Man trifft Wesen wie den Wortzer und den Woijuk, begegnet dem verschmitzten Puschkin und erfährt mehr über den Halohn, liest von Werwölfen, Zauberrossen und Goldeseln. Mir haben besonders die Puschkin-Geschichten gefallen (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Schriftsteller). Vermisst habe ich die Narten. Und in meiner Ausgabe fehlt leider der Schluss des Märchens von Prinz Kurzbein und Prinzessin Zobel. Oder sollte das tatsächlich ein Ende sein? Es bricht jedenfalls ziemlich unvermittelt ab ...

Die Welten von Thorgal: Kriss de Valnor VII: Der Berg der Zeit

Cecil Scott Forrester: Die African Queen
Abenteuerroman von Hornblower-Erfinder C.S. Forrester. Ein Schnäppchen vom Bibliotheksflohmarkt in Gardelegen. Geschichte einer Missionarin und eines Schiffers, die mit einem Flusskahn durch Afrika fahren und ein deutsches Kriegsschiff versenken wollen.
1914, der Erste Weltkrieg tobt auch in Afrika, und gerade haben deutsche Soldaten eine abgelegene Missionsstation am Fluss Ulanga überfallen, geplündert und den Missionar getötete. Rose Sayer, seine Schwester, ist allein, als Skipper Charlie Allnutt mit seiner Barkasse den Fluss Ulanga entlanggeschippert kommt. An Bord hat er unter anderem Sprengstoff. Und Rose fasst den kühnen Gedanken, in den Krieg einzugreifen und ihren Bruder zu rächen. Durch Urwald, Sümpfe und Stromschnellen quält sich der Kahn, der den stolzen Namen "African Queen" trägt, vorwärts bis hin zu jenem See, auf dem ein schier unbesiegbares deutsches Kriegsschiff kreuzt ...
Ich kannte bisher nur den Film. Das Buch ist spannend und lohnt sich zu lesen. Außer der äußeren Spannung hat mir aber vor allem die Personenzeichnung und das zwischenmenschliche Knistern an Bord gefallen. Einen Roman zu schreiben, in dem es nur zwei handelnde Personen gibt, ist schon eine große Kunst.

Baroness Orczy: Die Frau des Lords
"Scarlet Pimpernell", die Geschichte des britischen Helden, der unter Einsatz seines Lebens französische Adlige vor der Guillotine rettet und nach England schmuggelt, war ein Bestseller. Und so verfasste die Baroness Orczy mehrere weitere Romane über Sir Percy und seine Getreuen.
"Die Frau des Lords" handelt von der jungen Französin Yvonne, die zusammen mit ihrem Vater, einem Herzog, vor der Revolution geflohen ist und im sicheren England weilt, während in Frankreich die Guillotine und der Terreur herrschen. Ihr Vater würde sie gern mit einem wohlhabenden Franzosen Martin-Roget verheiraten, der ihm zusagt, dafür viel Geld für die Bekämpfung der Revolution zur Verfügung zu stellen. Aber Yvonne hat sich längst in den englischen Lord Anthony verliebt. Gegen den erklärten Willen ihres Vaters heiratet sie ihn heimlich und zieht zu ihm auf sein Schloss. Doch Martin-Roget gibt nicht auf. Zusammen mit ihrem Vater schmiedet er einen Plan, um Yvonne zu entführen. Deren Ehe mit dem Lord sei sowieso nach französischem Recht ungültig, macht er dem Vater klar. Gemeinsam schaffen sie es, Yvonne auf ein Schiff zu bringen.
Was der Herzog allerdings nicht geahnt hat: Martin-Roget ist eigentlich ein Hochstapler und steht im Dienst der Revolution. Das Schiff, das sie angeblich nach Holland bringen sollte, fährt nach Frankreich, wo auf den Herzog die Hinrichtung wartet. Was Martin-Roget nicht ahnt: Lord Anthony ist ein Freund von Scarlet Pimpernell. Sir Percy und seine Getreuen machen sich auf, um Yvonne und ihren Vater zu retten ...
Klassischer Abenteuerroman mit Entführungen, Kutschfahrten durch die finstere Nacht, grausamen Bösewichten, edlen Helden und natürlich einem Happy End. Nicht die ganz große Literatur, aber gut für ein paar spannende Lesesstunden.

Karl Gutzkow: Börnes Leben (e)
Als Ludwig Börne im Jahr 1837 starb, erschien kurz darauf Heinrich Heines Buch "Heinrich Heine über Ludwig Börne", in dem Heine äußerst abschätzig über den verstorbenen ehemaligen Bundesgenossen und späteren Rivalen und Gegner schrieb. Eine Abrechnung mit einem Menschen, der sich nicht mehr wehren konnte. Und ein noch größerer Literaturakandal als seinerzeit die literarische Fehde zwischen Heine und Platen. Als skandalös wurde schon der Titel empfunden, in dem sich Heine "über" Börne gestellt habe. Auch wenn Heine später betonte, der Titel sei von seinem Verleger ohne Rücksprache festgelegt worden, er selbst habe das Buch "Ludwig Börne. Eine Denkschrift" nennen wollen. Jedenfalls ein trauriges Beispiel dafür, wie sich die beiden profiliertesten Vertreter der jungen, freiheitlichen Literatur gegenseitig zerfleischten.
Karl Gutzkow war zu dieser Zeit der vermutlich drittberühmteste im Bunde. Seine Börne-Biographie entstand zeitgleich mit Heines Buch, kam aber etwas später in den Druck, und so hatte Gutzkow Gelegenheit, im Vorwort noch ausgiebig Stellung gegen Heine und dessen Verunglimpfung des verehrten Börne zu beziehen.
Für Gutzkow war es sicher auch ein Prestigeprojekt und ein Karrieresprungbrett, hier die "offizielle" Biographie schreiben zu dürfen. Und ein wenig Eitelkeit, die dem Manne ja durchaus zu eigen war, blitzt immer wieder zwischen den Zeilen auf. Aber auch die ungeheuer große Liebe und Verehrung, die Gutzkow dem Verstornenen entgegenbrachte, denn Börne war das Idol einer ganzen Schriftstellergeneration.
Was mir im Vorfeld gar nicht so bewusst war, war der Umstand, dass Gutzkow und Börne sich gar nicht persönlich gekannt hatten und dass Gutzkow ausschließlich aus Börnes eigenen Werken, aus Sekundärliteratur und aus vielen Gesprächen mit Börnes Freunden und Bekannten schöpfen konnte. Immerhin gehörte Börne zu den eingeladenen Autoren der Deutschen Revue, Gutzkows und Wienbargs Zeitschriftenprojekt. Und es muss Gutzkow auch ziemlich gewurmt haben, dass es nicht mehr zu einer persönlichen Begegnung gekommen ist. So lässt er sich endlos lange darüber aus, wie sehr selbst Leute, die Börne oft begegnet sind und ihm nahe standen, diesen Mann "verkannt" haben, dass also persönliche Bekanntschaft keine Garantie für Einsichten in Börnes Wesen und Charakter sei.
Insgesamt also eine sehr persönliche, von Verehrung und Liebe befeuerte Darstellung. Etwas altertümlich vielleicht, aber nicht schlecht. Auch wenn ich euch für den Einstieg eher eine modernere Börne-Biographie empfehlen würde.

© Petra Hartmann

Jahresrückblick I: Januar bis März 2018
Jahresrückblick II: April bis Juni 2018
Jahresrückblick Teil IV: Oktober bis Dezember 2018


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Jahresrückblick II: April bis Juni 2018

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 29 December 2018 · 876 Aufrufe
Jahresrückblick
Teil zwei meines Jahresrückblicks, diesmal mit meinen Lesefrüchten der Monate April, Mai und Juni 2018. Ein paar historische Sachen, Comics, Kinder- und Jugendbücher und etwas Phantastik sind dabei. Schaut halt mal rein, vielleicht ist etwas für euch dabei.

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.


April

Jugurtha-Gesamtausgabe III:
- Der große Zebra-Zauberer
- Makounda
- Das Feuer der Erinnerung
- Marsias Gladiatoren

Dritter Band der bei Finix erschienenen Jugurtha-Gesamtausgabe. Enthält vier Abenteuer, die ich damals in der Carlsen-Zeit nicht mehr mitbekommen habe. Jugurtha ist aus Asien zurückgekehrt, erlebt neue Abenteuer in Afrika und trifft erneut auf die Legionen Roms. Machtgierige Medizinmänner, geldgierige Heerführer, korrupte und dekadente Vertreter des römischen Weltreichs, Liebeswirrungen, Traumwelten und überhaupt traumhafte Zeichnungen, wer braucht da schon historische Korrektheit? Wenn man bedenkt, dass der wirkliche Jugurtha bereits nach den Abenteuern in Teil zwei der Albenreihe das Zeitliche gesegnet hat ... Sehr schön gezeichnet, ordentlich erzählt, und ich fand die afrikanischen Abenteuer wesentlich besser und nachvollziehbarer als die aisiatischen Bände. Hier ist der numidische Prinz wieder in seinem Element.


Björn Kuhligk: Cartagena. Ein Reisebericht (Literatur-Quickie)
Ein kleines Literaturstück im Pixi-Format. Sehr kurz, ganz nett, aber hat mich auch nicht umgehauen. Ich schätze Björn Kuhligk eher wegen seiner Lyrik.

Corinna Antelmann: Im Schatten des Mondes

Julian Apostata: Das Kaiserbankett / Der Barthasser
Schlanke Hardcover-Ausgabe aus dem Marix-Verlag, Übersetzung von Marion Giebel. Ich kannte den "Barthasser" bereits aus der Reclamausgabe, das Kaiserbankett war mir neu.
Kaiser Julian war Philosoph und hing der Lehre der Stoa an, Gelegenheitsschriftsteller und, wie man im Barthasser lesen kann, auch bereit zur Selbstverspottung, Darüberhinaus ein sehr interessanter Charakter. Der letzte römische Kaiser, der das Christentum noch hätte aufhalten können, vermutlich. Sein Onkel Konstantin hatte dem Christentum den Weg zur Staatsreligion geebnet, Julian, den man später "Apostata", der Abtrünnige, nannte, hatte mit diesen Leuten nichts am Hut, kehrte zu den alten Göttern zurück und wurde dafür stark angefeindet.
Die beiden Schriften stehen in der Tradition der Saturnalien, eines römischen Festes, das ein wenig dem Karneval ähnelt, bei dem so ziemlich alles erlaubt war, Hohe erniedigt, Sklaven zu Herrschern wurden und die Welt auf den Kopf gestellt wurde.
In seinem Barthasser schreibt Julian eine Satire gegen sich selbst, auf seinen Philosophenbart und seine asketische Lebensweise, fasst die Anklagen der (christlichen) Gegner zusammen, übertreibt sie und nimmt ihnen gewissermaßen den Wind aus den Segeln.
Im "Kaiserbankett" lässt er die alten römischen Kaiser bei einem Gelage des Gottes Zeus erscheinen und um den besten Platz an der Ehrentafel streiten. Neben Caesar, Augustus und Tiberius treten auch Caligula und Nero auf, Nerva, Hadrian und weitere Kaiser, darunter auch nichtrömische Herrscher wie Alexander. Einen Ehrenplatz erhält Marc Aurel, der Philosoph, der vor den kriegerischen Kaisern ausgezeichnet wird. Eine besonders erbärmliche Rolle spielt schließlich Kaiser Konstantin, der ohnehin nur auf nachdrückliche Empfehlung des Weingottes Dionysos zugelassen wird. Konstantin, der große Schirmherr der Christen, wird als Mann gezeigt, der im Krieg nichts Großartiges geleistet hat, ein Weichling, dem Genuss ergeben, der sich zuletzt beim Bankett der Tryphé, der Göttin des Vegnügens, in die Arme wirft und sich mit ihr zur Asotia, der Liederlichkeit, begibt. Dort trifft er dann auch Jesus, der alle Wüstlinge, Mörder und Tempelschänder von ihren Verbrechen reinzuwaschen verspricht. Ein Angebot, das Konstantin, der sich immer wieder kopfüber in Sünden und Morde stürzt, nur allzu gern annimmt. Böse.
Das Buch enthält eine Einleitung, kommentierende Fußnoten, eine Zeittafel und ein paar Literaturhinweise. Sehr hilfreich.

Gert Hofmann: Die Rückkehr des verlorenen J.M.R. Lenz nach Riga (Reclam)
Novelle über Lenz, der mittellos und demütig zurückkehrt ins Haus seines Vaters. Doch der Mann ignoriert den zurückgekehrten Sohn einfach, so sehr sich der gescheiterte Poet auch vor ihm in den Staub wirft und um seine Liebe bettelt. Man fühlt sich hundeelend, wenn man ihm lesend dabei zusehen muss. Eine beklemmende Schilderung, die mir sehr nahe gegangen ist.

Vercors: Das Schweigen des Meeres
Beeindruckende Geschichte aus der Zeit der französischen Résistance. Ein deutscher Offizier wird zur Zeit der Besatzung bei einem älteren Franzosen und dessen Nichte einquartiert. Der Deutsche liebt Frankreich, spricht fließend Französisch und hat sogar französische Vorfahren. Aber seine Versuche, mit seinen unfreiwilligen Wirten ins Gespräch zu kommen, laufen ins Leere. Jeden Abend tritt er zu ihnen ins Wohnzimmer, erzählt von seiner Liebe zu Frankreich und zur französischen Kultur und davon, dass von der Vereinigung Deutschlands und Frankreichs Großes zu erwarten sei. Doch der alte Mann und seine Nichte schweigen, in all der Zeit kommt kein einziges Wort über ihre Lippen, und jeden Abend zieht sich der Offizier nach seinem Selbstgespräch mit einem höflichen Gruß zurück. Eines Tages aber ändert sich alles für den Soldaten, als er nämlich erfährt, dass es den Nazis gar nicht darum geht, Frankreich an Deutschlands Seite wieder zu neuer Größe aufzurichten, sondern darum, dieses Land und Volk zu vernichten oder zumindest zu unterjochen. Für einen ehrenhaften Soldaten alter Schule gibt es nach dieser Erkenntnis nur noch eine Möglichkeit zu handeln: Er lässt sich zurück an die Front versetzen, wo ihm der Tod sicher ist, und kehrt nie wieder zurück. Fontane hätte es nicht treffender komponieren können.
Das Buch ist schlicht und schnörkellos geschrieben, kommt beinahe herb daher und gleichzeitig ausgesprochen berührend. Die Abende am Kamin und das einseitige Gespräch, das vielleicht doch nicht so einseitig ist, sondern in seinem Schweigen eine außerordentliche Intensität gewinnt, all dies macht das Buch zu einem kleinen erzählerischen Juwel. Absoluter Klassiker der Résistance-Literatur, und absolut zu Recht. Lesen!


Tanya Stewner: Alea Aquarius 2: Die Farben des Meeres
Alea und die Alpha Cru sind weiter auf der Spur des verschollenen Meervolks und entdecken wertvolle Hinweise auf die Vorfahren von Alea und Lennox. Erneut sehr spannend und fesselnd geschrieben, erneut ein auch optisch sehr ansprechend gemachtes Buch. Über die krassen Fehler im Umgang mit dem Schiff habe ich mich ja schon im ersten Quartal anlässlich des ersten Bandes ausgelassen, das setzt sich hier fort. Die Unterwasserwelt und ihre Bewohner sind zauberhaft erfunden, aber ein ganz klein bisschen Realismus hätte ich schon gern gehabt. Alles, was Alea unter Wasser trifft, liest sich so, als habe die Autorin noch nie den Kopf unter Wasser gehabt. Egal, wie gesagt, es ist spannend und gute Unterhaltung.

Ken Broeders: Apostata 1:
-Der Fluch des Purpurs
- Die Hexe
- Argentoratum

Schöne Hardcoverausgabe, enthält die ersten drei Alben der Comicserie über das Leben des römischen Kaisers. Familiengeschichte, Kriegserlebnisse, Intrigen, Morde. Zum Teil historisch und recht traditionell, teilweise auch in die Phantastik hinübergleitend, Enthält ein Nachwort mit Infos zur Serie und im Anhang zahlreiche Skizzen und Entwürfe. Nett, aber nicht umwerfend.

Sabine Zett: Lenny, Melina und die Sache mit dem Skateboard (Ich schenk dir eine Geschichte)

Stéphane Hessel: Empört euch!
Das war - - - alles? Ich habe so viel Positives gehört über diesen Essay, er hat damals eingeschlagen wie eine Bombe, ein Bestseller, ein Hype, ein Aufrüttler, ein flammender Aufruf zum Widerstand ... Hm. Das Buch ist extrem dünn, was eigentlich kein Qualitätsmerkmal sein sollte, die Botschaft steht schon auf dem Titel, und das wars eben. Ich schätze, der Eindruck, den das Buch gemacht hat, ist eher der Persönlichkeit des Verfassers und seiner Biografie geschuldet. Inhaltlich nicht viel Neues.

Baroness Orczy: Scarlet Pimpernel
Abenteuer-Klassiker, den ich vor knapp 40 Jahren in der Auswahl "Das Beste - für junge Leser" gelesen habe. Und natürlich kannte ich den Film. Ein schönes Wiedersehen mit Sir Percy, der in der Londoner Gesellschaft den Salonlöwen und liebenswert-trägen Trottel spielt und in Wirklichkeit die Geheimidentität von Scarlet Pimpernell ist, dem legendären Helden, der immer wieder mit seiner Bande todesmutig ins Frankreich der Revolution hinübersegelt und dort zum Tode verurteilte Adelige vor der Guillotine rettet.
Die Ausgabe, die ich mir zugelegt habe, ist bei Kiepenheuer und Witsch erschienen, ein ordentlich gemachtes Taschenbuch mit interessantem, an Mondrian (nur in Hellblau, Rosa und Lila) erinnernden Umschlag. Noch immer spannend zu lesen, auch wenn ich es schon kannte. Und ich habs mir vor allem auch nochmal durchgelesen, weil es einen zweiten Scarlet-Pimpernell-Roman beim gleichen Verlag gibt, den ich natürlich mitgeordert hatte. Übrigens ist mir nicht aufgefallen, was mir in der gekürzten "Das Beste"-Ausgabe gefehlt hat.



Mai

Carsten Schliwski: Geschichte des Staates Israel (Reclam)
Fundierte und übersichtliche Darstellung, knapp und gut zu lesen. Eine Darstellung der 70 Jahre des vermutlich notwendigsten oder vielleicht sogar einzig notwendigen Staates der Welt. Man erfährt einiges zu den Hintergründen der Staatsgründung und zu den Beweggründen und Interessen der einzelnen Parteien und Staaten, auch der Palästinenser-Konflikt ist recht gut aufbereitet. Empfehlenswert.

Alberto Manguel: Die verborgene Bibliothek
Liebeserklärung an das Lesen und an die Bücher, leichtfüßig und eingängig geschrieben, dabei auch ein wenig traurig, denn der Verfasser gedenkt seiner eigenen, verloren gegangenen Bibliothek. Ich weiß schon, wie das ist, wenn man seine Bibliothek liebt ...

