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PetraHartmann



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Jahresrückblick 2025, Dezember

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 01 Januar 2026 · 568 Aufrufe
Jahresrückblick

Und tschüs, 2025: Hier also der fünfte und letzte Teil meines Lese-Jahresrückblicks. Der Dezember hat mir ein paar der besten Bücher beschert, die ich dieses Jahr gelesen habe. Ich habe dreimal die Bestnote "Blau" vergeben, drei weitere waren sehr gut, zwei Stück allerdings ziemlich blöd. Meine Autoren entführten mich zweimal nach Madagaskar, einmal nach Neuseeland, einmal in die Welt der chinesischen Philosophie. Ich eroberte mit Hannibal und tausend Monstern Rom, war zu Gast bei einem japanischen Uhrmacher in London, durchstreifte mit einer Colliehündin den Wilden Westen und sah das Verhängnis über eine Hamburger Kaufmannsfamilie hereinbrechen. Viel Spaß beim Stöbern in meinen Lesefrüchten - und die besten Wünsche für ein tolles Lesejahr 2026!

 

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

 

Dezember

 

Judith und Christian Vogt: Ich, Hannibal

 

Antonia Michaelis: Enia und der Regenzauber
Antonia Michaelis hat mich in den vergangenen Jahren schon zweimal nach Madagaskar entführt, und auch diesmal hatte ich im Leseurlaub zwei neue Bücher von ihr im Gepäck, eines für Kinder oder Jugendliche, und eines für Erwachsene. Die Geschichte von Enia und dem Regenzauber ist ein Roman, der sich eher an ein jüngeres Publikum wendet. Es geht um ein phantastisches Wesen, das in Sagen und Legenden eine Rolle spielt, aber dessen Bild auch im Internet auftaucht: Ein kleiner Lemur mit Flügeln soll die Fähigkeit haben, Wasser aufzuspüren oder sogar Regen zu bringen. Als Enia, die Tochter eines Biologen, im Internet ein Foto dieses Halbaffen entdeckt, ist sie so elektrisiert, dass sie ihren Vater für eine Forschungsreise nach Madagaskar begeistern kann. Die beiden Deutschen kommen also eines Tages in einem kleinen Dorf auf der Insel an, bauen ihr Zelt auf und schließen bald Freundschaft mit den Kindern, die in der Nachbarschaft eine Schule besuchen.
Bei der Schule handelt es sich um eine besondere Schule. Unter anderem gibt es hier eine Ziege mit Schluckauf, ein blindes Mädchen, einen begnadeten Musiker und die zauberhafte Maitresse Tui, eine Lehrerin, die ein wenig an eine afrikanische Mary Poppins erinnert. Maitresse Tui kommt mit dem Wind, fährt ein magisches Fahrrad, verschafft den Kindern ein zauberhaftes Mittagessen, das sich auf ihren leeren Tellern manifestiert, wenn die Kinder beim Essen nur die Augen geschlossen halten. Und: Maitresse Tui liebt die Kinder und setzt sich dafür ein, dass sie etwas lernen, das ihnen eine bessere Zukunft verschaffen kann. Auch wenn immer wieder Eltern auftauchen und ihre Kinder aus der Schule zurückholen, weil die Kleinen gefälligst arbeiten sollen.
Bei allem Zauber, den Maitresse Tui um sich versprüht: Enia lernt schnell, dass sie hier nicht in ein harmloses Kinderparadies gekommen ist. Das Dorf ist bettelarm, die Bewohner werden regelmäßig von Räubern tyrannisiert und ausgeplündert, und es hat seit Jahren nicht geregnet. Die Felder sind verdorrt, das Land stirbt, und es ist nur noch eine Frage von Tagen, dass das Dorf aufgegeben werden muss. Eine mächtige Bergbau-Gesellschaft verhandelt mit dem Dorfhäuptling über den Verkauf des Geländes. Der gewährt den Kindern eine letzte Frist: Wenn es bis zu deren Ablauf nicht regnet, unterzeichnet er den Verkaufsvertrag. Die letzte Hoffnung ist der Wasser-Lemur. Verzweifelt, aber überzeugt von seiner Existenz machen sich die Kinder auf die Suche nach dem Wundertier. Und sie müssen nicht nur gegen die Ignoranz der Eltern, sondern auch gegen Räuber, finanzstarke Unternehmen und korrupte Polizisten kämpfen ...
Ein wunderschönes Buch, magischer Realismus der madagassischen Art, in der besonderen Mischung aus Poesie und Härte, die den Zauber von Antonia Michaelis' Geschichten ausmacht. Einfach etwas Besonderes.

 

Antonia Michaelis: Die Wiederentdeckung des Glücks
"Ein wunderschönes Buch, magischer Realismus der madagassischen Art, in der besonderen Mischung aus Poesie und Härte, die den Zauber von Antonia Michaelis' Geschichten ausmacht. Einfach etwas Besonderes." Das habe ich gerade oben hingeschrieben, und wenn es auf das Jugendbuch passt, dann passt es auf das Erwachsenenbuch doppelt und dreifach.
"Die Wiederentdeckung des Glücks" ist die Geschichte von Terje, der dreimal nach Madagaskar fuhr, das dritte Mal als alter Mann zusammen mit seiner Tochter Nora. Es ist die Geschichte von Nora, die für eine Parfumfirma arbeitet und auf Madagaskar nach einem ganz besonderen Duft sucht. Es ist die Geschichte von Maribelle, der kleinen Prinzessin, die hinter einer Mauer gefangen ist. Aber vor allem ist es die Geschichte von Biscuit. Unfassbar, dieser Straßenjunge mit der Liebe zu seinem Fahrrad, die nur übertroffen wird von seiner Liebe zu Maribelle. Biscuit mit der magischen Fahrradklingel, mit dem unbezähmbaren Herzen, der Mann mit einem Traum und der berühmteste Cyclo-Pousse-Fahrer der ganzen Stadt. Dieses Buch ist eine Hommage an die Lastenfahrräder und Fahrradtaxis, die die Straßen Madagaskars bevölkern, und ihr Held ist ein Straßenjunge, der sich zur radfahrenden Legende emporarbeitete.
Dreimal begegnet Terje dem madagassischen Fahrradfreund. Beim ersten Treffen ist Terje noch ein junger Mann und Biscuit ein Straßenjunge, der damals noch den ungekürzten Spitznamen Bisikiletta, eben von "Bicycle" trug. Terje ist mit dem Fahrrad auf der Insel unterwegs und schenkt dem Jungen seine Fahrradklingel. Nach dem Ende seiner Tour will er ihm das Rad ganz zukommen lassen, aber es dauert Jahre, bis das nach Madagaskar geschickte Rad wirklich in die Hände des Jungen gelangt. Tatsächlich müssen Terje und Biscuit einen Einbruch in einen Gartenschuppen begehen, um das Rad zu erobern. Das dritte Mal schließlich kommt Terje als alter Mann nach Madagaskar und trifft einen Biscuit mit ehrgeizigen Plänen: Er will beweisen, dass das Cyclo-Pousse-Fahren nicht einfach nur eine Dienstleistung ist, die schlecht bezahlte, verachtete Underdogs ausüben, sondern eine hochachtenswerte Sportart von Weltbedeutung. Zu diesem Zweck organisiert er eine Weltmeisterschaft der Cyclo-Pousse-Fahrer. Und er will ein ganz besonderes Fahrrad dafür konstruieren.
Es ist wohl das beeindruckendste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe. Die Persönlichkeit des Straßenjungen und Fahrers Biscuit, die trotz Schmutz, Armut und Niederlagen von einem ungeheuren inneren Leuchten durchdrungen ist, und die sich wie ein roter Faden durch das Buch hindurchziehende Grundhaltung des "Recyclings" machen diese "Wiederentdeckung des Glücks" geradezu zu einer literarischen Lebensphilosophie. Madagaskar ist das Land des Recyclings, nichts wird weggeworfen, aller Müll, den die Europäer hier abgeladen haben, ist wertvoller Rohstoff, aus dem sich noch etwas schaffen lässt, und nichts, absolut nichts ist nutzlos. So entsteht auch zweimal ein Superfahrrad, einmal aus leeren Plastikflaschen, dann, nach einer kleinen Katastrophe, das endgültige Weltmeisterschaftsrad aus leeren Shampoo-Flaschen. Und mit diesem selbstgebastelten Müll-Rad will Biscuit tatsächlich gegen die Radler der Welt antreten, sogar gegen seinen Erzrivalen, der ein von der Telekom gesponsertes High-Tech-Rad ins Rennen schicken kann? Es ist ein Wunder.
Dieses Buch hat Magie, Poesie und ein ganz großes Herz für den Zauber des Plastikmülls. Lest! DIeses! Buch!

 

Wolfgang Bauer: Geschichte der chinesischen Philosophie
Eine übersichtliche und sehr sachkundige Gesamtdarstellung, die auch für Einsteiger gut geeignet ist. Man erfährt viel über Konfuzius, seine Nachfolger und die unterschiedlichen Entwicklungsstufen des Konfuzianismus, über Mo-Di und den Mohismus, die Daoisten, über den Buddhismus und seine spezielle chinesische Ausprägung, über Gegensätze und Gemeinsamkeiten. Interessant fand ich, dass es in der konservativen Gesellschaft üblich war, dass ein Philosoph seine neuen Gedanken in Form eines Kommentars zu einem älteren Philosophen erscheinen ließ. Diese Kommentare konnten sich jedoch sehr weit vom besprochenen Buch entfernen. So lieferte Guo Xiang einen vermeintlichen Kommentar des älteren daoistischen Philosophen Zhuangzi, den ein buddhistischer Mönch mit den Worten kommentierte, Zhuangzi habe einen guten Kommentar zu Guo Xiangs Buch geschrieben.
Ich habe ein wenig ein Kapitel über den Maoismus vermisst. Wobei das vielleicht keine hundertprozentige Philosophie ist. Und ob die chinesischen Philosophen tatsächlich das betrieben, was wir unter Philosophie verstehen? Dahinter setzt der Autor auch an einigen Stellen ein Fragezeichen. Jedenfalls ist es ziemlich anders als die klassische griechische Philosophie und ihre Erben.
Insgesamt ein sehr gutes Buch mit guten Gedanken und vielen interessanten Informationen.

 

Natasha Pulley: Der Uhrmacher in der Filigree Street
Im Vorjahr hatte mich diese Autorin mit "Der Leuchtturm an der Schwelle der Zeit" komplett vom Hocker gerissen. Und eine Freundin meinte, ich müsse unbedingt auch den Uhrmacher lesen, der sei noch besser. Klar, dass ich diesem Ratschlag nachkommen musste. Und ich wurde nicht enttäuscht.
Es ist ein Roman, der im historischen London spielt. Die Handlung setzt ein im November 1883. Allerdings ist es beileibe kein historischer Roman, es geht eher um magischen Realismus mit einem kleinen Steampunk-Element und mit einer Figur, die in die Zukunft blicken und entsprechende Vorkehrungen treffen kann.
Thaniel Steepleton ist Angestellter des Innenministeriums und dort für die Bedienung des Fernschreibers zuständig. Eines Abends kommt er von der Arbeit nach Hause und stellt fest, dass jemand in seiner Wohnung war. Nein, geklaut wurde nichts, der Eindringling hinterließ vielmehr eine kostbare goldene Taschenuhr, hergestellt offenbar von einem geradezu einzigartigen Meister der Uhrmacherkunst. Versuche, den edlen Spender ausfindig zu machen, bleiben erfolglos, und Thaniel hat auch genug andere Dinge um die Ohren, immerhin hat eine Terror-Organisation angekündigt, in genau sechs Monaten einige öffentliche Gebäude in die Luft zu sprengen. Für Innenministerium, Scotland Yard und weitere Sicherheitseinrichtungen bricht eine Zeit äußerster Anspannung und Ermittlungsarbeit aus, und die Telegrafendrähte glühen. Die Drohung ist durchaus ernstzunehmen, davon sind die Behörden überzeugt. Und sie haben recht: Genau sechs Monate später explodiert eine Bombe im Gebäude von Scotland Yard.

Das Besondere: Thaniel, der sich in nächster Nähe in einer Gaststätte befindet, überlebt, weil ihn seine Uhr rettet. Aus unerfindlichen Gründen macht das Gerät plötzlich einen Heidenlärm, und Thaniel, dem der Radau peinlich ist, läuft nach draußen, um seine Kollegen nicht zu stören und den Unruhestifter zum Schweigen zu bringen. Kaum hat er das Gebäude verlassen, stürzt es mit einem gewaltigen Krach ein. Zufall? Thaniel stellt intensive Recherchen an und landet schließlich in der Uhrmacherwerkstatt des Japaners Keita Mori. Ein Mann aus einer Adels- und Ritterfamilie, der aber das Basteln und Tüfteln mehr liebte als den Weg des Samurai. In seiner Londoner Werkstatt stellt er tausend kleine Kunstwerke her, darunter künstliche Elfen, die durch den Garten schweben, und einen mechanischen Oktopus, der durch seine besondere Programmierung völlig zufällig und für seinen Schöpfer unvorhersehbar agieren kann. Zwischen Thaniel und Keita entwickelt sich schnell eine besondere Freundschaft, und Keita wirkt darauf hin, dass Thaniel nicht nur sein vergessenes musikalisches Talent wiederentdeckt und nach Jahren der Abstinenz wieder mit dem Klavierspielen beginnt, sondern er gibt auch seiner Karriere den entscheidenden Kick: Thaniel kann bald einige Brocken Japanisch und wird in seiner Behörde daraufhin als Experte für das Land der aufgehenden Sonne entdeckt. Als derartiger Spezialist kommt er wie gerufen, immerhin steht bald ein wichtiger Besuch aus Japan in London an.
Ja, dieses Buch ist wirklich ein zauberhaftes Stück Literatur, ein hintergründiges Märchen, das im Leser die Sehnsucht erweckt nach guter Handwerkskunst, der Weisheit Nippons und den tausend kleinen staunenswerten Dingen in der Uhrmacherwerkstatt. Einfach nur dasitzen, Keita beim Arbeiten mit den mikroskopisch kleinen perfekt eingepassten Zahnrädern zusehen und Monate später verblüfft feststellen, was alles aus seinen vermeintlich zufälligen Handlungen erwuchs. Und es wäre mir völlig egal, wenn mir ein eigenwilliger mechanischer Oktopus ständig meine Socken klauen und sich in meinen Schubladen verstecken würde.
Und ist es nun tatsächlich besser als der Leuchtturm-Roman? Nein, das würde ich nicht sagen. Aber ebenbürtig auf alle Fälle.

 

Anna K. Thomas: Alsterdiamanten
Geschichte einer Hamburger Kaufmannsfamilie, die von einem Großvater mit harter Hand regiert wird. Kinder und Enkelkinder müssen sich dem Willen des Familienoberhaupts beugen und strategisch heiraten, um den Einfluss der Familie und ihr Geschäft zu vergrößern. Dies ist die Geschichte der dritten Generation. Die Geschwister Freddy, Konrad und Sophie und ihre Cousine Konstanze sind jetzt im heirats- und geschäftsfähigen Alter. Doch während die schöne Konstanze prestigeträchtig verheiratet werden kann und entsprechend stolz gegenüber der Cousine auftritt, ist Sophie eher ein Mauerblümchen, das nicht einmal durch eine reiche Mitgift gewinnbringend an den Mann gebracht werden kann. Der ältere Bruder soll einmal das Geschäft übernehmen, als Erstgeborener ist er dazu verpflichtet. Aber er würde lieber Maler werden. Der zweite Bruder hat zwar Geschäftssinn und Ehrgeiz, ist aber eben nur die Nummer zwei. Das ist die Ausgangssituation als ein geheimnisvoller und auf alle Geschwister gleichermaßen anziehend wirkender Priester in Hamburg auftaucht. Er ist Beichtvater einer Comtesse, die mit der Familie entfernt bekannt ist und nun ihren Platz in der Hamburger Gesellschaft einnimmt. Der Abbé freundet sich mit den Kaufmanns-Nachkommen an, ist guter Zuhörer und Berater. Ausdrücklich nimmt er für sich in Anspruch, dass er niemals selbst eingreift, sondern nur "Möglichkeiten aufzeigt". Doch nach und nach wird das feste Gefüge der patriarchalischen Kaufmannsfamilie erschüttert, Flucht, Selbstmord, geschäftlicher Niedergang und sinkendes Ansehen sind die Folgen. Denn der Abbé hat als Kind ein böses Schicksal durch die Familie erlitten und kam als Racheengel nach Hamburg.
Wow! Teuflisch und perfide, tragisch in seiner Unausweichlichkeit und unglaublich fein gesponnen. Ein großartiger Roman über eine Kaufmannsfamilie und den Fluch der bösen Tat des Patriarchen, entwickelt vor historischem Hintergrund und dramatischen Schilderungen des großen Stadtbrandes. Dabei mit einer vollkommen überraschenden Wendung im Showdown, die alles umkippt. Dabei wesentlich übersichtlicher als die Buddenbrooks. Spannend und in eingängiger Sprache erzählt, einfach großartig.

 

Carl Nixon: Settlers Creek
Enttäuschend. Ein spannender Klappentext und ein starker Anfang, danach lässt die Geschichte aber stark nach, beziehungsweise hält nicht, was sie verspricht.
Der Protagonist dieses Romans heißt Box Santon. Er lebt in Neuseeland, ist weiß, wie auch seine Frau. Sein Stiefsohn Mark aber ist Halb-Maori, seine Frau brachte ihn mit in die Ehe, und Box adoptierte ihn nach der Heirat.
Der Auftakt des Romans ist dramatisch. Mark begeht Selbstmord. Box lässt auf der Arbeit alles stehen und liegen, fährt zum Flughafen, fliegt nach Hause. Unterwegs gehen tausend Erinnerungen durch seinen Kopf, er hat den Jungen geliebt wie einen leiblichen Sohn. Zu Hause versuchen er und seine Frau mit der Katastrophe fertig zu werden. Sie organisieren die Beerdigung auf dem Friedhof, auf dem traditionell alle Angehörigen der Familie bestattet werden. Eine Gegend, an der viele Erinnerungen hängen, die für die Geschicke der Familie bestimmend war.
Doch es wird keine stille Beisetzung im Kreise der Familie. Wie aus dem Nichts taucht plötzlich Marks Maori-Vater auf, der sich all die Jahre über niemals um seinen Sohn gekümmert hat. Und er hat nahezu seine ganze Familie mitgebracht. Was zunächst einfach nur unangenehm wirkt, steuert schließlich auf einen Konflikt hin: Marks leiblicher Vater besteht darauf, dass Mark an einer traditionellen Maori-Begräbnisstätte mit traditionellen Maori-Riten beigesetzt wird. Box widerspricht dem vehement, immerhin hatte Mark nie Kontakt zu den Maori und kein Interesse an deren Traditionen, er wuchs auf wie ein Weißer. Woraufhin die Maoris verschwinden. Doch nicht, weil sie Box' Entscheidung respektieren. Die Gruppe fährt zum Krankenhaus, in dem Mark liegt, dringt gewaltsam in die Leichenkammer ein und stiehlt den Toten. Das war das erste Viertel, und es ließ sich ziemlich gut an. Doch ab jetzt folgen nur noch Verfolgungsjagden, Prügeleien, Brandstiftungen, Einbrüche, Crashs, Diebstähle, Gesplatter und jede Menge Action-Szenen und Stunts wie in einem Hollywood-Blockbuster der brutaleren Art.
Nein, es stimmt nicht, was der Klappentext ankündigt: "Es beginnt der verzweifelte Kampf zweier Väter um ihren Sohn." Der Maori-Vater kommt im Buch gar nicht mehr vor. Was ein Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Kulturen, eine Schilderung von Traditionen und vielleicht ein Gespräch mit Austausch und wachsendem Verständnis hätte werden können, wird hier zu einer Vendetta eines verbissenen Einzelkämpfers, der mit äußerster Brutalität und Entschlossenheit vorgeht. Box hat noch nicht einmal richtige Gegner. Einmal gerät er in ein Handgemenge mit Halbstarken in der Stadt, in der der Maori-Vater lebt. An der Stätte, an der sein Sohn aufgebahrt liegt und für das Begräbnis vorbereitet wurde, begegnet Box keinem Menschen. In der Hütte sind keine Maori, da Box auf der anderen Seite des Geländes einen Kinderspielplatz angesteckt hat. Danach jagt er im Auto mit der Leiche davon, immer in Angst vor Verfolgern, die aber nie in Erscheinung treten, schlägt sich in der Wildnis durch, übernachtet in einer Hütte, bricht in einer Stadt in ein Haus ein und klaut ein neues Auto, langt schließlich körperlich und geistig am Ende seiner Kräfte an dem Friedhof an, auf dem er seinen Sohn selbst bestattet.
Offen bleiben so ziemlich alle Fragen, die zu Anfang aufgeworfen wurden. Allem voran die nach dem Motiv für Marks Selbstmord.
Das Buch ist nicht unbedingt schlecht geschrieben. Und spannend ist es durch die actionreiche Heimholung der Leiche natürlich auch. Aber ich hatte etwas anderes erwartet. Und bin aus der Reihe des Unionsverlags auch anderes gewohnt.

 

Arno Schmidt: Zettel's Traum
Oumph. Das war hardcore. Knapp 1500 schwerverdauliche Seiten, acht Bücher, zusammengefasst in fünf großformatigen Bänden, aufgrund des Überformats nicht ganz einfach in der Hand zu halten, aber man legt solche riesigen Bücher auch nicht so einfach auf den Tisch, sonst läuft es ja Gefahr, den Buchrücken zu brechen. Durch das Überformat sind die Seiten für kurzsichtige Leute schwer insgesamt zu erfassen, aber das ist noch das Harmloseste, immerhin muss man drei Spalten gleichzeitig im Auge behalten beim Lesen. Und das ist jetzt erstmal nur der materielle Aspekt. Zum Inhalt und Stil ... Holla.
Ich habe das Buch schon seit den 90ern auf dem Zettel, seit ich während des Studiums in Hannover immer wieder dieses Riesenmonster im Schaufenster einer Buchhandlung stehen gesehen habe. Das war damals wohl die alte Faksimile-Ausgabe. Und schon zu DM-Zeiten schweineteuer. Damals war die Drucktechnik noch nicht so weit, dass man das komplizierte dreispaltige - manchmal auch ein-, zwei- oder vierspaltige - Schreibmaschinen-Manuskript Schmidts 1:1 umsetzen konnte. Da stehen Buchstaben über- und untereinander, Zeichnungen und Zeitungsausschnitte sind integriert, es gibt Buchstaben aus anderen Alphabeten. Hinzu kommt die eigenwillige Schreibweise vieler Wörter, in denen der Autor Wortwurzeln oder Assoziationen hervorhebt.
Inzwischen ist die Technik fortgeschritten, seit 2010 gibt es diese Ausgabe. Die Taschenbuchausgabe war für 248 Euro zu haben, für das gebundene Prestigeobjekt hätte man noch einen Hunni mehr hinblättern müssen.
In den 70ern war es ein Kultbuch, es gab sogar einen Raubdruck. Kultbuch, hm. Naja, es geht um Sex, und das ziemlich geballt, das hat in den verklemmten 70ern in der Bundesrepublik natürlich gezogen. Aber gleichzeitig ist das Ganze so verquast und verschroben, dass es absolut nichts für Einhandleser ist. Eher ziemlich kopflastig, hochintellektuell, ein bisschen Altherrensexualität. Es ist absolut nicht vergnügungssteuerpflichtig, und mehr als 50 Seiten pro Tag sind absolut nicht drin, es hat mich fast meinen gesamten Leseurlaub lang beschäftigt.
Ist es empfehlenswert? Ich empfehle jedem, der sich mit dem Gedanken trägt, dieses Mammutwerk zu lesen, zuvor einmal Schmidts Buch "Sitara und der Weg dorthin" zu studieren. Das gibt es für kleines Geld im Antiquariat oder zum Leihen in der Bibliothek. Lest es und stellt euch dann das Sitara-Werk um noch eine Zehnerpotenz gesteigert vor, dann habt ihr eine ungefähre Idee von dem, was euch in "Zettel's Traum" erwartet.
Es ist, hm, eine Art Roman. Im Mittelpunkt steht der Schriftsteller Daniel Pagenstecher, genannt Dän, der ziemlich viele biografische und schriftstellerische Gemeinsamkeiten mit Schmidt aufweist. Dän bekommt Besuch von dem befreundeten Übersetzer-Ehepaar Wilma und Paul und der Tochter der beiden, der jugendlichen Franziska. Letztere ist, wenn ich es richtig im Kopf habe, 14 Jahre alt, sexuell hochgradig erregbar und schwer verliebt in Dän (wie offenbar schon die Frauen der Generation ihrer Mutter).
Im Gespräch mit Wilma und Paul entwickelt Dän seine "Etym-Theorie". Wobei die minderjährige Franziska schwören muss, dass sie absolut nichts versteht von dem, was die Erwachsenen reden ... Was sind Etyms? Das Wort geht natürlich zurück auf "Etymologie", hat aber nicht unbedingt etwas mit Wortwurzeln und Sprachgeschichte zu tun, sondern es geht um eine Art mitschwingende sexuelle Assoziationen, die ein Wort begleiten, auch wenn es gar keinen (etymologischen) Zusammenhang gibt. Dän und seine Besucher können so ziemlich in jedes Wort Anspielungen auf Geschlechtsorgane hineinlesen. So klingt im englischen "whole" - "ganz" - das Wort "hole" - "Loch" mit, und ein Loch ist natürlich eine dem Geschlechtsverkehr dienende Öffnung ...
Durchexerziert wird dies hauptsächlich am Gesamtwerk Edgar Allan Poes, das der Autor Schmidt, und damit auch Dän Pagenstecher, sehr gut kennt. Fast jeder Satz und nahezu jedes Wort wird daraufhin abgeklopft, ob es in irgendeiner indogermanischen, semitischen oder gegebenenfalls auch indianischen Sprache ein ähnlich lautendes Wort für Geschlechtsverkehr oder -organe gibt. Schon die Namen der Poe'schen Helden werden hier eine wahre Fundgrube, und Schmidt betont dies durch seine eigentümliche Orthografie. Aus Hans Pfaal oder Phaal wird "Hans Phall", Rodman trägt mit "Rod" (Wurzel) ebenfalls einen Penis im Namen, und wenn ein Autor schon Po(e) heißt, ist es nicht weit bis zum Analsex.
Mit einem unerschöpflichen Reservoir an Vokabeln und mit Freuds Theorien im Hinterkopf weist Dän dem Autor Impotenz und so ziemlich jede denkbare Perversion nach. Aber es geht nicht nur um Poe, sondern auch in der deutsche Alltagssprache findet Dän "Etyms", die denn auch im Text durch seine eigentümliche Rechtschreibung gekennzeichnet werden. Schmidt schreibt: "jedenPHALLS" und "ich meinesTAILS" usw. Man erfährt, dass der Zeuge vor Gericht mit "zeugen" zusammenhängt, wie auch schon im alten Rom "Testis" mit "Testiculum" zusammengehörte, da nur Männer mit Eiern als Zeugen zugelassen waren. Und dass "kastrieren" von "Castor" kommt, weil der Biber sich selbst in höchster Not die Hoden abbiss, um zu entkommen. Jeder "Pen" ist ein Penis, und somit steckt in dem englischen Wort für Pinguin, "penguin", eben auch ein "pen(is) go in". usw. usw. usw., 1500 Seiten lang.
Dazwischen äußert sich immer wieder eine mehr als heftige Begierde Franziskas, die für Dän schwärmt und sich unter anderem vor einem auf den Badezimmerspiegel gemalten Herz mit der Inschrift "D/Fr än" selbst befriedigt. Als Dän und Franziska Pilze suchen, wird die Atmosphäre ziemlich klebrig, obwohl, objektiv betrachtet, gar nichts "passiert". Aber Pilze, ihre Namen und Formen sind einfach prädestiniert für sexuelle Assoziationen. Ähnlich ergiebig sind die Diskussionen um Muscheln. Am Ende kommt Vater Paul mit der Sprache raus, was für ein Anliegen man an den reichen Schriftsteller hat: Die Familie kann sich das Schulgeld für Franziska nicht mehr leisten. Ja, Dän springt ein. Aber er stellt die Bedingung, dass er Franziska (mindestens bis zu ihrer Volljährigkeit?) nicht mehr sieht. Immerhin.
Tja, ist das Buch nun empfehlenswert? Es bietet Schweinkram (wenn man sich denn dafür interessiert) und einen gewissen intellektuellen Kitzel für den belesenen und polyglotten Bildungsbürger. Anstrengend ist es aber auf jeden Phall. Und wenn man sich zu tief in das Wahnsystem der Etymlehre hineindenkt, kann es passieren, dass man auch noch danach beim Lesen ganz normaler Texte ziemlich krause Sachen denkt. Einmal habe ich sogar nachts geträumt, ich hätte einen Zusammenhang zwischen dem griechischen Wort "tachýs" (schnell), dem jiddischen "Tacheles" (Klartext) und der norddeutschen Begrüßung "Tach" entdeckt. Aber fragt mich nicht, worin dieser Zusammenhang bestand ...

 

Bessy, Band 43: Die Geisterhütte
Andy und Bessy bereisen die Großen Seen auf der Suche nach den letzten Choctaw-Indianern. Andy hat von einem Verlag den Auftrag bekommen, Lebensweise und Kultur dieses Stammes zu dokumentieren. Bei einer Pause stromert Bessy allein herum, jagt ein Kaninchen und gerät in eine Falle, die der Choctaw-Junge Falkenfeder gebaut hat, und wird darüber hinaus auch noch von einer Giftschlange bedroht. Falkenfeder und seine Freundin Flughörnchen retten Bessy und nehmen sie mit in ihr Lager. Wenig später stößt auch Andy zu den Indianern. Er wird freundlich aufgenommen, aber der Häuptling spricht eine ernste Warnung aus: Es ist streng verboten, die Geisterhütte zu betreten. In dem Wickiup nahe dem Lager hat sich vor einiger Zeit eine Tragödie abgespielt. Ein Weißer und seine indianische Frau kamen hier auf mysteriöse Weise ums Leben, erzählen die Choctaw. Andy und Bessy schließen Freundschaft mit den Choctaw und helfen ihnen, als sie von feindlichen Natchez angegriffen werden. Doch die Hütte zieht Andys Neugier auf sich. Zumal dort einige Weiße herumschnüffeln. Schließlich verbannt ihn der Häuptling wegen der Missachtung des Tabus aus dem Dorf. Andy widmet sich daraufhin ganz dem geheimnisvollen Wickiup und kommt ihrem Geheimnis auf die Spur. Dabei wird es für ihn und Bessy lebensgefährlich.
Sehr schönes Abenteuer, bei dem wir Andy als Zeichner und Berichterstatter erleben und auch etwas über die Kultur der Choctaw erfahren. Sehr interessant das nächtliche "Jagen mit Licht", bei dem die Choctaw an ihren Kanus Feuertöpfe und einen Birkenrinden-Schirm anbringen, um Tiere anzulocken. Ein riesiger Elch ist die Jagdbeute, sehr eindrucksvoll. Seltsam, sonst heißt es ja immer, dass man ein Feuer anzünden muss, um die wilden Tiere abzuschrecken ...

 

Weitere Jahresrückblicke
2025, 1. Teil: Januar bis März
2025, 2. Teil: April bis Juni

2025, 3. Teil: Juli bis Oktober
2025, 4. Teil: November

 

© Petra Hartmann




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Jahresrückblick 2025: November

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 31 Dezember 2025 · 779 Aufrufe
Jahresrückblick

Hier kommt der vierte Teil meines Lektüre-Jahresrückblicks. Da der November, bedingt durch meinen Lese-Urlaub, wieder ziemlich voll geworden ist, ist mein viertes Quartal, wie gewohnt, nur einen Monat lang, und der Dezember folgt separat.
Beschäftigt haben mich diesmal vor allem römische Literatur (Terenz, Seneca und stoische Philosophie) und Kleinverlags-Phantastik. Außerdem gab es ein paar Horror-Klassiker und Krimis (indianisch und lokal) sowie etwas über Helgoland und über Quastenflosser-Forschung. Viel Spaß damit!

 

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

 

November

 

Terenz: Adelphoe - Die Brüder. Lateinisch-Deutsch (Reclam)
Ich setze meine im Oktober begonnenen Terenz-Lektüre fort. Die Komödie über ein Brüderpaar, das sehr ungleich erzogen wird, geht erneut auf eine Vorlage des griechischen Dichters Menander zurück und liegt hier in einer schönen zweisprachigen Ausgabe mit Anmerkungen, Literaturhinweisen und Nachwort vor. Es geht um zwei Brüder Ctesipho und Aeschinus. Ctesipho wird von seinem Vater Demea ziemlich streng erzogen, der Bruder Aeschinus hingegen wurde an den Onkel Micio übergeben, der eher großzügig und locker mit seinem Adoptivsohn umgeht. Immer wieder diskutieren Vater und Onkel über ihre unterschiedlichen Erziehungsmethoden.
Die beiden jungen Männer haben sich verliebt. Aischinus in ein junges Mädchen namens Pamphila, das er vergewaltigt und schwängert, Ctesipho in eine Kitharaspielerin, die zu gewinnen ziemlich kompliziert ist. Sein Bruder kann sie einem Kuppler rauben, woraufhin der Eindruck entsteht, er selbst sei scharf auf das Mädchen. Es gibt Verwechslungen, ein ständiges Hin und Her und die Klärung der Frage, wer denn nun zu wem gehört. Am Ende gibt es aber zwei glückliche Paare und einen Vater, der sich zur Großzügigkeit gegenüber seinem Sohn bekehrt. Schon die zweite Komödie, in der ein Mädchen vergewaltigt wird und danach den Mann heiratet und glücklich mit ihm wird. Komische Vorstellung von Komödie.

 

Spuk im Weltraum. Marburg Award 2025
Die Storys zum Marburg Award. Erneut ein sehr schöner, liebevoll gestalteter Sammelband mit den zum Wettbewerb eingereichten Geschichten und passenden Illustrationen. Diesmal von den Genres her nicht so breit aufgestellt wie sonst. Bei einem Thema wie "Spuk im Weltraum" sind auch weniger Fantasy-Storys oder Märchen zu erwarten. Gespenster, Aliens, Seelen verschollener Raumfahrer, Bordrechner und KIs spuken in Raumschiffen und Wracks, auf Stationen oder auf fremden Planeten. Größtenteils gute Geschichten, aber ich fand den Band diesmal trotz der Vielzahl der Autoren etwas monoton, das Thema war offenbar doch etwas zu konkret für große Überraschungen und großen Reichtum an Variationen.

 

Iva Moor: Das Lied der Tollpatsche
Fünf Geschichten aus dem Herbstgebirge, aus der Welt eines liebenswerten Volks, das sich Dappen nennt. Die erste Story erschien bereits in einer Anthologie, doch die Autorin merkte wohl ziemlich schnell, dass in diesem Völkchen mehr steckt. Die erste Geschichte erzählt von einem Fest, zu dem sich die unterschiedlichsten Völker treffen. Auch die junge Erle Zapf ist mit ihrer Familie angereist. Die Dappen wollen hier etwas vorsingen. Außerdem hat Erles Vater vor, einen Mann für sie zu finden. Doch darauf hat Erle keine Lust. Als dann ihr kleiner Bruder in eine brenzlige Situation gerät, kann Erle zeigen, was in ihr steckt.
Die zweite Geschichte handelt von einer jungen Albin, deren Bruder sich in einen Nachtalb verwandelt und über sie herfällt. Es geht um das Verhältnis von Alben zu Nachtalben, um Blut und darum, wie die berühmten Belrohil-Stoffe ins Land der Dappen und Nachtalben gelangten. Teil drei ist dem Dappenmädchen Leia Zapf und den Vorbereitungen für ein besonderes Fest gewidmet. Es geht um einen Baum mit Lichtern. Im vierten Text geht es um die Kunst der Handarbeit, das Sticken und Spinnen mit Belrohil, in dem es die Dappen zu einer wahren Meisterschaft gebracht haben. Und um einen Jungen, der sich in der alten Kunst bewährt. Im letzten Kapitel geht es um eine dappische Tradition: Leia soll ihre Maidenweihe erhalten und benötigt dazu ein besonderes Kleid.
Eine schöne Sammlung mit lesenswerten Geschichten, in der Probleme bewältigt werden, die nicht nur Dappen betreffen. Angenehm zu lesen und im praktischen Hosentaschenformat. Sehr schön gestaltet.

 

Terenz: Andria. Lateinisch-Deutsch (Reclam)
Zweisprachige, kommentierte Ausgabe. Das Nachwort gibt auch einen gerafften Überblick über die gesamte römische Komödienliteratur. Andria ist das dramatische Debüt des Terenz. Auch hier hat er sich bei Menander großzügig inspirieren lassen. Es geht um eine Intrige, bei der ein pfiffiger Sklave hilft. Vater Simo will seinen Sohn Pamphilos hereinlegen und täuscht vor, ihn verheiraten zu wollen. Wenn Pamphilus das väterliche Gebot nicht erfüllt, soll er bestraft werden. Hintergrund ist, dass Pamphilos ein Verhältnis mit der Nachbarin Glycerium hat, von dem der Vater Wind bekam. Sie ist inzwischen von ihm schwanger und steht kurz vor der Niederkunft. Doch Pamphilus steht treu zu seiner Freundin. Es gibt eine Menge Verwechslungen, Täuschungen und Gegentäuschungen, ein Hin und Her um das Baby, schließlich stellt sich noch heraus, dass Glycerium eine verschleppte Tochter eines Freundes von Simo ist, also eine Freie. Schließlich gibt es ein Happy End, und die Liebenden dürfen heiraten. Bisher eine der verschlungensten Komödien von Terenz, die ich gelesen habe. Sehr sorgfältig gebaut, hat Spaß gemacht.

 

Monika Grasl und Asmodia Tear: Die Rache der Baba Jaga
Rasputin, einmal anders. Düstere Träume quälen den Magier am Zarenhof: Er sieht den Tod der Zarenkinder voraus. Wer schickt ihm diese qualvollen Träume? Eine Person aus seiner Vergangenheit? Endlich kommt er zu dem Schluss, dass es die Baba Jaga sein muss, die ihn nachts mit diesen furchtbaren Traumgesichten heimsucht. Denn sie hat mit ihm noch eine Rechnung offen.
Es wird eine Reise in die Vergangenheit, der sich Rasputin stellt. Erinnerungen an die Zeit, als er noch ein kleiner Junge war, Sohn eines Trunkenbolds, geschlagen, halb verhungert, immer auf der Flucht und als Bastard beschimpft. Sein Leben änderte sich, als die Baba Jaga ins Dorf kam, um ihn abzuholen. Sein Vater hat ihn verkauft.
Als Schüler der Baba Jaga beginnt Rasputin ein neues Leben, lernt Magie und all das, was ein Meister der schwarzen Kunst wissen muss. Doch dann kitzelt Rasputin der Ehrgeiz, eine geheimnisvolle Stimme ruft ihn an den Zarenhof, als Heiler für den schwer erkrankten Kronprinzen. Und statt die Traumwanderung zu lernen, flieht Rasputin aus der Hütte der Baba Jaga.
Nun also ist sie wieder da. In Gesprächen mit den Zarenkindern - besonders zu Anastasia pflegt er ein sehr inniges Verhältnis - erzählt er von seiner Vergangenheit, spricht von den drohenden Gefahren, schließlich muss er sich der Hexe stellen ...
Ein sehr interessanter, literarischer Roman, düstere Fantasy vom Feinsten, die durch die unterschiedlichen Erzählebenen - Träume, Visionen, Gedankenstimmen, Rückschau auf die Kindheit, ungeheuer vielschichtig wirkt. Spannend, dunkel, bedrohlich, gleichzeitig gut geschrieben und sehr angenehm zu lesen. Ein dickes Lob auch für das von D. Klewer gestaltete Titelbild, das in düster-dramatischen Grün-Blau-Tönen eine windschiefe, bemoste Baba-Jaga-Hütte auf einem halbverwitterten Baumstamm zeigt, bewacht von einem unheimlichen, sich am Himmel abzeichnenden Augenpaar. Beeindruckend.

 

Terenz: Heautontimorumenos - Einer straft sich selbst. Lateinisch-Deutsch (Reclam)
Erneut ein Stück, dessen Vorlage Menander lieferte, dessen Text ist jedoch nicht erhalten. Es geht um einen Vater, der seinen Sohn dazu gebracht hat in den Krieg zu ziehen. Letzterer hatte sich in ein Mädchen verliebt, war aber von seinem Vater derart heftig niedergemacht worden, dass er wegging und Soldat wurde. Nun quält sich der Vater selbst, bürdet sich die härtesten Arbeiten auf und schuftet auf seinem Landgut wie der elendeste Sklave, um seine Härte gegen den Sohn zu sühnen. Es gibt noch einen weiteren Vater und einen verliebten Sohn, dazu wie in den "Brüdern" Diskussionen um Erziehungsprobleme. Klar, dass am Ende dann doch nach einigen Verstrickungen eine Doppelhochzeit gefeiert werden kann. Nette Geschichte, gut geschrieben, vor allem der intrigante Sklave, der am Ende für seine Streiche begnadigt wird, macht Spaß. Ansonsten ist die Komödie bekannt durch ein Zitat, das zum geflügelten Wort wurde: “Homo sum, humani nihil a me alienum puto” - „Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd“.

 

F. T. Bock: Durch die Zeit reisen und in Ärsche treten
Manche Bücher kauft man sich einfach wegen des Titels. Die Geschichte ist aber auch nicht schlecht. Sie erinnert in der Ausgangssituation ein wenig an "Per Anhalter durch die Galaxis". Ein Typ namens Desmond will eigentlich nur in den Pub, als plötzlich Sachen und Wesen in seinem Dorf auftauchen, die nicht in die Gegenwart gehören, wie Dinosaurier und Nazi-Bomber. Und genau so plötzlich stellt sich heraus, dass sein Freund Winston, den er eigentlich für einen ziemlich normalen Menschen gehalten hat, in Wirklichkeit ein Zeitreisender ist.
Irgendwas ist nicht in Ordnung mit der Zeit, und so springen Desmond und Winston durch verschiedene Epochen, um die Anomalien und Anachronismen zu stoppen und die Zeitlinie zu retten. Was gar nicht so ungefährlich ist. Denn hier ist eine gefährliche Organisation am Werk, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Zeitreisen zu stoppen. Dies kann Zeitreisende schon mal das Leben kosten oder ihnen zumindest die Heimkehr unmöglich machen. Denn die Gruppe, angeführt von einem hasszerfressenen ideologieverseuchten Hardliner, zerstört jede Zeitmaschine, derer sie habhaft werden kann - was jedes Mal neue und schlimmere Anachronismen hervorruft. Ob auf dem Turm von Babylon oder unter römischen Gladiatoren in der Arena, Desmond und Winston geraten von einer brenzligen Situation in die nächste. Schließlich stranden sie sogar ohne Chance auf Rückkehr im Nirgendwo. Nein, durch die Zeit zu reisen und in Ärsche zu treten, ist zumindest für die Helden dieses Buches nicht lustig. Für die Leser natürlich schon. Ich habe mich jedenfalls köstlich amüsiert.

 

Terenz: Phormio. Lateinisch-Deutsch (Reclam)
Wieder eine Komödie, die auf eine Vorlage zurückgeht, diesmal von Apollodoros, das Original ist jedoch verschollen. Phormio, der Titelheld, ist ein gewitzter Schmarotzer, der sich im Stück als Arrangeur zweier Hochzeiten für seine Freunde und Gönner hervortut.
Es geht um zwei junge Männer, die sich verlieben und die Mädchen heiraten wollen. Aber die Väter, zwei Brüder, sind abwesend und würden ihre Zustimmung zu den beiden Ehen nicht geben. Denn Phaedria liebt eine unfreie Lautenspielerin, Antipho hat sich zwar in eine Freie verliebt, seine Phanium ist jedoch ein Waisenkind und hat kein Geld. Phormio regelt die Sachen dreist und kriminell. Er betätigt sich als Urkundenfälscher und legt vor Gericht Papiere vor, die beweisen, dass die arme Waise mit Antipho nahe verwandt ist. Und einem alten attischen Gesetz zufolge muss eine Waise vom nächsten Verwandten geheiratet werden. Das Gericht entscheidet demnach knallhart, dass Antipho seine Phanium heiraten muss. Ein Urteil, dem er sich nur allzu gern beugt. Phormio deichselt auch die Geschichte mit Phaedria und der Harfenspielerin und der nötigen Kohle für den Kuppler. Als Phaedrias Vater nach Hause kommt, ist er stinksauer, denn er hatte bereits eine Ehe für seinen Sohn arrangiert. Der Sohn soll eine "natürliche Tochter" seines Onkels heiraten. Ratet mal, wer diese natürliche Tochter ist. Richtig, Phaedria hat sich genau in das richtige Mädchen verliebt.
Die Geschichte hat mir von allen am besten gefallen, vielleicht auch, weil ich hier nichts so oder so ähnlich schon mal Gelesenes vorfand. Das Original ist ja verschollen, und auch die Ausgangssituation ist ja eine etwas andere. Und der entschlossene und in seiner Dreistigkeit irgendwie auch liebenswürdige "Beziehungsmanager" Phormio ist schon ein ausgesprochen interessanter Charakter. So, damit bin ich mit den Reclam-Ausgaben der Terenz-Komödien durch. Was mir noch fehlt, ist die sechste, "Hecyra - Die Schwiegermutter". Vielleicht finde ich im nächsten Jahr noch eine gute Ausgabe.

 

Plüschies alive
Was passiert im Kinderzimmer, wenn die Menschen nicht zusehen? Die uralte Menschheitsfrage hat schon zahlreiche Teddybären-Abenteuer und Puppen-Dramen hervorgebracht. Nun hat der Leseratten-Verlag mit seiner neuen Anthologie "Plüschies alive" neues Licht ins Dunkel gebracht und zeigt, welche Tragödien und Verbrechen, aber auch herzergreifende Szenen von Liebe, Heldentum und Opferbereitschaft sich dort im Verborgenen abspielen. 16 Autoren erzählen in ihren Beiträgen über die geheime Welt der Stofftiere. Wir begegnen klugen Detektiven und Privatschnüfflern, die die kleinen oder großen Mordfälle im Kinderzimmer aufklären, und fiesen Karrieristen, die in der Gunst ihres Kindes aufsteigen wollen, indem sie ihren Konkurrenten das Kuschelfell mit Klebstoff oder Bonbons verkleben. Wir treffen auf eitle Puppen, auf das heldenhafte "B-Team" im Action-Einsatz, auf Neulinge, die noch nicht wissen, wie der Hase läuft. Der Leser erfährt etwas über das Bankwesen im Kinderzimmer und darüber, dass Watte die härteste Währung der Welt ist. Abenteuerliche Rettungsaktionen und die Suche nach verschollenen Freunden zeigen, dass kleine Plüschtiere an Heldenmut und Einsatzbereitschaft den großen Helden der Hollywood-Blockbuster in nichts nachstehen. Aber gegen Panik ist keine Stofftier-Gemeinschaft gefeit, wenn die Mutter eines Tages das gefürchtete "Wort mit A" ausspricht. Aussortieren. Ein Kampf auf Leben und Tod beginnt.
Das Buch ist eine zauberhafte Liebeserklärung an die eigene Kindheit - voll Herz und Humor, ernsthaft und parodistisch, aber immer zum Knuddeln. Ein dickes Lob geht an Holger Much für das Cover. Unfassbar, wie viele unterschiedliche Teddybären einem da entgegenblicken. Dschungelkämpfer, Kettensägenmassaker-Brummis, schwer bewaffnete Kuscheltiere, die mit Klo- und Zahnbürste, Uhu- oder Ketchup-Flasche und grimmigem Gesicht, deutlich machen, dass sie zu allem bereit sind, um sich gegen Knuddelattacken zu verteidigen. Einfach zum Umarmen.

 

Edgar Allan Poe: Die schwarze Katze (+Der Untergang des Hauses Usher) (Reclam)
Zufallsfund in meiner Lieblingsbuchhandlung. Es gibt ja leider wenige Buchhandlungen, die noch ein Reclam-Regal haben.
Poe erzählt die Geschichte eines Mannes, der wegen Mordes an seiner Frau zum Tode verurteilt worden ist. Der Ich-Erzähler versucht zu erklären, was passiert ist. Angefangen hatte alles mit einer Katze, mit der er sich auch gut verstand, bis er in seiner Trunksucht dem Tier mit dem Messer ein Auge ausstach. Alkohol, Schuldgefühle und ein offenbar langsam wachsender Wahnsinn treiben ihn dazu, das Tier später aufzuhängen. Eine neue Katze kommt ins Haus. Das Tier gerät dem Mann auf der Kellertreppe zwischen die Füße, der wird sauer, will es mit der Axt erschlagen, doch seine Frau fällt ihm in den Arm, um die Katze zu retten. Woraufhin sich die Wut des Mannes auf die Frau entlädt. Wohin mit der Leiche? Er mauert sie im Keller ein. Als mehrere Tage später die Polizei zu ihm ins Haus kommt, verrät ihn jämmerliches Katzengewimmer aus der Wand - er hatte die Katze versehentlich mit eingemauert. Böse, rabenschwarz, hat mich echt angefasst.
Als zweite Geschichte ist der deutlich längere "Untergang des Hauses Usher" mit abgedruckt. Eine Geschichte, die ich in den 90ern schon mal für ein Seminar über Horrorliteratur lesen "musste". Interessante psychologische Studie über eine Adelsfamilie, in der über Jahrhunderte hinweg immer nur ein einziger Erbe überlebt hat, sodass es nie Seitenlinien gegeben hat. Nun sind nur noch der letzte Sohn und seine Schwester da. Ein Freund des Sohns erlebt das Verlöschen seines bleichen, schwächlichen, anämischen Freundes mit. Kurz zuvor war schon dessen Zwillingsschwester in die Familiengruft gebracht worden. Allerdings - sie war nur scheintot. Als sie plötzlich blutüberströmt vor dem Bruder steht und sich sterbend auf ihn wirft, tötet ihn der Schock. Der Ich-Erzähler flüchtet aus dem Schloss und sieht beim Blick zurück, wie das alte Gemäuer in sich zusammenfällt. Sehr eindrucksvoll, zu Recht ein Klassiker.

 

Hendrik Thomsen: Irrlicht. 1: Absturz

 

Stefan Kruecken: Das muss das Boot abkönnen
Eine hysterische Zeit, Unsicherheit, Hass, Hetze und Häme allenthalben. Wo sind die Ruhe, der klare Blick, der Anstand und die Zuverlässigkeit geblieben? Auf der Suche nach Orientierung und Haltung können wir von Schiffskapitänen etwas lernen, ist Stefan Kruecken überzeugt. In seinem Buch stellt er Männer vor (ja, ausschließlich Männer), die im Sturm den Überblick behalten, Boot und Mannschaft durchbringen und sich nicht vom allgemeinen Geschrei beeindrucken lassen. In Anekdoten und Erlebnisberichten stellt er Vorbilder für Verantwortung und Vertrauenswürdigkeit vor, von deren Entscheidungen Leben und Gesundheit ihrer Mannschaft abhängen und die sich in manchen Krisensituationen bewährt haben. Ein Modell für Politik und Gesellschaft? Kruecken jedenfalls wünscht es sich und stellt die Vorbildfunktion dieser Kapitäne heraus, die im Sturm ihr "Dienstgesicht" aufsetzen, auch wenn ihnen der Hintern tausendmal auf Grundeis geht, die einfach nur Klarheit und Sicherheit ausstrahlen und ihr Boot durchbringen. Wobei der Autor die Angehörigen dieses Berufsstandes durchaus nicht komplett verklärt und glorifiziert. Einige schwarze Schafe und katastrophale Stelleninhaber hat es durchaus gegeben, so erinnert er an die Havarie der Costa Concordia, bei der der Kapitän nicht nur leichtsinnig und unfähig agierte, sondern auch als einer der ersten von Bord flüchtete. Lesenswertes Buch, aber ich schätze, Kapitän wird man nur auf See, und Haltung erwirbt man nicht aus Büchern, sondern im Sturm. Trotzdem sehr anregend.

 

Selma Lagerlöf: Die Geisterhand (Reclam)
- Die Geisterhand
- Die Rache bleibt nicht aus
- Eine Geschichte aus Halstanäs
- Vineta
Schon das zweite Lagerlöf-Buch, das ich dieses Jahr lese. Die zweite große schwedische Schriftstellerin hat auch im Bereich der unheimlichen Geschichten einiges zu bieten. Der vorliegende Band enthält vier fein komponierte, ausgesprochen elegante Erzählungen. Die Titelgeschichte handelt von einem besonderen Spuk, der in der Familie einer jungen Braut immer wieder auftritt. Wenn im "Gespensterzimmer" jemand beim Kartenspielen betrügt, legt sich eine Hand auf den Tisch, eine uralte Hand mit Diamantring und Spitzenärmel, und deutet mit dem Finger schweigend auf die unkorrekt abgelegte Karte.
Nun sitzt die Braut im Zimmer und schreibt einen Brief an den Bräutigam. Doch als sie die Worte "Mein gel..." schreibt, legt sich die Geisterhand auf den Brief. Die Frau ist vollkommen verstört. Ja, sie hat "falsch gespielt". Sie liebt den Mann nicht, sie wollte ihn nur heiraten, um von zu Hause wegzukommen, gesteht sie ihm, vom schlechten Gewissen getrieben. Der Mann ist schockiert. Aber hochanständig. Er nimmt den Ring tiefbetroffen wieder an sich, spricht danach so verständnisvoll und tief ergriffen mit ihr, dass das Mädchen sich nun doch in ihn verliebt. Eine neue Verlobung ist die Folge.
Meine Lieblingsgeschichte im Buch ist "Die Rache bleibt nicht aus". Eine Geschichte über eine Frau, die manchmal übernatürliche Eingebungen hat. Aufgrund einer solchen Eingebung verlässt sie das Haus und findet im Wald drei halbverhungerte und fast erfrorene Männer, die sie in ihr Haus aufnimmt und wieder aufpäppelt. Der arrogante Pfarrer des Ortes will aber nichts davon wissen, dass die Frau eine gute Tat vollbracht hat und ein Wunder erfuhr. Er beschimpft sie als böses Trollweib. Pah, dabei hat der Pfarrer seinen eigenen Wohlstand eigentlich nur ihr zu verdanken. Die Frau erzählt ihren Bekannten und Nachbarn, wie es zuging, als sie damals die Geister austrickste und seinen verstorbenen Bruder dazu brachte, ihr zu verraten, wo er seinen ganzen Reichtum versteckt hatte. Dankbarkeit zeigte der Pfarrer, obwohl er es versprochen hatte, nicht. Dafür ereilt ihn nun die Strafe. Denn am nächsten Tag findet man den Pfarrer erschlagen vor. Die drei Landstreicher, die die Geschichte vom Schatz mit angehört hatten, haben ihn erschlagen und ausgeraubt. So schnell kann es gehen.
Die Geschichte von Halstanäs erzählt von einem Dummejungenstreich eines heute wohlhabenden Menschen, der sich als feuriger Geisterreiter verkleidete und die Leiche einer armen Frau stahl. Ein Freund träumt bei einem Besuch auf dessen Landgut von einem Mann mit Stiernacken, platter Nase, Schweinsaugen und einer blutigen Hand. Wenig später sieht er genau diesen Mann unter dem Gesinde seines Freundes und rät ihm dringend, ihn zu entlassen. Vergebens. Ein Jahr später erhält er die Nachricht, sein Freund sei erschlagen worden. Von dem Mann mit Stiernacken, platter Nase und Schweinsaugen.
Die Geschichte "Vineta" schließlich spielt in Visby. Im Mittelpunkt steht ein Mädchen, später eine Frau von etwas schlichtem Gemüt. Ein Engländer, der per Schiff angereist ist und unterwegs mit dem Steuermann Freundschaft geschlossen hat, entdeckt bei einem Spaziergang durch die Stadt die rätselhafte Frau und verliebt sich in sie. Nach und nach erfährt er ihre Geschichte, in der sein Freund Tom eine nicht unbedeutende Rolle spielte.
Vera ist dumm, aber lieb und treu und vergöttert schon als kleines Kind den gleichaltrigen Tom. Tom kann ihr so gut wie alles einreden und macht sich manchmal auch einen Jux daraus. Doch Vera folgt ihm mit aller Hingabe. Und er macht wirklich böse Scherze mit ihr. Etwas Liebe ist aber auch im Spiel. Doch als Tom, der Seemann geworden ist, von einer Fahrt zurückkehrt, hat man sie an einen Schmied verheiratet. Der erleidet später einen Schlaganfall. Vera pflegt ihn, wie es ihre Pflicht ist. Schließlich lässt sich der Gelähmte von ihr ans Meer bringen, stürzt sich ins Wasser und lässt es so aussehen, als habe Vera ihn umgebracht. Doch Tom steht ihr bei, hilft ihr auch sich zu verteidigen, sodass sie vom Verdacht des Mordes freigesprochen wird. Und nun führt sie ihre wunderliche, etwas weltfremde Existenz ... Schließlich kann der Engländer sie für sich gewinnen.
Das hört sich jetzt etwas ungelenk an, ist aber sehr eingängig und atmosphärisch geschrieben. Eine sehr gediegene und berührende Textsammlung.

 

Andrea Tillmanns: Das Glück wohnt gleich nebenan
Liebeswerter und leichtfüßiger Roman über eine junge Frau, die ihren Job verliert und sich danach als Fotografin selbstständig macht.
Sandra hat die Schnauze voll. Als ihr cholerischer Arschloch-Chef ihr wieder mal die Hölle heiß macht, zieht sie die Reißleine und kündigt. Doch was nun? Beim Arbeitsamt kriegt sie zwar ein paar Adressen für Bewerbungen, aber das einzige Vorstellungsgespräch zeigt ihr ziemlich schnell, dass der betreffende Chef auch nicht gerade das Gelbe vom Ei ist.
In der neu gewonnenen Freizeit belebt Sandra ihr altes Hobby, die Fotografie, wieder. Sie hat ein besonderes Talent und einen großen Ehrgeiz, besondere, einzigartige Porträtfotos zu erstellen und die Fotografierten passend zu ihrer Individualität in Szene zu setzen. Ungewöhnliche Inszenierungen, besondere Locations, Schminke, Accessoires - über das alles macht sie sich sehr viel Gedanken, bis sie dann endlich das perfekte Bild eines Menschen geschaffen hat. Ihr Nachbar Leonard (gut aussehend, nett und ein engagierter Hobbykoch) gibt ihr den Tipp, in einer düsteren Kulturkneipe nach einer Ausstellungsmöglichkeit zu fragen, und tatsächlich: Sandra darf dort ihre besten Bilder aufhängen. Die Vernissage läuft gut, es gibt erste Bestellungen und Aufträge für Foto-Shootings. Dann will Sandra ein eigenes Geschäft eröffnen.
Die Geschichte ist ein wirkliches Gute-Laune-Buch. Leicht und unbeschwert kommt es daher, und trotz des von vielen gefürchteten Schicksals - Arbeitslosigkeit - herrschen hier die hellen Farben vor. Vielleicht läuft alles etwas zu glatt, im wirklichen Leben wäre Sandras Start in die Selbstständigkeit sicher etwas härter geworden. Die erste Ausstellung klappt. Der freundliche Herr vom Arbeitsamt bewilligt sofort die finanzielle Unterstützung für das neue Unternehmen. Es gibt Aufträge. Sandra knüpft, als sie ihren neuen Laden eröffnet, gleich Kontakte zu den Nachbargeschäften, und ein unattraktiver grauer Hinterhof, an dem diese Buden und Läden liegen, blüht auf und wird aus dem Dornröschenschlaf geweckt.
Von den im Klappentext angekündigten "Rückschlägen", die Sandra beim Weg in die Selbstständigkeit hinnehmen muss, habe ich im Buch nichts gefunden. Oder ist damit gemeint, dass sie nicht sofort eine zweite Location für eine weitere Ausstellung findet? Es läuft alles glatt und rund in diesem Buch. Vielleicht, weil Sandra als positiver Mensch eine solche Freundlichkeit ausstrahlt, dass ihre Gesprächspartner einfach etwas zurückgeben müssen. Und als Sandra sich, obwohl sie das überhaupt nicht will und es sich verboten hat, in Leonard verliebt, ist der freundliche Nachbar natürlich auch Feuer und Flamme. Dabei hatte Sandra Leonard eigentlich für "tabu" erklärt, als sie sah, dass ihre Nachbarin und gute Freundin Elke mit ihm flirtete. Neinnein, alles in Ordnung, versichert Elke. Sie habe nur demonstrativ mit Leonard geflirtet, um Sandra eifersüchtig zu machen und Sandra Liebe zu befeuern. So steht dem Traumpaar nichts im Wege, als sich Sandra in der Begeisterung über ihren neuen Laden vollkommen vergisst, Leonard umarmt und ihn küsst. Ein Happy End für ein freundliches Buch, nach dessen Lektüre es einem einfach gut geht.

 

Mariana Leky: Erste Hilfe
Ein Buch, das mir meine Lieblingsschwester geschenkt hat. Sie war so begeistert von "Was man von hier aus sehen kann" (das Buch mit dem Okapi), dass sie sich auch dieses Buch gekauft hat, mit dem sie aber irgendwie nicht warm wurde. Ich fand es gar nicht so schlecht.
Es ist der Erstling der Autorin. Sie schreibt über ein Trio aus drei eigentlich fast normalen Menschen, mit einigen liebenswürdigen Besonderheiten. Die Ich-Erzählerin ist Mitarbeiterin eines Zoogeschäfts und lebt zusammen mit Sylvester, den sie eigentlich schon kannte, bevor sie sich kennenlernten - Sylvester war nämlich auf einem Werbeplakat für eine Bank zu sehen. Die Dritte im Bunde ist Matilda, die den "größten Hund der Welt" besitzt und sich im Zoogeschäft ihr gekauftes Aquarienzubehör als Geschenk einpacken lässt. Matilda ist schüchtern, spricht nur sehr leise. Plötzlich entwickelt sie eine Angststörung: Sie traut sich nicht mehr, Straßen zu überqueren. Ein unangenehmes Handicap auf Wegen in der Stadt oder beim Gassigehen mit dem Hund. Immer wieder bleibt sie stehen, steht stundenlang am Straßenrand und traut sich nicht weiter zu gehen. Die beiden Freunde versuchen ihr zu helfen. Sie begleiten sie auf eine Odyssee durch verschiedene Psychiater- und Therapeuten-Praxen. Jeder hat andere, teilweise sehr skurrile Tipps und Behandlungsmethoden. Eigentlich ein ernstes Thema, aber Leky erzählt das Ganze federleicht und humorvoll, es ist mehr absurd-magischer Realismus als ein Problembuch. Glaubwürdig? Naja, Termine bei einem echten Psychiater oder Therapeuten zu bekommen, ist im realen Leben nicht gerade einfach, aber Matilda besucht in kürzester Zeit dutzendweise Fachleute. Egal, es ist ein Buch, das sich gut lesen lässt und gute Laune macht. Mir hat's gefallen.

 

Curt Bloch: Das Unterwasser-Cabaret

 

Schatten aus der Sonnenwelt
Der Verlag Torsten Low hatte mir bereits zwei sehr interessante Bände mit Phantastik aus Bulgarien beschert. Jetzt also spekulative Fiktion aus Griechenland. Und der Titel "Schatten aus der Sonnenwelt" ist tatsächlich Programm, es ist eine Sammlung der starken Kontraste, Licht und Schatten treffen aufeinander, und das nicht, um eine harmonische Dämmerung zu erzeugen. Enthalten sind zehn Geschichten von zehn Autorinnen und Autoren, die eine sehr große Bandbreite abdecken.
Es ist insgesamt eine Sammlung, die sich nicht einfach so nebenbei konsumieren lässt, keine gefälligen, netten Geschichten, man muss sich schon ein wenig hindurchbeißen. Was nichts Schlechtes sein muss. Besonders im Gedächtnis hängengeblieben ist mir die Geschichte "43 Minuten". Es geht um einen 13-Jährigen, der als Prostituierter arbeitet. Er ist hübsch, hat gutbetuchte Kunden und einen Chef und eine Organisation, die ihm Sicherheit gibt. Die wichtigste Regel für seine Arbeit: Vor der Tür des Kunden muss er eine Pille schlucken. Diese tilgt für die nächsten 42 Minuten sein Gedächtnis aus. Der Akt dauert jeweils 30 Minuten, so wacht er immer wohlbehalten im Auto seines Betreuers auf und erinnert sich an nichts. Ein gutes Gefühl, ein Gefühl der Geborgenheit. Doch eines Tages vergisst der Junge, seine Pille einzuwerfen, und erlebt einen Alptraum. Eine widerliche Vorstellung. Warum nur habe ich das Gefühl, dass so etwas gar nicht so weit hergeholt ist ...?
Ist die Geschichte repräsentativ? Eigentlich ist keine der zehn Geschichten repräsentativ für die neun anderen. Da geht es um einen Mann, der Schädel von toten Tieren auf der verseuchten Erde sammelt, damit aus ihrem Erbgut vielleicht dereinst die Arten wieder geklont werden können. Denn was wäre eine Welt ohne Delphine? Gefallen hat mir auch die Geschichte "Das Pendel von Karthago", in der es um eine junge Frau geht, die als Kind eigentlich Meerjungfrau hatte werden wollen. Nun ist sie Gefolgsfrau einer Verkünderín, zweite in der Hierarchie, und es gibt einige Probleme zwischen ihr und der Nummer eins. Eine ihrer Aufgaben: den letzten Worten eines Sterbenden zu lauschen.
Eine sehr vielschichtige Sammlung mit jeder Menge lesenswerter Geschichten. Abenteuerlich, düster, nachdenklich. Nur den Humor habe ich ein wenig vermisst.

 

Klaus Mann: Mephisto (Hamburger Lesehefte)
Warum soll man im Mann-Jahr auch nur den Thomas lesen? Den Mephisto hatte ich schon lange auf meiner To-do-Liste. Jetzt fiel er mir auf der Buchmesse in die Hände. Die Ausgabe enthält Anmerkungen und ein Nachwort, beides sehr hilfreich. Gewünscht hätte ich mir etwas größere Buchstaben, für eine alte Frau mit schwachen Augen ist es stellenweise etwas anstrengend.
Mann erzählt die Geschichte des Schauspielers Hendrik Höfgen, der in der Nazizeit Karriere macht und sich den Machthabern andient. Zu Weimarer Zeiten hatte er durchaus in kommunistischen und sozialistischen Kreisen verkehrt, doch damit ist jetzt Schluss, und er kennt seine früheren Freunde nicht mehr. Abgesehen von Otto, für den er sich zweimal verwendet. Aber Otto ist ein zu anständiger Mensch, um von seinem Engagement zu lassen, so stirbt er schließlich in den Fängen der SS.
Hendrik Höfgen dagegen macht Karriere. Seine Paraderolle ist der Mephisto in Goethes Faust. Er hat Göring begeistert, zählt sogar zum Freundeskreis des Ministers, und auch Goebbels protegiert ihn. Einmal trifft er Hitler. Da rutscht dem Schauspieler das Herz derart in die Hose, dass er vor lauter Angst gar nichts von dem herausbringt, was er eigentlich sagen wollte. Was seiner Karriere noch förderlicher ist als große Reden. Denn Hitler mag es, wenn Leute vor ihm Angst haben, ein mutiges Auftreten hätte Höfgen ins Abseits befördert.
Höfgen wird Intendant, erreicht Ansehen und Macht. Dunkle Punkte in seiner Vergangenheit, etwa die Liebe beziehungsweise Hörigkeit gegenüber einer schwarzen Tänzerin, bei der er Tanzunterricht nimmt, lässt sein Nazifreund Göring verschwinden. Allerdings wird es um Höfgen herum einsamer. Freunde hat er keine, dafür jede Menge Bekannte, die ihn fürchten und sich bei ihm einschleimen wollen. Seine Frau, Tochter eines humanistischen Bürgers, der bei den Nazis in Ungnade fiel, verlässt ihn und schließt sich in Frankreich dem Widerstand an. Künstlerisch ist er nicht mit sich zufrieden. Sein Hamlet gelingt ihm nicht, auch wenn ihn alle Leute loben. Als sein Freund Otto im SS-Knast zu Tode gefoltert wird, hat Höfgen nachts Besuch von einem Kommunisten, der ihm höhnisch Ottos letzten Gruß ausrichtet. Höfgen ist erschüttert. Sein Schlusssatz: "Was wollen die Menschen von mir? Warum verfolgen sie mich? Weshalb sind sie so hart? Ich bin doch nur ein ganz gewöhnlicher Schauspieler."
Spannende und fein beobachtete Künstlerbiografie, Darstellung eines Menschen, der unter den Nazis Karriere machte. Dass eine Inspirationsquelle für Klaus Mann Gustaf Gründgens war, wusste ich schon. Nicht aber, dass Gründgens mit Erika Mann, Klaus' Schwester, verheiratet war. Wobei der Autor betont, es ginge nicht um einen konkreten Menschen, sondern um einen "Typus". Ebenfalls neu war für mich die Verbotsgeschichte des Romans, der als Verunglimpfung Gründgens' verstanden wurde. Sehr interessante Lektüre, gutes Buch.

 

Andrea Tillmanns: Die Tage des Drachen
Kurzgeschichtenband mit Texten, die schon einmal erschienen sind, ein bisschen wie ein Wiedersehen mit alten Freunden. Es sind Geschichten aus der Storyolympiaden-Zeit, aus der Legendensänger-Edition, aus dem Elfenschrift-Sonderband "Rosa Elfen", aus der Geschichten-Stadt Saramee, aber auch drei Geschichten, die 2025 erstmals veröffentlicht wurden, eine davon erschien erstmals in englischer Sprache und liegt nun also auch in deutscher Übersetzung vor. Die Sammlung ist sehr vielseitig, Märchen und Erzählungen für Kinder wechseln mit Fantasy-Storys ab, Drachen und Hexen, Schwertkämpfer und Heilerinnen, Tänzerinnen, Zwerge, Elfen und frei erfundene Wesen erleben spannende Abenteuer oder gewinnen tiefere Einsichten.
Eine Besonderheit ist, dass auch ein Roman-Drittel abgedruckt ist, das etwa die Hälfte des Buchumfangs ausmacht. Es handelt sich um den Mittelteil des Demonwright-Romans "Der eiserne Thron", verfasst von drei Story-Olympioniken. Es gab damals "Arbeit zu gewinnen". Ich selbst war ein Jahr vorher an dem Versuch gescheitert, zusammen mit drei weiteren Olympioniken einen Roman zu schreiben. Das Team vom "Eisernen Thron" hatte es geschickter angefangen und die Handlung in drei Teile zerlegt, die zwar aufeinander aufbauen, aber auch separat lesbar sind, wie die jetzige Veröffentlichung unter Beweis stellt. Der Romanteil "Im Zeichen der Melgrim" erzählt von Thania, einer jungen Zwergin, die als Heilerin tätig ist. Eines Tages kommt Frett, halb Zwerg und halb Elf, schwer verletzt in ihre Praxis. Er hat herausgefunden, dass der König des Landes durch einen Gestaltwandler ersetzt wurde. Eine gefährliche Information, wie Thania bald am eigenen Leib erfährt.
Sehr schön ist die optische Gestaltung des Bandes. Das sehenswerte Cover, das einen sich in Spiralen windenden Drachen zeigt, und die Innenillustrationen zu den Geschichten stammen von Marlene Walkenhorst. Spannend, wie Titel und Autorenname sowie Klappentext in und um die Windungen des Drachen geschrieben worden. Also: Nicht nur ein Buch mit guten Texten, sondern auch ein echter Hingucker.

 

Johannes Anders: Erdaufstand (Neue Erde 2400, Band 1)
Start einer neuen Serie, die im Jahr 2382 spielt. Die Erde nach oder in der Klimakatastrophe. Schwülheiße Luft, der Meeresspiegel steigt, eine Roboterarmee schützt die Grenzen vor Klimaflüchtlingen. Eine Gruppe jugendlicher Umweltaktivisten namens "Erdaufstand" hat sich formiert, die Mitglieder tragen besondere KIs und werden für zahlreiche Anschläge verantwortlich gemacht. Samantha ist ein Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen und möchte sich der Bewegung anschließen. Ihre wohlhabende Freundin Kerstin, die eine leitende Funktion im Erdaufstand innehat, rüstet sie mit einer neuen KI aus und nimmt sie mit zu einer Aktion, es geht um einen Einbruch in ein Firmengebäude. Die Sache läuft gut. Zu gut. Zu spät erkennen die Jugendlichen, dass sie in eine Falle getappt sind. Alle bis auf Samantha kommen um. Samantha kann mit Kerstins KI flüchten. Spannend, spacig, aber leider gar nicht so weit hergeholt. Wird es im Jahr 2382 überhaupt noch Menschen geben?

 

Michael Stoffers: Die vergessene Destille von Helgoland

 

Johannes Anders: Miranda Wohlfahrt
Die Titelheldin ist eine talentierte Bilanzfälscherin. Ein ziemlich ungewöhnlicher Beruf für einen Helden eines SF-Romans. Und leider war sie dann doch nicht ganz so erfolgreich. Nun hat Chefdiplomat der Planetenunion Beweise gegen sie, und sie wird zwangsrekrutiert für den diplomatischen Dienst. Sie besucht unter anderem die Kaiserin eines Krakenvolks und erhält von dem extrem arroganten Wesen, das mit acht Gehirnen ausgestattet ist, eine Achtelaudienz, in der sie auf das Unflätigste beschimpft wird. Sie ist auf einem Diktaturplaneten zu Gast, bei dem jeder Besucher zur Begrüßung einen speziellen Halsreif angelegt bekommt. Was sie nicht ahnt, aber bald herausfinden wird: Bei jeder negativen Bemerkung über die Regierung und bei jedem Fluch sowie bei tausend weiteren "Vergehen" zieht sich der Ring ein Stückchen mehr zusammen. In einem Mönchskloster lernt sie jede Menge Selbstverteidigungstechniken, die sie später in einer Kampfarena sehr gut gebrauchen kann. Insgesamt besteht der Roman aus zwölf Episoden, die einzeln konsumierbar sind, aber auch miteinander zusammenhängen. So kehrt Miranda auch an den Ort ihrer folgenreichen Bilanzfälschung zurück. Spannend, schräg und ausgesprochen unterhaltsam. Eine Heldin, die Potenzial für einen Mehrteiler hat.

 

Tony Hillerman: Tanzplatz der Toten
Joe Leaphorns erster Fall: Ein Navaho-Cop ermittelt auf dem Gebiet der Zuni. Normalerweise hält er sich aus den Angelegenheiten des Nachbarstamms heraus, doch nun geht es um einen verschwundenen Navaho-Jungen, der sich sehr stark für die Zeremonien der Zuni interessiert und womöglich in seinem Eifer ein Tabu verletzt hat. Auch sein Zuni-Freund ist verschwunden. Und die gefundene Blutlache deutet darauf hin, dass der Junge ermordet wurde.
Die Ermittlungen gestalten sich auch dadurch schwierig, dass Zuni- und Navaho-Police nicht unbedingt vertrauensvoll zusammenarbeiten, und Joe das Gefühl hat, dass ihm Informationen vorenthalten werden. Tatsächlich war der Navajo-Junge tiefer in die Geheimnisse der Zuni-Zeremonien eingedrungen, als die Götter gutheißen könnten. Er hatte sich sehr eng an seinen Zuni-Freund angeschlossen, der bei der nächsten Kachina-Zeremonie einen der Götter verkörpern sollte.
Leaphorn ist ein zutiefst logisch denkender Mensch und lässt sich nicht von Flüchen oder Göttern ins Bockshorn jagen. Aber was hat es mit der in ein Kachina-Kostüm gekleideten Gestalt auf sich, die Leaphorn an der Hütte der Familie des Jungen beobachtet? Und welche Rolle spielen die archäologischen Ausgrabungen, die künstlerisch aufwändig hergestellte Pfeilspitzen einer geheimnisvollen alten amerikanischen Kultur ans Tageslicht fördern? Haben diese Menschen wirklich stundenlang an ihren filigranen Pfeilspitzen gearbeitet und sie, wenn nach vielen Stunden, einen winzigen Augenblick vor der Vollendung, die Spitze doch zerbrach, einfach den Stein gleichmütig fallen gelassen und sich einen neuen genommen?
Sehr schöner Ethno-Krimi, spannend und sachkundig geschrieben, mit viel Liebe zu den Navaho und einem guten Gespür für Erzähltempo.

 

Andreas Strutz: Mein Großonkel und ich
Ein Buch mit Geschichten und Informationen über Helgoland. Es geht um den zehnjährigen Conrad, der seinen Großonkel auf der Insel besucht und eine Woche lang von ihm Geschichten erzählt bekommt. Wobei "Geschichten" nicht unbedingt das richtige Wort ist, oft sind es einfach auch Erklärungen und Vorstellungen von Besonderheiten. Die Rahmenhandlung verteilt sich auf sieben Tage, dann muss Conrad wieder nach Hause. Themen sind unter anderem der Leuchtturm oder die Feuerbüse, das Projekt "Hummerschere", mit dem die Nazis Helgoland in einen riesigen Kriegshafen verwandeln wollten, die Lange Anna, die Robben, das U-Boot UC 71, das von der Mannschaft versenkt wurde, um es nicht den Engländern in die Hände fallen zu lassen. Der Titel "Mein Großonkel und ich" spielt natürlich auf den berühmtesten Helgoländer Schriftsteller an, James Krüss, der eines seiner bekanntesten Bücher "Mein Urgroßvater und ich" nannte. Der Verfasser ist sogar mit Krüss verwandt. Illustriertes Hardcover-Buch mit 66 Seiten, im Selbstverlag veröffentlicht und nur in einigen Geschäften auf der Insel zu haben. Ganz okay, wenn auch nicht der ganz große Wurf, einige Touristen und ihre Kinder werden es mit Gewinn gelesen haben. Allerdings hätte ein scharfäugiger Korrekturleser dem Buch gut getan.

 

Tony Hillerman: Blinde Augen
Navaho-Cop Joe Leaphorn hat gerade einen "alten Bekannten" verhaftet und will ihn in den Knast bringen, als er auf einen Raser aufmerksam wird. Der Versuch des Polizisten, das Auto zu stoppen, endet für ihn beinahe tödlich, denn der Fahrer eröffnet sofort das Feuer. Joe wird schwer verletzt und erinnert sich nur noch vage an das Gesicht des brillentragenden Fahrers und einen riesigen Hund, der im Auto saß.
Doch schon muss er wieder ran, um einen Mordfall zu lösen. Die einzige Augenzeugin, respektive Ohrenzeugin ist eine alte Frau mit Wahrsage- und Heilergabe, bei der das Mordopfer Rat und Hilfe suchte. Doch während sie draußen ihren Kopf in ein Loch steckte, um mit der Erde Zwiesprache über das Anliegen des Mannes zu halten, wird der Mann erschossen. Verwirrend der Satz, den der alte Mann zuvor geäußert hatte: Es sei jemand durch Sandbilder gelaufen. Da ist Joe ebenfalls ratlos. Denn bei den traditionellen Navaho-Zeremonien wird immer nur ein einziges Sandbild angefertigt, und dieses wird nach der Zeremonie wieder ausgelöscht. Sandbilder im Plural, das ist ein Widerspruch in sich. Langsam stellt sich heraus, dass der Tote Träger einer alten heiligen Überlieferung war. In seiner Familie wird von Generation das Wissen um eine Zeremonie weitergegeben, mit der man bei einer Zerstörung der Welt einen neuen Beginn einleiten kann. Magie und Spiritualität treffen auf kriminelle Energie und eine Banditenbande, die buchstäblich über Leichen geht. Hat mir gut gefallen.

 

Seneca: Briefe an Lucilius (Reclam)
Vollständige Ausgabe, kommentiert, mit Literaturauswahl und einem Nachwort. Solide Reclamqualität. 124 Briefe hat Seneca an seinen jüngeren Freund Lucilius geschrieben. Es geht um stoische Philosophie, Ethik und Ratschläge für ein glückliches Leben, oft gebunden an persönliche Erlebnisse und Lebenssituationen des Lucilius. Ein Buch, das guttut und einem tatsächlich leicht ums Herz werden lässt. Wie auch der "Blurb" auf dem Klappentext vermerkt. "Vergessen Sie moderne Glücksratgeber und lesen Sie Senecas Briefe an Lucilius" (Ferdinand von Schirach).
Es geht um das richtige Leben, um den Umgang mit Rückschlägen und Erlebnissen, die den gewöhnlichen Menschen niederschmettern, wie etwa Krankheit, der Tod geliebter Menschen, finanzielle Einbußen. Seneca ermahnt zur Gleichmut und dazu, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die wir als Mensch selbst in der Hand haben. Er spricht auch von Lehren anderer Philosophenschulen, warnt vor Scheinlogik und Wortverdrehereien rhetorischer Taschenspieler und gibt seinem Briefpartner oft als Schlusswort noch ein kleines Fundstück aus seiner eigenen Lektüre mit auf den Weg. Sehr erstaunlich, wie oft er den bei Stoikern gewöhnlich nicht im besten Ruf stehenden Epikur zitiert. Manchmal kommt er ein wenig altväterlich herüber, und heutige junge Menschen würden sich den belehrenden Tonfall vermutlich verbitten. Aber Lucilius wird es sich zur Ehre angerechnet haben, dass Seneca derart wohlwollend und väterlich mit ihm verkehrte. Auf jeden Fall eine außerordentlich lesenswerte Sammlung, in die man die Nase auch gut ein zweites oder drittes Mal hineinstecken könnte und sollte.

 

Alfred Ph. König: Die Galaxis steht offen
Die Lichtgeschwindigkeit ist nicht zu toppen? Eine Gruppe von Wissenschaftlern ist nicht überzeugt davon. Was wäre, wenn überlichtschnelle Raumflüge doch möglich wären? Fremde Galaxien wären erreichbar, andere bewohnbare Planeten gar nicht mehr so weit weg, vielleicht trifft die Menschheit sogar auf intelligentes, außerirdisches Leben dort draußen? In einem streng abgeschlossenen Institut arbeiten nun geniale Forscher an der Lösung dieses Problems. Und sie haben schneller Erfolg, als nach bisherigem Stand der Physik denkbar wäre. Erste Erfolge stellen sich ein. Aber das geheime Forschungsprojekt weckt auch Begehrlichkeiten. Zumal die dort entwickelten Geräte und Raumfahrzeuge durchaus auch in bewaffneten Konflikten auf der Erde eingesetzt werden könnten. Aktuell gibt es im Pazifikraum einen schweren Konflikt. Und kurz nach dem ersten großen Erfolg der Wissenschaftler - sie lassen einen Gegenstand schweben und teleportieren ihn über eine kurze Strecke -, explodiert in Australien eine Bombe, die offenbar auf die Superator-Technik des Instituts zurückgeht. Immer wieder schleichen Spione ums Institut, dringen in die Räume ein, oder andere Wissenschaftler werden als V-Leute eingeschleust. Es sind bei weitem nicht nur irgendwelche "ausländischen Mächte", sondern auch Kräfte im eigenen Land würden gern Hand auf die Technologie legen, Militär und Geheimdienste etwas würden diese ultimative Waffe gern in ihren Besitz bringen. Derweil machen die Forscher weitere Fortschritte. Auf den Start folgen weitere erfolgreiche Raumflüge. Die Galaxis steht offen. Und dann bekommen die Wissenschaftler Kontakt zu Wesen, die nicht von dieser Welt stammen.
Alfred Ph. König hat einen spannenden SF-Roman geschrieben, der ohne großes Techno-Gebabbel auskommt, sehr interessante Charaktere vorstellt und das Netz der zwischenmenschlichen Beziehungen im Institut sehr gelungen nachzeichnet. Die physikalischen Grundannahmen mögen bei Physikern ein Kopfschütteln verursachen, aber darauf kommt es ja nicht an. Die eigenen Aktionen der Wissenschaftler, wenn sie etwa entführte Kollegen suchen und befreien müssen, haben den Charme einer Olsen-Bande-Episode und lassen den Leser mitfiebern, ohne ihn durch hochwissenschaftliche Planungsarbeit zu überfordern. Hat mir gefallen.