Ludwig Börne: Briefe aus Paris (e)
Hauptwerk eines Schriststellers und Journalisten, dessen Name einst in einem Atemzug mit Heinrich Heine geannt wurde, der heute aber nur noch Leuten bekannt ist, die sich näher mit dem Vormärz und dem Jungen Deutschland befassen. Börne zog es, wie Heine, nach Paris, in die Hauptstadt der Revolution, genauer gesagt der Juli-Revolution. Die beiden Bände, erschienen in den Jahren 1831 und 1832 waren ursprünglich reale Briefe, die er an seine Freundin Jeanette Wohl geschrieben hatte und in denen er über aktuelle Ereignisse berichtete, über Politik, Kunst, auch über Damenmode, viel über Theater und Opernaufführungen. Und auch über Heine, den er ursprünlich als Verbündeten und Waffenbruder ansah, zu dem sich das Verhältnis aber langsam abkühlte. Börne war zu dem Schluss gekommen: Ob Heine schreibe "Die Republik ist die beste Staatsform" oder "Die Monarchie ist die beste Staatsform", hänge davon ab, was sich in seinem Text schöner anhöre ...
Die Briefe aus Paris habe ich erstmals Ende der 1980er gelesen. Ich hatte zwei Ausgaben. Die unverzichtbare Reclam-Ausgabe (Vorteil: kostengünstig und guter Kommentarteil, Nachteil: unvollständig, nur eine Auswahl) und die Insel-Ausgabe (Vorteil: vollständige Ausgabe, Nachteil: kein Kommentar). Beide habe ich inzwischen mehrfach gelesen. Nun also die kostenlose eBook-Ausgabe für den Kindle. Was den guten alten Börne angeht, so ist das vorliegende Werk natürlich 1a. Der Preis ist ebenfalls unschlagbar. Da es sich um ein eingescanntes Werk aus den 1830ern handelt, gibt es natürlich keinen Kommentarteil, und ihr steht allein mit dem Buch und mit seinen Füllhorn an literarischen und politischen Anspielungen da und müsst halt zusehen, wie ihr mit all den Zeitgenossen Börnes klarkommt, die damals jeder kannte und heute keiner mehr. Und stellenweise gab es beim automatischen Umwandeln der Frakturbuchstaben wieder mal seltsame Wortneuschöpfungen und Inhaltsverdrehungen. Krassestes Beispiel der Satz, den Börne schrieb, als die Polizei einen Attentäter festnahm: "Alan fand bei ihm Pistolen und einen Dolch", steht da. Wer ist Alan? Ein Polizist? Ein Bodygard? Nein. Im Original gab es überhaupt keinen Verbrecherjäger namens Alan. Im Original stand: "Man fand bei ihm Pistolen und einen Dolch." Diesen eBooks mit Texten aus der Frakturdruckzeit ist einfach nicht zu trauen.

Israel Zwi Kanner: Jüdische Märchen
Schöne Sammlung aus der Reihe "Märchen der Welt". Biblische/talmudische Geschichten aber auch Erzählungen aus neuerer Zeit. Und das Ganze in einer sehr schönen Ausgabe: Das im Fischer-Verlag erschienene Hardcover-Buch hat ein handliches Hosentaschenformat und lädt einfach ein zum Anfassen und Aufschlagen. Ich habe es inzwischen ein zweites Mal gekauft, denn als meine Schwester das Buch bei mir liegen sah, hat sie sich sofort darein verliebt und wollte auch eines haben.


Juni

Torsten Haarseim: Gardelegen Holocaust
Ein historischer Roman über das Massaker an der Feldscheune Isenschnibbe bei Gardelegen. Hier wurden am 13. April 1945, einen Tag vor dem Einmarsch der amerikanischen Soldaten in die Stadt, 1061 KZ-Häftlinge ermordet. Die Todesmärsche, in denen die Häftlinge in den letzten Kriegstagen aus den östlichen Gebieten weiter nach Westen getrieben wurden - das war schon nach der Befreiung von Auschwitz, wohlgemerkt - sind eines der perversesten Kapitel des Holocaust.
Ich habe das Buch in der Buchhandlung in Gardelegen entdeckt und war zunächst etwas skeptisch, wegen des Verlags, der Edition Winterwork. Aber der Roman war überaschend gut geschrieben und sehr gut recherchiert, er hätte vermutlich auch in einem anderen Verlag bestehen können. Die ersten vier Fünftel jedenfalls haben mir sehr gut gefallen. Im Showdown hat dann der Historiker dem Erzähler ein Bein gestellt, dazu gleich mehr.
Es geht um zwei Jungen aus Gardelegen, Erwin und Hermann, die zu Beginn des Buchs im Jahr 1936 davon träumen, Flieger zu werden. Beide sind begeisterte Mitglieder der Hitler-Jugend. Erwin, der ein wenig jünger ist, sieht zu Hermann auf, der tatsächlich viel eher in eine Flieger sitzen darf, dann aber zu den Fallschirmjägern versetzt wird. Hermann erlebt unter anderem die Schlacht um Kreta und Stalingrad mit, wird verwundet, erhält Orden ...
Als für Erwin der Traum von der Fliegerausbildung wahr werden soll, passiert etwas Merkwürdiges: Er wird in Hamburg irrtümlich einen geflüchteten Juden gehalten (okay, die Geschichte klingt etwas konstruiert), in ein KZ verbracht und lernt das Vernichtungssystem der Nazis am eigenen Leibe kennen. Irgendwann gibt er es auf, sein Deutschtum zu beschwören, er klammert sich nur noch an seinen Löffel, sein kostbarstes Besitzstück, und stirbt jeden Tag ein Stück mehr. Schließlich wird auch er, zusammen mit hunderten anderen Häftlingen, in Richtung Gardelegen getrieben. An der Feldscheune Isenschnibbe stehen sich der Soldat Hermann und der KZ-Häftling Erwin plötzlich wieder gegenüber ...
Der Roman ist als Ich-Erzählung abwechselnd aus der Perspektive Erwins und Hermanns geschrieben. Dadurch entsteht eine große Nähe zu den Personen, und der Leser ist quasi "mit dabei", im Krieg und im KZ. Allerdings liegt hier auch die große erzählerische Schwierigkeit. Denn der Verfasser hat zwar ein enormes Faktenwissen und hat die Hintergründe des Massakers akribisch recherchiert, allein seine beiden Helden und Ich-Erzähler sind eben keine Historiker. Bei manchen Romanen findet sich ja am Anfang, ca. auf Seite vier, ein Riesen Info-Dump, der den Leser aus der Geschichte hinauswirft. Hier ist es der Schluss, der problematisch wird. Im letzten Fünftel des Romans referiert Ich-Erzähler Hermann, der dekorierte, aber nicht allzu hochrangige Soldat, über Geheimtreffen und Führerbefehle, über Entscheidungen der Gardeleger Politik bzw. der Militärs, von denen er eigentlich gar nichts wissen kann. In dem Moment, in dem Erwin in der Feldscheune mit über tausend anderen Gefangenen zu verbrennen droht, erzählt Ich-Erzähler Erwin von Einzelheiten und Hintergründen, die er sich vielleicht später, bei der Aufarbeitung des Massakers, angelesen haben kann, von denen er aber nichts weiß, als alles um ihn herum in Flamme aufgeht. Hier hat der Historiker leider den Autor überwältigt und ganz schnell noch auf den letzten Seiten alles an Informationen in die Geschichte hineinstopfen müssen, was er sich erarbeitet hat. Dabei macht er nicht nur seine beiden Charaktere unglaubwürdig (die in den ersten vier Fünfteln recht gut und authentisch herüberkamen), sondern er zerstört auch die Erzählung. Besser wäre es gewesen, die beiden Helden so unwissend und einfach nur handelnd zu lassen und die Fakten in einem Nachwort, dann mit der eigenen Stimme des Verfassers, zusammenzufassen. Schade. Aber der Rest ist wirklich lesenswert.


Björn Larsson: Träume vom Ufer des Meeres
Geschichte eines seltsamen Kapitäns und seiner Bekanntschaften. Marcel fährt mit einem Frachter um die Welt und wählt dafür manchmal auch etwas ungewöhnliche Routen. Er ist nicht nur ein außergewöhnlich guter Seemann, der sein Schiff selbst in Krisensituationen sicher und gelassen lenkt und durch seine unaufgeregten Hafenmanöver auffällt, er ist auch ein Mensch, den ein gewisser Zauber umgibt. Kommt er in einen Hafen, so gelingt es ihm scheinbar mühelos, Freundschaften zu schließen, Partner für tiefe, ungewöhnliche Gespräche zu finden und Menschen in seinen Bann zu schlagen. In vier verschiedenen Häfen trifft er auf vier Personen mit jeweils eigenen Geschichten und Gedankenwelten. Alle vier - zwei Männer und zwei Frauen - sind fasziniert von diesem Mann und wollen die Trennung von ihm so nicht hinnehmen. Unabhängig voneinander machen sie sich auf die Suche nach Marcel. Als er mit seinem Frachter erneut anlegen will, entdeckt er vier Bekannte an Land, und ein eigenartiges Zusammenleben auf dem Schiff beginnt. Die gemeinsame Zeit ist befristet ...
Ein schönes, leicht und tiefsinnig erzähltes Buch, magisch und melancholisch. Hat mir gefallen.

Johannes Witek: Was sie im Norden der Insel als Mond anbeten, kommt bei uns im Süden in die Sachertorte
Wie macht der Mann das bloß, sich solche Titel auszudenken? Gehört eigentlich Mohn in eine Sachertorte? Eine ungewöhnliche Sammlung von Lyrik und Prosa, bissel Underground, bissel bissig und grantig, aber dabei doch mit einem gewissen austriakischen Charme. Dieser Autor kann was. Allerdings ist das Buch nichts für zwischendurch. Man muss schon sehr konzentriert und auf der Hut sein, um die sprachlichen Abgründigkeiten und Hinterhalte so recht würdigen zu können. Nehmt euch Zeit für dieses Buch, auch wenn es nicht allzu dick daherkommt.

Vladimir Hernandez: Der Krieg der Schrecken

Friedrich Jacobsen: Die letzten Menschen
Ein sehr schöner Reprint, der mir am Tisch der Edition TES auf dem MarburgCon in die Hände gefallen ist. Auf traditionelle Art gebunden, innen Fraktur, das Ganze im Hosentaschenformat, liegt sehr gut in der Hand. Musste ich einfach mitnehmen. Das Original ist im Jahr 1905 erschienen und ist, hm ja, eine Art Zukunftsgeschichte. Allerdings mit recht wenig futuristischer Technik, abgesehen von einem Flugapparat. Eher ein etwas biblisches, altertümliche Sagenerzählungen nachahmendes Weltuntergangsszenario. Eine genaue Jahresangabe, wann dieser Weltuntergang stattfinden soll, gibt es nicht, nur diese Ausgangslage: "Die Erde war sehr alt geworden, und ihre Bewohner litten unter der Weisheit des hohen Alters. Jeder Fortschritt war bis an eine Grenze vorgedrungen, über die der menschliche Geist nicht hinauszugehen vermochte, und jenseits ahnte man nur noch die schale Wiederkehr alles dessen, was die Menschheit schon tausendmal gedacht und erlebt hatte."
Baldur und Eva wachsen als Ziehkinder unbekannter Herkunft bei den greisen und weisen Henoch auf, der die Bibel gut kennt und als erster die Zeichen der Zeit zu deuten vermag. Aber als der alte Mann das Fest der Sonnenwende mit seiner Ankündigung des Weltuntergangs für eben diesen Tag stört, wird er verspottet und verstoßen. Dann bricht eine neue Sintflut los, und nur die beiden Jugendlichen können sich in Henochs Flugmaschine retten. Allerdings nur vorläufig ...
Ein sehr interessantes Buch, vielleicht etwas schwer zu lesen aufgrund seines antikisierenden, hymnischen Tonfalls. Aber auf jeden Fall eine ungewöhnliche Erzählung, auf die man sich einlassen sollte.


Hörspiel
Adrian und Lavendel
Zauberhafte Geschichte über einen Schriftsteller, der eines Tages eine kleine, zartgeflügelte Dampfwalze in seinem Garten findet. Die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft, die beinahe für immer in die Brüche gegangen wäre. Ich habe das Hörspiel eines Morgens im Autoradio gehört - wie so oft auf Autofahrten leider nur teilweise - und mir gleich darauf im Netz die CD bestellt. Wunderschön. Und wenn ich eine zartgeflügelte Dampfwalze als Freund hätte, ich würde sie bestimmt niemals dazu verdonnern, Hemden zu bügeln.


© Petra Hartmann

Jahresrückblick, Teil eins: Januar bis März 2018
Jahresrückblick Teil drei: Juli bis September 2018
Jahresrückblick Teil vier: Oktober bis Dezember 2018


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Jahresrückblick I: Januar bis März 2018

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 28 December 2018 · 1472 Aufrufe
Jahresrückblick
Tja, das war's schon fast mit dem Jahr 2018. Für mich war es ein sehr aufregendes Jahr, in dem ich weit herumgekommen bin. Und ich meine damit nicht nur das Pendeln zwischen Sillium und Gardelegen, wo ich ja nun schon das dritte Jahr in der Volksstimme-Redaktion beginne.
Bevor ich zum Leserückblick auf das Jahr komme, daher kurz ein Überblick über meine Reisestationen:
Der Sommer brachte mir einen einwöchigen Segeltörn durch die dänische Südsee, das war wie nach Hause kommen. Ich bin 18 Jahre nicht gesegelt, Mann, was habe ich das vermisst.
Der Oktober bescherte mir einen Bildungsurlaub mit der Hildesheimer Volkshochschule: Eine Woche Italienisch in Bologna. Das war einfach umwerfend. Und es ist wirklich etwas dran an der sonderbaren Liebe der Deutschen zu Italien. Das Blut perlt einem da einfach ganz anders durch die Adern. Ich muss da wieder hin.
Natürlich habe ich mir im November wieder meine vier Wochen Helgoland gegönnt. Lesen, schreiben, Robben beobachten, Meeresluft atmen und sich den Wind um die Nase wehen lassen. Ging viel zu schnell vorbei.

Im Frühjahr habe ich das erste Mal auf der Leipziger Buchmesse gelesen. Ich stellte dort „Nestis und die verbotene Welle“ vor. Und meine Lesung gehörte zu den ausgewählten Veranstaltungen, die von einer Gebärdendolmetscherin übersetzt wurden. Das war sehr spannend.
Neu war für mich auch die „Lokolino“ in Göttingen. Die Messe für Kinder und Familien im Lokschuppen am Göttinger Hauptbahnhof hat Spaß gemacht, und ich hatte auch hier Gelegenheit, die „Welle“ vorzulesen. Ein weiteres Abenteuer war mein Ausflug nach Neumünster, wo ich zusammen mit drei weiteren Autoren einen Pavillon auf dem Radio-Schleswig-Holstein-Kindertag hatte.
Viel Spaß und ein aufmerksames, fragebegieriges hatte ich bei zwei Lesungen in Gardelegen für die evangelische Grundschule (Volksstimme-Artikel) und die Otto-Reutter-Grundschule. Ich war Gastleser im Kunstkreis Laatzen. Und es zog mich auch wieder einmal zurück nach Bennigsen am Deister, in mein altes journalistisches Revier.
Mit Lesungen und Büchertischen war ich auch auf dem MarburgCon, dem Conventus Leonis in Braunschweig und der HomBuch im Saarland mit dabei. Gelesen habe ich auch wieder im Hildesheimer Lokalradio Tonkuhle. Außerdem besuchte ich den Buchmesseconvent und das Nürnberger Autorentreffen.
Und unbedingt erwähnen möchte ich hier noch meine Lesung in Leimen (Pfalz) im Blauen Haus bei Gabrielle C. J. Couillez. Die weite Strecke war übrigens die Jungfernfahrt von Spica, dem neuen Micra an meiner Seite. Mein alter Partner, der Panda Sputnik, hat leider das Zeitliche gesegnet. Der einzige Wermutstropfen in diesem ansonsten sehr schönen und spannenden Jahr ...

So, aber nun endlich zum Literatur-Rückblick. Hier kommt der erste Teil meiner Lesefrüchte 2018. Viel Vergnügen damit!


Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.


Januar

Koran erklärt
Das Buch zur gleichnamigen Serie im Deutschlandfunk. Ich habe die Sendungen mit Vergnügen gehört, und das Buch ist auch sehr lesenswert. In den rund fünfminütigen Sendungen wurde jeweils ein Koranzitat vorgetragen und dann erläutert, interpretiert und in den Gesamtzusammenhang eingeordnet. Außer den Texten zu den jeweiligen Radiosendungen sind im Buch drei Essays enthalten, die über den Hintergrund der Koranauslegungen und die Beteiligung des Islams am deutschen Rundfunk informieren. Ich würde gern noch einen zweiten Teil dazu haben.

Nicole Rensmann: Niemand - mehr

Samuel Beckett: Warten auf Godot
- Endspiel
- Glückliche Tage

Sammelband mit drei Dramen. Ich habe ihn mir wegen des Textes "Warten auf Godot" angeschafft. Ein herrlich sinnloses Warten auf jemanden, der nicht kommt. An Handlung nicht viel, nur dass sich zwei Landstreicher an einer Landstraße aufhalten, um zu warten. Leitmotivisch immer wieder der Dialog:
"Estragon: Komm, wir gehen!
Wladimir: Wir können nicht.
Estragon: Warum nicht?
Wladimir: Wir warten auf Godot.
Estragon: Ah!"
Total sinnfrei, sprachlich sehr schön, macht einfach Spaß.
Ähnlich handlungsarm und schwer wiederzugeben ist "Endspiel". Ein fast leerer, düsterer Raum, ein Herr, ein Diener, zwei ältere Leute, die in Mülltonnen leben, die Frage nach Lebensmitteln und dem korrekten Platz des Rollstuhls ... Sprachlich sehr schön, inhaltlich eine gewisse Lebenssinnlosigkeit.
"Glückliche Tage" schließlich, die Geschichte einer älteren Frau, halb eingegraben in einem Erdhügel. Eine Handtasche mit Schminksachen und einem Revolver. Ihr Mann ist den größten Teil des Stücks nicht sichtbar, versucht erst gegen Ende, ihren Erdhügel zu erklimmen. Stelle ich mir alles auf der Bühne sehr interessant vor. Klanglich auf jeden Fall ein Kunstwerk. Wobei ich generell nicht so der Theatermensch bin und Becketts Prosa noch ein Stück weit besser fand.

Das Gespensterbuch II
Zweiter Band der alten romantischen Horrorsammlung, die jetzt im Blitz-Verlag neu aufgelegt wurde. Erneut eine Zusammenstellung düsterer Geschichten. Novellen, Anekdoten, ein düsterer, kurzer Briefroman und ein Theaterstück, ziemlich viel Schauriges. Mutet manchmal etwas altertümlich an (ist es ja auch), aber ist auf jeden Fall eine Fundgrube für den Grusel-Fan.

Die Welten von Thorgal: Lupine 7 - Nidhöggr

Peter Hereld: Der Belarus-Deal

Gisela Bunge: Schicksale jüdischer Familien in Gardelegen
Ein 70 Seiten starkes Heft, das die jüdischen Familien in Gardelegen dokumentiert. Die erste Auflage erschien noch zu DDR-Zeiten, ich habe die zweite Auflage erhalten, als ich einen Bericht über die Stolperstein AG des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Gardelegen schrieb. Der Schwerpunkt liegt auf der Nazizeit und den damals in Gardelegen lebenden jüdischen Familien. Sehr lesenswert, vor allem wenn man durch die Stadt geht und mehr über die Namen hinter den Stolpersteinen erfahren möchte.


Hörbuch / Hörspiel

Peter Mennigen: Malcolm Max: Blutsbande
- Malcolm Max: Knochen

Sagte ich beeits, dass ich ein großer Fan der Serie Malcolm Max bin? Nein? Dann tue ich es hiermit. Bei dem Hörspiel "Blutsbande" handelt es sich um den Abschluss des Zyklus um die "Schwarzen Engel". Die Geschichte nimmt eine absolut unerwartete Wendung, und der Hörer erfährt Dinge über Malcolms Familiengeschichte, die er nie geahnt hätte. Absolut hörenswert. Erneut ist dem Hörspiel eine zweite CD beigegeben, ein Hörbuch-Abenteuer Malcolms, das er ohne die bezaubernde Charisma an seiner Seite bestreiten muss. Spannend und gut erzählt. Und wieder ein dickes Lob an die Romantruhe für dieses großzügige Doppelpack.


Februar

Edith Nesbit: Melisande
Wunderschön illustriertes Märchenbuch, das ich schon lange besitze und nun einmal wieder aus dem Regal gezogen habe, um meiner Nichte mal etwas anderes vorzulesen als immer nur die Eiskönigin. Edith Nesbit spielt in diesem Märchen mit dem Motiv der 13. Fee, die nicht zur Taufe geladen wird und darum das arme Kind Melisande verflucht. Melisande bekommt eine Glatze. Doch eines Tages darf Melisande den lange von ihren Eltern aufgehobenen Wunsch benutzen. Und weil sie nicht so recht weiß, was sie sich wünschen soll, spricht sie einfach das nach, was ihre Mutter ihr vorschlägt: "Ich wünsche mir goldene Haare, die einen halben Meter lang sein sollen und jeden Tag einen Zentimeter wachsen, und wenn sie abgeschnitten werden, so sollen sie danach doppelt so schnell wachsen und ..." Das "doppelt so dicht" kann sie nicht mehr ausprechen, da ihr der Vater den Mund zuhält, aber die Katastrophe ist auch so schon schlimm genug. Es beginnt ein sehr haariges Märchen, einfach nur köstlich, typisch Edith Nesbit eben.