 

Andrea Tillmanns: Tod im Wald der Engel
Ein Niederrhein-Lokalkrimi aus Neuss, der von einer Leiche auf der Ölganginsel handelt. Ich gestehe freimütig: Ich war noch nie auf der Ölganginsel und kenne Neuss nicht. Aber mit Genuss lesen konnte ich den Krimi trotzdem.
Die Heldin ist Anna Berg, eine Künstlerin, die soeben eine Vernissage einer neuen Ausstellung hinter sich gebracht hat. Nach der anstrengenden Ausstellungseröffnung, bei der ein niederträchtiger Lokalredakteur der örtlichen Zeitung sie ziemlich hart anging, will sie noch ein wenig Luft schnappen und sich die Beine vertreten. Dazu unternimmt sie einen nächtlichen Spaziergang auf der Ölganginsel und findet plötzlich ein Kätzchen mit blutigem Fell. Sie ruft die Polizei, und die findet etwas, das noch schlimmer ist als schmutzigrotes Katzenfell. Auf der Ölganginsel liegt eine Leiche. Der Tote ist Hartmut Lanski, ebenjener Journalist, mit dem Anna sich vor wenigen Stunden noch gestritten hat. Und als am nächsten Morgen in der Zeitung Lanskis gnadenloser, hämischer Verriss ihrer Ausstellung zu lesen ist, gehört Anna für die Polizisten zum engsten Kreis der Tatverdächtigen. Denn dieser Artikel hat auf jeden Fall das Zeug zum Mordmotiv. Anna bekommt Angst, sieht sich bereits mit einem Bein im Gefängnis und versucht daher selbst, den wahren Mörder zu finden. Dabei stellt sich heraus, dass Lanski wirklich eine echte Drecksau war, schon mal harmlose Dinge reißerisch hochgekocht hat und für einen Skandal so ziemlich alles tat. Auch die Polizistin, die die Ermittlungen leitet, war von Lanski schon mal in einem Artikel als völlig unfähig dargestellt worden. Die Leser erleben kriminalistische Ermittlungen einer Amateurdetektivin mit viel Kreativität und Lokalkolorit. Fast möchte man sich die Ölganginsel einmal selbst ansehen.
Allerdings: Dass eine Zeitung bereits am Morgen nach einer abendlichen Ausstellungseröffnung darüber berichtet, hm, nein, so schnell sind wir nun doch nicht. Wenn ich abends um 19 Uhr oder später auf einer Vernissage abhänge, mich dort mindestens eine halbe Stunde, eher länger, aufhalte, dann in die Redaktion fahre und vielleicht noch eine Stunde daran schreibe, habe ich die Zeit für den Andruck in der Druckerei schon längst überschritten. Abendtermine aktuell noch ins Blatt zu heben, das macht man vielleicht bei Bundesliga-Spielen oder Besuchen des Bundespräsidenten, aber nicht bei einer popeligen Ausstellungseröffnung einer nicht einmal lokal sonderlich gut bekannten Malerin ...

 

Reinhard Klein Arendt (Hrsg.): Angst im Empire
Optisch und inhaltlich prachtvoller Schmöker mit Horrorstorys aus den englischen Kolonien. Geschichten aus Indien, Neuguinea, Australien, Neuseeland, von den Fidschi-Inseln, aus Kenia, Ägypten und von Malta, die letzte spielt in London, wohin der Horror aus den unterdrückten Ländern schließlich gelangte. Es sind schauderhafte Erlebnisse, die die britischen Besatzer in den eroberten Gebieten haben, meist sind die Erzähler Angehörige der Armee, beziehungsweise noch häufiger: die Ehefrauen, die ihre Männer in die Länder begleiteten, oder Briten, die aus anderen Gründen in die Kolonien gelangten, in Australien auch Strafgefangene. Der Horror entsteht zumeist aus der Konfrontation mit den unterworfenen und unterdrückten Völkern heraus, oft spielen einheimische Religionen und magische Rituale eine Rolle. Es geht viel um verfluchte Orte und um Geistererscheinungen in Hütten und Unterkünften, vor denen die Neuankömmlinge dringend gewarnt werden. Die Autoren und Autorinnen - es gibt sehr viele Beiträge von weiblicher Hand - sind heute größtenteils vergessen, obwohl sie sich zu ihren Lebzeiten großer Bekanntheit und Beliebtheit erfreuten (Eine Ausnahme bildet der Australier Guy Newell Boothby, zu dem ich ja ein ganz besonderes Verhältnis pflege). Umso erfreulicher ist es, dass dieser Band den Texten jedes Autors eine Biographie voranstellt, und die Abteilungen der einzelnen Länder mit einem kurzen Abriss der jeweiligen Kolonialgeschichte bevorwortet. Überhaupt ist das Hintergrundmaterial zu diesem Buch gar nicht hoch genug zu loben. Ohne die Verfasser der einzelnen Kurzgeschichten abwerten zu wollen: Das Vorwort des Herausgebers Reinhard Klein Arendt ist der allerbeste und lesenswerte Text im gesamten Buch. Er geht unter dem Titel "Weltreich in Angst" unter anderem der Frage nach, ob der Horror, den Briten in den Kolonien empfanden, selbst geschaffen ist. Die Unterdrückung der Völker und der Hass, der den Besatzern entgegenschlug, die Angst, die die Kolonisten verbreiteten, die Gewalt, die sie ausübten, die Zerstörung, die sie hinterließen, all das ist eine Saat, die die Briten säten - und sie ernteten die Angst der Völker, die irgendwann auf sie zurückschlug. Sehr einleuchtend.
Sehr eindrucksvoll illustrieren die Zeichnungen Thomas Hofmanns die düsteren Erlebnisse im Empire. Insgesamt erneut ein sehr schöner, opulent aufgemachter Band aus der Edition Dunkelgestirn, inhaltlich, künstlerisch und handwerklich top.

 

Ju Honisch: Schlange des Bösen: Die Studentin
Elinor würde gern studieren. Aber sie ist eine Frau, und wir schreiben das Jahr 1887. Ihre Tante ist nicht so begeistert davon, und nun hat Elinor auch noch die Prüfung für die Aufnahme in Cambridge versemmelt. Kurz vor der demütigenden Rückkehr nach Hause passiert jedoch etwas, mit dem die junge Frau überhaupt nicht gerechnet hat: Auf der abendlichen Straße wird sie von einer riesigen magischen Schlange angegriffen. Elinor wehrt sich, kämpft um ihr Leben und wird zum Glück von einigen Magiern gerettet. Diese stellen bei ihr überraschenderweise ein magisches Potenzial fest. Völlig absurd, schließlich können Frauen nicht magiebegabt sein, denkt die Altherrenriege, doch einige sprechen sich für sie aus. So erhält Elinor die Gelegenheit, in Cambridge zu studieren. Allerdings in einer geheimen Bildungseinrichtung, im Royston College, wo Arkanwissenschaften gelehrt werden. Eine Frau am Royston? Sie ist die erste weibliche Studentin an dieser Schule. Was nicht nur organisatorische Probleme mit sich bringt, sondern auch Sexisten aller Altersgruppen auf den Plan ruft. Sowohl unter den Professoren als auch unter den Studenten gibt es viele, die ihr Steine in den Weg legen. Aber sie findet auch Freunde, zum Beispiel einen Wasserjungen, den sie beim Nacktbaden erwischt, eine ziemlich schockierende Begegnung für sie. Auch ein Werwolf unter ihren Kommilitonen sorgt für alles andere als romantische Vollmondstimmung. Und es ist beileibe nicht so, dass Royston die einzige Organisation ist, die sich mit Magie befasst. Eine christliche Bruderschaft macht Jagd auf die Magier, bedient sich dabei aber durchaus selbst arkaner Mittel. Und dann ist da noch ein geheimer Hexenzirkel, der nachdrücklich unter Beweis stellt, dass die Vorstellung, dass Frauen nicht magiebegabt seien, absoluter Schwachsinn ist. Die vermutlich größte Bedrohung für alle ist die Schlange des Bösen. Wobei ihr Meister möglicherweise gar nicht so weit entfernt von den Studenten und Professoren sitzt.
Schönes Jugendabenteuer, spannend, mit einigen humorvollen Szenen. Klassisches Fantasy-Thema im Harry-Potter-Stil: Waisenkind besucht magische Schule und wird von bösem Magier bedroht. Dabei aber durchaus eigen.

 

E. S. Schmidt: Die Rückkehr der Elynn

 

Anna Schriefl: Stoische Philosophie (Reclam)
Gut geschriebene, leicht lesbare, aber nicht übersimplifizierende Gesamtdarstellung, kompakt und doch umfassend. Die Autorin geht auf alle Bereiche der stoischen Philosophie ein, erzählt von Vorläufern und von Nachfolgern bis hin in die Gegenwart, schlägt sogar den Bogen bis zum Buddhismus. Für mich persönlich war das Kapitel über die Logik bei den Stoikern ein großes Aha-Erlebnis. Hier gab es sehr feine, aber bedeutende Unterschiede zur aristotelischen Logik. Habe ich bisher nicht gewusst.

 

Enn Vetemaa, Kat Menschik: Die Nixen von Estland
Ein wunderschönes Buch aus der Anderen Bibliothek, was ja ohnehin für künstlerisch und handwerklich besondere Bücher spricht. Ein Ratgeber für Forscher, die Nixen - genauer gesagt: estnische Nixen - beobachten wollen. Der Leser erfährt alles über Hilfsmittel beim Beobachten, über Lebensraum und Gewohnheiten der Nixen, über angemessenes Verhalten und über die biologische Einordnung der verschiedenen Gattungen und Arten. Unterschieden werden Arten wie die Nackttittige Wuchtbrumme, die Grünhaarige Kokotte, die Waschversessene Rubbelfee oder die Minilesbische Heulsuse. Vor allem die zahlreichen Illustrationen von Kat Menschik machen dieses Buch zu einem echten Genuss. So ziert das Titelbild eine Nackttittige Wuchtbrumme, eine Art Kreuzung aus einer Hannoverschen Nanna und einem Sumoringer mit leicht samoanischem Einfluss und blauen Ganzkörpertattoos in tänzerischer Pose. Mein Lieblingskapitel war das über die Flucherin, in dem die Schimpflieder dieser Nixenart analysiert werden und der Leser eine Bauanleitung für diese hochanspruchsvolle Lyrik erhält. Ein Beispiel für ein nach sehr strengen formalen Regeln konstruiertes Fluchlied einer solchen Nixe:
"Was sabbest du da, huhndumme Bumsnonne! Schande über euch skrofulöse Homöopathen! Geh Schweine hüten! Scheiße!"
Es ist ein lesenswertes Buch, das ich jedem Nixenfreund ans Herz legen möchte. Allerdings ist mir rätselhaft, wie dieses Buch, das zuerst 1983 in Tallinn erschien, jemals ohne die Illustrationen von Kat Menschik auskommen konnte. Diese Zeichnungen gehören einfach in das Buch, die Nixenkunde muss ohne sie vollkommen armselig gewesen sein.

 

 

Juliane Seidel: Herz aus Kristall

 

Hans Fricke: Die Jagd nach dem Quastenflosser
Ein Buch, das schon ziemlich lange auf meinem SUB liegt, und das jetzt endlich dran war. Es geht um die Entdeckung eines "lebenden Fossils" und die Suche mit einem U-Boot nach weiteren Vertretern dieser Spezies. Hans Fricke entwickelt sich nach und nach zum Experten für "Quastis", wie die Crew die besonderen Fische mit den auf "Armen" und "Beinen" sitzenden Flossen bald liebevoll nennt, und hat bald den Blick für typische "Quastenflosser-Landschaften". Die Forscher beobachten die Fische bei ihren seltsamen Kopfständen, folgen ihnen in Höhlen, lernen auch, die Tiere zu markieren, um ihre Bewegungen verfolgen zu können. Wobei der Quastenflosser eher ein standorttreuer, nicht zu langen, weiten Wanderungen aufgelegter Geselle ist. Und auch schnelle Strömungen und unruhiges Wasser mag er nicht. Fricke findet die Tiere an verschiedenen Küsten Ostafrikas, eine weitere Population wird im Gebiet zwischen Borneo und Sulawesi entdeckt. Der Autor erzählt von der Geschichte der Quasti-Forschung seit der Entdeckung dieses Tieres, berichtet vom Einsatz der legendären Marjorie Courtenay-Latimer, die den Fisch, den ein Fischer gefangen hatte, als etwas Besonderes erkannte. Er erzählt aber auch von den Schwierigkeiten, Forschungsgelder für Expeditionen und den Bau eines U-Boots zu bekommen. Von betrügerischen Wissenschaftlern, die aus Ruhmsucht Dokumente und Bilder fälschen, um auch einen entdeckten Quastenflosser vorweisen zu können. Von Vergnügungsbetrieben, die unbedingt einen eigenen Quasti in ihren Besitz bringen wollen, angeblich, um die Forschung voranzutreiben. Man erfährt etwas über den Quastenflosser als Nationaltier und darüber, wie das Tier unter Schutz gestellt wurde. Und es gibt eine kleine kriminalistische Recherche nach kleinen silbernen Kunstwerken in Form eines Quastenflossers. Interessant fand ich auch den Hinweis, dass Darwin lebende Fossilien gar nicht liebte. Sie widersprachen seiner Lehre, dass sich das Stärkere und Bessere durchsetzt, während überholte Übergangswesen eigentlich schon lange hätten ausgestorben sein müssen ... Ein sehr interessantes und informatives Buch.

 

Weitere Jahresrückblicke
2025, 1. Teil: Januar bis März
2025, 2. Teil: April bis Juni

2025, 3. Teil: Juli bis Oktober
2025, 5. Teil: Dezember

 

© Petra Hartmann




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Jahresrückblick 2025: Juli bis Oktober

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 30 Dezember 2025 · 382 Aufrufe
Jahresrückblick

Hier kommt der dritte Teil meines Lese-Jahresrückblicks. Wie gewohnt, hat das dritte Quartal bei mir einen Monat mehr. Ihr werdet es verstehen, wenn Ihr den November seht ... Hier also meine Lesefrüchte der Monate Juli bis Oktober 2025.
Diesmal findet ihr einige Goslaria, also Texte von Autoren aus Goslar und Umgebung, und ein paar Indianerbücher. Wie gehabt auch ein paar abenteuerliche Comics - und ein sehr ernster. Zweimal Thomas Mann, das musste im Jubiläumsjahr einfach mal sein, etwas Römisches und wieder ein paar Kira-Hörspiele. Viel Spaß damit!

 

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

 

Juli

 

Jugurtha 16: Dunkle Wut

 

Hans-Martin Gutmann: Brauchen wir Demut? Über Maß, Macht und Menschlichkeit in unsicheren Zeiten
Der Autor ist gebürtiger Goslarer, daher habe ich sein Buch in der Goslarschen Zeitung vorgestellt. Ich schrieb Folgendes darüber:
Demut? Das ist eine Haltung, die ein bisschen aus der Mode gekommen scheint. Oder ist sie vielleicht nötiger denn je? Hans-Martin Gutmann, gebürtiger Goslarer und emeritierter Theologie-Professor, ist dieser Frage in seinem neuesten Buch nachgegangen.
„Brauchen wir mehr Demut?“, ist der Titel des Buches, und in ihm geht es um „Maß, Macht und Menschlichkeit in unsicheren Zeiten“, wie der Untertitel verrät. Gutmann stellt fest: „Wir leben in einem Zeitalter, in dem jede Demut verloren geht.“ Ob Fake-News oder Hass-Mails, manipulative Darstellungen in den „sozialen“ Netzwerken, menschenverachtende Handlungen eines Donald Trump oder Elon Musk – es ist eine Zeit der wirtschaftlichen Interessen, in der die „Mentalität des Siegen-Müssens“ herrscht – „eine Mentalität des Ausschaltens und Zunichtemachens, zumindest der Entwürdigung von Gegnern“, diagnostiziert der Theologe. Und dies alles soll eine Zeit sein, die mehr Demut braucht?
Gutmann unterscheidet in seiner Argumentation zwischen positiver und negativer Demut. Es geht ihm nicht darum, in Demütigung, Mobbing und Shitstorm mit einzustimmen, ganz im Gegenteil: Gutmann spricht von „heilsamer Demut“, die auf „Ich-Stärke“ beruht, den aufrechten Gang übt und „Klarheit und bisweilen Härte in Konflikten“ signalisiert. Gutmann stellt klar: „Demut im heilsamen Sinne ist keine Sache für Menschen mit verbogenem Rückgrat.“
Ja, es ist durchaus ein janusköpfiges Wort, diese Demut. Gutmann als protestantischer Theologe lotet die Bedeutungen und Konnotationen dieses Begriffs aus, interviewt Personen aus den unterschiedlichen Lebensbereichen zu ihren Erfahrungen und Meinungen und stellt klar, dass es ihm nicht um rückgratloses Kriechertum geht, wenn er von Demut spricht. Es geht ihm um etwas anderes. Um ein existenzielles Lebensgefühl, um die Ehrfurcht eines Musikers vor der Kunst singender Vögel, die Erfahrung, Vater zu werden, das Glücksgefühl, wenn die eigenen Kinder „aus brenzligen und manchmal lebensgefährlichen Situationen unbeschadet herauskommen“ oder auch die Erfahrung, eine schwere Krankheit überstanden zu haben. Es geht ihm um ein Gefühl der Selbstkritik, der Dankbarkeit, des Staunens, Zurücktretens und des Sich-selbst-nicht-so-wichtig-Nehmens. Diese Demut „wirkt wie ein stilles Gegengewicht zu Selbstüberschätzung, Allmachtsfantasien oder geistiger Trägheit“, meint Gutmann.
Das Buch besteht aus zwei Teilen. Während die erste Hälfte ein Essay ist, in der der Autor Betrachtungen über die Natur und vor allem die Notwendigkeit einer neuen Demut festhält, besteht der zweite Teil aus einer Reihe von „Meditationen“. Es sind Texte von unterschiedlicher Länge, in denen der Leser Ratschläge findet wie: „Lerne, ohne Scham unwichtig zu werden“ oder „Wenn du den ‚Augenblick der Dankbarkeit‘ spürst: Achte ihn“. In ruhigen melodischen Sätzen entfaltet der Autor seine „Anleitungen zur spirituellen Selbstreflexion“, wie er sie bezeichnet. Es empfiehlt sich, diese kürzeren Texte nicht am Stück hintereinander wegzulesen, sondern sie sich wirklich Abschnitt für Abschnitt vorzunehmen und sich danach Zeit zum Nachsinnen zu lassen.
Sehr geeignet scheint dieser Teil auch für die Produktion eines Hörbuchs, sodass man sich die kurzen Meditationen in ruhigen Momenten zusprechen lassen kann. Dass sich einiges wiederholt und manche Gedanken mehrfach anklingen, ist laut Aussage des Verfassers so gewollt beziehungsweise liegt in der Natur der Sache.
Insgesamt handelt es sich um ein angenehm zu lesendes Büchlein in eingängiger Sprache, das gut als Begleiter durch den Tag taugt. Gutmann hat einige interessante, nachdenkenswerte Betrachtungen zusammengetragen, und wenn er es auch mit seinem Essay nicht sofort schaffen wird, dass die Demut wieder in Mode kommt, so wird sicher der eine oder andere Leser ein wenig innehalten und Luft holen im täglichen Geschrei der Größten, Besten und Lautesten.
Fazit: Ein interessantes und kluges Buch über eine Haltung, die aus der Mode gekommen ist, aber dringend gebraucht wird. Lesenswert.

 

IljaTrojanow: Der Weltensammler
Roman über den britischen Entdecker und Offizier Richard Burton, der wie kaum ein anderer seiner Zeitgenossen in die Welt des Hinduismus und des Islam eintauchte. Der Roman besteht aus drei Teilen. Zunächst wird Burton gezeigt als Angehöriger der britischen Armee in Indien. Anders als die anderen Besatzer hat er den Ehrgeiz, die Sprachen und die Kulturen der von England unterworfenen Völker kennen zu lernen. Mehr noch: Er schafft es, derart tief in die indische Welt einzutauchen, dass die Hindus ihn für einen der Ihren halten. So perfekt ausgebildet, schlendert er durch Slums, spricht mit Gelehrten und Bettlern und gewinnt Informationen über Verschwörungen gegen die englischen Besatzer. Burton ist ein wertvoller Spion für die Briten. Aber sein Eintreten für die indische Bevölkerung und sein tiefes Verständnis für die von den Briten unterworfenen, unterdrückten und verachteten Inder machen ihm nicht nur Freunde. Offene Kritik an Vorgesetzten und Zweifel an seiner Loyalität gegenüber den Engländern sorgen dafür, dass Burton schließlich stürzt und das indische Abenteuer endet.
Ebenso intensiv dringt er in Arabien in die Welt des Islam ein. Wenn er sich als persischer Reisender ausgibt, ist er von einem echten Moslem nicht zu unterscheiden. In dieser Maske begibt er sich sogar auf die Hadsch, die Pilgerfahrt nach Mekka, die für einen Europäer - wir wissen es von Karl May - ein Wagnis ist, das mit dem Tod bestraft wird. Aber spielt Burton tatsächlich den Moslem? Oder ist er nicht vielmehr wirklich zu einem geworden? Er ließ sich sogar beschneiden. Als er zusammen mit einer Gruppe Moslems von den Briten festgesetzt wird und in einem üblen Gefängnis landet, gibt er sich nicht zu erkennen und durchleidet mit seinen Gefährten das, was Eingeborene in britischen Gefängnissen gewöhnlich erleidet. Schläge, Hunger, Krankheit - nichts kann ihn dazu bringen, sich als Brite zu offenbaren. Und als sein Diener ihn "verrät", um ihn herauszuholen, ziehen die Aufseher ihn einfach aus und inspizieren seinen Penis. Der Mann ist beschnitten, also muselmanisches Pack, kaum mehr wert als ein Tier, er bleibt im Knast ... Eine psychische und physische Grenzsituation.
Im dritten Teil schließlich erleben wir Burton als Expeditionsleiter in Afrika, auf der Suche nach den Quellen des Nils. Eine Reise, die ihn fast das Leben kostet. Und am Ende will sein Kompagnon auch noch den Ruhm allein absahnen.
Die Geschichte ist gleichermaßen abenteuerlich und literarisch, sprachlich anspruchsvoll und auch abwechslungsreich, da jeweils ein Diener Burtons neben den auktorialen Erzählpassagen als Ich-Erzähler über den "Weltensamnmler" berichtet. Da die Rahmenhandlung mit dem Tod Burtons einsetzt und von den Vorbereitungen für sein Begräbnis berichtet, schwebt auch eine gewisse Melancholie und Traurigkeit über der bunten Abenteuergeschichte. Ilja Trojanow hat hier ein kleines literarisches Meisterwerk geschaffen, indem er sich in die Welt Burtons mindestens so tief einfühlte, wie es sein Held in Indien, Arabien und Afrika tat. Das im Fischerverlag erschienene Büchlein gefällt auch durch seine Aufmachung und Ausstattung. Es ist ein kleines Hardcover im Hosentaschenformat und mit Lesebändchen, ausgestattet mit einem Nachwort, einem kleinen Lexikon fremdsprachlicher Begriffe und Zitate sowie einer Landkarte. Als es mir in der Buchhandlung in die Hände fiel, musste ich einfach zugreifen. Und es war ein Glücksgriff.

 

Lennardt M. Arndt: Die Buschklepper. Die Surehand-Story, Band II

 

Thorgal Saga: Shaigan

 

 

 

August

 

Prinz Eisenherz Gesamtausgabe Band 13: Jahrgang 1961/1962
Der Band erzählt vom Zuwachs, den Prinz' Eisenherz' Familie erhält: Der Junge, über dessen Namen lange Zeit keine Entscheidung fällt, wird schließlich auf Arns Vorschlag auf den Namen Galan getauft. Wobei Arn gern der Thronfolge entsagen, die Last auf den jüngeren Bruder abwälzen und selbst ein Leben als abenteuernder Ritter führen will. Seltsam, einige Bände zuvor war Arn noch als ein stiller und nachdenklicher junger Mann charakterisiert worden, der in seiner Bedachtsamkeit geradezu prädestiniert für die Position eines Königs über das Volk von Thule ist. Nun also ein frecher, flinker junger Ritter-Anwärter mit einem sehr losen Mundwerk. Okay. Eisenherz pilgert ins Heilige Land (schon zum dritten Mal), nur diesmal in Begleitung seines Sohnes. Er ist als Handelsgesandter Aletas unterwegs und schließt viele gute Handelskontakte. Unterwegs begegnen wir einer geheimnisvollen Reiterin, die sich sehr gut mit Pferden auskennt, und einer inzwischen nicht mehr allzu ansehnlichen Frau, die noch immer für Eisenherz schwärmt. Eisenherz ist auch im Auftrag König Artus' unterwegs. Er soll Roms Unterstützung für den Bau einer Straße durch Gallien gewinnen, die Britannien mit der Heiligen Stadt verbindet, doch die Pläne versanden, der Kaiser in Rom fällt als Helfer aus. Ferner kehren Eisenherz und Arn in einem Kloster ein, das sich mit schauderhaften Gipsfiguren gegen marodierende Kriegstrupps schützt, und helfen einem jungen Herzog, sein Reich von einem grausamen Usurpator zurückzuholen. Es gibt ein Wiedersehen mit Eisenherz' Hengst Arvak und mit dem sumpfigen Fennland, außerdem mächtig Ärger mit einem christlichen Prediger, der dank seiner Zauberstimme die Herzen der Bevölkerung gewinnt, aber strunzdumm ist und alles predigt, was seine geldgeilen Berater ihm einfüstern.
Mein persönliches Highlight war die Episode, in der Aleta beim Schwimmen im Meer mit einem Otter Freundschaft schließt. Wunderschöne Farben, maritimes Flair, einfach etwas fürs Herz. Geärgert habe ich mich, dass Forster zu Beginn der Fennland-Episode wieder zu einer alten Kopiertechnik gegriffen hat und einfach Bilder aus den ersten Eisenherz-Abenteuern hineingeklebt hat. Ich mag das nicht, wenn einer mit altem Zeug Seiten schindet. Obwohl ich die alten Sumpf-Abenteuer sehr geliebt habe.

 

Christa Wolf: Kassandra
Der trojanische Krieg aus weiblicher Sicht. Kassandra, die Tochter des Königs Priamos, ist nun Gefangene des obersten Griechenheerführers Agamenon und erzählt ihre Version der Dinge, spricht über Vergewaltigung, Entrechtung, männliche Großmannssucht, erzählt von den Angehörigen des Königshauses und davon, wie einer nach dem anderen umkam. Von Achill spricht sie immer nur mit dem Zusatz: "das Vieh". Dass Kalchas trojanische Wurzeln haben soll, war mir neu, und ich habe es auch nirgends belegt gefunden. Ein wichtiges Buch und ganz große Literatur, aber ich komme mit Christa Wolfs Sprachrhythmus einfach nicht gut klar. Das ist eine Erfahrung, die ich schon bei mehreren anderen Romanen von ihr gemacht habe, ihre Texte laufen einfach in einem etwas unangenehmen Winkel zu meinem Lesegefühl. Egal, es war jedenfalls gut, das Buch zu lesen.

 

Marco Sonnleitner: Die drei ???: Das Geheimnis der sieben Palmen

 

Brita Rose-Billert: Indian Cowboy 4 - Auf Leben und Tod
Im Prinzip ein Fehlkauf. Ich hatte von der Autorin vor einiger Zeit die Romane "Der Tanz des Falken" und "Das Geheimnis des Falken" gelesen und gedacht, dies hier sei eine Fortsetzung. Nein, ist es nicht. Die Autorin hat die Bücher etwas überarbeitet (zum Beispiel heißt der Held Ryan nicht mehr Spirit Hawk, sondern Black Hawk), aber im Prinzip ist es der gleiche Zweiteiler, nun auf sechs Bände verteilt. Naja, da ich die Bücher schon mal angeschafft hatte, konnte ich sie auch lesen. Und spannend sind sie allemal.
Ryan, ehemaliger Airforce-Soldat, Extrem-Chauffeur seiner Offiziere, später Kopfgeldjäger und Rennfahrer, war im vergangenen Band mit seinem Rennwagen verunglückt, weil ihm jemand Kokain im Auto versteckt hatte, und dies durch die Lüftung in den Auto-Innenraum gelangt war. Ryan macht sich, unterstützt von seinem Freund, dem Mechaniker Baxter, auf die Jagd nach den Drogenhändlern. Es geht hart zur Sache, aber Ryan gibt nicht auf, und er hat gute Freunde, die ihm helfen. Schließlich kehrt er auf die Ranch seiner Familie zurück, um wieder zu sich selbst zu finden. Und es gibt eine neue Liebe für ihn. Allerdings, die junge Frau hat noch einen weiteren Mann ins ihr Herz geschlossen.

 

Art Spiegelmann: Maus
Der Holocaust als Tier-Comic. Die Juden sind Mäuse, die Deutschen Katzen, die Polen Schweine. Art Spiegelmann, der hier auch die eigene Familiengeschichte nachzeichnet, tritt im Buch als Comic-Zeichner auf, der seinen Vater Wladek Spiegelmann dessen Erlebnisse erzählen lässt. Wladek spricht vom Ghetto, von seiner ersten Frau, vom ersten gemeinsamen Sohn der beiden, Arts älterem Bruder, der getötet wurde, lange bevor Art geboren wurde. Wladek erzählt vom Überleben, vom Irgendwie-Durchkommen. Sein Talent, Kontakte zu knüpfen, Tauschgeschäfte zu machen, Handel auch in den unmöglichsten Situationen zu treiben, hilft ihm beim Überleben. Doch trotz aller Gewitztheit des Helden: Die Geschichte ist grausam, Wladek und seine Frau erleben Furchtbares. Morde, Leichenberge, zusehen müssen beim Tod von Freunden und Familienmitgliedern, die ständigen Todesbotschaften, der allgegenwärtige Hunger.
Dadurch, dass Spiegelmann die Helden als Comic-Tiere darstellt, ist der Anblick gerade noch erträglich. Doch dieser Comic ist alles andere als komisch, auch wenn es die Kunstform zunächst implizieren mag. Und durch die harten, klaren Schwarzweiß-Zeichnungen, die schroffe Verteilung von Licht und Schatten und die oft schrägen, verzogenen Perspektiven wirkt dieses Buch erst recht sehr hart. Nicht unangemessen hart, muss ich betonen. Es geht schließlich um eine furchtbare Geschichte.
Besonders hart und bitter ist, dass Wladek, obwohl dem KZ entkommen, dennoch nicht frei wurde und dass ihn die Erfahrung von Mangel und tödlicher Bedrohung nie wieder losgelassen hat. Ganz im Gegenteil: Jetzt, als alter Mann, im sicheren Amerika, als ein Mensch, der sich eigentlich um nichts sorgen müsste, hat die eigentlich überwundene Entbehrung den alten Mann vollkommen in ihrem Griff: Wladek kann nichts wegschmeißen, selbst der kleinste Bindfaden oder Draht wird aufgehoben. Wladek ist im Alter zu einem extremen Messie geworden, der sich von nichts trennen kann, gleichzeitig ist er furchtbar geizig, empfindet es beinahe als körperliche Bedrohung, wenn er Geld ausgeben soll. Hinzu kommt ein ungeheuer hohes Misstrauen gegenüber seiner zweiten Frau, die ihm nichts Recht machen kann, die ständig von ihm ausspioniert wird. Krieg und KZ haben Wladek gezeichnet, und je älter er wird, desto mehr greift diese Erfahrung nach seinem Verstand.
Ein sehr eindrucksvoller Comic, unheimlich gut. Das einzige, was mir missfallen hat, war die Darstellung der Polen als Schweine. Nein, da hätte es genug andere Tiere gegeben.

 

Bessy 28: Die geheimnisvolle Fracht
Andy erhält von seinen Eltern die Erlaubnis, mit einem Dampfschiff den Fluss entlang zu fahren. Er und seine Colliehündin Bessy gehen an Bord. Doch es wird nichts aus der entspannten Ferientour. Ein ziemlich fieser Kerl namens Campbell, der Tuchballen mit dem Schiff transportiert, traktiert den schwarzen Kellner und verfeindet sich auch mit Andy und Bessy, als die beiden dem Angegriffenen zur Hilfe kommen. Campbell will Bessy fangen, schlagen, erschießen, schließlich setzt er, unbemerkt von Kapitän und Mannschaft, nachts den gefesselten Andy in einem Beiboot aus. Bessy springt hinterher und nagt seine Fesseln durch. Allerdings ist Campbell auch dabei, einen Überfall auf das Schiff zu organisieren. Grund ist, dass er seine Baumwollballen an der nächsten Anlegestelle nicht legal an Land bringen kann, so bedrohen er und seine Kumpels die Mannschaft mit Pistolen und verladen die Ballen auf ein Boot. Andy, Bessy und ein befreundeter Trapper, der ebenfalls mit dem Dampfer fuhr, kommen den Banditen schließlich auf die Schliche. In den Tuchballen stecken Schusswaffen, die Campbell einer Gruppe abtrünniger Indianer vom Stamm der Biber verkaufen will. Die Rebellen überfallen jedoch das Boot, sodass die Banditen keines der als Tauschobjekte geforderten Felle erhalten. Als die ehemaligen Biber mit den neuen Waffen ihren Hauptstamm überfallen wollen, sind Andy, Bessy, der Trapper und seine Freunde zur Stelle und können die Angreifer vertreiben. Ende gut, alles gut, und Andy und Bessy können ihre abenteuerliche Flussschifffahrt fortsetzen. Ein sehr spannendes, actionreiches Abenteuer mit schönen Szenen auf dem Fluss und einer bösen Kampfszene zwischen Bessy und dem Wolfshund eines der abtrünnigen Biber. Eine schöne Kindheitserinnerung.

 

Wolf G. Winning: Pretty Nose und der rote Lakotamond

 

 

Hörspiel

 

Kira Kolumna 21: Urlaubschaos
Kira, Lars und Nele wollen in den Sommerferien am Wundersee zelten. Allerdings lässt der Campingplatz-Betreiber keine Minderjährigen ohne Erziehungsberechtigte auf sein Gelände. Zuerst sind die drei 16-Jährigen begeistert, als Laura sich anbietet, mitzukommen und die drei trotzdem "ihr Ding" machen zu lassen. Als Johannes davon hört, bietet er ebenfalls an mitzukommen. Eigentlich nett. Doch die beiden Elternteile entpuppen sich schnell als das, was Eltern eben für Jugendliche sind: megapeinlich. Vor allem als Kira, Lars und Nele sich mit drei 18-Jährigen anfreunden und mit ihnen baden, Beach-Volleyball spielen und auf Kanutour gehen wollen. Zudem haben die beiden Erwachsenen eine überkandidelte Küche im Zelt aufgebaut, Johannes hat sein japanisches Messerset dabei, und beide brabbeln nur noch in hochpoetischen Phrasen über Kochrezepte vor sich hin. Peinlichkeitsalarm hoch zehn. Dann brechen die sechs Jugendlichen zusammen zu einer nicht genehmigten Kanutour auf, entdecken eine verlassene Villa, in der es möglicherweise spukt, und müssen ein Gewitter überstehen. Am Ende gibt es eine große Versöhnung der Generationen und die totale Einigkeit, dazu einen eingängigen Sommersong. Alles in allem eine schöne, spannende und abenteuerliche Folge, die auch meiner Nichte (11) sehr gut gefallen hat. Allerdings, ein bisschen unlogisch ist die Sache mit dem Alter unserer Helden: Als Kira nach Südberg kam, war sie 16. Inzwischen hat sie zweimal Weihnachten in ihrer neuen Heimatstadt gefeiert und zweimal die Sommerferien mit Lars und Nele verbracht. Wie kann sie da immer noch 16 sein?

 

 

September

 

Bessy 84: Der Rächer
Geschichte eines Halbluts, das auf der Suche nach dem Mörder seiner Eltern ist. Der junge Halb-Kiowa Einsamer Wolf kommt in die Stadt Lodgeburg und wird dort von zwei weißen Cowboys angepöbelt. Er setzt sich tatkräftig zur Wehr. Als er nach einem Mann namens Brentham fragt, stellt sich heraus, dass diesem eine Ranch in der Nähe gehört und dass die beiden Männer für ihn arbeiten. Daraufhin legen sie ihm einen Hinterhalt. Doch er überlebt dank des Eingreifens von Andy und Bessy, die zufällig in der Nähe sind. Einsamer Wolf wird zunächst Mitarbeiter auf der Cayoon-Ranch, doch dann zieht er wieder los, um Erkundigungen einzuholen. Derweil hört Andy von befreundeten Kiowas die Geschichte von Weiße Lilie und John Carter, deren siebenjähriger Sohn ihre Ermordung mitansah. Die Geschichte ist etwas Besonderes, da auf den ersten Seiten lange die Geschichte des Einsamen Wolfs erzählt wird und Andy und Bessy erst sehr viel später auftauchen. Sehr schön und etwas komisch sind die Szenen, in denen Andy seinem neuen Freund das Schießen beibringt und fast immer Bessy etwas abbekommt. Ob das eine Kugel ist, die sich unplanmäßig in ihrer Nähe in den Sand bohrt oder Reste von kaputten Flaschen und anderen Zielen, die auf die Hündin niederprasseln, sie ist heilfroh, als der Krach endlich beendet ist. Außerdem gibt es einige nette Jagdszenen, in denen sie Kleintiere aufstöbert. Das Nachwort bietet Informationen über Ertugrul Edirne, neben Klaus Dill der wichtigste Cover-Künstler bei Bessy. Obwohl es natürlich keine Götter neben Dill geben kann ...

 

Martin Bolik: Der Junge, der die Zeit besiegte

 

 

Hörspiel

 

Kira Kolumna 22: Sturmfrei
Nele ist fasziniert von den großen Party-Events einer Influencerin. Wie gern würde sie selbst auch einmal eine Party organisieren. Aber: Warum eigentlich nicht? Spontan kündigt sie auf ihrem Social-Media-Account schon mal die "Südberg Summer Vibes" an. Eine "Location" dafür hat sie aber noch nicht. Und die alte Uhrenfabrik wäre zwar zu haben - aber nur gegen jede Menge Kohle. Schließlich erbarmt sich Kiras Vater und überlässt seiner Tochter und ihren Freunden die Wohnung. Die Regeln: Kein Alkohol, kein Stress mit den Nachbarn, Papas Zimmer ist tabu. Das lässt sich doch leicht einhalten, denken Kira, Nele und Lars. Doch als sich ein Regler am Gerät der DJane verklemmt, als sich die Nachbarn beschweren und eine Bande größerer Jungs auch noch das Zimmer von Kiras Vater in Beschlag nimmt und sein Saxophon ausprobiert, droht die Lage zu eskalieren. Nervziege Saskia, die live von der Party berichtet, trägt auch nicht gerade zur Entspannung bei. Eine Katastrophe bahnt sich an. Tolle, spannungsgeladene Folge, sehr gut gemacht.

 

Kira Kolumna: Reportage - "Machen Influencer immer Urlaub?"
Die erste Folge aus der Reportagen-Reihe, einer Art Spin-off zur Hörspielserie. Kira interviewt Leute zu für Jugendliche interessanten Themen. In der ersten Folge geht es um das Thema Influencer. Kira stellt fest, dass eine bekannte junge Influencerin direkt in der Nähe wohnt und verabredet einen Interview-Termin. Die junge Frau, die trotz des Erfolgs noch einen Brotjob im Solarium hat, gibt bereitwillig Auskunft und erzählt auch davon, dass das Influencer-Leben eben nicht nur eitel Sonnenschein ist, sondern auch harte, disziplinierte Arbeit erfordert. Besonders spannend fand ich die zweite Gesprächspartnerin Kiras: Die Reporterin interviewt eine Frau, deren Beruf es ist, Influencer zu betreuen und zu beraten. Gerade Jugendliche stolpern nämlich oft in Dinge rein, ohne sich rechtlich abzusichern, denken nicht daran, dass sie ihre Einnahmen auch versteuern müssen, und sind sehr unbedarft im Annehmen von "Geschenken" wie zum Beispiel teuren Klamotten, die sie auf ihren Accounts präsentieren. Nein, erfolgreiche Influencer machen mitnichten immer Urlaub.

 

Martin Bolik: Der Junge der die Zeit besiegte

 

 

Oktober

 

Fabia Waldner: Das Magnolienhaus
So geht sie also aus, die Trilogie um das „Magnolienhaus“. Die Hahnenkleer Autorin Fabia Waldner, mit bürgerlichem Namen Michael Schulz, hat ihre Familiensaga um die rheinländische Bau-Dynastie Eimermacher und vor allem die geflohene und verstoßene Tochter Caroline vollendet. Der dritte Band trägt den Titel „Hoffnung in stürmischer Zeit“ und ist, wie die beiden Vorgängerbände, als E-Book und Hörbuch im Aufbau-Verlag erschienen. Über eine Taschenbuchausgabe werde im Verlag noch diskutiert, so der Autor.
„Hoffnung in stürmischer Zeit“, das ist zunächst einmal ein sehr zurückhaltender Titel für die Monate vor dem sich zusammenbrauenden Ersten Weltkrieg und die darauf folgenden Schicksale der Familienmitglieder. Gerade für Caro, die im ersten Band eine „gute Partie“ ausgeschlagen hatte und aus der Familie geflüchtet war, hatte schon der zweite Band nach einer kurzen Phase in Glanz und Glamour doch einen Absturz und die Bekanntschaft mit Leid und Elend zu bieten. Im dritten Band haben das Schicksal und der Autor für Caro zwar tatsächlich die große Liebe und eine Verlobung zu bieten sowie ein bescheidenes Einkommen, aber bald auch die Einberufung ihres Partners zum Kriegsdienst, seinen Tod und das Dasein als alleinstehende Mutter ohne Einkünfte und mit einem unehelichen Kind.
Waldner verfolgt die über drei Generationen ausgesponnenen Erzählfäden weiter und beseitigt oder repariert einige Ungerechtigkeiten, die vor allem die weiblichen Personen der Familie erfahren hatten. Seitensprünge der Männer rächen sich. Die Generation der Großeltern segnet das Zeitliche. Und die vier Enkel des alten Familienpatriarchen „Kabänes“, die alle mehr oder weniger unter dem Regiment ihres Vaters Johannes zu leiden hatten, werden selbstbewusster und entschlossener und gehen nach und nach ihre eigenen Wege.
Vor allem Almut, Caros blasse und brave Schwester, kann, als ihr Edgar an die Front zieht, im Familienunternehmen ihren Mann stehen. Die sanfte Frau, die viel unter ihrem Mann zu leiden hatte, ist hier von einer ganz anderen Seite zu erleben. Entschlossen serviert sie ihre Nebenbuhlerin ab und übernimmt das Kommando in der Firma.
Sehr interessant ist auch die Art, wie Professor Johannes Eimermacher von seiner hintergangenen Frau dazu gebracht wird, Kontakt zu seinem unbekannten unehelichen Sohn aufzunehmen. Der geistig behinderte junge Mann lebt in einer Heilanstalt und lässt nur langsam die Annäherungsversuche seines Erzeugers zu.
Wenig erfährt man über die Entwicklung der jüngsten Tochter Marie, die doch die erfolgreichste der Eimermacher-Kinder wurde: Marie hat – gegen den ausdrücklichen Willen ihres Vaters – eine wissenschaftliche Karriere eingeschlagen. Inspiriert von ihrer unbeugsamen großen Schwester Caro setzte sie sich durch gegen einen Vater, der Forschung und Lehre für unweiblich hält. Marie hat Erfolg, wurde berühmt und offenbar auch wohlhabend. Aber was genau erforschte sie? Wie war ihr Werdegang? Welche Leistungen und Entdeckungen werden ihr zugeschrieben? Das verrät der Autor nicht.
Die Erzählung spielt zeitlich, wie aus den beiden Vorgängerromanen bekannt, auf zwei Ebenen. Während die Rahmenhandlung von Caros Heimkehr aus Berlin nach Bonn im Jahr 1975 berichtet, dem Wiedersehen mit dem Magnolienhaus und dem Erbe ihrer jüngsten Schwester Marie, gibt es weitere Erzählstränge aus der Zeit zwischen 1914 und dem Kriegsende, schließlich, sehr gerafft, einen Rapport darüber, was in den Jahren danach passierte.
Ein wenig schade ist, dass der Autor im letzten Achtel des Romans einen solchen Parforceritt durch persönliche Schicksale und Weltgeschichte absolvieren muss. Was hier zusammengefasst wird, hätte bei der bisher gewohnten Detailgenauigkeit und Ausführlichkeit locker noch zwei Bände ergeben. Zumal das, was da erzählt wird, ja nicht ganz unerheblich für die Heldin ist. Zu den Themen der im Zeitraffer präsentierten 60 Jahre zählen unter anderem die Geburt einer Tochter und ihr Verschwinden, eine schwere Krankheit, der Tod der Freundin, der Zweite Weltkrieg und schließlich ein unverhofftes Wiederfinden eines Enkels, das an gewundene Handlungsführungen wie in Romanen der schwarzen Romantik oder in modernen Soap-Operas erinnert. Irgendwie steht man ein wenig ratlos vor diesem Zeitraffer-Abspann, der ein wenig wie die Abmoderation eines Dieter Thomas Heck wirkt, nur eben liebloser. Schade. Da wäre mehr drin gewesen.
Abgesehen davon: Ein spannend geschriebener, vielschichtiger Roman, der die Leser und vermutlich vorwiegend die Leserinnen mitnimmt in eine andere Zeit. Gut lesbar und reich an interessanten Ideen. Und der Erfolg hat sich bereits eingestellt: „Der Verlag war so begeistert von der Reihe, dass er mir eine neue Saga angeboten hat, und ich darf Ihnen bislang verraten, dass ich das Angebot angenommen habe“, sagt der Autor zufrieden. „Schon bald gibt es mehr dazu.“

 

50 Jahre Yps. Das Buch. Ohne Gimmick
Ja, klar, das musste ich mir unbedingt anschaffen. Ich bin Ypsianer aus den 70er Jahren, aber auf dem Grundschul-Pausenhof mit meinen Sammelkarten aus dem Tierlexikon angegeben, meine Eltern mit Agenten-Gimmicks bespitzelt, im Keller Austernpilze auf einer feuchten Klopapierrolle gezüchtet, Radios gebastelt, die bei mir zu Hause hinterm Berg gar nichts empfangen konnten, den Song von Mecki Spaghetti rauf und runter gedudelt, Urzeitkrebse gezüchtet, Solar-Zeppeline steigen lassen und in einem aufgeschnittenen Müllsack mit dem Aufdruck "Abenteuer-Zelt" den Sommer verbracht.
Das Jubiläums-Buch hat schöne Erinnerungen geweckt, allerdings hätte ich mir mehr zum Hintergrund versprochen, mehr Infos, mehr Material über die Gimmicks. Die Promis, die über ihre Jugend erzählen und dann eben auch das Yps-Heft erwähnen, hätte ich jetzt nicht gebraucht. Viele Seiten sind einfach nur durch wieder abgedruckte Comics gefüllt, die einen ja nichts kosten, man hat ja eh die Rechte. Ziemlich doof fand ich, dass die im Buch abgedruckte Pif-Geschichte über den "Tag der Musik" bereits im kurz zuvor erschienenen Jubiläumsheft 1284 (mit dem "Entscheidungsfinder") zu lesen war. Zweimal dasselbe innerhalb weniger Wochen? Als ob die Auswahl an Pif-Storys nicht groß genug wäre. Was soll die Mega-Verarsche? Insgesamt etwas lieblos, respektlos und wenig wertschätzend dem Leser gegenüber.
Gefreut habe ich mich über das Wiedersehen mit Wangaroo, meiner absoluten Lieblingsserie. Abgedruckt wurde hier die Episode eins. Naja, die war auch schon vor ein paar Jahren im Yps-Magazin für inzwischen Erwachsene zum zweiten Mal abgedruckt gewesen. Ach ja, wenn ich mir etwas wünschen dürfte: Ein nostalgisches Wangaroo-Album mit der kompletten Serie. Wie wärs, Egmont-Verlag?

 

Das Gespensterbuch. Teil III
Letzter Teil der von August Apel und Friedrich Laun herausgegebenen und größtenteils auch selbst geschriebenen Sammlung von Schauergeschichten. Wobei nur noch der erste der drei hier versammelten Bände von beiden gemeinsam gefüllt wurde, im zweiten Band sind es nur noch Laun-Texte, im Vorwort zum dritten Band kann Laun nur noch den Tod seines Kollegen betrauern. Als neue Beiträger sind Friedrich de la Motte Fouqué (im Inhaltsverzeichnis aus unerfindlichen Gründen als "Foqué" geführt) und Karl Borromäus von Miltitz mit dabei. Erneut eine sehr lesenswerte Sammlung von gruseligen Geschichten, manche in alten Zeiten spielend, manche zur Zeit der Verfasser, oft sind es Geschichten, bei denen der vermeintliche Spuk sich durch natürliche Ursachen erklären lässt, wie in der Geschichte "Der Schutzgeist", meiner Lieblingsgeschichte in dem Band. Dazu gibt es ein lesenswertes Nachwort des Herausgebers Felix Woitkowski, der unter anderem herausarbeitet, dass es sich bei dieser Sammlung um ein sehr "unentschlossenes" Gruselbuch handelt, da die Autoren sich manchmal dem aufklärerischen Credo verweigerten, alles vermeintlich durch Geister Verursachte auf eine natürliche Ursache zurückzuführen. Laun, Apel und ihre Gastautoren lassen die Frage manchmal bewusst offen, und oft bleibt die von vernünftigen Leuten geforderte vernünftige Erklärung des Spuks einfach aus. Eine schöne Sammlung, hat mir gefallen.

 

Friedrich Kroner: Der Kreisel

 

Melanie Vogltanz: Rabensohn

 

Thomas Mann: Deutsche Ansprache (Reclam)
Thomas Mann, der "Unpolitische", hält kurz vor dem Ende der Weimarer Republik eine Rede an die Nation und appelliert an die "Vernunft". Die Nazis haben bei den Reichstagswahlen im September 1930 rund 20 Prozent der Stimmen geholt und sind zweitstärkste Kraft geworden. Mann sieht die Katastrophe herannahen, Mann spricht vor rund 1000 Zuhörern im Beethovensaal der Berliner Philharmonie. Er spricht von Frieden, humanistischen Werten, von der Notwendigkeit eines Zusammenhalts der Demokraten gegen die Nazis. Diese haben durchaus auch Anhänger im Publikum, es gibt Zwischenrufe, Störungen, Proteste. Auch das Presseecho ist geteilt, je nach politischer Ausrichtung des Blattes. Die Rede selbst ist sehr klug und vernünftig, allerdings merkt man beim Lesen, dass Manns Stil "nicht gut gealtert" ist. Was in Romanen funktioniert, ist für den mündlichen Vortrag nicht immer gut geeignet, und dieses Stück rhetorischer Literatur ist zumindest für den heutigen Zuhörer schon ein wenig herausfordernd. Egal, der Mann hatte inhaltlich ja völlig recht.
Es gibt ein sehr erhellendes Nachwort und einige erklärende Endnoten, insgesamt macht der Anhang etwas mehr als die Hälfte des Büchleins aus. Sehr hilfreich, gut so.

 

Terenz: Der Eunuch (Reclam)
Ich hatte schon im vergangenen Jahr beschlossen, mich näher mit Terenz zu befassen, als ich las, wie Phillis Wheatly sich so positiv auf ihn bezog, als den ersten afrikanischen Dichter - und sie als zweite. Diesen Herbst habe ich mich also durch seine Komödien hindurchgelesen, der "Eunuch" machte den Anfang.
Als ich das Stück las, dachte ich immer wieder: Das kennst du doch. Ein Gefühl, das sich bei den meisten weiteren Terenz-Komödien einstellte. Und richtig: Dieses Werk basiert auf einer gleichnamigen Komödie von Menander, die Terenz übersetzt und bearbeitet hat.
Es geht um einen jungen Mann namens Phaedria, Sohn eines wohlhabenden Atheners, schwer verliebt in die Hetäre Thais. Es gibt einen Konkurrenten, einen Soldaten, der ein ziemlicher Prahlhans ist. Die beiden Männer versuchen, sich gegenseitig durch Geschenke an Thais zu überbieten. Der Soldat schenkt ihr ein junges Sklavenmädchen, von dem Thais glaubt, es sei ein Kind von Athener Bürgern, sie will das Mädchen haben, um ihm die Freiheit zu schenken und es der Familie zurückzugeben. Phaedria will seiner Thais einen Eunuchen schenken. Doch da sich sein Bruder Chaerea unsterblich in das besagte Mädchen verliebt hat, beschließen die Brüder, dass Chaerea statt des echten Eunuchen als Geschenk zu Thais gebracht wird, um der Geliebten nahe sein zu können. Es kommt zu einigen Verwicklungen und Verwechslungen, auch zu einer Vergewaltigung Pamphilas durch Chaerea, aber am Ende ist alles Friede, Freude, Eierkuchen, und es gibt eine Doppelhochzeit. Nicht ganz schlecht, zum Teil durchaus amüsant, eine nette, gefällige, in eleganter Sprache erzählte Verwechslungsgeschichte.

 

Brita Rose-Billert: Indian Cowboy: Alte Rechnungen
Ryan und Shayla sind ein Paar. Am Ende des vorigen Bandes hatte sie Ryan zu Tode verletzt durch die Bemerkung, es gebe noch einen weiteren Mann in ihrem Leben. Doch nun stellt sie ihm den besagten "Mann", nämlich ihren dreijährigen Sohn vor, den Ryan gleich mit adoptiert, als er Shayla geheiratet hat. Auch die Idee, eine Touristen-Ranch auf der Reservation zu betreiben und weiße Gäste für die Situation der Indianer zu sensibilisieren, gewinnt klarere Konturen. Und da Shayla die Nichte des Stammes-Chief Red Eagle ist, wird auch die alte Feindschaft zwischen Ryan und Red Eagle durch familiäre Bande gebändigt. Alles könnte so schön sein, doch dann taucht Craig Hunting Wolf auf. Der Bruder eines Mannes, für dessen Tod Ryan in seiner Zeit als Kopfgeldjäger verantwortlich wurde. Huntig Wolf will Rache. Es kommt zu einem gnadenlosen Duell in der Wildnis, und nur einer kann überleben.

 

Brita Rose-Billert: Indian Cowboy 6: Ungebrochen
Der letzte Band der Ryan-Black-Hawk-Saga. Eigentlich wollen Ryan und seine Familie nur an einem Rodeo teilnehmen. Doch als pöbelnde Weiße die Kinder und Jugendlichen aus Ryans Gruppe angreifen, kommt es zu einer Schlägerei, bei der ein Lakota-Junge stirbt. Preisfrage: Wen schnappt sich die Polizei - die bewaffneten Weißen oder die unbewaffneten minderjährigen Lakota und ihren Mentor Ryan? Genau. Ryan landet im Gefängnis. Während die anderen längst entlassen sind, gerät er an einen Indianerhasser, der ihn mit einem Elektroschocker foltert und ihm die Haare scheren lässt. Eigentlich will die Armee den Lakota ja zurückhaben, immerhin ist Ryan ein kostbarer Elitesoldat. Aber auf diese Weise gewinnt man natürlich keine engagierten Mitarbeiter. Schließlich können Baxter und Shayla Ryan aufspüren und befreien. Ryan ist erschöpft, verletzt und physisch fast am Ende - aber ungebrochen. Endlich kann er seinen Traum von der Touristen-Ranch im Reservat verwirklichen.
Ein spannender, hervorragend geschriebener Sechsteiler. Es war kein Schaden, ihn doppelt gelesen zu haben. Ein Hinweis im Klappentext oder Impressum wäre trotzdem anständig gewesen.

 

Weitere Jahresrückblicke
2025, 1. Teil: Januar bis März
2025, 2. Teil: April bis Juni
2025, 4. Teil: November
2025, 5. Teil: Dezember

 

© Petra Hartmann




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Jahresrückblick 2025: April bis Juni

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 29 Dezember 2025 · 626 Aufrufe
Jahresrückblick

Willkommen zum zweiten Teil meines Lese-Jahresrückblicks. Die Monate April, Mai und Juni bescherten mir erneut Comic-Klassiker, außerdem etwas Historisches, etwas Horror, SF, schwedische Erzählungen, etwas über Sprache und viele Hörbücher. Viel Spaß damit, vielleicht ist ja etwas für euch dabei.

 

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

 

 

April

 

Tim und Struppi. Gesamtausgabe
Band 6 (Fortsetzung)
- Reiseziel Mond

- Schritte auf dem Mond
Band 7
- Der Fall Bienlein

Reiseziel Mond: Hach, die ikonische rotweiß-karierte Mondrakete. Die hat in meiner Jugend in jeder Bahnhofsbuchhandlung und in jedem Comicshop gestanden. Ist es Zufall, dass das rotweiß-karierte Muster ein wenig an die schwarzweiße V2 erinnert? Hm ...
Der geniale Professor Bienlein entwickelt im Land Syldavien eine Mondrakete. Und Tim und Kapitän Haddock sollen mit an Bord sein, wenn die Menschheit erstmals den Erdtrabanten betritt. Bis zum Abschuss - es ist erneut ein Doppelabenteuer und wird im Folgeband fortgesetzt - geschehen allerhand abenteuerliche Dinge. Spione wollen die Pläne klauen, die erste Testrakete entführen, es passieren Einbrüche, Tim wird sogar angeschossen. Daneben gibt es viele liebenswürdige Einzelheiten, etwa den niedlichen Hunde-Raumanzug für Struppi oder dass Bienlein sein Hörrohr mit der Pfeife Haddocks verwechselt. Ja, tatsächlich: Bienlein kann in diesem Band stellenweise ganz normal mit den anderen kommunizieren, durch ein Hörrohr oder ein kleines Hörgerät, allerdings sind diese Hilfsmittel auch manchmal außer Gefecht gesetzt. Eine ganze Menge slapstickhafter Einlagen gehören natürlich auch dazu. Meist trifft es Haddock, der stolpert, stürzt, sich selbst mit der Antenne seines Raumanzugs schlägt, aber auch Bienlein geht mal zu Boden, und die Schul(t)zes - sehr nett in griechischer Tracht - machen das Chaos perfekt. Als Bienlein aufgrund eines Unfalls sein Gedächtnis verliert, ist es Haddock, der mit grenzenloser Phantasie immer neue Schock- und Erschreckversuche unternimmt, um ihn zurückzuholen. Am Ende dann der Start und ein heftiger Cliffhanger: Die Besatzung ist nach dem Start ohnmächtig, die Rakete jagt durchs All, Funksprüche der Bodenstation bleiben unbeantwortet. Fortsetzung folgt.
Schritte auf dem Mond: Zweiter Teil des Mondabenteuers. Tim und Struppi, Professor Bienlein, Kapitän Haddock und der Wissenschaftler Wolff kommen nach dem Start wieder zu sich und sind bereit für die Landung auf dem Mond. Was sie nicht geahnt haben: Aus Versehen sind auch die beiden Schul(t)zes mit an Bord, die eigentlich nur den Laderaum inspizieren wollten, sich aber in der Abflugzeit um zwölf Stunden (pm und am) vertan haben. Zwei zusätzliche Personen, das bedeutet: Der Sauerstoff reicht nicht so lange wie geplant, die Aufenthaltszeit auf dem Mond muss also verkürzt werden. Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnt: Es gibt noch einen weiteren blinden Passagier an Bord. Ein feindlicher Agent hat den Auftrag, mit der Rakete zu starten, wenn die Mannschaft sie verlassen hat.
Auf dem Hinflug gibt es einen tollkühnen Stunt Tims, der Kapitän Haddock im luftleeren Raum wieder einfangen muss. Haddock hatte Whisky an Bord geschmuggelt und nach einem tiefen Zug aus der Pulle das Schiff verlassen. Außerdem gibt es eine Haarkatastrophe: Die beiden Geheimagenten erleiden einen Rückfall von den Pillen, die sie im jüngsten Wüstenabenteuer geschluckt hatten: Ihre Haare wuchern wie bei Rapunzel und nehmen die prächtigsten Farben an. Haddock mutiert zum fluchenden Bordfriseur. Sehr schön ist später die Ballettszene der beiden Agenten unter der geringeren Gravitation der Mondlandschaft. Es gibt eindrucksvolle Landschaftsbilder, eine beeindruckende Höhlenlandschaft mit Stalagmiten und Stalaktiten, eine gefährliche Eisfläche, tiefe Schluchten. Dann einen Überfall des Agenten, von Tim mit Schraubenschlüssel und Revolver vereitelt. Schließlich die Rückreise, auf der die gesamte Mannschaft zu ersticken droht, und ein heroisches Selbstopfer Wolffs, der aus der Rakete aussteigt, um den anderen seinen Sauerstoff zu überlassen. Wolff sah es auch als Sühne an, denn er hatte sich wegen seiner Spielschulden von dem Agenten erpressen lassen und ihm geholfen an Bord zu kommen. Sehr schönes, hochdramatisches Abenteuer, bei dem aber auch der Humor nicht zu kurz kommt.
Der Fall Bienlein: Eine nicht gerade anspruchsvolle Geschichte, in der es eigentlich nur um Verfolgungsjagden geht. Professor Bienlein hat eine geniale, aber auch gefährliche Erfindung gemacht. Aufbauend auf der Forschung der Deutschen im Zweiten Weltkrieg entwickelte er ein Gerät, das Glas zerstören kann. Im Mühlenhof gehen durch seine Versuche die Fenster kaputt, Flaschen eines vorbeifahrenden Molkereifahrzeugs zerbrechen, aber das Schlimmste ist, dass Kapitän Haddocks Whiskyglas zersplittert. Bienlein wird daraufhin von Gangstern entführt, die im Dienste Borduriens stehen, des Nachbarlands von Syldavien. Tim und der Kapitän immer hinterher. Es gibt einige rasante Autofahrten und einen Stunt mit einem Hubschrauber. Sehr nett sind zwei recht große "Wimmelbilder" nach Verkehrsunfällen auf den jeweiligen Verfolgungsjagden. Tim und Haddock können den Professor schließlich befreien, indem sie als Bevollmächtigte eines bordurischen Befehlshabers auftreten, dem sie die entsprechenden Beglaubigungsschreiben geklaut haben. In dieser Folge treten zwei Nerv-Faktoren erstmals auf. Erstens die ständigen Telefonverwechslungen mit der Metzgerei Schnitzel und zweitens der hartnäckige Versicherungsvertreter Fridolin Kiesewetter, der sich mit der ihm eigenen Dickfelligkeit im Mühlenhof einnistet. Nein, da schließe ich meine Versicherungen lieber bei Wayne Schlegel von der Michigan Lebens- und Unfallversicherung ab.

 

Fabia Waldner: Das Magnolienhaus 2 - Flügel der Freiheit
Die Verfasserin respektive der Verfasser lebt in Hahnenklee bei Goslar, daher habe ich das Buch für die Goslarsche Zeitung besprochen. Ich schrieb darüber Folgendes:
Die Saga um die Familie Eimermacher geht weiter. Unter dem Titel „Flügel der Freiheit“ legt Fabia Waldner den zweiten Teil ihrer Trilogie über drei Generationen einer Bonner Bau-Dynastie vor. Wobei hinter dem offenen Pseudonym Fabia Waldner jemand steckt, der sich in Bonn und Umgebung bestens auskennt: Der Hahnenkleer Autor Michael oder Mick Schulz, Jahrgang 1959, ist gebürtiger Bonner, Sohn eines Düsseldorfers und bekennender Enkel einer rheinländischen Großmutter, der er einen Großteil seiner Inspiration verdankt, wie er der GZ verriet. Der Roman, erschienen bei Aufbau Digital, ist nicht als gedrucktes Buch zu haben. Es gibt nur eine E-Book-Ausgabe. Außerdem ist die Geschichte als Hörbuch erhältlich.
„Flügel der Freiheit“ – das ist ein optimistischer, kraftvoller Titel, der auf die Träume und den beschwingten Aufbruch der Heldin Caro Eimermacher Bezug nimmt. Caro hatte sich bereits im ersten Teil des „Magnolienhauses“ mit dem Titel „Der Traum von morgen“ als ausgesprochen freiheitsliebend und selbstbewusst gezeigt. Die Tochter eines Professors und Enkelin eines Bauunternehmers hatte rebelliert, als ihr Vater sie auf dem Heiratsmarkt verschachern wollte, sie hatte dem Dekanssohn Rudi den Laufpass gegeben und damit auch die Universitätskarriere ihres Vaters platzen lassen. Ein Stück Freiheit, für das eine Frau damals allerdings einen hohen Preis zahlen musste.
Tatsächlich zeigt „Flügel der Freiheit“ nicht nur den Flug, sondern auch den Absturz, der einer Tochter aus gutem Hause drohte, wenn sie sich nicht fügte. Genauer gesagt: Das Buch zeigt sowohl die Schicksale widerspenstiger als auch die Schicksale ordnungsgemäß verheirateter Eimermacher-Frauen. Denn dass die biedere Schwester, die Mutter und die Großmutter in ihren Ehen glücklich geworden wären, nein, das kann man nach Lektüre dieses Buchs nicht sagen.
Doch zunächst zu Caro: Der Roman setzt ein mit ihrer Ankunft in Berlin im Mai 1912. Eine Freundin hatte ihr eine Unterkunft bei einem befreundeten schwulen Paar verschafft. Max und Kees sind recht wohlhabend und ermöglichen Caro ein beschwingtes Leben auf der sonnigen Seite von Berlin. Die junge Bonnerin lernt Künstler, Musiker, Schauspieler kennen, einmal ist sogar die berühmte Asta Nielsen in Max‘ Villa zu Gast. Caro, die durchaus als Schönheit gelten kann, strebt eine Karriere als Filmstar an, erlangt auch eine erste Statistenrolle und überlegt sogar, den unsäglichen Namen Eimermacher zugunsten eines klangvolleren Künstlernamens aufzugeben. Aber dann platzen Max‘ Aktiengeschäfte, ein Schuss fällt, und Caro stürzt aus der High Society ab ins Dunkel der ausgebeuteten Dienstmädchen, schließlich in die Welt der Obdachlosen ...
Ein weiterer Handlungsstrang spielt im Jahr 1975 und erzählt von Caros Heimkehr nach Bonn ins Stammhaus der Familie. Für die inzwischen 80-Jährige gibt es ein Wiedersehen mit der jüngsten Schwester Marie. Diese scheint tatsächlich so etwas wie Glück und Erfüllung gefunden zu haben. Obwohl, oder gerade weil auch sie sich dem Vater widersetzte und offenbar eine bekannte und erfolgreiche Wissenschaftlerin geworden ist.
Dazwischen Frauenschicksale: Mutter Mathilde und Schwester Almut werden von ihren Ehemännern betrogen, erfahren Entwertung, Rechtlosigkeit, die Mutter erleidet sogar einen Herzinfarkt. Über den Seitensprung des Großvaters und die Reaktion der Großmutter hatte Waldner bereits im ersten Teil berichtet. Insofern kann man nicht gerade sagen, dass die „braven“ Frauen der Eimermacher-Dynastie, die sich verheiraten ließen und klaglos ihr Ehejoch trugen, die bessere Wahl getroffen haben als die aufmüpfige Caro, trotz ihres gesellschaftlichen Absturzes.
Auffallend ist dabei das vollständige Fehlen von weiblicher Solidarität, als Almut herausfindet, dass ihr Mann sie betrügt, und ihn beobachten lässt. Dass die Mutter, die selbst betrogen worden ist, nicht dem üblen Schwiegersohn, sondern der Tochter Vorwürfe macht, sie habe sich nicht genug Mühe gegeben und mit ihrer Spionieraktion auch noch einen Vertrauensbruch begangen, schmeckt bitter.
Waldner hat einen gepflegten Satzbau und überzeugt durch detailreiche Schilderungen aus der Welt der Bonner und Berliner High Society. Ob Teeservice oder edle Badezimmerkacheln, gerade was das Luxusleben des wohlhabenden Eimermachers und des Pärchens Max und Kees angeht, scheint Waldner akribisch recherchiert oder der rheinischen Großmutter gut zugehört zu haben. Aber auch den Berlinern hat der Autor offenbar ordentlich „aufs Maul geschaut“, und so mischt sich in die Bonner Familiensaga im zweiten Teil unüberhörbar das „Ballinern“ einiger Bekanntschaften Caros.
Unangenehm ist auch hier, wie in Teil eins, die Eigenart, konfliktreichen Begegnungen auszuweichen. Kommt es zu einer dramatischen Begegnung, so bricht Waldner gewöhnlich bei Gesprächsbeginn ab, macht einen Schnitt und liefert hinterher ein Referat im Plusquamperfekt darüber, was wer wie gesagt hatte. So hat der Leser oft das Gefühl, vor dem Fernseher zu sitzen, wenn jemand anderer die Fernbedienung in der Hand hält und bei jeder spannenden Stelle wegzappt. Eine Abfolge von Cliffhangern und „Was bisher geschah“-Zusammenfassungen. Bitte bleiben Sie dran, Frau Waldner. Live ist immer am schönsten.
Fazit: Netter, gut konsumierbarer Frauenroman über Ehe, Widerstand, Luxus und Elend. Angenehm zu lesen, lediglich die vielen Rückblenden stören den Genuss etwas.
Buch-Infos: Fabia Waldner: Das Magnolienhaus. Teil II: Flügel der Freiheit. Aufbau Digital, 2025. Erhältlich als E-Book (entspricht etwa 300 Druckseiten) oder als Hörbuch, gelesen von Uta Simone (Laufzeit: 7 Stunden und 40 Minuten).

 

Den Krieg übersetzen. Gedichte aus der Ukraine

 

Sascha Raubal: Kurt in göttlicher Mission

 

Elena Münscher: Der Zeitenweg

 

Michael Sommer: Schwarze Tage. Roms Kriege gegen Karthago
Eine sehr schöne, klar strukturierte und gut lesbare Darstellung der drei Kriege, die gewöhnlich als "Punische Kriege" bezeichnet werden. Hier macht der Autor schon im Titel klar, dass Rom eindeutig der Aggressor war, zumindest in den beiden letzten Kriegen. Teil eins war auf jeden Fall auch der Gemengelage auf Sizilien geschuldet, auf einer Insel, auf der viele Völkerschaften aufeinandertrafen: Griechen, Römer, Karthager und weitere Gruppierungen aus aller Herren Länder. Die Karthager gerieten als Verbündete von Syrakus in die Sache hinein. Die Römer standen eigentlich abseits, aber dann war da ein kleines Piratennest, dessen Bewohner Rom um Hilfe riefen - mit der Begründung, sie seien doch auch Römer. Das Argument verfing nicht ganz, wohl aber die Aussicht auf Beute und einen strategisch günstigen Hafen. Die Römer sagten: "Engage!" Und plötzlich war etwas im Gange, das für die damaligen Verhältnisse schon als ein kleiner "Weltkrieg" bezeichnet werden konnte. Sommer unterscheidet zwischen Kriegen unter gleichstarken Parteien und "asymetrischen" Kriegen und macht deutlich, dass sich während der drei Kriege das zu Beginn noch durchaus gegebene Gleichgewicht mehr und mehr zu Ungunsten Karthagos verschob. Nach jedem Krieg war die Position Karthagos schwächer, und Rom hat profitierte. Der Bruch des Ebro-Vertrags dürfte schon gezielt und bewusst erfolgt sein. Aus einem Stellvertreterkrieg wurde ein Desaster für Karthago. Der dritte Krieg schließlich wurde hervorgerufen durch die Salamitaktik eines kleinen Provinzfürsten, der sich der Rückendeckung durch das mächtige Rom sicher war. Karthago musste irgendwann zurückschlagen und den ständigen Provokationen und Geländegewinnen des Numiderkönigs Massinissa Einhalt gebieten. Mit fatalen Folgen.
Tja, dass mein Herz eher auf der Seite Karthagos ist, merkt man wohl. Und ich halte es auch ein bisschen mit Sallust, der gesagt hat, dass mit dem Untergang Karthagos auch der Niedergang Roms eingeläutet wurde, weil die Stadt danach keinen Gegner mehr hatte, an dem sie sich messen und wachsen konnte, weswegen in Rom Sitten, Disziplin und Patriotismus verloren gingen. Immerhin, nach der Zerstörung Karthagos hat es nicht mal 50 Jahre gedauert, bis Caesar der römischen Republik den Todesstoß versetzte ...

 

Henrik Ibsen: Nora. Ein Puppenheim (Hamburger Lesehefte)
Geschichte einer Ehefrau, die zunächst von ihrem Vater, später von ihrem Mann als unmündiges Kindchenfrauchen gehalten und entsprechend behandelt wird. Nora ist seit acht Jahren mit Torvald verheiratet, der nun die Chance hat, Bankdirektor zu werden. Das Püppchen Nora hatte allerdings einmal in ihrem Leben eine selbstständige, heroische Tat begangen, an der sie sich immer wieder das Herz wärmt: Als Torvald zu Beginn ihrer Ehe schwer erkrankte, nahm sie heimlich einen Kredit auf und fälschte die Unterschrift ihres Vaters als Bürgen, um Torvald ein Jahr in Italien zu finanzieren. Der Kredit ist inzwischen heimlich abbezahlt. Allerdings merkt der betreffende Bankmitarbeiter plötzlich, dass die Unterschrift erst einige Tage nach dem Ableben des vermeintlichen Bürgen erfolgte. Da der designierte Bankdirektor den Mitarbeiter wegen einiger anderer krummer Machenschaften entlassen will, versucht letzterer, Nora zu erpressen, damit sie für ihn eintritt. Vergebliche Liebesmüh, denn welcher Mann lässt sich in wirklich wichtigen Fragen schon von einem dekorativen Püppchen reinreden? Der Schwindel fliegt schließlich auf, Torvald ist entsetzt. Nora nicht minder. Denn dem Mann geht es nur um seine Reputation und darum, die Sache zu vertuschen. Von Liebe oder Anerkennung für ihre entschlossene Tat - immerhin hat sie ihm damals die Gesundheit gerettet - keine Spur. Zutiefst menschlich enttäuscht trennt sich Nora von ihrem Mann. Interessante Kombination und eine klassische ethische Fragestellung. Spannendes Stück, hat mir gefallen. Dazu gibt es ein einordnendes Nachwort, das gern ein wenig länger hätte sein dürfen, und ein paar Worterklärungen.

 

Holger Sonnabend: Antike. 100 Seiten (Reclam)
Die ganze Antike in 100 Seiten? Das ist sportlich, es ist nicht zu schaffen, und vermutlich hat dem Autor bei der Arbeit immer wieder eine Stimme ins Ohr geraunt: "Du hast keine Chance, also nutze sie." Das Ganze auch noch fluffig layoutet, mit Bildern und Grafiken aufgelockert. Die Gesamtdarstellung bleibt da notgedrungen an der Oberfläche. Bei den Themen Geschichte, Literatur, Philosophie, Kunst konnte mir der Autor nichts Neues erzählen, ein paar interessante Sachen habe ich im Bereich Alltagskultur und Kuriosa gefunden. Insgesamt eine nette Einstiegslektüre und Übergangsdarstellung, aber das Thema ist nicht gut geeignet für die 100-Seiten-Reihe.

 

Bessy 82: Der ungebetene Gast
Diesmal eine Aristie der Jenny Cayoon. Während Andy und sein Vater einem Nachbarn beim Bau einer Wassermühle helfen, bleibt dessen kleine Tochter auf der Pineapple-Ranch, wo Jenny und Bessy auf sie aufpassen. Pech nur, dass just an diesem Tag ein aus dem Gefängnis ausgebrochener Verbrecher auf der Ranch ankommt. Er setzt Jenny und das Mädchen gefangen und zwingt Jenny zuvor mit vorgehaltener Waffe, Bessy festzubinden und einzusperren. In der Folge gibt es mehrere Rettungsversuche Jennys, die jedoch immer wieder daran scheitern, dass das Mädchen Panik bekommt. Schließlich ist es Bessy, die in guter Tradition mit einem Zettel am Halsband losgeschickt wird, um Hilfe zu holen. Die Colliehündin wird allerdings verfolgt von den beiden Schäferhunden des Verbrechers. Am Ende ist es Jenny, die den Verbrecher dingfest machen kann, weil Bessy ihr ein Gewehr bringt. Schönes Abenteuer. Im Nachwort wieder etwas über Klaus Dill. Bei aller Ehrfurcht vor dem Gottkaiser der Bessy-Cover: Das werden mir langsam zu viele Dill-Nachworte. Ein bisschen Abwechslung wäre nicht schlecht.

 

Bessy 83: Die Quelle
Andy und Schneller Hirsch sind als Scouts für die Sicherheit eines Trecks verantwortlich. Sie müssen ihn gegen eine Gruppe von aufständischen Papagos verteidigen, die von kriminellen Weißen dazu angestiftet worden sind. Der Häuptling Gebrochene Nase und der Anführer der Kriminellen schleichen sich nachts an und sprengen den Wasserwagen des Trecks in die Luft. Allerdings wird der weiße Schurke von einem herumfliegenden Trümmerteil erschlagen, der Häuptling gefangen. Als Gebrochene Nase merkt, dass Andy und Schneller Hirsch ihn verteidigen und ein paar aufgebrachte Treckmitglieder daran hindern, ihn zu lynchen, wird er zum Freund der beiden und bietet sich an, sie zu einer geheimen Quelle zu führen. Er hilft ihnen, die dort lagernde Räuberbande zu fangen, und auch der in der Stadt sitzende Oberschurke erhält seine gerechte Strafe. Ansonsten gibt es eine Auseinandersetzung zwischen Schneller Hirsch und einem alten Indianerkämpfer, die jedoch bald zu einer Freundschaft wird, und eine erfolglose Jagd Bessys auf ein Gürteltier. Statt eines Nachworts sind eine Coverskizze und ein Schreiben des Bastei-Verlags an Klaus Dill enthalten.

 

 

Mai

 

Tim und Struppi. Gesamtausgabe
Band 7 (Fortsetzung)
- Kohle an Bord
- Tim in Tibet

Kohle an Bord: Das titelgebende Codewort bedeutet soviel wie "Schiff voller schwarzer Sklaven" und ist der Hinweis, den Sklavenhändler erhalten, wenn sich ein Schiff mit "Ware" nähert, die sie dann auf hoher See übernehmen. Das Stichwort selbst fällt erst sehr spät, etwa im letzten Drittel des Buchs. Tim, Struppi und Kapitän Haddock geraten auf ein Sklavenschiff, an dem sich nichtsahnende schwarze Passagiere befinden, denen man vorgespiegelt hat, das Schiff würde sie nach Mekka bringen. Die Schwarzen sind nämlich allesamt fromme Muslime und wollen auf Pilgerfahrt gehen. Wie unsere drei Helden an Bord gelangen, hat eine längere Vorgeschichte. Zu Beginn begegnen Tim und Haddock einem alten Bekannten, General Alcazar, der sich jedoch schnell aus dem Staub macht. Es kommt heraus, dass der Ex-Diktator gebrauchte Flugzeuge aufkauft. Diese werden später an einen Gegner des Emirs Emir Ben Kalisch Ezab verkauft, der durch einen Putsch seine Herrschaft verliert. Zuvor hatte er jedoch seinen Augapfel, den heißgeliebten Tunichtgut Abdallah zum Mühlenhof geschickt, wo er nun dem Kapitän mit seinen nervtötenden Scherzartikeln das Leben zur Hölle macht. Als Tim und Haddock von dem Putsch gegen den Emir erfahren, fliegen sie nach Watisdah, um ihrem Freund zu helfen. Doch schon am Flughafen werden sie wieder ausgewiesen und per Flugzeug zurückgeschickt. Die Maschine muss jedoch aufgrund eines brennenden Flügels notlanden. Eine Notlandung, die sich als Glücksfall entpuppt. Denn nur kurz nachdem Crew und Passagiere das Flugzeug verlassen haben, explodiert ein Sprengsatz an Bord, der Tim eigentlich hätte ins Jenseits befördern sollen. Tim und Haddock kehren zurück nach Watisdah, wo ihnen ihr alter Freund Oliveira de Figueira eine Reise zum Emir ermöglicht. Beim Treffen erfahren die beiden, wie es zum Zerwürfnis des Emirs mit der Luftfahrtgesellschaft Arabair kam (Abdallah hatte sich gewünscht, dass die Passagiermaschinen beim Anflug auf Watisdah Loopings fliegen, was die Gesellschaft aus für den Emir nicht nachvollziehbaren Gründen verweigerte ...). Die Spur zu den Drahtziehern des Putsches führt die Freunde daraufhin nach Mekka, wohin sie mit einem kleinen Segler gelangen wollen. Sie werden jedoch unterwegs von Flugzeugen beschossen. Tim kann eines der Flugzeuge abschießen, doch ihr Schiff ist Schrott. Sie retten sich auf ein Floß und können auch Klap, den Piloten des abgeschossenen Flugzeugs mit an Bord nehmen. Als das Floß die Route des Drahtziehers Di Gorgonzola kreuzt, will dieser die Schiffbrüchigen gar nicht an Bord nehmen, hat aber das Pech, dass Sängerin Castafiore das Floß bemerkt - und vor ihr will er als "Guter" dastehen. Die beiden und Klap werden kurzfristig aufgenommen, dann aber an ein anderes Schiff, das Di Gorgonzola gehört, weitergegeben, nämlich die "Ramona", den Frachter, der die Sklaven transportiert. Hier sind die drei zunächst gefangen, können sich und die Sklaven jedoch befreien und SOS funken, als sie ein U-Boot angreift. Die Ramona wird gerettet, die Bösen verhaftet, auch der Putsch bricht bald in sich zusammen, und Abdallah wird aus dem Mühlenhof abgeholt. Alles deutet darauf hin, dass im Schloss nun Ruhe und Frieden einkehrt. Bis Nervensäge Fridolin Kiesewetter auftaucht. Er wollte seinem Freund Haddock etwas Gutes tun, damit er sich nicht so in der Ruhe und Einsamkeit des Schlosses langweilt, und hat eine Rallye seines Automobilclubs kurzerhand in den Park des Mühlenhofs umgeleitet. Ein hektisches Wimmelbild mit Automobilisten im Schlosspark schließt das Abenteuer ab. Es ist nicht unbedingt ein schlechtes Abenteuer, aber ein bisschen wirr und unstrukturiert wirkt es schon. Was der Sklavenhandel, der Putsch und die Meinungsverschiedenheiten mit der Fluggesellschaft miteinander zu tun haben, ist nicht unbedingt einsehbar. Und dass mit dem Aufbringen eines Sklavenschiffs gleich der ganze Putsch zusammenbricht, ist auch unlogisch. Ein paar Verhaftungen, und alles ist gut? Welche Staatsgewalt agiert denn da, wenn der eigentliche Herrscher entmachtet ist? Das passt irgendwie alles nicht.
Tim in Tibet: Tim träumt, dass sein chinesischer Freund Tschang ihn um Hilfe ruft. Er findet heraus, dass Tschang an Bord eines Flugzeugs war, das am Himalaya abgestürzt ist. Angeblich gibt es keine Überlebenden. Aber Tim glaubt an seinen Traum und macht sich zusammen mit dem ewig fluchenden Kapitän Haddock auf nach Nepal und später Tibet. Ein paar Sherpas tragen ihnen das Gepäck tatsächlich bis kurz vor die Absturzstelle, flüchten dann jedoch in Panik, als sich die Hinweise verdichten, dass der Yeti - oder wie er in Tibet heißt: der Migu - in der Nähe sein Unwesen treibt. Nur der Anführer der Sherpas bleibt. Und der Schneemensch erweist sich tatsächlich als ein real existierendes Wesen. Sehr zum Leidwesen des Kapitäns, dem er den Whisky klaut. In einem Lama-Kloster erhalten die drei Sucher schließlich durch die Vision eines Mönchs den entscheidenden Hinweis: Tschang lebt. Er wurde vom Yeti gerettet und in eine Höhle verschleppt. Wobei der Yeti sich als sehr fürsorglich erwies. Anscheinend suchte er einfach nur einen Gefährten. Sehr traurig mutete das Schlussbild an, in dem der einsame Yeti der Expedition hinterhersieht, die "seinen" Tschang mitgenommen hat. Ein sehr liebenswürdiges, teilweise auch melancholisches Abenteuer, durch die unterschiedlichen Klimazonen am Himalaya auch optisch sehr vielseitig und ansprechend. Einer meiner Lieblingsbände.

 

 

In fernen Zonen. Karl Mays Weltreisen
Ein Band, der die beiden großen Reisen Karl Mays, nämlich die in den Orient und die Amerikafahrt, dokumentiert. Ja, zum Ende seines Lebens hin hat der große "Reiseschriftsteller" tatsächlich Geld und Zeit gehabt, sich die Länder, über die er geschrieben hat, auch endlich einmal selbst anzusehen. Für ihn mag es auch ein wenig ernüchternd gewesen sein, unterwegs lernen zu müssen, dass er eben selbst kein Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi war.
Die zugrunde liegenden Quellen sind sehr unterschiedlich. Für die Orientreise liegt ein Reistagebuch vor, in dem er nicht nur seine Reisestationen notiert und beschreibt, sondern auch Alltagsärger und Organisatorisches. So hält er fest, sein Diener habe "achtmal nicht gewichst", woraufhin ihm May vier Rupien vom Lohn abzog. Postkarten und Fotos, Billets, Gedichte und Werbung der Schifffahrtsgesellschaften sind ebenso zu finden wie Reisekorrespondenz von Emma und Klara. Mich hat natürlich vor allem die zweite Hälfte interessiert, die Dokumentation seiner Amerikareise. Hier gab es kein Tagebuch, aber die Stationen wurden sorgfältig herausgearbeitet und beschrieben. Das Foto am Denkmal von Sa-go-ye-wat-ha. Die Niagara-Fälle. Das Schiffchen, mit dem May und Klara gefahren sind. Das Clifton-Hotel. Rechnungen und Postkarten. Die Titelbilder Sascha Schneiders zu den Winnetou-Romanen. Seine Rede über die drei Menschheitsfragen. Begegnungen mit ärmlichen Reservationsindianern, den Tuscaroras. Klara streute ja das Gerücht aus, er habe auch einen Abstecher zu den Apachen gemacht. Aber insgesamt muss es doch deprimierend gewesen sein für ihn. Mehr als das klassische Touristenprogramm hat er wohl nicht gesehen, sich wohl auch nicht getraut. Trotzdem, immerhin verdanken wir der Reise den vierten Winnetou-Band, den ich sehr schätze.

 

Arnfried Schenk, Stefan Schnell: Atlas der vom Aussterben bedrohten Sprachen
Eines der schönsten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe, aber auch das allertraurigste. Das Buch stellt 50 vom Aussterben bedrohte Sprachen vor, und beim Lesen wird einem klar, dass gerade jetzt in diesem Augenblick wieder eine von ihnen komplett ausgestorben ist. Was hier verloren geht, es lässt sich kaum ermessen. Vor allem steht man staunend vor dem Reichtum und den Ausdrucksmöglichkeiten dieser Sprachen. Sprachen, in denen es unendlich viele Feinheiten für die Beschreibung von Gerüchen gibt. Sprachen, in denen die Himmelsrichtung, in die jemand blickt, über die Grammatik entscheidet. Sprachen, in denen man bei jeder Aussage klar macht, ob man das, was man erzählt, selbst gesehen hat, von einem vertrauenswürdigen Gewährsmann gehört hat, aus der Zeitung oder einem Buch erfuhr, ob man etwas genau weiß, vermutet, ahnt, geschlossen hat.
Da ist das Baskische, die Sprache, die in Wilhelm von Humboldts Forschungen eine so große Rolle spielte, eine Sprache mit einem seltsamen Numerus, dem Transnumeral. Man benutzt ihn, wenn man offen lassen will, ob es sich um Singular oder Plural handelt. Mein Gott, wie wünschte ich mir in der deutschen Sprache einen Transnumeral, wenn ich beim Bearbeiten von Polizeiberichten schreibe: "Der oder die Täter hebelten ein Fenster auf und drangen ins Haus ein." Hebelten? Oder müsste man nicht besser schreiben: Hebelte? Hebelte(n)? Wir wissen es doch gar nicht, wie viele Täter es waren. Es wäre so schön, wenn ich einen Transnumeral hätte.
Wusstet ihr, dass es eine spezielle Inuit-Zeichensprache gibt? Oder bald gegeben haben wird? Dieses in der Arktis bei eisigen Temperaturen lebende Volk hatte einen guten Grund dafür, eine solche Sprache zu entwickeln, aufgrund der Kälte sind dort Mittelohrentzündungen und darauffolgend eben Taubheit so verbreitet wie bei sonst keinem anderen Volk.
Das Buch trägt nicht umsonst den Namen "Atlas". Jedem Kapitel ist eine eigene Landkarte vorangestellt, der die Heimat der betreffenden Sprache zeigt, außerdem gibt es Übersichtskarten der Kontinente. Abgesehen von der Antarktis hat jeder Kontinent seine eigenen vom Aussterben bedrohten Sprachen. Auch in Europa gibt es sie. Vorgestellt werden Samisch, Färöisch, Nordfriesisch, Plattdeutsch, Niedersorbisch, Rätoromanisch, Baskisch, Aragonesisch und Lasisch. Jede der 50 Sprachen wird, je nach Datenlage, mit ihrer Geschichte, ihren grammatischen Besonderheiten, der (geschätzten) Zahl der Sprecher und den Gründen für das Aussterben vorgestellt. Die Autoren schaffen es, dem Leser zu vermitteln, dass jede von ihnen etwas Besonderes ist.
Ja, und wenn man dann noch einmal den Satz liest, der auf dem Klappentext steht: "Knapp 7000 Sprachen werden heute weltweit gesprochen. Noch - denn mindestens die Hälfte von ihnen gilt als bedroht und könnte bis zum Ende des 21. Jahrhunderts verschwunden sein", wenn man das liest, dann wird einem sehr eng ums Herz. Und doch: Es ist ein unendlich schönes, kostbares Buch. Lest es!

 

Holger Much: Holger Muchs wunderwutzelige Wechselwesen-Weisheiten
Nettes Kinderbuch / Erwachsenenbuch im Hosentaschen-Format. Enthält ganzseitige Porträts wunderwutzeliger Wechselwesen und dazu jeweils ein kurzes Gedicht, insgesamt 20 Stück. Darin finden sich Vierzeiler wie: "Der Wurm kriecht rein, / der Wurm kriecht raus. / Und kriecht er zu tief, / dann ist es aus." Ein liebenswürdiger kleiner Spaß für zwischendurch, auch ein hübsches Mitbringsel.

 

Rolf Krohn: Adlerwind über Vicus Herculanius (BunTES Abenteuer 55/2023)
Diesmal habe ich es aber wieder mit den Punischen Kriegen. Schon mein zweites Buch über die Auseinandersetzung der Karthager mit den Römern (Spoiler: Eins kommt noch.) Beziehungsweise, jetzt ein Heftroman. Die Geschichte spielt in einem kleinen Dorf in Gallien, das zu Rom gehört. Es geht um Hannibals Versuche, Verbündete gegen Rom zu gewinnen, um eine junge Römerin, die verheiratet werden soll, um ein karrieristisches Arschloch, einen harten Vater, um Freiheit und Sklaverei. Sehr schöne historische Skizze, hat mir gefallen.

 

Vier Erzählungen: Schwedische Klassiker (Novellix)
- Astrid Lindgren: Allerliebste Schwester & Die Puppe Mirabell
- August Strindberg: Ein Puppenheim
- Stig Dagermann: Die Kälte der Mittsommernacht ist hart
- Selma Lagerlöf: Ein Stück Lebensgeschichte

Sehr schöne kleine Pappbox, etwas unter Reclamformat (tatsächlich habe ich es in der Buchhandlung ursprünglich für ein Reclam-Produkt gehalten). In der Box sind vier kleine Büchlein, wobei der Titel "Vier Erzählungen" gar nicht stimmt, denn Band eins enthält zwei Texte, man bekommt also insgesamt fünf Erzählungen, wenn man die Box erwirbt. #Vom Astrid Lindgren sind die beiden Märchen "Allerliebste Schwester" und "Die Puppe Mirabell" enthalten. Ersteres ist mein absolutes Lieblingsmärchen von ihr, die Geschichte von der geheimen Schwester, die sich hinter dem Rosenbusch versteckt, von den Pferden, den Hunden, den Bösen und den Artigen begleitet mich schon seit dem Kindergarten. Die Geschichte von Mirabell ist ebenfalls altbekannt, aber eine nette Wiederbegegnung.
Ein seltsamer Zufall wollte es, dass ich gerade kürzlich erst "Nora, ein Puppenheim" von Ibsen gelesen habe. Was macht nun Strindberg daraus? Es ist die Geschichte eines Kapitäns und seiner Frau, die während der Fahrten ihres Mannes oft allein ist. Kapitän Pall rät seiner Gurli, sich eine Gesellschafterin zu suchen. So kommt die fromme Ottilie ins Haus und füttert Gurli mit Bibelsprüchen, Literatur und komischen Ansichten. Als Gurli ihrem Mann das Buch "Nora, ein Puppenheim" schickt und ihn um seine Meinung bittet, zerlegt der alte Seebär den Text geradezu. Eine sehr drastische Kritik eines einfachen, pragmatischen Mannes, der gelernt hat, geradeaus zu denken, und nichts mit sentimentalem Geschwafel am Hut hat. Die Ehe gerät ins Trudeln. Schließlich rät seine Schwiegermutter dem Kapitän, er solle doch Ottilie den Hof machen, um Gurlis Eifersucht zu erregen. Der Puppenheim-Brief ist sehr interessant, wenn man das Original-Puppenheim gelesen hat. Allerdings kann ich Strindberg einfach nicht schätzen.
Stig Dagermann erzählt die Geschichte eines Jungen, der "versagt" hat, nämlich in der Schule, und jetzt als Postbote arbeiten muss. Es ist Mittsommer, es sind Ferien, ein vorbeikommender Lehrer lobt ihn, er sei tüchtig, weil er in den Ferien arbeite, und ist etwas pikiert, als der Junge ihn aufklärt, dass er keine Ferien mehr hat, sondern die Schule für ihn beendet ist. Eine sehr harte, realistische, bittere Geschichte. Gut, aber sehr dünn. Es sind nur zwölf Seiten, und der Verlag musste dahinter vier leere (!) Blätter einfügen, um das dünne Büchlein überhaupt vollzukriegen.
Die letzte Erzählung schließlich, "Ein Stück Lebensgeschichte", handelt von einer Saga, die unbedingt erzählt werden wollte. Sie schwebt durchs Land, bis sie schließlich an ein kleines Gut, das Marbacka hieß, ein Gehöft, wie geschaffen zum Erzählen von alten Zeiten. Dort lebt ein Mädchen, das zur Erzählerin auserkoren ist. Das Kind wird zur jungen Frau, tatsächlich hat sie erste schriftstellerische Erfolge, findet Kraft und Bestätigung und kann tatsächlich das Unfassbare schaffen - als Schriftstellerin zu leben. Endlich schreibt sie auch die Saga nieder, ein tolles, wildes, verschlungenes Stück Literatur. Aber: "Die Saga wurde nie, was sie hätte werden sollen. Es war ihr Unglück, dass sie so lange hatte warten müssen, bis sie erzählt wurde. Wenn sie nicht gebührend in Zucht und Zaum gehalten worden ist, so kam dies hauptsächlich daher, dass ihre Verfasserin nur allzu glücklich ist, sie endlich schreiben zu dürfen. Ein bisschen märchenhaft, ein bisschen melancholisch und traurig, dabei wohl auch autobiografisch, denn Marbacka war der Name des Hofs, auf dem Selma Lagerlöf selbst geboren worden war.
Die Box ist geschmackvoll und werthaltig aufgemacht und taugt sehr gut als Einsteigerbox für Leser, die sich für schwedische Literatur interessieren, sowie generell als liebenswertes Geschenk. Die vier Büchlein sehen hübsch aus, enthalten auch jeweils eine Kurzbiografie und ein Porträt des Autors. Die Texte selbst sind allerdings sehr dünn, es sind wirklich nur Kurzgeschichten und kurze Erzählungen für ein ganz kurzes Literaturerlebnis zwischendurch.

 

Stanley G. Weinbaum: Eine Frage der Sicht (BunTES Abenteuer 57/2023)
Geschichte eines genialen, aber sehr von sich überzeugten Wissenschaftlers. Inspiriert von der Äußerung eines Gesprächspartners, es sei "alles eine Frage der Sichtweise", entwickelt dieses Genie namens Haskel van Manderpootz eine Möglichkeit, die Welt durch die Augen anderer Menschen zu sehen. Sinn und Zweck der Sache ist eigentlich, dass die Welt nun alles durch seine Augen sehen kann. Aber für den Gesprächspartner und Ich-Erzähler bahnt sich eine Tragödie an, als er versucht, die Welt durch die Augen von Manderpootz' Gehilfen zu sehen. Plötzlich sieht er die schönste Frau der ganzen Welt vor sich und verliebt sich unsterblich in sie. Nur stellt sich heraus, dass die Frau eigentlich die grottenhässliche, fade Sekretärin des Wissenschaftlers ist und nur durch die rosarote Brille des verliebten Assistenten so wunderschön wurde ... Als zweite Geschichte ist in dem Heft "Die Herausforderung aus dem Jenseits" enthalten, ebenfalls eine Wissenschaftsgeschichte, in der es um kosmische Phänomene und die Erforschung eines Wirbels geht. Beides sehr zielstrebige, geradlinige Storys, gut geschrieben und angenehm zu lesen.

 

J. H. Rosny Aine: Die junge Vampirin (BunTES Abenteuer 56/203)
Eine etwas andere Vampirgeschichte. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die plötzlich ihr Gedächtnis verliert beziehungsweise völlig andere Erinnerungen hat. Plötzlich ist sie Vampirin und benötigt dringend Blut, um sich zu ernähren. Die Krankheit kam unvermittelt und ist genau so unerwartet wieder verschwunden. Die junge Frau erinnert sich an absolut nichts aus ihrer Vampirphase. Immer an ihrer Seite ist bei dieser Entwicklung ihr Geliebter und Ehemann, außerdem ist in der Vampirphase ein hochinteressierter Wissenschaftler dabei, der zu Tode enttäuscht ist und sich betrogen fühlt, als die Frau wieder ein ganz normales menschliches Wesen aus Fleisch und Blut wird. Spannende Variation des Vampirthemas, durchaus lesenswert.

 

Bettina Schneider: Die Opfer des Apachen

 

Thorgal 42: Özurr, der Waräger

 

Angelika Zahn / Lena Hesse: Was ist Künstliche Intelligenz? (BpB)
Infobuch in Form eines Comics, von der Bundeszentrale für politische Bildung in einer besonders wohlfeilen Ausgabe herausgebracht. Nettes Buch für Totalanfänger, an ein deutlich jüngeres Publikum gerichtet, aber ich habe mich nicht gelangweilt.

 

 

Hörspiel

 

Abenteuer und Wissen: Ulrike Beck: Stephen Hawking. Der Superstar des Universums
Hörspiel über Leben und Gedanken des Physik-Genies, nicht übersimplifiziert, aber auch für Laien verständlich. Ulrike Beck zeichnet das Leben eines Mannes nach, der eigentlich nach der ersten Diagnose "ALS" (Amyotrophe Lateralsklerose) laut Prognose der Ärzte gar nicht mehr so lange zu leben hatte. Ein Mann im Rollstuhl, der das Unmögliche möglich machte, der trotz seiner Behinderung an den Universitäten studieren, später lehren konnte, der als Student seine Professoren verblüffte, später seine Kollegen mit kühnen Theorien überraschte. Vor allem aber wird er gezeigt als ein Mann von ungeheurem Humor und von überwältigender Lebenslust. Sein Kinderbuch "Der Schlüssel zum Universum". Sein Ausflug in die Schwerelosigkeit. Die Roboterstimme, mit der er seine Schüler und die ganze Welt dazu auffordert, ihre Träume zu verfolgen und niemals aufzugeben. Und auch die Lust der Physiker, Wetten abzuschließen. Eine beeindruckende Darstellung eines noch beeindruckenderen Mannes.

 

 

Juni

 

Lena Richter: Dies ist mein letztes Lied

 

Armando Sinister: Verführerisches Aztekengold

 

Friedrich de la Motte Fouqué: Das Galgenmännlein (jmb)
Die Geschichte kennen wahrscheinlich sehr viele Leser in der Version von Robert Louis Stevensons "Bottle Imp", der Geschichte von Teufel in der Flasche, der seinem Besitzer jeden Wunsch erfüllt. Der Haken bei der Sache: Wenn ein Mensch stirbt, während sich die Flasche in seinem Besitz befindet, gehört seine Seele dem Teufel. Es ist demnach geboten, die Flasche nach Erfüllung der wichtigsten Wünsche schleunigst zu verkaufen. Allerdings lautet die Bedingung, dass man sie immer billiger verkaufen muss, als man sie erworben hat. Ein absoluter Horrorklassiker. Fouqués "Galgenmännlein" ist sozusagen die Urversion der Stevenson-Geschichte. Das Fläschchen mit dem schwarzen Alraunen-Männchen gerät in den Besitz eines jungen deutschen Kaufmanns in Venezia, der gerade der begehrtesten Kurtisane der Stadt den Hof gemacht hat. Als ihm das Geld ausgeht, bietet ihm ein hispanischer Hauptmann die Lösung all seiner Probleme an. Der junge Mann kauft ihm das Fläschchen ab, und das Schicksal nimmt seinen Lauf.
Sehr schöne, düstere Novelle von einem der Meister der Romantik. Erschienen in der klassischen schwarzroten Aufmachung der jmb-Reihe "Kabinett der Phantasten", mit einem Nachwort von Heiko Postma und einigen Literaturhinweisen. Hat mir gefallen.

 

 

Gustav Meyrink: Fledermäuse
Schlankes Kurzgeschichtenbändchen aus dem Verlag Saphir im Stahl, eine Geschichtensammlung vom Erfinder des Golems, nicht nur gruselig, sondern oft auch erfrischend humorvoll. Gleich zum Auftakt gibt es etwa eine Rudermannschaft aus Österreich, die an einem Wettbewerb in Hamburg teilnimmt und haushoch verliert. Doch eine Wasseranalyse tröstet die Mannschaft dann wieder: Sie beweist, dass die Hamburger ein viel dickeres Wasser in ihrer Alster haben als das klare frische Donauwasser. Im Prinzip habe man sich also gar nicht so schlecht geschlagen. Nett ist auch die Geschichte "Blamol", in der Tintenfische auf dem Meeresgrund eine Dose mit geheimnisvollem Inhalt finden. Man begegnet dem violetten Tod und erfährt, warum man das Wort "Ämälän" niemals aussprechen sollte. Enthalten ist auch der Klassiker "Der Kardinal Napellus". Und in "Die Urne von St. Gingolph" wird es dann doch noch richtig schaurig. Was ich allerdings nicht ganz verstanden habe, ist der Titel des Buchs. In keiner der neun Geschichten kommt eine Fledermaus vor.

 

 

Tim und Struppi: Gesamtausgabe
Band 8
- Die Juwelen der Sängerin
- Flug 714 nach Sydney
- Tim, und die Picaros
- Tim und die Alpha-Kunst

Die Juwelen der Sängerin: Ach du Schreck: Operndiva Bianca Castafiore quartiert sich bei Kapitän Haddock ein. Der ist wenig begeistert, zumal der Presserummel auf dem Mühlenhof unerträglich wird. Und dann kommt auch noch das Gerücht auf, die Castafiore wolle den alten Seebären heiraten. Der einzige, dem der Besuch gefällt, ist Professor Bienlein, der sogar eine neugezüchtete Rose nach der bezaubernden Bianca benennt. Im Mühlenhof sorgen derweil eine defekte Treppenstufe, die ewigen Telefonverwechslungen mit der Metzgerei Schnitzel (die auf die Dauer für den Leser nur noch nervig sind) und die ständigen Hysterie-Ausbrüche der Sängerin wegen ihres angeblich geklauten Schmucks für Terrorstimmung. Immer wieder verschwinden Juwelen, immer wieder gibt es eine harmlose Erklärung für ihr Verschwinden, meist die Schusseligkeit der Diva, die ihre Klunker einfach verlegt hat. Doch dann ist ein wertvoller Smaragd plötzlich weg. Für die Polizei ist klar, dass nur die Zigeunerfamilie dahinterstecken kann, die Haddock aus Gutherzigkeit in seinem Park zelten ließ. Übrigens ein sehr feiner Zug vom Kapitän, der kategorisch feststellt: Kein Mensch sollte im Müll leben müssen. Klar, dass die Familie völlig unschuldig ist. Und ebenso klar, dass Tim den wahren Dieb entdeckt. Und zum Glück verschwindet das Stimmwunder mit seiner Entourage schließlich wieder vom Mühlenhof.
Flug 714 nach Sydney: Der Titel ist insofern irreführend, als Tim, Haddock und Bienlein zwar diesen Flug nehmen wollen, aber in die Maschine gar nicht einsteigen. Die drei sind unterwegs zu einem Astronauten-Kongress in Australien, wo sie - als erste Menschen auf dem Mond - als Ehrengäste eingeladen sind. Im Flughafen begegnen sie dem Millionär Carreidas, dem "Mann, der nie lacht". Allerdings fällt der Mann aufgrund der Tollpatschigkeiten von Bienlein und Haddock von einem Lachkrampf in den anderen. Er lädt sie daraufhin ein, in seinem Privatjet mitzufliegen. Aber dann wird die Maschine entführt. Kriminelle unter der Leitung des sattsam bekannten Schurken Rastapopoulos wollen an Carreidas' Schweizer Bankkonto. Doch dazu brauchen sie seine Kontonummer, und die rückt Carreidas nicht raus. Sehr schön die Geschichte mit dem Wahrheitsserum, das den Mann zwar tatsächlich zwingt, die Wahrheit zu sagen, aber Carreidas drängt es mehr zur Generalbeichte, und er erzählt stundenlang, wie schrecklich er ist, und beichtet eine Jugendbosheit nach der anderen. Die Situation eskaliert, als Rastapopoulus versehentlich auch mit der Spritze gestochen wird. Er und Carreidas überbieten sich daraufhin in immer schlimmeren Beichten und wetteifern darum, wer von beiden der schlechtere Mensch sei. Befreiungsversuche und Verfolgungsjagden folgen, schließlich eine Irrwanderung durch ein Höhlenlabyrinth. Etwas unschön ist, dass der running Gag mit dem Hut, den Carreidas immer wieder verliert und mit aller Energie wiederfinden will, am Ende ins Leere läuft. Irgendwie erwartet man ja, dass in dem Hut ein Zettel mit der geheimen Kontonummer versteckt ist. Aber irgendwann bleibt der Hut einfach verschwunden, und nichts passiert. Völlig abstrus sind die letzten 20 Seiten des Abenteuers, als plötzlich aus dem Nichts ein Mann auftaucht, der Tim mit Telepathie durch das Höhlenlabyrinth leitet und auf die Landung eines außerirdischen Raumschiffs wartet. Das Schiff landet dann tatsächlich, die Gruppe wird an Bord genommen und kurz vor einem Vulkanausbruch rechtzeitig von der Insel gebracht. Der Telepath hypnotisiert die Gruppe jedoch, sodass die Leute die gesamten Ereignisse auf der Insel vergessen. Am Ende werden sie in einem Schlauchboot gefunden, gerettet, medizinisch versorgt und begeben sich dann zum Flughafen, um für den Flug 714 nach Sydney einzuchecken. Ein doofes Ende.
Tim und die Picaros: Die Castafiore hat einen Auftritt in San Theodoros, wo General Tapioca herrscht. Doch der ehemalige Widersacher von General Alcazar lässt die Sängerin verhaften und ins Gefängnis werfen. Der Vorwurf: Verschwörung gegen das Staatsoberhaupt. Es kommt noch dicker: Tapioca behauptet, der Mühlenhof sei ein Verschwörernest, und der Kapitän, Bienlein und Tim seien darauf aus, ihn wegzuputschen. Der Kapitän überzieht Tapioca per Telegramm mit Schimpftiraden. Der lädt ihn daraufhin ein in sein Land, um die Sache miteinander zu klären. Tim wittert Gefahr, aber der Seemann sieht sich bei seiner Ehre gepackt und reist gemeinsam mit Bienlein in Tapiocas Land, woraufhin beide natürlich gefangen werden. Es folgen eine Befreiungsaktion Tims, ein Treffen mit echten Verschwörern und ein Wiedersehen mit den Arumbayas. Die Widerstandskämpfer, eben die titelgebenden Picaros, sind allerdings nicht besonders kampftüchtig. Sie sind allesamt Alkoholiker und trinken sich bis zur Handlungsunfähigkeit. Hier kann aber Bienlein helfen. Er hatte bereits im Mühlenhof heimlich Experimente mit einer besonderen Pille gemacht: Wer sie schluckt, für den hat Alkohol einen extrem widerlichen Geschmack. Was zunächst nur zur Folge hatte, dass der Kapitän seinen Lieblingswhisky nicht mehr trinken konnte, wird nun zur Entgiftungstherapie für die Picaros. Unerwartete Hilfe kommt von der Karnevalstruppe Fridolin Kiesewetters, die sich gerade zu Besuch in Tapiocas Land befindet. Gehüllt in deren Verkleidungen dringen die Picaros in die Hauptstadt ein und jagen Tapioca zum Teufel. Neuer Staatschef wird wieder Alcazar. Ganz okay. Kiesewetters Karnevalstruppe ist schon ein Brüller.
Tim und die Alpha-Kunst: Skizzen zu einem unvollendeten Album, das Hergé nicht mehr fertig schreiben konnte. Man sieht noch nicht so recht, wohin die Handlung läuft, aber die Zeichnungen mit ihren vorläufigen, flüchtigen, hingekritzelten Charakter sind einfach faszinierend. Schön, dass man hier einmal dem Meister bei der Arbeit über die Schulter blicken kann.

 

Arndt Ellmer: Das Schaukelpferd
Arndt Ellmer, der den meisten vermutlich als Perry-Rhodan-Autor bekannt ist, präsentiert hier Geschichten aus rund 40 Jahren seines Schaffens. Ein sehr breites Spektrum, und man kann die Entwicklung des Autors von seinen ersten Kindergeschichten bis zur Gegenwart sehr gut nachverfolgen. Die erste Story stammt aus dem Jahr 1972, da war er, wenn ich mich nicht verrechnet habe, 18 Jahre alt. Man muss schon einiges Selbstbewusstsein haben, seine Jugendstorys herauszurücken, aber die Geschichten sind sicher nicht uninteressant. Ein bisschen absurd, paradox, von der Schule geprägt kommen die ersten Storys daher. Da geht es um die Hinrichtung Robespierres, um einen Mann, der sich vor seiner Frau versteckt, um ein Mädchen, das allein mit dem Roboter Automatic Lover lebt, der ihr noch nicht erklären kann, was es mit den unterschiedlichen Geschlechtern auf sich hat, der Roboter wartet, er hat Zeit ... Spiderman-Fans werden sich bestimmt über die sehr viel später entstandenen drei Venom-Geschichten freuen. Die aktuellste Geschichte stammt aus dem Jahr 2020. Sie erzählt von den Vorgängen im Regierungssitz des Pontius Pilatus, nachdem man einen berühmten Unruhestifter und Wundertäter hingerichtet hatte. Insgesamt eine sehr vielseitige und interessante Sammlung, lesbar und professionell, nichts zu meckern, es war aber nicht ganz "meins".

 

Saneh Sangsuk: Gift
Erschütternd. Sanft und herb, magisch und trotzdem von schrecklichem Realismus geprägt. Die bitterböse Geschichte eines kleinen thailändischen Jungen, der der beste Puppenspieler der Welt werden will. Die Bewohner seines Dorfes kommen gern zu ihm und sehen ihm zu, wenn er seine Geschichten inszeniert. Doch im Eifer des Spiels merkt er nicht, dass er am Nest einer Kobra sitzt. Die Giftschlange schießt hervor, er packt sie, würgt sie, sie windet sich um ihn. Die ganze Nacht hindurch dauert dieser urgewaltige Kampf auf Leben und Tod. Eine Geschichte, die mich ziemlich fassungslos zurückließ. Zumal der letzte Satz (ich beschwöre euch: Blättert auf keinen Fall vor, wenn ihr diese Geschichte lest!!!) die gesamte Erzählung umkippt. Verdammt, solche Bücher sollten verboten werden.

 

 

Anke Brandt: Carl, der Henker von Poel

 

Ray Bradbury: Fahrenheit 451
Science-Fiction-Klassiker, den ich schon lange auf der To-do-Liste habe. Und jetzt erschreckend aktuell. Eine Feuerwehr, die dazu da ist, Bücher aufzuspüren und zu verbrennen. Ein Feuerwehrmann, der irgendwann den Fehler macht, in eines dieser Bücher hineinzuschauen. Seine dumme, oberflächliche Frau und ihre dummen, oberflächlichen Freunde, die nur noch vom Medienkonsum leben und dummen, oberflächlichen Unterschichten-Trash anschaun. Das Buch hat ein sehr kluges Nachwort von Sascha Mamczak, in dem herausgearbeitet wird, wie in diesem Buch das Mittelmaß und die Dummheit die Macht übernehmen. Eine Gefahr, die offenbar noch drängender ist als die einer Machtübernahme durch Eliten. Man schaue nur, was das aktuelle Trump-Regime in den USA gerade anstellt mit Bücherverboten und Wissenschaftsfeindlichkeit. In Fahrenheit 451 sind es die Leute, denen Bücher zu kompliziert waren, die die Lesekultur nach und nach zurückdrängten. Erst gab es nur vereinfachte Versionen, dann Kurzfassungen, dann reduzierte Ein-Satz-Inhaltsangaben. Und dann hieß es: Ganz weg damit.
Wir sollten wirklich jeden Cent in die Leseförderung stecken.

 

 

Ludolf Wienbarg: Tagebuch von Helgoland (e)
Ein Buch, das ich schon sehr oft gelesen habe. Früher habe ich es auch jedes Jahr in den Helgoland-Urlaub mitgenommen, um es vor Ort zu genießen. Diesmal auf dem Festland, in einer fremden Stadt, in der ich ein paar Stunden warten musste. Zum Glück hatte ich den eBook-Reader dabei und konnte es mir im Park bequem machen.
Ludolf Wienbarg, einer der fünf verbotenen Jungdeutschen Autoren - neben Theodor Mundt, Karl Gutzkow, Heinrich Laube und Heinrich Heine - muss nach dem Bundestagsbeschluss gegen diese Autorengruppe flüchten. Von Frankfurt am Main immer weiter nordwärts getrieben, immer wieder aus Städten ausgewiesen oder gar nicht erst eingelassen, kommt er zuletzt im heimatlichen Hamburg an. Doch auch dort erreichen ihn Warnungen, seine Verhaftung stehe bevor. So flüchtet er schließlich nach Helgoland. "Nur dort, wo Englands stolze Fahne weht, kann ich beruhigt mein müdes Haupt niederlegen", schreibt er.
Die Ausgabe des Lexikus-Verlags ist nicht gerade allererste Sahne. Im Jahresrückblick auf den Dezember 2015 schrieb ich bereits dazu:
Es handelt sich um eine Verlagsausgabe. Das Buch ist bearbeitet worden, mit historischen Bildern aufgewertet und mit Kapitelüberschriften versehen. Also keine kostenlose Trash-Ausgabe mit automatisch aus der Public Domain herausgelutschten Texten. Der Lexikus-Verlag hat Arbeit hineingesteckt, es darf also auch ruhig etwas kosten. So weit, so gut.
Jetzt zu den unschöneren Aspekten dieser Ausgabe. Zunächst einmal (was nur jemandem auffallen kann, der das Buch fast auswendig kennt): Der Text ist an einigen Stellen verändert worden. So wurde im Vorwort Wienbargs das Wort "Kaprice" mal eben durch "augenblickliche Laune" ausgetauscht. Wie bitte was? Was soll das? Der Text ist also absolut nicht zuverlässig und nicht zitierfähig. Hütet euch davor. Ein paar Absätze weiter ist der verlangsinterne Hinweis, man solle hier ein Bild einfügen, zu finden.
Dass bei Einscannen von alten Frakturtexten oft Fehler passieren, die dann auch noch stehen bleiben, ist leider eher die Regel als die Ausnahme. Aber wenn man den Text schon bearbeitet, warum wird dann nicht auch Korrektur gelesen? Es muss doch jemandem aufgefallen sein, dass es komisch klingt wenn Leute im Meer "Ach weiblich tummeln" - natürlich wollen sie "sich weidlich tummeln". Häufig wird das langgezogene "s" als "f" übersetzt, Umlautpunkte verschwinden, und das im Original auf den Namen "Bliza of Heligoland" getaufte Schiff wird nun zu einem "Blizard of Helgoland" - da hätte man doch geich einen "Blizzard" mit korrektem Doppel-Z draus machen können. Also: Finger weg von diesem eBook. Man kann es nur ordentlich lesen, wenn man ohnehin schon weiß, wie der Text lauten muss - und dann braucht man es nicht mehr.

 

Titus Müller: Das verborgene Weihnachtskind
Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte, die in einer gar nicht so weit entfernten Zukunft - oder vielleicht schon in de Gegenwart spielen könnte. Es geht um ein Haus, das von einer Haus-KI gesteuert wird. KI Athena hat so ziemlich alles im Griff in diesem Hochhaus, lediglich ein Mieter weigert sich, ihr seine Daten zu geben, und klebt die Kamera demonstrativ ab. Paradoxerweise ist dieser Analogmensch später der wichtigste Verbündete der KI, als Kriminelle in das Haus eindringen, um ein Kind zu entführen. Die KI nimmt den Kampf auf, setzt sich gegen Hacker und Schadprogramme zur Wehr und kämpft heroisch um ihr Haus. In der todgefährlichen Situation gibt es am Ende tatsächlich ein kleines oder großes Weihnachtswunder. Ich bin nicht so der Technik-Fan, aber der Autor hat diese KI so feinfühlig beschrieben, dass ich mich durchaus mit ihr identifizieren konnte und um ihr Leben gebangt habe.

 

 

Hörbuch/Hörspiel

 

Frank Herbert: Dune. Der Wüstenplanet
Hervorragend gesprochenes Hörbuch, gelesen von Mark Bremer und Uta Dänekamp. Rund 30 Stunden Laufzeit. Es hat mich in diesen Monaten zu vielen Cons und Veranstaltungen begleitet. Dabei hätte ich es beinahe wieder ins Regal zurückgestellt, als ich den Aufkleber "Das Hörbuch zum Film" darauf sah. Ist aber kein auf Silberlinge gepresster Filmton, sondern das echte Buch, vorgelesen.
Zum Inhalt muss ich wohl nicht viel sagen. Die faszinierenden Charaktere Paul Atreides, sein Vater Leto und seine Mutter Jessica, der Kampf um den Wüstenplaneten, das seltsame Gewürz, die geheimnisvollen Fremen, die Ureinwohner des Wüstenplaneten, die sich vollkommen an das Leben in der Wüste angepasst haben, die Bedeutung jedes einzelnen Tropfen Wassers in dieser Wüstenwelt, die Destille-Anzüge ... Einfach eine großartige Welt und großartige Charaktere. Ich liebe sie.

 

Salman Rushdie: Knife
Salman Rushdie tritt diesmal nicht als Romanautor an die Öffentlichkeit, sondern mit einem umfangreichen biografischen Text. Er schildert darin den Mordanschlag, der ihn glücklicherweise "nur" ein Auge kostete, erzählt von Einzelheiten, Erinnerungen, von seinen Verletzungen und vom langen Weg der Heilung. Seit die Fatwa wegen seiner "Satanischen Verse" ausgesprochen wurde, lebte der Schriftsteller wie unter einem Damoklesschwert. Untergetaucht, meist im Verborgenen. Öffentliche Auftritte nur unter höchsten Sicherheitsauflagen. Und was immer er veröffentlichte, war mit dem Label behaftet: "Von dem Autor mit der Fatwa". Wie soll man da als eigenständiger Künstler wirken, wenn jedes, aber auch jedes neue Buch sofort auf seinen politischen, religionskritischen Inhalt untersucht wird, die literarischen Aspekte aber unter den Tisch fallen? Gerade hatte er geglaubt, der Bannfluch gegen die "Satanischen Verse" sei ein wenig in Vergessenheit geraten, als ihn der Anschlag erneut in die Rolle des verfolgten Islam-Kritikers zurück katapultierte, der die Folgen einer bei den Mullahs anstößigen Passage zu tragen hatte. Diesem wird das Etikett wohl endgültig haften bleiben.
Rushdies Buch ist ein 360-Grad-Rundumblick vom Augenblick dieses Attentats aus. Vorgeschichte und Ursachen werden beleuchtet, aber auch das Danach. Was bedeutet es, im Krankenhaus aufzuwachen, vom Messer immer und immer wieder getroffen, mit beschädigten inneren Organen, mit einem zerstörten Auge? Rushdie schreibt von Schmerzen und Unannehmlichkeiten, geht bis tief in die Details seiner Verletzungen und Beschwerden, so detailliert, dass es durchaus unangenehm wird. "Too much information", würde man wohl im Tischgespräch sagen, wenn der Gegenüber alle, auch die unappetitlichsten Details, vor dem Zuhörer ausbreitet. Dann wieder ist da der kluge, analytisch denkende Beobachter, der sich mit der Psychologie seines Attentäters auseinandersetzt und sich fragt, was einen bis kurze Zeit vorher noch recht normalen Mann derart radikalisieren konnte, dass er im Namen Allahs einen Menschen - diesen Menschen - töten wollte. In langen fiktiven Gesprächen mit dem Attentäter entwirft er sein Bild des Mannes, eines Versagers, der nie eine Frau abgekriegt hat und im Islam die Idealwelt fand, in der Männer noch richtige Männer sind ...
Schreibend überwindet Rushdie sein eigenes Trauma, bewältigt das unfassbare Erlebnis auf seine eigene Art und geht am Ende als Ungebrochener aus der Finsternis hervor. Er erzählt von seinem neuen Buch, das im Jahr nach dem Anschlag erschien, Victory City. Und schließlich verwandelt sich die schreibende Selbsttherapie in ein gewaltiges, unbedingtes Bekenntnis zur Liebe. Ein beeindruckendes, zugleich auch abstoßendes Buch. Die medizinischen Einzelheiten hätten mich jetzt nicht sooo sehr interessiert, die fiktiven Gespräche mit dem Attentäter kommen extrem stark von oben herab, der Gebildete, des Wortes Mächtige tritt einem Underdog entgegen, dessen cerebrale Ausstattung nicht gerade auf Hochbegabung schließen lässt. Aber wer bin ich denn, dass ich einem Niedergestochenen vorschreiben will, er möge mit seinem Beinahe-Mörder "auf Augenhöhe" sprechen? Es ist Rushdies Buch, er allein hat das Recht zu entscheiden. Es ist sein eigener Weg aus der Finsternis und aus der Opferhaltung.

 

Kira Kolumna 20: Gamingfieber
Lars kann es gar nicht fassen: Ein Talent-Scout, der Nachwuchs für eine der bedeutendsten E-Sport-Mannschaften sucht, ist auf ihn aufmerksam geworden und lädt ihn zum Training ein. Wenn Lars angenommen wird, steht ihm eine Profikarriere bevor, Geld, Ruhm - und vor allem könnte er sein Lieblingshobby zum Beruf machen. Seine Freundinnen und seine Mutter, die Lars' relaxtes Abhängen mit seiner "Horde" bisher als Faulenzen abgetan haben, lernen, dass E-Sport eine anspruchsvolle berufliche Tätigkeit ist und jede Menge Trainingsstunden verlangt. Lars verbringt nun fast jede freie Sekunde mit dem Üben. Dass darunter nicht nur die Schule, sondern auch sein Sozialleben leidet, stellt sich schnell heraus. Ist das harte, ernsthafte Training wirklich das, was Lars für den Rest seines Lebens tun will? Und wo ist der charmante Taugenichts geblieben, der einfach nur entspannt auf dem Sofa herumliegen und zocken will?
Eine sehr interessante Folge, in der man lernt, dass Gaming ein extrem harter und anspruchsvoller Sport ist und dass Profitum in jeder Betätigung, auch beim Computerspielen, 100 Prozent Einsatz erfordert. Das Ende hat mir nicht ganz so gut gefallen. Lars lehnt die Profikarriere ab. Um was zu tun? Um weiter mit Kira und Nele und seiner Horde absichtslos abhängen zu können. Letzten Endes das, was alle sich von ihm gewünscht haben. Aber waren diese Wünsche nicht ziemlich egoistisch? Ja, jetzt haben sie also ihren entspannten, dauerrelaxten Tunichtgut wieder. Aber der Junge ist 16 Jahre alt. Irgendwann wird er sich wohl wieder vom Sofa erheben müssen und einen Beruf erlernen. Warum nicht den Gaming-Job, für den er so gebrannt hat?

 

Weiterer Jahresrückblick
2025, 1. Teil: Januar bis März
2025, 3. Teil: Juli bis Oktober
2025, 4. Teil: November
2025, 5. Teil: Dezember

 

© Petra Hartmann




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Jahresrückblick 2025, Teil I: Januar bis März

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 28 Dezember 2025 · 726 Aufrufe
Jahresrückblick

Tja, da ist es schon wieder um, das Jahr. Wie war euer 2025? Meines war arbeitsreich und anstrengend, aber ich will nicht sagen, dass es schlecht war. Unten findet ihr wie gewohnt das erste Quartal meiner Leseliste. Doch zuvor ein paar persönliche Notizen.
Das schönste Erlebnis dieses Jahr? Das war zweifellos, als ich den wild gewachsenen Walderdbeerbusch unterm Hausstein entdeckt habe. Mensch, ich habe bestimmt 30 Jahre keine Walderdbeeren mehr gegessen, und jetzt liefert sie mir die Natur einfach so frei Haus.
Das zweitschönste Erlebnis war ganz klar, mein neues Buch in den Händen zu halten. "Das intergalaktische Bestiarium" ist ein wunderschönes Stück Buchkunst mit tollen Zeichnungen von Thomas Hofmann, von Eric Hantsch im legendären Stil der Edition Dunkelgestirn herausgebracht. Ich habe das Buch bei Lesungen auf dem Conventus Leonis, dem Marburg-Con, dem BuCon, auf Radio Tonkuhle und im Leipziger Haus des Buchs vorgestellt, in Leipzig und Marburg zusammen mit dem Künstler und dem Verleger. Außerdem gab es eine Buchvorstellung auf Radio Okerwelle. Besucht habe ich auch die Leipziger Buchmesse und das Nürnberger Autorentreffen.
Geschrieben habe ich dieses Jahr das erste Drittel eines neuen Indianer-Romans auf den Spuren Karl Mays. Außerdem habe ich eine uralte Erzählung aufgearbeitet, die um die Jahrtausendwende herum entstanden ist. Die soll nächstes Jahr in einer Anthologie herauskommen. Und ich will zusammen mit einer guten Autorenfreundin nächstes Jahr ein neues Anthologieprojekt stemmen. Mal sehen, wie es wird.
Was gab es noch? Ich habe in einem Hebräischkurs einen Vortrag über die Nestis-Serie auf Ivrit gehalten. In meinem Garten ist jetzt auch die fünfte von sechs im Herbst 2023 vergrabenen Kastanien gekeimt und soll mal zu einem großen Baum heranwachsen. Mein betagter Rechner läuft jetzt mit Linux - heißen Dank an die Linux-Gruppe Hannover, die mir altem Muttchen die digitale Souveränität gerettet hat. Ich bin Anfang Januar nach 33 Jahren aus der FDP ausgetreten, ernähre mich seit ein paar Monaten bewusst fleischarm und spare auf ein E-Auto (es wird ein Micra). Und ich habe das erste Mal in einem Zeitungsartikel Neopronomen verwandt, genauer gesagt in zwei Artikeln. Es ging um eine nichtbinäre Künstlerpersönlichkeit. Hatte eigentlich gedacht, dass danach ein Shitstorm über mich hereinbrechen würde, aber es gab absolut keine Reaktionen. Klar, den Kulturteil lesen nicht so viele Leute, und das Pronomen "sier" kam erst im zweiten Absatz zum ersten Mal vor. Bis dahin lesen Nazis, Rechtskonservative und Wutwichtel nicht.
Ich glaube, das wars erstmal.

 

Okay, kommen wir nun zum literarischen Jahresrückblick. Im ersten Quartal habe ich ziemlich viele Comic-Alben gelesen, einige Kinderbuch-Klassiker, etwas Politisches und Philosophisches, außerdem ein paar Lyrikbände. Sehr wenig Phantastik, aber immerhin einen SF-Roman. Und ich habe wieder jede Menge Kira-Kolumna-Hörspiele genossen, ich mag die Serie einfach. Viel Spaß beim Stöbern in meinen Lese- und Hörfrüchten.

 

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

 

 

Januar

 

Astrid Lindgren: Kalle Blomquist
- Meisterdetektiv Blomquist
- Kalle Blomquist lebt gefährlich
- Kalle Blomquist, Eva-Lotta und Rasmus

Einer der Helden meiner Jugend. Und ein schönes Wiedersehen mit dem Urgroßvater aller Schweden-Krimis. Ich hatte gerade den ersten Band in meiner Kindheit so oft gelesen, dass ich ihn beinahe auswendig kenne. Interessanterweise sind die drei Bücher inzwischen ebenfalls vom Verlag überarbeitet worden. Bei Pippi Langstrumpf habe ich es ja mitbekommen, weil es einen Aufschrei wegen der "Political Correctness" gab und Ephraim Langstrumpf nicht mehr "Negerkönig" ist, sondern "Südseekönig". Hier ging es offenbar nur darum, dass Wörter ausgetauscht wurden, die heutzutage kein Kind mehr versteht. Gegenüber meiner Blomquist-Erfahrung aus den 70ern hat sich einiges verändert, und ich habe ein paarmal gestutzt.
Anders wird nicht mehr als "Poussierstengel", sondern als "Weiberheld" beschimpft. Der "Prozenter" Gren ist jetzt ein "Wucherer". Onkel Einar ist keine "mystische" Person mehr (das Wort hat mich damals schon gewundert, es sollte wohl "mysteriös" heißen). Sixtus heißt nun Sixten, und Eva-Lotte ist nun Eva-Lotta. Aus Schutzmann Björk wurde Wachtmeister Björk. Der alte Gren sagt nicht mehr "Der Kindheit unschuldige Spiel", sondern "Die unschuldigen Spiele der Kindheit". Lebte Jonte schon immer am Rowdy-Berg? Insgesamt "stören" mich die Änderungen nicht ernsthaft, sie stören nur den Lesefluss einer alten Frau, die genau das lesen will, was sie als Kind las. Für junge Erstleser mag es in Ordnung sein. Aber der Name "Sixten" klang schon ziemlich blöd, obwohl das der schwedische Original-Name ist. Etwas doof fand ich, dass Bäckermeister Lisander jetzt "Zimtwecken" statt "Zimtschnecken" backt. Das Wort "Wecken" ist jedenfalls in meiner Gegend nicht gebräuchlich, während ich mir unter Zimtschnecken durchaus etwas Leckeres vorstellen kann.
Egal, alles in allem ist es akzeptabel. Es war ein schönes Wiedersehen.

 

Felix Woitkowski: Beyond the Deep - Tief untern

 

Linda Ólafsdóttir: Der Tag, als die Frauen streikten (BpB)
Comic-Erzählung über einen besonderen Tag in Island: Der 24. Oktober 1975 war der Tag, an dem die Isländerinnen geschlossen ihre Arbeit niederlegten und für Gleichberechtigung demonstrierten. Lesenswert, lehrreich und ausdrücklich für Deutschland zur Nachahmung empfohlen. Und obendrein von der Bundeszentrale für politische Bildung zu einem supergünstigen Preis herausgebracht.

 

Jostein Gaarder: Ist es nicht ein Wunder, dass es uns gibt?
Ein schlankes, philosophisches Büchlein, das daherkommt als ein Brief des Autors an seine Enkelkinder. Alledings für einen Brief dann wieder doch sehr umfangreich. Es handelt sich um einige sehr persönliche Betrachtungen, zum Teil Autobiografie, zum Teil Lebensphilosophie, zum Teil Rückblick auf die eigenen Bücher, ihre Entstehung und ihre Hintergründe. Es geht um das kindliche Staunen angesichts von Naturbeobachtungen, um die Erkenntnis, dass das Ich etwas Einzigartiges und ganz Besonderes ist, aber auch um das Gemeinsame, alles Vereinende. Und es geht um Verantwortung, um die Bewahrung unserer Welt, die, wie es auch der Dümmste inzwischen mitbekommen haben sollte, bedroht ist. Das Ganze ist sehr fluffig und leichtfüßig geschrieben, leicht zu lesen, aber es lohnt sich doch, zwischendurch einmal beim Lesen innezuhalten und den einzelnen Gedanken nachzuspüren. Insgesamt nicht unbedingt ein philosophisches Schwergewicht wie "Maia" oder "Vita brevis" oder die arme, schon zu Tode zitierte "Sophies Welt", aber auf jeden Fall ein netter, liebenswerter Wegbegleiter. Lesenswert.

 

Tassilo 17: Die Krone der Dämmerung

 

Comanche Gesamtausgabe
- Der Wanderzirkus
- Dead River
- Red Dust Express

Ich gehöre wohl einer Minderheit an. Jedenfalls habe ich schon viel Schlechtes über die letzten Comanche-Abenteuer gehört. Da möchte ich hier einfach mal festhalten, dass "Der Wanderzirkus" mir ausnehmend gut gefallen hat. Erzählt wird die Geschichte eines Zirkusunternehmens nach Art von Buffalo Bills Show. Ein berühmter Indianerschlächter, der einst die Krieger der Comanchen niedergemetzelt hatte, will nun in einer Zirkusvorführung seine Heldentaten nachstellen. Mit dabei sind echte Indianer, Insassen eines Reservats, die auf diese Weise einmal ihre zugewiesene "Heimat" verlassen dürfen. Was der alte Indianerschlächter nicht ahnt: Die jungen, erbärmlich wirkenden Reservationsinsassen, die er für nicht besonders helle hält, sind Nachkommen der Krieger, die er damals niedergemetzelt hat. Die vermeintlich mit Platzpatronen geladenen Gewehre sind bereit für scharfe Schüsse. Dabei hatte der alte Mörder doch eigentlich geglaubt, nur er selbst hätte scharfe Waffen - und hatte einige Schüsse auf die Rothäute während der Show eingeplant.
Comanche ahnt Schlimmes, als sie die Plakate mit der Ankündigung der Zirkusshow sieht. Sie kennt die Namen der beteiligten Zirkusindianer. Mehr noch: Man erfährt hier erstmals etwas über ihre Vergangenheit und darüber, wie sie als kleines Mädchen unter Comanchen aufgewachsen ist und Freundschaften geschlossen hat. Nun sieht sie die Katastrophe herannahen. Sie will ein Blutbad verhindern. Aber will sie den Mörder wirklich schützen ...?
Der zweite Teil erzählt von einer Geisterstadt nahe der Triple-Six-Ranch. Goldgräber hatten dort in ihrer Gier eine Quelle gesprengt und so den Fluss zum Versiegen gebracht. Das Gold war auch weg, die Stadt wurde verlassen. Genau der richtige Ort, um zwei der aufrührerischen Comanchen aus dem Vorgänger-Band zu verstecken, denken sich Red, Comanche und Ten Gallons. Allerdings: In der Stadt scheint es zu spuken. Außerdem haben die Helden sich mit einer Bande von Viehdieben auseinanderzusetzen. Sehr dramatisch.
Teil drei schließlich widmet sich erneut dem Eisenbahn-Thema. Es geht um den Wettlauf zweier Bahngesellschaften. Wer zuerst schafft, einen Zug mit sechs Reisenden in der Stadt Serenity ankommen zu lassen, erhält den Zuschlag für ein Zwei-Millionen-Dollar-Geschäft. Die böse Gesellschaft wirft ein skrupelloses Banditentrio in die Schlacht: "Lobster" mit der scharfen Stahlhand, Rattlesnake Annie mit der Vorliebe für Dynamitstangen und Concho, den Mexikaner mit der fiesen Machete. Klar, dass sich Comanche und ihre Leute auf die andere Seite schlagen, zumal sie von dem Trio übel bedroht werden. Es wird blutig. Am Ende kommt es sogar zu einem Kuss zwischen Comanche und Red. Ein Happy End. Okay.

 

Tammer Abboud: Ich schulde meinen Träumen noch ein Leben

 

Florian Weber: Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken
Enttäuschend. Die Ausgangssituation klang so spannend und ist in diversen Besprechungen gelobt worden: Ein Mann kommt zu sich, schwimmt mitten im Meer, um ihn herum ein Lama, ein Clown und ein Klavier, er selbst hat das Gedächtnis verloren. Naja, das war dann aber auch schon das Spannende. Ein bisschen "Schiffbruch mit Tiger", ein bisschen gewollt tiefe Lebensbetrachtungen und dazu die letzte Reise eines Onkels, der bald an Krebs sterben wird und vorher noch einmal in den USA die Stationen einer großen Liebe wiedersehen will. Der Protagonist erlebt eine Menge und gerät in haufenweise abstruse Situationen. Aber es wirkt einfach alles "gemacht", alles wirkt konstruiert, nichts scheint organisch aus dem anderen hervorzugehen. Es ist handwerklich ganz okay, aber dem Buch fehlt einfach das Leben, die Seele, der Zauber.

 

Prinz Eisenherz. Gesamtausgabe. Band 12: 1959/1960 (Bocola)
Der zwölfte Band der Gesamtausgabe ist wieder ein ansprechend gestaltetes Buch, das dem Comic-Klassiker einen würdigen Rahmen gibt. Wir erleben eine Rettungsaktion mit, bei der Prinz Eisenherz seinen Freund Gawain aus der Gefangenschaft eines Tyrannen befreit. Das Abenteuer hat durchaus slapstickhafte Züge, da sich Eisenherz, der sich als fahrender Sänger in die Burg eingeschlichen hat, zur Tarnung betrinken muss. Er ist zwar nicht handlungsunfähig, aber doch motorisch eingeschränkt ... Der Prinz aus Thule begegnet außerdem einem Doppelgänger, in dessen Rolle er ein Turnier besteht, und dem Räuber Hugh, der den Beinamen "Der Fuchs" trägt und eine Art früher Robin Hood ist. Ein kniffliges Problem hat Eisenherz im Auftrag von König Artus zu lösen: Was ist der Heilige Gral - und gibt es ihn wirklich? Das Ergebnis ist für den König ziemlich unbefriedigend. Ein bedrückendes Erlebnis hat Prinz Arn: Er tötet zum ersten Mal im Kampf einen Menschen und braucht lange, um diese Erfahrung zu verarbeiten. Ferner gibt es einen Ehestreit mit der schönen Aleta. Schließlich muss sich Aleta erneut als Königin der Nebelinseln bewähren und ihr Land gegen einen Angriff des feindlichen Königs Thrasos verteidigen. Sie tut das mit Scharfsinn und klugen Strategien, wird aber von Thrasos bei dessen Flucht verletzt. Ausgesprochen eindrucksvoll ist das letzte Bild des Bandes: Es zeigt wie Trasos, der sich bei Gewitter in einen hohlen Baum geflüchtet hat, vom Blitz getroffen wird und in Flammen aufgeht.

 

Hörspiel

 

Kira Kolumna 14: Missverstanden
Karima ist neu in der Klasse. Und da Kira als "Dauerumzieherin" sich mit dem Fremdsein gut auskennt, übernimmt sie die Betreuung der Neuen. Aber es ist etwas völlig Anderes, wenn man als Tochter eines Mathematikprofessors immer wieder in neue fremde Länder kommt. Karimas Familie musste aus ihrem Land, dessen Name nicht erwähnt wird, flüchten. Kira hat tausend Fragen an Karima - und hat nie die Geduld, ihre Antworten anzuhören. Klar ist ihr nur, dass die Mitschülerin, deren Familie offenbar noch nicht einmal genug Geld hat, der Tochter einen Bikini zu kaufen, dringend eine Charity-Aktion braucht. Karima wird die Sache immer unangenehmer. Interessante Folge über Flüchtlinge, Vorurteile und das Fragen-Stellen. Nein, Kira, nicht die Masse der Fragen macht einen guten Journalisten aus, sondern die Fähigkeit zum Zuhören.

 

Kira Kolumna 13: Echt spooky
Eine Folge, die an die drei ??? zu ihren besten Zeiten erinnert: Das Haus, in dem die alte Frau Machnikowski wohnt, wird von einem Miethai renoviert, der schon alle Mieter außer Südbergs coolster Renterin vergrault oder herausgekauft hat. Wenn er alle losgeworden ist, will er das Haus zu einem Luxusdomizil machen und deutlich höhere Mieten verlangen. Dumm nur, dass die renitente Rentnerin nicht ausziehen will. Allerdings: Seit sie plötzlich unheimliche Geisterstimmen in ihrer Wohnung hört, ist Frau Machnikowski ziemlich durch den Wind. Wird sie etwa wunderlich und ist dem Leben allein doch nicht mehr gewachsen? Kira, Lars und Nele versuchen, dem Geist auf die Spur zu kommen. Und das ist ziemlich gruselig. Ein schönes, klassisches Abenteuerhörspiel mit dem Hauch der guten alten Musikcassettenzeit.

 

 

Februar

 

Rosita Busch: Dem Leben verschrieben
Die Autorin hatte eine Lesung in Hahnenklee und ist Mitglied eines Hahnenkleer Chors. Ich habe über ihre Lesung für die Goslarsche Zeitung berichtet und das Buch vorgestellt. In ihrem Lyrikband verarbeitet sie Erfahrungen aus der Zeit ihrer Krebserkrankung und erzählt vom Kampf gegen die Krankheit und davon, was ihr Kraft gegeben hat.
Über die Lesung schrieb ich:
Diagnose: Krebs. Chemotherapie, Bestrahlungen, Operation. Für Rosita Busch ein Schock, ein schwerer Weg, den sie aber gemeistert hat. Nun blickt sie in ihrem neu erschienenen Lyrikband „Dem Leben verschrieben“ zurück auf die harte Zeit, auf schlimme Erfahrungen, aber auch auf das, was ihr Kraft gegeben hat und was sie durch die Krankheit neu und wieder schätzen lernte.
Am Mittwochabend stellte die 75-Jährige im evangelischen Gemeindehaus in Hahnenklee ihr im Oktober erschienenes Buch vor. In eingängigen Versen blickt die Frau aus Clausthal-Zellerfeld auf das Leben, und auch als Künstlerin präsentierte sich die pensionierte Lehrerin: Mit farbigen Bildern, in Acrylfarben gestaltet und oft hoffnungs- und farbenfroh, illustrierte sie ihr Buch. Die Gemälde begleiteten die Verse ausdrucksstark und entfalteten bei der Lesung eine ganz eigene Wirkung.
„Mein Leben / wird mir von Tag zu Tag / kostbarer“, heißt es in den Haikus, die die Autorin zu Beginn der Lesung vortrug. „Staunen will ich – / Schöpfungswunder jeden Tag / neu in mir.“ Zwischen den einzelnen Gedichten schlägt sie die Klangschale an, der Ton verhallt langsam im Raum und schafft Platz, um den Versen noch eine Weile nachzuspüren.
Oft ist es das eigene Herz, das die Autorin anspricht, aus dem sie Kraft schöpft, das als Kompass dient. So gab sie zu Beginn ihrer Lesung ein handgroßes tönernes Herz ins Publikum, das die 20 Zuhörer befühlen, festhalten und schließlich an ihren Nachbarn weitergeben konnten. „Nimm dein Herz in beide Hände“, forderte Busch sich selbst und die Hörer auf. „Hör auf das, was es dir sagt. / Fühlst du dich auch mal am Ende, / hast du es noch nicht gefragt. / Als dein treuester Begleiter, / durch dick und dünn und immer weiter, / schlägt‘s für dich ganz ohne Frage / bis ans Ende deiner Tage. / Geht mit dir egal wohin, / hat dich immer fest im Sinn.“
„Dem Leben verschrieben“ ist bereits der zweite Gedichtband, den die Autorin veröffentlichte. Ihr erster trug den Titel „Handverlesen“, und zusammen machen die Buchtitel deutlich, um was es der Dichterin geht – eben ums Lesen und Schreiben.
Die Autorin erzählt von Angst und Tränen. Vom Gefühl, den Halt zu verlieren. Vom Ausgeliefert-Sein. Sie schildert, wie es ist, im Krankenhaus zu liegen und die Entscheidungsgewalt über den eigenen Körper zu verlieren. „Nur mein Körper“ heißt ein Gedicht, in dem die Autorin aus einem Realität gewordenen Albtraum berichtet: „Wie von Wölfen eingekreist / fallen sie über mich her / zerren an Händen, Armen und Beinen / ohne mich zu fragen, ob ...“, beschreibt sie ihr Patientenschicksal. „Schieben mein Hemd zur Seite / entblößen meine Brust / klemmen Metallknöpfe an / haben zu meinen Adern gefunden“. So fühlt sich ein Mensch, den niemand mehr fragt, wer er eigentlich ist oder wie er sich fühlt. Nur ein Routinefall. „Alles nimmt seinen Lauf / mit mir / ganz ohne mich“, heißt es resignierend.
Doch Rosita Busch hat es durchgestanden. In ihren Gedichten gedenkt sie auch der Menschen, die sie begleitet haben, die sie unterstützten, ihr Kraft gaben. Sie beschwört die Schmerzen erneut, verwandelt sie in Kraft, spricht von Zuversicht. Es ist Zeit, das Leben wieder mit neuen, staunenden Augen zu betrachten, die Wunder des Alltäglichen zu entdecken. Es gibt neue Berührungen, ein Streichen durch das „lockig, schlohweiß, neu gewachsene Haar“, die Zeit heilt Wunden, bringt neue Falten: „Falten gehören zu mir, prägen mich ganz probat / zum unverwechselbar kostbaren Unikat“, schreibt sie selbstgewiss.
Es wurde eine Lesung mit allen Sinnen. Die ehemalige Grundschullehrerin sprach ihr Publikum auf mehr als einer Ebene an. Klangschalen-Töne und Acrylbilder, ein Herz zum Betasten, aber auch der Klang der Ocean-Drum trugen zur ganz eigenen Atmosphäre im evangelischen Gemeindehaus bei. Die Augen schließen und dem Rauschen des Meeres lauschen, das brachte das Publikum ganz nahe an den Kraft-Ort, an dem auch die Autorin Energie und Atem schöpfte.
Vor allem aber waren es die Mitglieder des Chors „Sing dein Ding 60+“, die die Lesung mit ihren Mantras mitgestalteten. Lieder wie „Bin zu allem bereit“ oder „Feuer, Wasser, Luft und Erde“ hatte sich die Autorin, die dem Chor als Altistin angehört, selbst ausgesucht. Zuletzt entwickelte sich die Lesung trotz oder gerade wegen ihres bitteren Themas Krebs zu einer heiteren, von Aufatmen geprägten Zusammenkunft, bei der einige Sänger sogar zu tanzen begannen. Es ist Zeit, der Krankheit eine „lange Nase“ zu zeigen, das Leben zu feiern und dankbar anzukommen. Und: „Das war meine schönste Lesung“, sagt die Autorin mit Dank an ihren Chor.

 

Reimer Boy Eilers: Mit Magellan II: Vom Guadalquivir bis zum Landt Presil

 

Dirk van den Boom und Holger M. Pohl: Welt der 7 Ebenen: Freiland
Der erste Band eines Siebenteilers. Wobei die Bände zwei bis sieben nicht erschienen sind. Grund ist der überraschende Tod des Autors Holger M. Pohl. So blieb "Freiland" ein Einzelstück.
Es geht um ein riesiges Raumschiff, genannt "Heimat". Das Schiff ist so gigantisch, dass es in ihm sieben sehr unterschiedliche Länder gibt, jedes mit seinen besonderen Stärken und Eigenarten: Freiland, Farmland, Tierland,Technikland, Fabrikland, Endland und Maschinenland. Jedes Land bildet eine eigene Ebene, verbunden sind sie durch eine Art Fahrstühle. Ich habe es mir ein wenig vorgestellt wie die "Gestapelten Landschaften" im niederländischen Pavillon auf der Expo 2000, falls ihr den damals gesehen habt. Jedenfalls fliegt diese "Heimat" durchs All, einem unbekannten Ziel entgegen, als die Besatzung plötzlich ein havariertes Raumschiff entdeckt. Die Menschen in dem Raumschiff werden an Bord genommen. Aber die Sache birgt einigen Sprengstoff. Denn die "Heimat" hatte seit urdenklichen Zeiten keinen Außenkontakt. Wer sind die Fremden? Kommen sie von den "Schöpfern", den Erbauern des Superschiffs? Die Regierung versucht erstmal, den Vorfall zu vertuschen. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, und Aufregung an Bord, womöglich gar Revolten werden befürchtet. Was bedeutet, dass die Fremden abgeschottet und eingesperrt werden. Die aber, als echte Weltraumhelden einer Space Opera, lassen sich das natürlich nicht bieten und brechen aus. Eine Verfolgungsjagd durch alle sieben Welten beginnt. Im ersten Teil erleben wir das Land Freiland, am Ende steht die Passage nach Farmland, die geplanten weiteren Bände erschienen nicht.
Der Roman ist spannend geschrieben, reich an Action, aber auch an politischen Szenen. Die Tagungen und Schachzüge der Politiker, von denen einer den verballhornten Namen eines doofen Amis führt, sind zum Teil amüsant, zum Teil bedrückend und erinnern gleichsam an klassische Dystopien und an aktuelle deutsche Vetuschungs- und Hinhaltepolitik. Etwas überzogen klingt die Einschätzung des Chefs des Verfolgungskommandos, unter den Flüchtigen müsse es wohl eine Person mit herausagenden Führungsfähigkeiten geben. Die machen nichts anderes als Abhauen und das auch ganz erfolgreich, einen Funken an Genialität habe ich an den Manövern des Trupps jedoch nicht finden können. Vielleicht war das für später vorgesehen. Nicht ganz klar wurde mir beim Lesen, warum die Ankunft der Fremden wirklich mit allen Mitteln verschwiegen werden musste. Und, ganz ehrlich: So große Raumschiffe, dass sieben Länder in ihnen Platz haben, kann sich mein kleines altes Gehirn nicht richtig vorstellen.
Trotzdem: Ein ganz ordentlich geschriebenes, spannend zu lesendes Buch. Schade, dass die Heptalogie ein Fragment blieb. Ich hätte mir die folgenden Teile auch gekauft.

 

Günter Abramowski: das ende ist neu

 

Hörspiel

 

Kira Kolumna 15: Offline in Barcelona
Kira verbringt ihre Ferien bei ihrem Freund Rapha in Spanien. Aber was als romantischer Traumurlaub gedacht war, wächst sich zu einem massiven Alptraum aus. Rapha hängt ständig am Handy und starrt auf seine Barcelona-App, um nur ja keine aktuelle Attraktion zu verpassen. Und Kira bekommt ständig Anrufe und Nachrichten von Nele. Stress pur ist angesagt, die beiden Verliebten sind am Ende nur noch mega genervt voneinander, Aggressivität und Streit folgen. Dann eine noch größere Katastrophe: Ein Moment der Unachtsamkeit im Café - und plötzlich sind ihre Handys weg. Gar nicht so einfach, sich offline in der Welt zurecht zu finden. Aber vielleicht auch eine Chance, das reale Leben gemeinsam zu genießen? Sehr schönes Abenteuer, erfreut auch alte Leute, die ein bisschen retro sind.

 

Kira Kolumna 17: Nein heißt Nein
Oberstufenball in Kiras Schule. Und die Zehntklässler dürfen zum ersten Mal mit dabei sein. Kira will nur "als Reporterin" hingehen. Sprich: Fotos machen, Interviews führen und später einen Artikel für die Schülerzeitung drüber schreiben. Aber Nele sucht noch einen Partner. Da scheint die Einladung des Elftklässlers Gregor, der ihr stilecht mit einem Blumenstrauß seinen "Antrag" macht, fast zu schön, um wahr zu sein. Allerdings: Der Abend wird für Nele eher zum Alptraum, als der Junge sie gegen ihren Willen küsst. Nele ist am Tag darauf wie verwandelt, steht neben sich, wagt aber nicht, ihren Freunden von dem Übergriff zu erzählen. Doch es kommt noch schlimmer: Gregor postet im sozialen Netzwerk ein Foto des Kusses. Schon geht das Gestichel und Gemobbe gegen Nele los. Und als sich Nele überwindet und ihren Freunden und schließlich auch der Lehrerin erzählt, was Gregor getan hat, lügt der Bengel dreist und streitet alles ab. Erst durch einen Trick gelangen die Freunde in den Besitz einer Tonaufzeichnung mit dem Geständnis Gregors.
Es ist eine Folge, die ein schwieriges und wichtiges Thema beleuchtet. Allerdings leider auf eine ziemlich oberflächliche und simplifizierende Weise. Ganz so einfach ist es im realen Leben sicher nicht, die Täter zu überführen. Und dass die Lehrerin gleich nach der Anschuldigung Gregor zu sich ruft, ihn und Nele gegenüberstellt und ihn nach seinem rotzigen: "Nee, ich hab nix gemacht", wieder ziehen lässt ... Nun, das ist alles ein wenig ungelenk. Ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl sollte die Lehrkraft schon haben. Interessant finde ich die Rolle von Superekel Saskia. Die sonst ziemlich bösartige Mitschülerin unterstützt Nele und ihre Freunde durch wichtige Informationen. Sie ist nämlich im Vorjahr selbst Opfer von Gregor geworden.

 

Kira Kolumna 18: Schöne Bescherung
Matheprofessor Johannes Kolumna glaubt, er hat das schönste Weihnachtsgeschenk der Welt für Kira: Er hat eine neue Stelle angenommen - und das heißt: Umzug nach Madrid. Kira ist stinksauer. Endlich ist sie einmal an einem Ort angekommen, an dem sie wirklich zu Hause ist, da soll sie schon wieder ihre Freund verlassen? Die Zeichen stehen auf Sturm im Hause Kolumna, Vater und Tochter zerstreiten sich heillos. Am Ende fällt sogar das berühmte Machtwort: "So lange du deine Füße unter meinen Tisch steckst ..." Vermittlungsversuche von Laura helfen nur bedingt. Beide Streithähne sind einfach zu temperamentvoll. Erst Lars und ein Weihnachtsmarktbesuch können die Situation retten.
Schöne, dynamische Folge über ein Vater-Tochter-Problem. Gut gemacht.
Anmerkung: Dies ist schon die zweite Weihnachtsfolge mit Kira. Das müsste doch jetzt eigentlich heißen, dass sie nicht mehr 16, sondern 17 Jahre alt ist, oder? Eine Geburtstagsgeschichte fehlt aber bislang in der Serie. Das gilt für alle drei jugendlichen Helden der Geschichten.

 

 

März

 

Tim und Struppi. Gesamtausgabe.
Band 1:
- Tim im Lande der Sowjets
- Tim im Kongo

Es handelt sich um eine edle Hardcover-Ausgabe mit acht Bänden im stabilen roten Schuber, die optisch einiges hermacht und auch bei meiner Buchhändlerin, bei der ich es bestellt hatte, für einige Bewunderung sorgte. Die Bücher sind etwas kleiner als das gewohnte Albenformat, aber das schadet nichts und tut dem Lesevergnügen keinen Abtrag. Etwas schade ist, dass der Carlsen-Verlag diese mit 148 Euro nicht gerade billige Gesamtausgabe nicht mit erläuternden Vorworten, Zusatzinfos, Skizzen und ähnlichen Beigaben aufgewertet hat. Da hat beispielsweise Splitter ganz andere Maßstäbe gesetzt. Es gibt einzig vor dem ersten Abenteuer, "Tim im Lande der Sowjets" einen kurzen Vortext, etwas weniger als eine Seite, in der sehr kurz auf Hergés Informationsquelle bzw. Desinformationsquelle zur Sowjetunion eingegangen wird. Das dürfe eher ein Disclaimer als ein Service für die Leser sein. Schade auch, dass die alten, lieb gewordenen Cover nicht mit abgedruckt worden sind. Nicht Teil der Gesamtausgabe ist das Album "Tim und der Haifischsee", das ja erst nach dem Zeichentrickfilm angefertigt wurde und von Greg stammt, nicht von Hergé.
Okay, was bietet der erste Band? Auch Hardcore-Fans brechen angesichts der sowjetischen und kongolesischen Abenteuer Tims gewöhnlich nicht gerade in Begeisterungsstürme aus. Es sind ad infinitum aneinandergereihte Verfolgungsjagden, Schlägereien, Gefangennahmen, Fluchten etc. Das Ganze verbunden mit rassistischen beziehungsweise antikommunistischen Klischees. Manches ist ziemlich unwahrscheinlich. Manches klassische Propaganda, etwa die Stelle, als Tim eine "potemkinsche" Fabrik in Russland entdeckt. Schlecht, aber eben von historischer Bedeutung. Und doch ungeheuer interessant und wichtig zu wissen, wie es einmal angefangen hat mit der Serie, die sich später auf den höchsten Olymp der Comicgeschichte hinaufschwang.
Eines noch: Ich habe in meiner Jugend gar nicht kapiert, dass dieser Tim ein "Junge" sein sollte, eine Identifikationsfigur für die jungen Leser. Für mich war er immer ein, wenn auch kleiner, jugendlicher Erwachsener. Ernsthaft, Hergé? Tim ist berufstätig, arbeitet als Reporter, lebt allein, liest Zeitung, unternimmt ohne Begleitung eines Erziehungsberechtigten weite Auslandsreisen, er steuert Autos, Flugzeuge, Schiffe, U-Boote und hat einen verdammt harten rechten Haken. Das soll ein Junge sein?

 

Band 2:
- Tim in Amerika
- Die Zigarren des Pharaos
- Der blaue Lotos

Tim in Amerika setzt die in den ersten beiden Bänden begonnene Anhäufung von Klischees, Rassismus und Prügeleien/Verfolgungsjagden/Gefangenschaften/Fluchten fort. Tim legt sich mit Gangstern an, muss vor Indianern flüchten usw. Einzig witzige beziehungsweise bittere Szene: Tim findet Öl. Ein reicher Amerikaner will ihm die Ölquelle zu einem horrenden Preis abkaufe. Doch als Tim sagt, das Land gehöre den Indianern, werden diese einfach des Platzes verwiesen und von der Armee vertrieben. Bitter.
Die Zigarren des Pharaos: Jetzt gehts los. Wer neu in die Serie einsteigt, dem sei dieser Band zum Start empfohlen. Ein Abenteuer in Ägypten und später Indien, in dem auch die Detektive Schulze und Schultze zum ersten Mal auftauchen, die Tim wegen Drogenschmuggels verhaften wollen. Ein verborgenes Pharaonengrab, ein verrückter Professor, Schmuggel. Echt niedlich fand ich die Szene, als Tim und Struppi die Sarkophagreihe entdecken: In den Sarkophagen stecken die Leichen der Leute, die das Grab schon ausfindig machen wollten, und daneben sind drei leere Sarkophage, einer für den Professor, einer für Tim und einer in Struppi-Format. Auch nett: Ein Scheich, bei dem Tim zu Gast ist, entpuppt sich als großer Fan des Helden und liest ein Tim-und-Struppi-Heft. Und ich mochte die Episode, in der Tim ein Geheimtreffen einer Bande in Kutten besucht, die dem Kukluxklan ähnen, aber das Pharao-Symbol tragen. Die Geschichte mit dem geheimen Passwort erinnert mich irgendwie an Karl Mays "Spion von Ortry".
Der blaue Lotos: Tim in China. Das Abenteuer gilt zurecht als einer der ersten Höhepunkte der Serie. Seltsame Funksprüche, eine Einladung aus Shanghai, die Suche nach einem entführten Wissenschaftler, der die vom Wahnsinnsserum betroffenen Leute aus dem vorigen Band heilen kann. Und Opiumschmuggel. Gleich zweimal muss sich Tim in die gefürchtete Opiumhölle, den "Blauen Lotos" einschleichen. Ein Erzfeind, im Vorband noch als harmloser, wenn auch launischer Filmemacher aufgetreten, entpuppt sich als Chef-Drogenhändler. Und sehr viele China- und Japan-Klischees, zum Teil ironisch gebrochen und optisch sehr schön in Szene gesetzt. Als Tim seinen neuen Freund Tschang vor dem Ertrinken gerettet hat, erzählt er ihm etwas darüber, wie sich Europäer Chinesen vorstellen, und Tschang lacht sich kaputt darüber. Sehr schön der (gute) Fakir, der über Scherben wandert, sich Messer in den Leib sticht und einen Kopfstand auf einem Nagel macht, aber plötzlich schreiend aufspringt, als er sich versehentlich auf ein Polsterkissen setzt. Erst auf einem eilig herbeigebrachten Nagelbrett kann der Mann sich entspannen.

 

Band 3:
- Der Arumbaya-Fetisch
- Die schwarze Insel
- König Ottokars Zepter

Der Arumbaya-Fetisch: Im Museum wird eine Tonfigur mit "abbem Ohr" geklaut. Eben der titelgebende Arumbaya-Fetisch. Wenig später ist die Figur wieder da. Alles nur ein Jux? Aber die Figur hat jetzt zwei Ohren, woraus Tim schließt, dass es sich um eine Kopie handelt. Auf der Suche nach dem Original entdeckt Tim, dass ein Bildhauer ermordet wurde, der womöglich die Kopie erstellt hat. Dessen Papagei plaudert den Namen des Mörders aus. Später schifft sich Tim nach Südamerika ein und gerät in das Revolutionsgeschehen eines fiktiven Staates. Sehr nett ist die Geschichte, wie Tim zum Adjutanten des Revolutionsführers wird: Er wird an die Wand gestellt, hat vorher noch die Gelegenheit, sich zu betrinken und brüllt im Angesicht des Erschießungskommandos: "Es lebe General Alcatraz!" In diesem Augenblick wechseln die Machtverhältnisse, und Alcatraz, den wir in den späteren Abenteuern noch wiedertreffen werden, ist total gerührt von der Treue seines treuesten Gefolgsmanns Tim ... Böse, aber leider Realität ist das Agieren der Ölfirmen: Als im Grenzgebiet zwischen Alcatraz' Staat und dem Nachbarland Öl gefunden wird, sorgen die Firmen für einen Krieg zwischen beiden Ländern, um günstiger an den Stoff heranzukommen. Tim schafft es schließlich, die Arumbayas im Urwald zu besuchen, und erfährt, warum der Tongötze geklaut wurde: Ein Weißer hatte den Arumbayas einen Edelstein gestohlen und ihn in der Figur außer Landes geschmuggelt. Am Ende schafft es Tim, den Fetisch tatsächlich wiederzuerobern, und gibt ihn in ziemlich ramponiertem Zustand dem Museum zurück. Der Stein aber versinkt unrettbar in den Tiefen des Meeres.
Die schwarze Insel: Tim bemerkt ein landendes Kleinflugzeug und wundert sich, dass die Maschine offenbar unregistriert ist. Als er seine Hilfe anbietet, wird er niedergeschossen und kommt erst im Krankenhaus wieder zu sich, wo die Agenten Schulze und Schultze ihn befragen wollen. Die Spur führt nach England, später nach Schottland, wobei die titelgebende schwarze Insel erst im letzten Drittel auftaucht. Die Geschichte ist reich an Verfolgungsjagden und Slapstick-Einlagen, vor allem wird Tim immer wieder von trotteligen Ordnungshütern verfolgt und entkommt dank deren Schusseligkeit. Sehr nett die Geschichte, als Schulze und Schultze einen Mann zwingen, mit einem Flugzeug zu starten, um Tim zu verfolgen. Der Mann kann gar nicht fliegen, unternimmt die irrsinnigsten Flugmanöver, verliert bei einem Looping einen der Agenten, kann ihn durch ein weiteres Zufallsmanöver wieder einfangen und erhält für seine Flugkünste schließlich nach der Bruchlandung den Pokal eines Flugwettbewerbs, in den er versehentlich geraten ist. Tim, stilecht in Schottentracht, macht sich allein auf zu der gefürchteten schwarzen Insel und entdeckt dort in einer alten Bug das Geheimversteck einer Geldfälscherbande, das von einem Gorilla gehütet wird - das gefürchtete Monster der Insel. Allerdings lässt sich der Menschenaffe von Struppis Knurren sofort beeindrucken. Tim hebt das Falschmünzernest aus, und für den Gorilla, der sich beim Sturz auf einer Treppe einen Arm gebrochen hat, gibt es medizinische Versorgung und ein neues zu Hause im Zoo, wie der abschließend abgedruckte Zeitungsartikel berichtet.
König Ottokas Szepter: Tim reist nach Syldavien, ein fiktives kleines osteuropäisches Land, das von einem König regiert wird. Sehr schön die Beschreibung des Landes und seiner Geschichte, die wechselnden Eroberungen durch Slawen und Türken, die Geschichte des Herrscherhauses und die Bestimmung, dass der König einmal im Jahr ei einem Fest das Szepter Ottokas öffentlich tragen muss - widrigenfalls muss er abdanken. Tim begleitet einen Professor für Sphragistik (Siegelkunde, wieder was gelernt) nach Syldavien, doch hegt er bald den Verdacht, dass der vermeintliche Gelehrte gegen einen Doppelgänger ausgetauscht wurde, der das schicksalsträchtige Szepter stehlen will. Es folgen diverse Anschläge auf Tim, Gefangenschaften, Fluchten, Auseinandersetzungen mit dem syldavischen Militär und den Behörden, die allesamt Angehöriger einer Verschwörung gegen den König zu sein scheinen. Außerdem taucht in diesem Band erstmals die Opernsängerin Bianca Castafiore auf, stimmgewaltig, von sich selbst überzeugt und Huldigungen gewohnt. Den Diebstahl des Szepters kann Tim nicht verhindern, aber mit der Unterstützung der Detektive Schulze & Schultze bzw. mit Behinderung durch dieselben gelingt es Tim und Struppi schließlich, das gestohlene Herrscherinsignium wieder herbeizuschaffen. Tim wird darauf als erster Ausländer mit dem syldavischen Pelikanorden ausgezeichnet. Und für die Detektive gibt es zum Schluss beim Aussteigen aus einem Wasserflugzeug ein kühles Bad.