Axel Scheffler und Julia Donaldson: Für Hund und Katz ist auch noch Platz
Liebenswürdiges Kinder-Bilderbuch über eine Hexe, die mit ihrem Besen und ihrem Kater unterwegs ist. Ständig verliert sie irgendetwas, und bei jeder Suche trifft sie ein neues Tier, das sie begleiten möchte. Und Katze, Hund, Vogel und Frosch erweisen sich als ein starkes Team, als ein furchtbarer Drachen auftaucht. Süß.

Philo von Alexandria: Das Leben des Politikers oder Über Josef
Philo von Alexandria habe ich vor Urzeiten im Studium kennen gelernt, aber, zugegebenermaßen, damals ist kaum mehr als der Name hängen geblieben. Also habe ich das nun nachgeholt. Philo war ein jüdischer Philosoph, der außer Toragelehrsamkeit auch intensive griechische Philosophiestudien betrieb und Gedankengut der Stoa und des Neuplatonismus aufnahm. Er gehört ins erste Jahrhundert unserer Zeitrechnung und war im Jahr 38/39 beteiligt an einer Gesandschaft der Juden aus Alexandria an Kaiser Caligula nach Rom, um ihn nach einem schweren Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung um Schutz zu bieten. Das Interessante an Philo ist seine Verknüpfung von Tora-Auslegung mit der griechischen Philosophie.
Seine Schrift über Joseph ist der vierte Teil einer Art Tetralogie, die ersten drei Schriften befassten sich mit den Erzvätern Abraham, Isaak und Jakob, Joseph wird quasi als eine Art vierter Erzvater gesehen und als Bild des idealen Politikers beschrieben.
Die Ausgabe ist ein sehr schön gemachtes Taschenbuch mit Übersetzung, Einleitung und erläuternden Fußnoten, das mir sehr gut gefallen hat. Kann in der Reclam-Liga mithalten.

Philo von Alexandria: Über die Freiheit des Rechtschaffenen
Eine gut stoisch gedachte Abhandlung über das Wesen der Freiheit. Philo vertritt die These, dass nur der wahrhaft Weise und Rechtschaffene frei ist und unterscheidet zwischen innerer und äußerer Freiheit. Der schlechte Mensch, gefangen von Geldgier, Habsucht, Leidenschaften und ähnlichen wird nie wahrhaft frei sein, auch wenn er äußerlich ein freier Bürger ist. Der tüchtige, tugendhafte Mensch dagegen, auch wenn er umständehalber in die Sklaverei geraten ist, bleibt innerlich frei oder kann auf dem Weg der Tugend die Freiheit erlangen. Ein klassisches Thema der griechischen Philosophie und im Gegensatz zu den anderen überlieferten Texten Philos sehr arm an jüdisch-biblischen Bezügen.
Wie das ebenfalls bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienene Taschenbuch über Philos Josephsschrift ist dies Büchlein eine sehr schön aufbereitete Ausgabe mit Übersetzung, Einleitung und Informationen zum Text und Hintergrund. Hat mir gefallen.

Otto Kaiser: Das höchste Gut. Philos Hochschätzung der Freundschaft im Horizont ihrer antiken Geltung
Ein Buch, das weniger von Philo von Alexandria handelt als vielmehr von allen anderen Autoren, die ihn tatsächlich oder möglicherweise beeinflusst haben. Insofern keine Darstellung der Denkweise Philos, sondern eher eine groß angelegte Rundumschau über das Thema "Freundschaft" bei antiken Denkern. Und da es ein außerordentlich beliebtes Thema war, ist das Panorama entsprechend weit. Also, wer einmal etwas über die Freundschaft in der Antike lesen möchte oder gar eine Seminararbeit darüber anfertigen muss, ist gut beraten, in dieses Büchlein hineinzuschauen, auch wenn er sich nicht für Philo speziell interessiert. Wer Infos über Philo selbst sucht, ist hier eher fehl am Platze, denn es handelt sich nicht um eine geschlossene Darstellung des philonischen Freundschaftsbegriffs. Tatsächlich habe ich ausgerechnet den "Titelhelden" in diesem Buch über weite Strecken vermisst.

Hildesheimliche Autoren: Die Ameiseninvasion in St. Bernward
Anthologie der Autorengruppe "Hildesheimliche Autoren". Diesmal geht es um Kirchengeschichten. Das sind teilweise historische oder sagenafte Begebenheiten, die von den Autoren aufbereitet wurden, oder auch erfundene Geschichten. Insgesamt eine Sammlung von sehr unterschiedlichen Texten, Thematisch und stilistisch. Als Mitbringsel aus Hildesheim durchaus geeignet.

Jenny Offill: Amt für Mutmaßungen
Ein bezaubernder Roman. Sprache und Gedanken berühren gleichermaßen. Im Prinzip müsste man nach jedem Satz oder Absatz einfach mal die Augen zumachen und das eben Gelesene nochmal innerlich nachklingen lassen. Und das ist wohl auch das Prinzip des Buches, denn fast will es mir mehr wie eine Sammlung von kürzeren oder längeren Aphorismen vorkommen, die nur in zweiter oder dritter Funktion auch noch einen Roman ergeben. Ein Buch, für das man etwas Zeit mitbringen sollte. zu schade zum "Seitenfressen".

Philon von Alexandria: Abrahams Aufbruch. De migratione Abrahami (griechisch / deutsch)
Gebundene zweisprachige Ausgabe mit reichen Beigaben. Der bei Mohr Siebeck in der Reihe "Sapere" erschienene Band bietet eine Einführung in Leben und Werk des Autors, Anmerkungen und mehrere Essays über Philo(n) als Vetreter des Diaspora-Judentums, Philo im Kontext des palästinensischen Judentums, Gotteserkenntnis, Exilliteratur, Beziehungen zum Neuen Testament oder zu Thomas Manns Josephsroman. Also eine reiche Fundgrube. Philo schildert den im ersten Buch Mose beschriebenen Aufbruch Abrahams, der seine chaldäische Heimat verließ und seinem Gott folgte. Interessant ist, dass Philo sehr vieles allegorisch und bildlich deutet. Es geht also nicht nur um enen Mann, der aus seinem Heimatland auswandert, sondern auch um eine Seele, die sich aus der verderblichen Sinnenwelt zurückzieht und Gott zuwendet.

Tanya Stewner: Alea Aquarius 1: Der Ruf des Wassers
Als Verfasserin einer Meermädchen-Romanserie musste ich mich natürlich irgendwann auch mal in die Welt von Alea Aquarius begeben. Ich hoffe ja, dass das Finanzamt den Bücherkauf als "Konkurrenzbeobachtung" akzeptiert. ;-)
Alea ist ein Mädchen, das angeblich unter einer seltenen Krankheit leidet und auf gar keinen Fall mit kaltem Wasser in Berührung kommen darf. Narben am Hals und seltsame Knubbel zwischen den Fingern zeugen von unliebsamen Begegnungen mit dieser Bedrohung, die Alea wohl in ihrer frühesten Kindheit gehabt hat. Alea wächst bei ihrer Pflegemutter auf, ihre Mutter hatte der Frau einst das Baby am Meeresufer übergeben und ist seither verschwunden. Allerdings ... eines Tages lernt Alea die Besatzung der "Crucis" kennen. Drei Jugendliche, die in einem Segelschiff um die Welt fahren, sich mit Straßenmusik das nötige Geld verdienen und - ohne Erwachsenenbegleitung - ein Abenteuer nach dem anderen erleben. Und plötzlich stellt sich heraus: Alea hat gar keine seltene Krankheit: Wenn sie ins Wasser fällt, muss sie nicht sterben, sondern entwickelt ungeahnte Kräfte und Fähigkeiten. Sie ist ein Meermädchen und gehört einem Volk an, das offenbar kürzlich beinahe vollständig ausgerottet wurde. Elea und die "Alpha Cru" (die Crew der "Crucis") machen sich auf die Suche nach Überlebenden des Meervolks und nach dem Rätsel um Aleas Herkunft.
Da Buch hat mir gut gefallen, die Geschichte ist spannend geschrieben, lässt sich gut lesen und geradezu verschlingen. Zwei Dinge kann die Autorin allerdings nicht: Segeln und Latein. Dass ein Schiff "Crucis" (des Kreuzes) heißen soll, wenn es nach dem Sternbild "Kreuz des Südens" benannt ist, ist natürlich Quatsch, es müsste "Crux" heißen. Und manche Segelmanöver rollen einem schon die Zehennägel hoch. Dass, während die restliche Mannschaft schläft, der einzige Wachhabende mal eben allein die Segel birgt oder setzt, ist nicht nur verantwortungslos, sondern schlicht und ergreifend ein Akt, der allenfalls von erwachsenen Einhandseglern durchgezogen werden sollte. Und man hätte es in der Mannschaft zumindest mal angesprochen und der Erwähnung wert gefunden haben sollen, dass da jemand nachts allein so herumspringt ... Zumal das Schiff offenbar ein Riesenpott von titanischen Ausmaßen ist. Es gibt dort tatsächlich einen Salon! Und Einzelzimmer! Und dass jemand während seiner Wache einfach mal im Meer baden geht (wohlgemerkt, draußen auf dem Meer), ist schon sehr abenteuerlich.
Sehr gut gelungen sind die Charaktere und die zwischenmenschlichen Spannungen/Beziehungen an Bord. Etwas mehr Realismus hätte ich mir für die Unterwasserwelt gewünscht.

Herbert Braun: Wie man über Gott nicht denken soll. Dargelegt an Gedankengängen Philos von Alexandria
Eine theologische Auseinandersetzung mit Philo und seinem Gottesbild, erschienen 1971. Im Text sollte laut Verfasser "die Struktur des philonischen Gottesgedankens auf ihrer eigenen Ebene nachgezeichnet und in ihren Konsequenzen verdeutlicht werden." Philo sei nicht frei von "krassen Selbstwidersprüchen", und im Denken des Philosophen werde, bei der Erhebung Gottes, "die Existenz des Menschen (...) vernichtigt." Insgesamt geht Braun also recht kritisch an Philo heran. Allerdings meint er auch: "Mit Philo zu reden hätte sich gelohnt."


März

Konstantin Wecker: Der Klang der ungespielten Töne
Novelle über einen Musiker, der etwas ganz Besonderes hätte werden können. Aber Anselm erliegt den Verlockungen des leichten Weges und des schnellen Ruhms und Geldes. Vergessen ist der alte Musiklehrer Karpoff, die Suche nach der wahren Musik und dem, was seine Seele einst berührt hatte. Erst als er ganz unten angekommen ist, setzt sich Anselm erneut ans Klavier, um das finden, was er hätte werden können. Schlicht, ergreifend und melodisch erzählt von einem Menschen, der nicht nur ein unvergleichlicher Musiker ist, sondern eben auch schreiben kann. Richtig gut.

Elisabeth LaBan: So wüst und schön sah ich noch keinen Tag
Traurigschöne Liebesgeschichte mit Anklängen an die Welt der griechischen und shakespeareschen Tragödie. Im Irving-Internat ist es Tradition, dass der Abschlussjahrgang beim Einzug in die neuen Zimmer Geschenke der vorherigen Bewohner vorfinden. Duncan "erbt" das Zimmer von Tim, der ihm seine Geschichte vermacht: Ein Stapel CDs, auf den Tim seine Erlebnisse des vergangenen Schuljahrs gesprochen hat. Seine große Liebe, sein Außenseiter-Dasein als Albino und ein tragisches Ereignis, das noch immer über dem Internat lastet. Gleichzeitig arbeitet Duncan an der Literaturaufgabe für seine Abschlussarbeit: Es geht um das Thema Tragödie und um die Tragweite von Handlungen und Entscheidungen. Während Tims Liebesgeschichte unausweichlich der tragischen Katastrophe zusteuert, erkennt Duncan mehr und mehr, dass Tragödien nicht unbedingt nur auf dem Papier oder im Theater stattfinden müssen.
Berührender, stiller und zugleich packender Roman, der einem lange im Gedächtnis bleibt. Empfehlenswert für alle, die etwas mehr als Abenteuer und Action haben wollen.

Lilly Nielitz-Hart, Simon Hart: City-Trip Bologna
Nützlicher und hilfreicher Stadtführer mit herausnehmbarem Stadtplan und viel Wissenswertem, Erläuterungen zu Sehenswürdigkeiten, kleiner Sprachkurs, Benimm-Regeln, Hinweise zu Finanzen, Ausflugstipps zu benachbarten Städten wie Ravenna. Sehr hilfreicher Begleiter. Gut.

Peter Mannsdorff: Party im Kopf

Karl Jaspers: Die maßgebenden Menschen
Ein Buch, das ich schon lange auf meiner To-do-Liste habe. Jaspers stellt vier Personen an den Beginn seiner Philosophiegeschichte, denen er eine "geschichtliche Wirkung von unvergleichlichem Umfang und Tiefengang" bescheinigt und denen sich kein fünfter an die Seite stellen lasse. Diese vier Menschen sind Sokrates, Jesus, Buddha und Konfuzius. Vier sehr interessante Persönlichkeiten und vier auf jeden Fall lesenswerte Darstellungen. Mit kamen beim Lesen die beiden über Sokrates und Jesus recht ausbaufähig vor. Klar, über die beiden habe ich schon so viel gehört und gelesen, dass ich locker die doppelte Menge über sie erzählen könnte. Aber das war ja nicht der Sinn der Übung. Bei Buddha und Konfuzius musste ich es erstmal alles so hinnehmen. Da werde ich mich wohl noch mal einlesen müssen. Brauchbar und eine schöne Übersicht.

Wenn es dunkel wird im Märchenwald III:
- Ivy Paul: Rapunzel
- Mia Wagner: König Drosselbart
- Carmen Liebing: Der Froschkönig
- Lily Monroe: Das Nusszweiglein
- Emilia Jones: Die drei Spinnerinen

Inzwischen bereits der dritte Band der in erotische Geschichten verwandelten Märchen aus dem Plaisirdamour-Verlag. Enthält fünf Novellen oder Kurzromane, von denen vier in der Gegenwart spielen und eine Erzählung aus einer unbestimmten Zeit, in der noch mit Kutschen gefahren wird und in den Wäldern noch Biester leben.
Rapunzel ist in dieser Version ein Model mit außerordentlich langen Haaren, das bei einer Beautyshow den gut aussehenden Erben eines Kosmetikimperiums kennen lernt. König Drosselbart ist ein junger Mann, der die verzogene Tochter eines Geschäftsfreundes als Putzfrau einstellt und unterwirft. Der Froschkönig spielt in einem Märchenpark, in dem die Figuren ein seltsames Eigenleben entwickeln. Das Nusszweiglein ist eine Variante der Geschichte von der Schönen und dem Biest: Ein Kaufmann macht auf seiner Heimreise den verhängnisvollen Schritt vom Wege ab, um seiner Tochter ein Nusszweiglein mitzubringen. Das Biest, dem der Wald gehört, verlangt sein Leben - oder seine Tochter. Die drei Spinnerinen schließlich spielt erneut in der Welt von Glamour und Mode: Eine junge Frau soll bei einem Casting ihre Eignung als Prinzessin beweisen. Denn nur wer spinnen kann, bekommt den Traumprinzen ...
In den meisten Märchen, wie König Drosselbart oder Froschkönig sind der sexuelle Bezug und gewisse Sadomaso-Tendenzen ja ohnehin schon angelegt. Klar, was das Biest von der hübschen Kaufmanstochter will, wenn es den Vater laufen lässt. Bei Rapunzels haarfetischistischem Prinzen kommt aber auch einiges Neues hinzu (auch wenn schon im Märchen vorehelicher Geschlechtsverkehr stattfand), und die Geschichte der drei Spinnerinnen erhält eine sehr ausführliche, weit ausgesponnene Vorgeschichte.
Insgesamt eine leicht und zügig lesbare Sammlung mit interessanten Ideen und Märchenvariationen.

© Petra Hartmann


Jahresrückblick Teil zwei: April bis Juni 2018
Jahresrückblick Teil drei: Juli bis September 2018
Jahresrückblick Teil vier: Oktober bis Dezember 2018


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Jahresrückblick IV: Oktober bis Dezember 2017

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 31 December 2017 · 3197 Aufrufe
Jahresrückblick
Der vierte und letzte Teil meines Leserückblicks auf das Jahr 2017 ist geprägt von einem vierwöchigen Helgoland-Urlaub, den ich mit einem dicken, schweren Bücherkoffer antrat. So dick und schwer war dieser Koffer, dass ich ihn beim Zugwechsel kaum in den Waggon bekommen konnte, und mehrere starke junge Männer, die der armen alten Frau beim Umsteigen helfen wollten, haben ihr Angebot bitter bereut. Das Monster ließ sich einfach nicht vom Boden hochbekommen. Ich habe es aber doch irgendwie auf die Insel geschafft und später zweimal ein dickes Buchpaket mit der Post nach Hause geschickt, damit ich auf dem Rückweg nicht so viel zu schleppen hatte. Das Gesicht der Zöllnerin im Helgoländer Zollpostamt, die die Sendung kontrollierte, war einfach unbezahlbar. Sie war auf Schmuggelware ganz anderer Art aus.
Hier also meine Lesefrüchte der Monate Oktober bis Dezember. Viel Spaß beim Stöbern!

Hinweis:
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Oktober

Thomas Hettche: Die Pfaueninsel
Marie und ihr Bruder Christian sind Zwerge. Allerdings keine Märchenwesen, sondern kleinwüchsige Menschen, deren Wachstum bereits im frühen Kindesalter beendet war. Für den König, der die beiden käuflich erwirbt, eine wertvolle Bereicherung seiner Menagerie. Marie lebt künftig als "Schlossfräulein" auf der Pfaueninsel im Wannsee in einer eigenen, verwunschen Welt, erhält ab und zu Besuch von Angehörigen des Königshauses und leidet ihr Leben lang darunter, dass einmal eine Prinzessein die Kleinwüchsigen auf der Insel in Panik als "Monster" beschimpft hat. Marie erlebt die Entwicklung der Insel mit, die sich vom Kuriositätenkabinett und Märchenland zur exotischen Zoolandschaft und zum Landschaftsgarten großer Gartenbaukünstler entwickelt. Mal werden Tiere aus aller Herren Länder wahllos auf der Insel zusammengekarrt, mal soll das ganze Gelände nach einer einzigen großen Linie gestaltet werden, schließlich geht es auch um die Nutzung des Landes für Gemüseanbau und Holzwirtschaft. Zwischen Marie und dem Spross einer Gärtnerdynastie keimt die erste große Liebe auf. Aber dann passiert eine Katastrophe ... Die Geschichte spielt im 19. Jahrhundert und ist sprachlich manchmal etwas altertümelnd. Der Anfang ist etwas anstrengend, aber wenn man sich eingelesen und eingelassen hat, ist diese Pfaueninsel nicht ohne Zauber. Hat mir gefallen.

Peter Handke: Noch einmal für Thukydides (Reclam)
Wow. Eine echte Überraschung. Ich habe das Büchlein im Prämienshop eines Online-Buchhändlers entdeckt, als ich mal wieder ein paar Punkte zum Eintauschen gesammelt hatte, und habe es mitgenommen, ohne zu wissen, was mich erwartet. Zunächst einmal: Es hat überhaupt nichts mit dem Peloponnesischen Krieg zu tun ... Es handelt sich um ein schmales Prosabändchen, in dem Handke Situationen, Landschaften, Vorgänge beschreibt, nicht eigentlich Geschichten, sondern Beobachtungen, sehr genaue, detaillierte, anschauliche Beschreibungen, gewissermaßen Augenblicksaufnahmen. Elf kurze Prosatexte, in denen der Autor das tut, worin Altmeister Thukydides sein Lehrer war: genau hinsehen und auch scheinbare Kleinigkeiten mit Andacht und Sorgfalt aufzunehmen. Das klingt eher dröge, ist aber im Gegenteil ausgesprochen poetisch und hat einen ganz eigenen Zauber. Ob Handke ein Blatt an einer mit Efeu bewachsenen Wand betrachte, das sich als Zitronenfalter entpuppt, oder das Wetterleuchten über der jugoslawischen Insel Krk nachzeichnet, ob er dem fallenden Schnee in Japan oder einem Schuhputzer in Split zusieht (überhaupt der schönste Text im Buch), es braucht gar keine dramatische Handlung, diese kurzen Beobachtungen haben ihre ganz eigene Dramaturgie und Spannung. Danke, dass ich dabei sein durfte.

Günter Grass: Schreiben nach Auschwitz
Eine Frankfurter Poetik-Vorlesung, in der Grass darlegt, wie er sich an unterschiedlichen Stationen seines Lebens und Schaffens an Adornos Satz über die Unmöglichkeit, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, abgearbeitet hat. Ein Rückblick auf seine bis dahin geschriebenen Werke und die Geschichte der Bundesrepublik, immer wieder mit Blick auf den Völkermord. Seine Zwischenbilanz im Jahr 1990: "doch dem Schreiben nach Auschwitz kann kein Ende versprochen werden, es sei denn, das Menschengeschlecht gäbe sich selbst auf."

Karin Jacob (Hrsg.): Die Welt im Wasserglas
Anthologie mit Geschichten, Gedichten und Zeichnungen, die beweist, dass es möglich ist, aus einem eng begrenzten Raum eine Unendlichkeit an Möglichkeiten zu schöpfen. Magische Wesen, Urzeitkrebse, Kopfschmerztabletten - der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt außer der dünnen durchsichtigen Wand eines Wasserglases. Hat mir sehr gut gefallen.

Jonathan Philippi: Mary Island 4 - Das Geheimnis des Schlangentöters
Vierter Teil der Abenteuer auf Mary Island. Die aus Deutschland stammenden Geschwister Julie, Steven und Justy haben sich inzwischen so gut in den USA eingelebt, dass sie kaum noch von gebürtigen Amerikanern zu unterscheiden sind. Allerdings droht nun die Rückkehr nach Deutschland, denn die Mutter würde das Sorgerecht für die drei gern zurückhaben. Wenn rauskäme, dass die Geschwister bei der Aufklärung eines Verbrechens in eine Schießerei geraten sind (Im Abenteuer "Das Geheimnis der dunklen Baracke"), könnte das durchaus das Ende ihrer Zeit bei ihrem Vater bedeuten.
Das hält die Seidel-Kinder aber nicht davon ab, sich weiter als Detektive zu betätigen. Als Julie bemerkt, dass eine große Holzfigur im Schaufenster eines chinesischen Geschäfts sich immer wieder verändert, beginnt sie mit der Detektivarbeit. Ein sich aufbäumendes Holzpferd, das eine Giftschlange zertrampelt, das ist schon ein echter Hingucker. Aber manchmal trägt das Tier die Mähne nach rechts und manchmal nach links herabfallend, und die Kobra unter seinen Hufen ist manchmal auch eine Klapperschlange. Gut, dass die Geschwister einen echten Geheimpolizisten als Freund haben ...
Jonathan Philippi hat einen sehr eingängigen, flüssigen Schreibstil, und so lässt sich das Buch gut und angenehm lesen. Allerdings fallen diesmal die zahllosen Rückblenden und Erklärungen unangenehm auf, mit denen der Autor die Ereignisse aus den vorherigen drei Bänden rekapituliert. Ja, natürlich ist es machmal nötig, neue Leser in die Zusammenhänge einzuführen und alte Leser nochmal zu erinnern, was sie vor einem oder mehreren Jahren gelesen haben. Aber hier ist es einfach zu viel Rückblende, auch im Verhältnis zum Gesamttext, und notwendige Informationen hätte man vielleicht auch etwas geschmeidiger einflechten können. Im übrigen sollte eine internationale Verbrecherbande durchaus in der Lage sein, ein etwas weniger auffälliges Geheimsignal zu erfinden als diese Riesenstatue, deren Veränderungen sogar dem kleinen Justy auffallen. Vielleicht sollten die Herren Chinesen lieber Kaugummi-Automaten knacken. Okay, ansonsten ein gut erzähltes Jugendabenteuer, das Spaß macht und sich sehr zügig "wegliest".

Marcus Haas: Das Herz des Drachen
Geschichte einer jungen Frau, die einen Drachen aufgezogen hat. Als ihr Volk von einem kriegerischen Nachbarvolk überfallen wird, macht sie bei einem Angriff einen Fehler und wird zur Strafe verbannt. Was sie nicht ahnt: Die Verbannung ist Teil eines Plans, und sie steht unter Beobachtung. Nur so kann sie ihre besonderen Kräfte entwickeln und die mentale Bindung an sich und ihren Drachen aufbauen ...

Pablo de Santis: Die sechste Laterne
Magischer Realismus trifft Kafka: Silvio Balestri, ein aufstrebendes italienisches Architektengenie, kommt nach New York, um dort zu arbeiten. Sein Traum: Einen neuen Turm zu Babel bauen. "Zikurat", so der Name seines Projekts, wird jedoch auf immer ein Traum bleiben. Balestri versackt in der unteren Etage eines großen Architekturbüros, und erst nach Jahren verschafft er sich auf eigene Faust Zugang zur Chefetage. Erste Erfolge stellen sich ein, doch dann erhält er einen schier unlösbaren Auftrag: Er soll einen Verräter in den eigenen Reihen finden. Verwirrend nur, dass die Geheimorganisation "Die sechste Laterne" ihn auffordert, unbedingt einen falschen Schuldigen zu präsentieren. Denn ausgerechnet einer der drei Firmeninhaber ist Mitglied der Organisation und will den Verräter schützen. Und wieder platzt der Traum von "Zikkurat".
Nach "Die Übersetzung" und "Die Fakultät" ist dies mein dritter Roman von Pablo de Santis, und wieder bin ich in eine faszinierende, zauberhafte Welt eingetaucht. Architekturphilosophie und Sprachmagie verschmelzen hier zu einem kafkaesken, fantastischen Stück Literatur, das trotz des traurigen Endes einfach zum Augenschließen und Schweben einlädt.


Christine Runge: Liebe, Sehnsucht, Herzheimat
Gedichtband über Helgoland. Ich hatte beim Helgoland-Lesefestival die Gelegenheit, der Autorin bei ihrer Lesung vor dem Helgoländer Fahrstuhl zuhören zu dürfen. Verse über eine große Liebe und die leider immer wieder viel zu kurze Zeit auf der Insel. Verstehe ich sehr gut. Mit einigen Gastbeiträgen weiterer Helgoland-Verrückter.

Rudolf Simek: Die Schiffe der Wikinger (Reclam)
Schöne, hilfreiche, kurze Übersicht über die verschiedenen Schiffstypen und darüber, wie sie eingesetzt wurden. Ein Mitbringsel vom BuCon. Verständlich geschrieben und sehr kompetent. Werde ich sicher als Hintergrundmaterial für meine nächsten Romane gebrauchen können.

Bettina Ferbus: Spiegelzauber
Fantasy-Roman über eine junge Frau, die während einer Zaubershow auf die Bühne gebeten wird und dem Künstler assistieren soll. Doch dabei geschieht etwas, mit dem vermutlich nicht einmal der Zauberer gerechnet hat: Tanja verschwindet wirklich. Sie landet in einer fremden Welt. Im Körper einer zum Tode verurteilten Assassine. Ihr Leben wird nur dadurch gerettet, dass ein dortiger (echter) Magier sie als "Blutsklavin" benötigt und auf nicht ganz legalem Wege aus dem Kerker holt. Als unfreiwillige Blutspenderin soll sie ihm bei seinen Beschwörungen beistehen und ihm helfen, einen Dämon als Helfer zu gewinnen. Tanja und der Magier freunden sich an, und auch mit dem Dämon schließt sie eine Art Pakt. Es stellt sich heraus, dass in dieser fremden Welt offenbar einiges vor sich geht, das nicht im Sinne der Gesetze ist. Und Tanja kommt auf die Spur der echten Mörderin, in deren Körper sie gelandet ist und die nun in Tanjas Welt ihr Unwesen treibt.

Karla Schmidt: Lügenvögel
Ein Vogelei im Kopf ... So beschreibt es jedenfalls die Heldin von Karla Schmidts Novelle. Vielleicht Krebs, vielleicht eine Folge der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Jedenfalls muss sie seitdem zwanghaft Worte niederschreiben, immer mehr, auf jeden Fetzen Papier. Alltagsbegegnungen und Kindheitserinnerungen. Die Geschichte einer Krankheit, die Geschichte eines verschwundenen Mädchens am Meer. Ein Urlaub mit Vater und Schwester und tausende wundersame Schmetterlinge. Traum und Realität verwischen sich immer mehr, und es ist unmöglich zu sagen, ob die Lügenvögel im Kopf nun die Wahrheit sagen oder nicht. Karla Schmidt schreibt diese surrealistisch-magische Novelle in einer so melodischen Sprache, dass man ihr unbesehen alles glauben möchte. Auch als die Heldin sich im drittenTeil zur Unternehmerin in einer postapokalyptischen Welt mausert und mit Schmetterlingsprodukten handelt.

Dagmar Börner-Klein: Gefährdete Braut und schöne Witwe. Hebräische Judit-Geschichten
Das Buch Judit ist wohl das biblische oder eben nicht biblische Buch mit der ungewöhnlichsten Überlieferungsgeschichte. Das fängt schon damit an, dass der Text in der hebräischen Bibel fehlt. In der Septuaginta, also der griechischen Fassung, ist die Judit-Geschichte erstmals vorhanden, und an einigen sprachlichen Eigenheiten kann man erkennen, dass es sich um eine Übersetzung aus dem Hebräischen handelt. Das Original hat jedoch bislang niemand auffinden können. In der lateinischen Vulgata ist Judit ebenfalls vorhanden, und in der deutschen Übersetztung ... nun, für die Katholiken ist es ein biblisches Buch, aber in der evangelischen Bibel kommt es nicht vor. Schon seltsam.
Dagmar Börner-Klein hat in ihrem Buch nun die alten hebräischen Judit-Geschichten zusammengestellt. Es handelt sich um Texte, die deutlich jünger sind als die Septuaginta, ihr zum Teil ähneln, aber auch manchmal sehr stark von ihr abweichen. Manchmal ist Judit eine schöne Witwe, manchmal aber auch eine junge Braut, an der ein tyrannischer Herrscher vor der Hochzeit das Recht der ersten Nacht geltend machen will. Schließlich wird Judit sogar mit der Makkabäer-Tradition, dem Chanukkafest und der Legende um das heilige Öl, das den Leuchter acht Tage lang brennen ließ, obwohl es eigentlich nur für einen Tag gereicht hätte, verknüpft. Das Buch bietet die alten Texte in synoptischer Form dar, stellt hebräischen Text und Übersetzung nebeneinander und ordnet die Abschnitte der einzelnen Judit-Geschichten einander zu. Sehr spannend.

Michael Stoffers: Waldemar hat einen Traum
Helgoland aus der Sicht einer Möwe. Man erfährt viel über die Organisation der dortigen Möwenkolonie und die Arbeiten, denen diese Vögel nachgehen. Der Held Waldemar taugt leider wegen eines schwarzen Flecks am Schnabel nicht als Fotomodell und darf sich daher vor den Touristen nicht blicken lassen. Und wegen seiner Verstopfung kann er auch nicht beim Kack-Kommando arbeiten. Aber Waldemar hat einen Traum - und das ist bestimmt nicht die entwürdigende Arbeit bei der Essensausgabe. Und irgendwann ist er doch der beliebteste Filmstar unter den Möwen ... Sehr liebenswerte und humorvolle Geschichte, nicht nur für Helgoland-Besucher.

Horst Hoffmann: Raumpatrouille Orion - Die Jugendromane I: Operation Alpha Centauri / Planet der Rätsel
Zwei Jugendabenteuer der späteren Orion-Crew, als die Helden noch in der Ausbildung waren. Neuausgabe als edles Hardcover. Mit einem Vorwort von Horst Hoffmann und einem Nachwort von Michael Lange zum Hintergrund der Abenteuer. Ein bisschen Schulromantik und Frotzelei, die bald zum lebensgefährlichen Raumabenteuer wird. Ein erstes Kennenlernen, kleine Reibereien. Cliff McLane baggert Lydia van Dyke an, rebelliert gegen Hierarchien und dumme Vorschriften und versteht sich sehr gut mit Wamsler. Helga fehlt noch. Beide Abenteuer sind routiniert und gekonnt geschrieben. Etwas verwirrend ist, dass hier tatsächlich schon Außerirdische vorkommen. Deren Existenz wurde ja in der Serie, deren Vorgeschichte hier erzählt wird, bis zum Auftauchen der "Frogs" kategorisch ausgeschlossen. Und dass sich der als Raumkadett recht untalentierte Mitschüler Peter L. Prewster am Ende in Michael Spring-Brauner umbenennt, nun ja ...


November

Philip K. Dick: Blade Runner. Träumen Androiden von elektrischen Schafen?
Klassiker, der schon lange auf meiner To-do-Liste steht: Geschichte eines Androiden-Jägers, der entlaufene und in der Gesellschaft untergetauchte menschenähnliche Roboter aufspürt und liquidiert. Doch mit der neuesten Generation der künstlichen Menschen gibt es ein Problem. Sie sind einfach zu gut, und es scheint so, als ob hier auch der beste Empathietest versagt. Manche Menschen aus Fleisch und Blut sind in ihren Gefühlsreaktionen dumpfer als diese Androiden. Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine sind gar nicht so einfach zu erkennen. Sehr klar strukturierte Geschichte, flüssig, schnörkellos, zielstrebig und geradlinig, Auch eine hochintereessante Gesellschaft. Und dieses Streben danach, ein echtes lebendes Haustier zu bekommen, nicht etwa ein elektrisches Schaf, ist einfach herrlich. Hat mir gefallen.

Franz Rosenzweig: Der Stern der Erlösung
Franz Rosenzweigs religionsphilosophisches Hauptwerk, ein faszinierendes Buch, für dessen Lektüre man allerdings ausgesprochen wach sein muss: Rosenzweig verbindet gedankliche Präzision mit großer sprachlicher Kunst und sehr viel Bewusstsein für etymologische Reminiszenzen. Oft ist es nur ein einziger veränderter Buchstabe oder ein Bindestrich, das einen Wortsinn verändert oder um einen Hauch in die andere Richtung drückt. Eine Analyse des Wesens der Religion, beginnend mit einer Begründung, warum die Philosophie bei der Frage nach Gott notwendigerweise versagen muss, bis hin zu einer Untersuchung und zu einem Vergleich der christlichen und der jüdischen Religion. Manchmal ganz schön kompliziert. Ich habe vor Urzeiten die von meinem verehrten Hebräisch-Lehrer Reinhold Mayer herausgegebenen Gritli-Briefe Rosenzweigs gelesen, in denen viel zum Hintergrund des "Sterns" zu finden ist. Werde wohl beides nochmal lesen müssen.

Kim Scheider: Literatour-Führer Helgoland
Das Begleitbuch zum ersten Helgoländer Lese-Festival. Enthält einen kurzen Überblick über die bekannten Schriftsteller, die etwas über die Insel geschrieben haben, stellt die Teilnehmer des Festivals und ihre Werke vor, dann gibt es noch einen Lesungs-Terminkalender und - absolut lesenswert - die Beiträge zum dazugehörigen Schreibwettbewerb. Es sind sehr schöne Texte dabei, hat mir gefallen.

William M. Matson: Crazy Horse. Das Leben und Vermächtnis eines Lakota-Kriegers
Umfangreiche Darstellung des Lebens eines der bedeutendsten Lakota-Krieger. Das Besondere daran ist, dass hier offenbar erstmals die Familie von Crazy Horse aus ihren mündlichen Überlieferungen beigetragen hat. Dadurch wird das Buch sehr persönlich, wenn auch nicht allzu objektiv. An einigen Stellen merkt man deutlich, dass die Zerstrittenheit einiger Lakota-Familien noch heute eine große Rolle spielt. Der Groll gegen Red Cloud, der in seiner späten Zeit seinen Frieden mit den Weißen machte, kocht noch immer in diesem Buch und in dieser Familie. Sehr bedrückend. Ein Phänomen, das sich auch in der zuvor im gleichen Verlag erschienenen Biographie Sitting Bulls beobachten ließ. Auch im vorliegenden Buch wird ein breiter Raum verwandt, um die Geschichte der Familie nach dem Tod Crazy Horses und die Legitimation seiner Nachkommen anhand von Dokumenten und unter Eid gemachten Aussagen darzulegen. Das ist etwas, das die meisten Leser wohl nur überfliegen werden, für die Familie aber eine Sache von größter Wichtigkeit. Inhaltlich ein hochinteressantes, sehr spannend zu lesendes Buch und eine gute Ergänzung zu den vorhandenen, von Weißen verfassten Büchern. Lesenswert.

Elke Brachtendorf und Antonella Lendi: Meerjungkind
Ebenfalls ein Mitbringsel vom Helgoländer Lese-Festival, das ich bei einer Lesung der beiden Autorinnen erstand: Es ist ein Kinderbuch über ein Mädchen, das auf Helgoland in einer Fischkiste eine kleine Meerjungfrau - beziehungsweise: ein Meerjungkind - findet. Die beiden werden Freunde und unternehmen schließlich eine gemeinsame Reise nach Atlantis. Sowohl auf Helgoland als auch im Reich der Meermenschen gibt es ausgesprochen skurrile Wesen. Und dann wird es brandgefährlich.

Kristin Cashore: Die Königliche
Dritter Teil der Trilogie. Ich hatte seinerzeit "Die Beschenkte" mit Begeisterung gelesen, war schwer enttäuscht von der "Flammenden", der dritte Band ist wieder besser, aber nicht so gut wie Teil eins. Heldin des Buches ist Bitterblue, die Tochter von König Leck, die nach dem Tod ihres Vaters über das Land Monsea herrscht. Aber es reicht nicht, einfach nur den bösen König zu töten. Die Verletzungen, die Leck den Menschen in seinem Herrschaftsbereich zugefügt hat, sind so schwer und tief, dass niemand so einfach zur Tagesordnung übergehen kann. Niemand will mit Bitterblue darüber reden, ein Mantel des Schweigens liegt über dieser Zeit. Doch nach und nach dringt einiges an die Oberfläche. Bitterblue herrscht über ein zutiefst traumatisiertes Volk. Und bei ihren Nachforschungen kann sie offenbar niemandem trauen.
Es gibt ein Wiedersehen mit Katsa und Bo, und auch Fire aus dem zweiten Teil taucht wieder auf. Wobei das Rätsel um Lecks Motivation und seine Herkunft nicht wirklich gelöst wird. Insgesamt muss festgehalten werden, dass die drei Bücher durchaus eigenständig sind, man hat es nicht mit dem zweiten oder dritten Aufguss der Beschenkten zu tun. Das ist für den Fan zwar traurig und etwas enttäuschend, ich möchte es aber dennoch lobend hervorheben. Die Autorin bietet jedesmal etwas Neues, ein neues Land, ein neues Problem, neue Gedanken. Aber wen Katsa und Bo im ersten Teil vom Hocker gerissen haben, der vermisst eben doch einiges.

Matthias Falke: Hinter feindlichen Linien (D9E)
Ein Wiedersehen mit Manuel, Nola und Guardes. Die drei wollen eigentlich nur ihre Ruhe genießen. Doch dann spürt sie die Den-Haag-Stiftung auf, und sie werden zwangsrekrutiert für den großen Krieg gegen die Hondh. Der Planet, zu dem sie beordert werden, ist allerdings verlassen und verwüstet. Doch dann entdecken die drei einen Hinweis auf die ursprüngliche Besatzung der Station. Spannend geschrieben.

Dirk van den Boom: Das Springledeck-Gambit (D9E)
Geschichte einer Verschwörung und eines geplanten Attentats auf eine Versammlung zahlreicher Staatschefs. Geplant ist ein Putsch, und ausgerechnet der nichts ahnende Thrax soll als neue Herrscherfigur inthronisiert werden. Nicht schlecht geschrieben, aber die Verschwörung kommt doch etwas simpel daher. Und offenbar scheint jeder Bescheid zu wissen, überall wird bereits im Vorfeld gemunkelt und geahnt, jeder hat irgendwelche Gerüchte gehört ... Nett die Rolle, die die mechanische Hoheit zu spielen gedenkt. Diese netten, durchgeschepperten Roboterkerle haben echt Musik unter ihrem Pony. Rührend das Ende des Piloten Carlisle, dafür gibt es einen Extrapunkt.