 

Band 4:
- Die Krabbe mit den goldenen Scheren
- Der geheimnisvolle Stern
- Das Geheimnis der Einhorn

Die Krabbe mit den goldenen Scheren: Hunderttausend Höllenhunde! Da ist er endlich. Der ewig fluchende Kapitän Haddock mit dem exquisiten Schimpfwort-Repertoire erlebt in diesem Album sein Debüt und ist seither aus der Serie nicht mehr wegzudenken. Hand aufs Herz: Wer hat nicht schon mal davon geträumt, seine Gegner als Anthropopitheken und Ikonoklasten zu betiteln?
Haddock ist Kapitän des Frachters Karaboudjan und ahnt nicht, dass sein Schiff vollbeladen mit Opium ist. Die Drogen werden in Dosen versteckt, die vorgeblich Krabbenfleisch enthalten. Das Etikett, das einen Krebs zeigt, ist Namensgeber für diese Folge, beziehungsweise eine goldene Krabbenschere, die der Krabbenfleischhändler als Unternehmenslogo an einer Kette um den Hals trägt. Haddock wird von einem der Schmuggler systematisch mit Alkohol abgefüllt - seine große Schwäche. Als Tim, Struppi und Haddock mit einem Beiboot flüchten, werden sie von einem Wasserflugzeug aus angegriffen, das Meisterschütze Tim aber so geschickt vom Himmel holt, dass nur ein kleiner Draht durchgeschossen ist, den er leicht wieder flicken kann. Die beiden Piloten werden gefangengenommen, und Tim steuert die Maschine nach Spanien. Das heißt: Er versucht es, doch durch einen Navigationsfehler und eine Attacke des wieder betrunkenen Kapitäns geraten sie in die Sahara, wo die Maschine nach einem Angriff abstürzt. Doch schließlich können sich die drei retten und die Bande zur Strecke bringen. Absolut sehenswert, wie der fluchende Kapitän sein Gewehr am Lauf packt und übelste Beleidigungen ausstoßend auf räuberische Berber eindringt, die die beiden überfallen wollten. Seinem Heldenmut tut es ja keinen Abtrag, dass die Berber eigentlich vor einem heranrückenden Soldatentrupp geflüchtet sind. Sehr schön Haddocks Radiovortrag über den Alkohol als schlimmsten Feind des Seemanns - und sein Kollaps, als er versehentlich ein Glas Wasser trinkt.
Der geheimnisvolle Stern: Ein Abenteuer, das am Ende ziemlich abgedreht wirkt. Tim entdeckt bei einem abendliche Spaziergang einen achten Stern im Großen Wagen. Als er bei der Sternwarte nachfragt, erzählen ihm die Astronomen, dass ein Komet auf die Erde zurast, und kündigen den Weltuntergang für den nächsten Morgen an. Allerdings hat sich der betreffende Wissenschaftler wohl um ein paar Meter verrechnet, denn der Komet verfehlt die Erde dann doch. Trotzdem: Es gibt eine bahnbrechende Neuigkeit: Ein Stück des Kometen ist offenbar doch auf die Erde gestürzt und landete im Nordpolarmeer, wo er noch teilweise aus dem Wasser herausragt. Und eine Spektralanalyse ergibt, dass sich auf dem Kometenfragment ein bisher unbekanntes Metall befindet. Der Sternwartenchef ruft eine Expedition ins Leben, an der mehrere internationale Wissenschaftler teilnehmen, außerdem Tim als Berichterstatter und Kapitän Haddock als Kommandant des Forschungsschiffs Aurora. Da ein internationales Geldinstitut sich den Kometen ebenfalls unter den Nagel reißen will, beginnt ein Wettrennen zur Absturzstelle. Wobei das Unternehmen mit harten Bandagen und unsauberen Tricks kämpft. Unter anderem mit einem vorgetäuschten Seenotruf, der die Aurora wertvolle Zeit verlieren lässt. Oder, indem es im Hafen einfach das Auftanken der Aurora verhindert, da die dortige Ölfirma zum Konsortium gehört. Zuletzt entscheidet Tim das Rennen durch einen tollkühnen Stunt: Er lässt sich mit dem Wasserflugzeug der Aurora zum Kometenfragment fliegen, springt mit dem Fallschirm ab und pflanzt die Fahne der Forschungsexpedition auf, etwa 15 Sekunden, bevor das Boot der Konkurrenz anlandet. Was dann passiert, ist, wie gesagt, ziemlich abgedreht. Während Tim auf dem Kometen Wache hält und auf die Aurora wartet, schießen riesige Fliegenpilze aus der Erde. Aus einem weggeworfenem Appelgribsch wird ein riesiger Baum, von dem aus melonengroße Äpfel herunterstürzen, und eine versehentlich mitgebrachte Spinne entwickelt sich zum Riesenmonster. Liegt es möglicherweise an der haluzinogenen Wirkung der Pilze? Am Ende jedenfalls versinkt der Komet im Meer, und Tim kann gerade noch eine Probe des unbekannten Metalls retten.
Das Geheimnis der Einhorn: Eine meiner absoluten Lieblingsfolgen. Tim kauft auf dem Flohmarkt ein altes Schiffsmodell des Seglers "Einhorn", um es Kapitän Haddock zu schenken. Gerade als er es erworben hat, stürzen sich zwei Männer auf ihn und bieten Höchstpreise für das Schiff, vor allem einer von beiden ist sehr penetrant. Doch Tim lässt beide abblitzen. Wenig später stellt sich heraus, dass das Schiff tatsächlich eine Verbindung zu Haddock hat: Sein Vorfahr, der Ritter Haddoque war zur Zeit des Sonnenkönigs Kommandant des Originalschiffs, dem das Modell nachempfunden ist. Als Tims Modell gestohlen wird, beginnt eine fieberhafte Suche - nach nicht einem, sondern nach drei Einhorn-Modellen. Denn Kommandant Haddoque hatte seinerzeit für seine drei Söhne drei Hinweise auf einen versteckten Schatz hinterlassen, verborgen auf drei Zetteln in den jeweiligen Hauptmasten. Nur alle drei Zettel zusammen führen zum Versteck. Herrlich die Szenen, in denen Haddock mit Hut und Säbel seines Vorfahren die Geschichte nacherzählt, die er im Logbuch gelesen hat, und sich dabei mehrfach zwischen Geschichte und gegenwärtiger Realität verirrt. Sehr nett auch die Schul(t)zes mit ihren Strategien gegen Brieftaschenklau. Die Geschichte ist der erste Teil eines Doppelabenteuers und wird im nächsten Band fortgesetzt.

 

Band 5:
- Der Schatz Rackhams des Roten
- Die sieben Kristallkugeln
- Der Sonnentempel

Der Schatz Rackhams des Roten: Fortsetzung der Geschichte "Das Geheimnis der Einhorn". Tim und Kapitän Haddock machen sich auf die Suche nach der Insel, auf der Haddocks Ahnherr den Schatz des Piraten versteckt hat. Beziehungsweise vor der das gesunkene Piratenschiff liegt, das die Reichtümer womöglich noch an Bord hat. Mit dabei sind nicht nur die Schul(t)zes, die für den Schutz der Expedition verantwortlich sind und vom Kapitän zum Pumpen eingeteilt werden, sondern erstmals auch der geniale und stocktaube Professor Bienlein. Der Mann hat ein Mini-Uboot in Haifischform gebaut und aufgrund seiner Schwerhörigkeit fasst er alle Absagen von Tim und Haddock als Zusagen auf, man wird ihn einfach nicht mehr los. Die Figur ist etwas anstrengend, ich werde Bienlein nie so sehr ins Herz schließen wie Haddock, der auch in diesem Band wieder herrliche Gelegenheiten zu Fluchtiraden und Whisky-Eskapaden hat. Großartig die Szene, als er beim Tauchen einen echten Schatz findet, nämlich die Alkoholvorräte des Piraten Und noch schöner seine Begegnung mit den Inselpapageien, die die Flüche Hadoques über Genrationen hinweg behalten und weitergegeben haben und sich nun mit dem alten Seebären ein Schimpfgefecht liefern. Mit dem Erwerb des alten Guts am Schluss des Albums nimmt eine der interessantesten Wohngemeinschaften der Comicgeschichte ihren Anfang.
Die sieben Kristallkugeln: Erster Band eines Doppelabenteuers. Sieben Forscher entdecken eine Inka-Mumie und nehmen sie mit. Wenig später wird einer nach dem anderen Opfer eines Attentats und fällt in einen tiefen Schlaf, ausgelöst jedesmal durch eine zerbrochene Glaskugel, der eine geheimnisvolle Substanz entströmt. Tim, Kapitän Haddock und die Schul(t)zes versuchen zwar, die Anschläge zu vereiteln, sind aber jedesmal erfolglos. Als letzter ist der Professor noch wach, der die Mumie in seinem Besitz hat. Er ist ein Freund von Professor Bienlein, der Tim und Haddock mit ihm bekannt macht. Tim und seine Freunde erleben eine eindrucksvolle Gewitternacht, in der ein Kugelblitz durch den Kamin ins Wohnzimmer des Professors ins Wohnzimmer hineinfährt und die Mumie in Flammen aufgehen lässt. Es bleibt nur der Schmuck des toten Inkas zurück. Doch auch der wird kurz darauf gestohlen. Tim, Haddock und Bienlein erleben in der Nacht alle denselben Alptraum: Die Inka-Mumie steigt durchs Fenster herein und wirft eine große Glaskugel nach ihnen. In dieser Nacht wird im Zimmer des Professors eine der Gas-Glaskugeln zerbrochen, und er fällt als letzter der sieben Forscher in den Tiefschlaf. Kurz danach wird Bienlein entführt. Er hatte im Garten das Armband des Inka gefunden und sich selbst übergestreift. Die Entführer schaffen ihn auf ein Schiff. Die Spur führt nach Südamerika, Peru ...
Das Abenteuer bietet interessante Wiederbegegnungen mit der Opernsängerin Bianca Castafiore und dem Ex-Staatschef General Alcazar, der sich nach einer Revolution in seinem Land nun als Varieté-Messerwerfer durchschlägt. Vor allem die Traumszenen mit der Kugel werfenden Inka-Mumie und die Szene, in der der Kugelblitz durchs Wohnzimmer rollt, haben mir gut gefallen.
Der Sonnentempel: Tim und Kapitän Haddock wollen das Schiff, mit dem Professor Bienlein entführt wurde, in Callao empfangen. Doch die Entführer schaffen es, den Professor heimlich an Land zu bringen. Er soll als Strafe dafür, dass er sich ein Armband des Inka angeeignet hat, im Sonnentempel hingerichtet werden. Keiner der Indianer vor Ort will irgend etwas zum Verbleib Bienleins verraten, obwohl offenbar alle Bescheid wissen. Erst als Tim einen kleinen Jungen vor pöbelnden Weißen rettet und letztere verprügelt, hat er einen Freund gefunden. Der junge Zorrino führt sie zum Sonnentempel, eine Reise, die durch Urwald, Moor und Sümpfe, über höchste Berge und durch Eiswüsten führt. Durch einen unglücklichen Absturz macht Tim schließlich eine glückliche Entdeckung: Hinter einem Wasserfall beginnt ein Geheimgang zu einer Grabhöhle im Sonnentempel. Beim letzten Wanddurchbruch allerdings platzen die drei genau in eine Versammlung der Indianer und werden gefasst. Sie sollen auf einem Scheiterhaufen verbrannt werden, den der Oberpriester mit einer Lupe in Brand setzt. Da Tim aber so nett zu Zorrino gewesen ist, gewährt der Inkaherrscher ihm die Gnade, selbst Tag und Stunde der Hinrichtung wählen zu dürfen. Da trifft es sich gut, dass Tim in einem Zeitungsschnipsel, in den Haddocks Patronen eingewickelt waren, die Nachricht findet, dass es in 18 Tagen eine totale Sonnenfinsternis geben wird. Er wählt genau diesen Zeitpunkt, und als er, Haddock und der gleichfalls verurteilte Bienlein auf dem Scheiterhaufen stehen, bittet er den mächtigen Sonnengott in einer dramatischen Rede um ein Zeichen, dass er mit dieser Hinrichtung nicht einverstanden sei. Die Indianer sind von der Sonnenfinsternis natürlich schwer beeindruckt. Sie lassen nicht nur die Gefangenen frei, sondern entlassen auch die betäubten und im Schlaf schlimme Schmerzen leidenden sieben Gelehrten aus ihrer Folter. Happy End, alle dürfen heim. Hoffnungslos verlaufen haben sich allerdings die beiden Ermittler Schulze und Schultze, die auf ihrer Suche nach Tim und Bienlein zur Bienleinschen Pendelmethode gegriffen haben ...
Das Abenteuer ist spannend und hat optisch einiges zu bieten, sowohl an der beeindruckenden Landschaft Perus als auch an Inka-Kunst und Architektur. Sehr gut gefallen hat mir der running Gag mit den ewig spuckenden Lamas und dem mehrfach getroffenen Kapitän Haddock, der sich am Ende genial rächt und dem Tier eine Ladung Wasser ins Gesicht spuckt. Ansonsten gab es einige Wiederbegegnungen mit klassischen Western/Abenteuerklischees. Die Höhle hinter dem Wasserfall. Der Absturz Tims mit einem Kondor als Fallschirm hat mich doch sehr an den Jungen Adler aus "Winnetous Erben" erinnert. Die Sonnenfinsternis, mit der schon Columbus die Eingeborenen in der Neuen Welt beeindruckte. Wieso kennen eigentlich ausgerechnet die Sonnensöhne aus dem Inkareich das Datum der Sonnenfinsternis nicht? Zumindest die Maya waren berühmt für ihre astronomischen Kenntnisse, und das Abenteuer spielt in unserer modernen Zeit in einem auch recht modernen Staat. Jeder hört vor einer totalen Sonnenfinsternis schon Wochen vorher, dass es etwas zu beobachten gibt. Bienleins Entführer benutzen Ozeandampfer und Autos, sind in Europa und Amerika aktiv, und plötzlich, als sie sich in rituelle Gewänder werfen und in einem Tempel abhängen, haben sie das Weltbild eines ungebildeten Eingeborenen, der weniger weiß als die Angehörigen der altamerikanischen Hochkulturen? Ich glaub's nicht. Egal, war ein schönes Abenteuer.

 

Band 6:
- Im Reiche des schwarzen Goldes

Explodierende Autotanks rufen Tim und die Schul(t)zes auf den Plan. Dahinter stecken knallharte wirtschaftliche Interessen und der Versuch, einen Krieg ums Öl anzuzetteln. Tim und die beiden Ermittler schiffen sich auf einem Öltransporter ein und fahren in die Emirate, wo sie jedoch bei der Einreise verhaftet werden. In der Kajüte der Schulzes wird Kokain gefunden, bei Tim ein Dokument, das von Waffenlieferungen an eine Gruppe handelt, die den Emir stürzen will. Letztere entführt Tim aus den Händen der Polizei, da sie ihn für einen Verbündeten hält. Tim kann jedoch flüchten und erhält eine Audienz beim Emir, der über die Öl-Explosionen genau so besorgt ist wie Tim. Noch mehr macht ihm allerdings Sorgen, dass sein Sohn Abdallah verschwunden ist. Der Junge, der den gesamten Palast mit seinen Scherzartikeln malträtiert, ist entführt worden, wie sich herausstellt. Tim bietet seine Hilfe an und hat auch schon einen Verdacht: Denn kurz vor seiner Audienz hat er den aus der Geschichte über die schwarze Insel bekannten Doktor Müller, der sich nun Prof. Smith nennt, im Palast gesehen. Wenig später trifft er einen weiteren alten Bekannten: Der Händler Oliveira da Figueira aus "Die Zigarren des Pharaos" ist Lieferant bei Müller und schleust Tim in dessen Palast ein, wo Tim im Keller tatsächlich den entführten Abdallah entdeckt. Der hat inzwischen Müllers sämtliche Bande mit Niespulver traktiert. Aber auch Tim hat seine Probleme mit dem Früchtchen. Der Junge will einfach nicht mitkommen, ruiniert dadurch Tims Rettungsplan, wodurch Müller die Gelegenheit bekommt, mit Abdallah zu flüchten. Eine Verfolgungsjagd durch die Wüste schließt sich an, wobei Abdallah für beide Seiten einige unangenehme Wendungen herbeiführt. Schließlich verliebt er sich jedoch in den fluchenden Kapitän Haddock, der von dessen Anhänglichkeit jedoch gar nicht begeistert ist. Als Müller ein Röhrchen mit Tabletten verliert, die von den Detektiven als vermeintliches Aspirin eingenommen werden, schließt sich für die Schul(t)zes eine Frisurenkatastrophe an: Die Haare der beiden bekommen einen Riesen-Wachstumsschub, die Detektive verwandeln sich in Zottelmonster, die Rapunzel in den Schatten stellen können, und brauchen in kurzen Abständen mehrere neue Haarschnitte. Erst der geniale Professor Bienlein schafft es, Müllers Pillen zu analysieren und ein Gegenmittel zu entwickeln. Es wirkt sowohl gegen den Haarwuchs aus auch gegen die gleichfalls von den Pillen hervorgerufene Benzinveränderung, damit sind auch die Explosionen passé.
Schönes exotisches Abenteuer, bei dem mir besonders die Fata Morganas gefallen haben und das an Winni den Pu und Robinson Crusoe erinnernde Verfolgen der eigenen Spur in der Wüste, als die Schulzes eine immer breiter werdende, offenbar vielgenutzte Fahrstrecke entdecken. Auch die Scherzartikel Abdallahs - Knallzigarretten, Niespulver, Knallerbsen, Juckpulver, Tintenrevolver - sind nett. Auch wenn man lebhaft nachfühlen kann, wie sehr er die anderen nervt, und sogar mit Müller etwas Mitleid hat.

 

Maike Stein: Das magische Fundbüro

 

Edgar Allan Poe: Der Bericht des Arthur Gordon Pym
Jugendabenteuer, absoluter Klassiker, ich habe ihn in der sehr schönen und günstigen Anaconda-Ausgabe gelesen. Arthur Gordon Pym, der Ich-Ezähler, stammt von der Walfänger-Insel Nantucket und ist 16 Jahre alt, als die Lust auf das große Abenteuer überwältigt. Sein Freund August, Sohn des Kapitäns eines Walfängers, hilft ihm, sich im Schiff seines Vaters zu verstecken und als blinder Passagier mit auf große Fahrt zu gehen. Der Plan ist, dass Arthur sich dem Kapitän zu einem Zeitpunkt präsentiert, in dem es zu spät zur Rückkehr ist. Doch während der Junge noch im Versteck sitzt, bricht an Bord eine Meuterei aus. Die Jungen schaffen es, zusammen mit einem der Meuterer, der sich auf ihre Seite schlägt, das Schiff wieder in ihre Gewalt zu bringen. Doch das ist nur der Auftakt zu weiteren Abenteuern, darunter ein Schiffbruch und eine überraschende Rettung, gerade als die vier Überlebenden losen, wer als erster gefressen werden soll. Später geht es an Bord eines Robbenjägers weiter nach Süden. Auf einer antarktischen Insel fallen die Seeleute einem Eingeborenenstamm in die Hände, können nur mit Mühe und Not fliehen, finden schließlich in einer Grotte eine übermenschlich große humanoide Gestalt ... Was als ziemlich realistischer Abenteuerroman begann, entwickelt zum Schluss hin mehr und mehr phantastische Züge und bricht schließlich ab. Poes einziger großer Prosatext, der leider Fragment blieb. Schade, man hätte gern weiter gelesen.

 

Arne Semsrott: Machtübernahme
Ein Szenario, das gar nicht so utopisch/dystopisch ist: Was, wenn die Nazis in Deutschland die Macht übernehmen? Arne Semsrott zeigt, was jeder an seinem Platz tun kann, um die neuen Machthaber auszubremsen. Das ist sicher hilfreich. Aber es ist blutwenig. Er erklärt, wie Beamte "remonstrieren" können, also gesetzwidrige Aufgaben ablehnen. Er erklärt, wie Bummelstreiks funktionieren und wie man einen Prozess durch das Befolgen jeder aber auch jeder kleinen Vorschrift verlangsamen oder sogar aussetzen kann. Vonseiten der Gewerkschaften wäre auch ein Generalstreik drin. Aber im Ernstfall? Welcher Beamte wagt schon aufzubegehren? Schon in unserer Demokratie sind solche Leute gewöhnlich nicht gerade ein Vorbild an Mut und Entscheidungskraft. Sonst hätten sie wohl auch kaum eine Karriere in der Verwaltung angestrebt. Und dass Polizisten etwas gegen "rechts" haben, kommt auch eher selten vor. (Sorry, ich pflege meine Vorurteile.) Erst recht wird sich kaum ein Beamter querstellen, wenn ihm eine faschistische Obrigkeit Befehle erteilt und er beim Nicht-Gehorchen Gefahr läuft, den Kopf zu verlieren. Wenn es erst zu spät ist, wird es auch keine Gewerkschaft mehr geben, die zum Generalstreik aufrufen kann. Und was hat das Buch für mich als Lokaljournalistin an Ideen zu bieten? Wenn Semsrott von Journalismus schreibt, hat er ausschließlich die "großen" Journalisten der "großen" Medien im Blick, die über die "große" Politik schreiben. Für mich gibt es nur einen einzigen Satz, nämlich den, dass dem Lokaljournalismus eine besondere Bedeutung zukommt. Ja, und was mache ich nun damit? Zähne zusammenbeißen und anständig bleiben, wie bisher, auch ohne Tipps von Herrn Semsrott. Trotzdem, insgesamt ein wichtiges Buch. Selbst, wenn man danach nur die Mechanismen etwas besser versteht und die Nazis noch mehr im Auge hat.

 

Edith Nesbit: Mannsgroß in Marmor

 

Waldemar Bonsels: Die Biene Maja und ihre Abenteuer (Hamburger Leseheft)
Die Biene Maja kennt vermutlich jeder durch die Zeichentrickserie, und jeder kann das Titellied mit den tschechischen Kehllauten Karel Gotts mitsingen. Aber wer hat sich schon einmal den Original-Roman von Waldemar Bonsels zu Gemüte geführt? Ich habe das Hamburger Leseheft auf der Leipziger Buchmesse entdeckt und musste einfach zugreifen. Die erschütternde Nachricht ... Haltet euch fest ... Es gibt keinen Willi. Ernsthaft. Die Figur kommt bei Bonsels nicht vor. Ich bin echt total vor den Kopf gestoßen. Ansonsten ist es eine nette, liebenswerte Geschichte einer jungen Honigbiene, die keine Lust auf die Arbeitsdisziplin und das tägliche Einerlei der Großen hat. Sie haut aus dem Stock ab, begegnet unbekannten Tieren wie einem Grashüpfer und einer Spinne, gerät schließlich als Gefangene in ein Hornissennest, wo sie einen heimtückischen Angriffsplan der Hornissen auf das Bienenvolk ausspionieren kann. Maja schafft es zu flüchten, die erreicht den heimischen Stock, warnt die Königin, und durch eine schnell ausgeklügelte Abwehrstrategie können die fiesen Angreifer geschlagen und vertrieben werden. Maja ist die absolute Heldin ihres Volkes und wird entsprechend gefeiert. Das Ganze ist etwas altertümlich formuliert, aber die Geschichte ist nicht schlecht. Nur, dass unser aller Liebling Willi fehlt, das hat mich schon sehr getroffen.

 

Hans-Martin Gutmann: Iwans Entsetzen

 

 

Hörspiel

 

Kira Kolumna 16: Mutterseelenallein
Im Mittelpunkt dieser Folge steht Jakob, ein Klassenkamerad von Kira, Lars und Nele. Jakob, der sonst immer ein guter Schüler war, schmiert plötzlich völlig ab, erscheint zu spät zum Unterricht, ist unvorbereitet, macht keine Hausaufgaben mehr und setzt sogar Klassenarbeiten in seinem Lieblingsfach in den Sand. Als Kira und ihre Freunde zusammen mit Jakob für ein Projekt eingeteilt werden, versucht Kira, an den verschlossenen Mitschüler heranzukommen. Doch der blockt ab. Erst als sein kleiner Bruder verschwindet und sich die Ereignisse überstürzen, klärt sich die Situation: Die Mutter der beiden ist nach einem schweren Verkehrsunfall im Krankenhaus gelandet und musste danach zur Reha. Auf den schmalen Schultern Jakobs lastet die Verantwortung für den Haushalt und den kleinen Bruder. Ein Plan, der nicht aufgehen kann ... Sehr schöne, emotionale Folge, die sich mit dem Thema "Kinder, die Care-Arbeit leisten müssen", befasst. Für Jakob gibt es dank Kiras Vater ein Happy End, ohne dass das Jugendamt Hand an die Familie legt, was Jakobs größte Angst war. Schließlich kehrt die Mutter geheilt zurück.

 

Bibi Blocksberg 139: Chaos am Flughafen
Bibi Blocksberg trifft Kira Kolumna. Geht das? Kira, die faktenzentrierte Reporterin, die nichts mit Aberglauben und Geisterbeschwörungen am Hut hat, und Bibi, die kleine Hexe? Es geht, da sich die beiden in der Bibi-Blocksberg-Realität begegnen. In einer Folge innerhalb der Kira-Serie wäre es vielleicht unpassend gewesen.
Kira und Bibi begegnen sich am Flughafen (Frankfurt?). Kira muss nach Madrid umsteigen (die Geschichte spielt wohl vor dem Start der Kira-Serie), Bibi will sich hier mit ihrer Freundin Karla Kolumna treffen, um zusammen in den Urlaub zu fliegen. Karla und Bibi wollten eigentlich zusammen in Neustadt starten, doch Karla wurde aufgehalten durch eine sen-sa-ti-o-nel-le Story. Dem Bürgermeister wurden mehrere exotische, schweineteure Frösche aus seinem Terrarium geklaut. Nun will Karla mit einem späteren Flieger nachkommen und Bibi am Umsteigeflughafen treffen. Diese trifft aber zunächst nur Karlas "Nichte um drei Ecken herum". Bibi und Kira kommen ins Gespräch und sind einander sofort sympathisch. Dabei zeigt sich die welterfahrene Kira als Kennerin des Flugplatzbetriebs und weiß sofort, was zu tun ist, als Bibis Koffer verschwindet. Die Reporterin wundert sich kein bisschen darüber, eine echte Hexe zu treffen, die beiden finden sich gegenseitig sehr spannend und starten ein Doppel-Interview für Kiras Blog, wobei sie sich abwechselnd Fragen stellen. Doch dann ertönt ein seltsamer Gesang: Die geklauten Frösche tauchen am Flugplatz auf. Sie sind dem Dieb, der sie wohl ins Ausland schmuggeln wollte, entkommen. Bibi und Kira gehen auf Frosch- und Verbrecherjagd.
Ein für Bibis Verhältnisse sehr reifes Abenteuer, für Kiras Welt eine sehr abgedrehte Geschichte. Auf jeden Fall eine nette Begegnung.

 

Kira Kolumna 19: Gerüchteküche
Der neue Referendar, Arne Hauser, hat ganz klar "Crush-Potenzial", finden Kira und ihre Mitschüler. Klar, Kiras Herz ist bereits durch Rapha besetzt. Aber begeistern kann er auch sie: Als er erfährt, dass es in der Schule zwar eine Reporterin gibt, aber keine Schülerzeitung (die alte Crew hat gerade ihren Abschluss gemacht, und die Redaktion ist verwaist), spitzt er sie an, die Sache zu übernehmen. Es gibt noch eine weitere an Journalismus interessierte Mitschülerin: Vicky, die sich allerdings eher als Klatsch- und Sensationsreporterin begreift. Welten prallen aufeinander, als Gossip-Girl Vicky und die seriöse Reporterin Kira aufeinandertreffen. Es kracht mächtig, als Vicky in einem gemeinsam geführten Interview mit Arne Hauser eine Aussage "zuspitzt". Völlig aus dem Ruder läuft die Kommentarfunktion, die Lars für die Schülerzeitungsseite freigeschaltet hat. Zensur im Forum? Sachen stehen lassen, die so einfach nicht gehen? Und dann taucht ein Foto auf, das Kira und Herrn Hauser in einer scheinbar verfänglichen Situation zeigt. Gerede und Gerüchte, Hetze und Häme folgen Kira durch die Schule. Die Reporterin fühlt sich bloßgestellt, gedemütigt, völlig am Boden. Noch nie war Kira in derart zerstört und verzweifelt. Aber in dieser Situation raufen Vicky und Kira sich zusammen. Getreu dem Grundatz: Never fake News. Sie nehmen die Spur des Übeltäters auf und bringen ihn zur Strecke. Schönes Stück über journalistische Ethik und Grundsatzfragen sowie über Diskussionen in Social Media. Probleme, die junge und alte Medienmacher gleichermaßen betreffen. Sehr gut.

 

Weiterer Jahresrückblick
2025, 2. Teil: April bis Juni
2025, 3. Teil: Juli bis Oktober
2025, 4. Teil: November
2025, 5. Teil: Dezember

 

© Petra Hartmann




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Jahresrückblick 2024: Teil fünf - Dezember 2024

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 01 Januar 2025 · 1.208 Aufrufe
Jahresrückblick

Und hier der Abschluss meines Literatur-Jahresrückblicks. Der Dezember bescherte mir mein persönliches Buch des Jahres, außerdem findet ihr auf meiner Lese-Liste etwas Phantastik, Comics, einen Roman einer Autorin aus Hahnenklee, die eigentlich ein Mann ist, zweimal Heinrich Heine, etwas Römisches, etwas aus der germanischen Mythologie, einen Band mit Vorträgen über nordamerikanische Indianersprachen, grönländische Sagen und einen Kinderbuch-Klassiker. Viel Spaß damit!

 

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

 

 

Dezember

 

Knud Rasmussen: Mythen und Sagen aus Grönland
Schöne, günstige Ausgabe aus dem Anaconda-Verlag mit Zeichnungen von Kârale. Das Original erschien im Jahr 1921 auf Dänisch. Rasmussen hat zahlreiche Mythen und Sagen der Grönländer gesammelt. Man erfährt etwas über die Hilfsgeister der Schamanen und darüber, wie sich letztere auf Zauberreisen begeben. Ein Ziel ist das Jenseits, wobei es zwei mögliche Orte gibt, an denen Verstorbene weiterleben: Den Himmel und das Meer. Es gibt aber auch epische Texte über Reisen in fremde Länder und Begegnungen mit fremden Völkern, den nordamerikanischen Indianern oder phantastischen Wesen, Riesen, Zwergen und Monstern. Man findet Geschichten über Blutrache, über arme Waisen, die Unterstützung durch magische Wesen finden, über besonders erfolgreiche Jäger, kluge Tiere, Bedrohungen durch Naturgewalten und Raubtiere, und trotz der harten Lebensbedingungen in der Arktis findet man auch viel Humor, Spottlieder und lustige Anekdoten. Eine Fundgrube zum immer wieder Hineinschauen.

 

Alexandra Bauer: Die Midgard-Saga - Jötunheim
Der zweite Teil der Midgard-Saga. Thea, die in einem früheren Leben das magische Schwert Kyndill gedschmiedet hat, wird erneut von den Göttern um Hilfe gebeten. Diesmal ist es etwas "offizieller", da Wal-Freya Theas Mutter klipp und klar erklärt, ihre Tochter werde in Asgard gebraucht, und sie werde sie jetzt mitnehmen. Die Mutter hat zwar viel dagegen, aber einer Göttin widersetzen kann sie sich nicht. Außerdem ist diesmal Theas Freund Tom mit der Partie, der ganz begeistert ist, die germanische Götterwelt kennen zu lernen. Und Thor holt eigens seine Seelenverwandte Juli aus dem Urlaub ab. Die Aufgabe, bei der die Jugendlichen den Göttern helfen müssen, ist alles andere als einfach: Der Fenriswolf ist verschwunden. Jener Wolf, der einer Prophezeiung zufolge einst Odin verschlingen wird. Der Verdacht liegt nahe, das Fenrirs Vater Loki bei der Flucht die Hand mit im Spiel hatte. Loki, den Thea noch immer nicht für den durch und durch Bösen halten kann, als den ihn alle darstellen. Im Eisenwald, wo die Mutter des Wolfs haust, finden sie eine Verbündete, die eigentlich in eine andere Mythologie hineingehört: Die Baba Jaga in ihren drei Gestalten und mit ihrem wandernden hühnerbeinigen Haus unterstützt sie. Und Hilfe haben die Helden sehr nötig. Denn beim Angriff der Monster des Eisenwaldes taucht auch Loki auf ...
Spannende und humorvolle Abneteuer in einer eigenwilligen mythologischen Welt. Hat mir gefallen.

 

Fabienne Siegmund: Die Papierprinzessin

 

Natasha Pulley: Der Leuchtturm an der Schwelle der Zeit
Mein absoluter Lese-Höhepunkt des Jahres 2024. Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der im Jahr 1898 aus einem Zug aussteigt und plötzlich sein Gedächtnis verloren hat. Er erinnert sich lediglich an seinen Namen - Joe Tournier - und den Namen einer Frau, von der er glaubt, es könne seine Frau sein: Madeline ... Und er wundert sich, warum überall in London Französisch gesprochen wird und die Bahnhöfe französische Namen tragen. Jahrelang lebt er daraufhin mit einer ihm fremden Frau zusammen, von der man ihm sagt, er sei mit ihr verheiratet, ist zunächst Leibeigener, später Ingenieur. Dann eines Tages, erreicht ihn eine Postkarte, die 90 Jahre alt ist, eine Einladung zu einem Leuchtturm auf den Äußeren Hebriden, unterzeichnet von "M." - M. wie Madeline?
Was Joe zu diesem Zeitpunkt nicht ahnt: Nahe dem Leuchtturm gibt es eine Art Passage durch die Zeit. Ein Schiff, das zwischen zwei Säulen hindurchfährt, wird zurückversetzt in die Zeit, der napoleonischen Kriege, als die Franzosen und ihre Verbündeten die Welt erobern wollten und sich mit der britischen Marine heftige Seeschlachten lieferten.
Der Roman ist alles andere als ein klassischer Zeitreiseroman oder eine Alternativhistorie. Die Autorin versteht es auf geradezu geniale Weise, ihre Leser in eine Welt hineinzuziehen, die unserer sehr ähnlich ist, aber um einige Details abweicht - die nach und nach immer größere Wirkung zeigen.

Besonders zwei Dinge haben mich grenzenlos begeistert. Da ist zum einen die Art, wie die Franzosen reagieren, als ihnen zwei Jahre vor Napoleons vernichtender Niederlage im Nebel ein modernes Dampfschiff vor die Kanonen gerät: Sie schaffen es, das Schiff und die Besatzung festzusetzen, und begreifen, dass sie Gefangene aus der Zukunft haben. Sechs Ingenieure und die namentlich schon bekannte Madeline werden unblutig aber sehr effektiv über die Zukunft verhört. Wer die besten Informationen über den künftigen Gang der Geschichte zu bieten hat, bekommt etwas Ordentliches zu essen ... Aber wie dieser französische Verhör-Experte schließlich nur durch die Analyse eines Plans des künftigen Londoner Eisenbahnnetzes den gesamten Kriegsverlauf voraussehen und umdrehen kann, das ist so unfassbar genial, dass ich immer noch begeistert bin. Eigentlich fragt er nur ganz harmlos nach Bahnhofsnamen, die er nicht versteht. Waterloo? Wieso benennt man in London einen Bahnhof nach einem niederländischen Kuhkaff (heute: belgisch)? Madeline erinnert sich vage, dass das wohl der Name einer Schlacht gewesen sei. Nun, man benennt keine Bahnhöfe nach Schlachten, die man verloren hat. Und dann beißt sich der Franzose an dem Namen "Trafalgar Square" fest. Er kennt das Seegebiet. Wer dort siegt, dem steht Cadiz offen, und ganz Spanien fällt ihm zu, und und und ... Fortan haben die Franzosen nur noch ein Ziel: Sie setzten alles daran, sich auf die in zwei Jahren stattfindende Schlacht vorzubereiten und die Engländer in eine Falle zu locken ...
Das zweite, was mich an diesem Buch grenzenlos begeistert, ist die Persönlichkeit des Kapitäns, mit dem Joe auf der Suche nach seinem Gedächtnis die Schwelle der Zeit überschreitet und schließlich um das verlorene Britannien kämpft. Dieser Missouri Kite ist ein Kerl mit extrem rauer Schale und irgendwo einem weichen Kern, ein Mensch voller Ecken, Kanten und Wahnsinn, superfürsorglich gegenüber seiner Crew und trotzdem hart genug, mal eben einen ihm recht nahestehenden Seemann zu erschießen, der ein Geheimnis ausplaudern will, ruppig und lyrisch, zynisch und sarkastisch, pragmatisch und doch voller Ideale, ein Mann, der eine harte Kindheit hinter sich hat und doch Kind geblieben ist. Kurz und gut: Wer sagt, die Autorin habe hier einen Charakter "erschaffen" oder "gebaut", der versündigt sich. Dieser Missouri Kite ist verdammt lebendig, auf eine Art, wie sie sich niemals am Reißbrett zusammenfrankensteinern lässt. Ich gäbe etwas drum, mit diesem Kapitän in die Schlacht segeln zu dürfen. Auch wenn ich die Sache wohl nicht lange überleben würde.
Lest. Dieses. Buch.

 

The Athabaskan Languages. Perspektiven on a native Amerikan Language Family. Ed. by Theodore B. Fernández and Paul R. Platero
Vorträge, gehalten auf einer Tagung am Swarthmore-College in Pennsylvania im Jahr 1996. Ein Großteil der Beiträge bezieht sich auf die Navaho-Sprache, es gibt aber auch Vorträge über das Koyukon, über Eyak, Tlingit und Haida und diverse Apache-Sprachen. Themen sind unter anderem Satzbau, diverse grammatische Strukturen, Formulierung von Negativ-Aussagen, Irrealis usw. Außerdem geht es um die Möglichkeiten, das Navaho als Unterrichtssprache zu verwenden. Interessante mit vielen Beispielen, sprachlich ziemlich knifflig.

 

Agga Kastell: Mission Merlacorna. Eine Herbstlande-Novelle

 

Erich Kästner: Das fliegende Klassenzimmer
Zufällig auf Helgoland im James-Krüss-Buchladen entdeck. Den Film kann ich komplett mitsprechen, aber das Buch ist mir bisher entgangen. Der Film ist recht nahe am Buch geblieben. Nur dass Johnnys Adoptiv-Vater im Buch noch ein Schiffskapitän ist, im Film wurde daraus ein Pilot. Und der Traum vom "fliegenden Klassenzimmer" wird im Buch nicht erfüllt. Martins Eltern wohnen auch nicht in Mombasa, sondern in Deutschland, und das Geld reicht nicht einmal für eine Zugfahrkarte. Zum Glück hilft hier der Justus aus. (Ach ja, wenn ich von DEM Film spreche, meine ich natürlich die Verfilmung als dem Jahr 1973. Für mich wird der Justus immer wie Blacky Fuchsberger aussehen und der Nichtraucher wie Heinz Reincke.) Bisher völlig unbekannt war mir Kästners Rahmenhandlung, in der er erzählt, wie seine Mutter ihn im Hochsommer nachdrücklich daran erinnert, dass er endlich anfangen soll, seine Weihnachtsgeschichte zu schreiben, und wie er sich dann in die Berge zurückzog und eine Begenung mit Johnny hatte ... Erinnert mich ein bisschen an die Einleitung zu "Emil und die Detektive", in der es auch erst um ein Südseemädchen namens Petersilie und ein scharfgeladenes Taschenmesse ging - und um die Frage, wieviele Beine ein Walfisch hat, bevor dann Emil Tischbein auf der Bühne erschien. Insgesamt ist das Buch immer noch lesenswert und "gut gealtert". Ich habe bloß ein bisschen Sorge, dass heutige Kinder mit der Sprache und dem Setting Probleme haben werden, und wahrscheinlich ist es für sie auch einfach nicht mehr schnell und poppig genug. Würde mir sehr leid tun um die Jugend von heute ...

 

Heinrich Heine: Atta Troll. Ein Sommernachtstraum (Reclam)
Uraltes Reclamheft, das mich seit 1987 begleitet. Entsprechend zerfleddert. Ich hatte das Epos damals auswendig gelernt, als ich mit dem "Wintermärchen" durch war. Im Urlaub habe ich jetzt die Gelegenheit genutzt, es noch einmal zu rekapitulieren. Da hatten sich doch inzwischen eine Menge Ungenauigkeiten eingeschlichen ... Das Reclamheft bietet die Geschichte vom ausgebrochenen Tanzbären und der anschließenden Bärenjagd in der Version der von Heine herausgebrachten Buchausgabe von 1847, im Anhang finden sich aber auch die nicht ins Buch aufgenommenen Verse aus der Zeitschriftenfassung aus der Zeitung für die elegante Welt von 1841 sowie von Heine verworfene, ungedruckte Verse. Gut kommentiert und mit vielen Materialien zum Hintergrund versehen, zum Beispiel den Karikaturen Grandvilles und Freiligraths "Mohrenkönig". Die Reden des Bären und die Spukgeschichten in Urakas Hexenhaus sind immer noch herrlich. Aer ich glaube, ich bin etwas langsamer geworden beim Deklamieren. In meiner Jugend hatte ich immer rund eine Stunde und 40 Minuten gebraucht, um das Ganze Epos aufzusagen, jetzt sind es locker 15 bis 20 Minuten mehr. Ich werde alt.

 

Tino Falke: Ein Lied für die Sommerlande. Eine Herbstlande-Novelle

 

Werner Suerbaum: Vergils „Aeneis“ (Reclam)
Umfangreiche Vorstellung des großen römischen Epos. Bietet betrachtungen darüber, wie Vergil sich seinen Leser "erschafft" und das vorliegende Material zu einem Nationalepos schmiedet. Interessante Personenanalysen und Infos zur Funktion der Götter sowie Klärung der Frage, was die Troer alles aufgeben müssen. Sie verlieren nämlich nichts weniger als sich selbst, ihren Namen, ihre Kultur und gehen vollständig im römischen Volk auf, als sie endlich Turnus besiegten. Was bei mir besonders hängen geblieben ist, war die ausgesprochen wortkarge Zusammenfassung eines englischen Lehrers, der die zwölf Gesänge auf folgende Überschriften/Inhaltsangaben komprimierte:
Squall, Fall, Coasts, / Dames, Games, Ghosts,
Home, Rome, Spies, / War, More, Dies."
Es gibt ausführliche Inhaltsangaben, und mit diesen zwölf Stichwörter hat man ziemlich genau die einzelnen Gesänge präsent. Was mir bisher nicht so klar war: Im Prinzip kommen fast alle Zitate und Situationen, die man aus der Aeneis parat hat, aus dem zweiten Gesang, allenfalls noch das Schicksal der Dido aus dem vierten Gesang kann man noch nennen. Also, wenn ihr mit dem spröden Stil der gängigen deutschen Übersetzungen nicht klarkommt und etwas "abkürzen" wollt, konzentriert euch auf diese beiden Gesänge. (Ich selbst habe als Jugendlicher im Alter von vielleicht 15 Jahren die Aeneis in der deutschen Übersetzung gelesen undf fand den Stil einfach ungenießbar. Erst als ich dann in der 13. im Lateinunterricht in den lateinischen Text hineinschaute, stellte ich fest, dass ich Vergil bitter unrecht getan hatte. Der Mann hatte einen ausgezeichneten Stil - nur vieles davon lässt sich im Deutschen einfach nicht nachmachen.)

 

Bessy 20: Die Hungersnot
Eine geheimnisvolle Krankheit tötet die Karibus hoch im Norden, den Eskimos droht eine Hungersnot. Andy und Bessy begleiten eine Expedition zweier Wisenschaftler, die die Ursache der Seuche herausfinden wollen. Schließlich stellt sich heraus, dass ein böser Schamane die Tiere vergiftet. Er will den Platz des Häuptlings einnehmen, und im Kampf um die Macht in seinem Stamm ist ihm jedes Mittel und jeder faule Zauber recht.

 

Fabia Waldner: Das Magnolienhaus I - Der Traum von morgen (e)
Der Autor heißt mit bürgerlichem Namen Michael Schulz (das Pseudonym ist offen) und lebt in Hahnenklee bei Goslar. Daher habe ich ihn in der Goslarschen Zeitung vorgestellt und das neue Buch besprochen. ("Buch" stimmt allerdings in diesem Fall nicht ganz. Es gibt nur ein E-Book und ein Hörbuch, aber keine Printausgabe.) Meine Meinung dazu:
„Der Traum von Morgen“, Teil eins der Trilogie „Das Magnolienhaus“, erzählt die Geschichte einer rheinländischen Familie über mehrere Generationen hinweg. Die Hauptfigur ist die junge Caroline Eimermacher, Tochter eines Botanik-Professors und Enkelin eines Bauunternehmers, die an einen Mann, den sie nicht liebt, verschachert werden soll. Die arrangierte Ehe dient vor allem der Karriere des Herrn Professors: Der scheidende Dekan der Universität will Caro als Gemahlin für seinen Sohn haben und würde im Gegenzug dem Brautvater den Dekansposten zuschustern. Kein ungewöhnlicher Vorfall im Deutschland der Kaiserzeit. Aber für Caro eine Katastrophe, und sie versucht, den Dekanssohn loszuwerden.
Die Geschichte beginnt im Jahr 1912 in Bonn. Ein Prolog zeigt Caro im Jahr 1974 bei einer Fahrt auf dem Rhein mit dem Dampfer „Goethe“. Eine Begegnung mit einem jungen Studenten, der gern ein Buch über die Kaiserzeit schreiben möchte, ist Anlass für die ältere Dame, auf ihr Leben zurückzublicken.
Wir erleben eine junge rebellische Frau, die den Werber mit einem extrem freizügigen Kleid schockieren und abschrecken will, und einen ausgesprochen „coolen“ Dekanssohn, der seiner Angebeteten seine unverhohlene Bewunderung für ihren extravaganten Modegeschmack ausspricht. Und schon im Religionsunterricht hatte sie empört ausgerufen: „Frauen sind dem Manne nicht untertan. Das ist ungerecht!“ (Wobei sie wohl kaum meinte, dass es ungerecht sei, dass die Frauen dem Manne „nicht“ untertan sind.)
Fabia Waldner schildert die mehr oder weniger glücklichen „Vernunftehen“ von Caros Mutter und Großmutter sowie guter Freundinnen wie der reichen Erbin Vita oder der jungen Luise, mit der Caro erste sexuelle Erfahrungen macht. Auch Caros Mutter war schließlich auf ähnliche Art „an den Mann gebracht worden“, als sie ihre verarmte Adelsfamilie durch eine Heirat mit dem Sohn eines Bauunternehmers finanziell sanierte.
Fabia Waldner schildert interessant gestaltete Charaktere und erschafft ein rheinländisches Familienpanorama, dem die große Liebe des Verfassers zu Thomas Manns „Buddenbrooks“ anzumerken ist. Die Charaktere und ihre Beziehungen sind durchaus glaubwürdig geschildert, und auch das Bonner Lokalkolorit kommt sehr authentisch rüber.
Ausgesprochen unschön allerdings ist die Art, wie der Autor den eigenen Erzählfluss immer wieder abschneidet und die Handlung später durch zähe Plusquamperfekt-Referate nachliefert.
Familienpatriarch Heinrich, genannt „Kabänes“, zieht sich mit seinem Sohn, Professor Johannes, zum Vier-Augen-Gespräch über den neu aufgetauchten Familienangehörigen aus Riga zurück. Schnitt. Szenenwechsel. Erst mehrere Seiten später lässt Johannes das Gespräch in Gedanken „Revue passieren“, und erst jetzt erfährt der Leser, was Kabänes erzählt hat. Und erst sehr viel später, abends im Ehebett, als Heinrich wieder an die Geschichte seines folgenschweren Seitensprungs zurückdenkt, will er ihn nun auch endlich seiner Frau beichten. „Betti, wir müssen reden“, sagt er. Und - zack! – bricht das Kapitel ab, und der Leser hört ihn wieder nicht reden.
Ähnlich gewunden und verdrechselt gesteht Sohn Johannes seiner Frau Mathilde einen unehelichen Sohn. Immer wieder verschwinden Gespräche über entscheidende Dinge hinter dem Szenenvorhang und werden dem Leser später in Rückblenden und Inhaltsangaben nachträglich serviert. Live-Dialoge hätten den Roman sicher frischer, lebendiger und spannender gemacht.
Sehr flüssig und gut lesbar sind auf jeden Fall der Satzbau und die Sprachmelodie des Autors. Auch die Darstellung der vergangenen Epoche und die Situation der damaligen Frauen und besonders das rheinische Flair geht dem Autor leicht von der Hand und wird sicher viele Freunde und vor allem viele Freundinnen finden.
Fazit: Ein weit ausgearbeitetes Generationengemälde mit interessanten Heldinnen und glaubwürdigen Familiendramen. Vielversprechender Auftakt einer weitgespannten Saga.

 

Yoko Tsuno Sammelband 10: Die Schwingen des Verderbens
- Der Tempel der Unsterblichen
- Engel und Falken
- Saturns Zwillinge
Der letzte Sammelband enthält drei Alben, aber vier Abenteuer, denn "Engel und Falken" zerfällt in zwei Teile, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Band eins und drei sind vineanische Abenteuer, Band zwei handelt zunächst von einer Zeitreise ins Jahr 1935, und anschließend sollen Yoko und ihre Freunde im Auftrag des britischen Geheimdienstes eine ägyptische Mumie nach Hause bringen.
Der Gesamttitel "Schwingen des Verderbens" scheint sich darauf zu beziehen, dass es zumeist ums Fliegen geht. In Teil eins um Flugexpeditionen unter der Erde und ein Wiedersehen mit dem kleinen Drachen Balbok und der größeren Ausgabe Goliath, im zweiten Band spielt ein steinerner Engel eine Rolle, später ein Falke und mehrere Drohnen, in Teil drei geht es um einen Flug zum Jupiter, auf dem Yoko und ihre KI Akina gleichfalls mit einigen Flugkunststücken auf warten. Mir hat am besten aber Emilys Manöver im zweiten Band gefallen, als sie eine junge Dame, die sich viel auf ihre Flugkünste einbildet, dazu bringt, ihren Mageninhalt ins Freie zu bringen. Überhaupt war der mittlere Band in dieser Sammlung mein liebster, auch wenn er ziemlich ungelenk gebaut wurde und in zwei unverbundene Teile zerfällt. Der Versuch, zwei bei einem Zugunglück getötete Kinder zu retten, ist rührend. Erinnert ein wenig an den ersten Band mit den deutschen Abenteuern. Bei einer Jahreszahl wie 1935 zucke ich ja immer zusammen. Aber in Schottland war damals die Welt ja noch (fast) in Ordnung. Interessant war auch das Zusammentreffen mit der alten keltischen Zivilisation unter der Erde. Ein insgesamt schöner Abschlussband, reich ausgestattet und optisch ansprechend. Hat mir gefallen.

 

Hans-Dieter Steinmetz: 365 Tage Karl May
Ein Begleiter durch das Jahr, in dem man für jeden Tag des Jahres einige Ereignisse aus karl Mays Leben lesen kann. Darin finden sich Hinweise auf Geburt und Tod von Familienangehörigen, seine kurze Lehrerkarriere und wie sie endete, seine Hochstapeleien und Bedtrugsversuche, litearische Erfolge, Auszüge aus der Korrespondenz, Gerichtsprozesse und die Karl-May-Hatz, Reisen, Vorträge, Erkrankungen, einfach alles, was in seinem Leben irgendwie dokumentiert und mit Datum festgehalten wurde. Dazu gibt es für jede Woche einen dopppelseitigen Essay zu unterschiedlichen Themen. Ein sehr interessantes Buch, das ich jeden Morgen zum Start in den Tag aufgeschlagen habe. Allerdings: Eine Behauptung des Autors stimmt nicht. Der Titel enthält eine Falschaussage: Das Buch enthält nämlich in Wirklichkeit nicht Einträge für 365 Tage, sondern für 366 Tage. Ich war also für das Schaltjahr 2024 bestens ausgestattet.

 

Bessy 28: Die versteckte Beute
Ein reisender Händler kommt auf die Ranch, will seine Waren anbieten und zeigt ein paar beeindruckende Zaubertricks. Doch der Mann ist nicht nur ein netter Kerl, sondern er hat ein Geheimnis: Er will die Beute, die sein Bruder bei einem Banküberfall gemacht hat, finden und den Behörden übergeben. Ein paar schwer interpretierbare Verse seines Bruders sollen ihm den Weg zum Versteck weisen. Die Sache wird nicht ganz ungefährlich, denn eine Banditenbande heftet sich an seine Fersen und will die Beute gleichfalls haben. Andy und Bessy helfen ihm. Unterwegs erhalten sie Unterstützung von Pueblo-Indianern. Andy lernt einiges über ihre Kultur. Und Bessy hat ein paar liebenswürdige Begegnungen mit anderen Tieren.

 

 

Hörbuch/Hörspiel

 

James Krüss: Die Fabelinsel
Geschichte einiger Schiffbrüchiger, die sich auf eine Insel gerettet haben. Um die Zeit bis zu ihrer Rettung zu überbrücken, erzählen sie sich Fabeln. Eine Schiffbrüchige erzählt von einer Taube, die Gefajr läuft, von einem Adler gepackt und gefressen zu werden. Ähnlich wie Scheherazade in den Märchen aus 1001 Nacht hält sie ihn mit iher Erzählkunst so lange hin, bis der Fluchtweg hinter ihr frei ist. Ein anderer trägt gereimte Äsop-Fabeln vor. Das Herzstück aber ist der große "Sängerkrieg der Heidehasen", in der es um die Hand der Prinzessin geht. Der begabte junge Hase Lodengrün scheint die besten Gewinnchancen zu haben, und ihn würde die Prinzessin auch gern zum Mann haben. Aber da sist noch der alte fette Magister Wackelohr, der etwas vom Dichten und Singen versteht. Der Gesangsminister gibt ihm zu verstehen, dass er ihm durchaus den Sieg verschaffen und Lodengrün disqualifizieren könne, gegen eine entsprechend hohe Bestechungssumme, versteht sich. Die beiden Finsterlinge schmieden eine Intrige, um den talentierten Lodengrün auszuschalten. Aber Lodengrün hat Glück, gute Freunde und Talent ... Ein herrlicher Spaß, und insgesamt eine schöne Sammlung und sehr angenehm vorgetragen von Friedhelm Ptok. Da möchte man glatt auch schiffbrüchig werden.

 

 

Heinrich Heine: Der fliegende Holländer (Gruselkabinett, Folge 22)
Ein Gruselhörspiel auf der Basis des Heine-Textes aus den "Memoiren des Hern von Schnabelewopsky", der auch die Vorlage zu Richard Wagners Oper über dne Holländer war. Wobei die Heine-Geschichte dramatisiert und sehr frei verwandt wurde, sie ist eher als eine Inspirationsquelle - neben der Wagner-Oper - zu betrachten. Die Hörspiel-Macher haben die Sache mit einer sehr verdrechselten Rahmenhandlung versehen, beid er man am Anfang nicht genau weiß, worauf es eigentlich hinauslaufen soll. Man hört zunächst Stimmen an Bord, Seeleute, die sich mit ihrem Kapitän darüber streiten, ob man den Versuch, das Kap der Guten Hoffnung zu passieren, nicht angesichts des schweren Sturms und hohen Seegangs aufgeben soll. Daraufhin tut der Kapitän seinen gotteslästerlichen Schwur, das Kap zu umfahren, und müsse er auch für alle Ewigkeit gegen den Sturm ansegeln. Dann gibt es mehrere weitere Einstiege und Erzählebenen. Ein ehemaliger Prinzenerzieher wird im Jahr 1888 von seinem ehemaligen Schützling in eine Opernaufführung eingeladen. Es gibt Wagners "Holländer", und beide erinnern sich daran, dass der Kapitän ein "alter Bekannter" sei. Denn der Lehrer und sein Schüler waren während der Marineausbildung des letzteren an Bord eines Schiffes, das dem Holländer begenet war. Zuerst ist der Lehrer der Ich-Erzähler, dann der Prinz, schließlich bittet der Prinz den Lehrer, ihm näheres über das geheimnisvolle Schiff mit den roten Segeln zu erzählen. Nun folgt das eigentliche Hörspiel über den Holländer und seine Liebe. Der Verfluchte darf nämlich alle sieben Jahre an Land gehen und sich eine Ehefrau suchen. Bleibt sie ihm treu bis in den Tod, so wird er erlöst. Bricht sie ihm die Treue, muss sie sterben. Nun sind wieder sieben Jahre um, und der Kapitän lernt einen reichgen Kaufmann kennen, der ihm verspricht, bei seiner Tochter ein gutes Wort für ihn einzulegen. Sehr fortschrittlich: Der Kazfmann verschachert seine Tochter nicht mehr einfach an einen reichen CShwiegersohn, sondern diese Katharina darf frei entscheiden. Sie sagt jedoch auch ohne väterlichen Druck sofort mit Freuden "Ja". Denn sie hat sich schon vor Jahren unsterblich verliebt in ein uraltes Bild des Holländers, das im Haus hängt. Als nun das Original zur Tür hereinkommt, ist sie sofort hin und weg und wiull ihn unbedingt erlösen. Der Holländer ist zu Tode gerührt. Aber auch er selbst hat sich in diese junge Frau verliebt. Und er will es nicht riskieren, dass sie von dem Fluch getroffen wird, der sie bei einer möglichen Untreue Darum versetzt er sie und sagt die Hochzeit wenige Stunden vor der Trauung ab. Katharina aber, fixiert auf den Gedanken, dem Holländer die Treue zu halten bis zum Tod, stürzt sich von einer Klippe ins Meer. So stellt sie sicher, dass sie die Ehe niemals brechen kann. Bei Heine und Wagner ist der Holländer dadurch erlöst, der Fluch ist aufgehoben. Das vorliegende Hörspiel dagegen gönnt dem Holländer die Erlösung nicht. In der Hörspielfassung wird, völlig zu recht, darauf hingewiesen, dass die beiden ja zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht offiziell verheiratet waren. Der Holländer hat sie vor der Trauung in der Kirche sitzen gelassen, demnach war "vor Gott" der BUnd noch nicht geschlossen. Das schöne, heroische Opfer der jungen Frau gilt also nicht, und der Holländer ist weiterhin verdammt dazu, für alle Erwigkeit auf dem Meer herumzuirren. Was auch die Begegnung des Prinzen und seines Erziehers mit dem Schiff belegt.
Insgesamt ein gut gemachtes Hörspiel, atmosphärisch und stimmungsvoll, nicht unbeding gruselig, eher literarisch. Die komplizierte, mehrfach geschachtelte Rahmenhandlung wirkt etwas ungelenk, aber man kommt dann doch noch ganz gut rein. Einen Pluspunkt gibt es für das böse Ende.

 

 

Weitere Jahresrückblicke
Teil 1 - Januar bis März 2024
Teil 2: April bis Juni 2024
Teil 3: Juli bis September 2024
Teil 4: Oktober bis November

 

© Petra Hartmann




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Jahresrückblick 2024: Teil 4 - Oktober bis November

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 31 Dezember 2024 · 1.239 Aufrufe
Jahresrückblick

Der vierte Teil meines Lese-Rückblicks auf das Jahr 2025. Wie gewohnt, ist der November urlaubsbedingt etwas lektüre-intensiver gewesen, daher folgt der Dezember später. Was brachten mir Oktober und November? Eine Menge Science Fiction war dabei, dazu etwas historische Phantastik und viele Anthologien. Indianerbücher, etwas über Israel, Klassiker, ein Heldenepos über Kaninchen und ein Buch über Octopusse. Viel Spaß damit!

 

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

 

 

Oktober

 

Reimer Boy Eilers: Mit Magellan I: Die Ausfahrt

 

Thorgal Saga: Wendigo.

 

Vincenz Chiavacci: Der Weltuntergang
Ein Stück phantastischer Literatur, erstmals veröffentlicht im Jahr 1897, jetzt wiederentdeckt von Erik Schreiber, der die Geschichte als Band 13 seiner „Mystischen Schriften“ im Arcanum Fantasy Verlag neu herausbrachte. Der Autor erzählt darin von einem Kometen, der aus Richtung der Beteigeuze auf die Erde zurast, mit üblen Folgen für den Planeten und die Menschheit. Schon die Annäherung des Himmelskörpers bringt Naturkatastrophen und eine Veränderung des Klimas mit sich, wobei Chiavacci unter anderem einen Hagel aus Gold niedergehen lässt. Berauscht von Gier reißen sich die Menschen um das Edelmetall, klauben es zusammen, horten, schlagen einander tot, doch die Goldklumpen werden immer größer, zerschlagen Häuser und Hirnschädel, und m Ende sind all die goldgierigen Sammler tot und unter Massen von Metall begraben. Der Mond wird durch einen Zusammenstoß mit dem Kometen zerstört. Die Erde wird schließlich aus ihrer Bahn herausgerissen und gerät in die Nähe des Mars, wo die Menschheit im Vorbeiflug kurzfristig Kontakt zu einer höheren, wesentlich weiter entwickelten Zivilisation bekommt. Die Marsianer sagen den Erdlingen voraus, dass der Komet die Erde bis in die Jupiterumlaufbahn mitnehmen werde, dort werde die Erde einige Zeit um den Jupiter kreisen, große Teile der Menschheit würden sterben, doch irgendwann würde die Erde, erneut mitgerissen von dem Kometen, zurückkehren in ihre alte Bahn … Man erlebt Elend, Erfindungsreichtum und Niedergang der Menschheit mit, schließlich die Rückkehr des nahezu entvölkerten Planeten in seine alte Heimat. Und gibt es noch eine Chance für das Überleben der Menschheit? Sicher gibt es die. Denn der Ich-Erzähler Erwin erwacht am Ende aus einen sehr unleidlichen Fieberschlaf. Alles nur geträumt … Eine sehr liebenswürdige, elegante kleine Erzählung mit der Patina der vergangenen Zeit, geschmackvoll präsentiert in dem handlichen Format der Mystischen Schriften. Auf jeden Fall eine schöne Entdeckung.

 

Frederik Hetmann: Charlotte und die Indianer
Roman über eine Ethnologin jüdischer Herkunft, die ihre Doktorarbeit über den Zeltkreis der Omaha schriebe. Ein antiquarisches Fundstück. Die Handlung spielt auf zwei Ebenen: Die hochbetagte Heldin kommt gerade von einer Aktion für die Rechte der indigenen Bevölkerung in den USA und erleidet unterwegs einen Herzanfall. Während sie am Straßenrand liegt und Freunde und Familie sich um sie bemühen und auf Hilfe warten, blickt sie zurück auf ihr Leben. Sie erzählt von ihrem Studium und ihrer ersten Liebe in der Weimarer Zeit, vom Leben als Jüdin unter den Nazis, von dem besonderen Antiquariat, in dem sie arbeitete, von der Flucht. Dazwischen immer wieder Einsprengsel aus der indianischen Geschichte, aus Kriegen und Mythen, aus ihrer Forschungsarbeit. Sehr interessante Kombination. Leicht und spannend zu lesen.

 

Erik Scheiber (Hrsg.): Vampyr
- Theodor Hildebrand; Der Vampyr, oder Die Todtenbraut (1828)
- Baron Gerhard van Swieten: Vampyrismus(1768)
Zwei Texte, die eigentlich nicht zusammengehören, erstmals vereinigt in einem Band aus dem Arcanum Fantasy Verlag in der Reihe mystische Schriften. Das eine ist eine klassische Vampirnovelle aus dem Jahr 1828, das andere ein Aufsatz über Vampirismus. Die Novelle handelt von einer Familie, die durch eine Vampirin ausgelöscht wird. Ein Mann eröffnet seiner Frau, dass er aus der Großstadt fortziehen wolle und für sich und die Familie ein abgelegenes Haus, weit draußen in der Einsamkeit gekauft hat. Sie findet das gar nicht schlecht. Doch eines Tages muss er aus geschäftlichen Gründen verreisen. Während die Familie allein ist, taucht eine fremde, vornehm anmutende und etwas melancholisch wirkende Dame in der Nachbarschaft auf und freundet sich mit den Kindern und der Frau an. Niemand ahnt, dass sie die erste Geliebte des Mannes war und durch einen Blutschwur mit ihm verbunden ist. Nun, nach ihrem Tode, kehrte die verlassene Geliebte als Untote zurück, um Rache für den Verrat zu nehmen und die Familie auszurotten. Etwas altertümliche Sprache, aber ich mag sowas.
Der Aufsatz dagegen ist eher spröde und, der Natur historischer Wissenschaftstexte gemäß, nicht mehr ganz up to date. Den fand ich weniger interessant.

 

Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (Reclam)
Ein Buch, das ich schon lange auf meiner To-do-Liste habe. Ich muss gestehen, dass ich mit Rilke bisher immer meine Probleme hatte. Als lyrik-interessierter Mensch war im immer wieder etwas enttäuscht darüber, dass bei seinen Gedichten der Funke so gar nicht übergesprungen ist auf mich. Nun also seine Prosa. Und, ja, darin bin ich gut angekommen und habe vieles entdecken können. Ein Werk, das zu lesen mir sehr gefallen hat.
Es handelt sich um eine Art Tagebuch, in dem der Titelheld zunächst seine aktuellen Erfahrungen, dann seine Kindheits- und Jugenderinnerungen und Episoden aus seiner Familiengeschichte aufschreibt. Malte schreibt über seine Begegnung mit der Stadt Paris, einem modernen Moloch, voll Massen und neuer Technik, voller Krankheit und Armut, ziemlich unruhig und nicht gerade anheimelnd. Vor allem aber sind die Aufzeichnungen geprägt von gruseligen und geisterhaften Anekdoten aus der Familiengeschichte, wie zum Beispiel der Begegnung mit einer seit langem verstorbenen Dame, die mit der größten Selbstverständlichkeit eines Abends an der gemeinsamen Tafel Platz nimmt, und für alle Beteiligten ist es vollkommen selbstverständlich. Oder die Erinnerung des Erzählers, dass er einmal als Kind in einem Zimmer nach einem heruntergefallenen Gegenstand suchte, unter einem Schrank herumtastete und dabei eine fremde Hand berührte. Richtig gestaunt habe ich über die Geschichte eines Mannes, der auf den Gedanken verfiel, man könne Zeit sparen und so ein Guthaben bei einer Zeitbank anhäufen. Ich vermute mal, dass hier Miichael Ende eine seine Inspiration für "Momo" gefunden hat.
Ein sehr interessanter Roman, der mir einiges an Aha-Augenblicken beschert hat. Hat mir gefallen.

 

Fritz Brehmer: Nebel der Andromeda
Eine Reise zu einem Planeten im Andromedanebel, erstmals veröffentlicht 1920, jetzt neu herausgekommen im Verlag Saphir im Stahl. Eine sehr interessante Geschichte und auf jeden Fall der Wiederveröffentlichung würdig. Allerdings hat der Verleger es mit dem Wiederveröffentlichen etwas zu gut gemeint: Die Geschichte hat 150 Seiten, das Buch hat 300 Seiten. Ahnt ihr, was passiert ist? Richtig. Der Text ist im Buch zweimal enthalten. Das ist für den Leser natürlich erstmal irritierend, wenn er genau in der Mitte des Buchs ein schlüssiges, sauberes Ende findet – und dann geht es doch weiter, mit etwas, das man genau so schon gelesen hat. Okay, es ist halt passiert.
Inhaltlich ist es durchaus ein Buch, das sich lohnt. Geschildert wird die Reise eines Mannes namens Markus Geander, der später in Venezuela unter dem Namen Santo Desnudo als eine Art verschrobener Einsiedler lebte und von den Eingeborenen verehrt wurde. Markus entwickelte in jungen Jahren eine Art Geisteskraft, die sich in telekinetischen Fähigkeiten, aber auch in der Fähigkeit zur Manipulation seiner Mitmenschen äußerte. Eines Abends, beim Blick in die Sterne und vor allem auf das Sternbild Andromeda wurde er – wie er zunächst annahm: von seiner eigenen Kraft – auf einen dortigen Planeten versetzt. Er taucht aus dem Wasser auf und begegnet der faszinierenden jungen Frau Irid.
Die Bewohner der Welt Drom sind hochentwickelt und der Menschheit um einige Jahrtausende voraus. Ihre geistige Entwicklung ist derart fortgeschritten, dass sie sich mit einer stummen Gedankensprache verständigen. Nur mit Hunden, Kindern und dem Erdling spricht man notgedrungen ist der simplem akustischen Barbarensprache. Das Leben ist schlicht und einfach, frei von Sorge, frei von Aggression. Irid ist Lehrerin, ein Beruf, zu dem nur Menschen von hohen Geistesgaben, Tugenden und einem ausgeglichenen Temperament zugelassen werden. Markus fühlt sich von ihr angezogen, doch alle seine Versuche, sie zum Geschlechtsverkehr zu bewegen, werden von ihr nicht zugelassen. Sein Versuch, sie mit seinen manipulatorischen Fähigkeiten herumzukriegen, amüsiert die Frau von Drom nur, sie ist ihm auf geistigem Gebiet einfach haushoch überlegen.
Dabei war es, wie sich später herausstellt, Irids Entscheidung, ihn, den Barbaren, zu sich nach Drom heraufzurufen. Sie stellte sich vor, dass man ihre hochentwickelte, aber etwas träge Kultur durch irdisch-barbarisches Blut mit neuer Energie versehen kann. Schließlich lädt sie ihn doch zum Geschlechtsverkehr ein, und danach wird alles anders, es kommt zur Katastrophe …
Sehr interessanter Roman, gut erzählt, angenehm strukturiert und für jemanden, der, wie ich, ältere Literatur liebt, ein Genuss. Vielleicht sogar angenehm genug, um die Geschichte zweimal zu lesen …

 

Alexander von Humboldt: Auf dem Weg zum ökologischen Denken (Reclam)
- Der See von Valencia
- Untersuchungen über die Gebirgsketten und die vergleichende Klimatologie
- Geschichte der Pflanzen (der Vierwaldtstätter See)
Drei sehr unterschiedliche Texte Alexander von Humboldts, die vor allem deutlich machen, wie sehr dieser Forscher auf Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Einzelphänomenen achtete und das "große Ganze" in den Blick fasste. So erkannte er am See von Valencia, wie nicht nur die Tiere und Pflanzen eine Art ökologisches Gleichgewicht bildeten, sondern wie auch die traditionelle menschliche Gemeinschaft vor Ort und ihre Landwirtschaft Teil eines Ökosystems war. Und er stellte fest, wie und warum die Sache irgendwann nicht mehr funktionierte. Bei seinen Untersuchungen der Gebirgsketten geht es zunächst um geographische Forschungen, die er während seiner großen Russland-Reise anstellte. Doch von den dort gewonnenen Wetterdaten zieht er Parallelen zu Messungen aus Südamerika und anderen Gegenden, entwirft weltumspannende Linien, um Isothermen und Isobaren abzubilden, entdeckt Zusammenhänge und erforscht die allgemeine Großwetterlage. Sehr spannend.

 

Carsten Schliwski: Nahostkonflikt. 100 Seiten (Reclam)
Kompakte Übersichtsdarstellung zum günstigen Preis, nicht erschöpfend natürlich, aber mehr kann man auf hundert Seiten wirklich nicht erwarten. Geboten werden geschichtliche Hintergründe und ein Überblick über die Interessen der einzelnen ethnischen, nationalen und religiösen Gruppierungen. Und ein Ausblick - wobei der Verfasser sich nicht anmaßt zu sagen: So kann das mit dem Frieden endlich funktionieren.
Extrem nervig und den Lesefluss störend ist die Sternchenschreibweise. Zumal da einfach Sachen gegendert werden, die sprachlich so nicht korrekt sind. „Jüd*innen“ zum Beispiel ist kompletter Murks, da die männliche Form überhaupt kein Ü enthält. Die Forderungen und Interessen von Xxx*innen aus arabisch-muslimischen Ländern? Hä? Welche Interessen können denn Frauen in Ländern äußern, in denen sie allenfalls das Recht haben zu schweigen? Und was bitteschön sind „Israel*innen“? Inkonsequenterweise wird das Word für die Jesus-Leute nicht gegendert. Die Rede ist einfach nur von „Christen“. Als Kirchensteuerzahlerin fühle ich mich in meinen religiösen und feministischen Gefühlen zutiefst verletzt.

 

Theodor Herzl: AltNeuLand. Ein utopischer Roman
Es gibt wenig Länder, die sich auf einen phantastischen Roman als Gründungsurkunde berufen können. Doch dieses "AltNeuLand" ist die Beschreibung eines jüdischen Staates, wie es ihn damals noch nicht gab. Theodor Herzl, Begründer des politischen Zionismus, der zuvor bereits in "Der Judenstaat" das Konzept eines jüdischen Staates entworfen hatte, veröffentlichte im Jahr 1902 diesen Roman, in dem er sein Thema literarisch umsetzte.
Erzählt wird die Geschichte des Dr. Friedrich Löwenberg, eines jüdischen Mannes, der mit seinem Leben abgeschlossen hat, als die Frau, in die er sich verliebt hat, einen anderen heiratet. Als Jude hat er in der deutschen Gesellschaft ohnehin keine Chancen auf ein ordentliches Auskommen, gesellschaftlich ist er ebenfalls isoliert, da entdeckt er eine Anzeige, die ihm vielversprechend schein: Ein reicher Mann hat die Nase voll von der Welt, will sich auf eine einsame Insel zurückziehen und sucht einen gebildeten Menschen, der ebenfalls der Welt den Rücken kehren will, als Begleiter und Gesellschafter. Löwenberg und der Millionär Kingscourt werden sich schnell einig. "Liebeskummer, Weltschmerz und Judengram – das ist zusammen genug, um auch einen jungen Mann für immer Abschied nehmen zu lassen vom Leben", fasst es Kingscourt zusammen.
Mit seinem Handgeld, das er von Kingscourt für die Erledigung seiner letzten Angelegenheiten in der Heimat erhält, rettet Löwenberg eine verarmte Familie aus höchster Not, bezahlt einen Arzt für die kranke Mutter und eine Ausbildung für den Sohn der Familie. Dieser, David Littwak, schaut ihn sehr lange und intensiv an, um sich die Gesichtszüge des Wohltäters für immer einzuprägen. Und er wird ihn nie vergessen. (Erinnert ein wenig an den Junge Bruce Wayne, der sich den Mörder seiner Eltern mit "Augen, die nie vergaßen", einprägt. Nur eben diesmal positiv.)
Das Segelschiff sticht in See und trägt sie davon. Wohin genau, darüber wird nichts gesagt, aber auf dem Weg dorthin macht der Millionär, dem Juden Löwenberg zuliebe, einen Zwischenstopp in der Gegend des späteren Staates Israel. Sie finden eine ziemlich karge Trümmerwüste vor, nichts lädt zum Bleiben ein, nur einige wenige Juden sind anzutreffen, die sich hier eine neue Heimat schaffen wollen.
Schnitt.
Das zweite Buch spielt 20 Jahre später. Im Jahr 1923 kommt das Schiff des Millionärs erneut in der Gegend von Haifa vorbei. Und die beiden Eremiten können gar nicht fassen, wie sich das Land verändert hat, als sie in Haifa anlegen. Ein glücklicher, moderner Staat, in der jeder zu essen hat und in dem jeder mit anpackt, in dem moderne Technik und genossenschaftlich organisierte Betriebe für Wohlstand sorgen, und ein Staat, der nicht von den gierigsten und großfressigsten, sondern von den besten und anständigsten Bürgern regiert wird. Kaum angelangt, wird Löwenberg von einem jungen Mann angesprochen. Es ist David Littwak, dem er einst die Ausbildung finanziert hat. David führt ihn überall herum und erklärt ihm die Besonderheiten des Judenstaates. Fonografische Aufzeichnungen eines Zeitzeugen und Mitgründers des Staates informieren Löwenberg und Kingscourt über die ersten Jahre des noch jungen Staates. Aktuell stehen Wahlen an, und David reist durchs Land, hält Reden und wirbt für seine Ideen für die Zukunft des Landes. Am Ende wird David zum Staatschef gewählt, Löwenberg und Kingscourt beschließen, ihre einsame Insel aufzugeben und sich im Judenstaat als nützliche Glieder der Gesellschaft einzubringen.
Das Buch hat nicht nur interessante Ideen, die ja zum Teil Wirklichkeit geworden sind, sondern es ist auch ein sehr gut erzählter Roman, der sich flüssig lesen lässt. Alles andere als ein stinklangweiliges Staatskonzept also. Ein modernes Märchen zum Teil. Beziehungsweise: Wenn ihr es wollt, ist es kein Märchen ...
Die Ausgabe, die ich gelesen habe, stammt aus der "Henricus - Edition Deutsche Klassik" und erschien im Jahr 2021. Der Text wurde an die neue deutsche Rechtschreibung angepasst. Optisch ist es schön gestaltet mit einem Porträt Herzls auf dem Cover. Schön wäre ein Vorwort oder Nachwort zur Einordnung, Entstehungs- und Wirkungsgeschichte. Aber eine moderne Textedition ist schon viel wert.

 

Hans Schmoldt: Biblische Geschichte (Reclam)
Das Buch arbeitet die in der Bibel erzählten geschichtlichen Ereignisse auf, konzentriert sich weitgehend auf die biblischen "Geschichts-Bücher" wie die fünf Mose-Bücher, Josua, Richter, Chroniken und Könige, hinzu kommen einige Informationen zur Welt des neuen Testaments. Man erfährt etwas über Zeitrechnung, Feste, die vorstaatliche Zeit und die Könige, die Auseinandersetzungen mit den Nachbarn, die Zeit der Perserherrschaft, die hellenistische Zeit, das Leben unter den Römern, den Makkabäeraufstand. Sehr interessante Abhandlung, ausgesprochen lesenswert.

 

Frederik Hetmann: Der Rote Tag
Geschichte der Schlacht am Little Bighorn mit besonderem Schwerpunkt auf der Perspektive Custers. Interessant, dass Hetmann gerade Custer wählte, der ja wahrhaftig nicht der Held dieser Auseinandersetzung ist – und erst recht keine Identifikationsfigur für Leser, die sich für Indianer interessieren. Einen gewissen Realitätsverlust muss man Custer wohl unterstellen. Aber diese pubertären Allmachtsphantasien kennt man ja. Insgesamt ein sehr gut zu lesendes, informationsreiche Buch, zum Teil Sachbuch, zum Teil Roman. Auch wieder ein antiquarisch entdecktes Stück Literatur.

 

Eckart Frahm: Geschichte des alten Mesopotamien (Reclam)
Gute Überblicksdarstellung, die die rund 3000-jährige Geschichte der zahlreichen Völker des Zweistromlands auf rund 270 Seiten zusammenfasst. Hier lebten Sumerer und Akkader, Ammuriter, Babylonier, Assyrer, Perser, hier wurde vieles entwickelt, was unsere Kultur noch heute prägt. Man erfährt etwas über erste Städte und frühe Hochkulturen, über Chronologie und Epochen, über die Quellenlage, die Keilschriften. Und auch die Autoren der Bibel haben hier einiges geklaut. Sehr interessant fand ich die Gegenüberstellung der Sintflutgeschichte im Gilgamesch-Epos und im Buch Genesis. Könnte es sein, dass der mesopotamische Mythos um einiges besser zu den Problemen unserer Zeit passt als die Bibel-Version? Obergott Enlil, der die Wasser auf die Erde losließ, hatte nämlich einen verdammt guten Grund dafür: Die Menschen waren einfach zu viele geworden, sie waren eine Belastung für das Land. In Zeiten der Übervölkerung der Erde und des menschengemachten Klimawandels könnte man durchaus sagen: Enlil hatte Recht mit der Idee, die menschliche Bevölkerung klein halten zu wollen. Der biblische Gott mit seinem "Seid fruchtbar und mehret euch" scheint jedenfalls nicht bis in unsere Zeit vorausgesehen zu haben.

 

D9E - Der Loganische Krieg. Sammelband 1
- Stefan Cernohuby: Der Aufstand der Betrogenen
- Alessandra Reß: Die Netze von Nomotu
- Carmen Capiti: Machtwechsel
"Der Loganische Krieg" ist ein Spin-off der Science-Fiction-Reihe "Die 9. Expansion", die im Wurdackverlag erschienen war. Ich hatte die Hauptserie gelesen, den Spin-off erstmal ausgeklammert und hatte dann festgestellt, dass am Ende der Expansion plötzlich von "Kreaturen" die Rede war, die ich nicht kannte. Hatte mir dann immer vorgenommen, die Serie noch nachzuholen. Und als Ernst Wurdack ankündigte, dass er seinen Verlag schließen wolle, habe ich schnell noch zugegriffen.
Zunächst einmal: Diese Serie ist wesentlich kompakter als die Hauptserie. Wir haben einen räumlich sehr beschränkten Schauplatz, nämlich zwei Monde eines Planeten. Es gibt nur eine durchgehende Handlung: Die "Kreaturen" auf Saxum, die für die Bewohner von Logus in Erzminen schuften, rebellieren und kämpfen um ihre Unabhängigkeit. Die Romane – neun Kurzromane à ca. 90 Seiten, im Druck zusammengefasst in drei Sammelbänden – sind wesentlich kürzer als die Romane der Hauptserie, enger miteinander verzahnt und bewegen sich anhand eines einzigen roten Fadens vom Start bis zum Ende der Serie. Der Headcount ist relativ hoch. Während in der Hauptserie der Fokus auf dem Weltenbau und den Schilderungen unterschiedlicher Zivilisationen lag, steht hier Action und Kampf im Vordergrund. Die Geschichten haben ein hohes Tempo, die Autoren labern nicht lange rum und schaffen Atmosphäre, sie ballern im Ernstfall los und lösen die Probleme durch Kämpfe. Wie gesagt: Es gibt sehr viel Blut und sehr viele Tote.
Im ersten Sammelband geht es um den Beginn des Aufstands, und man erfährt etwas über die "Kreaturen". Die genetisch veränderten, an das Leben als Minenarbeiter angepassten Menschen bringen ein loganisches Shuttle in ihre Gewalt. Man merkt schon von Anfang an, dass es mit der Zivilisation auf Logus nicht weit her ist: Die Welt ist zwar technisch hochentwickelt, aber ethisch nicht unbedingt zivilisiert zu nennen. Schon in der Eingangsszene wird ein Aufständischer zu Tode gefoltert, um aus ihm Informationen herauszuholen. Und ganz besonders mies: Den "Kreaturen" wurde ein "Ablaufdatum" einprogrammiert. Keiner überlebt das 40. Lebensjahr.

 

Hoch die Tassen! Ein (zweites) phantastisches Fest
Das Buch enthält die Beiträge zum Marburg-Award 2024. Der Wettbewerb stand, wie im Vorjahr, unter dem Motto: "Ein phantastisches Fest". Im vergangenen Jahr war die Aufgabe gewesen, ein real existierendes Fest zu schildern. Diesmal sollte es um frei erfundene Feste gehen. Der Band enthält 17 Geschichten, wurde vom Marburger Verein für Phantastik in limitierter Auflage von 50 Bänden herausgegeben und mit zu den Storys passenden Illustrationen versehen. Er liest sich sehr gut und flüssig, ganz große Ausfälle gab es bei den Geschichten nicht.
Mir hat am besten der "Tag der Unsterblichkeit" von Lennox Lethe gefallen. Der fiktive Feiertag wird am 8.8. begangen, da die (liegende) Ach ja das Symbol der Unendlichkeit ist. Es ist die Geschichte eines Jugendlichen, der einen Zugunfall provoziert, um ein spektakuläres Handyvideo zu drehen. Dabei kommt er ums Leben. Oder doch nicht? Es ist schließlich der Tag der Unsterblichkeit. Der Zugführer ärgert sich jedes Jahr aufs Neue über den kopflosen Geist, der seinen Zug aufhält. Und das Handy mit dem Video ist verschwunden, was für ein Pech.
Ebenfalls gut gefallen hat mir "Kanzei" von Mala Jay Suess. Die Geschichte spielt in Japan und erzählt von einer mächtigen Industriellen-Familie, die ein Geheimnis hat. Nun hat der junge Ryu das richtige Alter für seine Initiation erreicht. Die Erfahrung ist entsetzlich.
Sehr witzig fand ich "Zucker für die Venus" von Moritz Linden. Eine Art SF-Parodie. Es geht um ein Raumschiff, dessen Kapitänin ein marsianischer Pterodaktylus ist. Als Söldner ist ein humanoider Kanide an Borg. Und dann ist da noch die Bordingenieurin Rosa Schleim mit von der Partie. Die so aussieht, wie sie heißt, nur nicht rosa ...Sie ist eigentlich eine Kolonie von Venusschwefelbakterien und will unbedingt rechtzeitig zum großen Fest auf ihrem Heimatplaneten ankommen, bei dem alle Bakterienkolonien miteinander verschmelzen und glücklich sind. Wegen eines Kampfes verspätet sich das Raumschiff, Rosa hat keine Chance mehr auf den absoluten Höhepunkt. Aber ihre Kollegen bereiten ihr ein Fest, das fast genau so schön ist wie die Verschmelzung auf der Venus ...