Holger M. Pohl: Mengerbeben (D9E)
Neues von der Truppe, die hinter den Linien der Hondh spionieren sollte. Neue Möglichkeiten und Verbündet werden gefunden. Ein Schlüssel scheint in manipuliertem MELK, einer Art Kunststoff, zu liegen. Gibt es die Chance, die Ausbreitung der Hondh zu stoppen, indem man den Mengerraum stört? Ein temporeiches Abenteuer, das zunächst durch die vielen Perspektivwechsel etwas anstrengend ist, aber schnell an Fahrt aufnimmt und den Leser packt.

Finstere Übernahme. Die Storys zum Marburg-Award
Die Beiträge zum Marburg-Award 2017 zusammengestellt zu einer lesenswerten Anthologie, illustriert und in limitierter Auflage. Viele gute und einige sehr gute Geschichten. Lesenswert.

Reimer Boy Eilers: Sprechen mit Seezungen
Gedichte aus 30 Jahren, der Autor erzählt von Kindheit und Jugend auf Helgoland, vom Leuchtturm seines Großvaters, aber auch aus dem Rest der Welt. Ein sehr schöner, klarer Stil und eine angenehme lyrische Stimme. Viel Meerluft. Mich haben vor allem seine Gedichte aus dem ehemaligen Jugoslawien beeindruckt. Und gerade in den späteren Gedichten findet man sehr klare Worte und Positionierungen gegen Ausländerfeindlichkeit und rechten Ungeist. Eine Sammlung, die mir gut gefallen hat.

Wolfgang Schadewaldt: Hellas und Hesperien I
Die Aufsätze Wolfgang Schadewaldts sind einfach etwas Besonderes. In der dicken, schweren zweibändigen Sammlung "Hellas und Hesperien" sind sie gesammelt. Im ersten Band findet man seine Beiträge zur antiken griechischen und römischen Literatur, 800 Seiten voller Juwelen, Band zwei enthält seine Betrachtungen über die Wirkung antiker Werke in der neuzeitlichen Literatur von Shakespeare bis zur Gegenwart. Die beiden gehaltvollen Bände sind nur noch antiquarisch zu erhalten und kosten eine Menge, aber ich hatte dieses Jahr einfach mal die Chance, mir etwas gönnen zu können, und als ich sie im Netz fand, griff ich zu. Eine Reihe der Aufsätze kannte ich natürlich schon, gerade die Beiträge über Aischylos, Homer und den Gott von Delphi, das war ein schönes Wiedersehen, natürlich auch der kanonische, aus der Tragödiendiskussion nicht mehr wegzudenkende Aufsatz über "Jammer und Schaudern".
Es gab aber auch eine Menge Neu-Entdeckungen, etwa in der neueren Komödie. Oder seine Entdeckung einer "experimentellen Philologie". Oder seine Würdigung Vergils, der bei mir zugegebenermaßen auch ein Schattendasein fristet. Und gerade in der römischen Literatur bin ich ja nicht so beschlagen. Teil zwei ist dann im nächsten Urlaub dran, wenn ich wieder den Kopf frei habe für eine neue Pilgerreise in Schadewaldts Welt.

Moses Mendelssohn: Ausgewählte Werke I: Schriften zur Metaphysik und Ästhetik
- Philosophische Gespräche
- Über die Empfindungen
- Pope ein Metaphysiker!
- Sendschreiben an Herrn Magister Lessing im Leipzig
- Gedanken von Wahrscheinlichkeit
- Betrachtungen über die Quellen und die Verbindungen der schönen Künste und Wissenschaften
- Betrachtungen über das Erhabene und das Naive in den schönen Wissenschaften
- Rhapsodie oder Zusätze zu den Briefen über die Empfindungen (Fassunen von 1761 und 1771)
- Abhandlung über die Evidenz in Metaphysischen Wissenschaften
- Thomas Abbt: Zweifel über die Bestimmung des Menschen / Moses Mendelssohn: Orakel, die Bestimmung des Menschen betreffend
- Phaedon oder über die Unsterblichkeit der Seele in drei Gesprächen
Die im Verlag Lambert Schneider erschienene zweibändige Studienausgabe im Schuber enthält ausgewählte Werke Mendelssohns in Orthografie und Interpunktion der Orignialausgaben. Vor jedem Text gibt es eine kurze Einführung, in der etwas zum Hintergrund des jeweiligen Textes, zu Thema und Inhalt, gegebenenfalls zum Anlass und zur Veröffentlichungsgeschichte gesagt wird. Auch das jeweilige Titelbild der Erstausgabe ist dem betreffenden Aufsatz vorangestellt. Beigefügt ist außerdem ein Personenregister. Teil I enthält Schriften zur Metaphysik und Ästhetik, Teil II Schriften zur Aufklärung und zum Judentum. Die Aufmachung ist, obwohl nur Paperback, sehr edel und ansprechend. Ich hätte mir noch einen Kommentarteil gewünscht, aber man kann nicht alles haben.
Im Urlaub las ich zunächst Teil I, der zweite Band ist fällig im nächsten Jahr. Einige der Texte kannte ich schon, vor allem die Philosophischen Gespräche und den Phaedon, der den Ruhm Mendelssohns als deutscher Sokrates mit begründete. Hochinteressant fand ich seine Auseinandersetzung mit David Hume. Diesen Aufsatz hätte ich damals im Studium gern zur Hand gehabt, als ich mich Anfang der 90er Jahre mit Humes Zweifel an der Erkennbarkeit von Kausalitäten und seiner Inthronisation der Gewohnheit herumschlug. Gefallen hat mir auch der zusammen mit Lessing verfasste Aufsatz über Pope, mit dem beide eine aus ihrer Sicht ziemlich dämliche Preisaufgabe der Berliner Akademie der Wissenschaften durch den Kakao zogen. Eine Ausgabe, in der es einiges zu entdecken gibt.

Armin Rösler: Die Nadir-Variante
Der schon sehr lange erwartete vierte Roman aus dem Argona-Universum. Erzählt wird die Geschichte des jungen Paz Nadir, der kurz nach Abschluss seiner Ausbildung in einer Raumschlacht um seinen Heimatplaneten beinahe ums Leben kommt, in einem eigentlich kaum flugfähigen Notbehelfsschiff entkommen kann und nun eigentlich zum Schlachtfeld zurück will. Er gerät jedoch in die Manöver eines Alienvolkes hinein, das sich für einen eigenartigen Baum interessiert. Seine Versuche, Hilfe für sein Volk zu finden, führen ihn schließlich mit der eigenwilligen Esre Sterndaal zusammen, der von Narben gezeichneten Tochter eines Herrschers, der ebenfalls auf der Spur der seltsamen Bäume ist. Mir hat das Wiedersehen mit dem Argona-Universum gut gefallen, das Warten hat sich gelohnt.

Dorthe Voss: Von Piraten und Meerjungfrauen
Geschichte über einen kleinen Jungen, der im Helgoland-Urlaub am Strand Kontakt mit den Meeresbewohnern bekommt. Die gefürchteten Geisterpiraten haben dem Meerkönig das Szepter gestohlen. Björn macht sich auf die abenteuerliche Reise, um es zurückzubringen. Ein Buch für sehr junge Leser, besser noch zum Vorlesen, reich bebildert.

Nadine Muriel und Stefan Cernohuby (Hrsg.): Das Dimensionstor
Geschichtenweber-Anthologie über eine Erfindung eines genialen Wissenschaftlers. Prof. Dr. Maximilian Groll hat es geschafft: Nach jahre- beziehungsweise jahrzentelanger Erfolglosigkeit, die ihn am Ende sogar seinen Platz am Institut kostetet, gelingt ihm endlich daheim in seinem privat eingerichteten Labor der Durchbruch. Er schafft es, ein Dimensionsportal zu öffnen. Begeistert schiebt er verschiedene Gegenstände durch die Öffnung, die nun in fremde Zeiten oder auch vollkommen andere Welten gelangen. Kopfschmerztabletten, ein Gebiss, ein Golfball ... Alles, was gerade zur Hand ist, wird durch die Öffnungen geschickt. Jeder der 18 Autoren hat seine je eigene Idee, was das Auftauchen eines solchen Gegenstandes im Mittelalter, auf fremden Planeten, in der zweiten Dimension oder auch während der Zombie-Apokalypse anrichten kann. Vieles ist einfach nur schräg, absurd und komisch, manches böse, vieles tödlich, der Schluss des Buchs ausgesprochen fies. Alles in allem eine hochinteressante und vielseitige Anthologie, die beim Lesen Spaß macht.

Steffen König: Die Dämonen vom Ullswater
Ein Roman, der sich wie eine klassische britische Horrorgeschichte liest - nur dass es nicht um Geister oder Ähnliches geht, sondern um Außerirdische. Ein junger Londoner Anwalt wird von einem alten Freund, den er lange Zeit nicht mehr gesehen hat, in dessen Landhaus eingeladen. Er und seine Frau beschließen, dort ihre Flitterwochen nachzuholen. Doch wenig später schickt der Freud ihm ein seltsames Kristallartefakt mit der Bitte, es von einem Fachmann analysieren zu lassen. Die Ergebnisse sind derart erschreckend, dass der Jurist beschließt, den Freund lieber ohne Begleitung seiner Frau zu besuchen. Er findet das Haus verlassen. Dann nimmt das Grauen seinen Lauf. Spannend und gut lesbar, vielleicht etwas vorhersehbar, aber ein sehr schönes, traditionelles Stück Horrorliteratur.

Homer: Ilias
Jedes Jahr im Urlaub ist auch die Wieder-Lektüre eines der großen alten Epen für mich angesagt. Diesmal habe ich also die Ilias mitgenommen, und zwar die zweisprachige Tusculum-Augabe, die ich mir im Jahr 1997 zulegte, als ich mir mal etwas Gutes gönnen wollte. Auf die Reclam-Fassung, die ich zehn Jahre zuvor gelesen hatte, will ich natürlich nichts kommen lassen. Es war ein schönes Wiedersehen mit meinen Helden Diomedes und Ajas, dem Telamoniden. Wurde echt mal wieder Zeit.

Martin Arnold: Thor. Von der Edda bis Marvel
Ich habe aus dem Verlag im vergangenen Jahr das Buch über Loki gelesen, das mich begeistert hat. Daher waren meine Erwartungen an das Thor-Buch sehr hoch. Allerdings: Das Buch ist nicht unbedingt der Hammer.
Es geht nur teilweise um eine Analyse der Thorsgestalt in der Edda und in der germanischen Mythologie, vor allem geht es um die Wirkungsgeschichte Thors nach der eddischen Zeit. Arnold arbeitet das Thor-Bild in den einzelnen skandinavischen Ländern, vor allem vor dem Hintergrund eines neu erwachenden Nationalgefühls, heraus. Er geht dann natürlich auf Wagner und den Kult germanischer Götter im nationalsozialistischen Deutschland ein und schildert die zum Teil haarsträubenden esoterischen Vorstellungen, die es damals gab, bis hin zu einer Art Yoga nach Runen. In Deutschland scheint Himmler mit seinen Versuchen, einen neuen Thorskult ins Leben zu rufen, bei den Nazi-Größen recht wenig Gehör gefunden zu haben. Seine Abhandlung schließt Arnold mit einer Schilderung des Marvel-Superhelden "Der mächtige Thor", mit dem die Geschichte des alten Donnergottes dem Verfasser zufolge nicht nur seinen Tief- sondern auch seinen Endpunkt erreicht hat.
Das ist zwar alles recht interessant, aber über weite Strecken bleibt seine Betrachtung der Neuzeit eine allgemeine Schilderung der Rolle, die die germanische Mythologie für die nationalen und nationalistischen Bewegungen der unterschiedlichen Länder gespielt hat. Sprich: Auf Thor konkret wird oft erst nach seitenweisen allgemeinen Darstellungen der politischen, sozialen und literarischen Rolle der eddischen Mythen eingegangen, oft dann nur noch mit einem kurzen Absatz. Die Betrachtung des Marvel-Thor schließlich ist in einer umfangreichen allgemeinen Betrachtung zum Superhelden-Comic untergebracht, fast hat der gute alte Superman mehr Anteil in diesem Kapitel als der Gott, über den ich eigentlich etwas wissen wollte. Auch sein Vergleich zwischen Edda- und Marvel-Thor ist recht oberflächlich. Er erwähnt die andere Haarfarbe, und den Umstand, dass bei Marvel ursprünglich Thors Ehefrau Sif gar nicht vorkam und der Ase eine Liebschaft mit einer Sterblichen hatte, außerdem werden der eher schlichte, bäuerliche Charakter des eddischen Thors und das mehr "heroische" Wesen des Marvel-Helden gegenübergestellt. Aber wieso sind dem Autor zum Beispiel die vollkommen anderen Familienverhältnise entgangen? Dass Thor und Loki beispielsweise in der Comicversion Brüder sind, die um die Gunst des Götterkönigs konkurrieren, hätte doch eher erwähnt werden müssen als das Fehlen Sifs. Dass Arnold Comics nicht liebt und sie für pfuibäh hält, nun gut, es gab solche Meinungen in den 70ern und 80ern noch bei älteren Leuten, aber ein wenig mehr Offenheit für die Ästhetik einer etablierten Kunstform hätte man im 21. Jahrhundert schon erwarten können. Das Ganze nur auf Pop-Ikone und Konsumgesellschaft reduzieren zu wollen, ist doch etwas oberflächlich. Und einen "Endpunkt" zu diagnostizieren? Das ist nicht wissenschaftlich, sondern Kaffeesatzleserei. Auch hätte ich anlässlich der Diskussion um Thor in der Comicwelt zumindest eine Bemerkung über den Thor der dänischen "Walhalla"-Serie erwartet.
Nun gut. Bleibt als positiv festzuhalten, dass das Buch eine gute Übersicht über das Entstehen und Erstarken eines nationalen Selbstbewusstseins und die Rolle der Mythologie dabei sehr deutlich herausarbeitet. Auch die Schilderung der unterschiedlichen Wege, die die Länder genommen haben, ist gelungen und überzeugend. Nur ist das keine Untersuchung über Thor, sondern eine Abhandlung über die Rolle der Edda und der germanischen Mythologie für die nationalen Bewegungen in diversen europäischen Ländern. Fazit: Ein Buch, aus dem ich durchaus eine Menge gelernt habe. Nur nicht so viel über Thor.


Dezember

Miriam Rademacher: Talisman II

Christine Fehér: Weil ich so bin
Ist er eigentlich Jonas oder ist sie doch eher Joana? Als die Eltern sich nach der Geburt fragen, ob sie nun eigentlich einen Jungen oder ein Mädchen bekommen haben, sagt der Arzt etwas von "Pais-Syndrom". Jonas ist ein Zwitter, wächst auf mit weiblichen und männlichen Geschlechtsmerkmalen, er ist beides und irgendwo dazwischen ... In der Pubertät sieht er wie ein Junge aus, aber machmal hat er das Bedürfnis, geschminkt zum Unterricht zu gehen, Ohrringe oder einen Rock zu tragen. Ein "Problembuch", eine klassische Schullektüre, vielleicht, aber ganz und gar nicht pädagogisch und mit erhobenem Zeigefinger. Es geht nicht um leidende Minderheiten und deren Schutz. Jonas ist recht selbstbewusst dabei, geht mit seinem Anderssein sehr bewusst um, und sein Umfeld steht zu ihm. Sein Vater und dessen Lebensgefährtin sind liebevolle und unterstützende, aber nicht überbetreuende Eltern. Die meisten Klassenkameraden kommen prima mit ihm klar, die Mädchen mögen "ihn", und auch die Jungen können mit seinem Anderssein umgehen - abgesehen von Marco, der unbedingt als harter Kerl dastehen möchte und Jonas als Schwuchtel verspottet. Aber Jonas geht seinen Weg mit wohltuender Selbstverständlichkeit, und er findet sogar seine große Liebe ...

Helmut Höfling: Petras Abenteuer mit Hunden
Kinderbuch aus den 80ern, das mir eine Freundin zu Weihnachten geschenkt hat. Eine Petra, die Hunde liebt, da war wohl klar, wer das lesen musste. Es ist bereits der zweite Teil von Petras Hundegeschichten, im ersten Teil hatte die kynophobe Katzenfreundin gelernt, Hunde zu lieben. Nun ist sie als Boxersitterin unterwegs, als sie zufüllig in einen Banküberfall hineingerät - und das kluge Tier ist der Held des Tages, weil es die Täter aufspürt. Schließlich kann Petra endlich einen eigenen Hund bekommen, als sie das Vertrauen eines streunenden Hundes gewinnt, dessen Besitzer verstorben ist. Dann wird noch die Geschichte eines Feuerwerhundes erzählt, der bei einer Übeschwemmung ein Baby aus den Fluten rettet. Hunde sind schon was Feines ...


Weitere Jahresrückblicke:
Teil I: Januar bis März 2017
Teil II: April bis Juni 2017
Teil III: Juli bis September 2017


© Petra Hartmann


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Jahresrückblick III: Juli bis September 2017

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 30 December 2017 · 1097 Aufrufe
Jahresrückblick
Ein ungewöhliches Lesequartal ... In den Monaten Juli bis September 2017 war ich beruflich sehr stark eingespannt und habe relativ wenig gelesen. Und wenn ich jetzt so auf die Titel schaue: Musik, Snooker, Luftfahrtpioniere - was für ein atypischer Lesestoff für meine Verhältnisse. ;-) Nun ja, schaut einfach mal rein, vielleicht ist ja etwas für euch dabei.

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

Juli

Björn Kuhligk: Die Sprache von Gibraltar

Jens Malte Fischer: Carlos Kleiber - der skrupulöse Exzentriker
Eines von zwei Büchern über den Ausnahmedirigenten, die ich dieses Jahr gelesen habe. Und beide sind sehr unterschiedlich.
Carlos Kleiber ... Ja, wie fasst man das Phänomen eigentlich in Worte? Magie ist vermutlich das richtige Wort dafür. Große, heilige Magie. Mich hat der Meister vor etwas über zehn Jahren gepackt, völlig unerwartet. Und einen so unmusikalischen Menschen wie mich so vollständig umzuhauen, das will schon etwas heißen. Eigentlich bin ich mehr zufällig an ihn geraten. Beim Herumstöbern im Beethoven-Regal bei Schmorl und von Seefeld in Hannover. Da hatte ich plötzlich diese CD mit Beethovens Vierter in der Hand. Carlos Kleiber und das Bayerische Staatsorchester, 3. Mai 1982. Die Vierte. Die hatte ich bis dahin eigentlich gar nicht so recht wahrgenommen. Halt ein kurzes Luftholen zwischen der Eroica und der großen Schicksalssinfonie. Wenige Leute wissen sie wohl zu würdigen. Und ich weiß bis heute nicht, warum ich die CD mitgenommen habe. Kein vernünftiger Mensch kauft sich die Vierte. Erst recht nicht, wenn er alle neun als Komplettpaket von Leonard Bernstein und den Wiener Philharmonikern im Regal stehen hat. Was mich bewogen hat, sie mitzunehmen, weiß ich echt nicht. SIe muss nach mir gerufen haben. Auf dem Weg zur Kasse war ich mir immer noch unsicher, ob ich sie überhaupt haben wollte, und beim Rausgehen habe ich überlegt, ob ich sie nicht doch lieber zurückgeben sollte. Ich legte sie dann auf meinen Stapel ungehörter CDs, und irgendwann, ein paar Tage später, als ich etwas Ruhe im Haus hatte, schob ich sie, immer noch lustlos, in den CD-Player. Boah! Unfassbar. Ich habe vor diesem Stereoturm gekniet und die Lautsprecher mit den Augen verschlungen. Ich dachte nur immer: Ja! Das ist Beethoven. Später wurde mir dann klar: Nein, das ist Kleiber. Und irgendwann kapiert man: Doch, das ist doch Beethoven. Aber ein Beethoven, wie ihn nur Kleiber aus Beethoven herausholen konnte.
Ähm, ja, okay, wieder zurück auf den Teppich und zum Buch. Ich hatte eigentlich nach etwas ganz anderem gegoogelt, als mir eine Rezension dieses Büchleins als "Beifang" mit in mein Suchnetz gespült wurde. Da musste ich einfach zugreifen. Und habe es nicht bereut.
Es ist nicht eigentlich eine Biographie, eher ein kurzer Essay, zwei Jahre nach Kleibers Tod erschienen. Das Büchlein ist dünn. Der rund 50-seitigen Skizze folgt ein Verzeichnis der Aufnahmen Kleibers, sodass es insgesamt einen Umfang von 92 Seiten hat. Aber dieses schmale Bändchen triifft einfach. Wie eine Bleistiftskizze eines guten Zeichners oft Wesen und Charakter eines Menschen besser herausarbeitet und ihm ähnlicher sieht als manche Fotografie, hat dieses Werk wesentlich mehr Kleiber eingefangen als die dicke, detailreiche Biografie, die ich im Monat danach gelesen habe. Als ich das Büchlein las, wusste ich wieder ganz genau, warum ich damals vor dem Stereoturm gekniet habe ...

Günter von Lonski: Mut verleiht Flügel

Paul W. Bierbaum: Im Aeroplan über die Alpen
Neuauflage eines historischen Berichts über einen Flugwettbewerb aus dem Jahr 1910. Flugpioniere aus aller Welt treffen sich im schweizerischen Brig zu einem Wettbewerb: Wer schafft es, als erster die Alpen zu überfliegen? Die Strecke führt über den Simplon-Pass nach Domodossola in Italien. Ein Ereignis, das von der internationalen Presse mit großer Aufmerksamkeit verfolgt wird, und die Augen der Welt ruhen auf dem kleinen Brig. Vor allem ein Peruaner steht im Mittelpunkt des Interesses: Jorge "Geo" Chavez, ehrgeizig, etwas eitel und ein extrem guter Flieger. Chavez ist ein Pilot - damals sagte man: Aviatiker - mit Leib und Seele. Als Sohn eines Millionärs hätte er auch die Füße hochlegen und ein Luxusleben genießen können, aber er widmet sich lieber der Aviatik, stellt mehrere Rekorde auf und will nun als Pionier der Erstüberflieger der Alpen werden. Mehrfach werden die Starts verschoben, Meteorologen geben immer wieder Unwetterwarnungen heraus. Mal sind die Flieger wütend auf die Organisatoren und boykottieren die Schauflüge für das Publikum, mal ist das Publikum wütend, weil zur versprochenen Zeit noch immer keiner nach Italien aufgebrochen ist ... Am 23. September 1910 hat Chavez die Nase voll vom Warten. Er startet, überfliegt das Gebirge, schafft es bis Domodossola - doch im Landeanflug, als die Menge unter ihm schon jubelt, passiert es: Chavez' Flugzeug stürzt ab, er selbst wird schwer verletzt und stirbt vier Tage später.
"Im Aeroplan über die Alpen" ist ein Originbalbericht aus dieser Zeit. Sprache und Aufbau des Berichts sind demnach auch etwas altertümlich und nicht auf heutige Lesegewohnheiten zugeschnitten. Der Leser muss sich schon etwas einlassen auf den Stil des Verfassers. Es ist kein Roman und auch keine Chavez-Biographie, sondern eine Darstellung des Projekts "Simplonfug", der Organisation, der Verhältnisse am Boden, der unterschiedlichen Interessen und Fliegerpersönlichkeiten und ihrer Maschinen, man erhält gewissermaßen Kamerafahrten über das Gelände der Flugshow mit Schwenk über des Publikum, dazu Wetterinformationen, ein bisschen Heldenverehrung und einen Blick zurück in die Zeit, in der ein Blériot XI Eindecker die Verkörperung der Zukunft war. Wer Freude an einer Reise in die Welt der tollkühnen Männer und ihrer fliegenden Kisten hat, wird hier voll auf seine Kosten kommen.
Das Besondere dieser Neu-Ausgabe ist zweifellos das Cover. Denn statt eines historischen Fotos einer Flugmaschine oder eines Chavez-Porträts sieht man hier eine comicartige Darstellung des Flugzeugs, einem historischen Bild entnommen, aber verfremdet, sodass das Ganze wie ein Jugendbuch daherkommt. Und das hat durchaus seine Ursache, denn das Buch ist zeitgleich und sozusagen als Begleitbuch zu Günter von Lonskis Jugendbuch "Mut verleiht Flügel" erschienen. In dem Jugend-Abenteuer spielt Chavez eine bedeutende Rolle als Mentor und imaginärer Freund eines jungen Außenseiters, der ausgerechnet dieses Buch über Chavez' Simplonflug als Kraftquelle für sich entdeckt. Die Gestaltung beider Titelbilder macht schnell klar, dass die Bücher zusammengehören. Ein echter Hingucker.



August

Alexander Werner: Carlos Kleiber. Eine Biographie
Ein ziemlich umfangreiches, detailreiches Werk über Carlos Kleiber. Für den Wissenschaftler und jeden, der sich intensiver mit dem Dirigenten befassen möchte, allein schon wegen des sorgfältig und reichlich zusammengetragenen Quellenmaterials ein unverzichtbares Buch. Wahrscheinlich gibt es kein Programmheft, keine Konzertkritik und keine irgendwie zugängliche Bogenstrich-Notiz Kleibers, die Alexander Werner nicht kennt und akribisch ausgewertet hat. Keine Anekdote, keine gehässige oder bewundernde Äußerung von Musikern oder Musikfunktionären scheint ihm entgangen zu sein. Insofern ist jeder, der auf der Suche nach einer bestimmten Einzelheit aus Kleibers Leben und Wirken ist, gut beraten, in diesem Buch nachzuschaun. Wenn sie hier nicht zu finden ist, dann nirgends. Soviel zum Guten.
Was weniger gelungen ist: Es gibt keine Struktur, keinen Spannungsbogen, da wird keine Linie herausgearbeitet, diese 768 Seiten sind ein einziges "unddannunddannunddann". Werner arbeitet sorgsam und präzise jede einzelne Inszenierung, jedes Dirigat ab. Eines nach dem anderen, jedes penibel und akribisch. So kommt es, dass man schnell das Gefühl hat: Das kenne ich schon. Fast jedes Kapitel ist gleich aufgebaut: Kleiber wird irgendwie überzeugt oder geködert und erklärt sich bereit, ein Stück einzustudieren. Er schockiert die Musiker mit seinen hohen Anforderungen, hat ungewöhnliche Wünsche, Selbstzweifel, es gibt Konflikte, die keiner erwartet, und entweder es knallt dann, und er wirft alles hin, oder es klappt, die Aufführung wird zu einem Riesenerfolg, Musiker, Publikum und Presse schweben dreißig Zentimeter über dem Erdboden und sind sich bewusst, etwas Großartigem, Heiligen begegnet zu sein ... Man kann jedes Kapitel einzeln lesen und genießen, aber wer das Buch von Anfang bis Ende durchliest, ermüdet schnell. Ja, das Buch ist eine gute Arbeit, und man kann gut damit arbeiten. Aber aus dem kleinen Essay von Jens Malte Fischer, den ich im Monat zuvor gelesen habe, steigt einfach mehr Kleiber-Feeling auf ...

Thorgal 35: Scharlachrot

Ronnie O'Sullivan: Running
Autobiografie des größten Genies, das jemals einen Snookertisch abgeräumt hat. Was habe ich mit meiner Mutter zusammen an der Mattscheibe geklebt und wie hypnotisiert zugeschaut. Im Ohr die ruhige, gelassen erklärende Stimme von Rolf Kalb: "Schwarz kann er nicht spielen, Pink auch nicht ..." Ronnie O'Sullivan bekommt das Flackern im Auge, geht um den Tisch, nimmt gar nicht erst Maß, stößt zu, und zack ist die Schwarze versenkt ... Jetzt also seine Autobiografie. Ja, man merkt, dass die selbst geschrieben ist. Klingt absolut nicht so, als helfe da ein brillanter, eingekaufter Stilist im Hintergrund. O'Sullivan schreibt einfach und schlicht, er ist kein gelernter Erzähler, insofern kingt es stellenweise etwas eckig und hakt, dafür eben authentisch und direkt. Und der Titel "Running" ist genau so gemeint: Was ihn bei Drogen-Exzessen, Familien-Katastrophen und psychischen Abstürzen immer wieder stabilisiert und auf Kurs gebracht hat, war eben das Laufen. Fast geht es mehr um das Laufen als um Snooker, und auch die Einteilung des Buches bilden Laufstrecken und Zeiten. Schon ein sehr interessantes Buch.

Hugo von Hofmannsthal: Jedermann
Geschichte eines reichen Mannes, den der Tod abholen will. Jedermann erwirkt einen Aufschub, um einen Menschen zu suchen, der mit ihm gehen will. Ein Theaterstück in der Tradition mittelalterlicher Mysterienspiele, die Homannsthal im Tonfall auch sehr gut trifft. Eine Hamburger-Lesehefte-Ausgabe. Enthält außerdem die frühe Fassung vom 1905, das alte Spiel von Jedermann, das Spiel vor der Menge, ein Nachwort mit Infos zu Stoffgeschichte und Autor, eine Zeittafel und einen Zeilenkommentar. Also recht gut ausgestattet.


September

Aileen P. Roberts: Feenfeuer

Jens Schumacher: Der Hügel von Yhth

Die Welten von Thorgal: Lupine - Die Königin der Schwarzelfen

Jugurtha: Gesamtausgabe 2
- Der Kampf um die sieben Hügel
- Die Wölfe der Steppe
- Die große Mauer
- Der Rote Prinz
Die Serie hat seit Teil 3 nichts mehr zu tun mit dem historischen Jugurtha. Das muss man akzeptieren, wenn man weiterlesen und Spaß daran haben will. Also, weg mit dem Purismus. Jugurtha ist zunächst weiterhin an der Seite derjenigen, die gegen Rom kämpfen. Allerdings ist aus dem einst von Hass verzehrten Kämpfer ein nachdenklicher Mann geworden, der sich nach Frieden sehnt. Als er mit seinem Heer vor den Toren Roms lagert, verbringt er eine Nacht damit zu überlegen, ob er die Stadt wirklich zerstören soll. Gefallen hat mir, als ich die Geschichten in der Carlsen-Ausgabe erstmals las, am besten das Zusammentreffen zwischen Mithridates und Jugurtha. Die beiden gehörten für mich sowieso eng zusammen. Im Comic aber sind sie zwei sehr unterschiedliche Charaktere, und der pontische König ist ziemlich unsympathisch. Danach verlässt die Story mehr und mehr den Bereich der römischen Historie. Es geht durch die Steppe und nach China. Bis dahin hatte ich die Carlsen-Ausgaben gelesen. Neu war für mich das Abenteuer "Der Rote Prinz", ein übler Kerl, der in der Gegend von Malaysia, Sumatra und Borneo seine Schreckensherrschaft ausübt. Also sehr weit weg vom ursprünglichen Aktionsgebiet des numidischen Prinzen. Nicht unbedingt schlecht, aber vom Hocker gerissen hat es mich auch nicht.

Eva-Maria Thimme (Hg.): Moses Mendelssohn. Freunde, Feinde & Familie.
Keine Abhandlung, sondern eine Art Katalog zur Ausstellung, allerdings ein nachgereichter. Denn als die Ausstellung "Moses Mendelssohn. Freunde, Feinde und Familie" 2012 im Centrum Judaicum in Berlin eröffnet wurde, gab es noch kein Begleitbuch, es erschien erst 2014, ein Jahr nach Ende der Ausstellung. Das Buch enthält Fotos der Ausstellungsstücke und die Beschreibungen dazu, sowie einige lesenswerte Aufsätze. Gut, dass es doch noch herauskam.

Jan-Eike Hornauer (Hrsg.): Wenn Liebe schwant

Scholem Alejchem: Tewje, der Milchmann
Ein Buch, das ich schon lange auf meiner To-do-Liste habe. Jetzt habe ich es endlich geschafft, mir die Vorlage für "Anatevka" anzuschaun. Sieht doch etwas anders aus. Die Geschichte eines jüdischen Milchmanns, der versucht, seine Töchter an gute Ehemänner zu verheiraten. Aber es ist nicht alles Gold, was glänzt, und jede Ehe, die der Schadchen stiftet oder die die jungen Leute unter sich ausmachen, wird übler als die vorherige. Heiter, traurig, klug, weise und ein bisschen augenzwinkernd, und am Ende sogar lebensbedrohlich für den guten Tewje.


Weitere Jahresrückblicke:
Teil I: Januar bis März 2017
Teil II: April bis Juni 2017
Teil IV: Oktober bis Dezember 2017


© Petra Hartmann






Falkenblut, 2020

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Blut und Tod, so weit die Falkenaugen reichen: So hatte sich Valkrys ihren ersten Flug als Walküre nicht vorgestellt. Ragnarök, die Endzeit-Schlacht, ist geschlagen. Die Götter tot, die Welt ein Flammenmeer, das Götterreich Asgard droht, in die Tiefe zu stürzen. Einzig Widar, den Sohn und Erben Odins, kann die Walküre retten. Doch der neue Götterkönig schweigt sich über seine Ziele aus ...

Es ist eine schaurige Welt, in der sich die junge Walküre behaupten muss. Doch Valkrys wäre keine echte Falkin, wenn sie einem Kampf aus dem Weg gehen würde. Todesmutig und mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor stürzt sie sich in die Begegnungen mit Jöten, Thursen, Reifriesen, Seelenräuberinnen, Werwölfen, Berserkern, Hexen, Meerungeheuern und dem furchtbaren Totenschiff Naglfari.

 

 

Petra Hartmann: Falkenblut.

Sibbesse: Hottenstein, 2020.

Broschiert, 247 S., Euro 11.

ISBN 978-3935928991

 

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Hörbuch: Drachen! Drachen! 2020

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Fatal wäre es, Drachen zu unterschätzen! Wer glaubt, genug über sie zu wissen, hat schon verloren. Diese 23 meisterlichen Geschichten aus verschiedenen literarischen Genres belegen, dass das Thema aktuell, überraschend und packend ist - und gelegentlich fies!

Die Autoren: Rainer Schorm, Achim Mehnert, Andrea Tillmanns, Malte S. Sembten, Frank G. Gerigk, Christel Scheja, Fiona Caspari, Hendrik Loy, Christiane Gref, Linda Budinger, Miriam Pharo, Carsten Steenbergen, Rebecca Hohlbein, Frank W. Haubold, Melanie Brosowski, Astrid Ann Jabusch, Thomas R. P. Mielke, Karsten Kruschel, Marc A. Herren, Petra Hartmann, Monika Niehaus, Uwe Post.

 

Herausgeber: Petra Hartmann, Frank G. Gerigk

Sprecher: Tim Schmidt

Blitz-Verlag

Ungekürzte Lesung

mp3-Download

611 Minuten, 495.91 MB

9783991093435

 

Zu bestellen unter anderem bei Thalia oder bei Amazon.

Nestis und die verbotene Welle, 2017

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Meerprinzessin Nestis und ihre Freunde sind sauer: Lehrer Seestern meint, dass laute Haifischmusik nichts für Kinder ist. Und der Kronrat stimmt ihm zu. Deshalb bekommt die Band »Ã˜lpæst« Auftrittsverbot in der gesamten Nordsee. Doch plötzlich ist deren Musik überall zu hören: Ein Piratensender strahlt die Hits der Knorpelfischgang lautstark aus.

Als eine hochexplosive Kugelmine über dem blauen Glaspalast im Meer dümpelt und ein führungsloser Öltanker in die Nordsee einfährt, droht eine wirkliche Ölpest. Gelingt es den Meerkindern, ein Unglück zu verhindern?

 

Petra Hartmann: Nestis und die verbotene Welle. Mit Illustrationen von Olena Otto-Fradina. Hildesheim: Verlag Monika Fuchs. Voraussichtlich ab Juni 2017 erhältlich.

Buch-Infos: ca. 152 Seiten, 14,2 x 20,6 cm, Hardcover, zahlreiche s/w-Illustrationen, mit Fadenheftung, Euro 14,90, ISBN 978-3-977066-00-1

 

Leseprobe

 

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Demantin, 2016

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Demantin, der junge König von Antrium, liebt die griechische Königstochter Sirgamot. Doch ihr Vater ist strikt gegen die Hochzeit. Immerhin ist Sirgamot erst zwölf Jahre alt. So zieht Demantin in die Welt, um Ruhm zu erwerben, den Namen seiner Geliebten durch seine Taten zu verherrlichen und sich dem griechischen König als Schwiegersohn zu empfehlen. Er besteht heldenhafte Kämpfe, erwirbt sich die Freundschaft der Königin und des Königs von England und besiegt ein schauriges Meerweib. Letzteres allerdings erweist sich als verhängnisvoll. Denn die sterbende Unholdin verflucht Demantin und prophezeit, dass seine Geliebte mit dem üblen König Contriok verlobt werden soll. Kann Demantin noch rechtzeitig zurückkehren, um die Hochzeit zu verhindern?

 

Berthold von Holle / Petra Hartmann: Demantin. Ein Ritter-Epos
128 Seiten | 12 x 17 cm | Softcover | Klebebindung |
Verlag Monika Fuchs | Hildesheim 2016
ISBN 9-78-3-940078-34-6
8,95 EUR

 

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Leseprobe

 

Crane, 2016

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Gayol, der Sohn des ungarischen Königs, hat in jugendlichem Übermut den alten Hofmarschall seines Vaters zum Wettkampf herausgefordert und eine peinliche Niederlage erlitten. Aus Scham flüchtet er und gerät ins Reich des deutschen Kaisers, wo er unerkannt unter dem Namen Crane (Kranich) eine Stellung als Kämmerer annimmt und bald sehr beliebt ist. Doch als der Fremde und die Kaiserstochter einander näher kommen und Hofbeamten Unzucht und eine unstandesgemäße Liebschaft wittern, beginnt eine schwere Zeit für Königssohn und Kaiserstochter. Kann Gayol sich auf die Treue Acheloydes verlassen? Und kann die lebensbedrohliche Krankheit der Prinzessin noch geheilt werden?

 

Berthold von Holle / Petra Hartmann: Crane. Ein Ritter-Epos
84 Seiten | 12 x 17 cm | Softcover | Klebebindung |
Verlag Monika Fuchs | Hildesheim 2016
ISBN 978-3-940078-48-3
6,95 EUR

 

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Leseprobe

Hut ab, Hödeken! 2015

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Ein rasender Bischof auf dem Rennstieg.
Wegweiser, die sich wie von Geisterhand drehen.
Jäger in Todesangst.
Bierkutscher mit unheimlicher Fracht.
Ein stammelnder Mönch,
der plötzlich zum brillanten Redner wird.
Sollte da Hödeken seine Hand im Spiel haben?
Sagen um einen eigenwilligen Geist
aus dem Hildesheimer Land,
frisch und frech nacherzählt
von Petra Hartmann.

 

Petra Hartmann: Hut ab, Hödeken!

Hildesheim: Verlag Monika Fuchs.

101 S., Euro 7,95.

ISBN 978-3-940078-37-7

 

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Leseprobe

Freiheitsschwingen, 2015

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Deutschland in den 1830er-Jahren: Für Handarbeit, arrangierte Ehe und Kinderkriegen hat die junge Bürgermeistertochter wenig übrig. Stattdessen interessiert sie sich für Politik und Literatur und greift sehr zum Leidwesen ihres Vaters selbst zur Feder, um flammende Texte für die Gleichberechtigung der Frau und die Abschaffung der Monarchie zu verfassen. Angestachelt von der revolutionären Stimmung des Hambacher Festes versucht sie, aus ihrem kleinbürgerlichen Dasein auszubrechen und sich als Journalistin zu behaupten. Gemeinsam mit ihrer großen Liebe verschreibt sie sich dem Kampf für ein freies, geeintes Deutschland und schlägt den Zensurbehörden ein Schnippchen. Die Geheimpolizei ist ihnen jedoch dicht auf den Fersen, und die junge Journalistin begeht den verhängnisvollen Fehler, ihre Gegner zu unterschätzen

 

Petra Hartmann: Freiheitsschwingen

Personalisierter Roman

München: Verlag Personalnovel, 2015

ca. 198 Seiten. Ab Euro 24,95.