 

 

Hörspiel

 

Kira Kolumna 11: Übergekocht
Die Südberger Suppenküche, in der Bedürftige eine kostenlose Mahlzeit bekommen können, ist in Gefahr. Personalknappheit und ein Krankheitsfall stellen den letzten verbliebenen Mitarbeiter vor Riesenprobleme, die eingebrochenen Spenden tun ein übriges. Und in Zeiten wachsender Armut sind immer mehr Leute darauf angewiesen, in der Suppenküche etwas zu essen zu bekommen. Als Kira von der Geschichte hört, will sie helfen. Sie und ihre Freunde planen eine große Pasta-Party, um Spenden zu sammeln und Helfer zu begeistern. Außerdem schreibt sie einen aufrüttelnden Artikel für ihre Lokalzeitung. Doch beim Nudelkochen richten Kira und ihre Freunde ein heilloses Chaos an. Und der wütende Supermarktbetreiber weigert sich vehement, Lebensmittel für irgendwelche Schnorrer herauszurücken. Nein, eine Container-Tour ist nicht in Ordnung, auch wenn es für einen guten Zweck ist ...
Erneut eine spannende Geschichte über ein wichtiges Thema. Kira zeigt, dass gesellschaftliches Engagement alles andere als uncool ist. Und die Serie transportiert das alles ohne besserwisserischen Zeigefinder und Belehrung von oben. Sehr schön.

 

Kira Kolumna 12: Abgefahren
In Südberg, etwas weiter abgelegen und den Neubürgern nicht mehr bekannt, liegt ein ehemaliger Vergnügungspark. Das Gelände ist aus Sicherheitsgründen abgeriegelt. Aber hier hat sich eine alternative Künstlerkolonie angesiedelt, hier gibt es Freundschaft, geselliges Beisammensein und Kunstwerke aus Park-Überresten zu bestaunen. Für Lars ist das alles ein alter Hut, aber als Kira von dem alten Park erzählt, ist sie Feuer und Flamme. Sie schreibt eine Reportage über das illegale Künstlerdorf und ist sehr irritiert darüber, dass einige Künstler wütend reagieren, als sie sich derart ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt sehen. Obendrein gibt es Streit mit einem Nachbarn, der seine Ruhe haben will, und als dann noch ein Besucheransturm einsetzt und ein Neugieriger beim Versuch, auf das gesperrte Gelände einzudringen, in die Klemme gerät, fragt sich Kira, ob es wirklich gut war, über die Kolonie zu berichten, und denkt über ihre journalistischen Grundsätze nach.
Die Folge ist nicht schlecht, aber nicht so herausragend wie der Sommer in Südberg, die Suppenküchen-Abenteuer oder die Fakenews-Geschichte. Ganz ordentlich.

 

 

November

 

D9E - Der Loganische Krieg. Sammelband 2
- Veronika Bicker: Falsches Spiel
- Stefan Cernohuby: Blutige Monde
- Alessandra Reß: Eine Ahnung von Freiheit
Die Auseinandersetzungen zwischen den Loganern und den "Kreaturen" gehen weiter. Inzwischen haben die Kreaturen erste Erfolge eingefahren, sodass auf Logus die Angst wächst. Misstrauen und Hysterie greifen um sich. Zumal die Kreaturen ja optisch so gut wie nicht von normalen Menschen zu unterscheiden sind. Da kommt es wie gerufen, das ein "Kreaturenscanner" auf den Markt kommt. Das Gerät zeigt angeblich unfehlbar an, ob das Wesen, dem man gegenübersteht, ein Mensch oder eine Kreatur ist. Es gibt einen Run auf die Geräte. Nachteil: Die Apparate sind fehlerhaft. Gescannte Loganer werden als Kreaturen identifiziert, und die Loganer mit dem nervösesten Abzugfinger metzeln haufenweise harmlose Mitbürger nieder. Derweil gibt es Friedensverhandlungen, Machtkämpfe der loganischen Institute und ein neues Forschungsprojekt: Eine Genveränderung der Loganer soll bewirken, dass diese die Kreaturen unfehlbar identifizieren können und von unbezähmbaren Hass auf sie gepackt werden Jeder Loganer soll also, sowie er in die Nähe einer Kreatur kommt, gar nicht anders können, als sie anzugreifen und niederzumetzeln. (Dieses Phänomen trat dann auch im letzten Band der Hauptserie "Die neunte Expansion" zutage.)

 

Nixenmärchen, hrsg. v. Erik Schreiber
Schön gestaltetes Taschenbuch im Hosentaschenformat mit Geschichten über Nixen, Meerjungfrauen und Wasserweiber. Wobei der Titel etwas irreführend ist. Denn abgesehen von Hans Christian Andersens "Kleiner Meerjungfrau" enthält das Buch keine Märchen, sondern Sagen aus aller Herren Länder. Die Geschichten sind jeweils sehr genau lokal verortet, und man erfährt, in welchem Weiher einst eine Wasserfrau ihr Unwesen getrieben hat, wo ein Fischer eine Nixe traf, wo gute Menschen von den Meereswesen belohnt und böse bestraft wurden und wo Menschen unter Wasser gezogen und nie wieder gesehen wurden. Eine schöne, reichhaltige Sammlung und eine wahre Fundgrube.

 

D9E - Der Loganische Krieg. Sammelband 3
- Katherina Ushachov und Stefan Cernohuby: Gefangen im Dilemma
- Veronika Bicker: Zwischen allen Fronten
- Stefan Cernohuby: Tabula rasa
Finale der Spin-off-Serie. Die Auseinandersetzungen werden immer brutaler. Es geht um Waffenlieferungen, Pläne zur Vernichtung des Mondes, Geheimwaffen und Gegenmittel. Massenweise Tote, schließlich die Auswanderung der Kreaturen in eine neue Welt. Und für ein Pärchen, das sich im Verlauf des Krieges fand, gibt es sogar eine Art romantisches Happy End.
Fazit: Abgeschlossene Handlung in übersichtlichen, actionreichen neun Kurzromanen, sehr gewaltreich und blutig, klassische Spannungsliteratur, bei dem Weltenbau und Kulturenzeichnung hinter den gewalttätigen Aktionen zurücktreten. Zeitlich, räumlich und in Bezug auf die Handlung klar auf einen kleinen Rahmen fokussiert. Also etwas ganz anderes als die Hauptserie. Interessante Nebenlinie zur Hauptserie und mit dieser nur in sehr losem Kontakt stehend. In "Die neunte Expansion" wird die genetische Konditionierung der Loganer, die eine "Kreatur" sofort anfallen und bekämpfen müssen, kurz zum Thema, während in "Der Loganische Krieg" am Rande die Hondh erwähnt werden. Beide Serien sind aber ohne weiteres auch separat lesbar und verstehbar.

 

Ismar Schorsch: Leopold Zunz. Vorkämpfer der Emanzipation und Begründer der Wissenschaft des Judentums. Biographie 1794 - 1886
Biographie des Begründers der Judaistik und eines der wichtigsten Bibelübersetzer. Die zweisprachige Zunz-Bibel ist auch für mich ein Text, den ich häufiger zur Hand nehme. Wobei ich bisher dachte, er hätte das Buch allein übersetzt, er war aber wohl "nur" der Herausgeber.
Das Buch ist eine Biographie, allerdings, wie bei vielen Wissenschaftlern, steht das Werk eindeutig im Vordergrund, die sonstigen Angaben zu seinem Leben sind recht dünn. Der Mann war ausgesprochen fleißig, also, was sollte er sonst noch getan haben in seinem Leben? Außer seiner wissenschaftlichen Arbeit beschäftigete ihn die politische nicht weniger. Bekannt wurde er durch seine Gründung des "Vereins für die Wissenschaft und Cultur des Judentums", durch seine Arbeit in der "Gesellschaft der Freunde", seine Tätigkeit als Redakteur für die Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums, sein Engagement für Lehrerausbildung und durch die bereits erwähnte Zunz-Bibel, die an vielen Stellen dem hebräischen Original näher kommt als Luthers Text. Die jetzt von Ismar Schorsch vorgelegte und von Ursula Kömen aus dem Englischen ins Deutsche übersetzte Biographie zeichnet Ideen, Kämpfe, Erfolge und Rückschläge nach und macht das Werk eines bedeutenden Wissenschaftlers erlebbar und verstehbar. Lesenswert und hilfreich.

 

Kerstin Groeper: Träume von Salbei und Süßgras

 

Schwertgesang und Zauberschatten
Fantasy mit starken Frauen, verfasst von 18 Autorinnen und Autoren. Wobei das "stark" nicht unbedingt bedeutet, dass es sich um Superheldinnen handeln muss. Manchmal sind es auch einfach nur Frauen, die die Zähne zusammenbeißen und ihren Job machen oder in einer phantastischen Welt überleben. Mein absoluter Höhepunkt war natürlich Linda Budingers "Mittenachts-Spiegel", eine Fortsetzung der Geschichte "Mitternachts-Kompass", die Linda damals zu meiner Drachen-Anthologie beigesteuert hatte. Die Geomantin reitet auf ihrem Wasserbüffel nach Sasho, in eine Stadt, die von Geistern heimgesucht wird. Asian Fantasy vom Feinsten Ich möchte gern mal einen Sammelband mit drei oder mehr Mitternachtsgeschichten lesen.
Gut gefallen hat mir auch "Das Bildnis der Leuchtenden", die Geschichte eines magischen Bildes, das ein besonders begabter Farbenmacher schuf. Leider verstarb er bei der Fertigstellung des Bildes, und seine Frau macht sich auf die Suche nach ihm, findet die abgebildeten Wesen und bestraft den arroganten Auftraggeber des Bildes auf sehr fiese Art. Gelungen sind auch "Zereas Stimme", die Geschichte besonderer Friedensverhandlungen, und der "Schatz des Königs", in der von einer besonders talentierten Diebin erzählt wird. Und eine beeindruckende Heldin stellte Angela Rose Burkart vor: Die Fürstin Arabella streift allein und inkognito durch die Wälder und trifft drei Ritter, denen sie sehr genau auf den Zahn fühlt und ihre Grenzen aufzeigt, bevor sie sie als Leibwächter anheuert. Aber eigentlich ist jede einzelne Geschichte lesenswert und sehr gut geschrieben. Eine Sammlung mit Autoren und Autorinnen, die allesamt viel auf dem Kasten haben. Sehr gut.

 

Voll verwünscht
Poppig bunt und prall gefüllt mit fun-tastischen Geschichten über Wünsche, die nicht präzise genug formuliert wurden und bösartige Wunscherfüller, die jedes Wort auf die Goldwaage legen: Die neue Anthologie im Leseratten-Verlag ist eine Warnung für jeden, der die berühmten drei Wünsche auf die leichte Schulter nehmen will. Da gerät schon mal ein Weihnachtswunschzettel aufgrund eines Buchstabendrehers nicht an Santa, sondern an Satan, da wünscht sich ein pelziges Küken in einem Chaotenraumschiff Zugriff auf die ultimative Waffe, Gute Feen, Dschinns und Trolle geben sich mal mehr, mal weniger Mühe, ihre Kunden beim Wünschen auf Klippen und Untiefen hinzuweisen. Und wenn alles schief geht, gibt es auch noch die Selbsthilfegruppe der Wunschversehrten. Ein herrlicher Spaß. Lesenswert.

 

Richard Adams: Unten am Fluss - Watership Down
Liebenswert-zauberhafte und abenteuerliche Geschichte einer Gruppe von Kaninchen, die sich auf die Suche nach einer neuen Heimat machen. Weil der prophetisch begabte junge Fiver ein Unglück vorausahnt, macht sich eine Gruppe von Kaninchen auf den Weg. Nur wenige folgen ihm, der Rest bereut es bald, geblieben zu sein, denn die Kaninchenwiese wird ein Baugebiet, und alle Baue und Nahrungsquellen werden von Maschinen zerstört. Zweimal trifft Fivers Gruppe auf andere Kaninchenpopulationen, beide Male lehrt sie die Begegnung das blanke Entsetzen, denn sie treffen auf totalitäre Strukturen, auf Unterdrückung oder auf Opferkaninchen, die ihre relative Sorglosigkeit mit Unfreiheit und einem Leben mit dem Tod bezahlen. Das Ganze ist gehalten im Stil eines großen alten Heldenepos, und wir treffen auf sehr unterschiedliche, sehr individuell gezeichnete Heroen, von denen jeder seine eigenen Fähigkeiten hat. Da ist der tüchtige, um seine Kaninchen besorgte Anführer Hazel, der während des Zuges zu einer herausragenden Führungspersönlichkeit heranwächst. Da ist Bigwig, Angehöriger einer Kaninchen-Elitetruppe und ein tapferer Kämpfer, der selbst Aias den Telamoniden in den Schatten stellt. Das ist der Geschichtenerzähler Dandelion, der die alten Mythen über den Kaninchen-Kulturheros und Trickster El-ahraira bewahrt und zelebriert. Hinzu kommt die eigene Kaninchensprache, deren Ausdrücke Adams immer mal wieder in den Text einstreut. Zum Frauenbild mag ich hier nichts weiter schreiben, es lässt sich mit dem Wort "doof" zusammenfassen. Aber das erträgt man als Leserin, vor allem, wenn der Rest der Geschichte so liebenswert ist.

 

Wundersame Haustiere und wie man sie überlebt …
Eine liebenswerte Anthologie mit einem wunderschönen Cover, in der man die seltsamsten Wesen kennen lernt. Die Rahmenhandlung führt einen nächtlichen Reisenden, der sich verfahren hat, in eine ungewöhnliche Tierhandlung. Hier erhält er ein Buch mit Tiergeschichten, das er später in Ruhe im Hotelzimmer liest. Die Lektüre entpuppt sich als kurzweilig, aber auch als nicht ungefährlich. Erzählt werden Begegnungen mit mythologischen und frei erfundenen Wesen, mit außerirdischen Tieren, mit bösen und lieben Hausgenossen, und sogar der "Pelzi-Bub" und der "Schweinehund" sind mit dabei. Alle nehmen in der wundersamen Zoohandlung ihren Anfang, manche haben ein Happy End, andere enden in der Katastrophe. Meine Lieblingsgeschichte war die Story vom Hippalektryon, verfasst von Alisha Pilenko. Ein Mischwesen aus der Antike, über das ich mich vor Urzeiten mal in der Elfenschrift verbreitet hatte. Schön, dass außer mir den seltenen Rosshahn noch kennt.

 

Markus K. Korb: Finstere Stadt 1 - Sourcecode
Zukunftsvision, die den Leser in eine chinesische Metropole des Jahres 2055 entführt. Ordnungsmacht des neuen High Tech Hong-Kong ist die Drachenmafia. Deren Agenten, benannt nach ihren speziellen Fähigkeiten, sind etwa "Auge", "Ohr". "Nase" oder "Faust". Im vorliegenden Band müssen sie sich mit geheimnisvollen Störungen der synthetischen Sinnesorgane der Bewohner befassen, und sie geraten an eine böse KI, die im Untergrund verborgen lag und nun erwacht. Die Nummer "1" im Titel lässt darauf schließen, dass da noch einiges mehr an Geschichten zu erwarten ist. Schlecht wäre das nicht.

 

Lennardt M. Arndt: An den Ufern des Nebraska - Die Surehand-Story Band 1

 

Esther S. Schmidt: Das Erwachen der Hüterin

 

Axel Kruse: Kürben
Ein Buch, das ich ursprünglich für den zweiten Teil von "Migiersdottir" gehalten habe, weil es einen sehr irreführenden Klappentext trägt. Mit dem genannten Roman hat es aber nichts zu tun. Es geht vielmehr um Kurzgeschichten, die zum Teil aufeinander aufbauen und so ein größeres Ganzes bilden. Der erste Teil widmet sich dem Aufeinanderteffen der Menschheit mit dem titelgebenden Volk der Kürben. Als weit entfernt von der Erde ein irdisches Raumschiff havariert und in der Nähe ein gleichffalls gestrandetes Raumschiff der riesigen Kürben entdeckt, kommt es zum Erstkontakt und – weil man sich anders nicht helfen kann – zum Austausch von Wissen und Technologie. Mit den von den Kürben gewonnenen Hilfsmitteln können die Terraner schließlich wieder heimwärts fliegen. Dumm ist nur, dass die Kürben trotz verschlüsselter und getilgter Daten die Koordinaten der Erde herausfinden. Sie greifen an, und der in mehreren Episoden geschilderte Krieg ist grausam und für die Menschheit schon von Anfang an nicht zu gewinnen. Kruse zeichnet eine furchtbare Zukunft der Menschheit, bei der am Ende nur eines zählt: die Milchproduktion der Menschenfrauen. Einige wenige Männer werden als Beschäler behalten, ansonsten sind die Frauen dauerschwanger, und nach der Geburt werden männliche Kinder getötet, weibliche werden als zukünftige Milchkühe der Kürben aufgezogen. Beklemmend.

 

Sy Montgomery: Die Geheimnisse des Octopus. Intelligenz und Eleganz der magischen Meeresbewohner
Reich bebilderter Streifzug durch die Welt der Achtfüßler mit einigen interessanten Infos über die kognitiven Leistungen dieser Meeresbewohner, über ihre besonderen Fähigkeiten und über Freundschaften zwischen Mensch und Octopus. Insgesamt aber weniger ein wissenschaftliches Buch, sondern eine sehr emotionale Schilderung von Begegnungen mit diesen Tieren.

 

Angeline Boulley: Firekeepers Daughter

 

Katharina Gerlach (Hrsg.): Meerjungfrauen
Die zauberhafteste Anthologie, die ich dieses Jahr gelesen habe. Moderne Fantasy-Storys über Meerjungfrauen, manchmal auch den Bereich der Science Fiction und des Krimis berührend. Ob griechische Mythologie, chinesische Sprichwörter oder der Umstand, dass es im Bodensee keine Nixen geben soll, ob ein seltsamer Fisch im Aquarium vererbt wird oder eine verführerische Sängerin, die Schiffer ins Verderben lockt - die Welt der Meermenschen ist vielschichtig und voller Überraschungen. Die Sammlung bietet Meerjungfrauengeschichten jenseits der ausgetretenen Pfade und überzeugt durch ihre Qualität und Vielseitigkeit.
Ich weiß gar nicht so recht, welche Geschichte ich nun als beste heausstellen soll. Vielleicht "Iphis" von Wolfgang Malischewski wegen des mythologischen Themas? Oder die Geschichte "Opas Glücksfisch" von Susanne Born mit dem geerbten hässlichen Fisch, der sich als Meerjungfrau entpuppt? Sehr schön war auf jeden Fall die chinesische Erzählung "Den Mond aus dem Meer fischen" von Damaris McCilgan. Gefallen hat mir auch "Meeresmagie" von der Herausgeberin Katharina Gerlach. Sie schildert einen Meermenschen, der "andersrum" ist: Fischkopf und Menschenfüße - aber das Herz auf dem rechten Fleck.

 

Ottmar Ette (Hg.): Alexander von Humboldt-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Sonderausgabe
Ich hatte ja im vergangenen Jahr das Wilhelm-von-Humboldt-Handbuch gelesen und habe, als ich sah, dass es über den lütten Humboldt ein ähnliches Werk gab, sofort zugegriffen. Man beschreibt das Brüderpaar ja oft so, als seien die beiden gegensätzlich gewesen, hätten sich die Welt quasi aufgeteilt, und der eine hätte die Geisteswissenschaft gewählt, der andere die Naturwissenschaft. Aber je länger ich mich mit den Humboldts befasse, desto ähnlicher werden sie in meinen Augen. Beide mit diesem ungeheuren ganzheitlichen Ansatz und dem weiten Blick fürs große Ganze, beide mit einer sehr freien Geisteshaltung und humanistischen Grundsätzen, beide mit einer ähnlichen Grundausbildung und beide, trotz unterschiedlicher Schwerpunkte doch auch an ähnlichen Themen arbeitend. Alexander war nicht weniger politisch engagiert als Wilhelm und betrieb ebenso sprachliche und kulturelle Forschungen.
Das Handbuch über Alexander zeigt ein ähnlich weitgefächertes Themenspektrum wie das Wilhelm-Handbuch. Allerdings sind die Kapitel hier deutlich kürzer und daher wohl auch leichter zu konsumieren. Man erfährt einiges über den Kosmos und die Ansichten der Natur, über die Botanik, Biologie, die Theorie von der Lebenskraft und den Rhodischen Genius, auch etwas über seine diplomatische Karriere, auch darin ist er seinem Bruder ähnlich, über seine geschichtswissenschaftlichen und sprachwissenschaftlichen Studien. Einige Weggefährten werden porträtiert, darunter Goethe, Darwin, Carl Ritter, französische Literaten und Wissenschaftler, Wilhelm natürlich auch. Gewünscht hätte ich mir ein Kapitel über eigenes Kapitel über Bonpland, aber der Mann kommt in den Reisekapiteln immerhin an zahlreichen Stellen vor. Besonders erhellend fand ich das Kapitel über seine Sibirienreise, die gewöhnlich im Schatten der großen Südamerika-Reise steht und auch unter ganz anderem Vorzeichen stattfand: Eine kontrollierte Reise unter der Aufsicht russischer Begleiter ist schon etwas anderes als freies Reisen und spontane Begegnungen. Trotzdem eine große Chance, die Humboldt genutzt hat. Sehr interessant die Frage, der Tobias Kraft unter der Abschnittsüberschrift "Eine russisch-preußische Intrige?" nachgeht. Sollte das Reiseangebot gezielt von Preußen mit den russischen Freunden ausgeheckt worden sein, um Alexander von Humboldt in der politisch bewegten Zeit aus Deutschland zu entfernen, damit er sich nicht auf die Seite der Revolutionäre schlägt? Möglich wäre es ja. Also, es ist ein hochinteressantes, sehr gehaltvolles Buch, das ich jedem ans Herz legen möchte, der sich mit den Humboldts befasst. Wobei ich das über Wilhelm noch wesentlich reichhaltiger fand,

 

Antonia Michaelis: Weil wir träumten
Emma ist 16 Jahre alt, hat eine künstliche Herzklappe, muss regelmäßig Blutverdünnungsmittel nehmen und darf sich nicht aufregen. Trotzdem – oder gerade deswegen – will sie unbedingt nach Madagaskar reisen. Exotische Blumen, fast ausgestorbene Halbaffen, der Urwald, der Strand, Wale und überhaupt das pralle volle Leben, das alles will sie noch einmal spüren, bevor sie ... Die Mutter ist strikt dagegen, aber die toughe 80-jährige Urgroßmutter Elisa ist bereit, sie zu begleiten. Madagaskar ist tatsächlich eine überwältigende Erfahrung. Aber das wahre Madagaskar beginnt erst jenseits der abgesperrten und geschützenten Touristenbereiche. Als Emma mit einem gleichaltrigen schwarzen Mädchen Freundschaft schließt, verändert sich alles. Fy hat bereits ein Kind, hat oft nicht genug zu essen für das Kleine und sich und verdient sich ihren Unterhalt als Wäscherin für die Touristen. Ihr Bruder sitzt im Gefängnis und ist todkrank. Und dann sind da auch noch der jugendliche Boss einer Straßengang und ein dubioser Weißer, die Fys Leben zu einer einzigen Flucht machen. Dieser Weiße sucht offensichtlich etwas anderes als billigen Sex bei den Straßenkindern. Fy und ihr Bruder erfahren, dass der Mann es auf ihre Herzen abgesehen hat. Straßenkinder von Madagaskar als Organspender für reiche weiße Patienten, denen kein Preis zu hoch ist für ein neues Herz? Emma ist schockiert, als sie das hört. Mit vollem Einsatz ist sie dabei und kämpft um Fys kleine Familie, bricht in ein Haus ein, befreit Gefangene und trickst die Wachen aus. Ohne Rücksicht auf ihr Herz zu nehmen.
Ein Roman, der zu Herzen geht. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Bücher von Antonia Michaelis sind einfach immer etwas Besonderes, und hier hat sie erneut ein packendes Werk vorgelegt. Zauberhaft und hart zugleich, magisch und doch von herbstem Realismus. Einfach beeindruckend.

 

Michael von Albrecht: Seneca. Eine Einführung (Reclam)
Das Buch bietet Informationen über Senecas Leben und Werk, seine Philosophie und seine literarischen Schriften, stellt einige Texte in lateinischer Fassung und deutscher Übersetzung vor und ist recht gut geeignet als Einstieg. Vollständigkeit war aber nicht angestrebt, und es hat mich etwas irritiert, dass viele Texte, über die ich gern etwas mehr gehört hätte, gar nicht erwähnt wurden. Zu den vorgestellten Texten gehören einige Briefe an Lucilius, der "Hercules" und die "Medea". Sehr detailliert und erhellend sind die Analyse des Stils und die Betrachtungen über den Wortschatz Senecas, etwa wenn er ausgiebig mit Fachbegriffen aus dem Bereich des Bankwesens brilliert. Ein metaphernreicher, hochartifizieller Schreibstil, bei dem Seneca sehr darauf achtet, Wortwiederholungen zu vermeiden, und zahlreiche Synonyme präsentiert. Man erfährt etwas zu seinen Vorstellungen von der Zeit und dem Wert des Reisens, aber auch von seiner Wirkungsgeschichte und davon, wie ihn beispielsweise die christliche Tradition sah. Das Buch ist sehr leicht und leichtfüßig geschrieben, ist auf jeden Fall anfängertauglich, hat aber auch für Leute, die sich schon länger mit Seneca befassen, einiges zu bieten. Aber ein paar Texte, die ich sehr schätze, hätte ich halt gern darin wiedergefunden.

 

Bergengrueniana VI
Die inzwischen bereits sechste Ausgabe des Jahrbuchs beziehungsweise Doppeljahrbuchs der Werner Bergengruen-Gesellschaft. Kernstück ist erneut ein Teil des "Compendium Bergengruenianum", Bergengruens Sammlung von Notizen, Skizzen und Aphorismen, die etwa ein Drittel des vorliegenden Bandes ausmachen. Wie immer lesenswert und spannend. Gut gefallen hat mir ein Beitrag von Günther Scholdt, der Bergengruen aus Poeten würdigt und für eine (erneute) Lektüre wirbt. Recht hat er. Und die Gedichte, die er in seiner Betrachtung hervorhebt, gehören fast alle zu meinen Lieblingsgedichten. Außerdem gibt es etwas über die Symbolik in Bergengruens Werk, über Bergengruen als Reise(ver)führer und einen Aufsatz über eine Lesereise Bergengruens nach Riga und die Presseberichterstattung darüber. Die Reden zur Verleihung des Werner-Bergengruen-Preises 2021 an Michael Maar runden den Band ab. Erneut ein informatives und lesenswertes Jahrbuch, ich habe es mit Gewinn gelesen.

 

Jürgen Pinnow: Die Sprache der Chiricahua-Apachen. Mit Seitenblicken auf das Mescalero
Ein Buch, nach dessen Lektüre man natürlich nicht fließend Apache spricht, das einem aber einen Einblick gibt in einige Grundzüge der Sprache. Es gibt einen Vergleich wichtiger Wörter in den unterschiedlichen athapaskischen Sprachen. Man erfährt etwas über das Apache als Tonsprache. Ähnlich wie im Chinesischen ändert sich durch die Tonhöhe beziehungsweise die Art der Betonung die Bedeutung des Wortes. Es gibt da den Hochton und den Tiefton, den Hochtiefton, den Tiefhochton, den langen Volkal, den nasalierten Vokal und so weiter. Ich brauche das alles für einen Roman, an dem ich gerade arbeite, aber ich bin nicht sicher, ob und wie ich das später mal im Buch drucktechnisch darstellen werde. Dann sind da noch die gefühlt endlos langen Partikelkombinationen, die man der Stammsilbe voranstellen oder anhängen kann. Dadurch werden die Wörter sehr lang und unübersichtlich. Und es gibt Verben, die beziehen sich auf ein rundes Objekt oder auf ein seilartiges Objekt oder auf ein Lebewesen o.ä. Und da sagen alle, Deutsch sei schwer. Egal. Das Buch ist auf jeden Fall sehr gehaltvoll und hielt viel Neues für mich bereit. Das Druckbild ist allerdings nur für Hardcore-Leser verdaulich. Es handelt sich um eingescannte Schreibmaschinenschrift, einzeilig, klein, manchmal etwas unscharf. Der Autor sagt, das sei notwendig gewesen, um die Seitenzahl und den Preis klein halten zu können. Ist ja auch schon ein etwas älteres Buch. Nützlich, aber anstrengend, geschenkt wird einem hier nichts.

 

Bonnie Garmus: Eine Frage der Chemie
Geschichte einer Chemikerin in den 1960er Jahren. Eine Zeit, in der Frauen in den Wissenschaften noch extrem unterrepräsentiert und erst recht nicht akzeptiert waren. Elisabeth Zott ist eigentlich hochqualifiziert, begegnet aber an ihrem Institut der geballten Macht männlicher Ignoranz. Das heißt: Im besten Fall ist es Ignoranz, aber es kommt auch zu bewussten Aktionen gegen sie. Man nutzt sie aus, stiehlt ihre Forschungsergebnisse, degradiert sie zur Hilfsarbeiterin etc. Ihre Promotion wird ihr unmöglich gemacht, da sie sich einem Vergewaltigungsversuch ihres Doktorvaters widersetzt und ihm einen Bleistift in den Leib rammt. Der Polizist, dem sie den Vergewaltigungsversuch schildert, hört ihr überhaupt nicht zu, will nur wissen, ob ihr die Sache leid tut. Lediglich mit einem Kollegen versteht sie sich sehr gut, der sie auch heiraten will – aber sie lehnt ab: Sie will ihre Karriere allein bewältigen, nicht ein Anhängsel eines Star-Chemikers sein, das in seinem Windschatten zu einer wissenschaftlichen Position gelangt. Als der Mann bei einem Unfall stirbt, steht sie als Alleinerziehende da. Und da er nicht mehr seine Hand über sie hält, fliegt sie auch in ihrem Institut raus. Aber die Chemikerin startet eine neue Karriere als Fernsehköchin und klärt ihre Zuschauerinnen über chemische Eigenschaften des Mittagessens auf – genauso wie über ihre Bürgerrechte. Schließlich beginnt eine Schmutzkampagne in der Presse ...
Das Buch hat mir meine Schwester gegeben, die einfach nur begeistert war. Ich fand es nicht schlecht, aber es war halt nur "okay" im Sinne eines handwerklich gut gemachten Romans, wie man es auf Schreibschulen lernt. Die Autorin hat ihre Heldin einfach nicht genug "wehgetan", und es fehlt mir auch der Zauber der Chemie in dem Buch. Als Zotts Forschungsgebiet wird immer wieder die Abiogenese angegeben. Aber genausogut hatte sie irgend ein Krebsmedikament entwickeln oder Makromoleküle erforschen können. Man ist einfach nicht dabei, wenn sie forscht, schaut ihr nicht über die Schulter, die Suche nach den Urformen organischen Lebens wird nicht zur Philosophie, zur Metaphorik, zur Melodie des Textes. Verschenkt. Außerdem ist das Ende für meinen Geschmack einfach zu konstruiert und unglaubwürdig. Nun gut, wir wollen ihr das Happy End gönnen. Also, es ist nicht unbedingt ein schlechter Roman, er ist bloß unter den Möglichkeiten, die dieses Thema bietet, geblieben.

 

Dietrich Spitta: Menschenbildung und Staat. Das Bildungsideal Wilhelm von Humboldts angesichts der Kritik des Humanismus
Ein Buch, das sich vorwiegend der späteren Diskussion des humanistischen Bildungsideals widmet. Auf die Darstellung von Humboldts Positionen, die fast ausschließlich auf Aussagen aus seinem Buch "Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen" beruhen, folgt ein Kapitel über "Die Weiterentwicklung der Ideen Humboldts durch Rudolf Steiner". Später werden Positionen von Heinrich Weinstock, Theodor Lit, Peter Sloterdijk und Martin Heidegger referiert, War jetzt nicht ganz das, was ich angesichts des Titels erwartet hätte. Der Teil über Humboldts Bildungsideal war nicht uninteressant, allerdings hat der Autor bis zum Exzess das Zitat von der "höchsten und proportionierlichsten Ausbildung" wiederholt. Ich frage mich auch, warum er sich so auf die "Ideen" fokussiert hat, es gibt ja genug andere Schriften Humboldts zur Schul- und Universitätspolitik ...

 

Bertha von Suttner: Die Waffen nieder!
Viel zitiert, aber von den wenigsten gelesen: Das Zitat "Die Waffen nieder!" hat vermutlich jeder schon einmal gehört. Der Verlag Hirnkost hat das Buch nun in einer schönen, stabilen Hardcover-Ausgabe herausgebracht. Bertha von Suttner erzählt die Geschichte einer österreichischen Adligen, Gräfin Martha Althaus, die als Ich-Erzählerin fungiert und anhand von Tagebüchern und Briefen auf ihr Leben und die Veränderung ihrer Gesinnung zurückblickt. Martha stammt aus einer Militär-Dynastie, in der Krieg als ruhmreich und als Bewährungsmöglichkeit für den Mann betrachtet wird. Auch sie selbst ist als junge Frau begeistert von den Vorstellungen über Ruhm und Ehre, sie heiratet einen schneidigen Offizier, bekommt von ihm einen Sohn, der mit Kriegsspielzeug wie Zinnsoldaten bestens ausgestattet wird, und jubelt ihrem Gatten zu, als dieser in die Schlacht zieht. Wenig später ist sie Witwe.
Nach und nach ändert sich ihre Haltung zum Thema Krieg. Vor allem ihr zweiter Gatte, ein österreichischer Offizier preußischer Herkunft, ist hierin ihr Geistesverwandter. Er tut zwar im Krieg seine Pflicht, doch er ist dem Hurrapatriotismus abhold und weiß genau, welches Leid und Elend Kriege mit sich bringen. Kriege mit unterschiedlichen Vorzeichen und wechselnden Allianzen folgen, wobei Martha immer wieder Freunde und Familienangehörige zu beklagen hat. Einmal reist sie, weil sie um ihren Gatten fürchtet, sogar bis an den Ort einer Schlacht, um zu helfen. Doch sie taugt nicht zur Krankenpflegerin. Das Sterben, die Verstümmelungen und die Gerüche, das alles ist zu viel für sie, und sie ist den Helferinnen vor Ort nur eine Last. Ihr Vater dagegen schwärmt noch immer vom Krieg und Heldentod. Erst, als auch Marthas Bruder fällt, bricht der alte Mann vollkommen zusammen und verflucht den Krieg.
Ein anrührendes, bewegendes Plädoyer für den Frieden, das sich trotz der über 600 Seiten sehr schnell wegliest. Und ein Besteller, der den Namen Bertha von Suttner weithin bekannt machte. Sie wurde im Jahr 1905 als erste Frau mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Es wäre schön gewesen, wenn man auf sie gehört hätte. Sie starb am 21. Juni 1914. Am 28. Juni erschütterte das Attentat von Sarajewo die Welt, der Erste Weltkrieg brach aus. Soll man von einem gnädigen Schicksal sprechen, das ihr diese Erfahrung erspart hat ...?

 

Frederik Hetmann: Siddhartas Weg
Die Lebensgeschichte Buddhas als Romanbiografie. Frederik Hetmann schildert Jugend und Suche des Religionsstifters, erzählt von seiner Geburt und seinem Aufwachsen am Fürstenhof, von seinem Unterricht, seiner Neugier, seinen kritischen Fragen nach Göttern, Traditionen und der Stellung der Brahmanen, auch von seinen Jugendfreunden, seinen Erlebnissen mit Prostituierten und seiner großen Liebe. Dann macht Siddharta sich auf die Suche, verabschiedet sich vom fürstlichen Leben und geht bei diversen Meistern in die Lehre, übt sich in Askese, meditiert, und gerade, als es scheint, als habe er den Weg und seine Suche verraten, wird er erleuchtet ...
Hetmann schreibt im Präsens und verwendet den personalen Erzählstil, ist also auf der Suche ganz nahe mit dabei, als Siddharta seine Erfahrungen macht. Etwas unschön ist, dass er dann nach der Entdeckung der neuen Lehre aus der Perspektive aussteigt. Es folgt ein harter Bruch, und der Autor referiert die Lehre des Buddha, ihre Ausbreitung und die verschiedenen Formen des Buddhismus, die sich in den unterschiedlichen Ländern entwickelten. Schade, aber vielleicht muss man an dieser Stelle die Einheit des Stils aufbrechen, wenn man die Lehr-Inhalte höher bewertet als die Geschichte. Inhaltlich sicher kein schlechtes Buch, ich habe viel daraus gelernt.

 

10 Jahre Leseratten Verlag
Wow! Wenn ein Verlag schon so schön sein zehnjähriges Bestehen feiert, dann möchte ich wirklich das 50-Jährige noch erleben. Das Geburtstagsgeschenk,. das Verlag, Autoren und weitere Weggefährten sich selbst machten, ist ein grundsolides Hardcover-Buch mit leckeren Cookies als Beschnittmotiv, herrlichen Illustrationen, tollen (im doppelten Sinne, denn manchmal kommt auch ein guter Schuss Irrsinn hinzu) Geschichten, in denen häufig Leseratten und Kekse eine Rolle spielen. Grußworten, Anekdoten, Erinnerungen und und und. Ich bin schwer beeindruckt – und ärgere mich ein bisschen, dass ich es immer noch nicht geschafft habe, für eine der fun-tastischen Anthologien eine Kurzgeschichte einzureichen. Vielleicht schaffe ich es ja bis zum 20-jährigen Bestehen.

 

Alexandra Bauer: Die Midgard-Saga: Niflheim
Auftakt zu einer Saga um eine jugendliche Rollenspielerin namens Thea und ihre Abenteuer in der Welt der germanischen Götter. Thea ist Mitglied einer Online-Spielgruppe, die im Netz gegen andere Heldenteams kämpft. Sie selbst ist in ihrem Team eine erfahrene Heilerin, die die Spielgefährten wieder zusammenflickt, ihre beste Freundin Juli dagegen ist im Spiel als Kampfzwerg dabei, stellt sich allerdings manchmal etwas tollpatschig an und versemmelt viel. Beide sind vollkommen fassungslos, als sie plötzlich von "real existierenden" germanischen Göttern in ein echtes Abenteuer hineingezogen werden. Denn Thea war in einem früheren Leben ein Schmied, der eine besondere Waffe hergestellt hatte: Kyndill, das Feuerschwert, das den Untergang der Götter bedeuten könnte. Zusammen mit Thor und Freya, die in diesem Buch mit Betonung ihrer Funktion als Walküre und Herrin der Hälfte aller gefallenen Krieger in Agard durchgehend als Wal-Freya bezeichnet wird, machen sich die beiden Mädchen auf die Suche nach dem Schwert. Die Jagd nach Kyndill ist nicht ganz ungefährlich, immerhin müssen sich die vier Helden ins Reich der Riesen begeben. Außerdem haben sie auf der Suche einen verschlagenen Gegner: Loki, den Feind der Götter. Allerdings wächst in Thea Zweifel daran, dass der Feuergott tatsächlich durch und durch böse ist. Kann es sein, dass Loki sie beschützt?
Die Geschichte von jugendlichen Weltenrettern, die vollbringen, was die Götter vergebens versuchten, ist nicht neu, aber Alexandra Bauer erzählt diese Ur-Geschichte der Fantasy mit viel Verve, Humor und mit frischen Ideen. Frischer Wind für die germanische Mythologie - und viel kaltes Wasser für den Brunnen von Frau Holle..

 

 

Weitere Jahresrückblicke
Teil 1 - Januar bis März 2024
Teil 2: April bis Juni 2024
Teil 3: Juli bis September 2024
Teil 5: Dezember 2024

 

© Petra Hartmann




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Jahresrückblick 2024: Teil 3 - Juli bis September

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 30 Dezember 2024 · 1.193 Aufrufe
Jahresrückblick

Teil drei des Rückblicks auf mein Lesejahr. Diesmal ist wieder mehr Phantastik dabei, etwas SF, etwas Düsteres und einige Klassiker. Ansonsten habe ich mich mit sprachlichen Themen befasst, mit Fäkalien, KIs, Autoren aus Goslar, Büchern zu einem besonderen Film und wieder mit Kira-Kolumna-Hörspielen. Viel Spaß beim Lesen und Stöbern!

 

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

 

 

Juli

 

Axel Kruse: Migiersdottir

 

Wilhelm von Humboldt: Nordamerikanische Grammatiken, hrsg. v. Micaela Verlato
Gewichtiger und sehr gut ausgestatteter Band, der Humboldts Grammatiken der Massachusetts-Sprache, der Muchhekaneew-Sprache (Mahican), der Onondago-Sprache, sowie seine Bemerkungen zum Grönländischen und seine Notizen zur Cree-Grammatik und Cippewa-Konjugation vereinigt.
Beim Massachusett und Mahican handelt es sich um Algonkinsprachen, während das Onondago der irokesischen Sprachfamilie angehört.
Es gibt entnehmbare Falttafeln der einzelnen Grammatiken und ein Register. Vor allem wertvoll sind die ausführlichen Einleitungen zu den einzelnen Teilen. Hier erfährt man viel über Humboldts Vorläufer und Quellen und zum Stand der damaligen Sprachwissenschaft. Auch die Kämpfe und Meinungsverschiedenheiten der einzelnen Wissenschaftler sind dokumentiert. Das Buch ist eine wahre Fundgrube für jeden, der sich mit der Grammatik der alten nordamerikanischen Völker befassen will. Allerdings maße ich mir nicht an, dass ich jetzt einen Mohikaner auf Mahican nach dem Weg fragen könnte, wenn ich mich in der Gegend verfahren habe. Jedenfalls hat Micaela Verlato eine wahre Herkulesaufgabe bewältigt, als sie dieses Buch herausgab. Es handelt sich um eine erweiterte Ausgabe ihrer Doktorarbeit. Sie hat die alten spröden Humboldt-Texte sehr gut lesbar gemacht, aufgeschlüsselt und präsentiert. Fast bin ich versucht zu sagen, die Einleitungen sind an diesem Band wichtiger als die Schriften Humboldts selbst.

 

Martin Bolik: Die Sage vom Zauberkoch
Der Zauberkoch und seine Abenteuer – eine Geschichte, die den Wiedelaher Hörspielmacher Martin Bolik schon seit Jahren begleitet. Jetzt gibt es die Erlebnisse mit dem „Schatten der Traumlosen“ als aufwendig produziertes Hardcover-Buch mit viel Gelegenheit zum Mitmachen und Selbst-Herausfinden für junge Leser. Das Besondere an dem Buch: Per QR-Code können die Leser die Geschichte auch als „Kino für die Ohren“ miterleben, denn das dreistündige Hörspiel gibt es kostenlos mit dazu.
Martin Bolik erzählt eine Geschichte, die er einst zusammen mit seiner Mutter Erika entwickelt hat. Das Buch kommt daher als eine Art Logbuch. Der Ich-Erzähler ist ein junger Zauberkochschüler, der nun seine letzte Reise vor sich hat, gewissermaßen eine Abschlussaufgabe seiner Schule. Und so macht er sich auf die Suche nach der wundersamen Blume „Siebenmalschnell“.
Zauberköche sind Geschichtenerzähler, daher lernt auch dieser junge Vertreter der Zauberkochgilde viel Märchen- und Sagenhaftes kennen, erlebt schöne und weniger schöne Träume und begegnet zauberhaften Gestalten. Vor allem sollen ihre Geschichten helfen gegen ein Wort, das die Fantasie verfinstert und die Kreativität lähmt. Das furchtbare Wort, das zunächst nur verschlüsselt als „Gnast“ bezeichnet wird, später aber ganz unverhüllt als „Angst“ angesprochen, legt sich manchmal als Schatten über die Welt des Helden. „Manchmal entschlüsseln sich auch schlimme Wörter in Erzählungen“, heißt es in der Sage vom Zauberkoch. „Das macht aber nichts Schlimmes mit euch, sondern es macht euch stärker mit ihnen umzugehen und sie sogar für euch zu nutzen.“
Manchmal sind es gar nicht die großen fantastischen Zaubergestalten, die den Ich-Erzähler begeistern. Mit sehr viel Liebe kann er ein Wolkentheater schildern, das sich ihm darbietet: eine Pferdewolke mit Horn auf der Stirn, gefolgt von einer Schlangenwolke mit Horn und Krallen, Vogelwolken mit viel zu langen Beinen, einer Kamelwolke mit zwei Hälsen und zwei Köpfen, schließlich einem Engel, der rückwärts läuft ... Die Leser begleiten den Helden durch einen Wanderwald, durch ein Regenbogentor, erleben einen tiefen Fall und werden nur durch einen reimerisch herbeigezauberten Teller vor dem Aufprall bewahrt.
Der junge Zauberkoch verliert sein Gedächtnis, vergisst seine Aufgabe. Aber er kann eine Eishexe vor dem ewigen Frost retten. Er lernt eine philosophische Möwe kennen, trifft literarische Figuren wie Huckleberry Finn und Winnetou oder die Piraten aus der „Schatzinsel“ – und immer wieder legt sich der Schatten der Traumlosen über ihn, dem er mit Mut und Geschichten begegnen muss.
Außer der Erzählung ist unbedingt die zauberhafte Aufmachung des Buchs hervorzuheben. Der stabile, ordentlich gebundene Hardcover-Band enthält in Schreibschrift auf Linien, wie in einem Logbuch, die Geschichte. Dazu gibt es Bilder, gemalt und fotografiert, sowie weitere Schmuckelemente. Für die jungen Leser sind im Buch auch frei gelassene Bilderrahmen enthalten als Platz für eigene Bilder, Ideen und Erinnerungen. An vielen Stellen sind geografische Koordinaten abgedruckt. Wer einen Atlas zur Hand hat, kann nachgucken, wo sich der Zauberkochschüler gerade aufhält.
Im Anhang sind mehr oder weniger hilfreiche Zauberkochregeln enthalten, nur eine Auswahl, wie der Verfasser betont: „Einige müssen geheim bleiben!“ Da heißt es unter anderem: „Freiheit entsteht in den Gedanken. Sind derer zu viele, blende sie einfach aus – mit einem Gedanken an etwas blendend Schönes.“
Wer das Buch um 180 Grad wendet und von hinten mit dem Lesen beginnt, findet dort die gesammelten Zauberkochrezepte von Erika Bolik, darunter „Kraut und Rüben“, „Klopfsalat für müde Geister“, „Energiepuffer“, die allesamt nicht zum Verzehr bestimmt sind. Aber die Leser erfahren auch, wie man Zauberwurz-Majoran-Brot zubereitet, welche Zutaten man für den „Salat des ewigen Sommers“ benötigt und woraus die „Waldläuferspeise mit Minze“ besteht.
Das Hörspiel wurde bereits im Jahr 2015 erstmals gesendet. Da es die CD inzwischen nicht mehr gibt, veröffentlichte Bolik jetzt in limitierter Sonderauflage die Geschichte neu mit der kostenlosen Downloadmöglichkeit. Wer den QR-Code scannt, erhält so drei Zauberkochstunden als Ohrenkino.
Der Zauberkoch kann nächstes Jahr seinen zehnten Geburtstag feiern. Hörspielmacher Bolik fasst die Geschichte durchaus als ein Lebenswerk auf. Zum zehnten Geburtstag will er im Frühjahr 2025 auf der Leipziger Buchmesse den „kleinen Bruder“ des Zauberkochs vorstellen: Dann präsentiert er die zweite Staffel von „Luke Wild und die Brockenbande“. Es wird zwölf neue Folgen geben, der Arbeitstitel lautet: „Abenteuer im Selketal“.

 

 

August

 

Bessy 80: Die Höhle von Krotax
Bessy und Andy retten einen Treck, der von Kiowas überfallen wird. Dabei setzt Andy Pyrotechnik ein, sprich: Bessy schleicht sich an die Kiowas und verteilt Dynamitstangen mit brennender Lunte. Nicht ganz die feine englische Art. Im Treck gibt es dann mächtig Ärger mit einem Scout, der den an Krücken gehenden Benny als Krüppel verhöhnt. Als das von einigen Treck-Angehörigen gefundene Gold gestohlen wird, fällt der Verdacht auf Benny. Andy, Bessy und Schneller Hirsch bieten sich an, den wahren Dieb zu finden und das Gold zurückzubringen. Doch es liegt versteckt in einer Coyotenhöhle, und die Zeit verrinnt, bis die Männer Benny ... Ja, was eigentlich? Werden sie das Kind töten? Oder "nur" verprügeln?
Als Nachwort gibt es - schon wieder - einen Text über den genialen Cover-Künstler Klaus Dill und seine berühmten Filmplakate. Ja, Ehre, wem Ehre gebührt, ich liebe seine Kunst ja auch. Aber das ist schon mindestens das dritte Nachwort, das Klaus Dill, den großen Plakatkünstler, feiert. Ich hatte es schon beim ersten Mal kapiert.

 

Michael Böhnhardt: Die kybernetischen Gärten von Babylon

 

Paul Gallico: Love of seven dolls
Paul Gallico: Die Liebe der kleinen Mouche
Paul Gallico: The Man who hated People
Kennt ihr den Film "Lili" mit Leslie Caron und Mel Ferrer? Es ist die Geschichte einer jungen, etwas naiven Frau, die völlig verloren ist und Selbstmord begehen will, aber in letzter Sekunde von einer Handpuppe in einem Jahrmarktstheater angesprochen wird. Es entwickelt sich ein derart lebendiger Dialog zwischen ihr und den vier Puppen, dass die Schausteller allesamt begeistert applaudieren. Paul, der Puppenspieler, engagiert die Frau. Ihre Aufgabe: Jedesmal zur Vorstellung einfach am Theater vorbeigehen und dann auf die Puppen reagieren. Bald sind Lili und die Puppen eine Weltsensation. Der Puppenspieler allerdings hockt im Dunkel hinter dem Vorhang, und Lili kapiert bis kurz vor Schluss überhaupt nicht, dass die Puppen gar nicht lebendig sind und dass er dahinter steckt. Der Mann ist allerdings ebenfalls etwas seltsam. Er war einmal ein berühmter Tänzer, musste jedoch aufgrund einer Verletzung die Tanzkarriere aufgeben. Das machte ihn zu einem zynischen, verbitterten Mann, der nicht fähig ist, Gefühle für andere Menschen zu zeigen. Seine Emotionen flossen quasi in die Puppen. Eine sehr merkwürdige Liebesgeschichte, bei der zwischen beiden immer der Vorhang der Puppenbühne hängt. Besonders im Gedächtnis geblieben waren mir das Lied, das Lili mit den Puppen singt: "Hi Lili, hi-lo" und die Tanzszene am Schluss, als Lili mit den Puppen tanzt, und jede verwandelt sich am Ende in Paul.
Ich habe mir im Sommer den Film auf DVD gegönnt. Dieses bleiche, leere Gesicht von Mel Ferrer hinter dem Vorhang, bei dem man gleichzeitig sah, dass darunter etwas erwachte, das war einfach genial.
Danach habe ich mir das Buch "Love of seven Dolls angeschafft, und kurz darauf fand ich auch die deutsche Fassung "Die Liebe der kleinen Mouche", beide antiquarisch. Schließlich fand ich auch den Band mit den Kurzgeschichten, der die Geschichte "The Man who hated People" enthielt ("The Saturday Evening Post Storys 1950"). Die Kurzgeschichte ist die Vorlage, nach der der Film entstand, Die Novelle hat der Autor erst nach dem Film verfasst, wegen des großen Erfolgs.
Sehr interessant ist, dass Gallico von sieben Puppen ausgeht, also die Seele des Puppenspielers sozusagen in sieben Aspekte zersplittert. In der Novelle ist die Sonderbarkeit des Mannes noch deutlicher herausgearbeitet. So fungiert der Karottenkopf "Carrots" (in der deutschen Synchronisation "Kartoffelkopf") nach außen hin als Leiter des kleinen Puppentheaters. Wenn ein Veranstalter die Bühne buchen will, steht er vor dem Vorhang, verhandelt mit dem Karottenkopf, bis dieser dann seine Zustimmung erteilt. Die Puppe nimmt dann den Vertrag entgegen, taucht kurz ab und überreicht dem Kunden dann den unterschriebenen Vertrag. Der Puppenspieler selbst hockt im Dunkeln und ist auch nach außen sonst kaum sichtbar. Er ist auch viel destruktiver und böser als im Film. Im Film habe ich ihm schon die Ohrfeige gegen Lili übel genommen, als er sie von dem Zauberer fernhalten wollte. Wobei er dem Mädchen gegenüber sonst gar nicht feindselig auftrat, nur eben schweigsam und emotionslos. Im Buch ist er geradezu aggressiv, fühlt sich durch ihre Unschuld herausgefordert, gar bedroht, schließlich vergewaltigt er sie sogar, kann aber weder ihr naives Wesen zerstören, noch ihre Liebe zu den Puppen - und die Liebe der Puppen zu ihr ...
In der Kurzgeschichte gibt es diese Vergewaltigung nicht. Und interessanterweise geht es hier nicht um einen Jahrmarktspuppenspieler, sondern um eine sehr erfolgreiche Fernsehshow. Die Geschichte spielt am letzten Tag der Show. Das Mädchen hat sich entschlossen, ihren Vertrag zu kündigen und zu heiraten. Es gibt eine Abschiedsvorstellung. Aber dann erkennt die junge Frau, dass sie den Puppenspieler liebt. Jedenfalls war es in allen Versionen eine faszinierende Geschichte ...

 

Felix Woitkowski: E/Meth

 

Michael Böhnhardt: Im dunklen Buch des Anbeginns

 

Kerstin Groeper: Adlerkralle. Der Indianer-Junge und sein Wolf

 

H. G. Wells: Die Zeitmaschine (Reclam)
Schön gestaltete Taschenbuchausgabe, kommentiert und mit einem lesenswerten Nachwort. Den Film kennt wahrscheinlich jeder. Die Geschichte einer Zeitreise in eine Zukunft, in der die wunderschönen Eloi sorglos und wie im goldenen Zeitalter leben. Jedenfalls auf den ersten Blick sorglos. Denn da sind noch die Morlocks, hässliche affenartige Wesen, die im Dunkel unter Tage hausen. Und warum die Eloi das Dunkel fürchten, wird bald klar. Denn im Dunkeln kommen die Morlocks nach oben und holen sich ein paar der saftigen jugendlichen Eloi zum Fressen. Der Film ist recht nahe am Buch geblieben. Das Buch schildert das Prinzip, nach dem die Zeitmaschine funktioniert (vierte Dimension) etwas ausführlicher und ist reicher an Spekulationen und Interpretationen, die der namenlose Zeitreisende über die Welt der Eloi und Morlocks anstellt. Sehr ausführlich wird darüber gesprochen, dass die Morlocks die Nachkommen der Arbeiterklasse sind, die im Dunkel haust, sich aber letztendlich zum Herrn der ehemaligen Oberschicht gemacht hat.
Im Film kamen mir die Eloi auch nicht ganz so verblödet und degeneriert vor. Im Buch sind sie zwar schön, aber von einer gewissen hohlen, seelenlosen Schönheit.

 

Truman Capote: Frühstück bei Tiffany
Holly Golightly, Partygirl, pleite und mit unwiderstehlichem Charme ausgestattet, nimmt das Leben leicht und lässt sich nicht unterkriegen. Sie verdreht ihrem Nachbarn den Kopf, besucht gegen Geld regelmäßig einen Mafiaboss in Sing Sing, hat ihren ersten Mann verlassen und will nun einen reichen Brasilianer heiraten Und wenn alles schief läuft und ihr Leben aus den Fugen gerät, dann hilft nur eins: ein Frühstück im Juweliergeschäft Tiffany. Sehr leicht und locker geschrieben, schwerelos und zauberhaft.

 

Friedrich Dürrenmatt: Die Physiker
Drei Physiker in einer psychiatrischen Klinik. Einer hält sich für Einstein, einer für Newton, der dritte heißt Möbius und hat die Weltformel entdeckt und erzählt davon, dass ihm König Salomo erscheint und mit ihm spricht. Aber: Keiner der drei Männer ist wirklich irre. Möbius spielt den Verrückten, um seine Weltformel zu schützen. Denn wenn die in die falschen Hände gelangt, droht die Vernichtung der gesamten Menschheit. Einstein und Newton sind Geheimagenten im Dienst zweier konkurrierender Mächte, die beide die Formel haben wollen. Und dann werden immer mehr Krankenschwestern im Heim ermordet ... Bitterböse, aber auch sehr weitsichtig.

 

Hundertwasser: Scheißkultur (Sukultur)
Zufallsfund in der Buchhandlung der Autoren am Berliner Savignyplatz. Ein kleines Heft im Reclamformat nur etwas dünner. Hundertwasser macht sich Gedanken über die "heilige Scheiße", über Stoffwechsel, Kläranlagen und den Bau einer Humustoilette. Interessant, aber nicht unbedingt appetitlich.

 

Etel Adnan: Schreiben in einer fremden Sprache (Sukultur)
Beeindruckend, in welchen Sprachenkosmos diese Frau hineingeboren wurde. Geboren 1925 in Beirut, Libanon. Die Mutter Griechin aus Smyrna, die bis zum 12. Lebensjahr eine französische Klosterschule besucht. Der Vater Araber aus Damaskus, Syrien, der mit zwölf Jahren zur Militärakademie nach Istanbul ging, ausgebildet in Türkisch, Deutsch und Französisch, zuvor auf der Koranschule war die Unterrichtssprache Arabisch. Zu Hause wird Türkisch gesprochen, in der Schule Griechisch. Briefe aus dem Krieg schreibt der Mann manchmal auf Französisch. Auch die Tochter besucht eine französische Klosterschule. Später ist der Vater ärgerlich, dass die Tochter kein Arabisch sprich. Die Mutter lakonisch: "Warum bringst du es ihr dann nicht bei?" Ein sehr spannender, flüssig zu lesender autobiografischer Essay über die Sprachen - und über den Versuch, im Arabischen Fuß zu fassen. Ganz klappt es nicht. "Arabisch ist für mich ein verbotenes Paradies geblieben", heißt es am Ende.

 

Wolfgang Müller: Die Nachtigall von Reykjavík (Sukultur)
Der Gesang der Nachtigall gilt als wunderschön. Aber sind es nicht furchtbar dämliche Vögel? Darauf lässt zumindest das Experiment schließen, bei dem eine Nachtigall immer wieder mit einem Mehlwurm in einen Käfig gelockt werden kann, auch wenn sie es inzwischen kapiert haben müsste, dass hinter ihr immer die Falle zuschnappt. Wolfgang Müller geht in diesem Essay nicht nur dem Phänomen des Nachtigallengesangs (tagsüber Reviermarkierung, nachts Brautwerbung) nach, er schildert auch einige interessante Kuriositäten über den Gesang anderer Vögel. Da sollen Stare auf der norwegischen Insel Hjertøya die Ursonate von Kurt Schwitters singen. Schwitters habe dort ab 1932 mehrfach Urlaub gemacht und dort auch seine Ursonate vorgetragen, was sich die klugen Vögel offenbar angeeignet und über Generationen weitergegeben hätten. Schwitters' Verlag verstand damit keinen Spaß und reagierte ausgesprochen aggressiv auf eine CD, die diesen Starengesang dokumentierte. Island jedenfalls, so ist zu erfahren, ist eine völlig nachtigallenlose Insel. Eine Amsel gilt dort als Wunder, und als sich dort 15 Spatzen niederließen, war es eine kleine Sensation. Interessantes, lesenswertes Büchlein für zwischendurch.

 

Tanja Kollodzieyski: Ableismus (Sukultur)
Ein Aufsatz darüber, wie es ist, Menschen nach ihren Fähigkeiten beziehungsweise ihrem Nicht-Können zu kategorisieren, und darüber, was das mit einem Menschen macht, der eine Behinderung hat. Es geht um Ausgrenzung, um institutionelles und gesellschaftliche Kleinhalten von Menschen, bis sie sich am Ende selbst unfähig fühlen und diese Einschätzung verinnerlicht haben. Eine Rampe ist noch keine Inklusion, stellt die Autorin klar. Sie macht deutlich, dass ein solches ableistisches Denken und Handeln überwunden werden muss. Die Frage ist halt: Wie?

 

 

Hörspiel

 

Kira Kolumna 7: Im falschen Film
Aufregung in Südberg: Eine Episode der von allen Teenys geliebten Seifenoper "Drama and Dreams" soll in der Stadt gedreht werden. Und - wow! - für Fans gibt es die Möglichkeit in einer kleinen Rolle mit dabei zu sein. Klar, dass Nele unbedingt zum Casting will. Und ebenso klar, dass Jung-Reporterin Kira unbedingt für den Südberger Boten über das Casting berichten muss. Allerdings erscheint Makeup-Künstlerin Nele geschminkt wie ein Indianer auf dem Kriegspfad, während die natürliche und locker quasselnde Kira dem Regisseur wesentlich besser gefällt. Und dann ist da auch noch die von allen Schülern vergötterte Hauptdarstellerin Mareike. Ein widerliches Fressen oder ein toller Kumpel? Sie scheint zwei Gesichter zu haben. Als dann Kira sich wegen eines vertauschten Drinks im Zentrum eines Shitstorms wiederfindet, als ein Foto von Lars und Mareike in den sozialen Medien unter der Überschrift "Spannt Mareike der Neuen den Freund aus?" zu finden ist und jeder Schritt zu Hetze und Hechelei in der Junior-Klatschpresse hochgekocht wird, scheint den Freunden das Showgeschäft nicht mehr ganz so erstrebenswert ...
Hektisch, turbulent, schön auf die Spitze getrieben. Ich habe zwar als Kind nie von einer Filmrolle geträumt, aber hier werden Teenagerträume wahr. Und Albträume.

 

Kira Kolumna 8: Spuk im Kopf
Kira bekommt den Schock ihres Lebens, als sie nach Hause kommt und plötzlich die Exfreundin ihres Vaters unter der Dusche entdeckt. Xara ist Klangkünstlerin und stellt in Südberg aus. Für die Dauer der Ausstellung will sie beim ihrem Ex Johannes wohnen, und der zerstreute Matheprofessor hat es mal wieder total vergessen, seine Tochter zu informieren.
Xara verhält sich ausgesprochen übergriffig und verrückt erstmal die Möbel. Sie dekoriert die Wohnung um und benutzt, ohne zu fragen, Kiras Zimmer. Was Kira außerdem auf die Palme bringt: Die Frau wickelt all ihre Freunde mit Leichtigkeit um den Finger. Lars zum Beispiel ist hin und weg von ihren Soundeffekten, und Laura freut sich über Xaras tolle Ideen für die geplante Halloweenparty. Sogar die alte Frau Machnikowski ist begeistert von der Ausstellung. Kira wird immer wütender und findet sich schließlich komplett isoliert. Als sie dann auch noch ein Telefonat Xaras belauscht, in der diese sagt, das "kleine Problem" ließe sich rasch lösen, und dann auch noch ein Flyer eines Internats in der Wohnung auftaucht, ist für Kira der Fall klar: Xara will sich Johannes zurückholen, mit ihm in trauter Zweisamkeit leben und Kira in ein Internat abschieben. Oder ist doch alles nur ein "Spuk im Kopf"? Sehr dichte, atmosphärisch gelungene Folge, in der man förmlich spürt, wie sich die Schlinge um Kiras Hals immer enger zusammenzieht. Daumen nach oben.

 

 

September

 

Jean Webster: Daddy Langbein
Kinderbuch-Klassiker in der Reihe "Dressler Kinder-Klassiker", aus der ich schon eine ganze Menge Pflicht-Kinderbücher habe. Dieses ist mir immer irgendwie durchgerutscht, aber jetzt habe ich es antiquarisch gefunden. Es ist ein Briefroman, in dem die junge Waise Jerusha Abbott ihrem unbekannten Förderer über den Gang ihrer Ausbildung erzählt. Jerusha hat ein Stipendium der ungewöhnlichen Art erhalten. Ein Gönner des Waisenhauses, der anonym bleiben möchte, finanziert ihr den College-Aufenthalt. Einzige Bedingung: Sie soll ihm regelmäßig Briefe schreiben und über sich und ihre Schulzeit erzählen. Ein ausgesprochen freundliches, liebenswertes und trotz seines Alters frisch gebliebenes Kinderbuch. Nur die Leserin aus dem Jahr 2024 beschleicht doch ein etwas beklemmendes Gefühl. Da verlangt ein reicher älterer Herr, dass ein junges Mädchen ihm unbekannterweise brieflich ihr Herz ausschüttet. Hat das nicht etwas Voyeuristisches, wenn nicht sogar etwas von Kindesmissbrauch? Denn - Achtung, Spoiler! - dass die beiden sich am Ende in einander verlieben und heiraten, mutet doch schon seltsam an. Aber ich will niemandem das Buch madig machen, es ist schon bezaubernd.

 

Catrin Misselhorn: Künstliche Intelligenz und Empathie. Vom Leben mit Emotionserkennung, Sexrobotern Co. (Reclam)
Ich habe von der Autorin ja bereits das Reclamheft über KI in der Kunst gelesen. Nun also etwas über den Einsatz über KI im zwischenmenschlichen Bereich. Können diese künstlichen Intelligenzen Emotionen begreifen, gar selbst welche haben? Oder werden sie immer nur Daten auswerten und Gefühle diagnostizieren und vortäuschen können? Es gibt einige sehr interessante Bereiche, in denen KI schon sehr weit entwickelt ist. Ob empathische Pflegeroboter oder künstliche Sexualpartner, da gibt es offenbar schon eine ganze Menge Verwendungsmöglichkeiten. Ob das positiv ist oder negativ, darüber kann man trefflich streiten. Man sollte die Möglichkeiten in jedem Fall kennen und wissen, wie diese KIs ticken.

 

Veronika Bicker: Flucht durch den Weltenriss

 

Charles Dickens: Im Tunnel (Reclam)
Gruselgeschichte über einen Eisenbahner und ein Unglück mit Ansage. Immer wieder erlebt der Mann in Visionen einen schweren Unfall an seiner abgelegenen Station. Dann passiert tatsächlich ein Unglück, und das Opfer ist er selbst. Schöne, dichte Erzählung, gut präsentiert.

 

Bernd Erhard Fischer: Karl May in Radebeul
Hübsches, edel gestaltetes Heft mit vielen Fotos über Karl May und seinen Heimatort. Wenig Text, ein nettes Mitbringsel, 32 Seiten stark. Gewährt Einblicke in Mays Bibliothek, sein Arbeitszimmer und den Salon der Villa "Shatterhand", dazu einiges zur Biografie.

 

Robert Louis Stevenson: Der Selbstmordklub (Reclam)
Wer des Lebens überdrüssig ist, aber es aus irgendwelchen Gründen nicht fertig bringt, sich selbst ins Jenseits zu befördern, ist übel dran. Der eine ist wohl zu weich, der andere wird davon abgehalten, dass nach kirchlichem Dogma der Suizid die schwerste und einzig unsühnbare Sünde ist. Geradezu ein Segen mag da für viele der Selbstmordklub sein. Eine große Gruppe von Gentlemen bestimmt regelmäßig durch das Los, wer das neue Opfer und wer sein Mörder sein soll. Eine honorige Gesellschaft, die man gewähren lassen sollte? Mitnichten. Und so nimmt der Held dieser Erzählung den Kampf gegen die Machenschaften des Clubgründers auf.

 

Christiane Bürger und Sahra Rausch: Der Prozess. Wie der deutsche Völkermord an den OvaHerero und Nama nicht vor Gericht kam
Zweisprachiger Essay über einen Prozess, der geschickt vermieden wurde, Erschütternd, wie da immer wieder um Formulierungen gefeilscht, das offizielle Schuldeingeständnis vermieden wurde. Wie kann sich ein Staat wie meiner nur so verhalten? Gut aufgearbeitete Geschichte in einem auch optisch sehr ansprechend gestalteten Heft. Von der Künstlerin Tuaovisiua Betty Katuuo würde ich gern mehr sehen, dann gern auch in einem erfreulicheren Zusammenhang.

 

Mark Twain: Die schreckliche deutsche Sprache (engl./dt.)
Dieses Buch sollte jeder einmal gelesen haben, der sich mit der deutschen Sprache befasst. Mark Twain nimmt die Klippen und Windungen des Deutschen aufs Korn - und zwar so, dass auch wir Muttersprachler herzlich darüber lachen können. Lange Sätze, durch zahllose Nebensätze unendlich kompliziert gemacht, die Stellung des Verbs und die Trennung von Hilfsverb und Partizip im Perfekt und Plusquamoerfekt, sodass man erst am Ende des Satzes klar sagen kann, worum es eigentlich geht, dazu lange Substantiv-Zusammensetzungen mit theoretisch unbegrenzter Länge ... Das kann einen Nicht-Deutschen und sogar manchen Deutschen überfordern. Mark Twain lästert und spottet und verzweifelt, dass dem Leser die Lachmuskeln förmlich explodieren. Und er macht "Verbesserungsvorschläge", um diese vertrackte Sprache zu vereinfachen. Allerdings glaube ich nicht, dass sie jemals mehrheitsfähig werden. Unbedingt lesen und loslachen!

 

Hans-Martin Gutmann: Wir brauchen Väterlichkeit. Ein Plädoyer
Am Anfang steht die Empörung. Am Schluss der Aufruf zur Gründung einer neuen Bewegung. Und ganz am Ende ein beim Wort genommenes „Vaterunser“: Hans-Martin Gutmann, emeritierter Theologieprofessor mit Goslarer respektive Immenröder Wurzeln, hat mit „Wir brauchen Väterlichkeit“ ein Plädoyer für eine neue – oder doch schon althergebrachte und nun verschüttete? – Rolle des Mannes in Familie, Gesellschaft und Politik veröffentlicht. Ein Eintreten für fürsorgliche, verantwortungsvolle, auch zurückhaltende Männlichkeit, jenseits von Toxizität und Destruktivität.
„Ich bin empört und verzweifelt“, lautet der erste Satz des Vaters und Großvaters Gutmann in seiner Bestandsaufnahme der Gesellschaft in Deutschland, in Europa, in den Staaten des „Westens“. Eine von neoliberalen Ideologien geprägte Welt, die den Einzelnen auf seine Arbeitsleistung reduziert und entwertet. Rechtsextreme, die immer mehr Zulauf erhalten, SPD und Linke, die die Menschen nicht erreichen. „Ich merke, dass ich immer konservativer werde. Nicht im reaktionären Sinn“, stellt der Theologe fest. „Ich denke, wir brauchen einen nicht reaktionären, einen linken Konservatismus, um das Lebensgefühl der Leute zu erreichen.“ Oder: „Wir brauchen mehr Väterlichkeit.“
Elektrisiert habe ihn in jungen Jahren Alexander Mitscherlichs Buch „Die vaterlose Gesellschaft“. Aber es geht nicht um den Mangel an Vätern, sondern um Mangel an „Väterlichkeit“ als Lebensgefühl.
Was macht diese Väterlichkeit aus, die Gutmann vermisst, die er fördern möchte? Erinnerungen an den eigenen Vater, damals Grundschullehrer in Immenrode, bilden den Ausgangspunkt. Der Vater als Familienmitglied und Lehrer zugleich. Eine Doppelfunktion? Oder sind die wirklich guten Lehrer immer auf eine besondere Art „väterlich“? „Väterlichkeit gibt einer pädagogischen Beziehung eine bestimmte Atmosphäre. Eine Melodie. Eine Farbe. Einen Geruch. Eine Atmosphäre von Wertschätzung und Verantwortungsbereitschaft. Von Wärme. Von Liebe ...“, schreibt Gutmann. Seinen Vater schildert er als „sehr machtvolle, für seine beiden Söhne fast übermächtige Persönlichkeit“. Das ist kein Widerspruch zur liebevollen, fürsorglichen Haltung den Kindern gegenüber. Ein Vater, der da ist, der trösten kann, als der innig geliebte Schulbus „Balduin“ durch ein moderneres Gefährt ausgetauscht wird, der Geschichten und Bilder von Balduins Reisen erschafft, zu denen der vierrädrige Rentner nun Muße hat. Ein Vater, der den gehässigen Biologie-Lehrer am Ratsgymnasium, als dieser den Sohn niedermacht, derart zusammenfaltet, dass aus dem angedrohten Durchfallen im Abitur ein „sehr gut“ in der Übungsklausur wurde.
Gutmann sucht nicht nach Helikoptervätern. Sondern nach Männern, die sich nicht aufdrängen, die aber da sind, wenn ihre Kinder sie brauchen. Der Hauslehrer Bökh in Erich Kästners „Das fliegende Klassenzimmer“ etwa, von seinen Schülern mit dem Ehrentitel „Justus“ versehen, verkörpert für ihn diesen Idealtypus, oder auch der Lehrer Janusz Korczak, der die Kinder aus seinem Waisenhaus freiwillig ins Vernichtungslager begleitete, auch wenn dies seinen eigenen Tod bedeutete.
Gutmann selbst stilisiert sich keineswegs zum Supervater. „Ich habe nicht alles richtig gemacht. Ich habe vieles versemmelt. Manchmal auch schlimm“, schreibt er und gedenkt der Katastrophen, die er als größtenteils alleinerziehender Vater im zweijährigen Erziehungsurlaub angerichtet hat. Verletzungen der Tochter und auf dem Herd zerschmolzene Plastikfläschchen eingerechnet. Aber in massiven Konfliktsituationen habe er „schlicht das Glück gehabt, dass ich präsent sein durfte“.
Gutmann analysiert Vaterbilder in Disneyfilmen und anderen Klassikern, die das kollektive Familienbild prägten. Dumbledore als Ersatzvater für Harry Potter. Die Geschichte von Anakin und Luke Skywalker und den beiden Seiten der Macht.
Aber es geht nicht nur um Fantastik. Spätestens in der zweiten Hälfte seines Essays wird klar, dass es Gutmann auch oder hauptsächlich um aktuelle politische und gesellschaftliche Fragen zu tun ist. Klimazerstörung, Krieg, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, Hass und Hetze – all dies ist garantiert kein Ausdruck von positiver, zugewandter Väterlichkeit, sondern von Toxizität und Destruktion. „Dagegen gilt es aufzustehen“, fordert Gutmann.
Der Theologe, der sich zu einem „heilsamen Konservatismus“ bekennt, stellt klar, dass er mit der reaktionären Form des Konservatismus absolut nichts am Hut hat, die ein Familienbild propagiert, das den Vater von der häuslichen Arbeit und von der Beziehung zu den Kindern fernhält, oder das „Väterlichkeit verhindert, entwertet, lächerlich macht“. Als Gegner macht er vor allem die Strömungen des Nationalismus und des Neoliberalismus aus.
Gegen all das will er eine „Väterlichkeitsbewegung“ setzen, eine Gegenbewegung, eine Bewegung in Richtung Demokratie und Gerechtigkeit und für einen neuen, heilsamen Konservatismus. Und als stärksten Verbündeten führt er schließlich Jesus Christus an, der von Gott als „Abba – Vater, Väterchen, Papa“ sprach und der seine Anhänger beten lehrte: „Vater unser ...“
Das Buch ist alles andere als ein Elternratgeber und wird keinen Erzeuger zu einem besseren Vater machen. Aber darum geht es Gutmann auch gar nicht. Vielmehr geht es um eine Analyse gesellschaftlicher Probleme und Grundhaltungen und darum, toxische Strukturen sichtbar zu machen und zu bekämpfen. Rechtsextremismus wird nicht allein durch fürsorglichen und respektvollen Umgang mit den eigenen Kindern ausgehebelt. Aber ein bewussterer Blick auf die Gesellschaft und auf die eigene Haltung kann viel bewirken. Und wenn die neue Bewegung der Väterlichkeit wächst und viele Anhänger findet, schlecht wäre es sicher nicht.

 

 

Hörspiel

 

Kira Kolumna 9: Eingeschneit
Auf einer Klassenfahrt lernt man manchen Mitschüler ganz anders kennen, und manche blöde Tusse zeigt ein völlig unerwartetes, freundliches Gesicht. Kira und ihre Klasse fahren zum Skifahren in die Berge, und es ergeben sich neue Freundschaften beziehungsweise neue Gruppen formieren sich. Die eingebildete Saskia erweist sich als Ski-Ass, und da Kira und Lars ebenfalls auf den Brettern wie zu Hause sind, kommen alle drei in die Fortgeschrittenen-Gruppe, während Kiras beste Freundin Nele in der Anfängergruppe landet. Naturgemäß ist das Super-Trio nun häufiger zusammen unterwegs, und obwohl sich alle Mühe geben, Nele zu integrieren, ist sie dann doch manchmal "abgemeldet". Saskia entpuppt sich als toller Kumpel im Abenteuer, nur als ihre kostbare Kulturtasche verschwindet, wird sie aggressiv und ungerecht.
Schließlich wagen sich Kira, Lars und Saskia auf eine Tour zu einer Höhle, in der eine Art Schrat oder Schneemensch leben soll. Die Strecke ist zwar gesperrt, aber das hält die drei Ski-Asse nicht auf. Erst ein Schneerutsch, der sie in Höhle verschüttet, bremst die Abenteuerlust des Trios. Nun dreht Saskia vor Panik beinahe durch. Was sie bisher niemandem verraten hat: Sie ist Diabetikerin und läuft Gefahr zu unterzuckern. Wenig später wird sie ohnmächtig ...
Spannende Folge, die die zickige Saskia mal von einer anderen Seite zeigt. Wenn mir auch ihr hysterisches Over-Akting in der Höhle etwas auf den Zwirn ging. Man kann auch ruhig sterben. Aber trotzdem: Sehr gut gemacht und sehr spannend.

 

Kira Kolumna 10: Abgetaucht
Oweh, die letzte Mathearbeit steht an, und für einige hängt von dem Ergebnis die Versetzung ab. Nele ist besorgt. Aber ganz besonders steht Lars auf der Kippe. Dem armen Lars fliegen in dieser Zeit die Vorurteile und Klischees nur so um die Ohren. Vater: Ausländer und abgehauen. Mutter: alleinerziehend. Sohn mit dunklem Teint. Computerspieler. Männlich, also kommunikationsunfähig. Boah, kein Wunder, dass er irgendwann austickt und abhaut. Dabei haben Nele und Kira so einen tollen Plan für die Mathearbeit geschmiedet. Schließlich ist Kiras Vater Matheprofessor und könnte Lars ein bisschen auf die Sprünge helfen. Man lernt in dieser Folge etwas über Potenzrechnen und darüber, dass Katzen die Geschmacksrichtung "süß" nicht wahrnehmen können. Nutzloses Wissen, aber hochinteressant.

 

Weiterer Jahresrückblick
Teil 1 - Januar bis März 2024
Teil 2: April bis Juni 2024
Teil 4: Oktober bis November 2024
Teil 5: Dezember 2024

 

© Petra Hartmann




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Jahresrückblick 2024: Teil 2 - April bis Juni

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 29 Dezember 2024 · 1.011 Aufrufe
Jahresrückblick

Willkommen zu Teil zwei meines Rückblicks auf mein Lese-Jahr 2024. In den Monaten April, Mai und Juni waren ziemlich viele Hörbücher und Hörspiele dabei. Ich habe meine alte ???-Sammlung wieder hervorgeholt, außerdem etwas Gruseliges und etwas von Karl May gehört. Meine große Entdeckung war die Hörspielserie "Kira Kolumna", die Abenteuer einer 16-jährigen Bloggerin, die um drei Ecken mit der rasenden Reporterin Karla Kolumna verwandt ist. Kinderhörspiele, die auch für Kinder jenseits der 50 geeignet sind. Dazu gab es Tierbücher (Ratten und Ponys), Indianerliteratur, May-Pastiches, Comics, Klassiker, Antikes und Goslaria. Recht wenig Phantastik diesmal, im nächsten Quartal wird das wieder mehr.

 

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

 

 

April

 

Karin S. Wozonig: Ratten. Ein Porträt
Hübsches, in edles Rattengrau gebundenes Büchlein, das sich einem der meistgeschmähten Nagetiere der Welt widmet. Die Verfasserin ist eine bekennende Rattenliebhaberin und so ist diese kleine bibliophile Kostbarkeit auch eine ganz große Liebeserklärung an die kleinen Tierchen geworden. Man erfährt etwas zur Biologie und Mythologie, hört vom Sozialverhalten und der Intelligenz der Ratten und auch davon, was man beachten muss, wen man eine Ratte als Haustier halten will. Kurzporträts verschiedener Rattenarten - wie Hausratte, Wanderratte, Waldratte, Schweinsnasen-Spitzmausratte oder Sulawesi-Schlankratte - runden das Büchlein ab.
Es ist nicht ganz so zauberhaft und magisch wie das im gleichen Verlag erschienene Algen-Büchlein, das mich im vergangenen Jahr so begeistert hatte, aber auf jeden Fall ein hochinteressantes, liebens- und lesenswertes Buch.

 

Frank Elstner: Frances Densmore: "Ich hörte eine indianische Trommel"
Kleiner, knapp 50 Seiten starker Essay über die Ethnologin und Musikwissenschaftlerin, die mit ihrem Phonographen loszog und indianische Gesänge aufzeichnete und die Liedtexte dokumentierte. Erzählt wird etwas über ihre Arbeitsweise und darüber, wie sie das Vertrauen der alten Häuptlinge in den Reservationen gewann. Reich bebildert. Mit Notenbeispielen und Briefzitaten. Ich hatte es auf der Leipziger Buchmesse zusammen mit ihrem Buch "Die Lieder der alten Lakota" beim Palisander-Verlag erworben. Ein sehr knapper, aber gut lesbarer Einstieg in die Arbeit Densmores.

 

Sarah Gutmann: Pony-Power

 

Angeline Boulley: Warrior Girl Unearthed

 

Rolf Ulrici: Tom und der Lachende Fuchs
Kinderbuch, das ich Anfang der 80er mal gelesen hatte. Jetzt fiel es mir in einem Antiquariat in die Hände, da hab ich es mitgenommen. Erzählt wird die Geschichte eines Jungen aus Deutschland und eines etwa gleichaltrigen Indianerjungen, dessen Stammeszugehörigkeit nicht erwähnt wird. Die Zeit der Indianerkriege ist vorbei, die Familienangehörigen des Lachenden Fuchses leben recht friedlich neben der Ranch, auf der Tom zu Gast ist, allerdings ist noch einiges Misstrauen und sehr viel Zurückhaltung vorhanden. Tom lernt von seinem neuen Freund Anschleichen und Reiten. Dann kommt es zu Rivalitäten mit einer Bande von weißen Jungen. Und der Lachende Fuchs soll in ein Internat gesteckt werden. Aber was wird dann aus seinem Pferd ...?

 

Anna Nerkagi: Weiße Rentierflechte
Der erste ins Deutsche übersetzte Roman einer nenzischen Autorin. Es erinnert ein bisschen an Juri Rytchëu. Die Nenzen sind, ähnlich wie die Tschuktschen, Rentiernomaden und leben im Norden Sibiriens. Die Autorin erzählt von einem jungen Mann namens Aljoscha, der nur eine einzige Frau liebt, die Tochter des alten Petko. Doch die ging fort und wird auch nicht wiederkommen. Nun liegen ihm seine alte Mutter und die Stammesgenossen in den Ohren: Er soll endlich heiraten und die Tradition fortsetzen, das Volk erhalten und vor allem eine junge Frau zu sich nehmen, die seine alte Mutter bei der Arbeit unterstützt ... Aljoscha sondert sich ab, ist verstockt. Und als man ihn schließlich zur Heirat mit einer anderen Frau zwingt, weigert er sich, die Ehe zu vollziehen.
Ein wunderbarer Roman, in dem man das Knirschen des Eises und den Geruch der Rentiere spürt, eine harte Geschichte ohne Kitsch und Pastelltöne. Sehr gut, von dieser Autorin möchte ich mehr lesen.

 

 

Hörspiele

 

Die drei ???, Folge 1: Der Superpapagei
Ich habe im Keller meine alte Drei-Fragezeichen-Sammlung wiederentdeckt, vier Schuhkartons mit Cassetten aus der Cassettenkinder-Zeit. Da musste ich mir einfach den Superpapagei nochmal reinziehen. Kann die Geschichte fast auswendig mitsprechen. Der dicke Mister Claudius auf der Jagd nach den Papageien. Schneewittchen und Sherlock Holmes, Robin Hood und vor allem Blackbeard mit seinen Sprüchen. Der erste Auftritt des gepflegten Gentleman-Meisterdiebs und Kunstexperten Hugenay. Morton und der Rolls Royce. Die erste Telefonlawine. Und Justus Jonas als brillanter Kopf des Ganzen. Einfach ein spezialgelagerter Sonderfall.