(Einband, Schriftart und -größe, Covergestaltung etc. nach Wahl.)

 

Bestellen unter:

www.tinyurl.com/Freiheitsschwingen

 

Timur, 2015

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Wer ist der bleiche Jüngling im Verlies unter der Klippenfestung? Prinzessin Thia will ihn retten. Doch wer Timurs Ketten bricht, ruft Tod und Verderben aus der Tiefe hervor. Als der Blutmond sich über den Horizont erhebt, fällt die Entscheidung ...

 

Beigaben:

Nachwort zur Entstehung

Original-Erzählung von Karoline von Günderrode

Autorinnenbiografien

Bibliografie

 

Petra Hartmann: Timur

Coverillustration: Miguel Worms

Bickenbach: Saphir im Stahl, 2015.

ISBN: 978-3-943948-54-7

Taschenbuch, 136 S.

Euro 9,95

 

 

Ulf, 2015

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Ein Roman-Experiment mit ungewissem Ausgang: Ulf (Magisterstudent unbekannter Fachrichtung), stammt aus einem Dorf, das mehrmals jährlich überschwemmt wird. Zusammen mit Pastor Dörmann (Geistlicher unbekannter Konfession) und Petra (Biografin ohne Auftrag) überlegt er, was man dagegen tun kann. Als ein vegetarisches Klavier die Tulpen des Gemeindedirektors frisst und das Jugendamt ein dunkeläugiges Flusskind abholen will, spitzt sich die Situation zu. Nein, Blutrache an Gartenzwergen und wütende Mistgabelattacken sind vermutlich nicht die richtigen Mittel im Kampf für einen Deich ...
Mal tiefgründig, mal sinnlos, etwas absurd, manchmal komisch, teilweise autobiografisch und oft völlig an den Haaren herbeigezogen. Ein Bildungs- und Schelmenroman aus einer Zeit, als der Euro noch DM und die Bahn noch Bundesbahn hieß und hannöversche Magister-Studenten mit dem Wort "Bologna" nur eine Spaghettisauce verbanden.

 

Petra Hartmann:

Ulf. Ein Roman-Experiment in zwölf Kapiteln.

eBook

Neobooks 2015

Euro 2,99

Erhältlich unter anderem bei Amazon

Vom Feuervogel, 2015

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Ein Tempel in der Wüste. Heilige Männer, die sich dem Dienst des Feuervogels geweiht haben. Ein Hirtenjunge, der seinem Traum folgt. Aber wird der alte und kranke Phönix wirklich zu neuem Leben wiederauferstehen, wenn der Holzstoß niedergebrannt ist? Eine Novelle von Idealen und einer Enttäuschung, die so tief ist, dass kein Sonnenstrahl je wieder Hoffnung bringen kann.

 

Petra Hartmann:

Vom Feuervogel. Novelle.

Erfurt: TES, 2015.

BunTES Abenteuer, Heft 30.

40 Seiten, Euro 2,50 (plus Porto).

Bestellen unter:

www.tes-erfurt.jimdo.com

 

eBook:

Neobooks, 2015.

Euro 1,99.

Unter anderem bei Amazon

Nestis und die Hafenpiraten, 2014

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Endlich Sommerferien! Nestis und ihre Freunde freuen sich auf sechs Wochen Freiheit und Abenteuer. Doch ausgerechnet jetzt verhängt der Kronrat ein striktes Ausgehverbot für alle Meerkinder. Denn in der Nordsee treibt plötzlich ein furchtbares “Phantom† sein Unwesen. Möwen, Lummen und Tordalke werden von einem unheimlichen Schatten unter Wasser gezerrt und verschwinden spurlos.

Nestis beschließt, den Entführer auf eigene Faust zu jagen. Als ein Dackel am Strand von Achterndiek verschwindet, scheint der Fall klar: Die gefürchteten “Hafenpiraten† müssen dahinter stecken. Zusammen mit ihrem Menschenfreund Tom wollen die Meerkinder der Bande das Handwerk legen †¦

Petra Hartmann: Nestis und die Hafenpiraten
Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2014
ISBN 978-3-940078-84-1
14,90 EUR

 

 

Leseprobe unter

 

www.tinyurl.com/nestis2

Blitzeis und Gänsebraten, 2014

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Weihnachten im Potte †¦

†¦ ist so vielfältig wie die Menschen, die dort leben. Und deshalb findet sich auf diesem Bunten Teller mit 24 Hildesheimer Weihnachtsgeschichten für jeden etwas: romantische Erzählungen und freche Gedichte, Erinnerungen an die Nachkriegszeit, Geschichten von neugierigen Engeln, eifrigen Wichteln und geplagten Weihnachtsmännern. Der Huckup und die »Hildesheimer Weisen« fehlen auch nicht. Was es aber mit dem Weihnachtswunder an der B6 auf sich hat, erfahren Sie auf Seite 117. - Greifen Sie zu!

 

 

Petra Hartmann & Monika Fuchs (Hrsg.): Blitzeis und Gänsebraten. Hildesheimer Weihnachtsgeschichten.

Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2014.

144 Seiten | 12 x 17 cm | Paperback |

ISBN 978-3-9400787-57-5
8,90 EUR

 

Leseprobe

Beim Vorderhuf meines Pferdes, 2014

Eingefügtes Bild

Das Messer zuckte vor. Fauchend wich die riesige Katze zurück. Doch nur, um sofort wieder anzugreifen. Das Mädchen, das auf dem Leichnam seiner Stute kauerte, schien verloren.
Acht Jahre ist Steppenprinzessin Ziris alt, als sie bei einem Sandkatzenangriff ihr Lieblingspferd verliert. Ist es wirklich wahr, was ihr Vater sagt? "Alle Pferde kommen in den Himmel ..."
Drei Erzählungen aus der Welt der Nearith über edle Steppenrenner, struppige Waldponys und die alte graue Stute aus Kindertagen.

Petra Hartmann: Beim Vorderhuf meines Pferdes. Neue Geschichten aus Movenna. eBook, ca. 30 Seiten. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2014. Euro 0,99.

Erhältlich unter anderem bei Amazon.

Darthula, 2014

Eingefügtes Bild

Darthula ist die Tochter eines irischen Kleinkönigs, der über das nebelreiche Land Selama herrscht. Als schönste Prinzessin Irlands lebt sie allerdings nicht ungefährlich. Als sie den mächtigen König Cairbar abweist und ihm nicht als seine Braut folgen will, nimmt das Unheil seinen Lauf. Cairbar überzieht das kleine Selama mit Krieg und Vernichtung und rottet Darthulas Familie aus. Mit ihrem Geliebten Nathos wagt die junge Frau die Flucht über die stürmische See. Aber Wind und Wellen sind unzuverlässige Verbündete ...

Beigaben zur Neuausgabe:
Vorwort der Autorin mit Infos zur Entstehungsgeschichte
Übersetzung des "ossianischen Originals"
Autorinnenbiographie und Veröffentlichungsliste

Buch-Informationen:
Petra Hartmann: Darthula, Tochter der Nebel.
Bickenbach: Verlag Saphir im Stahl, 2014.
Taschenbuch. 126 S., Euro 9,95.
ISBN 978-3-943948-25-7

Bestellen bei Saphir im Stahl

Pressearbeit für Autoren, 2014

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Petra Hartmann, Autorin und langjährige Lokalredakteurin, gibt Tipps für die Pressearbeit vor Ort. Sie erklärt die Wichtigkeit der „Ortsmarke“ für eine Zeitung, gibt Tipps zum Schreiben von Artikeln, zum guten Pressefoto und zum Umgang mit Journalisten. Anschaulich, verständlich, praxisorientiert und für Autoren jedes Genres anwendbar.

Petra Hartmann: Pressearbeit für Autoren. So kommt euer Buch in die Lokalzeitung.
eBook. Neobooks, 2014. Ca. 30 Seiten.
Euro 1,99
Diverse Formate, für alle gängigen eBook-Reader.
Erhältlich z.B. bei Amazon, eBook.de, Thalia, Hugendubel, Weltbild u.a.

Nestis und der Weihnachtssand, 2013

Eingefügtes Bild

Als kleine Weihnachtsüberraschung gibt es für Fans des "großen" Nestis-Buchs "Nestis und die verschwundene Seepocke" jetzt ein kleines bisschen Weihnachtssand: Der Verlag Monika Fuchs hat aus der "Ur-Nestis", einem Helgoland-Märchen aus dem Jahr 2007, jetzt ein eBook gemacht. Mit einem wunderschönen Cover von Olena Otto-Fradina und mit ein paar exklusiven Einblicken in Nestis' Nordseewelt.

Klappentext:
"November 2007: Orkantief Tilo tobt über die Nordsee und reißt große Teile der Helgoländer Düne ins Meer. Wer soll nun die Robbenküste reparieren? Meerjungfrau Nestis wünscht sich einfach mal vom Weihnachtsmann 500.000 Kubikmeter Sand ..."

Bonus-Material:
Die Autorin im Interview mit Wella Wellhorn von der Meereszeitung "Die Gezeiten"
XXL-Leseprobe aus "Nestis und de verschwundene Seepocke"

Petra Hartmann: Nestis und der Weihnachtssand. Ein Helgoland-Märchen. Mit Illustrationen von Olena Otto-Fradina. Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2013. 99 Cent.

Erhältlich für den Amazon-Kindle

Nestis und die verschwundene Seepocke, 2013

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Eine ausführliche Leseprobe findet ihr hier:
www.tinyurl.com/nestis


Wütend stampft Meerjungfrau Nestis mit der Schwanzflosse auf. Ihre Schwester Undine ist von den Menschen gefangen worden – und weder Meerkönig noch Kronrat wagen, die Kleine zu retten. Aber Nestis fürchtet sich nicht einmal vor den furchtbarsten Monstern des Meeres. Zusammen mit ihren Freunden bricht sie auf zur Rettungsaktion, und es zeigt sich, dass tollpatschige Riesenkraken und bruchrechnende Zitteraale großartige Verbündete sind.
Petra Hartmann entführt ihre Leser in eine etwas andere Unterwasserwelt mit viel Humor und Liebe zum Detail. Trotz des phantastischen Meermädchen-Themas findet der Leser auch sehr viel naturnahe Beobachtungen aus Nord- und Ostsee, lernt die Meerbewohner und ihre Probleme kennen. Dabei werden unter anderem auch die Meeresverschmutzung, Fischerei und die wenig artgerechte Haltung von Haien in Aquarien behandelt.
Zauberhaft dazu die Zeichnungen von Olena Otto-Fradina.

Text: Petra Hartmann
Bilder: Olena Otto-Fradina
| Hardcover | 14,8 x 21 cm
Verlag Monika Fuchs | Hildesheim 2013
151 S., Euro 14,90
ISBN 978-3-940078-64-3


eBook:
Amazon-Kindle, 2154 KB
Euro 6,99
http://amzn.to/JJqB0b

Autorenträume, 2013

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Autorinnen und Autoren schicken ihre Leser in vergangene Zeiten, ferne Länder, phantastische Welten, spannende Abenteuer und bringen sie zum Träumen.
Wovon aber träumen Autoren? Vom Nobelpreis? Vom Bestseller? Vom Reich-und-berühmt-werden? Oder einfach nur davon, eines Tages vom Schreiben leben zu können? Vom Lächeln auf dem Gesicht eines Kindes, wenn das neue Märchen vorgelesen wird? Oder sind es schreckliche Albträume, die der angebliche Traumberuf mit sich bringt? Werden Schriftsteller nachts im Schlaf gar von Verlegern, Lektoren, Rezensenten oder Finanzbeamten bedroht?
Monika Fuchs und Petra Hartmann starteten eine »literarische Umfrage«, wählten aus den über 300 Antworten 57 phantasievolle Beiträge aus und stellten sie zu diesem Lesebuch zusammen. Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen des Autorenalltags und träumen Sie mit!
Von jedem verkauften Buch wird 1 Euro an das Hilfswerk Brot & Bücher e.V. der Autorin Tanja Kinkel gespendet, die auch das Geleitwort zum Buch schrieb.

Petra Hartmann und Monika Fuchs (Hrsg.):
Autorenträume. Ein Lesebuch.
ISBN 978-3-940078-53-7
333 S., Euro 16,90

Bestellen beim Verlag Monika Fuchs

Mit Klinge und Feder, 2013

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Phantasie statt Völkerschlachten - das war das Motto, unter dem die Phantastik Girls zur Schreibfeder griffen. Mit Humor, Gewitztheit und ungewöhnlichen Einfällen erzählen sieben Autorinnen ihre Geschichten jenseits des Mainstreams der Fantasy. Kriegerinnen und gut bewaffnete Zwerge gehören dabei genau so zum Personal wie sprechende Straßenlaternen, Betonfresser oder skurrile alte Damen, die im Bus Anspruch auf einen Behindertensitzplatz erheben. Dass es dennoch nicht ohne Blutvergießen abgeht, ist garantiert: Immerhin stecken in jeder der Storys sechs Liter Herzblut. Mindestens.

Mit Klinge und Feder. Hrsg. v. Petra Hartmann und Andrea Tillmanns.
Mit Geschichten von Linda Budinger, Charlotte Engmann, Petra Hartmann, Stefanie Pappon, Christel Scheja, Andrea Tillmanns und Petra Vennekohl.
Homburg/Saar: UlrichBurger Verlag, 2013. 978-3943378078
247 S., Euro 9.
Bestellen bei Amazon

eBook:
396 KB, Euro 5,49.
Format: Kindle
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Das Serum des Doctor Nikola, 2013

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Berlin, 1927. Arbeitslos, pleite und mit der Miete im Rückstand: Bankierssohn Felix Pechstein ist nach dem "Schwarzen Freitag" der Berliner Börse ganz unten angekommen. Da erscheint das Angebot, in die Dienste eines fremden Geschäftsmannes zu treten, eigentlich als Geschenk des Himmels. Doch dieser Doctor Nikola ist ihm mehr als unheimlich. Vor allem, als Felix den Auftrag erhält, Nikola zu bestehlen ...

Petra Hartmann: Das Serum des Doctor Nikola
Historischer Abenteuerroman.
ISBN 978-3-938065-92-1
190 S., 12,95 Euro.
Bestellen beim Wurdack-Verlag

Leseprobe

Hörbuch: Der Fels der schwarzen Götter, 2012

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Bei einer Mutprobe begeht der junge Ask einen folgenschweren Fehler: Er schlägt einem der schwarzen Götter die Nase ab. Der unscheinbare Dreiecksstein wird Auslöser eines der blutigsten Kriege, die das Land jemals erlebt hat.
Bald wissen die Völker des Berglandes nicht mehr, wen sie mehr fürchten sollen: die schwarzen Götter, die weißen Dämonen oder die sonnenverbrannten Reiter aus den fernen Steppen ...

Der Fels der schwarzen Götter.
Hörbuch. 8 Stunden, 57 Minuten.
Sprecherin: Resi Heitwerth.
Musik: Florian Schober.
Action-Verlag, 2012.
CD/DVD: 16,95 Euro
mp3-Download: 11,95 Euro

Hörbuchfassung des 2010 im Wurdackverlag erschienenen Buchs "Der Fels der schwarzen Götter".

Drachen! Drachen! 2012

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Frank G. Gerigk & Petra Hartmann (Hrsg.)
DRACHEN! DRACHEN!
Band 01, Drachen-Anthologie
ISBN: 978-3-89840-339-9
Seiten: 384 Taschenbuch
Grafiker: Mark Freier
Innengrafiker: Mark Freier
Preis: 14,95 €
Bestellen beim Blitz-Verlag

Fatal wäre es, Drachen zu unterschätzen! Wer glaubt, genug über sie zu wissen, hat schon verloren.
Diese 23 meisterlichen Geschichten aus verschiedenen literarischen Genres belegen, dass das Thema aktuell, überraschend und packend ist - und gelegentlich fies!

Die Autoren:
Rainer Schorm, Achim Mehnert, Andrea Tillmanns, Malte S. Sembten, Frank G. Gerigk, Christel Scheja, Fiona Caspari, Hendrik Loy, Christiane Gref, Linda Budinger, Miriam Pharo, Carsten Steenbergen, Rebecca Hohlbein, Frank W. Haubold, Melanie Brosowski, Astrid Ann Jabusch, Thomas R. P. Mielke, Karsten Kruschel, Marc A. Herren, Petra Hartmann, Monika Niehaus, Uwe Post.
Originalveröffentlichung!

Links

Meine Heimseite:

www.petrahartmann.de

 

Facebook-Autorenseite:

www.facebook.com/AutorinPetraHartmann/

 

Seite der Nestis-Serie:

www.nestis.net

 

Nestis auf Facebook:

www.facebook.com/nestis.net/

 

Nestis auf Twitter:

https://twitter.com/NestisLogbuch

 

Die Falkin auf Facebook:

https://www.facebook.com/FalkinValkrys

 

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Biografie

Petra Hartmann, Jahrgang 1970, wurde in Hildesheim geboren und wohnt in Sillium. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft in Hannover. Auf den Magisterabschluss folgten die Promotion mit einer Doktorarbeit über den jungdeutschen Schriftsteller Theodor Mundt und ein zweijähriges Volontariat bei der Neuen Deister-Zeitung in Springe. Anschließend war sie dort fünf Jahre Lokalredakteurin. Ferner arbeitete sie für die Leine-Zeitung in Neustadt am Rübenberge, die Nordsee-Zeitung in Bremerhaven, die Neue Presse in Hannover und die Volksstimme in Gardelegen. Derzeit ist sie bei der Goslarschen Zeitung beschäftigt.
Als Schriftstellerin liebt sie vor allem das fantastische Genre. Sie verfasst hauptsächlich Fantasy und Märchen. Bekannt wurde sie mit ihren Fantasy-Romanen aus der Welt Movenna. Mit den Abenteuern der Nordsee-Nixe Nestis legte sie ihre erste Kinderserie vor. Sie errang mit ihren Geschichten dreimal den dritten Platz bei der Storyolympiade und wurde 2008 mit dem Deutschen Phantastik-Preis ausgezeichnet.

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Leserunden zum Nachlesen

Leserunde zu "Darthula, Tochter der Nebel" auf Lovelybooks. Mit Autorin Petra Hartmann und Cover-Künstler Miguel Worms: http://www.lovelyboo...nde/1201913120/

 

Leserunde auf Lovelybooks zu "Nestis und die verschwundene Seepocke": Mit Autorin Petra Hartmann und Verlegerin Monika Fuchs:

http://www.lovelyboo...nde/1166725813/

 

Leserunde auf Lovelybooks zu "Mit Klinge und Feder": Mit den Autorinnen Linda Budinger, Petra Hartmann, Stefanie Pappon, Christel Scheja, Andrea Tillmanns und Petra Vennekohl: http://www.lovelyboo...nde/1156671163/

 

Leserunde zu "Falkenblut" auf Lovelybooks: https://www.lovelybo...263/2687604262/

Geschichten über Nestis

Bücher
"Nestis und die verschwundene Seepocke. Ein Meermädchen-Roman." Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2013.
"Nestis und die Hafenpiraten. Ein Meermädchen-Roman." Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2014.

"Nestis und die verbotene Welle. Ein Meermädchen-Roman." Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2017.

 

Mini-Buch

"Nestis und der Weihnachtssand. Ein Helgoland-Märchen." Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2017.

eBooks
"Nestis und der Weihnachtssand. Ein Helgoland-Märchen." Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2013.
"Nestis und die verschwundene Seepocke. Ein Meermädchen-Roman." Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2013.

"Nestis und die Hafenpiraten. Ein Meermädchen-Roman." Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2014.

Hörbuch
"Eine Hand voll Weihnachtssand." In: Petra Hartmann: "Weihnachten im Schneeland". Gelesen von Karin Sünder. Mit Musik von Simon Daum. Essen: Action-Verlag, 2010. (mp3-Download und CD-ROM)

Beiträge zu Anthologien
"Weihnachtssand für Helgoland." In: "Wenn die Biiken brennen. Phantastische Geschichten aus Schleswig-Holstein." Hrsg. v. Bartholomäus Figatowski. Plön: Verlag 71, 2009. S. 163-174.

Hödeken-Lesestoff

Buch

Petra Hartmann: Hut ab, Hödeken! Sagen aus dem Hildesheimer Land. Hildesheim: Verlag Monika Fuchs. 101 S., Euro 7,95. ISBN 978-3-940078-37-7. Unter anderem erhältlich bei Amazon.

 

Hörbuch

Petra Hartmann: Hut ab, Hödeken! Sagen aus dem Hildesheimer Land. 2 CD. Hildesheim: Verlag Monika Fuchs. Euro 14,95. ISBN: 978-3940078414. Unter anderen erhältlich bei Amazon.

 

eBook

Petra Hartmann: Hut ab, Hödeken! Sagen aus dem Hildesheimer Land. Hildesheim: Verlag Monika Fuchs.

 

Geschichten

Das Wagenrennen auf dem Rennstieg. In: Hildesheimliche Autoren e.V.: Hildesheimer Geschichte(n). Ein Beitrag zum 1200-jährigen Stadtjubiläum. Norderstedt: Book on Demand. 196 S., Euro 9,99. ISBN 978-3734752698. Unter anderem erhältlich bei Amazon.

Die glücklose Hasenjagd. In: MVP-M. Magazin des Marburger Vereins für Phantastik. Marburg-Con-Ausgabe. Nr. 19b. S. 36-40.

 

Lesung

Das Wagenrennen auf dem Rennstieg, Radio Tonkuhle, Sendung vom April 2015.

 

Movenna-Kompass

Übersicht über die Romane und Erzählungen aus Movenna


Bücher

Geschichten aus Movenna. Fantasy. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2004. 164 S.
Ein Prinz für Movenna. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2007. 188 S.
Der Fels der schwarzen Götter. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2010. 240 S.

 

eBooks

 

Geschichten aus Movenna. Fantasy. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2014.
Ein Prinz für Movenna. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2014.
Der Fels der schwarzen Götter. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2014.

Beim Vorderhuf meines Pferdes. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2014.

Hörbuch

Der Fels der schwarzen Götter. Action-Verlag, 2012.


Movennische Geschichten in Anthologien und Zeitschriften

Die Krone Eirikirs. In: Traumpfade (Anthologie zur Story-Olympiade 2000). Hrsg. v. Stefanie Pappon und Ernst Wurdack. Dresden, 2001. S. 18-25.
Flarics Hexen. In: Geschöpfe der Dunkelheit (Anthologie zur Story-Olympiade 2001). Hrsg. v. Stefanie Pappon und Ernst Wurdack. Dresden, 2002. S. 22-28.
Raubwürger. In: Kurzgeschichten, September 2004, S. 20f.
Furunkula Warzenkraish. Elfenschrift, dritter Jahrgang, Heft 2, Juni 2006. S. 10-14.
Der Leuchtturm am Rande der Welt. In: Elfenschrift, vierter Jahrgang, Heft März 2007, S. 18-21.
Gewitternacht. In: Im Bann des Nachtwaldes. Hrsg. v. Felix Woitkowski. Lerato-Verlag, 2007. S. 57-60.
Pfefferkuchen. In: Das ist unser Ernst! Hrsg. v. Martin Witzgall. München: WortKuss Verlag, 2010. S. 77-79.
Winter-Sonnenwende. In: Mit Klinge und Feder. Hrsg. v. Petra Hartmann und Andrea Tillmanns. Homburg/Saar: UlrichBurger Verlag, 2013. S. 51-59.
Der Reiter auf dem schwarzen Pferd. Ebd. S. 60-68.

Die Blaubeerbrücke. In: Met-Magie. Hrsg. v. Amandara M. Schulzke und Nadine Muriel. Hamburg: Acabus Verlag, 2022. S. 163-174.

 

 

Movennische Geschichten in Fanzines

Föj lächelt. In: Alraunenwurz. Legendensänger-Edition Band 118. November 2004. Hrsg. v. Christel Scheja. S. 23.
Raubwürger. In: Drachenelfen. Legendensänger-Edition Band 130. Januar 2006. Hrsg. v. Christel Scheja. S. 3-5.
Goldauge. In Phantastische Geschichten mit den Phantastik Girls. (Broschüre der Phantastik Girls zum MarburgCon 2007)


Aufsätze

Wie kann man nur Varelian heißen? Über das Unbehagen an der Namensgebung in der Fantasy. In: Elfenschrift, 5. Jahrgang, März 2008. S. 16f.


Movennische Texte online

Aus "Geschichten aus Movenna":
König Surbolds Grab
Das letzte Glied der Kette
Brief des Dichters Gulltong
Der Kranich
Die Rückkehr des Kranichs

Aus "Ein Prinz für Movenna":
Der Leuchtturm am Rand der Welt
Furunkula Warzenkraish
Gewitternacht

Aus "Der Fels der schwarzen Götter":
Der Waldalte
Hölzerne Pranken
Im Bann der Eisdämonen

Die Bibliothek der Falkin

Übersicht über die Romane und Novellen über die Walküre Valkrys, genannt "die Falkin"

Bücher

Die letzte Falkin. Heftroman. Dortmund: Arcanum Fantasy Verlag, 2010.
Falkenblut. Sibbesse: Hottenstein-Verlag, Sommer 2020.

eBooks

Falkenblut. Vier Fantasy-Romane. eBook-Ausgabe. Chichili und Satzweiss.com, 2012. (vergriffen)

Falkenfrühling. Novelle. eBook. Dortmund: Arcanum Fantasy Verlag, 2011. (vergriffen)

Falkenfrühling. Novelle. In: Best of electronic publishing. Anthologie zum 1. Deutschen eBook-Preis 2011. eBook. Chichili und Satzweiss.com, 2011. (unter anderem erhältlich bei Thalia und Amazon)


Aufsatz

Aegirs Flotte - ein Nachruf. In: Fandom Observer, Dezember 2011. S. 16-18. Online-Magazin und Blogversion

Die Schlagzeile, 2011/2012

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Petra Hartmann: Die Schlagzeile.
Personalisierbarer Roman.
PersonalNovel Verlag, 2011.
eBook: PersonalNovel, 2012.
Personalisieren und bestellen

Verschlafen und idyllisch liegen sie da, die Orte Barkhenburg, Kleinweltwinkel und Reubenhausen. Doch dann stört der Diebstahl einer Heiligenfigur die Ruhe: Ein jahrhundertealter Hass bricht wieder aus und ein hitziger Streit entflammt, der aus Freunden Feinde und aus friedlichen Nachbarn sich prügelnde Gegner macht. Mittendrin: Eine Journalistin, die bereit ist, für eine Schlagzeile im Sommerloch alles zu geben. Mit viel Einsatz und einer Prise Humor versucht sie, das Geheimnis um die verschwundene Hubertus-Statue aufzuklären, und muss sich dabei mit erregten Politikern, aufgebrachten Dorfbewohnern und einem nervösen Chefredakteur herumschlagen. Aber die Journalistin lässt sich nicht unterkriegen - bis ihr ein Anruf fünf Minuten vor Redaktionsschluss die Schlagzeile zunichtemacht...

Falkenblut, 2012

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Petra Hartmann: Falkenblut.
Vier Romane in einem Band.
E-Book
Satzweiss.com - chichili agency, 2012.
3,99 Euro

 

Nicht mehr lieferbar!

Neuausgabe in Vorbereitung.


Die Abenteuer der jungen Walküre Valkrys beginnen an ihrem ersten Arbeitstag und ausgerechnet dort, wo die germanischen Götter- und Heldensagen enden: Ragnarök, die Endzeitschlacht, ist geschlagen, Götter und Riesen haben sich gegenseitig aufgerieben, die wenigen Überlebenden irren ziellos durch die Trümmer des zerbrochenen Midgard. An der Seite des neuen Götterkönigs Widar muss sich Valkrys nun behaupten. Dabei trifft sie auf Jöten, Thursen, Reifriesen, Seelenräuberinnen, Werwölfe, Berserker, Hexen, riesenhafte Meerungeheuer und das furchtbare Totenschiff Naglfari. Leseempfehlung ab 12 Jahren.

Meine Bücher 1998 - 2011

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Petra Hartmann
Falkenfrühling
eBook
Arcanum Fantasy Verlag
ISBN: 978-3-939139-59-1

Wegen Verkauf des Arcanum-Verlags ist die Ausgabe nicht mehr erhältlich, aber die Zweitveröffentlichung in der eBook-Anthologie "Best of electronic publishing" gibt es noch als epub oder Kindle-Ausgabe.

Valkrys träumt davon, eine echte Walküre zu sein. Sie springt, noch Kind, vom Dach des Langhauses.
Alle Ermahnungen ihrer Eltern sind vergeblich, sie macht sich an den Aufstieg zum Gipfel der nahen Klippe, besessen vom "Traum vom Fliegen" ...

Fünfter Platz beim Deutschen eBook-Preis 2011.

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Petra Hartmann
Die letzte Falkin
Roman.
Arcanum Fantasy Verlag
ISBN 978-3-939139-62-1
Bestellen beim Arcanum-Verlag

Blut und Tod, so weit die Falkenaugen reichen: So hatte sich Valkrys ihren ersten Flug als Walküre nicht vorgestellt. Ragnarök, die Endzeit-Schlacht, ist geschlagen. Die Götter tot, die Welt ein Flammenmeer, das Götterreich Asgard droht, in die Tiefe zu stürzen. Einzig Vidar, den Sohn und Erben Odins, kann die Walküre retten. Doch der neue Götterkönig schweigt sich über seine Ziele aus †¦


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Petra Hartmann
Der Fels der schwarzen Götter
Roman
Wurdack Verlag
ISBN 978-3-938065-64-8
Bestellen beim Wurdack-Verlag


Hochaufragende Felswände, darin eingemeißelt weit über tausend furchteinflößende Fratzen, die drohend nach Norden blicken: Einer Legende zufolge sind die schwarzen Klippen das letzte Bollwerk Movennas gegen die Eisdämonen aus dem Gletscherreich.
Doch dann begeht der junge Ask bei einer Mutprobe einen folgenschweren Fehler: Er schlägt einem der schwarzen Götter die Nase ab. Der unscheinbare Dreiecksstein wird Auslöser eines der blutigsten Kriege, die das Land jemals erlebt hat. Und die Völker des Berglandes wissen bald nicht mehr, wen sie mehr fürchten sollen: die schwarzen Götter, die weißen Dämonen oder die sonnenverbrannten Reiter aus den fernen Steppen ...


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Petra Hartmann
Darthula
Heftroman
Arcanum Fantasy Verlag
ISBN 978-3-939139-32-4
Bestellen beim Arcanum-Verlag


Darthula, die schönste Prinzessin der Nebellande, beschwört Krieg, Tod und Vernichtung über ihr heimatliches Selama herauf, als sie den Heiratsantrag des mächtigen Königs Cairbar ausschlägt. Zusammen mit ihrem Geliebten flüchtet sie in einem kleinen Segelboot übers Meer. Doch Wind und Wellen sind unzuverlässige Verbündete ...


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Petra Hartmann
Weihnachten im Schneeland
Hörbuch
Action-Verlag
Download bei Audible
CD bestellen beim Action-Verlag

WEIHNACHTEN IM SCHNEELAND von Petra Hartmann vereint vier wundervolle Kurzgeschichten für Kinder ab 6 Jahren. Schon die Titel regen die Phantasie der Kleinen an und verleiten zum Schmunzeln und Staunen:
- "Der Reserve-Weihnachtsmann"
- "Die Weihnachts-Eisenbahn"
- "Eine Handvoll Weihnachtssand"
- "Paulchen mit den blauen Augen"



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Petra Hartmann
Ein Prinz für Movenna
Paperback
Wurdack Verlag
ISBN 3-938065-24-9
Bestellen

Mit dem Schild oder auf dem Schild
- als Sieger sollst du heimkehren oder tot.
So verlangt es der Ehrenkodex des heldenhaften Orh Jonoth. Doch der letzte Befehl seines sterbenden Königs bricht mit aller Kriegerehre und Tradition: "Flieh vor den Fremden, rette den Prinzen und bring ihn auf die Kiesinsel." Während das Land Movenna hinter Orh Jonoth in Schlachtenlärm und Chaos versinkt, muss er den Gefahren des Westmeers ins Auge blicken: Seestürmen, Riesenkraken, Piraten, stinkenden Babywindeln und der mörderischen Seekrankheit ....


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Petra Hartmann
Geschichten aus Movenna
Paperback
Wurdack Verlag
ISBN 3-938065-00-1
Bestellen


Verwünschte Hexen!
Warum zum Henker muß König Jurtak auch ausgerechnet seinen Sinn für Traditionen entdecken?
Seit Jahrhunderten wird der Kronprinz des Landes Movenna zu einem der alten Kräuterweiber in die Lehre gegeben, und der Eroberer Jurtak legt zum Leidwesen seines Sohnes großen Wert auf die alten Sitten und Gebräuche. Für den jungen Ardua beginnt eine harte Lehrzeit, denn die eigenwillige Lournu ist in ihren Lektionen alles andere als zimperlich ...


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Wovon träumt der Mond?
Hrsg. v. Petra Hartmann & Judith Ott
Wurdack Verlag
ISBN 978-3-938065-37-2
Bestellen

Der Mond - König der Nacht und gleichsam Verbündeter von Gut und Böse ... Seit jeher ranken sich Legenden voller Glauben und Aberglauben um sein Licht, das von den einen als romantisch verehrt und von den anderen als unheimlich gefürchtet wird. Seine Phasen stehen für das Werden und Vergehen allen Lebens, er wacht über die Liebenden, empfängt die Botschaften der Suchenden, Einsamen und Verzweifelten und erhellt so einiges, was lieber im Dunkeln geblieben wäre. 39 Autorinnen und Autoren im Alter von 12 bis 87 Jahren sind unserem nächtlichen Begleiter auf der Spur gewesen. In 42 erfrischend komischen, zutiefst nachdenklichen und manchmal zu Tränen rührenden Geschichten erzählen sie die Abenteuer von Göttin Luna und Onkel Mond, von erfüllten und verlorenen Träumen, lassen Perlmuttschmetterlinge fliegen und Mondkälber aufmarschieren. Und wer denkt, dass nur der Mann im Mond zuweilen die Erde besucht, irrt sich! Auch umgekehrt erhält er gelegentlich unverhofften Besuch dort oben.


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Drachenstarker Feenzauber
Herausgegeben von Petra Hartmann
Wurdack Verlag
ISBN 978-3-938065-28-0
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Öko-Feen, Büro-Feen, Todes-Feen und Bahn-Feen, geschäftstüchtige Drachen, goldzahnige Trolle, Sockenmonster, verzauberte Kühlschränke, Bierhexen, Zwirrrrrle, Familienschutzengel, Lügenschmiede, ehrliche Anwälte, verarmte Zahnärzte und andere Märchenwesen geben sich in diesem Buch ein Stelldichein.
51 Märchenerzähler im Alter von zwölf bis 76 Jahren haben die Federn gespitzt und schufen klassische und moderne Märchen, lustige, melancholische, weise und bitterböse Erzählungen, so bunt wie das Leben und so unvergesslich wie das Passwort eines verhexten Buchhalters.


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Zwischen Barrikade, Burgtheater und Beamtenpension.
Die jungdeutschen Autoren nach 1835.
ibidem-Verlag
ISBN 978-3-89821-958-7
Bestellen beim Ibidem-Verlag


"Das Junge Deutschland“ - dieser Begriff ist untrennbar verbunden mit dem Bundestagsbeschluss vom 10. Dezember 1835, durch den die Werke der fünf Schriftsteller Heinrich Heine, Theodor Mundt, Karl Gutzkow, Ludolf Wienbarg und Heinrich Laube verboten wurden. Das Verbot markierte Höhe- und gleichzeitig Schlusspunkt einer literarischen Bewegung, die erst wenige Jahre davor begonnen hatte. Die Wege der Autoren trennten sich. Und doch gab es auch danach immer wieder Begegnungen und Berührungspunkte.
Petra Hartmann zeichnet die Wege der Verbotenen und ihrer Verbündeten nach und arbeitet Schnittstellen in den Werken der alt gewordenen Jungdeutschen heraus. Sie schildert insbesondere die Erfahrungen der Autoren auf der Insel Helgoland, ihre Rolle in der Revolution von 1848, aber auch die Versuche der ehemaligen Prosa-Schriftsteller, sich als Dramatiker zu etablieren. Irgendwo zwischen Anpassung und fortwährender Rebellion mussten die Autoren ihr neues Auskommen suchen, endeten als gescheiterte Existenzen im Irrenhaus oder als etablierte Literaten, die doch körperlich und seelisch den Schock von 1835 nie ganz verwunden hatten, sie leiteten angesehene Theater oder passten sich an und gerieten nach Jahren unter strenger Sonderzensur beim Publikum in Vergessenheit. Die vorliegende Untersuchung zeigt, was aus den Idealen von 1835 wurde, wie vollkommen neue Ideen - etwa die Debatte um Armut und Bildung - in den Werken der Jungdeutschen auftauchten und wie die Autoren bis zum Ende versuchten, ihr „Markenzeichen“ - ihren Stil - zu bewahren.


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Von Zukunft trunken und keiner Gegenwart voll
Theodor Mundts literarische Entwicklung vom Buch der Bewegung zum historischen Roman
Aisthesis-Verlag
ISBN: 3-89528-390-8
Bestellen beim Aisthesis-Verlag

Theodor Mundt - Schriftsteller, Zeitschriftenherausgeber, Literaturwissenschaftler und Historiker - verdankt seinen Platz in der Literaturgeschichte vor allem dem Umstand, daß seine Veröffentlichungen am 10. Dezember 1835 verboten wurden. Das vom deutschen Bundestag ausgesprochene Verbot, das sich gegen die vermeintlichen Wortführer des "Jungen Deutschland", Heine, Gutzkow, Laube, Wienbarg und eben Theodor Mundt richtete, war vermutlich die entscheidende Zäsur in den literarischen Karrieren aller Betroffenen. Daß sie mit dem schon berühmten Heinrich Heine in einem Atemzug genannt und verboten wurden, machte die noch jungen Autoren Gutzkow, Laube, Mundt und Wienbarg für ein größeres Publikum interessant. Doch während Gutzkow und auch Laube im literarischen Bewußtsein präsent blieben, brach das Interesse an Mundt und seinen Werken schon bald nach dem Verbot fast gänzlich ab. Seine weitere Entwicklung bis zu seinem Tod im Jahr 1861 wurde von der Literaturwissenschaft bislang so gut wie vollständig ignoriert. Diese Lücke wird durch die vorliegende Studie geschlossen. Nachgezeichnet wird der Weg von den frühen Zeitromanen des jungen Mundt bis hin zu den historischen Romanen seines Spätwerks.


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Faust und Don Juan. Ein Verschmelzungsprozeß,
dargestellt anhand der Autoren Wolfgang Amadeus Mozart, Johann Wolfgang von Goethe, Nikolaus Lenau, Christian Dietrich Grabbe, Gustav Kühne und Theodor Mundt
ibidem-Verlag
ISBN 3-932602-29-3
Bestellen beim Ibidem-Verlag


"Faust und Don Juan sind die Gipfel der modernen christlich-poetischen Mythologie", schrieb Franz Horn bereits 1805 und stellte erstmalig beide Figuren, speziell den Faust Goethes und den Don Giovanni Mozarts, einander gegenüber. In den Jahren darauf immer wieder als polar entgegengesetzte Gestalten aufgefaßt, treten Faust und Don Juan in den unterschiedlichsten Werken der Literaturgeschichte auf.

Bei Lenau sind sie Helden zweier parallel aufgebauter Versepen, bei Grabbe begegnen sie sich auf der Bühne und gehen gemeinsam zugrunde. Theodor Mundt stellt als Lebensmaxime auf, man solle beides, Faust und Don Juan, in einer Person sein und beide in sich versöhnen.

Anhand der Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, Johann Wolfgang von Goethe, Nikolaus Lenau, Christian Dietrich Grabbe, Gustav Kühne und Theodor Mundt zeichnet Petra Hartmann die Biographien Fausts und Don Juans in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach, einer Zeit, die beide Helden stark prägte und auch für heutige Bearbeitungen beider Stoffe grundlegend ist."

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