 

Kira Kolumna 1: Umzugsalarm
Meine neue große Liebe am Kinderhörspielhimmel. Kira Kolumna ist um drei Ecken herum verwandt mit der rasenden Reporterin Karla Kolumna aus den Benjamin-Blümchen- und Bibi-Blocksberg-Hörspielen. Sie ist Bloggerin, knüpft aber auch, sobald sie in eine neue Stadt kommt, Kontakte zur Lokalpresse. Und in neue Städte muss sie oft umziehen, denn ihr Vater Johannes ist Matheprofessor und international gefragt. Wenn er an eine neue Uni berufen wird, heißt es für Kira jedesmal: Umzugsalarm. Ihr Freundeskreis bleibt dann zurück, Verbindung kann sie meist nur noch über das Blog halten.
In Folge eins kommt Kira aus Madrid nach Südberg in Deutschland. Hier wohnt sie über dem Laden von Laura und freundet sich mit deren anfangs noch wenig begeistertem Sohn Lars an. Zusammen schaffen die beiden es dann auch schon, eine Einbruchsserie in der Nachbarschaft aufzuklären.
Sehr spannend erzählt, etwas schneller als die Bibi- und Benjamin-Abenteuer meiner Kindheit, poppig, peppig und auch für alte Leute wie mich ein echter Genuss. Und als ich meiner Nichte (11) den ersten Teil schenkte, war sie ebenfalls begeistert und hat jetzt auch schon über zehn Kira-Hörspiele intus. Also: Von uns beiden gibt es zwei Daumen nach oben.

 

Kira Kolumna 2: Plötzlich beliebt
Kira kommt nach dem Umzug in ihre neue Schule. Hier lernt sie ihre neue beste Freundin Nele und die eitle aber superbeliebte Angebertussi Sakia kennen, die einen superstarken Account betreibt und von ihren Reiseabenteuern erzählt. Saskia ist viel mit ihren Eltern unterwegs und jettet fast jedes Wochenende in eine andere coole Stadt. Allerdings hat aktuell gerade Kiras Freundin Nele den totalen Höhenflug mit ihrem Online-Account: Sie postet ein Selfie, das sie mit einem der angesagtesten Musik-Stars in der Eisdiele zeigt. Mehr noch: Sänger Jannis habe sie engagiert für den Dreh seines nächsten Musikvideos.
Da passt es recht gut, dass das neue Projektthema der Klasse "Social Media" lautet. Kira und ihr Team setzen sich mit dem Thema Schein und Sein im Internet auseinander und berichten schließlich ihrer Klasse Schockierendes über Fake News und die Wahrheit dahinter ...
Einfach gut gemacht, tolles Thema und super erzählt.

 

Die drei ???, Folge 2: Der Phantomsee
Eine alte Seemannstruhe, ein Schiffswrack, Hinweise auf einen versteckten Schatz - und immer wieder taucht der zwielichtige Java-Jim auf. Dazu Bobs Recherchen in der Bibliothek, eine Geisterstadt und die unheimliche Insel mit der Zypresse im Nebel ... Einfach alles, was ein ???-Hörspiel braucht.

 

Sherlock Holmes & Co.: Heim der Phantome
Eine Frau möchte ihren Vater in einem Seniorenheim besuchen. Doch der alte Mann ist nicht da. Wenig später teilt man ihr mit, er sei plötzlich verstorben. Warum waren seine Briefe in der letzten Zeit so seltsam? Und warum verschwinden immer wieder Bewohner des Heims? Die Ermittlungen der Tochter fördern Grauenhaftes zutage - und sind lebensgefährlich.
Sehr dichtes, atmosphärisches Gruselhörspiel, das man nicht unbedingt allein zu Hause hören sollte ...

 

Sherlock Holmes & Co.: Der Wiedergänger
Ein Häftling ersinnt eine makabere Möglichkeit, aus dem Gefängnis zu türmen. Die Wachen stehen vor einem Rätsel. Ist er mit dunklen Mächten im Bunde? Auf dem Friedhof jedenfalls gibt es in der Nacht Gruseliges zu beobachten.
Erzählerisch und akustisch vom Feinsten. Sehr gut gemacht.

 

 

Mai

 

Thorgals Jugend 11: Grym

 

Catrin Misselhorn: Künstliche Intelligenz - das Ende der Kunst? (Reclam)
Ist das eigentlich noch Kunst, wenn es von einer Maschine gemacht ist? Wer hat die Urheberrechte? Und wie verändert sich unsere Bewertung des Schaffensprozesses? Ein paar hochinteressante Gedanken über KI-Kunst, ihre Geschichte und ihre Einordnung. Spoiler: Das "Ende der Kunst" wurde schon oft beschworen, ist aber wohl auch im KI-Zeitalter noch nicht gekommen. Aber gruselig ist es trotzdem, vor allem der Blick auf das erste KI-Bild war ausgesprochen verstörend.

 

Yoko Tsuno Sammelband 9: Geheimnisse und böser Zauber
- Die Dienerin Luzifers
- Der Amethyst
- Khanys Geheimnis

Erneut ein sehr schöner Hardcoverband mit viel Zusatzmaterial, diesmal vor allem mit Zeichnungen der zahlreichen Flugzeugtypen, die in den Alben eine Rolle spielen. Der Titel "Geheimnisse und böser Zauber" erschließt sich mir mal wieder nicht. Zauber kommt in dieser Serie eigentlich gar nicht vor, nur Technik und Naturwissenschaft. Aber okay, die Geschichte um die "Dienerin Luzifers" hat auch mittelalterlichem Aberglauben zum Thema, das mag als "böser Zauber" durchgehen. Album eins und drei sind Geschichten über Yokos Freunde vom Planeten Vinea, der mittlere Band enthält eine Zeitreisegeschichte. Warum man diese mit den beiden anderen in einen Themenband zusammenfasste, erschließt sich mit nicht. Es mag etwas damit zu tun haben, dass dies der vorletzte Sammelband ist und die Auswahl gering wurde. Schön ist, dass Emily wieder an Yokos Seite ist, die junge Frau mag ich von allen Freundinnen Yokos am liebsten (außer vielleicht Morgentau). Emily lernt bei der Zeitreise ihre Urgroßmutter kennen, ein sehr berührender Moment. Die Begegnung mit der "Dienerin Luzifers" hat es auch in sich. Bei dem schlafenden Wesen Wesen, das Mönche seit Jahrhunderten bewachen, ist aufgrund der bläulichen Hautfarbe ziemlich schnell klar, dass es sich um eine Vineanerin handelt. Oder doch nicht? Im dritten Abenteuer spielt Khany eine etwas seltsame Rolle, fast wirkt sie zwielichtig. Kann Yoko ihrer Freundin noch trauen? Mit der Existenz des Wesens Tevy hat sie zunächst ihre Probleme. Roboter und Androiden sind ihr vertraut, aber ein Wesen aus menschlichen,. organischen Bauteilen ...? Ein sehr interessanter Band. Allerdings bekomme ich langsam Probleme damit, die Vineaner auseinanderzuhalten. Das ist mir zu viel Personal.

 

Ursula Voß: Rilkes Sternenfrauen
Sehr schön gestaltetes Insel-Büchlein über die Frauen, die Rilke liebte, die mit ihm eine Beziehung oder Freundschaft und geistigen Austausch pflegten.Die Frauen sind jeweils in einem kurzen Porträt und mit einem Foto vorgestellt. Schon sehr beeindruckend, wer da alles in diesem Büchlein versammelt ist, fast alles große Namen, Künstlerinnen, Dichterinnen, Schauspielerinnen und Fürstinnen, die meisten kennt man heute noch. Dargestellt werden Lou Andreas-Salomé, Clara Rilke-Westhoff, Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe, Anna de Noailles, Eleonora Duse, Sidonie Nádherný von Borutin, Marthe Bibesco, Catherine Pozzi, Baladine Klossowska, Wera Ouckama Knoop, Lally Horstmann und Lotte Pritzel. Ich bin mit Rilke nie so recht warm geworden, aber diese Sternenfrauen haben mich sehr für ihn eingenommen.

 

Galen: Gelassenheit. Was bedeutet das alles? (Reclam)
Ein Reclamheft aus der Philosophie-Reihe "Was bedeutet das alles?" Sehr interessant, wobei hier gesagt werden muss, dass der Titel "Gelassenheit" - im Innenteil steht auch "Über die Unverdrossenheit" - nicht von Galen stammt. Bei dem vorliegenden Text handelt es sich vielmehr um einen Brief an einen alten Schulfreund, der ihn wohl gefragt hatte, wie man Schicksalsschläge gelassen einsteckt, ohne daran zu zerbrechen. Galen musste es wissen: Beim großen Brand Roms hatte er so ziemlich alles verloren: Seine Heilkräuter und medizinischen Geräte, seine Bibliothek, unzählige Fachbücher, Rezepte, ihm ihm ärztliche Kollegen im Austausch gegen eigene Rezepte anvertraut hatten, seine Bibliothek mit wertvollen, unwiederbringlichen Einzelstücken und eigene, noch unveröffentlichte Manuskripte, von denen es keine weiteren Abschriften gab - mithin sein Lebenswerk und seine gesamte Existenz. Und doch blieb Galen vollkommen gelassen. So gelassen, dass es auffiel und Freunde nachfragten. Im Brief gibt er nun Auskunft. Er verweist auf die Philosophie der Stoa, aber auch auf Aristipp. Und er erzählt auch von seiner ganz persönlichen Erfahrung: Immerhin erlebte der berühmte Arzt einiges am Hof des Kaisers Commodus. Dort habe er jederzeit drauf gefasst sein müssen, alles zu verlieren, in die Verbannung geschickt zu werden oder Schlimmeres. Wer sich mit dem Gedanken vertraut macht, dass im alles jederzeit genommen werden kann, den wirft die tatsächliche Erfahrung eines Verlusts nicht mehr um. Man solle sich vielmehr über das freuen, was noch da ist, sagt Galen. Sehr klug.

 

Als das Grüne Band noch grau war
„Grenzschicksale“ heißt ein voluminöser Sammelband mit Lebenserinnerungen aus der Zeit, als das Grüne Band noch grau war. Das knapp 600 Seiten starke Buch lässt 30 Zeitzeugen zu Wort kommen und erzählt von Biografien im Schatten der Grenze. „Erinnerungen werden blasser, Zeitzeugen werden weniger“, schreibt Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff in seinem Geleitwort. „Es ist von großer Bedeutung, Stimmen einzufangen, Erlebnisse zu dokumentieren und Bilder in den richtigen und wahrheitsgemäßen Kontext zu stellen, damit kommende Generationen ihre eigene Vorstellung der Ereignisse gewinnen können.“ Und die Menschen, die ihre „Grenzerfahrungen“ aufzeichneten, haben wahrlich eine Menge zu erzählen: Spannendes, Überraschendes, Alltagserfahrungen und Einmaliges sind hier versammelt. Manches zeugt von einem gewissen Galgenhumor, zum Beispiel, wenn im Vorwort der Herausgeber Kai Langer, Birgit Neumann-Becker und Maik Reichel an den Ausspruch von DDR-Bürgern nahe der Sperrzone entlang der Grenze erinnert wird: „Vor spontanen Verwandtschaftsbesuchen waren wir sicher.“
Wie ist das, plötzlich an eine Grenze zu stoßen? Für Christoph Dieckmann war es eine traurige Kindheitserinnerung an einen Brockenbesuch: „Auf dem Gipfel hatte ich mich in eine kecke Igel-Figur verliebt. Nach inständigem Gebettel kauften mir die Eltern diesen ‚Brocken-Mecki‘. Zwei Wochen später stürzte Mecki von der Waschkommode und brach sich ein Bein. Ich war untröstlich und wollte sofort wieder auf den Brocken, um einen neuen Mecki zu erhalten. ‚Das geht nicht‘, sagte Vater, ‚da ist jetzt die Grenze.‘“
Die Goslarerin Ursula Breustedt, geboren 1944 in Köthen, stellt beim Rückblick auf ihre Lebensgeschichte fest, dass sie mit dem Begriff „Heimat“ gar nichts anfangen kann: „Dazu wurde mir das, was ich für Heimat hielt, zu oft genommen“, sagt sie. Der Familie gehörte ein Rittergut bei Köthen, doch am 21. September 1945 wurden die Besitzer „entschädigungslos enteignet“, die Familie musste den Landkreis verlassen, es ging nach Heimburg im Harz. Der Vater konnte schließlich in Abbenrode einen Hof pachten. „Es war das letzte Grundstück vor der innerdeutschen Grenze“, erinnert sie sich. „Durch die Bäume konnten wir bis nach Lochtum in Niedersachsen blicken. Ich fuhr mit meinem Puppenwagen oft bis zum Grenzflüsschen Ecker und watete darin herum.“ Es blieb nicht bei Blicken nach „drüben“ und beim Waten im flachen Wasser: „Es herrschte ein reger Grenzverkehr. Irgendwann wurden sogar große Steine in die Ecker gerollt, damit die gegenseitigen Besuche einfacher wurden und man das andere Ufer trockenen Fußes erreichen konnte“, schreibt Breustedt. „Meine Mutter schickte mich sogar öfter nach Lochtum, um im dortigen Laden etwas einzukaufen.“ Doch die Idylle mit dem inoffiziellen, aber intensiven Grenzverkehr währte nicht lange. Am 7. Juni 1952 ändert sich alles. Den Eltern werden die Pässe abgenommen, ein Herr im grünen Ledermantel sagt: „Sie gefährden die Sicherheit der DDR“, die Familie soll innerhalb von 24 Stunden ihr zu Hause verlassen. Bis dahin steht die Familie unter Beobachtung, ein Polizist begleitet die sechsjährige Ursula sogar bis zum Plumpsklo. Der Vorwurf lautete: „Negative Einstellung zur DDR und S.U. Verbreitet Unstimmigkeiten politischen Charakters im Ort.“ Zusatz: „Verbreiter von Westmeldungen.“ Als die Familie schließlich in den Westen flüchtet, steht der 17-jährigen Tochter eine Mutprobe bevor: Sie muss allein mit dem Zug von Kleinmanchow nach Havelberg fahren – und am Bahnhof im West-Berliner Stadtteil Lichterfelde aussteigen. Inzwischen dürfen die Eltern wegen einer angeblich dringend notwendigen Operation der Mutter nach Hamburg ausreisen. Kurz danach, im Westen wieder vereinigt, kann die Familie nach Pappenheim reisen, wo der Vater seine neue Stelle antritt. Ursula Breustedt macht dann eine landwirtschaftliche Ausbildung in Einbeck, arbeitet später in Schladen und lebt jetzt in Goslar.
Zahlreiche Stimmen rund um die Grenze kommen zu Wort. Da ist Annemarie Reiffert, die am Tag der Grenzöffnung als erste DDR-Bürgerin wagte, den Grenzübergang Marienborn zu passieren. Oder die Pastorin Ursula Meckel aus Thale, die von Stasi-Spitzeln im Gottesdienst berichtet. Oder Katrin Schmidt, die die Welt sehen wollte und über China aus der DDR ausreiste. Das opulent aufgemachte Hardcover-Buch mit Schutzumschlag und zwei Lesebändchen in Grün und Silber besticht durch seine aufwendige Gestaltung. Zahlreiche ganzseitige historische und aktuelle Fotografien wecken Erinnerungen an früher und regen zu Wanderungen durch das heutige Grüne Band an. Vor allem dürfte das gewichtige Buch als Präsent für Menschen aus dem ehemaligen Grenzland geeignet sein. Und die darin festgehaltenen Erinnerungen sind es allemal wert, bewahrt zu werden.

 

Thomas Ostwald: Der schwarze Josh

 

Christine H. Bauer: Das Rathaus in Goslar. Geschichte und Bauphasen
Ein neues Buch über das Goslarer Rathaus ist jetzt erschienen. Verfasserin ist die Goslarer Welterbebeauftragte Dr. Christine H. Bauer, die sich bemühte, Geschichte und Architektur des Rathauses kompakt zusammenzufassen und eine handliche Überblicksdarstellung zu schaffen.
Das Buch „Das Rathaus in Goslar. Geschichte und Bauphasen“ ist unter anderem für diejenigen bestimmt, die nach Rathausführungen all die Informationen noch einmal nachlesen möchten, die sie von Stadtführern und aus den interaktiven Angeboten erhielten – aber eben nicht komplett im Kopf behalten konnten. Es ist mit seinen 81 Seiten recht handlich und lässt sich leicht und schnell lesen. Vor allem ist es großzügig ausgestattet mit Illustrationen wie Skizzen der Räume und einzelnen Etagen sowie mit Fotos. Gezeigt werden historische Aufnahmen, Details der Innenräume und Wandmalereien.
Bauer stellt die Entwicklung der Goslarer Bürgerschaft vor und erzählt etwas zur Geschichte der Stadt, von der Zeit, in der Kaiser Heinrich I. ein „vicus goslariae“, vielleicht als Jagdhof oder königlichen Wirtschaftshof, gegründet haben soll, sie berichtet über Bergbau und die Kaiserpfalz, die Rechte einer freien Reichsstadt, den Streit mit Braunschweig um den Rammelsberg … Auch den Vorgängerbauten des Rathauses spürt sie nach. Der Leser erfährt etwas über den Marktbereich, die Verkaufshallen und Wechselstuben und die im Jahr 1151 erstmals urkundlich erwähnte Marktkirche. Schon 1269 wird in städtischen Urkunden ein bürgerliches Rathaus als „domus communitatis“ erwähnt, doch ohne Ortsangabe. 1293 erwarb der Rat der Stadt vom Kloster Neuwerk dessen Kaufhallen zwischen dem Schuhhof und dem „Brunwordeskeller“ (wohl Kaiserworth).
In sechs Kapiteln widmet sich Bauer den einzelnen Bauphasen. Sie stellt das Rathaus der Spätromanik/Gotik vor, das um 1300 entstand. Man erfährt mehr über den Keller, Ratsdornse (beheizbarer Sitzungsraum), Arkadenhalle und Ratsdiele. In der Bauphase um 1430, in der Spätgotik, wurde die Ratsdiele umgebaut. Ratsdiele und -dornse wurden ausgestaltet, das Rathaus erhielt einen südlichen Anbau. Weitere Bauphasen erfolgten in der Zeit um 1500 (Übergangszeit Spätgotik-Renaissance), um 1560 (Renaissance) und Mitte des 17. Jahrhunderts (Barock). In einem Kapitel zusammengefasst hat Bauer die Baumaßnahmen des 19. und 20. Jahrhunderts, in dem es um Renovierungen zum Stadtjubiläum 1922 und Umbaumaßnahmen 1936 bis 1938 geht. Was bleibt aus der Nazizeit? „Während alle anderen Umbauten der nationalsozialistischen Zeit in den Jahren 2015/16 rückgängig gemacht wurden, blieb die von Rudolf Nickel gestaltete Sitzbank als einziges Zeugnis dieser Zeit erhalten“, schließt Bauer ihre Rathausgeschichte.
Das ist ein Abschluss, der Fragen aufwirft. Ein Kapitel über das Rathaus in den 2010er und 2020er Jahren fehlt. Dabei wird dieser Rathaus-Krimi den Goslarern noch lange als die Hauptsache in Erinnerung bleiben. Einige Entdeckungen, etwa Ergebnisse von dendrochronologischen Untersuchungen, wurden in den historischen Kapiteln erwähnt. Im buchstäblich letzten Absatz des Buchs schreibt die Goslarer Welterbebeauftragte immerhin, dass der Stadtrat 2012 beschloss, das Rathaus nach 700 Jahren als Verwaltungssitz aufzugeben, es aber weiterhin für Ratssitzungen nutzt. Das ist alles? Vielleicht folgt ja bald ein zweiter Teil des Buchs, der über die turbulente und weit langwierigere und teurere Sanierung des Goslarer Aushängeschildes berichtet?

 

Hans-Martin Gutmann: Der tote Bischof
Ein Pastor als Ermittler, ein emeritierter Theologie-Professor als Autor – da fehlt nur noch ein Landesbischof als Mordopfer, und der Krimi ist perfekt. Der gebürtige Goslarer Hans-Martin Gutmann lässt seinen Helden Lukas Bentorff erneut in einen Kriminalfall hineingeraten. Der Pastor des fiktiven Doppel-Orts Groß und Klein Samtleben im Salzgittergebiet muss herausfinden, wer für die Anschläge auf seinen Chef verantwortlich ist. Und seine Ermittlungsmethoden sind, gelinde gesagt, etwas unkonventionell.
Lukas Bentorff ist den Lesern bereits bekannt durch Gutmanns „Wende“-Tetralogie. Die vier Romane „Wendewölfe“, „Wendehälse“, „Wendeblues“ und „Wendegier“ spielten, wie der Name schon sagt, in den Jahren vor und nach der Wiedervereinigung. Der Verfasser hatte seinen Helden darin miterleben lassen, was alles schief lief bei der Vereinigung von BRD und DDR. Es ging um Geschäftemacherei, Entwertung von Arbeit, Lebensleistung und Biografien im Osten und um das eklatante Anwachsen des Rechtsextremismus. Und nun? Der neue Krimi ist anders. Zumindest durch die zeitliche Einordnung: Lukas Bentorffs fünfter Fall spielt sich 24 Jahre nach seinem Ermittler-Debüt ab, nämlich in der Weihnachtszeit des Jahres 2023 und in den Tagen „zwischen den Jahren“. Der Pastor ist ein Vierteljahrhundert älter geworden, hat zu seinem Zuständigkeitsbereich noch zwei Dörfer hinzugewonnen, doch im Prinzip ist er ein „Sitzengebliebener“, bei dem man, wenn er nicht schon einundsechzigeinhalb Jahre alt wäre, Ansätze einer Midlife-Crisis diagnostizieren könnte. Mit seiner Freundin, der inzwischen pensionierten Kriminalpolizistin Anne Hartmann, ist er noch immer auf dem Stand von vor 25 Jahren. Und die dörflichen Institutionen sterben so langsam vor sich hin. Sogar die beiden dauerverfeindeten Karnevalsvereine, deren Streitigkeiten ein Running Gag der „Wende“-Bücher waren, mussten aufgrund des allgegenwärtigen Personalmangels fusionieren.
Doch das beschauliche Vor-sich-hin-Sterben des Dörferquartetts wird durch einen Paukenschlag aufgestört. Bentorffs Freund und früherer Schützling, Landesbischof Kai Grübner, erlebt mehrere Attacken auf sein Privatleben – von Beschimpfungen und Drohungen über Schmierereien bis hin zu aufgeschlitzten Autoreifen – schließlich wird er durch einen Ford F 150 von der Straße abgedrängt und ruft, verletzt und blutüberströmt – Bentorff zur Hilfe. Waren es tatsächlich die freundlichen Worte des Bischofs über die geflüchteten Ukrainier und die Aufforderung zu deren Unterstützung, die nun rechte Kreise auf den Plan riefen? Geht es um die Erpressung eines Konkurrenten im innerkirchlichen Machtkampf? Oder nimmt Frau Bischof ihrem Gemahl sein Fremdgehen übel und engagierte einen Mörder?
Der Pastor und seine Freunde entwickeln einen Plan: Der Bischof muss sterben, um vor künftigen Anschlägen sicher zu sein und um den ermittelnden Oldies Raum für die Mörderjagd zu verschaffen. Allerdings: Das Kirchenoberhaupt ausgerechnet von einer umstürzenden riesigen Plastik-Lutherfigur kurz vor der Weihnachtspredigt „erschlagen“ zu lassen, ist ein ermittlungstechnischer Schachzug, der die Gemeinde nicht unbedingt in die typische, besinnliche Christfest-Stimmung versetzt ...
Die Geschichte um den Bischofsmord lebt – außer von skurrilen Details und einem actionreichen Showdown – vor allem von den Einblicken in die Arbeit eines Dorfpastors und seinen Umgang mit aktuellen politischen Themen und Katastrophen. Gutmann, der bisher in „historischen Krimis“ die Wendezeit Revue passieren ließ, ist diesmal ganz nah dran an der Gegenwart. Gewalt gegen ukrainische Flüchtlinge, Bauernproteste, das Massaker der Hamas beim Überfall auf Israel am 7. Oktober, all das hat der Autor in diese Geschichte einfließen lassen. Hochinteressant sind dabei die Predigten Bentorffs. Der Groß Samtlebener Geistliche kann da durchaus mal das wenig barmherzige Verhalten seines Heilands zum Thema machen, als dieser einer kranken Frau die Hilfe verweigert, da sie nicht zum Volk Israel gehört. Oder er spürt einer Überlieferung aus dem Talmud nach, derzufolge Gott, als die Ägypter im Roten Meer ertranken, jeglichen Jubel untersagte – immerhin habe er auch diese geschaffen, und ein Jubel über den Tod so vieler Menschen sei völlig unpassend. „Der tote Bischof“ ist flott geschrieben und lässt sich gut und flüssig lesen. Spannung, politische Stellungnahmen und interessante Gedankengänge machen das Lesen zu einem Vergnügen. Nur mancher Kriminalpolizist wird sich vermutlich die Haare raufen beim Lesen. Denn dass Bentorff und seine Freunde ihren Fake-Mordanschlag mit Rückendeckung durch Polizei und Staatsanwaltschaft durchziehen können, klingt doch ein wenig fabelhaft.

 

Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz
Ein Klassiker, den ich schon lange auf dem Zettel habe. Eine Geschichte, die durch die Vielstimmigkeit und die Montagetechnik nicht ganz einfach zu lesen ist. Werbesprüche, Zeitungszitate, Lieder und Parolen, Berliner Halbwelt und moderne Technik, Glanz und Elend der Großstadt. Mittendrin Franz Biberkopf, frisch aus dem Gefängnis entlassen, der sich eine neue Existenz aufbauen will. Als Zeitungsverkäufer kann er sich zunächst redlich über Wasser halten. Aber dann wollen alte Kameraden ihn zu einem Bruch mitnehmen. Franz will nicht, schliddert aber doch mit in eine Geschichte hinein, die ihn am Ende einen Arm kostet. Und dann wird auch noch seine Lebensgefährtin tot aufgefunden, und er ist der Hauptverdächtige.
Ein Roman, in den man sich erstmal einlesen muss und der seinen Charme nicht sofort entfaltet. Aber wenn man "drin" ist, nimmt er einen wirklich mit. Keine Lektüre für zwischendurch. Erinnert als Großstadtroman der Moderne tatsächlich an den "Ulysses", mit dem er oft in einem Atemzug genannt wird, ist aber dann doch noch etwas weniger spröde.

 

Lucian Caligo: Der Fluch des Ritters Anastasius

 

 

Hörbuch/Hörspiel

 

Karl May: Winnetous Erben
Eines meiner Lieblingsbücher von Karl May, die Inspirationsquelle für meinen Roman "Das Herz des Donnervogels". Klar, dass ich mir das Hörbuch gegönnt habe, als es herauskam. Es hat mich in den ersten Monaten des Jahres auf einige weite Autofahrten begleitet. Mit knapp 19 Stunden Laufzeit reicht es für massenweise Kilometer.
Zunächst war ich ein bisschen befremdet von der Stimme des Sprechers. Nein, dachte ich, so klingt doch Old Shatterhand nicht. Aber Jean-Marc Birkholz zeigte ziemlich schnell, dass er als Interpret einiges auf dem Kasten hat, und seine Art, den unterschiedlichen auftretenden Personen mit seiner Stimme Farbe und eigenes Profil zu verleihen, hat mich überzeugt.
Was den Autor und sein Buch angeht ... nun, mir ist erst jetzt beim Vorgelesen-Kriegen, aufgefallen, wie unendlich langsam, betulich und wie mäandrierend sich May seinem Thema nähert, bevor er wirklich in die Handlung einsteigt. Ein paarmal war ich tatsächlich so weit, beim Autofahren auszurufen: "Mensch, komm endlich zu Potte!" Beim Selbst-Lesen spürt man diesen unendlich lahmen, immer wieder mit Rückblenden und dem Hinweis "Ich bitte, dies in meinem Buch xxxx nachzulesen" versehenen Warmlauf-Vorgang nicht so. Egal, es bleibt trotzdem eines meiner Lieblingsbücher von Karl May. Auch und gerade, weil es ein klassisches Alterswerk ist und weil hier Bilanz gezogen wird und all die alten Abenteuer zusammenfließen.
Inhaltlich dürfte es vielen bekannt sein. Karl May/Old Shatterhand bekommt von alten Weggefährten und alten Feinden zahlreiche verwirrende Briefe. Es gibt Pläne, ein Denkmal für Winnetou zu erreichten. Die Künstler, die den Apachenhäuptling in Szene setzen wollen, sind Young Surehand und Young Apanatschka, die Söhne von Old Surehand und Apanatschka. Ein schmeichelhafter Plan? Mitnichten. Viele Freunde, die Winnetou noch live erlebt haben, sind entsetzt und empfinden die klobige Kolossalstatue als "Ermordung" Winnetous und all dessen, für das der Apache stand. Old Shatterhand schlägt sich entschieden auf die Seite der Denkmalsgegner. Unterwegs trifft er auf alte Freunde und ebenso alte, unversöhnliche Feinde. Schließlich kommt es zu einer letzten Begegnung mit dem uralten Kiowa-Häuptling Tangua, den nur noch der Hass auf Old Shatterhand zusammenhält.
Karl May hat in diesem letzten Werk Erfahrungen aus seiner Amerikareise verarbeitet (Ja, er war tatsächlich einmal dort, am Ende seines Lebens, als er sich die Reise leisten konnte). Das Besondere an diesem und an einigen anderen Werken der Spätphase ist aber vor allem der magisch-mystische Ton und der Versuch, die ganze Menschheit zu versöhnen und Frieden zu schaffen. Es geht weniger um Abenteuer und Prügeleien, nicht um den legendären Jagdhieb und die Schießkünste mit dem Henrystutzen und dem weittragenden Bärentöter, als vielmehr um Frieden, Humanismus, Seelenwachstum ... Und wir begegnen außer den "alten Bekannten" auch einigen faszinierenden neuen Helden. Etwa dem Jungen Adler, einem indianischen Flugpionier, oder Athabaska und Algonka, zwei indianischen Linguisten, dem beinahe tausend Jahre alten Medizinmann Tatellah Satah und den Jungindianern vom Clan Winnetou. Auch die beiden Söhne Santers sind ausgesprochen eindrucksvolle Charaktere. Ach, lest einfach das Buch.

 

Kira Kolumna 3: Verpeilte Weihnachten
Die Weihnachtsfolge von Kira Kolumna habe ich, chronologiebedingt, im Mai gehört. Nele bekommt eine geheimnisvolle Zimtseife von einem geheimen Verehrer. Romantisch oder bedrohlich? Kira und Nele recherchieren auf dem Weihnachtsmarkt, woher das wohlriechende Geschenk kommen könnte, das Neles Geschmack so perfekt getroffen hat. Und noch jemand zeigt kriminalistische Ambitionen: Schulfreund Sirdan hat die Aufnahmeprüfung bei der Polizei geschafft und freut sich riesig. Nur auf Nele reagiert er etwas übellaunig. Warum nur?
Wieder eine mitreißende Folge, die Lust auf mehr macht. Und bei der Frauen-Weihnachtsfeier, die dann so turbulent gesprengt wurde, wäre ich gern dabeigewesen.

 

Kira Kolumna 4: On-Off Liebeschaos
Hier kommt Rapha ins Spiel. Rapha ist Kiras Freund aus Barcelona. Wobei Freund zu wenig sagt. Die beiden sind ein Paar. Allerdings gibt es, bedingt durch die räumliche Trennung, inzwischen einiges, was Kira und Rapha nicht von einander wissen.
Rapha ist Grafitti-Künstler. Und betont, er sprühe "nur noch" legal. Da kommt er gerade rechtzeitig nach Südberg, um die Front von Lauras Laden zu retten, die von einem erbärmlichen Stümper beschmiert worden war. Rapha verspricht, die Wand in ein großartiges Kunstwerk zu verwandeln, und berichtet auf seinem Online-Auftritt über seine Pläne. Doch am nächsten Morgen ist die Wand vollkommen versaut. Schlimmer noch: Der Verdacht fällt auf Rapha, da der unbekannte Vandale die Wand "in Raphas Stil" besprüht hat. Doch der spanische Künstler kann zeigen, in welcher minderwertigen Handwerksqualität die Schmierereien ausgeführt wurden. Er und Kira recherchieren in der Sprayer-Szene, wer die Front von Lauras Laden verdreckt hat. Und dann zeigt der Meister aus Barcelona seine Kunst ...
Spannend, temporeich und mitreißend. Wenn mir das so gut gefällt, ist es dann noch jugendgerecht? Ich wünsche der Serie jedenfalls viel Erfolg.

 

 

Juni

 

Mariana Leky: Die Herrenausstatterin
Das Buch hat mir meine Schwester geschenkt. Sie war von "Was man von hier aus sehen kann" (das Buch mit dem Okapi) total begeistert, ist aber in dieser "Herrenausstatterin" stecken geblieben. Ich fand die Geschichte sehr schön, zauberhaft und voller Alltagsmagie und mit ganz erstaunlichen Charakteren. Die Ich-Erzählerin dieses Buchs ist die Übersetzerin Katja. Ihr Mann, der bereits früh stirbt, ist Zahnarzt, und zwar ein außerordentlich empathischer und beliebter Vertreter seiner Zunft. Später lernt Katja Blank kennen, einen freundlichen, weisen älteren Herrn, der sie als väterlicher Freund begleitet. Allerdings kann nur sie Blank sehen, denn er ist, wie sich später herausstellen wird, bereits verstorben. Und dann ist da auch noch ein Feuerwehrmann, der irgendwann ungerufen vor ihrer Tür steht und einen Brand löschen will, den es nicht gibt. Ein schönes, ausgesprochen poetisches Buch mit einem gewissen Schuss herben Humors. Man muss sich allerdings darauf einlassen und sollte es lesen, wenn man gerade etwas Ruhe hat und sich entspannen kann. Nichts, was man sich mal eben an stressigen Tagen zwischendurch reinpfeifen sollte. Mir hat es sehr gut gefallen.

 

Liselotte Welskopf-Henrich: Der Bergführer
Novelle aus der Feder der Verfasserin der "Söhne der großen Bärin" und der Pentalogie "Das Blut des Adlers". Hier bewegt sie sich eher in der Welt ihres großen Widerstandsromans "Jan und Jutta". Sie erzählt die Geschichte eines Bergführers in den Dolomiten. Karl Unteregger ist ein erfahrener, sicherer Bergsteiger. Touristen buchen ihn oft als Begleiter für den Aufstieg auf anspruchsvolle Berge. Nun hat ihn ein großkotziger Nazifunktionär engagiert, der zusammen mit seiner Verlobten Lotte eine besondere Tour unternehmen will. Zunächst läuft alles recht gut. Doch ein Wetterumschwung und heftiger Schneefall machen den Aufstieg zum Gipfel todgefährlich. Unteregger will die Tour beenden, doch der Obernazi ist gewohnt, dass das Volk vor ihm kuscht, und besteht auf der Gipfeltour. Der finanziell nicht gerade üppig ausgestattete Bergführer gibt schließlich nach, als der Nazi ihm droht, er werde dafür sorgen, dass Unteregger nie wieder Kunden durch die Berge führen könne. Unterwegs passiert dann das vorausgesehene Unglück. Der Nazi überlebt, der Führer nicht. Die Verlobte des Nazis ist so angeekelt von seinem Verhalten, dass sie sich von ihm trennt. Zielstrebig, herb und schnörkellos erzählt, sichere Personenzeichnung, eine klassische Novelle mit schönem Spannungsbogen. Lesenswert.

 

Bessy 79: Bessys seltsamer Freund
Andy, Bessy, Ronny und Rhawik sind in den Bergen auf Jagd. Ein furchtbarer Schneesturm zieht heran. Ronny wird von einem Bären verletzt, Andy pflegt ihn in einer Höhle, während Adler Rhawik mit einem Hilferuf zur Farm zurückfliegt. Inzwischen freundet sich Bessy mit einem "wilden Mann" an, der allein in den Bergen lebt. Der Fremde ist offenbar geistig eingeschränkt und hält sich selbst für einen Wolf. Schließlich schaffen es die Freunde, den Mann in eine Klinik zu bringen.
Ein Nachwort befasst sich mit Klaus Dills Filmplakaten und der Zensur in den 60er Jahren. Was für eine furchtbar verklemmte, spießige Zeit.

 

Thorgal 41: Tausend Augen

 

Plutarch: Arbeiten im Alter? (Reclam)
Soll man im hohen Alter noch arbeiten? Ein eindeutiges "Ja" kommt von Plutarch. Der Philosoph schreibt zu dem Thema einen Brief an einen Freund, der sich anlässlich der Tatsache, dass Sportler irgendwann nicht mehr fähig sind, ihren "Beruf" auszuüben, fragte, ob sich nicht auch andere Senioren aufs Altenteil zurückziehen sollten. Nein, sagt Plutarch, ganz im Gegenteil, ihre Erfahrung und ihre altersbedingte Ruhe und Gelassenheit seien ein wertvoller Beitrag zur Gemeinschaft, und die jüngeren Kollegen würden sehr von ihnen profitieren.
Allerdings: Das Büchlein taugt wenig als Argumentationshilfe für die aktuelle Diskussion über ein höheres Renteneintrittsalter. Es geht hier nicht um körperliche Arbeit und auch eigentlich nicht um Lohntätigkeit. Der Focus liegt vielmehr auf der Tätigkeit in Staatsämtern. Nicht umsonst heißt eine wichtige Einrichtung bei vielen Völkern Ältestenrat beziehungsweise wie im alten Rom Senat. Hier ist die Erfahrung der langgedienten Politiker Gold wert, und es wäre eine Verschwendung von Ressourcen, wenn man diese über Jahrzehnte erworbenen Fähigkeiten nicht nutzen und die politischen Fachleute mit 60 Jahren in den Ruhestand schicken würde. Gerade ihre Abgeklärtheit und der Umstand, dass sie nichts mehr beweisen müssen, macht solche "Elder Statesmen" zu einem kostbaren Gut des Volkes. Auch als Berater - Plutarch nennt hier den alten, weisen Nestor im Trojanischen Krieg - oder als Dichter - verwiesen wird auf Werke des späten Sophokles - sind Senioren wertvolle "Arbeitskräfte". Zumal es auch ihnen selbst gut tut und sie geistig fit hält, während sie durch das Nichtstun im Ruhestand Gefahr laufen, schnell zu verblöden ...
Also: Kein Plädoyer dafür, den vielbeschworenen Dachdecker auch mit 70 Jahren noch aufs Dach zu schicken. Aber der deutliche Hinweis, man solle die Fähigkeiten der Alten und ihre Erfahrung mit Wertschätzung behandeln und ihren Beitrag zur Gesellschaft weiterhin möglich machen. Profitieren würden alle Generationen davon.
Das Büchlein enthält eine Einleitung, einen Kommentarteil, ein Personenverzeichnis und Literaturhinweise. Die Übertzung von Marion Giebel ist sehr eingängig und gut lesbar. Gut gemacht.

 

Horaz: Ars Poetica. Die Dichtkunst. Lat./Dt. (Reclam)
Neben der Poetik des Aristoteles eine der berühmtesten Poetiken der Antike. Sie hält allerdings den Vergleich mit dem Werk des Stagiriten in keiner Weise aus. Schon aufgrund ihres Umfangs wird klar, dass Horaz sein Thema nicht erschöpfend behandeln konnte: Der Lateinische und der deutsche Text machen jeweils nur 17 Seiten aus.
Das Besondere an dieser Abhandlung über die Dichtkunst ist, dass sie selbst eine Dichtung und in Versen abgefasst ist. Die deutsche Übersetzung kommt mal wieder nur in Prosa daher, was mich ärgert. Metrum ist Botschaft bei solchen Texten, es geht eben nicht nur um reine Inhaltswiedergabe.
Inhaltlich ist das Büchlein, wie gesagt, recht "dünn", sowohl vom Umfang als auch vom Informationsgehalt her. Aber es gibt einige berühmte Kernzitate, die man einfach beim Lesen wiedererkennt. Da ist natürlich die vielzitierte Aussage, dass Dichter entweder Nutzen bringen oder unterhalten wollen. Und auch der Anfang war mir vertraut, in dem Horaz einige poetische "Unmöglichkeiten" schildert, nämlich Monstrositäten wie ein Mischwesen mit Menschenkopf, Pferdehals und -gliedern und glänzendem Gefieder, und klarmacht, dass so etwas in einer ordentlichen Dichtung nichts verloren habe, sondern nur in Fieberträumen seinen Platz habe.
Das Büchlein ist sehr nett zu lesen und mit Anmerkungen, einem Nachwort und Literaturhinweisen versehen. Ganz ordentlich, abgesehen vom Missstand der Prosa-Übersetzung.

 

Rainer Kottmann: Die große Häuptlinge der Apachen
Kompakte Überblicksdarstellung, die sich den vier Häuptlingen Mangas Colorados, Cochise, Victorio und Geronimo widmet. Geboten werden, so weit bekannt, biografische Informationen und Darstellungen ihrer Kämpfe gegen die Weißen. Letztere sind naturgemäß am besten dokumentiert. Man erfährt etwas über Strategien und Ziele, über die für die Apachen günstige Situation im Grenzland zwischen USA und Mexiko, über Verträge, Verrat und Verbannung. Außerdem gibt es ein paar allgemeine Informationen über die Apachen und ihre Herkunft. Reich bebildert. Mit Literaturhinweisen und einem Register. Hilfreich.

 

Wolfgang Berger: Weißer Vater

 

Kerstin Lange: Rebenfluch
Lokalkrimi aus der Eifel. Camper Christof, der auf einem Campingplatz in Nideggen lebt, ist den Lesern bereits bekannt aus seinem ersten Fall, "Grasträume". Nun geht es um einen Überfall auf einen Aachener Juwelier und einen Mord. Bei dem Überfall wurde einer der Verbrecher angeschossen. Er erinnert sich, dass er in Nideggen noch eine "alte Bekannte" aus Jugendtagen hat, und zwingt sie mit vorgehaltener Waffe, seine Wunde zu versorgen. Ärztin Ramona erinnert sich zunächst nicht mehr an ihn, doch er fühlte sich in seiner Kindheit von Ramonas Familie gedemütigt und hat noch eine Rechnung mit ihr offen. Als sie ihm Betäubungsmittel in seinen Whisky gießt, wird er schläfrig, aber es reicht noch für einen Mord. Wenig später wird Camper Christof in den Fall hineingezogen ... Spannend und angenehm zu lesen, nicht nur für Leute aus der Gegend interessant.

 

Hörbuch/Hörspiel

 

Achim Reichel: Ich hab das Paradies gesehn
Achim Reichel kann nicht nur gut singen, sondern auch gut erzählen, und er hat auch eine sehr schöne Vorlesestimme. Vor allem aber hat er viel erlebt, ein paar Jahrzehnte Musikgeschichte breitet er vor einem aus. Von Kinderabenteuern im Hamburger Hafen über erste Auftritte im Starclub, Die Rattles, die "Machines"-Zeit, Wonderland, die Shantys und Balladen ... Ich hätte auch noch ein paar Stunden länger zuhören können. Etwas ärgerlich ist, dass beide CDs, zumindest meine, am Ende plötzlich mitten im Satz mit einem Kratzen abbrechen. Aber da hatte ich die Quittung schon nicht mehr, wer bewahrt sowas auch auf? Und die Tracks hätten gern etwas kürzer sein dürfen. Wenn man sich eine bestimmte Stelle nochmal anhören möchte, weil zum Beispiel das Navi dazwischengequatscht hat, und dann die letzte halbe Stunde wiederholen muss, ist das, trotz der schönen Erzählstimme etwas anstrengend.

 

Alexander Emmerich: Abenteuer und Wissen: Der Wilde Westen - Pioniere, Glücksritter und Eisenbahner
Hörspiel, dessen besonderer Schwerpunkt auf der Eisenbahn liegt. Eigentlich geht es fast nur um die Eisenbahn. Stimmungsvoller Beginn ist der Augenblick, an dem sich die Bahnarbeiter, die von Osten und Westen kommend die Bahnlinie gebaut haben, treffen und es zum großen Lückenschluss kommt. Spannend, aber ich hätte mir doch ein paar mehr Infos bzw. ein breiteres Panorama gewünscht als nur Eisenbahn. Okay, ein wenig erfährt man auch über das Schicksal der Indianer und Büffel - in der Folge des Eisenbahnbaus eben.

 

Kira Kolumna 5: Klima-Krach
Kira ist entsetzt. Als sie zu ihrem Lieblingsplatz am Fluss kommt, steht sie plötzlich vor einem Bauzaun. Die alten Bäume sollen gefällt werden, hier entsteht eine Baustelle. Kira will das verhindern. Sie organisiert eine Demonstration, schreibt einen flammenden Aufruf in ihrer Lokalzeitung, organisiert den Widerstand über das Internetportal "Klima-Alarm". Besonders die alte Nachbarin Frau Machnikowski tut sich im Malen von Plakaten und Erfinden von Slogans hervor. Auch die Baurätin stellt sich - im Namen ihrer Öffentlichkeitsarbeit - auf der Demo neben Kira und versichert, sie wolle "den Fall noch einmal prüfen". Aber Pustekuchen. Kurz darauf heult die Kettensäge auf, der erste Baum fällt. Sollte ausgerechnet die eitle Hohl-Tussi Saskia jetzt noch etwas ausrichten können, um die Bäume zu retten ...?
Eine Folge über ein extrem wichtiges und hochaktuelles Thema. Allerdings auch die am wenigsten überzeugende Folge. Klar, ein Kinder-Hörspiel braucht ein Happy End. Aber dass es am Ende so einfach geht, nein, das glauben auch junge Hörer nicht. Gerade junge Hörer nicht, die gegen die Klima-Katastrophe kämpfen.
Immer noch eine gute Folge, aber die Kira-Macher sind hier weit unter der bisher gezeigten Qualität geblieben.

 

Kira Kolumna 6: Sommer in Südberg
Abenteuer pur: Zwei Mädchen, etwa in Kiras Alter, kommen mit ihrem Hausboot nach Südberg. Sie reisen von Ort zu Ort und handeln mit selbst genähten Taschen. Das Ganze hat etwas von Huckleberry-Finn-Feeling. Als Kira und Nele in den Sommerferien über den Südberger Markt streifen und die genialen Taschen-Unikate entdecken, sind beide hin und weg. Sie freunden sich mit den Hausboot-Mädchen an. Kira schreibt an einer großen Reportage über ihre beiden neuen Freundinnen, während Nele begeistert mit-designt und tolle Ideen für die Taschen-Gestaltung entwickelt. So eine Sonnenuntergangstasche, das wäre doch das Allergrößte. Neles Mutter aber ist entsetzt über die neue Bekanntschaft ihrer Tochter. Wie sieht es denn aus mit der Schule, und was wollen sie später einmal werden?, fragt sie inquisitorisch. Und dann sind da auch noch diese Diebstähle und der verschwundene Laptop. Haben die beiden etwa lange Finger gemacht?
Abenteuerlich, spannend, sommerlich und mit dem Duft der Freiheit. Bisher meine Lieblingsfolge von Kira Kolumna.

 

Weitere Jahresrückblicke
Teil 1 - Januar bis März 2024
Teil 3: Juli bis September 2024
Teil 4: Oktober bis November 2024
Teil 5: Dezember 2024

 

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Jahresrückblick 2024 - Teil 1: Januar bis März

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 28 Dezember 2024 · 1.112 Aufrufe
Jahresrückblick

Das Jahr 2024 neigt sich dem Ende zu. Zeit, zurückzublicken auf zwölf Monate Lesen und Schreiben. Bevor ich euch meine Lesefrüchte des vergangenen Jahres präsentiere, noch ein kurzer Blick auf mein Autorenjahr. Veröffentlicht habe ich dieses Jahr nichts, aber ich habe einige Projekte abgeschlossen, die mich schon einige Zeit begleitet haben. Da ist zunächst einmal "Das intergalaktische Bestiarium" zu nennen. Es geht um eine Art kosmischen Professor Grzimek, der über seine Abenteuer mit Tieren, Pflanzen und sonstigen seltsamen Wesen fremder Planeten berichtet. Das Besondere an dem Buch sind die Zeichnungen von Thomas Hofmann, der mich immer wieder mit seinen schrägen, gruseligen oder ulkigen Kreaturen überraschte, und ich saß immer wieder dem Wahnsinn nahe vor der Mailbox und rief: "Um Himmelswillen, was hat der Irre sich da schon wieder ausgedacht!" Jedenfalls war es eine ausgesprochen bereichernde und immer wieder neue Horizonte eröffnende Zusammenarbeit. Was dabei herausgekommen ist? Das Ergebnis werdet ihr im Frühjahr in der Edition Dunkelgestirn bestaunen können. Und wer die Bücher von Eric Hantsch kennt, weiß, dass der Mann Bücher macht, die einfach nur zum Niederknien und Anbeten sind.
Ebenfalls abgeschlossen habe ich das Manuskript über die dreibeinige Straßenhündin Bertha und das Sonnenpferd. Das ist eine Geschichte, die ich schon seit einigen Jahren mit mir herumtrage. Auftraggeberinnen waren meine Nichte und zwei ihrer Schulfreundinnen. Wie es dazu kam, habe ich hier aufgeschrieben. Wann und wo das Buch erscheint, kann ich noch nicht sagen. Drückt mir die Daumen, ja?
Das dritte Manuskript, das fertig wurde, sind die "Buchfinkenmärchen". Hier geht es um fünf freche Vögel und ihre Abenteuer in einem klassischen deutschen Laubmischwald. Die Geschichten basieren auf den Gute-Nacht-Geschichten, die mein Vater mir früher jeden Abend zum Einschlafen erzählt hat. Jetzt habe ich 50 von ihnen aufgeschrieben. Das Manuskript ist allerdings noch nicht Korrektur gelesen, und es muss noch an einigen Stellen poliert werden. Die Verlagssuche starte ich wohl nächstes Jahr. Auch hier die Bitte um einen kräftigen Daumendruck.
Ansonsten habe ich den Kurzroman "Der Schwur der Falkin" fast abgeschlossen. Es handelt sich um das fünfte Abenteuer meiner Walküre Valkrys, genannt "Die Falkin". Teil eins bis vier könnt ihr im Band "Falkenblut", der im Hottenstein-Verlag erschienen ist, nachlesen.
Abschied musste ich von zwei Verlegern nehmen. Ernst Wurdack hat seinen Verlag im November geschlossen. Jörg Kaegelmann hat seinen Blitz-Verlag an ein jüngeres Team übergeben. Beiden wünsche ich einen glücklichen Ruhestand.
Vermelden kann ich für dieses Jahr einen kleinen Meilenstein: Dieses Blog hat die Drei-Millionen-Marke geknackt. Im April zeigte mir der Zähler 3.000.000 Zugriffe an. Arbeiten wir also weiter, es gibt ja noch mehr Millionen ...
Ich hatte einige Lesungen. Das Jahr begann mit einer Veranstaltung der Hildesheimlichen Autoren auf der Hildesheimer Meile der Demokratie, bei der ich aus meinem Roman "Das Herz des Donnervogels" vorlas. Ebenfalls mit dem Donnervogel war ich beim Kunstkreis Laatzen zu Gast. Beim Braunschweiger Conventus Leonis habe ich aus der "Schlagzeile" vorgelesen, aus "Nestis und die verschwundene Seepocke" beim Hildesheimer Magdalenenfest. Zum Kindefest im Rhüdener Freibad trug ich "Die Rache der Heinzelmännchen" vor, und im Hahnenkleer Kurhaus war ich mit "Furunkula Warzenkraish" bei den Märchenwochen zu hören. Außerdem gab es eine Horror-Lesung meiner Kollegin Sabine Kempfer, die im Goslarer Zinnfiguren-Museum meine Geschichte "Der schwarze Frosch" vortrug. Ich besuchte die Leipziger Buchmesse, den Marburg-Con, den Conventus Leonis, den BuCon und das Nürnberger Autorentreffen.
So weit erstmal. Demnächst mehr.

 

Hier nun also meine Lektüreliste des ersten Quartals 2024. Es ist das übliche Gemisch: Ein bisschen Phantastik und Indianerbücher, etwas von und über Karl May, Sprachwissenschaft, Comics, Lyrik und Sachen aus Goslar. Vielleicht ist ja etwas für euch dabei.

 

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

 

Januar

 

Nancy M. Armstrong: Kee. Der lange Marsch der Navajo

 

Wilhelm von Humboldt: Über die Sprache. Reden vor der Akademie
Der Sammelband enthält Reden Wilhelm von Humboldts, die dieser vor der Berliner Akademie über seine Forschungen zum Thema Sprache gehalten hat. Der Band ist in der Reihe UTB für Wissenschaft erschienen, enthält einen Anhang, Hinweise zur Einordnung und zum Verständnis der Texte und ein Literaturverzeichnis. Dokumentiert sind auch die Daten und Orte (Plenum, hist.-phil-Klasse, öffentliche Sitzung) sowie Anlässe, bei denen Humboldt gesprochen hat, auch die Eintragungen aus den Sitzungsprotokollen sind beigegeben.
Es handelt sich um eine erweiterte Version eines zuvor erschienenen Sammelbands. Eine Warnung: Es ist keine Gesamtausgabe aller Akademiereden Humboldts über Sprache, sondern ein Auswahlband. Zwei Reden, nämlich über "Die Sprachen der Südseeinseln" und "Über die Verwandtschaft der Ortsadverbien mit dem Pronomen in einigen Sprachen" wurden gekürzt. Das ist schade, zumal es mir beim Kauf des Buchs nicht klar war. Dass es sich um gekürzte Texte handelt, geht lediglich daraus hervor, dass im Inhaltsverzeichnis hinter dem Redentitel ein "[gek.]" vermekt ist.
Positiv hervorzuheben ist auf der anderen Seite, dass die Rede "Über das Verbum in den Americanischen Sprachen" hier erstmals im Druck erscheint, der Text wurde von Manfred Ringmacher aus der Handschrift rekonstruiert. Insgesamt hat Humboldt 26 mal vor der Akademie gesprochen und 17 Reden gehalten (einige doppelt), nicht alle betrafen das Thema Sprache.
Im Buch finden sich Klassiker wie die Dualis-Schrift oder "Über das vergleichende Sprachstudium", Humboldt referiert über den grammatischen Bau der chinesischen Sprache, über den Charakter von Sprachen und über das Entstehen grammatischer Formen, er geht der Frage nach, welchen Zusammenhang die Buchstabenschrift mit dem grammatischen Sprachbau hat, und legt dar, welche Aufgabe ein Geschichtsschreiber hat - auch dies ein Thema, das für Humboldt vorrangig das Thema Sprache betrifft.
Insgesamt eine sehr schöne und wichtige Sammlung. Wer sich von dem etwas spröden Sprachstil Humboldts nicht abschrecken lässt, findet hier viele Goldkörner.

 

Thorgal Saga: Adieu, Aaricia

 

Phillis Wheatley: Nie mehr, Amerika!

 

Hans-Martin Gutmann: Fatales Nichtverstehen - Luther und der Bauernkrieg

 

Fabienne Siegmund: Sommerkuss. New York Seasons 1
Zauberhaftes modernes Märchen um eine große Liebe, ein gebrochenes Herz und einen Vater, der seine Kinder vor der Liebe und dem Schmerz schützen will und dabei die größte Grausamkeit der Welt begeht. Die Geschichte spielt in New York, was mich zunächst abgestoßen hat, doch Fabienne Siegmund kann auch den Central Park mit Einhörnern bevölkern und über der Stadt, die nie schläft, ihren Zauber ausgießen ... Ich habe das Buch antiquarisch erworben. Soweit ich es sehe, ist es aktuell nur noch als eBook zu erhalten.
Die Hauptfigur ist die 16-jährige Rain, die sich in einen seltsamen Jungen verliebt. Lange Zeit ahnt sie nicht, dass Christian kein normaler Mensch ist, doch es stellt sich heraus, dass sie sich in den Sohn von Väterchen Frost und der Schneekönigin verliebt hat. Und auf Christian lastet ein Fluch.
Der Leser begegnet zauberhaften Kreide-Pflasterbildern, den Einhörnern vom Turtle-Pond, einem Eisbäumchen mit magischen Blüten, einem geheimnisvollen Zirkus. Rain selbst hat die ungewöhnliche Fähigkeit, das Glück sehen zu können, allerdings meist erst dann, wenn es geht. Und ihre Freundin Abby besitzt das erstaunlichste Orakel der Welt, eine Sammlung aus Gerümpel-Runen. Rain macht sich auf die Suche nach dem verschwundenen Christian, sie findet Freunde auf dem Weg durch Glas, Eis und Scherben. Und dann ist da noch Danny, der Sohn des Sommers ... Ein wunderschönes Buch. Bleibt zu hoffen, dass es einmal wieder als gedruckte Ausgabe erhältlich sein wird.

 

Klaus Farin: Karl May. Ein Popstar aus Sachsen
Sehr schöne, illustrierte, liebevoll aufgemachte Hardcover-Ausgabe. Das Buch erschien erstmals 1992, die vorliegende Ausgabe kam im Jahr 2012 im Archiv der Jugendkulturen heraus. Der Tonfall ist, wie auch schon der Titel andeutet, fluffig und etwas flapsig, etwas respektlos und humorvoll, leicht lesbar. Die kurzen Kapitel bieten Infos über Mays Leben, über seine Wirkungsgeschichte, über den Umgang der Nazis und der DDR mit Mays Büchern und ein kritisches Kapitel mit dem Titel "May light. Freuden und Leiden einer Fälscherwerkstatt" geht mit den Bearbeitungen, die der Karl-May-Verlag am Werk "seines" Autors vornahm, und weiteren überarbeiteten und "verbesserten" Versionen ins Gericht. Stimmen von prominenten Karl-May-Fans, ein Literaturverzeichnis und ein Karl-May-Kreuzworträtsel runden das Buch ab. Das Buch ist sehr amüsant und gut lesbar, an den flapsigen Tonfall muss man sich etwas gewöhnen, es ist aber okay. Inhaltlich muss man feststellen, dass der Text nicht mehr auf dem neuesten Stand ist (Wie sollte er das auch, über 30 Jahre nach der Erstveröffentlichung?) So wird im Kapitel über Mays Kindheit und Jugend ausführlich darüber berichtet, dass der Schriftsteller in den ersten fünf Jahren aufgrund von Mangelernährung blind gewesen sei - eine von May selbst in die Welt gesetzte Legende, die von der Forschung inzwischen ins Reich der Fabel verwiesen wurde.

 

Teufelsgarn
Die "Garn"-Anthologie aus dem Leseratten-Verlag bieten Funtastik von Feinsten, und auch diesmal erwartet die Leser ein höllischer Lesespaß. Ob der Sohn des Teufels als Eignungsprüfung einen alkohol-liebenden Jogginghosenträger abholen soll, aber daran scheitert, dass der freundliche und hilfsbereite "Kunde" sich einfach nicht erschrecken kann. Ob Lemmy Kilmister wegen der höllenwürdigen Kombination von Bass und Plektrum eine Fahrkarte nach Süden bekommt. Ob der Teufel beim Würfelspiel die Hölle verliert und die Apokalypse einfach nicht kommen will. Es sind einfach heiße Geschichten, die einem fast Lust auf das übel beleumundete Gefilde Lucifers machen. Da geht es um einen Mord im teuflischen Casino, um Burnout und Energieprobleme, ein Einhorn mit seltsamen Ansichten taucht auf, und ab und zu schaut auch der in Großbuchstaben redende Sensemann vorbei. Herrlich schräg, teuflisch gut und ein echt heißer Lesehappen für zwischendurch.

 

 

Hörspiel

 

Daniela Wakonnig: Johann Wolfgang von Goethe

 

 

Februar

 

Uwe Henrich: Grenzen überwinden. Rudolf Steiners "Philosophie der Freiheit"
Der Autor lebt in Hahnenklee bei Goslar. Daher habe ich in der Goslarschen Zeitung einen Artikel über das Buch veröffentlicht. Es ist dann aber eher ein Porträt als eine Buchbesprechung geworden. Ich hab's nicht so mit Steiner. Meinen Artikel findet ihr hier.

 

Bessy 78: Ajax der Dobermann
Neuausgabe uralter Kinderträume. In diesem Abenteuer wird Andy von zwei Schurken überfallen, die ihm sein Pferd klauen. Der Junge mit dem Collie erhält aber Hilfe von einem in der Nähe lebenden Goldsucher und seiner Tochter. Problem: Die junge Frau ist in einen der beiden Banditen verliebt. Und dann ist da auch noch Ajax, der Dobermann des Nachbarn Old Zack. Er und Bessy freunden sich an und haben einige gefährliche Begegnungen mit den Banditen. Die Luft ist ausgesprochen bleihaltig.
Das Nachwort bietet einige Informationen zu Klaus Dill, Cover-Gott der Serie, der einen Großteil zum Verkaufserfolg der Hefte beitrug. Sehr schön. (Manchmal wünscht man sich ja ein Bessy-Album, das durchgehend von Klaus Dill gezeichnet wurde ...)

 

Nicole Rensmann: Ariane, Bastian, Luzifee und Co.
Liebenswürdige und zauberhaft illustrierte Sammlung mit sieben Kindergeschichten. Es geht um eine Storchendame, die Babys ausliefert, aber selbst keine Kinder kriegt - bis sie am Ende ein liegen gebliebenes Päckchen mit einem Krokodilbaby entdeckt. Es geht um ein Teufelsmädchen, das unbedingt den Weihnachtsmann treffen möchte. Um eine Fledermaus, die vom "kopfunter" Schlafen immer Kopfschmerzen bekommt. Der Leser erfährt etwas über Wollmonster, die in der Waschmaschine leben und Löcher in Kleidungsstücke fressen. Ein Panda, der keinen Bambus essen mag, aber Blumen liebt, und ein Tiger, der sich krank langweilt, kommen ebenfalls im Buch vor. Und man begegnet schließlich einem Flamingo, der seine rosa Federfarbe leid ist und Experimente mit gelbem und grünem Paprika macht. Eine sehr schöne Sammlung, freundlich und liebenswert, und auch für Große eine schöne Lektüre.

 

Comanche, Gesamtausgabe 4
- Das Geheimnis von Algernon Brown
- Die Wilden
- Ein Dollar mit drei Seiten
Vierter Band der edlen Hardcover-Edition im Splitter-Verlag. Erneut sehr schön und gehaltvoll mit reichlich Zusatzmaterial, darunter Infos zum Hintergrund der Serie, Skizzen und einseitige Kurzcomics rund um Red Dust.
Diesmal geht es um einen mysteriösen Toten, der nahe der Triple-Six-Ranch gefunden wird. Die Papiere des Erschossenen weisen ihn als einen gewissen Algernon Brown aus, einen Tunichtgut, Revolvermann und - Pinkerton-Agenten? Red Dust reitet nach Laramie, um dem Rätsel auf die Spur zu kommen. "Die Wilden" handelt von einem Verbrechertrio, die drei sind Überbleibsel eines Quartetts, das sich "Die wilde Horde" nannte - alte Bekannte von Red, der nun (einmal wieder) von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Los geht es mit einem Postkutschen-Überfall und einem blutigen Gemetzel, es folgt ein eindrucksvoller Auftritt der Cheyenne, die auf Reds Seite sind, schließlich eine Verfolgungsjagd mit sehr interessanten Tauchszenen und einer unterirdischen Höhle voller Wasser. Der "Dollar mit drei Seiten" ist das, was wir im Deutschen als einen "falschen Fuffziger" bezeichnen würden. In dieser Folge taucht Reds kleiner Bruder Cameron auf, man erfährt den echten Namen von Comanche und etwas über Dusts Kindheit. Cameron erweist sich überraschenderweise als ziemlich reicher Schnösel - und als ein ganz übles Früchtchen.
Der Sammelband ist geprägt von einem großen Umbruch, sprich: Hermanns Ausstieg aus der Serie und dem Einstieg vom Michael Rouge (ab "Die Wilden"). Ein Wechsel, den viele Fans damals nicht goutierten. Naja, ich fand die Rouge-Zeichnungen jetzt bei der Wieder-Lektüre gar nicht sooo schlecht. Aber Legende ist halt Legende, und die Fußstapfen waren groß ...

 

Thomas Ostwald: Auf der Spur

 

Karl May: Schacht und Hütte
Zunächst zum Titel: Es geht hier nicht um Geschichten über Bergleute, sondern es handelt sich um Beiträge Karl Mays, die in der Bergmanns-Zeitung "Schacht und Hütte" erscheinen sind. Sie dienten der Unterhaltung der Leser, sind aber gerade keine Berufslektüre, sondern Erzähltexte und Informationen aus aller Welt.
Angeschafft habe ich mir den Sammelband, weil darin die Novelle "Wanda" enthalten ist. Ich bin ja wegen meines "Donnervogel"-Romans immer noch hinter allem her, was Karl Mays Interesse an Fliegerei betrifft. Klar, dass ich mir da die Geschichte über die "tolle Polin" und ihren dramatischen Ballonflug anschaun musste. Wanda von Chlowicki ist eine mutige, abenteuerlustige Frau, die durch eine testamentarische Verfügung ihres Vaters gezwungen werden soll, den Sohn von dessen Freund zu heiraten. Allerdings hat sie den Mann zuvor nie kennen gelernt - und der Mensch, der jetzt als ihr Verlobter auftritt, ist ein Hochstapler, der den eigentlich vorgesehenen Bräutigam um die Ecke gebracht hat. Außerdem hat sich Wanda in den Schornsteinfeger Emil Winter verliebt. Der ist zwar nicht ganz standesgemäß, aber ein tüchtiger Mann, tapfer und heldenhaft, obendrein veröffentlicht er Gedichte. Bereits zu Beginn zeigt er sich als Lebensretter, indem er bei einem Brand auf das Dach eines Hauses steigt und die von den Flammen eingeschlossene Familie herausholt. Und als Wanda eine Ballonfahrt mit einem Schausteller wagt, die sich als Todesfalle für die reiche Erbin entpuppt, ist es Winter, der sich am Ankerseil in den Ballonkorb emporarbeitet und die Geliebte rettet.
Auch sonst hat die Sammlung einige interessante Fundstücke zu bieten. Da ist der zweite große Erzähltext, "Die Fastnachtsnarren", die Geschichte zweier verfeindeter alter Herren, deren Kinder einander lieben. Die beiden Senioren schicken einander einer örtlichen Tradition gemäß zur Fastnacht "in den April". Und der Brautvater will seine Einwilligung zur Heirat nur geben, wenn er den jährlichen Verlade-Wettstreit verliert. Doch sein Gegner hat einen gewitzten Sohn, der im Streiche-Ausdenken die beiden Alten souverän in den Schatten stellt.
Der Band enthält außerdem Mays "Geografische Predigten". Das sind hochinteressante Aufsätze über Berge, Flüsse, Wälder, Wüsten und ihre Bedeutung für den Menschen, das Ganze eben mit einem gewissen salbungsvollen Tonfall - und mit Rückkopplung auf den Schöpfer. Manchmal für den heutigen Leser etwas anstrengend, aber sehr aufschlussreich. May jedenfalls sagte: ".wer die 'Geographischen Predigten' nicht gelesen hat, ist vollständig unfähig, meine Voraussetzungen und Ziele zu kennen, meine Art und Weise zu begreifen, mein Denken und Wollen zu verstehen und ein gerechtes Urteil über meine Werke zu fällen; die Herren von der Kritik haben aber, wie es scheint, nicht die mindeste Notiz von ihnen genommen."

 

März

 

Malcolm Max: Der Kannibale von London

 

Erich Loest: Swallow, mein wackerer Mustang
Klassiker. Romanbiografie, erzählt im Präsens, über das Leben Karl Mays. Spannend, teilweise beklemmend. Und irgendwie auch immer wieder wie ein Wunder. Wie der "Züchtling" im Gefängnis in Waldheim zu fabulieren beginnt, sich mit seiner Phantasterei Rügen und Strafen einfangt, aber irgendwie doch herausfindet, ein Angebot von einem Verleger erhält, zwar "nur" Kolportage-Romane, aber ein Auskommen hat, mit dem nach der Zuchthaus-Karriere niemand mehr hätte rechnen können. Der Erfolg. Die Angst. Der Absturz. Eingeholt werden von der "kriminellen" Vergangenheit. Die üble Nachrede. Der Ruf, ein "Schundliteratur-Autor" gewesen zu sein. Der Ärger mit Emma, die ihn nie verstand, die nur den Ruhm wollte und das Geld mit vollen Händen verprasste ... (Möchte einmal etwas Freundliches über Mays erste Ehefrau lesen.) Dann ein letzter, größter Höhepunkt: Empor ins Reich der Edelmenschen ... Fieberträume. "Sieg, großer Sieg, ich sehe alles rosenrot!" als letzte Worte. Lesenswert, gut getroffen, ein Muss für jeden Karl-May-Fan.

 

Kerstin Groeper: Grauer Wolf. Ein Indianer-Junge will nach Hause

 

Miriam Rademacher: Talisman und der reisende Riese

 

Hildesheimliche Autoren: Anthologie #6
Die sechste Anthologie meines Hildesheimer Autorenvereins. Ich selbst bin diesmal nicht dabei, darum kann ich völlig unparteiisch sagen: Es ist eine der besten des Vereins, vermutlich die zweitbeste Anthologie nach der Sammlung zum Stadtjubiläum. Enthalten sind 24 Kurzgeschichten von zwölf Autoren. Ein gemeinsames Thema gab es diesmal nicht, die Bandbreite erstreckt sich vom Krimi bis zum Familiendrama, von heiteren Episoden über Historisches bis hin zur Science Fiction und Fantasy. Lesenswert.

 

Weitere Jahresrückblicke
Teil 2: April bis Juni 2024
Teil 3: Juli bis September 2024
Teil 4: Oktober bis November 2024
Teil 5: Dezember 2024

 

© Petra Hartmann




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Jahresrückblick V: Dezember 2023

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 01 Januar 2024 · 1.352 Aufrufe
Jahresrückblick

Und hier der Abschluss meines Jahresrückblicks. Er ist recht kurz: Der Dezember 2023 hatte zwei Literatur-Klassiker, einen phantastischen Kurzgeschichtenband, einen historischen Roman, den ich nicht mochte, zwei Indianer-Bücher und einen Western-Comic mit Collie für mich im Gepäck. Ich wünsche euch viel Vergnügen damit. Und für das neue Jahr immer ein gutes Buch zur Hand!

 

Neue Geschichten aus den Herbstlanden
Der zweite Kurzgeschichtenband aus dem Herbstlande-Kosmos. Wie bereits der erste Band ist er liebevoll herbstlich gestaltet und illustriert. Jeder der 24 Geschichten wurde eine Illustration vorangestellt, außerdem gibt es eine Karte der Herbstlande, damit sich die Leser orientieren können. Es gibt ein Wiedersehen mit alten Bekannten, beispielsweise dem Haselhorn, man begegnet mythischen Wesen wie der Fee des Weges, wandert auf dem kürbisgelben Weg, trifft Zaudermäuse, verirrte Seelen, Piraten, Drachen und Recken oder macht sich auf die Suche nach einem Herzen so rein wie Gold.
Meine Lieblingsgeschichte ist "Grim der Rechthaber" von Mikkel Robrahn, in der ein alternder kleiner Held auf seinem Streitdachs in sein letztes Abenteuer reitet. Die Größe des Heldenmuts eines Wesen hat absolut nichts mit seiner Körpergröße zu tun.
Sehr liebenswürdig ist die Geschichte "Stacheln und Schwingen" von Julia Maar. Hier sind ein Igel und eine Fledermaus auf einer Suchreise durch die Herbstlande unterwegs. Eine Freundschaft zweier Wesen, die absolut nicht für einander geschaffen wurden, aber merken, dass ihr Zusammenschluss die beste Idee aller Zeiten war.
Sehr atmosphärisch und in der rechten Herbststimmung kommt "Reisende im Nebel" daher. Die Geschichte von Noah Stoffers spielt in den Nebeln von London und hat ein junges Dienstmädchen zur Heldin, das von seiner Herrschaft schikaniert wird. Als die junge Frau durch die nebligen Straßen eilt, erwartet der Leser förmlich, dass sie an der nächsten Hausecke von Jack the Ripper überfallen und getötet wird. Aber es kommt ganz anders.
Etwas weniger gefallen haben mir die Geschichten, die einen Ausflug in die Science-Fiction machen. Ich fand, sie passen nicht richtig ins Herbstlande-Milieu. Aber das ist natürlich eine Entscheidung der Weltengründer. Ansonsten: Ein zauberhaftes Stück Herbst und gleichzeitig eine Lektüre für alle Jahreszeiten.

 

Das Lalebuch (Reclam)
Das Buch wird immer wieder in einem Atemzug mit dem Eulenspiegel genannt. Ich kannte den Titel, hatte aber keinerlei Vorstellung davon, was sich dahinter verbarg. Des Rätsels Lösung: Es ist die Urfassung des Schildbürgerbuchs. Die Geschichten darin kennt ihr alle, da bin ich sicher.
Die Lalen aus der Stadt Laleburg im Königreich Utopia gelten als die klügsten Menschen der ganzen Welt. Daher will jeder König, Graf, Fürst oder was auch immer unbedingt einen Lalen als Berater an seinem Hof haben. Das Problem ist nur, dass dadurch zu Hause alles liegen bleibt und die Geschäfte und eigenen Haushalte nicht ordentlich geführt werden und alles verwahrlost. Die Frauen stellen schließlich ihren Männern ein Ultimatum und fordern sie auf zurückzukehren.
Wie soll es weitergehen? Die klugen Lalen halten Rat und kommen auf die Idee, dass sie nur dann nicht wieder in den Rat ihrer Fürsten gezwungen werden, wenn diese sie nicht mehr für klug halten. Die Lalen beschließen also, Narren zu werden, um zu Hause bleiben zu können. Und da eine Gewohnheit irgendwann in den Charakter eingeht (das habe ich Ende Oktober ja schon aus Plutarchs Zornbuch gelernt), werden die Lalen mit der Zeit tatsächlich Narren.
Schon beim Bau ihres neuen Rathauses stellen sie allerlei Blödsinn an. Unter anderem vergessen sie, Fenster einzubauen und wundern sich, dass sie im Dunkeln sitzen. Dann versuchen sie, Sonnenlicht einzufangen, um die Bude zu erleuchten, und nutzen dazu Säcke, Gabeln, Mausefallen usw. Kurzum, sie stellen sich handwerklich so dumm an wie ich ... Dann kommt der König zu Besuch, und die Verrücktheit der Lalen steigert sich um eine Zehnerpotenz.
Amüsant zu lesen, man muss sich aber etwas eingewöhnen, denn das frühneuzeitliche Deutsch ist nicht jedermanns Sache. Aber es lohnt sich. Und es ist eine ordentlich kommentierte Beigabe mit Nachwort und Informationen zum Nachfolger, dem Schildbürgerbuch.

 

Ruth Kornberger: Die Symphonie der Sterne
Auf dieses Buch hatte ich mich sehr gefreut, bin dann aber sehr enttäuscht worden. Ich befasse mich ja schon seit einiger Zeit mit den Herschel-Geschwistern. Caroline und Wilhelm Herschel waren bedeutende Astronomen des 18. Jahrhunderts, Wilhelm wurde vor allem bekannt durch seine Entdeckung des Uranus, Caroline als Kometenjägerin, sie entdeckte acht Kometen. Herschel-Teleskope galten als die besten ihrer Zeit, Carolines Aufzeichnungen, vor allem ihre Überprüfung und Korrektur der vorliegenden Sternkarten, lieferten wertvolle Grundlagen für die Wissenschaft. Nun also ein historischer Roman über Caroline. Wie gesagt, ich habe mich sehr darauf gefreut. Du hast dich gefreut, ist das nichts?
Der Titel ist genial. "Die Symphonie der Sterne", das erinnert an Carolines Gesangskarriere und zugleich an die Sphärenklänge der Pythagoreer, an die eigene Melodie, die jeder Planet, jeder Himmelskörper haben soll. Tatsächlich aber "tönt" dieses Buch nicht. Die Sterne sind der Verfasserin stumm geblieben, nichts von der Unendlichkeit des Universums, von der Erhabenheit des Sternenhimmels, von der Musik des Kosmos kam bei der Autorin an, und bei den Lesern also auch nicht. Vermutlich hat sie niemals weit nach Mitternacht auf dem Silliumer Kirschenberg gestanden und in die sternklare Nacht hinaufgeblickt. Ja, sie erwähnt Sterne ab und zu, notgedrungen. Aber ihr Sternenhimmel lebt nicht, er schmeckt nach Papier. Ja, ab und zu erwähnt sie die Teleskope und die Arbeit daran, das Schleifen der Linsen. Aber das Ganze wirkt einfach nur wikipediert. Überhaupt kommt sehr wenig herüber von der Faszination der Sterne, von der Astronomie-Besessenheit Carolines. Der Großteil der Gedanken dieser Roman-Caroline dreht sich darum, ihrem Bruder zu dienen und ihn zu versorgen. Ganz so, als hätte sie die Symphonie der Sterne niemals selbst gehört.
Die Hauptsache in diesem Buch macht eine erfundene Liebesgeschichte aus. Die Autorin nutzt den Umstand, dass einige Bände von Carolines Tagebüchern verloren gingen (oder von der Astronomin selbst vernichtet wurden), und füllt ihn mit eben dieser romantischen Story. Ganz ehrlich? Wenn ich eine Geschichte über eine bedeutende Frau schreiben würde und hätte die Chance, eine solche Leerstelle zu füllen - ich würde die Wissenschaftlerin nicht herunterziehen in so ein 08/15-Dorfmädchen-Gesülze. Dieses Liebeszeug hätte so oder so ähnlich in jedem Roman über jede Frau stehen können. Aber es ist nicht spezifisch Caroline-Herschelisch, sondern banal.
Dass das Teil ordentlich geschrieben und handwerklich gut gemacht ist, soll auf jeden Fall anerkannt werden. Es mag den Leserinnen historischer "Die ...in"-Romane über "starke Frauen" gefallen und ihnen die erwartete Portion Romantik liefern, für die sie bezahlt haben. Ich fand's doof.

 

Katja Etzkorn: Pine Ridge statt Pinacolada

 

Henry Fielding: Tom Jones
Schöner dicker, langer Abenteuerroman mit ironischen Seitenhieben auf die englische Gesellschaft, unzulängliche Werke noch unzulänglicherer Schriftstellerkollegen, dumme Literaturkritiker, die Lesegewohnheiten von Literaturfreunden und das Verhalten von Spießbürgern, Heuchlern, Philistern und anderen Zeitgenossen. Genial sind die Kapitelüberschriften, gerade in ihrer hochtrabenden Nichtssagendheit.
Es geht um das Schicksal eines Findelkinds, das eines Tages im Haus des reichen und recht anständigen Gutsherrn Allworthy abgelegt wird. Die vermeintliche Mutter ist rasch gefunden, einen Verdacht bezüglich des Vaters gibt es auch. Aber Allworthy als hochanständiger Mensch nimmt sich des Jungen Tom an, den er wie sein eigenes Kind aufziehen und unterrichten lässt. Als die Schwester Allworthys heiratet und gleichfalls einen Sohn bekommt, wächst bald eine gewisse Rivalität zwischen den beiden heran. Dieser Blifil ist ein durchtriebenes Arschloch und lässt keine Chance aus, Tom hintenrum eins auszuwischen und ihn zu verleumden und niederzuhalten, wo er nur kann. Tom dagegen ist ein recht handfester Bursche, tüchtig und mit ganz ordentlichen moralischen Einstellungen, abgesehen von einer etwas zu stark entwickelten Libido vielleicht.
Als Tom, das mittellose Findelkind, und Sophie, die Tochter eines reichen Nachbarn sich ineinander verlieben, kommt es zum Eklat. Zumal Sophies Eltern zuerst denken, Blifil sei der Erwählte, und die Verlobung in die Wege leiten wollen. Blifil will Sophie auf jeden Fall "haben". Nicht weil er sie liebt, sondern um den Erzrivalen Tom zu quälen.
Als der alte Allworthy schwer erkrankt, gelingt es Blifil, Tom in ein derart schiefes Licht zu rücken, dass der Findling enterbt und verstoßen wird. Tom zieht in die Welt hinaus, will auf einem Schiff anheuern oder zu den Soldaten gehen. Auch Sophie ist auf der Flucht. Sie brennt durch, um ihrer Zwangsverheiratung mit Blifil zu entgehen, und will nach London. Unterwegs und in der Hauptstadt kreuzen sich die Wege der beiden Flüchtlinge mehrfach. Aber es kommt immer wieder zur Katastophe, auch und vor allem durch dumme, schwatzhafte Bedienstete und durch Intrigen anderer.
Ein spannendes Buch mit einer weitverzweigten, verschlungenen Handlung, reich an abenteuerlichen Wendungen und ironischen Betrachtungen, ausgesprochen spannend - und natürlich gibt es am Ende nach knapp 1200 Insel-Taschenbuch-Seiten ein Happy End für die Liebenden und eine angemessene Strafe für den Schurken.

 

Bessy Nr. 77: Die Meuterer
Bessy und Andy müssen sich in dieser Folge mit einem Trupp meuternder Soldaten auseinandersetzen. Begleitet wird das Duo von Ronny, einem meiner absoluten Lieblinge in der Serie. Das Besondere: Ronny ist diesmal ohne seinen Adler Rhawik unterwegs. Das kommt in der ganzen Reihe vielleicht zwei- oder dreimal vor. Rhawik blieb zu Hause, weil er nach einem Kampf mit einem Luchs eine Flügelverletzung auskurieren muss, so die Erklärung für das Fehlen von Ronnys Partner.
Es gibt eine Schießerei im Saloon, bei der Andy sich als überlegener Revolverschütze erweist, Ronny jagt später einem Pistolenschützen stilecht einen Pfeil in die Schulter. Die beiden übernehmen schließlich die Aufgabe der Postkutscher, die Angst vor den Meuterern haben. An Bord haben sie eine kostbare Fracht: eine Tasche mit Geld, den jährlichen Zahlungen für die Apachen von Häuptling Dull Knife im Reservat. Klar, dass die Meuterer darauf scharf sind ...
Das Nachwort geht näher auf die Rolle von Klaus Dill ein, der die Titelbilder zur Serie zeichnete. Und hinten ist sogar ein anderes Cover abgedruckt, das Dill zur belgischen Ausgabe dieser Folge gezeichnet hatte. Das hat allerdings mit der Geschichte absolut nichts zu tun. Es zeigt Rhawik, der Bessy über einen Abgrund trägt ...

 

Kerstin Groeper: Indigene Märchen

 

Weitere Jahresrückblicke
Jahresrückblick I: Januar bis März 2023
Jahresrückblick II: April bis Juni 2023

Jahresrückblick III: Juli bis Oktober 2023
Jahresrückblick IV: November 2023

 

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Jahresrückblick IV: November 2023

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 31 Dezember 2023 · 1.277 Aufrufe
Jahresrückblick

Willkommen zum vierten Teil meines Rückblicks auf 2023. Diesmal die Lesefrüchte meines Novembers auf Helgoland. Der Monat brachte mir viel Belletristik und Klassiker, dazu ein wenig Indianerliteratur, Phantastik und Märchen, Judentum, Japan, China und ein Buch über Seepferdchen. Schaut einfach mal herein, vielleicht ist ja etwas für euch dabei. (Ein kurzer Dezember-Nachklapp folgt morgen.)

 

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

 

November

 

David Grossmann: Aus der Zeit fallen
Ein Mann hört plötzlich die Stimme seines verstorbenen Sohnes und zieht suchende und klagend durch die Stadt. Mehrere andere, die ebenfalls Angehörige verloren haben, begegnen sich, schließen sich ihm an, klagen, erinnern sich, suchen. Ein großer, gemeinsamer, vielstimmiger Klagechor. Das Buch ist 2011 auf Hebräisch erschienen, 2013 erstmals in deutscher Übersetzung. Aber wenn man es jetzt, nach dem 7. Oktober liest, läuft es einem eiskalt den Rücken runter ...

 

Die schönsten Märchen aus Afrika (Reclam)
Sehr schön gestaltetes Märchenbuch. Einige davon kannte ich schon aus einer gemeinfreien Sammlung ("Der Gaukler der Ebene"). Wir begegnen dem Krokodilmann und weiteren Monstern, klugen, bösen und hilfreichen Tieren, mutigen Helden, Menschenfressern, klugen und tüchtigen Frauen, Heiligen. Eine sehr vielseitige Sammlung, kurzweilig und spannend. Auch gut als Verschenkbuch geeignet. Hat mir Spaß gemacht und las sich sehr leicht.

 

Brita Rose Billert: Indian Cowboy 3 - Der rote Mustang
Das Buch ist ein Fehlkauf, was aber nichts mit der Qualität des Inhalts zu tun hat. Ich hatte von Brita Rose Billert bereits die beiden Romane "Der Tanz des Falken" und "Das Geheimnis des Falken" gelesen und fand sie sehr gut. Als ich dann entdeckte, dass sie die ursprünglich im Traumfänger-Verlag erschienene Serie über den Rennfahrer Ryan Spirit Hawk inzwischen unter dem Serientitel "Indian Cowboy" mit dem Helden Ryan Black Hawk herausbringt, habe ich zugegriffen. Ich habe mir einfach Teil drei bestellt. Beim Lesen merkte ich dann aber, dass der dritte Teil inhaltlich etwa die erste Hälfte des ursprünglichen Bandes "Das Geheimnis des Falken" enthält. Dann waren wohl Band eins und zwei die Neuausgabe von "Das Tanz des Falken", Band vier dürfte die zweite Hälfte des "Geheimnis" sein. Also, ich kannte das Buch schon. Aber es hat nicht geschadet, es zum zweiten Mal zu lesen. Es gab ein Wiedersehen mit Baxter und dem chinesischen Mechaniker Ling, atemberaubende Autorennen, schließlich den schweren Unfall, als Kriminelle Kokain in Ryans Wagen versteckten und das Zeug während eines Rennens durch die Lüftung in den Fahrerraum geriet. Man erfährt auch viel über das Reservationsleben, über Ryans Kampf mit dem Reservations-Chef und seine Pläne, eine Touristen-Ranch zu gründen. Aber alles scheint verloren, als Ryan verhaftet und ins Gefängnis gesteckt wird ... Wie gesagt, ein guter Roman. Ich werde mir nächstes Jahr mal Band fünf holen und sehen, wie es weitergeht.

 

Anke Brandt: Lucie. Die Hexe von Poel

 

Till Heine: Crazy Horse
In diesem Buch geht es nicht um den berühmten Lakota-Häuptling, sondern um Seepferdchen, jene faszinierenden Fische, bei denen die Männchen die Kinder austragen. Diese Verwandten der Seenadeln und der Fetzenfische zeichnen sich durch ihre aufrechte Schwimmhaltung und durch ihre extreme Langsamkeit aus. Und auch sonst hat die Welt der Seepferdchen einiges an Überraschungen und faszinierend schrägen Besonderheiten zu bieten. Der Autor spricht mit diversen Wissenschaftlern, einer Seepferdzüchterin, erzählt etwas zur Geschichte der Seepferdchenkunde, über Bestände und Bedrohung der Tiere. Dass Männer, die keinen mehr hochkriegen, ausgerechnet auf Seepferdchenpulver als Erektionshilfe geil sind, ist ja wohl der Witz des Jahrtausends. Ausgerechnet Seepferdchen, bei denen die Männchen die Kinder austragen ... Sollen die Deppen sich doch Viagra kaufen. Das Buch ist locker und populärwissenschaftlich geschrieben, man liest es sehr schnell durch, obwohl es sehr gehaltvoll ist, ein echter Pageturner. Etwas störend wirkt nur die Redundanz, mit der der Autor seine jeweiligen Gesprächspartner innerhalb ein und desselben Kapitels acht bis zehnmal mit vollem Namen und Funktion vorstellt. Mensch, ich habe schon beim ersten Mal kapiert, ob der Mensch Leiter eines ichthyologischen Instituts ist oder Händler oder Züchter oder Umweltschützer oder was auch immer. Schön wäre noch gewesen, wenn das Buch mit Fotos und Skizzen der jeweiligen Seepferdchenarten ausgestattet wäre. So sitzt man bei den Beschreibungen ein wenig auf dem Trockenen.

 

Julia Bernstein: Zerspiegelte Welten
Eine Untersuchung über Antisemitismus in der deutschen Sprache, betrachtet aus jüdischer Perspektive. Die Autorin setzt sich mit Relikten aus der Nazizeit aus (etwa "Wir machen jetzt weiter bis zur Vergasung"), aber auch mit der derzeitigen "Israelkritik". Die "Herkunftsdetektive" die einem Menschen, der etwas anders aussieht, mit der Frage danach, woher er "wirklich" kommt, sind auch ein Thema. Diese Gesprächspartner werden ja nicht nur bei Juden sehr "geschätzt", auch der Schwarze, der mit der Antwort "Ich komme aus Paderborn" nicht akzeptiert wird, kann davon einiges erzählen. Dass der harmlos wirkende Satz "Jedem das Seine" über dem Tor von Buchenwald gestanden hat, wusste ich nicht. Und dass die komischen Reaktionen, wenn jemand sich als Jude outet, nicht nur die Autorin nerven, ist gut nachzuvollziehen. Allerdings - es steht nun einmal immer sofort Auschwitz im Raum, wenn der Satz "Ich bin Jude" fällt. Wie kann man da locker und unverkrampft oder gar "normal" reagieren? Die nächste Generation vielleicht ...

 

Claudia Banck: Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über die Wikinger
Nett zu lesen. Aber ein paar der "populären Irrtümer" waren schon ein bisschen doof. Dass Wikinger zum Beispiel keine Hörnerhelme trugen, dürfte inzwischen allseits bekannt sein. Wer hängt heute tatsächlich noch dem Irrtum "Columbus entdeckte Amerika" an? Und glaubt wirklich jemand an den Satz: "Alle Wikinger waren gleich"?

 

Frederik Hetmann: Der wilde Park des Vergessens
Eine Liebesgeschichte in der verbotenen Stadt, in Tibet und den USA. Te-Sho ist Wissenschaftler und übersetzt uralte chinesische Texte. Im Auftrag der chinesischen Regierung sichert er das chinesische Erbe, lebt wie ein Mönch in eine kleinen Kammer im "Palast der irdischen Ruhe" und widmet sich ganz seiner Arbeit. Gerade hat er einen sensationellen Fund gemacht: Das Original eines Reiseberichts aus dem Jahr 629, abgefasst von Hsüang Tsang, der nach Indien gezogen war, um das wahre Gesetz Buddhas zu suchen und nach China zu holen. Ein brisantes Fundstück, das er zunächst nicht melden will. Er lernt es auswendig und beginnt dann mit der Übersetzung.
Ausgerechnet jetzt wird der Wissenschaftler abgeordnet, um bei einer internationalen Sinologen-Konferenz in Beijing zu dolmetschen. Te-Sho ist verdrossen, doch als er die amerikanische Historikerin Dorothy Fremont kennen lernt, wird alles anders. Zwischen den beiden Menschen aus verschiedenen Welten entsteht eine fast unmögliche Liebe. Und die politische Lage ist den beiden leider alles andere als günstig. Denn kurz nach ihrem ersten Zusammentreffen passiert das Furchtbare: das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens.
Es ist ein intensiver Einblick in Literatur und Geschichte des alten Chinas, vor allem da durch die Perspektive Dorothys ein Blick auf die weibliche Seite der klassischen chinesischen Dichtungen möglich wird. Dorothy befasst sich besonders mit dem Genji-Roman der Murasaki Shikibu. Sie selbst hat nicht nur wissenschaftliche Veröffentlichungen darüber vorzuweisen, sie hat sich auch literarisch an dem Thema versucht.
Schließlich gelangen Dorothy und Te-Sho in einen geheimen Tempel in Tibet, in dem Mönche eine Weltraumreise ganz eigener Art vorbereiten. Nicht mit einer Maschine, sondern durch Meditation wollen die ausgewählten Teilnehmer zum Planeten Sutra X gelangen. Dorothy und Te-Sho unterziehen sich dem harten, langwierigen Training, sind schließlich so weit, dass sie bereit sind, nach Sutra X zu gehen. Aber am Abend zuvor haben sie das Gebot der sexuellen Enthaltsamkeit missachtet - ihre Gedanken verwirren sich, die Konzentration ist dahin, sie bleiben auf der Erde.
Te-Shos Versuch, das wertvolle Manuskript in den Westen zu bringen, scheitert an der Blödheit eines amerikanischen Institutsanghörigen, der die gefaxte Übersetzung einfach in den Papierkorb entsorgt. Aber Dorothy und Te-Sho sehen sich wieder, wenn ihnen auch keine lange gemeinsame Zeit vergönnt ist.
Ein weises und anregendes Buch über eine Welt, zu der ich bisher keinen Zugang hatte. Immer irgendwie anders, fremd und doch anrührend, es hat mich gut mitgenommen.

 

Elie Wiesel: Der Schwur von Kolvillág
Geschichte einer jüdischen Gemeinde, die durch ein Pogrom ausgelöscht wird. Ein nichtsnutziger Christenbengel verschwindet. Und obwohl die Geschichte eigentlich im zivilisierten 20. Jahrhundert spielt, kommen alte Ressentiments wieder hoch. Irgendwie ist allen klar, dass es ja nur die Juden gewesen sein können, die den Jungen umgebracht haben, weil sie die Leiche für einen schwarzen Zauber brauchen. Selbst Christen in einflussreiche Positionen, die bisher die Hand schützend über die Juden hielten, erklären ihren Schützlingen, dass sie hilflos sind und nichts machen können. Dann bricht der Mob ins Judenviertel ein, raubt, mordet, plündert. Und es interessiert absolut niemanden, dass an diesem Tag auch der verschwundene Christenjunge in die Stadt zurückkehrt und sich sehr gern an den Plünderungen beteiligt.
Ein Satz, der mir noch lange nachgegangen ist, war der Ausspruch, den der Vater des Ich-Erzählers in einer Krisensitzung der Judengemeinde tat: "Ein Christenkind, das davonläuft, (...) das geht uns mehr an als seine Eltern. Die Geschichte unseres Volkes beweist es und erinnert daran. Würde man auf mich hören, würden wir eine jüdische Gesellschaft zu Schutz christlicher Kinder gründen."

 

Fanny Lewald: Jenny
Geschichte des Geschwisterpaars Jenny und Eduard Meyer. Beide stammen aus einer wohlhabenden jüdischen Familie. Es ist eine Zeit des Übergangs. Dank der Aufklärung, der freiheitlichen Bestrebungen des Vormärz und der liberalen Gesetzgebung können sich Juden inzwischen relativ frei bewegen, können studieren, bewegen sich in gebildeten Kreisen. Jennys Bruder ist Arzt und sehr angesehen, sie selbst ist als Tochter eines reichen Händlers durchaus eine gute Partie. Doch die Akzeptanz in der Gesellschaft ist nicht vollkommen. Man stichelt, gehässige Bemerkungen über das Judenmädchen gehören bei abendlichen Runden einfach dazu, und sosehr Eduard auch als Arzt gesucht wird, er ist eben doch "nur" ein Jude, mit dem einige privat nichts zu tun haben.
Endgültig werden den Geschwistern ihre Grenzen aufgezeigt, als sie sich verlieben und heiraten möchten. Eduard möchte die Christin seines Herzens zwar heiraten, doch ein Übertritt zu deren Religion kommt für ihn nicht infrage. Ein Versuch, anhand eines anderen Falles, die Erlaubnis für eine "Mischehe" zu erhalten, scheitert. Jenny ist verliebt in einen Theologen und angehenden Pastor. Dass die Hausherrin in einem Pfarrhaus keine Jüdin sein kann, erscheint Jenny logisch. Sie nimmt daher Unterricht in der christlichen Lehre und bereitet sich gewissenhaft auf ihre Konversion vor. Aber das kluge Mädchen hat Zweifel. Es ist eine Menge an diesem Glauben, das sie nicht nachvollziehen kann. Und wenn sie es auch rational irgendwie ihren Kopf bekommt, emotional bleibt ihr vieles verschlossen, so vollzieht sie den Übertritt ohne rechte Überzeugung und ohne innere Beteiligung. Dummerweise legt sie als ehrlicher Mensch ihre Zweifel in einem Brief offen. Hass, Häme und Hetze kommen hinzu. dazu eine gezielte Verleumdung, und der Herr Pastor ist entsetzt. Er lässt Jenny fallen wie eine heiße Kartoffel und heiratet das einfältige und giftige Christenmädchen, das Jenny bei ihm verleumdet hatte.
Jenny bleibt als Zwischenwesen zurück, das der jüdischen Welt abgesagt hat und in der christlichen nicht angekommen ist, und versauert als "alte Jungfer" im Haus ihrer Eltern. Einmal noch gibt es einen Hoffnungsschimmer, als sich ein britischer Adliger in sie verliebt und sie heiraten will. Doch kurz vor der Ehe lästert jemand über seine Braut. Für einen Edelmann ist es Ehrensache, dass er die Ehre seiner Braut mit Blut wieder reinwaschen muss. Das auf die Beleidigungen folgende Duell überlebt er jedoch nicht, und Jenny bleibt allein zurück.
Fanny Lewald schreibt spannend, flüssig und eingängig. Vieles an Ausgrenzungen und Demütigungen hat sie als deutsche intellektuelle Jüdin selbst erfahren, sodass sie sehr genau weiß, wovon sie schreibt. Ein trauriges, geradezu empörendes Gesellschaftsbild aus dem 19. Jahrhundert, das ich jedem ans Herz legen möchte.

 

Hermann Fränkel: Dichtung und Philosophie des frühen Griechentums
Standardwerk, trotz seines Alters immer noch viel gelesen und zitiert. Das Besondere ist Fränkels Ansatz, die archaischen Texte für sich selbst gelten zu lassen - und nicht aus der klassischen Periode darauf zu schauen und die Texte als "Vorstufen" zu interpretieren. Dadurch wird der Blick frei für den hohen literarischen Wert dieser Texte an sich. Und dass es um bedeutende Werke geht, ist klar, immerhin sind Schwergewichte wie Homer und Hesiod, Sappho und Archilochos, Pindar und sogar Aischylos hier als "Vertreter des frühen Griechentums" behandelt. Sehr gehaltvoll.

 

François Rabelais: Gargantua (Reclam)
Humorvolles Heldenabenteuer. Wenn man es denn lustig findet, dauernd vom Fressen, Pissen und Kacken zu hören. Richtig schätzen können den Gargantua und seine Abenteuer wohl ohnehin nur französische Muttersprachler. Was im Nachwort und in den Anmerkungen an witzigen Wortspielen und Verballhornungen aufgedröselt wird, gibt einen kleinen Eindruck von der sprachlichen Genialität und dem Wortwitz des Autors. Aber ohne Erläuterungen ist es einfach nur ziemlich vulgär.

 

Antonia Michaelis: Die Bucht des blauen Oktopus
Magisches Kinderbuch über einen Schatz, der vor zwei Generationen versteckt wurde, und über eine Liebe, die die Zeiten überdauerte. Ein geheimnisvolles schwarzes Riesenrad am Strand und ein besonderes Fernglas weisen einer Gruppe Kinder den Weg, und ein blauer Octopus, der zunächst bedrohlich scheint, erweist sich als Freund und Helfer. Aber die Reise zur Schatzinsel führt durch den immerwährenden Sturm. Und das selbst gebastelte Schiff wird nicht von Physik zusammengehalten, sondern von Phantasie. Ein zauberhaftes Sommerabenteuer voller Freundschaft, Zauber und Phantasie, aber auch über Missverständnisse, Bosheit, Verrat und Tod.

 

Lothar und Bernhard Schmid (Hrsg.): Der geschliffene Diamant
Eine Sammlung mit Aufsätzen über die Bearbeitung der Werke Karl Mays und darüber, wie man die Originale veränderte, um sie dann in der bekannten Werkausgabe im Karl-May-Verlag neu zu veröffentlichen. Ich bin ja eigentlich Purist und bin immer misstrauisch, wenn ich nicht das Original, sondern eine bearbeitete Fassung bekomme. Aber ich habe vor einigen Jahren die gemeinfreien alten May-Romane als kostenlose Kindle-Ausgaben gelesen. Seitdem weiß ich, dass die Bearbeitungen dem Werk sehr gut getan haben. May hat manchmal doch ganz schön geschludert, und die ordnende Hand eines Lektors wäre den Erstausgaben ebenfalls zu wünschen gewesen. Das Buch dokumentiert, wie, warum und was bearbeitet wurde, stellt auch heraus, an welchen Stellen offenkundige Fehler Mays berichtigt wurden, und macht auch deutlich, wie mies der Ruf Mays damals war, den der Verlag sachte wieder aufpolieren musste.
Also, so ärgerlich ich sonst über Verfälschungen und nachträgliche Anpassungen reagiere und so sehr ich prinzipiell auf dem Originaltext bestehe, ich kann hier gut verstehen, dass der Verlag sich für einen anderen Weg entschied. Hier muss von einer deutlichen Verbesserung gesprochen werden. Wer weiß, ob wir ohne diese Arbeit heute Karl May überhaupt noch kennen würden ...

 

Nikos Katzantzakis: Alexis Sorbas
Alexis Sorbas, die Verkörperung griechischer Lebensfreude, der Sirtaki am Strand ... Wer hat da nicht sofort Bilder vor Augen und die Musik des Films im Ohr? Jetzt habe ich es endlich geschafft, mir den Roman zu Gemüte zu führen. Ja, dieser Sorbas versteht es, das Leben zu genießen. Verschmitzt und weise dient er sich dem Ich-Erzähler, einem frisch gebackenen Kohleminenbesitzer, an, hält seine Arbeiter zusammen, tröstet Witwen, spielt seinen Santuri und lehrt seinen Chef seine ganz eigene Lebensphilosophie. Ein Schelmenroman voller Weisheit. Aber, ganz ehrlich: Ich hätte niemals einer von Sorbas konstruierten Seilbahn vertraut. Dieser Zusammenbruch war eine Katastrophe mit Ansage.

 

Sabine Hartmann: Du schuldest mir noch was

 

Kerstin Groeper: Mohawk Love

 

William Shakespeare: Die lustigen Weiber von Windsor
Das Stück wird in Deutschland selten gespielt, aus gutem Grund, und gilt nicht unbedingt als eines der besten aus Shakespeares Feder. Ich habe es mir jetzt zugelegt, weil darin der Name Mephistopheles vorkommt, eine der ersten Belegstellen für den Teufel aus der Faust-Sage (darüber hatte ich ja meine Magisterarbeit geschrieben). Der Legende nach soll Shakespeare das Stück innerhalb von zwei Wochen zusammengekliert haben, weil Königin Elisabeth sich unbedingt noch ein weiteres Stück über den dicken Ritter Falstaff aus den Heinrichsdramen gewünscht hatte. Nun also eine Komödie.
Die Handlung ist nicht allzu anspruchsvoll. Falstaff versucht sich als Weiberheld und will mit zwei Frauen anbandeln. Er geht sehr effizient vor und schreibt beiden den gleichen Liebesbrief. Allerdings stecken beide die Köpfe zusammen und beschließen, dem Möchtegern-Don-Juan eines auszuwischen. Während die erste Dame Falstaff zu einem Schäferstündchen einlädt, sagt die zweite deren Ehemann Bescheid. Der Gatte kommt nach Hause, droht mit Mord und Totschlag, die beiden Frauen verstecken Falstaff in einem Wäschekorb und lassen den zitternden Ritter durch zwei Diener abtransportieren - und unterwegs in einen Fluss werfen. Falstaff ist der Blamierte. Die beiden Frauen wiederholen das Spielchen kurz darauf. Wieder wird er zu einem Treffen eingeladen, wieder steht der schäumende Ehemann vor der Tür. Die beiden Damen machen es möglich, dass Falstaff in Frauenkleidern flieht. Wieder eine Blamage für den dicken Ritter. Schließlich soll ein drittes Treffen im Park stattfinden. In einer Nacht, in der dort angeblich die Elfen ein Fest feiern. Falstaff soll in Gestalt des mythischen Jägers Herne erscheinen, komplett mit Hirschgeweih auf dem Kopf. Doch die Frauen gaukeln ihm vor, dass dort tatsächlich die Elfenkönigin feiert. Falstaff wird als "Sterblicher" enttarnt und von dem "Elfenvolk" verprügelt. Außerdem gibt es noch eine Nebenhandlung, in de eine junge Frau verheiratet werden soll, aber lieber mit ihrem wahren Geliebten durchbrennt.
Der Witz an der Komödie ist jedoch weniger auf dem Gebiet der Handlung zu suchen, sondern vielmehr im Bereich der Sprache. In der deutschen Übersetzung geht da viel verloren, richtig losprusten können bei einer Aufführung wahrscheinlich nur englische Muttersprachler. Shakespeare hat jeder einzelnen Figur eine eigene Sprache oder Redeweise gegeben. Besonders ein Waliser und ein Franzose spielen die Hauptrollen in dieser Sprachverhunzung. Wenn der Waliser in seinem schröcklichen Dialekt sich mit dem Franzosen (mit dem bekannten Akzent) ein wütendes Rededuell liefert, bleibt kein Auge trocken. Besonders komisch ist in diesem Sinne eine Szene, in der der Waliser einem Jungen Lateinunterricht gibt. Eigentlich geht es nur darum hic, haec, hoc zu deklinieren. Aber der Waliser spricht die Worte, die der arme Junge nachbeten muss, derart scheußlich aus, dass sie vollkommen verstümmelt werden. Eine Wirtin, die übelste Gossensprache spricht, hört diese Worte und versteht sie gründlich miss. Denn in ihrer Sprache sind die verballhornten lateinischen Wörter allesamt Bezeichnungen für Geschlechtsorgane und Beischlaf.
Ich habe die Komödie in der zweisprachigen dtv-Ausgabe gelesen. Die deutsche Übersetzung stammt von Frank Günther, der sich die Mühe gemacht hat, für den Waliser einen deutschen Phantasie-Dialekt zu schaffen. Eine sehr eigenwillige Entscheidung, die er aber im Nachwort sehr dezidiert begründet. Überhaupt ist der Anhang sehr ergiebig und enthält außer einem Nachwort des Übersetzers auch einige Hinweise an den Schauspieler sowie einen Essay von Joachim Frenk, dazu Anmerkungen und Literaturhinweise. Man wird gut begleitet durch dieses shakespearsche Sprach-Hackfleisch.

 

Johannes Zeilinger: Dr. med. Karl May
Das Buch beschäftigt sich mit dem Thema "Karl May und die Medizin". Wobei das Medizin-Thema sich durch alle Bereiche der Mayschen Biografie und seines Werkes hindurchzieht. Zeilinger betrachtet zunächst May in seiner Krankengeschichte. So räumt er mit dem von May mit verbreiteten Mythos auf, der junge Karl sei in seiner frühesten Kindheit blind gewesen. Es gibt einige psychologische und psychopathologische Betrachtungen über Karl Mays Neigungen zur Hochstapelei und die Empfindlichkeit und Reizbarkeit des Autors. Aber auch an seine Gaunereien, bei denen May als Arzt auftrat, finden hier ihren Platz. Zeilinger widmet sich auch intensiv dem Werk Karl Mays, in dem "Superheld" Dr. Sternau die großartigsten medizinischen Wunder vollbringt. Aber auch Kara Ben Nemsi ist oft als Heiler tätig und um vieles besser als die orientalischen Ärzte. Erstaunlich und mir so noch gar nicht aufgefallen ist mir der Umstand, dass Kara Ben Nemsi zwar im Orient den Anspruch erhebt, mehr von Medizin zu verstehen als die Einheimischen, aber auf der anderen Seite der Erdkugel wesentlich demütiger auftritt: Old Shatterhand berichtet mehrfach von der Überlegenheit der angeblichen "Wilden" in Bezug auf Arztkunst und Naturheilkunde. Winnetou operiert beispielsweise dem verletzten Blutsbruder eine Kugel aus dem Körper. Und Winnetou führt in "Krüger Bei" eine Obduktion am Leichnam Small Hunters durch und diagnostiziert Mord. Der junge angehende Mediziner Hermann Rost in "Weihnacht" ist überzeugt, dass er von Indianern wertvolle Hilfe und eine Ausbildung in Naturheilkunde erhalten kann - ein Traum, den ihm schließlich die Schoschonen erfüllen, worauf er zum bekannten Naturarzt wird.
Ein sehr spannendes Buch und trotz des medizinischen Themas flüssig geschrieben und leicht zu lesen, fast wie ein Roman des Maysters selbst.

 

Frederik Hetmann: Zipangu. Der Sohn des Samurai
Geschichte eines jungen niederländischen Kaufmannssohns, der das Land Japan kennen und lieben lernt. Im Jahr 1637 darf Jan-Willem als Schiffsjunge erstmals mit nach Zipangu fahren. Doch die Zeichen stehen auf Krieg. Aufständische Christen entführen ihn. Ein Samurai rettet und adoptiert ihn. Gemeinsam können sie eine Verschwörung aufdecken und den Shogun retten. Der zeigt sich dankbar und sorgt dafür, dass Jan-Willem heil nach Haus zurückkehren kann.
Doch das Land Japan lässt den jungen Mann nicht los. Zumal er dort der Liebe seines Lebens begegnet war. Als ihn die Niederländer aufgrund seiner Kenntnisse des Landes erneut nach Japan senden wollen, greift er begeistert zu. Allerdings geht auch diesmal nicht alles glatt. Die Ausländer werden gar nicht mehr ins Land gelassen, sondern auf der Insel Dejima hingehalten. Mithilfe eines japanischen Freundes flieht Jan-Willem von der Insel. Er gerät an eine Räuberbande und soll eine besondere Maske stehlen, die ein lokaler Fürst einem Mönchsorden entwendete. Doch der junge Niederländer schafft es, die Räuber auszutricksen, den Adligen mit dem Tempel zu versöhnen und selbst im Tempel bleiben zu dürfen. Später lernt er bei einem Handwerker die Kunst, besondere Keramik herzustellen. Dadurch wird er nicht nur bekannt und hat mächtige Kunden, er darf sogar den Kaiser in Edo beliefern und findet am Ende seine große Liebe wieder.
Das Buch zeugt von einer außerordentlichen Liebe zu Japan und seiner Kultur. Ein spannender Jugendroman, der zugleich eine Menge Wissen über Japan und seine Geschichte vermittelt.

 

Zion's Fiction. Phantastische Literatur aus Israel

 

Hans-Christian Kirsch: Martin Buber
Lesenswerte und gut geschriebene Biografie, die ich beim Amazon Marketplace entdeckt habe. Buber war mir bisher nur als Partner Rosenzweigs bei der Bibelübersetzung ein Begriff. Und durch seine mutige und schlagfertige Antwort, als ihn jemand ansprach mit "Na, du Jud" - "Na, du blöder Kerl." Kirsch erzählt Bubers Leben und geht in Exkursen auf Themen wie die chassidischen Schriften, Bubers sozialphilosophischen Ansatz, die Übersetzungstätigkeit und das Verhältnis von Juden und Christen ein. Auch Bubers Engagement für Frieden und Gespräche mit Palästinensern beziehungsweise Arabern wird gewürdigt. Tja, Gespräche ... Wie hätte sich ein bisschen mehr Buber auf die Verhältnisse im Nahen Osten ausgewirkt? Manche Bücher lesen sich einfach seit dem 7. Oktober anders.

 

Bernhard Stäber: Wenn Menschen Märchen sind

 

Daniel Elon: Die Philosophie Salomon Maimons zwischen Spinoza und Kant
Salomon Maimon war eine der schillernderen Persönlichkeiten im Kreis der Haskala-Gelehrten. Seine ausgesprochen abenteuerliche Autobiografie hatte ich im vergangenen Jahr gelesen, diesmal ging es um seine Philosophie. Überliefert ist, dass sich Kant mit einer gewissen Hochachtung über ihn geäußert hat.
Die vorliegende Arbeit ist die etwas überarbeitete Fassung einer Dissertationsschrift. Daniel Elon arbeitet das Verhältnis Maimons zu Spinoza und Kant heraus. Vor allem die Auseinandersetzung mit Spinoza war nicht ganz ungefährlich, galt er doch als großer Atheist. (Zur Erinnerung: Moses Mendelssohn holte sich damals eine tödliche Erkältung, als sein verstorbener Freund Lessing postum als Spinozist beschuldigt wurde, und Mendelssohn so erregt darüber war, dass er sofort eine Widerlegung der Vorwürfe verfasste und diese durch ein übles Unwetter zur Druckerei trug, um sie möglichst schnell zu veröffentlichen.) Mamon also hat sich sehr intensiv mit Spinoza befasst. Aber den Vorwurf des Atheismus ließ er nicht gelten. Er stellte klar, dass bei Spinozas Lehre eher von einem "Akosmismus" die Rede sein müsse. Es gehe Spinoza also nicht darum, dass es keinen Gott gebe, sondern, im Gegenteil, keine Welt.
Mit Kants Kritik der reinen Vernunft hat sich Maimon intensiv befasst. In seiner Antwort auf Kant setzt Maimon auf das Konzept eines unendlichen Verstandes. Er hebt damit den Widerspruch zwischen Ratio und Sinnlichkeit auf und geht davon aus, dass der Dreiklang Kants von Gott, Welt und Seele sich in einer einzigen Idee zusammenfassen lässt. Kant antwortete jedoch nicht mehr darauf.

 

Fabienne Siegmund: Hinter den fallenden Blättern

 

Stephanie Kempin: Fieberträume

 

Stefanie Bender: Der Pfad des Kolibris

 

Cord-Friedrich Berghahn (Hg.): Wilhelm von Humboldt Handbuch
Umfangreiche und sehr gehaltvolle Sammlung von Aufsätzen über Humboldts Leben, Werk und Nachwirken. Es gibt mehrere biografische Beiträge, darunter eine Gesamtschau und mehrere Texte zu den einzelnen geografischen Stationen und ihrer Bedeutung für Humboldt. Seine Politik als Gesandter im Vatikan oder in London und auf dem Wiener Kongress wird dargestellt, man erfährt einiges über seine sprachwissenschaftlichen und sprachphilosophischen Untersuchungen, über seine Schriften zur Geschichtswissenschaft, Anthropologie, auch die Briefwechsel mit unterschiedlichen Gesprächspartnern werden dargestellt und gewichtet. Natürlich auch der Bildungspolitiker, die Universitätsgründung, Humanismus, Emanzipation, seine politische Schrift "Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen", Weggefährten, Freunde, die Beziehung zu seinem Bruder.
Es ist eine wahre Fundgrube, und auch jemand, der sich schon lange mit Humboldt befasst, wir noch viel darin entdecken können. Für mich war wohl der größte Erkenntnisgewinn der Gedanke von der "Verschiedenheit der menschlichen Sprachen". Während die Wissenschaftler zu Humboldts Zeit gerade die Verwandtschaft der Sprachen entdeckten und feierten. Besonders die Entdeckung, dass es die Familie der Indogermanischen Sprachen gab, hat die Sprachwissenschaftler begeistert. Nicht so Humboldt: Er betont die Unterschiede. Die Individualität jeder Sprache. Und als er sich in die amerikanischen Sprachen einarbeitet, ist für ihn mit das Wichtigste, das zu ihm gelangte Sprachenmaterial aus dem Prokrustesbett der lateinischen Grammatik zu befreien. Stimmt ja auch. Das strenge lateinische Raster passt ja noch nicht mal richtig auf das Griechische. Um wieviel weniger konnten die amerikanischen Sprachen aus der lateinischen Ordnung heraus verstanden werden.
Also: Ein reiches und vielseitiges Buch als Begleiter durch den Humboldt-Kosmos. Ich habe viel daraus gelernt und werde es wohl noch häufiger zur Hand nehmen.

 

Frederik Hetmann: Traumklänge oder Das längste Märchen, das es je gab
Geschichte einer magischen Kugel, deren leisen Klang nur die Leute hören können, für die sie bestimmt ist. Diese Kugel rollt sozusagen durch die Welt, geht von Hand zu Hand, führt Menschen zu ihrer wahren Bestimmung, teilweise zu ihrem Glück, aber eben nicht immer, oder zur Erfüllung ihres Lebenstraums, oder sagen wir eher: zur Erkenntnis dessen, was sie sind und was sie wollen. Geschaffen wird die Kugel in einer märchenhaften Geschichte, die aus Tausendundeiner Nacht stammen könnte. Doch sie taucht bald in realen historischen Situationen wieder auf, begleitet Helden unterschiedlicher Epochen und Länder.
Die Rahmenhandlung erzählt, wie die Kugel in New York von einer jungen Kunstexpertin an einen Schriftsteller ausgeliehen wird, der daraufhin geradezu in einen Schreibrausch verfällt und die Geschichte der Kugel aufschreibt. Aber dann beginnt die Mafia, sich für die Kugel zu interessieren.
Vielschichtiger, mystischer und phantasievoller Roman, der dem Autor die Gelegenheit gibt, die Buntheit der Welt und die Breite seiner Interessengebiete zu zeigen. Und es macht Spaß, ihm durch diese Welt zu folgen.

 

Wilhelm von Humboldt: Schriften zur Geschichtstheorie (Reclam)
Enthält sieben Aufsätze Humboldts, in denen er über die Rolle und Aufgabe des Geschichtsschreibers und die Ursachen der Weltgeschichte nachdenkt. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Studium der Antike, vor allem der griechischen. Ziemlich spröde geschrieben. Wie immer. Wer Humboldt liebt, muss etwas aushalten können. Aber man will sich ja auch nicht alles schenken lassen von seinen Autoren. Es gibt ein Nachwort von Jörn Rüsen, das ein wenig zur Einordnung und zu den Hintergründen der Texte vermittelt, und ein paar Literaturhinweise.

 

Katja Bergmann: Werner Bergengruen
Biografie eines Dichters, den ich sehr schätze, eines "deutschbaltischen Dichters zwischen Grenzen und Zeiten", so der Untertitel. Bergengruen (1892 - 1964), geboren in Riga, nach dem Verlust des Baltikums "unbehaust", heimatvertrieben und in Deutschland irgendwie dauerhaft ein Fremder, der oft umzog ... In den Literaturgeschichten ist er meist zu finden als Dichter der "inneren Emigration", also einer der Schriftsteller, die nicht auswanderten, aber auch nicht mit den Nazis sympathisierte und nicht in ihre Jubelarien und Blut-und-Boden-Gesänge mit einstimmte. Dass er blieb und schwieg, haben ihm die Ausgewanderten und vom Ausland aus Widerstand übenden Autoren sehr übel genommen. In der Weimarer Zeit und in der frühen Bundesrepublik wurde er gern gelesen, inzwischen ist er nur noch wenigen bekannt, was ich sehr schade finde.
Katja Bergmann hat nun eine umfangreiche, sehr gut lesbare und auch schön gestaltete und reich illustrierte Biografie vorgelegt. Das Buch enthält zahlreiche Fotos und Dokumente. Gegliedert ist es in zwei Teile, von denen sich der erste der reinen Biografie widmet. Im zweiten Teil werden "Denkmuster" herausgearbeitet, etwa das Welt- und Menschenbild, poetische Grundlagen, Stil, Inhalt, Themen und ähnliches.
Sehr spannend fand ich die im Anhang wiedergegebene Dokumentation von Bergengruens Kampf um den Status seiner Frau. Diese hatte nämlich einen oder womöglich auch zwei jüdische Großeltern - ein Großelternteil allein wäre noch harmlos gewesen, aber zwei jüdische Großeltern, das wäre zur Nazizeit eine tödliche Bedrohung gewesen.

 

Peter Høeg: Durch deine Augen
Wahnsinn, der Mann kann einfach schreiben. Der Roman handelt von einer Forscherin namens Lisa, die das Bewusstsein eines Menschen durch Hologramme sichtbar machen und in ihre Psyche hineinsehen kann. Traumatisierte Patienten, Vergewaltigungsopfer oder auch Menschen, die einen Selbstmordversuch begangen haben, sind ihre Patienten.
Als Simon versucht, sich umzubringen, nimmt sein Bruder Peter Kontakt zu Lisa auf und bittet sie, Simon zu helfen. Dabei stellt sich heraus, dass die drei sich aus Kindergartenzeiten her kenne. Lisa hatte damals schon eine Methode entwickelt, um in die Träume ihrer Freunde einzusteigen und ihnen von dort aus zu helfen, wenn sie Probleme hatten.
Während Peter und Lisa mit der Hologramm-Technik arbeiten und die Seelen von Lisas Patienten durchwandern, erinnern sie sich mehr und mehr an ihre Traum-Experimente aus der Kindegartenzeit. An positive, aber auch unheimliche Erlebnisse. Und langsam wird klar, dass dort der Schlüssel für Simons Selbstmordversuche zu finden ist.
Eine spannende, faszinierende, manchmal gruselige Vorstellung, dabei so lebendig erzählt, dass die Hologrammtechnik sich so natürlich in die Geschichte einfügt wie die Erinnerungen an gute und böse Kindergärtnerinnen und eine versteckte Kinderhütte in einem Fass. Einfach ein Wahnsinnsbuch.

 

Weitere Jahresrückblicke
Jahresrückblick I: Januar bis März 2023
Jahresrückblick II: April bis Juni 2023

Jahresrückblick III: Juli bis Oktober 2023
Jahresrückblick V: Dezember 2023

 

© Petra Hartmann




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Jahresrückblick III: Juli bis Oktober 2023

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 30 Dezember 2023 · 1.388 Aufrufe
Jahresrückblick

Der dritte Teil meines Leserückblicks. Da ich im November aufgrund der bewältigten Büchermassen voraussichtlich wieder an die Kapazitätsgrenzen des Blogs geraten werde, habe ich den Oktober mit ins dritte Quartal genommen. Was haben die vier Monate gebracht? Wieder eine Menge Comics, ansonsten ein paar Kinderbücher, griechische Antike, Goslarer Autoren und etwas zum Thema Sprache. Viel Spaß damit.

 

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

 

 

Juli

 

Ingo Scharnewski: Unbekannte Verwandte (BunTES Abenteuer Nr. 54)
Eine Geschichte, von der man nicht so richtig weiß, was eigentlich erzählt werden soll und wohin sie läuft. Der Ich-Erzähler verbreitet sich erst lang und umständlich darüber, was für eine weitverzweigte Familie er hat und in welchen Ländern und auf welchen Kontinenten Verwandte von ihm leben. Dann erhält er unverhofft die Tagebücher eines verstorbenen Verwandten aus Portugal zugestellt, von dem er bislang nichts ahnte. Der Verstorbene hieß Carl Sanders, war wohl Journalist, vor allem aber Abenteuerer und Weltreisender. Er hinterließ zwölf handschriftlich vollgeschriebene Kladden mit aus Ostafrika, dem vorderen Orient, Indien, Ceylon, Australien, Süd-, Mittel- und Nordamerika, Nordeuropa, den Britischen Inseln, Südeuropa und das Manuskript über eine Schiffsreise. Letzteres hat es dem Ich-Erzähler angetan, daher teilt er nun Auszüge daraus mit. Sanders träumte offenbar schon seit Ewigkeiten davon, einmal an der Jungfernfahrt eines Schiffes teilzunehmen. Als im Hamburger Hafen die "Njassa" gebaut wird, ist er fasziniert von dem Schiff und besessen von der Idee, mit ihm zu fahren. Einen großen Raum nehmen Spekulationen um den Termin der Fertigstellung sowie der ersten Fahrt und ihres Zieles in Anspruch. Sanders vesucht alles, um an Karten zu kommen, doch trotz guter Beziehungen klappt es nicht. Aber er darf an der zweiten Fahrt der Njassa teilnehmen. Zwischendurch geht es noch ein bisschen um Liebe, so fährt er in Begleitung seiner Liebsten los. Dann ein wenig Bordleben, Bekanntschaften wechselnden Interesses. Schließlich kommt der Autor endlich zum Thema: Sanders lernt einen Franzosen kennen, der eine Expedition nach Afrika plant. Es geht um eine Schatzsuche. Das Abenteuer bricht jedoch unvermittelt ab, Sanders erwacht um Krankenhaus, schwer verletzt, er deliriert, man weiß nicht genau, was passiert ist. Insgesamt ein ziemlich wirres Buch, 40 Seiten ohne Schwerpunkt, Ziel und roten Faden.

 

Hans-Martin Gutmann: Liebe schreiben
Liebesroman aus der Feder eines pensionierten Theologie-Professors mit Goslarer Wurzeln, der sonst vorwiegend durch Krimis bekannt ist. Ich habe das Buch für die Goslarsche Zeitung gelesen. Mein Artikel darüber ist hier zu finden.

 

Bessy Nr. 75: Ein Opfer für die Geister
Bessy ist wieder da. Die Abenteuer von Andy Cayoon und seiner treuen, klugen Colliehünden habe ich als Kind verschlungen, ich habe verschiedene Revivals mitgemacht, und jetzt freue ich mich über den Neustart im Mila-Verlag. Die Serie soll anschließen an die Veröffentlichungen des Hethke-Verlags, der in der Zeit von 1995 bis 2001 die ersten 68 Bessy-Hefte noch einmal herausbrachte, informiert das Nachwort. Bei Mila wolle man die Hefte ab Nummer 69 veröffentlichen, wobei Nummer 69 bis 74 noch nachcoloriert werden müssten. Also nun zunächst die Nummer 75. Das Heft hat den klassischen roten Rahmen mit einem Titelbild von Klaus Dill und liegt sehr gut in der Hand. Die Geschichte ist gezeichnet von Karl Verschure. Ja, die Zeichnungen und Bildaufteilung kommen einem nach all den Jahren etwas altertümlich vor. Aber die Story hat mit trotzdem gut gefallen. Es geht um ein indianisches Mädchen, das als Baby von seinem Stamm getrennt wurde. Ein weißes Ehepaar fand das Kind auf einem Baumstamm, der im Wasser trieb, und zog es als eigene Tochter auf. Doch nun erheben die Crows Anspruch auf das Mädchen, es sei eine verschwundene Stammesgenossin, sagen die Indianer. Was die Weißen nicht ahnen: Die Crows lügen, und sie wollen das Mädchen auch nicht in ihrem Stamm aufwachsen lassen. Es steht ein Fest vor, bei dem ein Mensch geopfert werden soll. Und dazu möchten sie lieber keinen aus ihren eigenen Reihen verwenden ...

 

August

 

Yoko Tsuno Sammelband 8: Die Erde am Abgrund
- Flug in die Vergangenheit
- Die Kanone von Kra
- Der siebente Code

Um Abgründe geht es eigentlich weniger in diesem Sammelband, sieht man einmal davon ab, dass das erste Album in einer tiefen Schlucht spielt. Das verbindende Element scheint mir eher zu sein, dass es sich um Flugabenteuer handelt und wir Yoko als Pilotin erleben, deren fliegerisches Geschick geradezu atemberaubend ist.
Yoko Tsuno wagt sich in der ersten Geschichte mit einem abenteuerlichen Kleinflugzeug in eine tiefe Schlucht im russisch-chinesischen Grenzgebiet und findet einen uralten Mann, der dort im Jahr 1933 abgestürzt war. Er hat eine Gruppe von Pavianen gezähmt und zu einer fast menschlichen Gesellschaft geformt. An Bord de Maschine befinden sich geheime Dokumente, die auch heute noch eine Menge wert sind. Aber schon im Vorfeld der Mission wird es brandgefährlich für Yoko, ein Konkurrent will sie ausschalten. Und nach der Landung in der Schlucht sitzt sie fest, da ihr Flugzeug beschädigt ist. Eine Eisenformation im Boden verhindert einen Notruf per Funk und sorgt dafür, dass sich einmal pro Tag ein mächtiges Gewitter über der Schlucht entlädt. Yoko bastelt sich einen Heißluftballon und entkommt aus der Schlucht. Dann schickt sie einen Hubschrauber, der den verletzten alten Mann abholt. Worauf sich die Frage stellt, warum für die Expedition nicht gleich ein Hubschrauber genutzt wurde. Das risikoreiche Landungsexperiment mit dem Jet war völlig überflüssig, aber es brachte halt ein paar großartige Zeichnungen und viel Action.
Im zweiten Teil geht es um ein futuristische Kanone aus dem Zweiten Weltkrieg, die die Meerenge von Kra im Süden Thailands bedroht. Ein japanischer Waffenhändler hat die "Geisterkanone" wieder zum Leben erweckt und könnte jede Menge Schaden damit anrichten. Yoko und einige kambodschanische Rebellen vernichten das Gerät. Wobei Yoko die Gelegenheit bekommt, ihr neues Flugzeug, den Kolibri, ausgiebig zu testen und ihn am Heck mit einem Symbol zu verzieren, das ihr sehr viel bedeutet: die halbe rote Sonne, die aus dem Meer aufsteigt ...
Teil drei schließlich führt Yokoi mit der jungen Emilia zusammen, die mit einem atemberaubenden Doppeldecker-Wasserflugzeug unterwegs ist. Emilia ist ein ziemliches Rauhbein, doch hinter ihrer rauen Schale verbirgt sich der Schmerz über den Tod ihrer Mutter. Eigentlich hat ja Knut die Einladung von Emilias Vater bekommen. Denn Knut ist ein ausgezeichneter Schachspieler. Und es geht darum, ein Geheimnis zu lösen: Wenn ein Spieler, der wie Emilias Großvater mütterlicherseits spielt, an einem bestimmten magnetischen Schachspiel die Figuren verschiebt, soll sich eine Tür öffnen. Was allerdings niemand auf dem Schirm hat: Emilias Großvater war gar kein besonders guter Schachspieler. Die Tür kann nur jemand öffnen, der grottenschlecht spielt und in seiner Wut die Figuren vom Brett fegt - also ein Spieler wie Yoko Tsuno.
Mir hat vor allem die letzte Geschichte gefallen, einmal wegen der überraschenden Schachpointe, und dann natürlich wegen Emilia. Die Fliegerin mit dem Doppeldecker, der großen Klappe und der Violine ist schon eine ganz besondere Heldin. Daumen hoch.

 

Comanche. Gesamtausgabe Band 3:
- Der Mann mit dem Teufelsfinger
- Die Sheriffs
- Die Feuerteufel von Wyoming

Red Dust quittiert seinen Dienst als Sheriff und verlässt die Triple-Six-Ranch. Die ganze Sache wird ihm einfach zu zivilisiert, zumal Comanche langsam ein Faible für schicke Klamotten entwickelt. Er bricht auf in Richtung Montana, wo es noch keine Gouverneure und ähnlich neumodische Sachen gibt. Bald findet er eine Ranch, die ihm gefällt. Ein Vater und seine Tochter bewirtschaften das Land allein. Allerdings: Eine Kupfermine auf dem Ranch-Gelände weckt Begehrlichkeiten, und Schurken drängen den Besitzer sehr handgreiflich zum Verkauf. Doch der Mann hat eine Vorgeschichte: Unter dem Namen "Der Mann mit dem Teufelsfinger" war er einer der gefürchtetesten Revolverhelden des Westens. Seine Sehnsucht nach Ruhe und Frieden hatte ihn untertauchen lassen. Doch nun holt ihn seiner Vergangenheit wieder ein.
Auch Red Dust wird von seiner Vergangenheit wieder eingeholt: In der Geschichte "Die Sheriffs" nimmt er den Stern wieder an sich und reitet als Teil einer Truppe alter, reaktivierter Gesetzeshüter erneut gegen eine Verbrecherbande, die die Stadt Summerfield belagert. Dort steckt auch Comanche seit einger Zeit fest.
Der dritte Band schließlich handelt von einer Serie von Bränden auf den umliegenden Ranches. Es scheint sich um Brandstiftungen zu handeln. Steckt etwa der umtriebige Versicherungsagent dahinter, der sich seit einiger Zeit in der Gegend herumtreibt und Brandschutzpolicen verkauft?
Ich habe es ja schon einige Male geschrieben, aber man kann es gar nicht oft genug sagen: Die Art, wie der Splitter-Verlag, und auch andere Verlage, die alten Comic-Klassiker präsentieren und mit Beigaben versehen, ist einfach beeindruckend und erfreut das Sammlerherz. Auch hier gibt es wieder umfangreiches Begleitmaterial weitere Kurzgeschichten über Red Dust. Schön.

 

September

 

Hugh Lofting: Doctor Dolittles Caravan (e)
Die Geschichte mit dem grünen Kanarienvogel ist ein Abenteuer aus der Zeit, als Doctor Dolittle mit dem Zirkus unterwegs war, und schließt sich nahtlos an den Band "Doctor Dolittles Circus" an. Das Buch habe ich als Kind in Englisch gelesen, eine deutsche Ausgabe gab's damals nicht. Faszinierend ist, dass Pipinella wunderschön singt, "obwohl" sie ein Weibchen ist. Mir war damals die Geschlechterfrage nicht weiter aufgefallen, aber dass weibliche Kanarienvögel von den Männchen unterdrückt und mit Gewalt am Singen gehindert wurden, macht Pipinella zu einer Vorkämpferin der Emanzipation. Wobei der grüne Kanarienvogel auch Quellen zitiert, in denen es heißt, dass weibliche Kanarienvögel es nicht "tun" - was eben nicht heißt, dass sie es nicht "können". Die Geschichte vom grünen Kanarienvogel, der singen kann, obwohl er ein Weibchen ist, hat mich an einige Artikel erinnert, die ich vor ein paar Monaten gelesen habe. Ja, es gibt weiblichen Vogelgesang. Weiß bloß kaum einer. Und die meisten Ornithologen, die sich mit dem Thema befassen, sind Frauen. Da war der alte Hugh Lofting seiner Zeit weit voraus, als er "Doctor Dolittles Caravan" schrieb.
Was mich als "Neu-Goslarer" an der Geschichte von "Doctor Dolittles Caravan" gefreut hat: Der Vater des grünen Kanarienvogels war ein "Harzer Roller", beziehungsweise, wie es Pipinella sagt: "a bright yellow Harz mountain canary". Schön.
Pippinella ist nicht nur eine begnadete Sängerin, sie ist auch viel in der Welt herumgekommen und machte über jede ihrer Lebensstationen unfassbar schöne Lieder. Doctor Dolittle macht daraus nicht nur die erste Tier-Autobiografie, die als Buch erscheint, aus ihrem Leben wird auch eine erfolgreiche Oper. Auch die Puddleby-Pantomime wird wieder aufgeführt und bleibt ein Publikumsmagnet. Im Zirkus kehrt langsam Wohlstand ein. Die Tiere sind auch als Werbungs-Darsteller sehr beliebt. Wobei Gubb-Gubb es zutiefst geschmacklos findet, als ihn ein Schlachter bittet, für ihn Werbung zu machen. Doctor Dolittle schafft es sogar, dass Tiere eigene Bankkonten haben können, doch das ist nur von kurzer Dauer. Spannend und liebenswert, wenn das Buch auch nach hinten hin etwas ausfasert mit den vielen Ideen, die der Doctor und seine Tiere anpacken.

 

Pip Williams: Die Sammlerin der verlorenen Wörter
Die Geschichte des Oxford-Lexikons, geschrieben aus weiblicher Perspektive. Esme ist die Tochter eines Mitarbeiters des Lexikons und wächst im Skriptorium auf. Das Lexikon ist ihre Welt. Von überall her werden Wörter eingesandt, und die Wissenschaftler sammeln sie, überprüfen Belegstellen, dokumentieren die Verwendung und Bedeutung der Wörter.
Aber manchmal entscheiden sich die Wissenschaftler auch gegen die Aufnahme eines Wortes. Diese Wörter sammelt Esme. Gewissenhaft, wie sie es im Skriptorium lernte, dokumentiert sie die Wörter, die kein Wissenschaftler haben möchte. Nach und nach begreift sie, dass diese von den Männern nicht gewürdigten Wörter "Frauenwörter" sind. Mit dem Wort "Bondmaid" (Leibeigene) fängt ihre Sammlung an. Übrigens ein Wort, das im Oxford-Lexikon tatsächlich fehlte: In einem erhaltenen Schreiben an die Redaktion meldet ein Leser diese Lücke. Während "Bondman" mit einer gewissen Selbstverständlichkeit aufgenommen wird. Esme sammelt Wörter und befragt die alten Marktfrauen. Viele von den Beiträgen, die die Frauen ihr liefern, gehören nicht der Hochsprache an, bezeichnen Geschlechtsorgane oder Krankheiten. Und als Esme ein uneheliches Kind erwartet, wird ihre Sammlung außerordentlich erweitert. Esme erhält schließlich die Chance, offizielle Mitarbeiterin des Lexikons zu werden. Sie führt aber auch ihre eigenen Sammlung heimlich fort. Das Große Lexikon wächst und wird irgendwann fertig. Und ein Drucker, der Esme liebt, hat eine ganz besondere Gabe für sie: Statt eines Verlobungsrings überreicht er ihr bei seinem Antrag ihr eigenes Lexikon der Frauenwörter, nach allen Regeln der Handwerkskunst gesetzt und gebunden.
Die Geschichte Esmes ist fiktiv, aber sehr gut in den Rahmen der Arbeit am Oxford-Lexikon eingepasst. So entstand eine glaubwürdige Heldin mit einer glaubwürdigen Biografie. Das Buch ist teilweise etwas spröde geschrieben, es hat sich aber gelohnt. Ein interessantes Thema und ein wichtiges Buch.

 

Emine Sevgi Özdamar: Mutterzunge
Eine Autorin auf der Suche nach ihrer Muttersprache. Beziehungsweise nach ihrer "Mutterzunge", so der Titel des Büchleins. Die Ich-Erzählerin spricht mit ihrer Mutter zwar Türkisch, doch irgendwie hat das Leben in Deutschland sie dieser Sprache entfremdet. "Weißt du, du sprichst so, du denkst, dass du alles erzählst, aber plötzlich springst du über nichtgesagte Wörter, dann erzählst du wieder ruhig, ich springe mit dir mit, dann atme ich ruhig", so die Beschreibung der Mutter. Es fehlt ihr etwas, irgendwie ging ihr das Gefühl für die Mutterzunge verloren. Langsam beginnt sie, Wörter zu sammeln. Türkische Wörter in deutscher Übersetzung. Aber da ist auch noch der Großvater. Er konnte das Türkische nur in arabischer Schrift schreiben, sie schreibt Türkisch in lateinischen Buchstaben, wie es Atatürk 1927 einführte. In einem Arabischkurs macht sie sich auf die Suche nach der Zunge ihres Großvaters.
Ein interessantes Buch und ein wichtiges Thema, der Anfang hat mir gefallen, allerdings waren die Sprache und der Satzbau nicht so meins. Dass der Arabischkurs dann in eine sexuelle Beziehung mit ihrem Arabisch-Lehrer umschlägt, nun ja. Interessant die Zusammenstellung von Wörtern, die aus dem Arabischen ins Türkische eingegangen sind.
Etwas surreal mutet die zweite Hälfte des Buchs an. Es geht darin um einen Traum, um einen Mann, der aus der Türkei nach Deutschland kommt, einige absurde Szenen, viele bildliche, symbolische und parodistische Sequenzen, Gespräche mit einem klugen Esel, Märchen- und Traumszenen, Betrachtungen über Arbeit, Fußball, Liebe und eine Ehe, die durch die Reise nach Deutschland sehr auf die Probe gestellt wird.
Es ist kein dummes Buch. Aber genossen habe ich es nicht.

 

Michael Fredrich: Hanoman
Superhelden-Comic beziehungsweise Super-Parodie auf das Genre: Hannover hat einen Superhelden, den superstarken und beinahe unverwundbaren, leider auch etwas tollpatschigen Hanoman. Die im Stadtkind-Magazin erschienenen Episoden sind hier in einem Album zusammengefasst und erzählen, wie Hanoman seine Stadt vor einer furchtbaren Bedrohung rettete: dem "Groben Braunschweiger". Der will alles in Schutt und Asche legen, was den Hannoveranern etwas bedeutet. Dass er allerdings auch das ungeliebte Ihme-Zentrum verwüstet, bringt ihm unerwartet jede Menge Sympathiepunkte in der Landeshauptstadt ein.
Zwei Drittel seiner Forderungen zur Einstellung seiner Terrorakte würde Hannover sogar ohne Nachverhandeln erfüllen: Die Aufgabe des Status als Landeshauptstadt zugunsten Braunschweigs ist für den Stadtrat kein Problem, und auch ein jährlicher Tribut an Braunschweig erscheint den Hannoveranern tragbar. Aber dass Hannover seinen Platz in der ersten Bundesliga an Braunschweig abtreten soll und dafür Braunschweigs Position in der Regionalliga übernimmt (der Comic ist schon etwas älter), nein, da schmettern die Politiker dem Schurken ein einstimmiges "Niemals!" entgegen. Zum Glück lässt sich der gealterte Superheld Herbert Schmalstieg reaktivieren. Und eine pfiffige Praktikantin der Stadtkind-Redaktion unterstützt Hanoman nach Kräften. Nach Super-Kräften.
Für jemanden, der in Hannover studiert hat, war es ein köstliches Wiedersehen mit der Stadt. Hat mir sehr viel Spaß gemacht.

 

Bessy Nr. 76: Die versteckte Waffe
Ein Pokerspieler und ein Revolverheld geraten aneinander. Zwar verbietet der Sheriff das Duell in seiner Stadt, doch in der Nacht erschießt Revolverheld Gordon seinen Gegner. Damit man ihm nichts nachweisen kann, versteckt er seine Waffe. Doch Bessy und ein kleiner Junge finden sie. Das allerdings ist lebensgefährlich, und sie müssen vor dem Mann flüchten, kämpfen sich durch die Wildnis, geraten schließlich zu den Paiutes, werden von Yakima-Pferdedieben mitgenommen ... Der Mann verfolgt sie weiter. Aber Andy und sein Colt haben schließlich auch noch ein Wort mitzureden. Schönes Heft und liebenswerte Kindheitserinnerung.

 

U.T. Augstein (Ute Augstein): Mayfaran und die verlorenen Drachen
Fantasy für Kinder mit einer starken Prinzessin als Heldin: Die Autorin lebt in Jerstedt bei Goslar, daher habe ich das Buch für die Goslarsche Zeitung besprochen. Den Artikel könnt ihr hier nachlesen.

 

Hörbuch

 

Sergio Bambaren: Der träumende Delfin. Eine Reise zu dir selbst
Ziemlicher Mist. Geschichte eines Delfins, der anders ist als die anderen, darum ausgegrenzt wird und sich schließlich allein auf die Suche macht nach der perfekten Welle. Ein billiger Abklatsch von "Die Möwe Jonathan" (falls hier ein paar Ältere mitlesen). Selbstfindungsgeschichte, die sich betont tiefsinnig gibt, und gerade deshalb absolut platt daherkommt.

 

 

Oktober

 

H.G, Franciskowski: Der Junge vom Lotsenturm
1. Geheimnis um Dennis
2. Die Videofalle
3. Das Haus der Taschendiebe
4. Dennis und die Jugendbande
5. Verschwörung gegen Dennis
6. Dennis in der Falle
Kinderserie um einen pfiffigen obdachlosen Waisenjungen, der von seinem Vormund schikaniert und in das übelste aller Waisenhäuser gesteckt wurde. Dennis rückt aus, lebt jetzt in einem alten Lotsenturm im Hamburger Hafen, macht Geschäfte an der Börse und jagt Verbrecher. Zusammen mit seiner Schulfreundin Chrissy, die außergewöhnlich stark im Rätsellösen ist, und ihrem Bruder Pete, klärt er manchen Fall auf und schafft es am Ende sogar, seinen bösen Vormund und den sadistischen Heimleiter hinter Gitter zu bringen. Dabei kommt auch heraus, warum der Vormund ihn unbedingt in dem Heim untergebracht und ihn "weghaben" wollte. Denn als Dennis' Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen, zahlte die Fluggesellschaft den Hinterbliebenen eine hohe Entschädigungssumme. Geld, das der Vormund hemmungslos verprasst hat.
Die Geschichte ist etwas konstruiert, keine Frage, aber der Charakter der Hauptfigur ist ausgesprochen stark und fesselnd. Ich nehme mir die Dennis-Bände ab und zu mal wieder vor, so auch dieses Jahr, als im Wohnzimmer mein Bücherstapel für den Leseurlaub auf Helgoland anwuchs und ich von den neuen Büchern vor der Reise keines weglesen wollte.

 

Uwe Pook: Eine rheinländische Sinfonie. D'Pimocken wäde all wat
Der Autor stammt aus Vienenburg bei Goslar und war während seiner Bundeswehrzeit auf dem Goslarer Fliegerhorst eingesetzt. Anlass genug, das Buch in der Goslarschen Zeitung vorzustellen. Meinen Artikel darüber findet ihr hier.

 

Plutarch: Wie man den Zorn besiegt (Reclam)
Analyse einer heftigen Gefühlsaufwallung und der Versuch, mäßigend darauf einzuwirken. Plutarch lässt das Ganze in Form eines Dialogs behandeln. Sulla begegnet seinem Freund Fundanus, den er wohl zuvor als recht aufbrausenden Menschen kennen gelernt hat, und fragt ihn, wie er es geschafft hat, seine Hinneigung zum Zorn jetzt derart gut in den Griff zu kriegen. Fundanus erzählt nun ersteinmal von den schädlichen Wirkungen des Zorns, der Menschen dazu treibt, blindwütig sehr unvernünftig zu handeln und schwere Fehler zu begehen. Dann erzählt er, wie er mithilfe vernünftiger Überlegung seinen ersten Zornausbruch niederhalten konnte. Eine ständige Übung, Training, die Heranbildung einer Gewohnheit wird empfohlen. Was beim ersten Mal noch eine wahre Kraftanstrengung ist, wird beim zehnten Mal schon leichter, und schließlich wird die Kontrolle solcher Aufwallungen zur Routine.
Das Buch ist reich an Anekdoten und Schilderungen über Helden und historische Persönlichkeiten, die den Fehler machten, sich vom Zorn hinreißen zu lassen. Immerhin: Nicht zufällig beginnt das älteste griechische Epos mit dem Wort " Menin" (Menis = Zorn), nämlich das "Zorngedicht" Homers, die Ilias, in der es um den Zorn Achills geht, einen Zorn, der tausendfachen Tod nach sich zog.
Das Büchlein ist mit einer sehr lesenswerten Einleitung und hilfreichen Anmerkungen versehen, ergänzend ist im Anhang ein Auszug aus einem Brief Ciceros an seinen Bruder Quintus abgedruckt. In dem Schreiben geht Cicero näher auf Plutarch und seine Lehren zum Thema "Zorn" ein,
Tja, und bekomme ich nun meinen Zorn besser in den Griff als vorher? Nicht unbedingt. Aber darüber nachzudenken, das ist ja schon mal ein Anfang.

 

Hans Baumann: Der große Alexanderzug
Hans Baumann geht einem Thema nach, das er schon oft bearbeitet hat: Er arbeitet sich an den großen charismatischen Führerfiguren der Antike ab. Für Baumann, der als Lyriker der Nazis mit großer Verehrung an Hitler gehangen hat, immer wieder ein essentielles Thema. Man denke an seinen Hannibal-Roman, in dem der Punier zu Beginn durch seinen menschlichen Umgang mit seinen Soldaten und den Elefanten gekennzeichnet war, in der Endphase aber die Grenze zum maßlosen, unvernünftigen Machtmenschen überschritt, jegliche Bodenhaftung und alles Verantwortungsgefühl verlor, sich als teuflisch entpuppte, worauf alle, die an ihn geglaubt hatten, in ein tiefes Loch stürzten ...
Auch "Der große Alexanderzug" zeigt einen solchen von allen seinen Gefolgsleuten angebeteten Führer. Erstaunlicherweise ist dieses Buch das einzige mir bekannte Werk Baumanns, in dem er seine Hauptfigur nicht vom hohen Sockel stürzen lässt. Alexander bleibt bis zum Ende beinahe fleckenlos, kleine Irritationen in der Mitte des Buches vielleicht beiseite gelassen. Der Eroberer, der ein riesiges Reich gewinnt, ist bis zum Ende eine Verkörperung griechisch-makedonischer Tugenden, tapfer, kühn, großzügig und hochanständig. Seltsam, aber so hat er es geschrieben.
Das Buch ist insgesamt nicht wirklich eine Roman-Biografie. Es handelt sich vielmehr um 55 Kapitel, die einzelne Episoden oder Anekdoten schildern. Etwas vergriffen hat sich Baumann allerdings in der Wahl seiner Erzählerfigur. Als Erzähler stellt sich im ersten Kapitel ein "Tagläufer" vor. Das ist ein Mann, der in gleichmäßigen Schritten die Strecken misst, die das Heer zurücklegt. Er ist selbst an Kampfhandlungen nicht beteiligt, sondern nur verantwortlich für das Ausschreiten und Erfassen der Entfernungen. Und dieser Tagläufer nimmt für sich in Anspruch, mit Alexander auf gutem Fuß gestanden zu haben und nun über ihn die Wahrheit erzählen zu können. Das ist keine schlechte Idee. Allerdings taucht dieser Tagläufer und Erzähler nach seiner Vorstellung nie wieder auf. Es folgen bloß hintereinandergeklatscht 55 kurze Texte über Alexander. Wie gern hätte man etwas mehr über das "Handwerk" dieses Läufers erfahren, wie gern ihn in der Interaktion mit Alexander erlebt, etwas mehr über ihr Verhältnis erfahren. Verpasst. Der Erzähler verschwindet und ward nie mehr gesehen. Dazu hätte man seinen Vorstellungstext am Anfang des Buchs nicht lesen müssen. Verschenkt. Was nicht heißen soll, dass das Buch inhaltlich nicht interessant wäre, da steht schon eine Menge lesens- und nachdenkenswertes drin. Literarisch ist es aber eine verpatzte Konstruktion.

 

Bernhard Zimmermann: Die griechische Tragödie
Kompakte Überblicksdarstellung, gut für den Einstieg. Hatte für mich nicht umwerfend viel Neues zu bieten. Aber ließ sich gut lesen. Und eine Wiederauffrischung kann ja auch nicht schaden.

 

Hoch die Tassen! Ein (erstes) phantastisches Fest
Sammelband mit den Beiträgen zum Marburg-Award 2023. Das Thema war in diesem Jahr "Phantastische Feste", wobei es sich um Feste handeln sollte, die tatsächlich irgendwo oder irgendwann gefeiert wurden, historisches Brauchtum, lokale Traditionen, gern auch relativ unbekannte Feierlichkeiten wurden gesucht. Im kommenden Jahr soll es dann um ein fantastisches, frei erfundenes Fest gehen. Es handelt sich also um den ersten Teil eines Doppel-Wettbewerbs.
Sehr gefallen hat mir die Geschichte "Schrödingers Influencerin" von Sonja Hermeneit. Sie erzählt von einer Influencerin, die dringend neue Follower braucht und sich darum in die Prozession der Heiligen Marta einschleicht. Hier feiern gewöhnlich Leute, die eine Nahtod-Erfahrung emacht haben, ihre Wiederauferstehung, indem sie sich in Särgen durch die Stadt tragen lassen. Doch Emma, die das alles nur für ein paar tausend Klicks macht, hat plötzlich eine Begegnung mit der Heiligen. Und sie verliert ihre sämtlichen Follower, weil die dieses Spiel mit dem Tod nicht goutieren. Als der Sargdeckel sich wieder öffnet, ist die Influencerin followerlos, also quasi "tot".
Sehr schön fand ich auch die Geschichte "Unter dem Mond von Kyoto" von K.R. Sanders, die von einem japanischen Mondfest handelt und von einem Kaninchensprung hoch zum Mond erzählt.
Außerdem hat mir "April, April" von Olaf Lahayne gefallen. Es geht eine Bismarck-Feier und um den Versuch, den alten Reichskanzler heraufzubeschwören. Das Ganze läuft auf eine Brandkatastrophe auf der Aussichtsplattform des Bismarckturms hinaus, die später als "Vandalismus" gedeutet wird. Bismarck selbst taucht auch auf, ist aber der Meinung, dass seine Zeit längst vorbei sei.

 

Weitere Jahresrückblicke
Jahresrückblick I: Januar bis März 2023
Jahresrückblick II: April bis Juni 2023
Jahresrückblick IV: November 2023
Jahresrückblick V: Dezember 2023

 

© Petra Hartmann




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Jahresrückblick II: April bis Juni 2023

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 29 Dezember 2023 · 1.507 Aufrufe
Jahresrückblick

Willkommen zum zweiten Teil meines Jahresrückblicks. Wie schon im ersten Quartal 2023 war auch in den Monaten April bis Juni mein Lesepensum nicht allzu groß. Ich habe mich in dieser Zeit hauptsächlich mit Western, Comics und Heftromanen befasst. Außerdem habe ich hier den Reinfall meines Lesejahres festgehalten. Schaut einfach mal rein, ob ihr etwas davon gebrauchen könnt.

 

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

 

 

April

 

Thomas Ostwald: Aufbruch ins Ungewisse

 

Yoko Tsuno: Sammelband 6 - Maschinenwesen
- Unter Hochspannung
- Die Stadt der Verbannten
- Ethera

Dass die Bände der Gesamtausgabe nicht chronologisch sortiert sind, sondern thematisch, hatte schon verschiedentlich zu Diskussionen geführt. Die Zusammenstellung von Abenteuern nach Schauplätzen (Deutschland, China, Vinea) oder Themen (Zeitreisen) hatte dabei durchaus seine Berechtigung, manchmal erscheint der Sammelbegriff aber durchaus gesucht. "Maschinenwesen" ist so ein Titel, der absolut nicht überzeugt und dem Inhalt nicht gerecht wird. So ist der erste Teil, "Unter Hochspannung" ein Album, das aus sechs Kurzgeschichten besteht, von denen nur eine tatsächlich mit einem Maschinenwesen zu tun hat, nämlich einem kleinen spinnenartigen Roboter. Ansonsten hat sich Yoko mit Bankräubern herumzuschlagen, beschert einem Mann und seiner Tochter eine Weihnachtsfreude, kämpft gegen Kriminelle, die ein Raketenprojekt sabotieren wollen, und gegen einen Verbrecher in Gorilla-Verkleidung, dem ein künstliches Exoskelett enorme Kräfte verleiht, begegnet Bienen, die Mikrofilme transportieren ... Aber das sind keine Maschinenwesen.
Immerhin: Die Stadt der Verbannten" entschädigt den Leser mit dem wunderniedlichen Robotermädchen Myna von Kifa und einem Roboter, der die Königin Hegora in ihrem komatösen Tiefschlaf bewacht. "Ethera" schließlich hat auch ein paar Roboter zu bieten, aber es geht eigentlich eher um einen neuen Körper für eine Seele und um das Speichern von Bewusstsein.
Doch die falsche Sammelbezeichnung sagt natürlich nichts über Inhalt und Qualität der Geschichten. Die sind tatsächlich lesens- und sehenswert. Auch die ausführlichen Informationen im Vorwort und die beigegebenen Fotos und Zeichnungen sind wieder ein tolles Plus. Also: ein schöner Band, nur eben mit einem komischen Titel und einer nicht ganz überzeugenden Zusammenstellung.

 

Johann Heinrich Witte: Salomon Maimon. Die merkwürdigen Schicksale und die wissenschaftliche Bedeutung eines jüdischen Denkers aus der Kantischen Schule
Ziemlicher Mist und überflüssig wie ein Kropf. Es handelt sich um einen der altbekannten On-Demand-Drucke von Verlagen die die Public Domain abgrasen. Diesmal ist das Schriftbild klar und leserlich, aber der Inhalt einfach nur verzichtbar. Ich hatte ja im vergangenen Jahr die Autobiografie Salomon Maimons gelesen, und das Buch hatte mich sehr begeistert. Nun, diese Begeisterung scheint auch Johann Heinrich Witte empfunden zu haben, oder er witterte einfach nur ein Geschäft. Was er nach der Lektüre von Maimons Autobiografie veröffentlichte, das war einfach nur eine Nacherzählung des Originals, wobei er sich peinlich genau an Maimons Text entlanghangelt. Der Autor nimmt als Eigenleistung für sich in Anspruch, dass er sich bemüht hat, die genauen Jahreszahlen für die von Maimon aufgeschriebenen Erlebnisse herauszufinden. Aber nur wegen einer Handvoll Zahlen in einem ansonsten 1:1 abgekupferten Buch muss man sich Wittes Machwerk wirklich nicht kaufen. Haltet euch lieber an das Original. Ich empfehle die antiquarische Suhrkamp-Ausgabe.

 

Thorgal 40: Tupilak

 

Friedrich Gerstäcker: Die Flucht über die Kordilleren. John Wells (Reclam)
In dem Buch von Thomas Ostwald "Aufbruch ins Ungewisse" (siehe oben) schilderte der Autor eine Begegnung der beiden Schriftsteller Karl May und Friedrich Gerstäcker, beides Schriftsteller, die über den "Wilden Westen" schrieben. Und da ich Gerstäcker jetzt endlich mal meine Reverenz erweisen wollte, besorgte ich mir das Reclamheft.
Enthalten sind zwei Geschichten, von denen die erste, "Die Flucht über die Kordilleren", sogar eine gewisse thematische Verwandtschaft aufweist, gibt es doch von May den Band "In den Kordilleren". Gerstäckers Erzählung spielt im Jahr 1846 zur Zeit des argentinischen Diktators Rosas (Juan Manuel Ortiz de Rosas). Eine Familie, die zu seinen politischen Gegnern zählt, muss fliehen und versucht, über die Kordilleren nach Chile zu entkommen. Unterwegs begegnen sie einer Räuberbande, die sie überfallen will. Sie verschanzen sich in einer Hütte, es kommt zur Belagerung, die Räuber versuchen es mit hinterhältigen Tricks, und auch der Wegführer ist nicht ganz astrein. Am Ende aber schaffen es die Fliehenden doch noch, die Räuber zu besiegen und nach Chile zu gelangen.
Die zweite Geschichte handelt von einem Mann, einer Frau und ihren Söhnen, die in einer etwas abgelegenen Hütte leben. Ein durchreisender Fremder setzt dem Ehemann und Titelhelden einen Floh ins Ohr. Seitdem träumt John Wells nur noch von Texas und bricht auf, um sich das Land einmal anzusehen. Jahrelang wartet die Frau auf seine Rückkehr. Dann heißt es, Wells sei gestorben. Inzwischen ist auch der Fremde wieder da und siedelt sich in der Nachbarschaft an. Er und Frau Wells kommen sich näher. Sie werden Mann und Frau. Und plötzlich, etwa ein halbes Jahr danach, ist ihr erster Ehemann wieder da. Und wem gehören nun die Frau und die Farm?

 

Prinz Eisenherz: Band 11, Jahrgang 1957/1958
Der elfte Bocola-Sammelband erzählt von einer Spionage-Reise, die Eisenherz für König Artus unternimmt. Getarnt als Kreuzritter, der aus dem Heiligen Land zurückkehrte (der er ja tatsächlich ist), besucht Eisenherz mehrere feindlich gesinnte Könige und macht sie unschädlich. Allerdings verliert er dabei auch als jemand, der einen falschen Gefolgschaftseid leistete, seine Ehre, die er erst durch ein Manöver des Königs Artus und der Tafelrunde zurückerhält. Es wird erzählt, wie Eisenherz den wunderbaren roten Hengst Arvak einfing, zähmte und verteidigte. Wir erleben Familienleben mit Aleta, den Zwillingsmädchen und Arn und begleiten letzteren an den Hof des befreundeten Königs Hap-Atla, wo der junge Prinz von Thule erzogen werden soll. Zwischen Arn und Frytha, der Tochter des Königs, bahnt sich eine Liebesgeschichte an, auch wenn die Prinzessin ihn zunächst ständig neckt und ihm Streiche spielt. Sehr nett ist die Szene, in der sich beide gegenseitig in den Burggraben werfen. Frytha hat beim Auftauchen ein Seerosenblatt auf dem blonden Lockenkopf, was sehr stark an eine ähnliche Darstellung Aletas in einem der früheren Abenteuer erinnert. Es gibt eine Wikinger-Invasion in Thule, einen einsamen Marsch Eisenherz' durch Eis und Schnee, zweimal geht das singende Schwert verloren, zweimal gelangt es zurück in seine Hand. Schließlich muss der Prinz aus Thule noch gierigen Londoner Kaufleuten ihre Grenzen zeigen. Wieder ein sehr schöner Band, solide Hardcoverausgabe mit interessantem Vorwort.

 

Hörspiel

 

Die Luke-Wild-Tagebücher: Das Geheimnis von Sorgemos
Harz-Hörspiel aus der Werkstatt des Wiedelaher Hörspielmachers Martin Bolik. Ich habe die erste Folge, die in der Walpurgismacht ihren Erstverkaufstag hatte, im Vorfeld gehört und in der Goslarschen Zeitung vorgestellt. Den Artikel dazu findet ihr hier.

 

 

Mai

 

Thorgals Jugend 10: Sydönia

 

Axel Halbach: Blutige Schluchten (e)

 

Comanche. Gesamtausgabe, Bd. 1
- Red Dust
- Krieg ohne Hoffnung
- Die Wölfe von Wyoming

Comic-Klassiker von Greg und Hermann, eine Western-Serie dessen "dreckiger" Zeichenstil einfach nur passt wie die Faust aufs Auge. Es geht um die Rettung der Triple-Six-Ranch, die einer jungen Frau namens Comanche gehört. Ob sie familiäre Beziehungen zum gleichnamigen Indianerstamm hat, wird nie geklärt. Wobei der Titel auch nicht unbedingt passt, denn die eigentliche Hauptfigur ist der rothaarige Cowboy und Revolvermann Red Dust, der zum Auftakt des ersten Bandes gleich einen Profikiller im Duell erschießt, einen unbezähmbaren Wildhengst bändigt und auf der Ranch anheuert. Und natürlich schafft er es, den bösen Geschäftemacher auszuschalten, der Comanche immer wieder Killer vorbeischickt und sich ihre Ranch unter den Nagel reißen will.
Im zweiten Teil geht es um die benachbarten Cheyenne, die das Kriegsbeil ausgraben und die Ranch angreifen, um sich mit Fleisch zu versorgen, weil von der Regierung zugesagte Nahrungslieferungen nicht angekommen sind. Teil drei schildert den Kampf gegen eine Räuberbande und das Schicksal eines Predigers und Revolvermanns, der von seiner Vegangenheit eingeholt wird.
Der Sammelband ist hervorragend ausgestattet, bietet umfangreiches Hintergrundmaterial und druckt auch drei separat erschienene Kurzgeschichten über Red Dust ab. Sehr schön.

 

Hugh Lofting: Doctor Dolittles Circus (e)
Im vergangenen Quartal hatte ich die beiden ersten Bücher der Dolittle-Gesamtausgabe gelesen, nun also Band drei. Beim Lesen gab es diesmal keine größeren Irritationen, die Geschichte deckt sich mit der deutschen Ravensburger-Ausgabe aus meiner Jugend. Nur an einer Stelle gab es eine neue Entdeckung: Sophie die Robbe, deren Rettung im Mittelpunkt des Buches steht, hatte vorher bereits Kontakt zu dem Doktor. Sie war eine Abonnentin seines Arktis-Magazins und hatte mit Dolittle über einige spezifische Robbenthemen korrespondiert. So war es tatsächlich sinnvoll, dass die Postamtsgeschichte als Teil zwei der Reihe einsortiert wurde.
Worum geht es? Doctor Dolittle und seine Tiere sind aus Afrika zurück nach England gekommen und müssen nun Schulden abbezahlen. Um dem Mann, der ihnen in Teil eins das Schiff geliehen hatte, sein Eigentum zu ersetzen, wollen sie Geld bei einem Wanderzirkus verdienen. Immerhin haben sie aus Afrika das sensationelle Stoßmich-Ziehdich mitgebracht, das sie nun für Geld sehen lassen. Das funktioniert auch recht gut. Allerdings ist Doctor Dolittle mit vielem, was er im Zirkus sehen muss, nicht einverstanden. Immer wieder kämpft er gegen Tierquälerei. Und als Arzt ist er auch stinksauer, als ein Quacksalber sich als Wunderarzt der Truppe anschließen will.
Um die Robbe Sophie, die unter unwürdigen Bedingungen gehalten wird, zu befreien, steckt er sie in Frauenkleider, reist mit ihr per Kutsche und zu Fuß bis ans Meer und wirft sie schließlich ins Wasser, worauf er sich einem Mordprozess stellen muss. Und als im Zirkus ruchbar wird, dass er mit Tieren sprechen kann, ist er plötzlich eine viel größere Attraktion als das Stoßmich-Ziehdich. Der Zirkus boomt, schließlich werden sie zu einer der angesagtesten Spielstätten Englands eingeladen, fliegen von Erfolg zu Erfolg. Reich werden sie damit - beinahe. Denn irgendwann brennt der Zirkusdirektor mit der Kasse durch.
Artisten und Tiere wählen Doctor Dolittle zum neuen Direktor. Und er erschafft, einen genossenschaftlich organisierten Idealzirkus, in dem Menschen und Tiere die gleichen Rechte haben. Ein schöner Traum

 

 

Juni

 

Robert E. Howard: Das Teufelsweib (BunTES Abenteuer Nr. 51)
- Das Teufelsweib
- Das Purpurherz von Erlik

Vom Marburg-Con habe ich die vier neuen Hefte aus der Reihe BunTES Abenteuer mitgebracht. Die Nummer 51 enthält zwei Geschichten aus der Feder von Conan-Erfinder Robert E. Howard. Der Held der beiden Storys ist Wild Bill Clanton, ein Abenteurer und echter Barbar, brutal, hart, kaltblütig und ziemlich durchsetzungsstark. Howard schrieb insgesamt sechs Geschichten über diesen Helden.
Im ersten Teil geht es um eine vernichtete Schatzkarte, die einem Kapitän den Weg zu einem verborgenen Ambra-Lager weisen sollte. Im zweiten Fall ist das Objekt der Begierde ein sagenumwobener Edelstein, den eine Frau einem Chinesen klauen soll. Clanton erledigt in beiden Fällen skrupellos seine Gegner und reißt sich die jeweils gleichfalls eiskalte und verkommene weibliche Hauptperson unter den Nagel. Er schnappt sich auch den Edelstein, den Ambraschatz gab es wohl nicht. Beide Geschichten sind sehr kurz, zielstrebig, actionreich und gut geschrieben, mein Fall ist Clnton gleichwohl nicht.

 

Maxim Michailow: Der letzte Flug der Parus (BunTES Abenteuer Nr. 52)
Ein Prequel zum Roman "Der Andromedanebel" von Iwan Jefremow. Es geht um die Havarie eines Raumschiffs, das in die Anziehung eines Eisensterns gerät und auf einem unbekannten Planeten eine Bruchlandung hinlegt. Ein anderes Schiffswrack gibt Rätsel auf. Die Gestrandeten müssen feststellen, dass sie nicht allein sind. Und die Unbekannten entpuppen sich als eine tödliche Bedrohung. Sehr dichte, atmosphärische Story, die mir gefallen hat.

 

Comanche. Gesamtausgabe, Bd. 2
- Roter Himmel über Laramie
- Das Tal ohne Licht
- Rote Rebellen

Red Dust ist weiter auf der Jagd nach den "Wölfen von Wyoming". Endlich kann er den letzten der Mörderbande erschießen. Pech für ihn: Der Sheriff verhaftet ihn, denn Leute umbringen ist ja verboten.
Teil zwei zeigt Red Dust als verurteilten Mörder und Zwangsarbeiter. Seine Freunde schaffen es endlich, ihn zu befreien, aber er darf nur unter strengen Bewährungsauflagen zurück auf die Ranch. Dazu gehören Meldepflicht, Verzicht auf Alkohol und Finger weg von Waffen. Es ist eine einzige Demütigung für den Mann. Nicht nur der arrogante Hilfssheriff zeigt ihm ständig, dass ein ehemaliger Strafgefangener ganz unten in der Hierarchie steht, sondern auch Kinder und Halbwüchsige meinen, ihr Mütchen an ihm kühlen und ihn provozieren zu müssen. Red beißt die Zähne zusammen und zeigt eiserne Selbstbeherrschung. Doch dann bedrohen ein Verbrecherboss und seine Bande die Stadt. Der Sheriff wirbt Red Dust als Deputy an. Er und der arrogante andere Hilfssheriff müssen sich zusammenraufen und kämpfen Seite an Seite.
Teil drei schließlich widmet sich erneut den Cheyenne, die die Ranch angreifen und diesmal sogar eine Kanone mitgebracht haben. Mondflecken, der Sohn des Cheyenne-Häuptlings, arbeitet eigentlich für Comanche, doch nun gerät er in ein schiefes Licht: Wird er seine Freunde von der Triple-Six-Ranch verraten und sich seinen Stammesgenossen anschließen? Comanche selbst entwickelt inzwischen eine eigentümliche Vorliebe für Tussenhüte. Und ein schrecklicher Laffe, ein Fotograf aus der Großstadt, der in einem Ballon über der Ranch aufsteigt, macht der Ranch-Chefin den Hof.
Wieder ein sehr gut ausgestatteter Band mit vielen Hintergrund-Infos und weiteren Kurzgeschichten aus dem Red-Dust-Kosmos.

 

Tassilo 16: Die Zauberin der tiefen Wasser

 

Yoko Tsuno: Sammelband 7 - Dunkle Verschwörungen
- Die Tochter des Windes
- Spuk in Schottland
- Rheingold

Erneut ein Sammelband, dessen Titel nicht hält, was er verspricht. Ein Krimineller mit ein paar Helfershelfern macht noch keine Verschwörung aus. Im Prinzip würde ich keine der drei Geschichten mit dem Thema "Verschwörung" verbinden. Sei's.
"Die Tochter des Windes" bietet ein japanisches Abenteuer, in dem Yoko ihrem Vater und ihrem väterlichen Freund begegnet. Es geht um Taifune, deren Beherrschung und Auflösung das Studienobjekt ihres Vaters sind. Aber wer Taifune auflösen will, lernt auch, wie sie geschaffen werden. Ein Machtmittel, das Verbrecher nur zu gern besitzen und einsetzen würden ...
Das schottische Abenteuer erzählt von einer reichen Erbin, die noch vor ihrer Volljährigkeit in den Wahnsinn und in den Tod getrieben werden soll. Ihr Stiefvater setzt unter anderem eine Doppelgängerin und Videoprojektionen ein. Aber dann kommt ihm Yoko in die Quere.
Das dritte Abenteuer schließlich spielt in Deutschland, im Luxuszug Rheingold. Es gibt ein Wiedersehen mit Herrn Kazuki aus dem Taifun-Abenteuer und mit Yokos deutscher Freundin Ingrid, dazu Kämpfe mit asiatischen Kampfkünstlern und einem Roboter, und Yoko findet, nach anfänglichen Irritationen, eine neue Freundin. Alles in allem spannende Abenteuer, nur eben keine einzige "Verschwörung".

 

Alexander Kasnzew: Die lebende Schlucht (BunTES Abenteuer Nr. 53)
Das beste der vier neuen TES-Hefte. Es geht um einen Flugzeugabsturz über einem See im Kaukasus. An Bord befinden sich als Passagiere eine junge Ichthyologin und ein Archäologie-Professor, der einen Sarkophag und eine gerade entzifferte Inschrift mit sich führt. Es scheint sich um das Testament Assurbanipals zu handeln. Nach der Notwasserung versinkt das Flugzeug. Die Abgestürzten treffen vor Ort auf ein Geologen-Team und machen sonderbare Beobachtungen. Unter dem Einfluss eines Sturms aus einer bestimmten Richtung verschiebt sich ein Felsen. Im Wasser des Bergsees schwimmt ein Hai. Liegt der See über einem sagenhaften Tunnel, der das Kaspische Meer mit dem Ozean verbindet? Lässt die sich öffnende und schließende Schlucht regelmäßig Meerwasser und Meeresbewohner in den See? Ein Wissenschaftler träumt einen kühnen Traum: Durch einen Tunnel könnte man das Kaspische Meer mit dem Meer verbinden und Passagiere und Waren hindurch transportieren ... Ein abenteuerliches, zugleich in Mythos und Wissenschaft verankertes Stück SF-Literatur, verbunden mit einer interessanten, (noch) nicht verwirklichten Vision. Empfehlenswert.

 

Weiterer Rückblick
Jahresrückblick I: Januar bis März 2023
Jahresrückblick III: Juli bis Oktober 2023
Jahresrückblick IV: November 2023
Jahresrückblick V: Dezember 2023

 

© Petra Hartmann




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Jahresrückblick I: Januar bis März 2023

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 28 Dezember 2023 · 1.265 Aufrufe
Jahresrückblick

Das Jahr 2023 neigt sich dem Ende zu. Zeit also, zurückzublicken auf meine Lesefrüchte des vergangenen Jahres. Zuvor aber noch ein paar Sätze darüber, wie es mir ergangen ist in diesem Jahr 2023.
Beruflich war ich ziemlich stark eingespannt. Corona und eine heftige Virusinfektion haben große Teile der Redaktion lahmgelegt. Mich hat Corona noch immer nicht erwischt. *toitoitoi* Aber da viele andere fehlten, blieb für den Rest eben mehr zu tun. Ich habe bis Ende Oktober keine einzige nicht-journalistische Geschichte geschrieben. Erst im Lese- und Schreib-Urlaub auf Helgoland habe ich dann endlich wieder zu Füller greifen können. Abgeschlossen habe ich dort mein Kinderbuch über Bertha, die dreibeinige Straßenhündin, außerdem habe ich fünf Buchfinkenmärchen geschrieben. die meine Sammlung von insgesamt 50 Geschichten nun komplettieren. Außerdem entstanden drei kürzere Erzählungen über einen intergalaktischen Forscher und die bemerkenswerte Fauna fremder Planeten. Dazu vielleicht im nächsten Jahr mehr.
Veröffentlicht habe ich in diesem Jahr meinen Indianer-Roman "Das Herz des Donnervogels", eine Hommage an Karl May, in der Junger Adler, ein indianischer Flugpionier aus Mays letztem Roman "Winnetou IV" bzw. "Winnetous Erben", auf die Brüder Wright trifft. Das Buch erschien Anfang April im Blitz-Verlag. Ich konnte es auf dem Marburg-Con, dem BuCon und dem Conventus Leonis vorstellen, außerdem hatte ich eine Lesung in Rhüden, und es gab zwei Radiosendungen darüber - in "High Noon" auf Radio Tonkuhle und in "Good Vibrations" auf Radio Okerwelle. Außerdem gab es eine Leserunde auf Lovelybooks.
Ich habe mir in diesem Jahr zwei jeweils einwöchige Sprachkurse, einmal Hebräisch und einmal Italienisch, gegönnt, außerdem eine Fortbildung zum Thema "Bloggen" und ein Wochenende "Humorvolles Schreiben" bei Gagschreiber Christian Eisert.
Tja, und das war's schon aus meinem Leben. Ansonsten bin ich müde, aber gesund, und das ist doch auch schon was.

 

Doch nun zu meiner Lektüre. Das erste Quartal ist, wie gewohnt, schlank, diesmal auch wegen der oben geschilderten beruflichen Dinge. Inhaltlich ging es wieder viel um Indianerliteratur, Antike, Judaica und Comics, dazu etwas über Helgoland, Krimis, Belletristik und Kinderbuch-Klassiker. Viel Spaß damit!

 

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

 

 

Januar

 

Thorgal 39: Neokora

 

Kerstin Groeper: Im Eissturm der Amsel

 

Levke Paulsen: Vom Dorf ins Meer. Herzheimat Helgoland

 

Gilbert L. Wilson: Goodbird. Die Welt der Hidatsa

 

Yoko Tsuno: Sammelband 5 - Unter der Sonne Chinas
- Der Drache von Hong Kong
- Die Himmelsdschunke
- Die Pagode der Nebel

Die chinesischen Abenteuer des japanischen Karategirls. Der schönste Sammelband der Serie, finde ich. Und dass der Autor in Yoko japanische Tatkraft und chinesische Poesie vereint sehen möchte, lässt sich hier sehr schön erleben. Dieses China Yoko Tsunos ist wirklich ein sehr poetisches und zauberhaftes Land. Die Serie fasziniert erneut durch die Zeichnungen von Landschaft und Architektur und die schier unendliche Fantasie des Autors, wenn es darum geht, technische Geräte und vor allem Fahrzeuge zu entwerfen. Dazu gibt es eine ausführliche Einleitung mit Hintergründen zu den drei Abenteuern und sehr viele Skizzen und fertige Zeichnungen, an denen man die Entstehung der Geschichten verfolgen und ihre Original-Schauplätze mit den Comic-Versionen vergleichen kann. Sehr schön.

 

Anna Müller-Tannewitz: Marys neue Schwestern
Jugendbuch von einer der Ahnherrinnen der modernen Indianerliteratur. Ich habe es antiquarisch bekommen. Erzählt wird die Geschichte einer jungen Siedlerstochter, die bei einem Shawnee-Überfall verschleppt wird. Mary kommt schließlich durch Tausch bzw. Handel in ein Dorf der Seneca, die zu den Irokesen gehören, und wird in eine Familie aufgenommen. Lange Jahre lebt sie dort, aus ihrer ursprünglichen Angst wird bald Zuneigung und das Gefühl, der Familie, bei der sie untergekommen ist, anzugehören. Sie hat liebevolle Schwestern, findet Freunde, wird nach und nach zu einer richtigen Irokesin. Einmal, nach langen Jahren, hat sie die Gelegenheit, zu ihren Brüdern zu reisen, die den Überfall überlebt haben. Die Begegnung ist zunächst freundlich, aber man hat sich nicht mehr viel zu sagen, und der Bruder John hasst ihre neue Familie, obwohl die Irokesen ja gar nichts mit dem Überfall zu tun hatten. Schließlich entscheidet sich Mary, nicht zu bleiben, und geht zurück zu den Irokesen, um dort eine eigene Familie zu gründen. Das Besondere ist, dass diese Geschichte nicht frei erfunden ist, sondern auf historischen Tatsachen beruht. Im Nachwort erzählt die Autorin etwas über die wirkliche Mary und ihr Leben.

 

Sarah Orne Jewett: Deephaven
Zwei Frauen verbringen einen Sommer in einem kleinen fiktiven Küstenstädtchen. Die Entscheidung, nach Deephaven zu gehen, fällt spontan, da eine von beiden dort ein Haus geerbt hat. Sie geraten in eine altertümliche, kernige Welt, begegnen alten Kapitänen, skurrilen Frauen, Witwen, die mit beiden Beinen fest im Leben stehen, Menschen mit traurigen Schicksalen, Menschen, die zupacken und ihr Leben meistern, und überhaupt ausgesprochen seltenen, liebenswerten Charakteren. Es ist nicht eigentlich ein Roman, eher eine Ansammlung von Skizzen und Porträts, kleinen Abenteuern und bereichernden Begegnungen, ein Buch über das Meer und die Menschen, die mit ihm leben. Keine Handlung, eher eine Stimmung. Ein Buch, das nach Seeluft riecht und jeden Misanthropen wieder neugierig auf die Begegnung mit Menschen macht. Hinzu kommt die außerordentlich gediegene Aufmachung. Leinengebunden im Schuber, mit Lesebändchen, Fadenheftung, edlem Papier ... eine kleine Kostbarkeit für Bibliophile.

 

Edward Gorey: Eine Harfe ohne Saiten oder Wie man Romane schreibt
Entstehung eines Romans, dichterische Krisen und Größenwahn des Dichters Melf, mit spitzer Feder in Cartoons/Karikaturen gegossen. Melf ist eine absolute Dramaqueen und liebt die große Pose. Ein Bilderbuch für Schriftsteller. Sehr schön, und ich denke, jeder Autor wird sich wiedererkennen ... :-)

 

 

Hörbuch/Hörspiel

 

Ruth Klüger: Weiter leben. Eine Jugend
Die Lyrikerin Ruth Klüger lernte ich vor über zehn Jahren durch ihren Gedichtband "Zerreißproben" kennen. Ein Buch, das mich damals sehr beeindruckt hatte. Nun also fiel mir ihre Lebensgeschichte in die Hände. Sie hat das Hörbuch im Jahr 1996 auch selbst eingesprochen mit ihrer herben, zerknitterten Stimme. Damals war sie Mitte 60. Den österreichischen Dialekt hatte ich so nach der Lektüre ihrer Gedichte nicht erwartet. Das Ganze wird sehr nüchtern, manchmal beinahe emotionslos vorgetragen, in der Art Emotionslosigkeit, unter der Theresienstadt und Auschwitz unvergessen fortbestehen. Ruth Klüger ist Jahrgang 1931, Kind einer jüdischen Familie aus Wien, sie erlebt schon als Kind Antisemitismus und Ausgrenzung. 1938 nach dem Anschluss Österreichs an das Nazireich, verliert sie den Vater, der zunächst nach Frankreich fliehen kann, später aber von den Nazis gefangen und 1944 vergast wird. Sie selbst und ihre Mutter kamen zuerst ins KZ Theresienstadt, schließlich nach Auschwitz, von wo sie 1945 kurz vor Kriegsende fliehen konnten. Später nahm sie ein Studium auf, wurde schließlich Germanistik-Professorin in der USA. Nüchtern, sachlich, mit scharfem, analytischem Blick schaut sie auf die Gesellschaft, die Erlebnisse und sozialen Strukturen im KZ, aber auch auf ihre eigene Familie, besonders auf die Mutter, mit der sie nicht immer ein gutes Auskommen hat, um es mal vorsichtig auszudrücken. Die österreichische Gesellschaft der 30er und 40er Jahre, aber auch die der Bundesrepublik wird sehr genau in ihren Schwächen und Unmenschlichkeiten gesehen. Und es ist garantiert kein weichgespülter Versöhnungstonfall, den die Autorin anschlägt. Wie soll man auch mit Leuten umgehen, die im Gespräch über Klügers Erfahrung im Konzentrationslager so dumme Sachen sagen wie: "Ach, du warst in Theresienstadt. Na, das soll ja nicht so schlimm gewesen sein" oder "So, du warst in Auschwitz? Aber du hast ja überlebt, dann war's ja nicht so schlimm"? Letzten Endes wüsste ich aber wohl auch nichts Intelligentes zu sagen, wenn diese Namen fallen.
Es ist definitiv keine "schöne" Geschichte, die sie zu erzählen hat. Aber eine Lebensgeschichte, die ich jedem nachdrücklich ans Herz legen möchte.

 

Berit Hempel: Abenteuer und Wissen: Jacques Cousteau. Tauchfahrt in die Tiefe
Beeindruckende Tauchfahrten, Abenteuer unter Wasser, die Entwicklung neuer Techniken, die legendäre Calypso, aber auch die unheimliche Begegnung mit einem Hai, in der aus Spiel sehr schnell Ernst wurde, der Tod von Weggefährten ... Berit Hempel hat Cousteau, sein Leben und seine Vision sehr gut in Szene gesetzt, dabei hat sie nur Ton, Sprache und Geräusche zum Malen ihrer Unterwasserabenteuer zur Verfügung und keine Filmaufnahmen. Ein sehr schöner, lebendiger Beitrag zu der Hörspielreihe, der auch mit Überraschungen aufwartet. Dass Cousteau während des Zweiten Weltkriegs im Widerstand war, in Italien spioniert hat und in einem James-Bond-artigen Handstreich wertvolle Geheimdokumente erbeutete, gehört zu den weniger bekannten Kapiteln aus dem Leben des Tauchpioniers.

 

 

Februar

 

Gunnar Kunz: Lagunenrauner

 

Reinhard Sturm: Tödliches Trio
Der Roman spielt im Harz, unter anderem in Goslar und an der Okertalsperre. Ich habe das Buch für die Goslarsche Zeitung gelesen und besprochen. Meinen Artikel darüber findet ihr hier.

 

Anna Weser: Der Rausch von Helgoland

 

 

März

 

Cord-Friedrich Berghahn, Mirko Przystawik, Katrin Keßler, Ulrich Knufinke (Hrsg.): Israel Jacobson 1768 - 1828. Studien zu Leben, Werk und Wirkung
Enthält Vorträge, die auf einer internationalen Tagung in Braunschweig gehalten worden waren. Anlass war der 250. Geburtstag Jacobsons im Jahr 2018. Jacobson ist Begründer des Reformjudentums, daher gibt es einige Beiträge über den Seesener Tempel, über die Reformbewegung, ihre Vorgeschichte, Religion in Zeiten der Aufklärung und das Verhältnis der Religionen zueinander, auch etwas über die Haskala und Jacobsons Stellung darin. Ferner gibt es etwas zu seiner Biografie, eine Untersuchung über die Geschichte, Authentizität und Bildaussagen der unterschiedlichen Jacobson-Porträts und etwas über seine Wohnsitze. Eine sehr lesenswerte und lehrreiche Sammlung.

 

Bernhard Kytzler: Frauen der Antike. Kleines Lexikon antiker Frauen von Aspasia bis Zenobia
Schmales Bändchen mit rund 300 Einträgen über berühmte Frauen. Die Menge der Einträge ist groß, doch die meisten von ihnen sind sehr kurz. Ich habe es von A bis Z durchgelesen und ein paar sehr interessante Frauen gefunden. Allerdings weiß man über viele von ihnen eben nur so viel, dass es für zwei oder drei Sätze reicht. Es ist bei vielen Personen ein Anfang, eine Einstiegslektüre, mehr nicht. Ich werde es neben den kleinen Pauly stellen und immer mal wieder zu Rate ziehen.

 

Hugh Lofting: The Story of Doctor Dolittle (e)
Ich habe mir die kostenlose gemeinfreie Doctor-Dolittle-Gesamtausgabe auf meinen Kindle geladen. Die meisten der Bände habe ich in meiner Jugend in der deutschen Übersetzung gelesen. Zum Teil war die Lektüre der englischen Originalversion sehr überraschend. In der Ravensburger Ausgabe von "Doktor Dolittle und seine Tiere" fehlte zum Beispiel die Geschichte über den afrikanischen Prinzen Bumpo. Bumpo tritt in meiner Ravensburger-Ausgabe erst in der Geschichte mit der schwimmenden Insel auf, allerdings war ich damals schon etwas verwirrt darüber, welche Anspielungen die Tiere über Bumpos Vorgeschichte machten. Kurz erzählt: Bumpo war der Prinz des Königreichs Jolliginki, dessen König Dr. Dolittle und seine Freunde gefangen nahm. Bumpo war an der Verhaftung nicht beteiligt und wurde später zum Befreier des Tierarztes. Wobei die Gruppe ihn eigentlich ziemlich böse ausgetrickst hat. Bumpo war zu der Zeit verliebt. Aber seine Prinzessin wollte nur einen weißen Freier erhören. Dr. Dolittle gaukelte ihm vor, er könne ihn weiß machen. Darauf half Bumpo den Freunden zur Flucht. Aber Dolittles Weißmach-Medikament wirkte nur ein paar Tage, und so war Bumpo der Angeführte. Das Ganze kommt etwas rassistisch rüber: Kluger Weißer trickst dummen Schwarzen aus. Zur Ehrenrettung Dolittles sei allerdings gesagt, dass die Sache von der resoluten Polynesia ausgedacht und angeordnet war. Jedenfalls wundert es mich nicht, dass die Sache in der deutschen Ausgabe (70er oder 80er Jahre) ausgelassen worden war. Allerdings ist die Geschichte dann in der "Schwimmenden Insel" nicht gut aufgefangen worden, ich spürte als Kind schon, dass da etwas nicht stimmte.

 

Andree Hamann: Aristoteles' "Nikomachische Ethik". Ein systematischer Kommentar (Reclam)
Sehr detaillierter Kommentar, der sich sehr eng, beinahe Satz für Satz, am Text entlanghangelt. Gut für Einsteiger geeignet, die dann am besten Ethik und Kommentar nebeneinander auf den Tisch legen und parallel lesen können. Das Buch bot für mich nicht allzu viel Neues, aber es war gut, sich die eine oder andere Stelle nochmal ins Gedächtnis zu rufen.

 

Hugh Lofting: Doctor Dolittles Post Office (e)
Mich hat zunächst die Reihenfolge verwirrt, denn das Buch wird eigentlich als dritter Band der Serie geführt. Als Kind las ich das Buch auch lange nach dem Erscheinen der bekannteren Dolittle-Bücher. Tatsächlich passiert die Geschichte aber, wie ich jetzt beim Nochmal-Lesen merkte, auf der Rückfahrt der Dolittle-Crew von Afrika nach England, also ist die Positionierung als Teil 2 durchaus sinnvoll.
Auch hier finden sich einige ziemlich rassistische Stereotype über Afrikaner. So liebenswert und herzerwärmend die Bücher für Tierfreunde sind, an dieser Stelle ist Lofting schon etwas mit Vorsicht zu genießen. Besonders seltsam: Dolittle und seine Crew retten eine Frau, deren Mann vom König des Landes Fantippo in die Sklaverei verkauft wurde. Die Schwarze wollte eigentlich Lösegeld zahlen, doch der Brief, in dem sie ihre Familie um Geld für den Loskauf ihres Mannes bat, kam nie an. Zum Glück können die Freunde ihren Mann befreien. Das Ehepaar lebt glücklich und zufrieden in Freiheit weiter. Und Dolittle? Er setzt Kurs auf Fantippo und staucht den König Koko ordentlich zusammen. Warum? Nicht etwa wegen des Sklavenhandels in seinem Reich, sondern - weil sein Postwesen so schlecht funktioniert. Das muss man als Leser erstmal verdauen.
Alles, was der Autor danach über das Postamt, das Entwicklungshelfer Dolittle gründet, erfindet, ist wunderbar, liebenswürdig und zu Herzen gehend. Die unterschiedlichsten Vögel stellen sich als Boten für die Auslandspost zur Verfügung und bringen gleich noch superzuverlässige Wetterberichte mit, die das Postschiff zu einer gefragten meteorologischen Station machen. Dolittle führt Briefmarken ein, die bald zu begehrten Sammlerobjekten werden, und bestreicht die Rückseiten der Marken mit Medizin, damit die Einwohner Fantippos bei drohenden Seuchen bereits geimpft sind. Dolittle erfindet mehrere Tierschriften, damit die Tiere auch Briefe schreiben können, und gründet diverse Magazine für Tiere, die gern gelesen werden. Er gibt brieflich Rat auf Anfragen seiner gefiederten und pelzigen Freunde.
Einen kleinen Schock hat mir der vom Doctor geplante Brieftransport von der Fantippo zum Nordpol versetzt: Die Schwalben tragen den Brief bis nach Nordafrika, dann tragen ihn Drosseln nach Schottland, bis Grönland bringen ihn Möwen. "And from there penguins would take it to the North Pole."
Hey, man kann doch keine Pinguine zum Nordpol schicken! Die werden doch alle von den Eisbären gefressen. (Der Riesenalk, der früher Pinguin hieß, war damals schon seit 70 Jahren ausgestorben.)
Einmal - eine ziemlich chauvinistische Szene - wird ein Angriff unbesiegbarer schwarzer Amazonen-Kriegerinnen abgewehrt, indem die weiße Maus die Frauen in Panik versetzt und in die Flucht schlägt. Es gibt eine Art Mini-Boccaccio-Einlage, als die Tiere einen Geschichten-Wettbewerb ausrufen und jedes eine Geschichte aus seinem Leben erzählt. Der Doctor lernt längst ausgestorben geglaubte Dinosaurier kennen und klärt einen Perlendiebstahl auf. Und am Ende steht die Begegnung mit Lehmgesicht, der uralten und urweisen Schildkröte, der Urmutter der uralten Morla und der weisen Nessaja, die Dolittle über ihre Erinnerungen an die Sintflut erzählt. Alles in allem eine wunderbare, zauberhafte Postamtsgeschichte und manchmal auch eine herrliche Post-Persiflage. Alles toll. Wenn nur die Sache mit dem Sklavenhandel nicht wäre.

 

Philippe Luguy: Gildwin - Die ozeanischen Legenden
Eine Art "Schwesterserie" zu den Tassilo-Alben. Nummer eins ist schon seit 2010 auf dem deutschen Markt, bisher ist allerdings noch kein zweiter Teil erschienen. Ich habe lange mit dem Album geliebäugelt und immer wieder doch nicht zugegriffen. Erst als jetzt - endlich - der neue Tassilo-Band angekündigt wurde, habe ich dann auch zum "Gildwin" gekauft.
Das Album ist im liebenswürdigen, märchenhaften Tassilo-Stil gehalten, wobei Gildwin noch etwas naiver, kindlicher rüberkommt als der Ritter mit der roten Löwenmähne. Gildwin ist ein leicht verschrobener Junge vom Dorf, ein Außenseiter, der noch an Märchenwesen glaubt. Nach einem Streit mit seiner Geliebten geht er fort auf eine Queste, er sucht das Land der "Ozeanischen Legenden". Witzig ist ein Bild aus einer Abenteurer-Kneipe. Dort sitzen Tassilo und Alwin am Tisch und reden folgendermaßen: "Ob sie und vielleicht vergessen?" "Aber nein!!! Sie arbeiten an neuen Abenteuern ..." "... aber du weißt doch, in ihrem Alter braucht das Zeit!" Gemeint sind natürlich, wie die Fußnote sicherheitshalber aufdröselt, Autor und Zeichner der Tassilo-Serie, Leturgie und Luguy. Insgesamt ist die Geschichte sehr nett, und Luguys Zeichenstil hat was, natürlich. Aber ganz heran an Tassilo kommt diese Suche nach den Ozeanischen Legenden nicht.

 

Weiterer Rückblick:
Jahresrückblick II: April bis Juni 2023
Jahresrückblick III: Juli bis Oktober 2023
Jahresrückblick IV: November 2023
Jahresrückblick V: Dezember 2023

 

© Petra Hartmann




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Jahresrückblick V: Dezember 2022

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 01 Januar 2023 · 1.033 Aufrufe
Jahresrückblick

Und hier der Abschluss meines Lese-Rückblicks auf das Jahr 2022. Da der November wie üblich total aus dem Ruder gelaufen ist, folgt hier separat der Dezember-Nachklapp. Was haben wir hier? Antike, ein Märchen-Erzähler mit sehr berechtigten Trigger-Warnungen, ein Indianer-Roman, ein Aufklärer, ein Flugpionier und ein dreifacher stiller irischer Held aus der Antarktis.
Viel Spaß beim Durchstöbern! Und alles Gute für ein spannendes und glückliches (Lese-)Jahr 2023!

 

Dezember

 

Älian: Bunte Geschichten (Reclam Leipzig)
Der zweite Vertreter der antiken "Buntschriftstellerei". Älians Sammlung "Bunte Geschichten" wurde sogar Namensgeber für das Genre. Im Prinzip ist die Sammlung ähnlich wie das Gelehrtenmahl von Athenaios, das ich Ende November las, nur dass es hier keine Rahmenhandlung und keine unterschiedlichen Sprecher gibt. Die Geschichten und "Nutzloses Wissen"-Texte werden einfach unkommentiert hinter einander wegerzählt. Auch dieses vorliegende Buch, das ich wie die Athenaios-Sammlung antiquarisch erwarb, ist eine Auswahl. Es erschien im Jahr 1990 und bietet auf 278 Seiten bunte Geschichten aus den 14 Büchern, die Älian unter dem Titel herausgab, sowie ein Nachwort und ein Register. Und: Wer Athenaios und Älian nacheinander liest, wird feststellen, dass ihm einiges bekannt vorkommt. Die Jungs in der römischen Kaiserzeit haben nämlich geklaut wie die Raben.

 

Antonia Michaelis: Im Schatten des Märchenerzählers
Das Buch ist eine Fortsetzung des Romans "Der Märchenerzähler", eines Wahnsinnsbuchs, das mich im Jahr 2011 einfach nur umgehauen hat. Eine harte und doch poetische Geschichte über Kindesmissbrauch, Prostitution, Drogenhandel, Vergewaltigung und doch auch über Liebe und den Zauber der Märchen.
Auch die nun erschienene Fortsetzung ist ein extrem hartes Buch. Die Autorin gibt der Geschichte sicherheitshalber eine Inhaltswarnung bei. Und das zurecht. Wer in dieser Hinsicht in irgend einer Weise gefährdet ist, sollte das besser aus der Hand legen, denn es sind schlimme Stellen darin. Und doch ... Es hat einen Zauber. Antonia Michaelis kann den Zauber der Märchen beschwören und trotzdem die Härten und Grausamkeiten des Lebens ihrer Helden schildern, genau so hart, wie es tatsächlich vorkommt in der Welt, auch in unserer Umgebung.
Abel Tanatek, der Märchenerzähler, hatte sich damals erschossen. Doch er hat einen Sohn, Elias, gezeugt, als er seine Freundin Anna vergewaltigte. Nun ist Elias 18 Jahre alt und fühlt sich beobachtet. Ist ein Wolf in seiner Nähe, der ihn beschützt? Ist Abel damals doch nicht gestorben, sondern hat seinen Tod nur vorgetäuscht? Wem, wenn nicht ihm, schreibt Anna heimlich Briefe? Und wer, wenn nicht Abel, antwortet ihr? Die Schatten der Vergangenheit nehmen langsam Gestalt an. Kinderpornos tauchen auf, in denen Abel missbraucht und misshandelt wurde. Schlimmer noch, falls es überhaupt Schlimmeres gibt: Auch ein sehr kleines Mädchen ist in den Videos zu sehen. Und die Verbrecher, die damals für die Vergewaltigung der Kinder verantwortlich waren, sind noch aktiv ...
Es ist ein verdammt gutes Buch. Aber es ist auch eine verdammt widerliche Geschichte. Ich wünschte, sie wäre reine Phantasie.

 

Tanja Mikschi: Als der Mond zu sprechen begann

 

Christian Wilhelm von Dohm: Denkwürdigkeiten meiner Zeit II
Zweiter Teil der "Denkwürdigkeiten", Teil eins hatte ich im vergangenen Jahr gelesen. Zunächst muss ich festhalten, dass dieses Buch aus der Reprint-Fabrik von "Forgotten Books" absolut sauber eingescannt und durchgängig gut lesbar ist. Bei Teil eins waren ja viele Seiten unlesbar oder nur halb erfasst. Also: Für den Verlag an dieser Stelle mal ein Daumen nach oben.
Dohm setzt seine Geschichtsschreibung fort und legt in diesem Band einen Schwerpunkt auf Katharina die Große und den Kampf ums Schwarze Meer, man erfährt viel über die Krim und die russische Eroberung und Einverleibung dieses Landstrichs. Das Kapitel hätte ich vor einiger Zeit noch ganz unbeteiligt gelesen, aber nach der Krim-Annexion und jetzt während des Ukraine-Krieges merkt man, dass das alles eben doch nicht so weit weg ist.
Ferner geht es um Auseinandersetzungen Preußens und Friedrichs II. mit der Stadt Danzig und um Kämpfe zwischen Holland und den Niederlanden. Ein weiteres Kapitel widmet sich dem "System der bewaffneten See-Neutralität", das Katharina durch Verhandlungen mit vielen weiteren Staaten schuf. Es geht darum, dass bei Kriegen zwischen zwei Staaten neutrale Handelsschiffe nicht behelligt werde dürfen.
Was mir bisher überhaupt nicht klar war: Die amerikanische Erhebung gegen England und die Unabhängigkeitserklärung waren, wie Dohm hervorhebt, mit Folgen des Siebenjährigen Krieges. Die Briten wollten mehr Steuergelder von ihren Kolonien haben, weil der Krieg so teuer war. Aber die Amerikaner sagten: Keine Steuern ohne unsere Zustimmung, wir wollen dann wenigstens in eurem Parlament vertreten sein. So kam es zum Bruch, zumindest in der vereinfachten Form, wenn ein Preuße die amerikanische Unabhängigkeit erklärt, für den der Siebenjährige Krieg ja eine besondere Bedeutung hat ... Wieder was gelernt.

 

Otto Lilienthal: Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst
Ein Buch, das ich im Rahmen meiner Recherchen für meinen Roman "Das Herz des Donnervogels" las. Sehr schöner, großformatiger Band, ein Faksimile der Ausgabe von 1889, herausgebracht von www.reprintpublishing.com. Reich illustriert mit Vogel- und Flügelzeichnungen und Abbildungen von Lilienthals selbst konstruierten Messgeräten und Versuchsaufbauten. Viele Messungen und physikalische Berechnungen, reichlich Formeln und Zahlen. Also durchaus etwas knifflig und kein Abenteuerbuch.
Wir wissen ja aus der Geschichte der Wright-Brüder, dass Lilienthal sich in vielen seiner Berechnungen geirrt hat, und wir wissen auch von seinem tragischen Ende. Darum bitte nichts von dem nachmachen, was hier beschrieben wird. Aber es war schon spannend, dem Flugpionier mal bei seiner Arbeit über die Schulter schaun zu können.

 

Michael Smith: Der stille Held Tom Crean
Geschichte eines irischen Seemanns, der an drei Polarexpeditionen teilnahm. Er war unter den letzten sechs, die Scott bis zur vorletzten Etappe zum Südpol mitnahm. Und er war zusammen mit Shackleton auf der Endurance-Expedition, gehörte zur sechsköpfigen Bootsbesatzung Shackletons, als dieser von Elephant Island nach Südgeorgien aufbrach, um seine Mannschaft zu retten, und war der dritte Man neben Shackleton und Worsley auf der lebensgefährlichen letzten Etappe über die Berge von Südgeorgien. Ein schlichter, bescheidener Mann, der von sich selbst nie großes Aufhebens machte, aber offenbar immer gut gelaunt war und seinen Teamkameraden mehrfach das Leben gerettet hat. Ich habe ja als Kind und Jugendliche immer den Berufswunsch "Polarforscher" gehabt und gerade über die Endurance-Expedition viel gelesen, aber Crean war mir bisher noch nie aufgefallen. Schön, dass diese Biographie ihn jetzt würdigt. Absolut lesenswert. Die Leute bei mare machen ja ohnehin schöne Bücher.

 

Hans-Martin Gutmann: Wendegier
Der Autor ist gebürtiger Goslarer und hat zudem kürzlich in der Stadt aus seinen Werken vorgelesen. Ich habe seinen Krimi daher in der Goslarschen Zeitung rezensiert.

 

Weitere Jahresrückblicke
Teil I: Januar bis März 2022

Teil II: April bis Juni 2022
Teil III: Juli bis Oktober 2022
Teil IV November 2022

 

 

© Petra Hartmann




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Jahresrückblick Teil IV: November 2022

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 31 Dezember 2022 · 1.251 Aufrufe
Jahresrückblick

Teil vier meines Lese-Jahresrückblicks. Mein Lese-Urlaub auf Helgoland brachte mir viele phantastische Bücher, einiges aus der Zeit der Aufklärung (britisch, deutsch und Haskala), eine Menge Indianerbücher und etwas über antike "Buntschriftstellerei". Außerdem habe ich drei Astronominnen kennen gelernt, endlich Salman Rushdies "Satanische Verse" gelesen, mich mit alten Epen befasst und stelle euch mein Buch des Jahres vor - und die beiden größten Reinfälle des Jahres. Schaut halt mal rein, vielleicht findet ihr ja ein paar interessante Bücher zum Selbstlesen.

 

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

 

November

 

Vico Siebensiegel: Farbentanz der Magie in den Träumen eines Nachtkerzenschwärmers
Ein kleines Büchlein, etwa im Reclamformat, das ein geheimnisvoll-bezauberndes Cover hat. Da musste ich auf dem BuCon einfach zugreifen. Erzählt wird die Geschichte zweier sehr ungleicher Wesen, die mit ihrem Zauber einen wunderbaren Garten schützen. Ein sehr schönes, geheimnisvolles Märchen, lesenswert.

 

André Boße: Die drei ??? - 100 Seiten (Reclam)
Cassettenkinder waren wir doch alle, oder? Das Reclamheft aus der Reihe "100 Seiten" geht dem Mythos der drei ??? nach, und man merkt sehr deutlich, dass der Verfasser ebenfalls ein Fan ist. André Boße erzählt von den ersten Bänden und der Idee, Alfred Hitchcock als "Paten" zu gewinnen, vom Marketing-Konzept und den Spannungen zwischen Buchreihe und Hörspiel, schwärmt von den Coverbildern von Aiga Rasch und stellt die Helden und wiederkehrende Verbündete und Gegner vor. Natürlich wird auch der Rechtsstreit aufgedröselt, der damals Buchverlag Franckh-Kosmos und Hörspiel-Label Europa getrennte Wege gehen ließ und die kurzlebige Hörspielreihe "Die Dr3i" entstehen ließ. Es gibt eine Statistik der meistgebrauchten Schlagwörter in den Titeln und Infos zu Ablegern wie "Die drei !!!" und "die drei ??? Kids". Außerdem geht der Autor der philosophischen Frage nach, warum die drei Junior-Detektive nicht altern dürfen und warum jede neue Folge wieder bei Null beginnt. Zugegeben, ich habe jetzt nichts hundertprozentig Neues erfahren. Aber es war einfach schön, mal wieder auf die alten Abenteuer zu blicken.

 

Werner Hermann: Das Anubis-Projekt
Kleines, schmales Taschenbüchlein aus dem Verlag Saphir im Stahl. Ich mag das Format. Der Text selbst ist etwas eklig. Es geht um wieder auferstehende Pharaonen, um Mumien, die wieder zum Leben erwachen und in Ägypten die Herrschaft übernehmen. Dass zwei Weltenretter - Ronin Erik und Artefakte-Pete aber zufällig sechs Jahre zuvor bereits die richtige Waffe gegen die Untoten gebunkert haben und dass Pete dann auch zufällig genau der Typ ist, den der Ich-Erzähler zur Hilfe ruft, das sind mir ein paar Zufälle zuviel. Aber ich vergebe einen Sonderpunkt für den überraschenden Schluss.

 

Sabrina Železný: Tod einer Andentaube

 

Frederik Hetmann: "Old Shatterhand, das bin ich ich"
Mal wieder ein typisches "Hetmann was here"-Erlebnis. Auf vielen meiner Interessengebiete hat der Autor ja seine Spuren hinterlassen, so auch mit dieser Biografie für junge Leser, die ich antiquarisch bei Amazon-Marketplace entdeckte.
Gut, wenn man bereits die Rowohlt-Monographie und ein paar andere Sachen über May gelesen hat, kennt man Mays Biographie natürlich. Aber es gibt doch zwei Sachen, die mich überrascht haben. Zum einen gibt Hetmann eine von Karl May erzählte Geschichte wieder, in der berichtet wird, wie Winnetou zu seinem Namen - "Brennendes Wasser" - gekommen ist. Das hatte ich bisher noch nie gelesen. Zum anderen macht Hetmann in May so etwas wie einen "absoluten Erzähler" aus und schildert dessen Fähigkeiten, aus Alltagssituationen oder dahingeworfenen Namen sofort eine Geschichte zu erfinden. Ein Automatismus, ein Reflex, der auch bei seiner Hochstapelei zum Tragen kam.
Was mich gewundert hat, ist, dass Hetmann "Ardistan und Dschinnistan" nicht liebte. Ich mag Mays Fantasy-Abenteuer sehr.

 

Juri Rytchëu: Die Frau vom See
Sehr schön gestaltetes Buch im Hosentaschenformat. Inhaltlich ein bisschen Tschuktschen-Legende, ein bisschen Pornografie. Aber irgendwie nett. Zwei junge Männer werden als Strafe, weil sie die Frauen des Dorfes überfallen und beschlafen, vom Schamanen in Zwerge verwandelt. Dann entdecken sie am See eine Frau, die sie in extreme sexuelle Erregung versetzt. Die beiden sind geil bis zum Anschlag, aber so winzig, dass die Frau sie nicht einmal wahrnimmt. Einer von beiden stirbt. Der andere erkennt langsam, was wahre Liebe ist ...

 

Eva von Kalm: Buchstabenblut
Ein kleines Taschenbuch, ebenfalls im Hosentaschenformat, das neun Kurzgeschichten beziehungsweise kürzere Erzählungen beinhaltet. Die Titelgeschichte handelt von einer Autorin, die allein in ihrer Kammer sitzt, buchstäblich mit ihrem Herzblut schreibt und dabei ein Monster erschafft. Eine Weiterentwicklung des Golem-Stoffs, nur dass das Monster, das sie geschaffen hat, unter der Lehmoberfläche von heißen Flammen beseelt ist. Und es zieht durch die Stadt und gefährdet ihre Freunde. Eva von Kalm erzählt von ungleichen Freundschaften, dunklen Bedrohungen, Menschen und Monstern und immer wieder vom Schreibprozess und der Fähigkeit, Wörter aufs Papier zu bannen. Sie versteht durchaus etwas vom Schreiben, die Geschichten sind gut gelungen, die Stimmung gekonnt aufgebaut und durchgehalten. Was ich nicht so sehr mag, ist, wenn ein Autor ständig seinen eigenen Schreibprozess zum Thema macht. Aber das ist natürlich eine reine Geschmackssache.

 

Monster wider Willen: Die Storys zum Marburg Award 2021
Eine Sammlung mit 20 phantastischen Kurzgeschichten der unterschiedlichsten Genres, es sind Beiträge zum Marburg-Award. Da der Marburg-Com 2021 nur virtuell stattfand, hatte ich doch glatt verpasst, mir das Exemplar zu besorgen, aber beim BuCon habe ich es den Marburgern dann doch noch abkaufen können. Es geht um Monster unterschiedlichster Art, die eines gemeinsam haben: Sie haben sich ihren derzeitigen Zustand nicht selbst ausgesucht. Der Leser trifft auf mythologische Figuren und Sagengestalten, aber auch auf Geschöpfe, deren Existenz die moderne Wissenschaft zu verantworten hat. Sehr schön gestaltete Sammlung, die sich gut lesen lässt, mit größtenteils guten Geschichten.

 

Charlotte Kerner (Hrsg.): Sternenflug und Sonnenfeuer
Das Buch enthält die Lebensgeschichten dreier berühmter Astronominnen. Ich habe es mir angeschafft wegen des Beitrags über Caroline Herschel (1750 - 1848) mit deren Bruder ich mich ja im April näher befasst hatte. Die Geschichte der "Kometenjägerin" ist sehr spannend, vor allem auch die Zeit nach dem Tod ihres Bruders, als sie nach Hannover zurückkehrte, ihre Veröffentlichungen, ihre Musik. Ihre Memoiren möchte ich unbedingt mal lesen.
Völlig neu war mir die Astronomin Maria Kunitz (1604 bis 1664). Sternenkunde in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, also unter erschwerten Bedingungen. 1650 veröffentlichte die Astronomin ihr Buch "Urania proposita", was soviel heißt wie "die zugängliche oder entgegenkommende Muse der Himmelsbeobachtung". Das zweisprachig verfasste Buch (Latein und Deutsch) wandte sich nicht nur an Fachwissenschaftler, sondern auch an Laien. Das Buch fand große Verbreitung in ganz Europa, wurde eine Art Standardwerk und gilt als erste wissenschaftliche Veröffentlichung einer Frau. Sie vereinfachte Keplers teilweise recht komplizierte Berechnungen und beseitigte Fehler in den Rudolfinischen Tafeln, arbeitete auch an der Verbesserung der damaligen Teleskope.
Die dritte im Bunde der Astronominnen ist Maria Mitchel (1818 - 1889), eine moderne Wissenschaftlerin, die einen Lehrstuhl für Astronomie erwarb - in einer Zeit, in der Frauen auf Universitäten eigentlich gar nicht erwünscht waren und erst rechte keine Chancen auf eine Universitätskarriere hatten. Legendär war ihr Aufbruch in den damals noch richtig wilden Westen, um in der Nähe von Denver/Colorado eine Sonnenfinsternis zu beobachten. Die Quäkerin aus Nantucket, die schon als Kind zusammen mit ihrem Vater die Chronometer der Walfangschiffe geeicht hat, ist schon mit 17 Jahren selbstbewusst genug, um eine eigene Schule zu gründen, Und als sie einen neuen Kometen als erste sichtet, meldet sie ihren Anspruch an und kämpft um ihr Recht als Entdeckerin: Die Goldmedaille, die sie zwei Jahre später nach langem Briefwechsel vom dänischen König erhält, geht erstmals nach Amerika und erstmals an eine Frau - und wird auch letztmals verliehen.
Alles drei sind faszinierende Biographien, die die Geschichten ungewöhnlicher Frauen und großer Forscherinnen schildern. Alle drei wurden schließlich von ihren männlichen Kollegen als gleichberechtigte und hochqualifizierte Wissenschaftlerinnen anerkannt. Und auch das verbindet sie: Alle drei hatten ein familiäres Umfeld, in dem sie Unterstützung von vernünftigen Männern fanden, hatten astronomisch interessierte Väter, Männer, Brüder, Förderer in der Familie, die ihnen eine Ausbildung und Unterstützung verschafften. Es hat immer auch vernünftige Männer gegeben.

 

Anna Müller-Tannewitz: Tochter der Prärie
Jugendbuch aus dem Jahr 1970 von einer der Klassikerinnen der Indianerliteratur. Erzählt wird de Geschichte eines Pani-Mädchens namens Ikata, das von den Sioux entführt wird und schließlich nach vielen Abenteuern zu ihrer Familie zurückkehrt. Sehr nett und spannend geschrieben. Das erste Buch, das ich gelesen habe, das über einen Protagonisten vom Volk der Pani berichtet. Sonst waren diese Leute ja immer die Bösen ...

 

John Locke: Brief über die Toleranz (Reclam)
Lesenswerte Streitschrift zum Thema Toleranz, die die Grenzen zwischen Staat und Kirche absteckt. Es geht laut Locke gar nicht an, dass das Staat beziehungsweise der Herrscher dem Bürger vorschreibt, welcher Religion er anzugehören hat, vielmehr soll gewährleistet sein, dass die Religionsfreiheit der Bürger geschützt wird, sofern sie keinen Schaden anrichten und die Religionen anderer tolerieren. Ähnlich wie Aristoteles definiert Locke als Ziel des Staates, das Wohl der Bürger zu erhalten und zu fördern. Da aber kein Mensch wissen könne, welcher Glaube der richtige sei, könne der Staat keine Religion vorschreiben, sondern nur Gesetze zur Bewahrung der körperlichen Unversehrtheit und des Besitzes etc. erlassen. Stellenweise hat es gewisse Parallelen zur Ring-Parabel aus Lessings "Nathan". "Die Entscheidung in dieser Frage liegt einzig und allein beim oberen Richter aller Menschen, dem es auch obliegt, den Irrenden zu bestrafen. Bis dahin sollen die Menschen überlegen, um wie viel schwerer diejenigen dadurch sündigen, dass sie, wenn auch nicht ihrem Irrtum, so wenigstens ihrem Hochmut Ungerechtigkeit hinzufügen, wenn sie die Diener eines fremden Herrn, die ihnen nicht untertan sind, so ohne jeden Grund unverschämt quälen." Das hört sich bekannt an, nicht?
Interessant ist es auch, wenn man diesen "Brief über die Toleranz" mit Mendelssohns "Jerusalem" im Hinterkopf liest. Denn anders als der deutsch-jüdische Aufklärer, der den religiösen Gemeinschaften das Bann- und Ausschlussrecht strikt untersagt, sagt Locke ganz klar, dass das Recht der Exkommunikation den Kirchen erhalten werden muss. Mendelssohns Argument: Keinem Menschen darf der Trost und die Hilfe für die Seele verwehrt werden, die die Kirche/Synagoge allein zu bieten vermag. Locke: Wer pöbelt, fliegt raus. Denn Locke macht klar, dass eine Exkommunikation den Betreffenden nicht an Leib und Leben schädigt - deren Sicherheit ja staatliche Rechte garantieren müssen.
Ansonsten gibt es Anmerkungen, ein Literaturverzeichnis und ein Nachwort zur Einordnung des Textes. Man hat also eine recht gute Rundum-Versorgung mit dieser Ausgabe.

 

Markus K. Korb: Die Saat des Hasses
Der erste Roman von Markus K. Korb, der als Autor von Horror-Kurzgeschichten ja schon als Klassiker gelten kann. Wobei dieser Roman sich durchaus in einzelne Handlungsepisoden zerlegen lässt und so trotzdem noch als der kurzen Form zugehörig gelten kann. Erzählt wird in mehrere Stationen die Geschichte eines schier unbesiegbaren Monsters beziehungsweise zunächst einmal: eines superstarken Wesens, das sich zu einer unaufhaltbaren, zerstörerischen Macht entwickelt und eine Bedrohung für die gesamte Menschheit werden kann.
Der Held des Romans bzw. der Protagonist der Rahmenhandlung ist ein gewisser Akoni, dem sein Vater auf dem Sterbebett den Schlüssel zu einem Schweizer Bankschließfach übergibt. Akoni findet darin eine Tasche mit alten Dokumenten, Berichten, Tagebuchaufzeichnungen. Zunächst glaubt er, dass es sich um schriftstellerische Versuche seines Vaters handelt. Doch die beiliegenden offiziellen Dokumente überzeugen ihn, dass die einzelnen Geschichten offenbar tatsächlich echte Erlebnisberichte sind.
Schauplätze sind unter anderem ein Opernhaus mitten im Urwald, das ein gewisser Fitzcarraldo erbauen ließ und in dem eine verrückte Operndiva und einige Schrumpfkopfjäger den Ich-Erzähler und seine Expeditionskollegen beschäftigen, außerdem eine Pazifik-Insel im Zweiten Weltkrieg, auf der amerikanische Soldaten ein abgestürztes Flugzeug der Nazis finden, das KZ Dachau, aber auch die Schweiz der Gegenwart, die Stadt Genf, wo AKoni nicht nur die Bank, sondern auch "Kultstätten" wie die Villa Deodati besucht. Nach und nach wird die Saat des Bösen erkennbarer. Und Akoni beschließt, den Kampf dagegen aufzunehmen.
Eine sehr detailreich und spannend geschriebene Geschichte, die durch die optische Gestaltung und die unterschiedlichen Fotos und Protokolle einen besonderen Reiz hat. Hat mir gefallen. Eine gewisse Brutalität und einen hohen Ekelfaktor muss der Leser allerdings aushalten. Und das Ende ist mir persönlich etwas zu pathetisch geraten. Wie will Akoni denn nun den Kampf gegen die Bestien gewinnen, die selbst von schwer bewaffneten US- und NS-Truppen nicht gestoppt werden konnten?

 

Michael Ende: Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch
Ein Buch, das ich schon seit rund 30 Jahren auf der To-do-Liste habe, jetzt hat es mir meine Schwester geliehen. Es geht um einen bösen Zauberer, Beelzebub Irrwitzer, der sein Soll an Bosheit und Zerstörung noch nicht erfüllt hat. Der höllische Vollstreckungsbeamte steht schon vor der Tür, denn in der Silvesternacht, beim letzten Glockenschlag läuft die Frist aus, und dann will er den Zauberer abholen und zur Rechenschaft ziehen. Die letzte Chance des Schwarzmagiers: Er will einen Zaubertrank brauen, eben den santarchäolügienialkohöllischen Wunschpunsch, der alle bösen Wünsche erfüllen kann. Die Zeit drängt, Mitternacht ist nicht mehr weit, doch gibt es Komplikationen: Irrwitzers Tante, die Geldhexe Tyrannja Vamperl will den Trunk ebenfalls brauen und ist auf die Zutaten scharf. Als die beiden Bösewichte sich schließlich zusammentun und das Teufelsgebräu gemeinsam zur Vernichtung der Menschheit, der Umwelt und alles Guten einsetzen wollen, stehen nur ein Kater und ein Rabe zwischen dem Trunk und der Katastrophe. Eine verzweifelte Rettungsaktion beginnt ...

 

Joachim Wohlleben: Die Sonne Homers
Eine Aufsatzsammlung, die die Homerbegeisterung verschiedener Klassiker und ihre Auseinandersetzung mit dem Verfasser der Ilias und Odyssee schildert und unter anderem nachzeichnet, wie sie mit der "Homerischen Frage" umgegangen waren. Damals, als Friedrich August Wolf die These aufstellte "Homer gab es nicht" und darlegte, Ilias und Odyssee seien aus einzeln im Volk lebenden, mündlich überlieferten Liedern ("Volksliedern") irgendwann zusammengestellt worden, lautete die Gretchenfrage bei jeder Diskussion um den Griechen: "Wie hältst du es mit Wolf?"
Ich hatte mir das Buch Anfang der 90er angeschafft wegen eines darin enthaltenen Kapitels über Wilhelm von Humboldt, hatte auch ein paar der anderen Aufsätze gelesen, aber längst nicht alle. Nun nutzte ich den Urlaub zu einer Komplett-Lesung. Der Humboldt-Aufsatz arbeitet heraus, dass Humboldt schon irgendwie einsah, dass unsere Heroisierung der Griechen und des Altertums natürlich etwas überzogen war und dass die Leute damals nicht so edel, hilfreich und gut waren und nur ständig kulturell Hochwertiges abgesondert haben, dass vieles, was wir aus den uns überlieferten Fragmenten herauslesen, eben eine Täuschung sei, aber, wie Humboldt es sehr klug formulierte: "Eine notwendige Täuschung".
Sehr spannend fand ich auch bei der Zweitlektüre den Aufsatz über Goethe. Der Mann hat offenbar sehr gezielt an die Wolfsche These geglaubt, solange er selbst an seinem großen Epos "Hermann und Dorothea" schrieb. Anders hätte ihn das große Vorbild Homer gelähmt. Aber mit einem nicht-existenten Homer kann man ja als Ependichter getrost in die Schranken treten. Als "Hermann und Dorothea" fertig war, nahm Goethe seinen Homer wieder vor, guckte rein und stellte fest: Alles Quatsch, kein Kompilator von anonymen Volksliedern hätte so ein großes, stimmiges Werk der Weltliteratur schaffen können. Als Goethe seinen Zweifel an Homer nicht mehr brauchte, um etwaige Minderwertigkeitskomplexe loszuwerden, hat er getrost Wolf zu den Akten gelegt und wieder an den Gottvater der Dichter geglaubt.
Spannend fand ich auch, dass Karl Marx sich durchaus von Homer inspirieren lassen hat. Und auch die Kapitel über Winckelmann und Schliemann waren hochinteressant. Insgesamt eine spannende Sammlung. Nur seltsam, dass ausgerechnet Schiller, der ja den Titel lieferte, keine Kapitels gewürdigt wird.

 

Nadine Muriel und Rainer Wüst (Hrsg.): Das geheime Sanatorium
Eine Anthologie mit Geschichten über allerlei Fabelwesen, Märchenfiguren und mythische Gestalten, die in einem geheimen Sanatorium Heilung von psychischen Problemen und Krankeiten suchen. Untote, die mit dem Untotsein nicht klar kommen, Werwölfe mit Blutphobie, Feen mit Burnout, ja sogar der Tod, der sich überarbeitet hat, ist als Patient im Sanatorium zugegen.
Die Geschichten kommen daher als Episoden einer Reality-Soap über eben diese Heilanstalt. Drei Hexen in einer WG haben sich verabredet zur gemütlichen "Sanatoriumsnacht" vor dem Fernseher und machen eine Mädels-Party daraus. Teilweise kommentieren sie die Episoden, nehmen am einem den Abend begleitenden Buchstabenrätsel teil und sind allesamt verliebt in einen der Darsteller. Die Geschichten sind dadurch und durch das konstante Sanatoriums-Personal sehr eng miteinander verzahnt und verwoben. Einzig die Patienten, die jeweils im Mittelpunkt stehen, wechseln.
Enthalten sind 13 Geschichten von zehn Autoren, zum Teil spannend, zum Teil lustig, wobei aber, wie das Nachwort der Herausgeberin Nadine Muriel betont, großer Wert darauf gelegt wurde, die psychischen Probleme ernsthaft zu beschreiben und nicht lächerlich zu machen. In ihrem Schlusswort geht sie den soziologischen und psychologischen Aspekten des Andersseins nach und betont, dass abweichendes Verhalten eine Frage der Definition ist - wer wofür stigmatisiert wird, entscheidet die Gesellschaft. Insofern war es den Machern dieser Sammlung wichtig, diverse Schrullen, Macken, Störungen oder was auch immer mit Respekt zu behandeln. Ein sehr ernsthaftes Schlusswort für seine Sammlung aus dem recht freien Bereich der Phantastik.
Insgesamt ist es eine sehr dichte Anthologie ohne Brüche und Qualitätssprünge geworden, erzählerische Ausfälle und schlechte Geschichten gab es nicht. Bleibt zu hoffen, dass das Hexen-Trio nun seine Helden wirklich trifft und nicht enttäuscht wird.

 

Nanata Mawatani: Wo der Adler fliegt
Ein antiquarisches Fundstück, 1980 erschienen. Nadja, die Heldin dieses Buchs, ist eine Nachfahrin von Weißer Vogel, die in Nanata Mawatanis Büchern "Schwarzes Pferd und Weißer Vogel" und "Weißer Vogel und Kleiner Bär" die Hauptrolle spielte. Nadja hat eigentlich keine Beziehung zu ihren Cheyenne-Vorfahren. Sie wurde in Dänemark geboren, ihr Vater war Deutscher. Doch irgendwie erreichte sie dort eine Art Ruf des Medizinmanns. Sie weiß selbst nicht so recht, was sie in die Gegend des Cheyenne-Reservats trieb, doch als sie unterwegs einen Gewehrschuss abbekommt, ist sie bereits mittendrin in einer gefährlichen Auseinandersetzung um das Land, das den Cheyenne noch verblieb. Nun soll sie als Nachkommin von Weißer Vogel die Hoffnung der Cheyenne verkörpern.
Die Zeit der Indianerkriege und des wilden Westens ist längst vorbei. Aber die Bandagen, mit denen die Coal-Company um den Besitz des Indianerlandes kämpft, sind genau so hart wie damals, das Vorgehen nicht weniger brutal. Und die staatliche Gewalt steht natürlich auf den Seiten der Weißen. Doch auch Nadja und ihre Mitstreiter kämpfen mit modernen Methoden: Sie dringen ins Studio eines Fernsehsenders ein und verbreiten ihre Botschaft über die Massenmedien. Sie schmieden ein Bündnis mit anderen Indianerstämmen über das gesamte US-Gebiet hinweg. Und sie engagieren einen tüchtigen Rechtsanwalt.
Außerdem werden zahlreiche Probleme der Reservationsindianer angesprochen: Alkohol, Perspektivlosigkeit, Rechtlosigkeit, Armut, eine hohe Selbstmordrate. Es wäre Stoff für ein doppelt so dickes Buch gewesen.

 

Verlockung des Bösen: Die Storys zum Marburg Award 2022
Anthologie mit 28 Beträgen zu dem Schreibwettbewerb. Es sind sehr schöne Geschichten aus allen Spielarten der Phantastik dabei. Außer Prosatexten sind auch ungewöhnliche Formen wie Dramolette enthalten. Und die Ausgabe wurde vom Marburger Verein für Phantastik erneut sehr schön gestaltet und mit Illustrationen versehen.

 

Virginia Woolf: Orlando
Geschichte eines Mannes, später einer Frau, der/die beinahe vier Jahrhunderte lang lebte und die Veränderungen der britischen Gesellschaft erlebte. Der junge Orlando gewinnt die Zuneigung von Elizabeth I., die ältere und weibliche Version dieses Menschen "stirbt beim zwölfte[n] Schlag der Mitternacht am Donnerstag, dem elften Oktober des Jahres neunzehnhundertachtundzwanzig." Verwirrt? Aber so steht es geschrieben.
Die Geschichte hat etwas von einem Bildungsroman aus dem 19. Jahrhundert. Orlando ist zunächst ein junger Mann von außergewöhnlicher Anmut, der bei Hofe auch schnell Karriere macht. Allerdings ist dann auch eine ziemlich nervige Frau hinter ihm her. Mein absoluter Lieblingssatz in dem Buch: "Er tat, was jeder junge Mann in seiner Situation tun würde: Er bat den König, ihn als Außerordentlichen Gesandten nach Konstantinopel zu schicken."
Orlando macht seine diplomatische Sache wohl gar nicht schlecht. Allerdings wacht er nach dem ersten Drittel des Buchs plötzlich auf und ist eine Frau. Erklärt wird das nicht weiter. Ebensowenig wie die Langlebigkeit des Protagonisten bzw. der Protagonistin. Es scheint sich absolut keiner darüber zu wundern. Nur dass Orlando mit diesem Geschlecht kein Gesandter mehr sein kann, ist allen offenbar klar. Orlando entdeckt ihre Weiblichkeit, genießt sie geradezu. Sie hat allerdings einige Probleme, ihren Besitz behalten zu dürfen. Der rechtliche Status von Frauen in dieser Zeit war absolut unterirdisch.
Das Ganze ist, wenn man sich erstmal eingelesen und den unbegründeten Geschlechtswechsel akzeptiert hat, sehr angenehm zu lesen, es ist ein äußerst humorvolles Buch, das die Geschlechterrollen mit einer gewissen Leichtigkeit und feiner Ironie ausbalanciert und mit Klischees jongliert. Meine zweitliebste Stelle ist die Situation, als Orlando einem zudringlichen Liebhaber einen Frosch in den Nacken setzt. Und auch ihre Auseinandersetzungen mit Literatur und Schriftstellern sind sehr liebenswert. Alles in allem ein lesenswerter Roman, ich habe mich nicht gelangweilt.

 

Das Wunschbüro der Lilith Faramay

 

Fabienne Siegmund: Der Wolkenphönix
Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte und eine phantastische Reise. Adrian hat seine Geliebte verloren, eine Frau, die nicht von dieser Welt war, einen Wolkenphönix, verloren durch den Tod. Aber er hat die Hoffnung, die Verlorene wiederzufinden. Er folgt der Spur aus Murmeln und findet Unterstützung im sonderbaren Geschäft der Madame Mireia Mabel.
Eine traurigschöne Erzählung im unverwechselbaren Stil von Fabienne Siegmund. Eine Reise mit phantastischen Stationen und ungewöhnlichen Begegnungen, Gedanken über Liebe und Tod, den Fleiß von Bienen und eine Melodie, die noch lange nachklingt. Und Fabienne Siegmund wäre nicht Fabienne Siegmund, wenn sie die Zauberreise einfach mit einem platten Happy End entwerten würde ...

 

Judith und Christian Vogt: Schildmaid
Wow! Als mir ein Autorenkollege das Buch, über das er eine Rezension geschrieben hatte, schenkte, dachte ich noch: Naja, Großverlag, das wird irgendwelche Massenware und Fantasy von der Stange sein. Ich musste mich eines Besseren belehren lassen. Und ich habe mich gern belehren lassen.
"Schildmaid" ist ein Roman, der es wagt, literarisch anspruchsvoll zu sein und Ansprüche an den Leser zu stellen, auch und gerade im Fantasy-Genre. Sprachlich widerständig, mit rauem, an alte Sagas erinnerndem Satzbau, herb und doch manchmal lyrisch und mit betont skandinavischer Wortwahl bis hin zur Verwendung von Buchstaben wie Æ oder Ø wehrt sich das Buch gegen allzu flüchtige Überflieger und gibt dem Leser durchaus einige Arbeit auf, die aber reich belohnt wird.
Judith und Christian Vogt erzählen die Geschicke des Drachenboots Skjaldmær, eines Schiffs mit besonderer Geschichte und ungewöhnlicher "Mann"schaft. Denn diese Schildmaid ist ein Boot der Frauen: von seiner Erschafferin und ihren Helferinnen über ihre Besatzung bis hin zu ihren Göttinnen.
Eyvor, die Witwe eines Bootsbauers, hat eine Vision: Sieben Jahre lang arbeitet sie daran, ein eigenes Drachenboot zu bauen. Die Einzelgängerin wird verlacht und verspottet, bald gibt man ihr den Spottnamen Eyvor Untraum. Doch die Frau träumt ihren unmöglichen Traum weiter, den ihr wohl die Göttin Ran eingegeben hat und von dem sie selbst nicht so recht weiß, worauf seine Erfüllung eigentlich hinauslaufen soll. Und die Kunde von der seltsam anderen Frau zieht weitere Außenseiterinnen an. Skade etwa, die den Speer zu führen weiß wie ein Mann und die ihrem Gatten zusammen mit ihren beiden Kindern entflohen ist, weil der gewalttätige Berserker ihnen Gewalt antun wollte. Oder Tinna, die Skaldin, die die alten Sagas und Götterlieder vortragen kann und die Taten der Frauencrew besingen will, obwohl Frauen doch gar nicht Skalde werden können. Oder Herdis Kraka, die Frau mit der Krähe, eine Schamanin, die aufgrund ihres Potentials genau so gut Berserkerin werden könnte wie ihr Bruder, aber eben als Frau dazu nicht taugt. Jägerinnen, Knotenknüpferinnen, eine Schnitzmeisterin, die einen Drachenkopf anfertigen kann, sie alle stoßen nach und nach zu Eyvor. Die ist sich in ihrer Rolle als Kapitänin gar nicht so sicher. Doch als Skades Mann auftaucht und seine Frau zurückfordert, überstürzen sich die Ereignisse, die Schildmaid legt ab und ist plötzlich auf großer Fahrt.
Die Frauen beweisen sich zunächst als große Plünderer, die genau so gut wie männliche Wikinger irische Klöster überfallen können. Doch bald zeigt sich, dass die Göttin Ran einen besonderen Plan hatte, als sie Eyvor ihren "Untraum" sandte. Sollten die Frauen wirklich dazu ausersehen sein, den Weltuntergang, Ragnarök, aufzuhalten oder abzuwehren? Es ist eine sehr weibliche Utopie, die die Crew der Schildmaid antreibt. Während ihre männlichen Konkurrenten sich kein schöneres und ehrenvolleres Schicksal ausmalen können als den Heldentod auf dem Schlachtfeld und das Eingehen ins Kriegerparadies Walhall, haben diese Frauen den Auftrag, die Welt und das Leben zu erhalten ...
Sonderbar. Erst jetzt fällt mir auf, dass in der germanischen Mythologie von den vier Gottheiten, die für Tod und Jenseits zuständig sind, nur ein einziger männlich ist. Die Ertrunkenen landen bei Ran, der Gattin des Meeresgottes Ägir. Die auf dem Strohbett Gestorbenen fahren zur Hel in die Unterwelt. Und von den auf dem Schlachtfeld Gefallenen gehört nur die Hälfte Odin, die andere Hälfte der Gefallenen zieht in Freyas Saal ein ...
Die beiden Autoren haben es geschafft, zahlreiche sehr unterschiedliche Frauenschicksale und Charaktere auf diesem Schiff zu vereinigen. Sehr gelungen ist die Schilderung der verschiedenen Temperamente und ihr Aufeinandertreffen. Und die Darstellung, wie gerade Skade als Stärkste und Kampfbegierigste immer wieder im entscheidenden Moment schwächelt, ist einfach ganz große Kunst, berührend und tragisch.
Fazit: Ein großartiges Buch, das ich jedem ans Herz legen möchte, der etwas mehr von Büchern erwartet als verzehrfertiges Conveniance-Food. Mein Buch des Jahres 2022.

 

Dagmar von Gersdorff: Dich zu lieben kann ich nicht verlernen
Biographie der Sophie Mereau, einer Autorin der Romantik, die heutzutage fast völlig vergessen ist. Bekannt ist sie den meisten, wenn überhaupt, noch als Geliebte und spätere Frau von Clemens Brentano. Sophie Mereau wurde zu Lebzeiten besonders gefeiert für ihre Landschaftslyrik, sie war aber auch Roman-Autorin und Übersetzerin. Die abgedruckten Gedichte sind nicht so ganz mein Fall. Ihren Roman "Amanda und Eduard" würde ich gern mal lesen, vielleicht nächstes Jahr. Sehr gut befreundet war sie mit Schiller, und auch mit Achim von Arnim und Bettina Brentano/von Arnim hat sie sich gut verstanden. Die Ehe mit Clemens muss aber die Hölle gewesen sein wegen seiner geradezu krankhaften besitzergreifenden Eifersucht. Sie starb schließlich aufgrund einer Fehlgeburt.
Die Biographie ist sehr interessant, allerdings wird die Verfasserin manchmal etwas schwülstig und pathetisch. Schön ist, dass sehr viele Originaltexte darin zu lesen sind wie Briefe oder Tagebuchaufzeichnungen. Wobei die Tagebucheinträge oft so verkürzt sind, dass die Biographin sehr viel zum Hintergrund erläutern muss, damit der Leser die knappen Stichwortlisten überhaupt verstehen kann.

 

Ida Spix: Die zerbrochenen Flöten. Jadefisch und Motecuzoma

 

Elke Morlock: Kabbala und Haskala
Ein Buch über eine der schillerndsten Gestalten der jüdischen Aufklärung. Isaak Satanow war ein Gelehrter, der aus dem Ort Satanow in Podolien in der heutigen Ukraine stammte, dort die klassische jüdische Bildung erwarb, Tora und Talmud, aber auch die Kabbala lernte, dann aber nach Berlin kam und zum Kreis der jüdischen Aufklärer in der Nachfolge Moses Mendelssohns stieß. Satanow war Schriftsteller und Philosoph und hatte für die Haskala die besondere Bedeutung, dass er der erste Direktor der Orientalischen Buchdruckerei war, eines Meilensteins in der jüdischen Aufklärung. Denn die Möglichkeit, eigene Bücher drucken und verbreiten zu lassen, konnte für die sich emanzipierenden Juden in Preußen gar nicht hoch genug geschätzt werden.
Satanow war allerdings nicht nur Geisteswissenschaftler, sondern verstand auch viel von Physik, vor allem von der Optik, und konnte meisterhaft altes jüdisches Wissen mit moderner Forschung verbinden, etwa indem er über die Theorie des Diamantenschleifens schrieb und sich zwischen Newton und dem Sefirotbaum der Kabbala geschickt hin und her bewegte.
Der Bezug zur Kabbala, die Herkunft aus dem Osten, vor allem aber die Art, wie er eigene Texte manchmal als vermeintliche neu aufgefundene und von ihm nur übersetzte Manuskripte großer Wissenschaftler der Vergangenheit ausgab, waren dafür verantwortlich, dass Satanow von vielen als ein eher zwielichtiger Charakter betrachtet wurde. Hochgebildet und ein kluger und geschickter Schriftsteller war er aber auf jeden Fall.

 

Nikolai von Michalewsky: Keine Spuren im Sand
Eine Zeitung will eine Supergeschichte haben und engagiert eine Truppe ehemaliger Fremdenlegionäre, um eine im Tschad von Rebellen verschleppte Französin zu befreien. Die Befreiung gelingt zunächst, doch auf der Flucht läuft einiges schief. Befreier und Terroristen liefern sich eine tödliche Verfolgungsjagd, auf beiden Seiten ist der Blutzoll hoch, auch Bewohner eines kleinen Dorfes in der Wüste werden mit in die Auseinandersetzung hineingezogen. Am Ende sind sowohl der begleitende Journalist als auch der Fotograf tot, die komplette Befreiertruppe ist niedergemetzelt bis auf den jüngsten im Team und die Französin. War die Freiheit der Geisel, für die man auch ein Lösegeld hätte zahlen können, wirklich diese Menge an Leichen wert? Die Zeitung jedenfalls zahlt ein hohes Schweigegeld. Sie wird nicht über ihre eigene Aktion berichten.
Der Autor Nikolai von Michalewsky ist wirklich ein Phänomen. Immer wieder schreibt er Bücher, die tragisch enden. Die Helden sind am Ende tot oder schwer in ihrer Seele und ihrem Selbstwertgefühl beschädigt. Haben alles gegeben für ein Ziel, das sich am Ende als sinnlos erwies. Oder eben alles verloren. Und der Autor konnte trotzdem davon leben, er konnte seine Bücher trotzdem verkaufen. Der Zwang zum Happy End scheint ein Mythos ...

 

Jostein Gaarder: 2084. Noras Welt
Nora, ein Kind unserer Zeit, steht kurz vor ihrem 16. Geburtstag und macht sich darüber Gedanken, wie die Welt im Jahr 2084 aussehen wird. In mehreren Träumen begegnet sie ihrer Urenkelin Nova. Nora ist klar, dass sie jetzt und heute handeln muss, wenn sie Nova ein Leben in einer halbwegs bewohnbaren Welt ermöglichen will. Doch was soll sie tun? Zusammen mit ihrem Freund Jonas entwickelt sie eine Idee, wie man die Menschen dazu bringen kann, sich mehr für die Umwelt zu engagieren. Es soll an den Spieltrieb der Menschen appellieren. Wer Tiger liebt, soll in der Tiger-Lotterie spielen und mit seinem Geldeinsatz Schutzgebiete für den Tiger finanzieren. Wer Blattläuse liebt, dem steht die Blattlaus-Lotterie zur Verfügung. Da aber alles miteinander verbunden ist, wird durch einen Schutz der Tiger-Lebensräume automatisch auch der Lebensraum anderer Tierarten mit geschützt, und am Ende profitiert auch die Blattlaus.
Eine interessante Idee, vielleicht noch nicht ganz ausgereift, aber ein Ansatz, über den man nachdenken kann. Auch wenn Nora noch ein ganz anderes vielversprechendes Eisen im Feuer hat, um die Welt zu fretten: ein magisches Familiengeheimnis ...

 

Benjamin Myers: Offene See
England, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Der junge Robert, der aus einer Bergarbeiterfamilie stammt, soll nach der Schule ebenfalls einen Job im Bergbau annehmen. Doch zuvor will er noch das Meer sehen. Er begibt sich auf die Wanderschaft, nimmt ab und zu Arbeiten als Tagelöhner an, um sich zu ernähren, und findet schließlich ein einsames Haus, in dem eine exzentrische ältere Dame lebt. Die beiden freunden sich an, er übernimmt Arbeiten im Garten und repariert das baufällige Gartenhaus, sie öffnet ihm dafür die Welt der Kunst, Kultur und Literatur. Als er im Gartenhaus das Manuskript eines Lyrikbandes findet, ist er tief berührt, doch sie weigert sich lange Zeit, es zu lesen. Es sind die Verse ihrer besten Freundin, deren Tod sie nie verwinden konnte. Dann, endlich, entdecken sie die Gedichte der Verstorbenen gemeinsam ...
Klingt so in der Beschreibung ganz nett, ist aber insgesamt ein eher nichtssagendes Buch. Gewollt tiefsinnig, aber es hat keine Tiefe. Vollkommen verzichtbar. Das zweit-unbefriedigendste Buch des Jahres.

 

Katja Etzkorn: Tlingit Moon

 

Ju Honisch: Schwingen aus Stein
In der Geheimgesellschaft Aroria sind drei wertvolle magische Bücher verschwunden. Ein Bruder und ein Schüler werden ausgesandt, um die Schriften wieder zu finden. Allerdings gibt es so gut wie keine Anhaltspunkte.
Gleichzeitig ist eine junge Gouvernante mit ihrer Schülerin auf der Flucht. Das Mädchen ist Waise und hat manchmal seltsame Anfälle. Eine kirchliche Organisation, die Bruderschaft des Lichts, will das Mädchen in ihre Gewalt bringen, denn sie wittern in dem Kind etwas "Böses". Was sie mit der Kleinen vorhaben, ist jedenfalls nichts Gutes. Die Frau und das Mädchen geraten in höchste Gefahr. Doch ein geheimnisvoller Vogelmann hilft ihnen. Zu einem Preis, den die Gouvernante zunächst noch gar nicht einschätzen kann. Und dann ist da auch noch ein sympathischer junger Mann, der die beiden beschützen will. Nur, dass der Mann nicht ganz harmlos ist, er hat etwas Wolfsartiges an sich.
Die Geschichte ist superspannend, sprachlich sehr schön, lässt sich gut lesen, hat Tiefgang und Humor gleichermaßen und hat mir sehr gut gefallen.
Einen halben Punkt Abzug gebe ich für den preußischen Bösewicht. Dessen Schurkerei ist mir ein wenig zu dünn motiviert. Nur wegen seiner Geilheit einen solchen Aufriss zu machen und sich mit Kräften anzulegen, die denen eines gewöhnlichen Sterblichen weit überlegen sind, scheint mir doch ein wenig zu hirnlos, um ein erfolgreicher Schurke zu sein.

 

Friedrich Nikolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker (Reclam)
Satirischer Roman aus der Zeit der Spätaufklärung, verfasst von einem der wichtigsten Berliner Aufklärer und Verleger, einem guten Freund von Lessing und Mendelssohn zudem. Der Untertitel spielt natürlich auf Tristram Shandy an, und dem guten Sebaldus Nothanker wird ähnlich übel mitgespielt wie dem Helden Sternes, nur dass Nikolai nicht zum Abschweifen neigt und eher nüchtern, knapp und unsentimental erzählt.
Der Roman setzt betont lange nach dem Punkt an, an dem andere Romane enden. Es geht nicht um die Hochzeit des Helden als Schlusspunkt. Sebaldus Nothanker ist Dorfgeistlicher, schon lange verheiratet und inzwischen dreifacher Vater. Er ist ein liebevoller und fürsorglicher Hirte seiner Gemeinde, hat allerdings zwei theologische Schwächen: Zum einen liebt er die Apokalypse, über die er eine wissenschaftliche Abhandlung verfasst, zum anderen ist er der Überzeugung, dass aufgrund der grenzenlosen Güte Gottes die ewige Verdammnis nicht ewig sein kann, sondern dass Gott irgendwann auch den schlimmsten Sünder begnadigen wird. Vor allem letzteres bringt ihn im Verlauf des Romans immer wieder in Konflikt mit seinen Vorgesetzten.
Nothanker ist gut etabliert in seiner Gemeinde und alles scheint sicher und in Ordnung, als seine Frau in einem Buch etwas über die Großartigkeit des Heldentods für das Vaterland liest. Sie liegt ihm so lange in den Ohren, er möge doch eine Predigt über dieses Thema halten, bis er sich irgendwann dazu durchringt und in der Kirche ein Loblied auf den Tod fürs Vaterland singt. Mit der Folge, dass sich zehn Landeskinder sofort zu einem Werber begeben und in die Armee eintreten. Zehn Landeskinder, die Nothankers Provinzfürst als Untertanen und Arbeitskräfte verloren hat. Sebaldus wird von seinen Kirchenoberen zur Rechenschaft gezogen, kommt in seiner Rechtfertigung fatalerweise auf die unendliche Güte Gottes zu sprechen und offenbart dadurch eine eklatant von der Protestantischen Lehrmeinung abweichende Ansicht. Widerrufen will er nicht, also verliert er seine Pfarrstelle. Sein Nachfolger wirft ihn und seine Familie erbarmungslos aus dem Pfarrhaus raus. Woraufhin Sebaldus' Frau und das neugeborene Kind schwer erkranken und schnell sterben.
Sedbaldus' Sohn geht unter falschem Namen zu den Soldaten, seine Tochter soll als Französischlehrerin und Kinderbetreuerin zu einer reichen Familie geschickt werden. Ein Freund der Familie - der Buchhändler und Verleger, der Sebaldus' Frau mit der fatalen Schrift über den Heldentod verkauft hat - vermittelt ihr die Stelle und rät ihr, sich als Französin auszugeben und ebenfalls einen neuen Namen anzunehmen. Nothanker bekommt zunächst einen Job in einer Druckerei als Korrektor.
Die nun folgende Geschichte lässt Nothanker immer wieder über seine Vorstellungen über Gottes Güte stolpern. Jedesmal, wenn er eine halbwegs ordentliche Stelle bekommen hat, gerät er mit der Geistlichkeit aneinander, die nach einer Prüfung seiner Ansichten für seine Entlassung sorgt. Doch er findet auch Unterstützer. Neben dem Buchhändler setzt sich vor allem ein Major für Sebaldus ein, der ihm sehr dankbar ist, da er durch ihn zehn Soldaten gewonnen hat. EIn treuer und redlicher Mensch, einfachen Gemüts und voller geradliniger Soldatentugend, der sich schließlich sogar für Nothanker duelliert - mit tödlichem Ausgang ...
Auch für Sebaldus' Tochter geht es auf und ab. Sie ist sehr schön, weckt Begehrlichkeiten bei Männern, die mit dem Titel Arschloch noch zu gut bedient sind, wird entführt, gerät mit ihren Arbeitgebern wegen deren Selbstsucht und Arroganz aneinander, verliebt sich, wird jedoch von ihrem Geliebten getrennt, und das nicht nur durch Standesunterschiede. Erst nach langen Irrungen und Wirrungen findet die Familie wieder zusammen. Und Nikolai kann es sich nicht verkneifen, seinen Helden auch noch in der Lotterie gewinnen zu lassen ...
Das Buch ist trotz seines Alters - es erschien in den Jahren 1773 bis 1776 - ausgesprochen flüssig lesen und ist ein echter Pageturner. Hat mir sehr viel Spaß gemacht. Auch wenn man praktisch auf jeder Seite rufen möchte: "Tu's nicht, Sebaldus!" Sehr schön.

 

Salomon Maimons Lebensgeschichte. Von ihm selbst erzählt
Eine der ersten jüdischen Autobiographien in deutscher Sprache, wie der Klappentext hervorhebt. Damals wurde das Buch von Karl Philipp Moritz herausgegeben.
Salomon Maimon war neben Isaak Satanow die zweite große schillernde Persönlichkeit im Kreise der Haskala-Gelehrten. Mit Satanow hat er auch durch seine Herkunft aus dem Osten und durch seine Kenntnisse der Kabbala einige Gemeinsamkeiten. Salomon Maimon war klassischer Talmudgelehrter. Seinen Nachnamen wählte er nach dem berühmten Moses Ben Maimon / Maimonides, Verfasser des "Führers der Unschlüssigen".
Die Lebensgeschichte dieses Gelehrten liest sich wie ein Roman der Aufklärung oder Klassik. Sie ist reich an Standardsituationen des Romans aus dem 18. Jahrhundert, und wer nicht weiß, dass es eine Autobiographie ist, könnte es glatt für ein literarisches Werk halten. Wer zeitgleich den "Sebaldus Nothanker" liest, wie ich es getan habe, kommt aus dem Wiedererkennen und Staunen kaum heraus. Da ist die Geschichte vom jungen Mann, der sich Bücher verschaffen will. Der autodidaktisch Deutsch lernt, der von Wissensdurst angetrieben wird. Da ist seine Entführung, als eine Frau ihn unbedingt mit ihrer Tochter verheiraten will. Da sind der Hunger und die Armut, und vor allem auch die Begegnung mit Heuchlern und herrschsüchtigen Obrigkeiten in der eigenen Religionsgemeinschaft, die Abweichler streng bestrafen. Nur dass Maimon, anders als Nothanker, nicht das stille Opfer ist, er fetzt manchmal bissig und sarkastisch zurück.
Legendär ist seine Diskussion mit dem Hamburger Oberrabbiner, bei der letzterer immer unwilliger wurde und schließlich auf einen "Schoffer" (Schofar) deutet, der auf dem Tisch liegt. Das Horn, "worin als Ermahnung zur Buße am Neujahrsfest in der Synagoge geblasen wird und vor dem sich der Teufel ganz abscheulich fürchten soll". Der Oberrabbiner fragt drohend, ob er wisse, was das sei. Darauf Maimon lakonisch: "O ja! Es ist das Horn von einem Bock."
Dass Maimon ein scharfer und präziser Denker war, musste sogar Kant anerkennen. Dessen "Kritik der reinen Vernunft" hatte Maimon nämlich analysiert und darin einige Schwachstellen aufgedeckt. Von Kant gibt es einen längeren Brief dazu an Maimon. Er war einer der wenigen, dessen Kritik der Königsberger Philosoph anerkannte ...
Eine unheimlich spannende Biografie, die ich jedem ans Herz legen möchte, der sich mit der jüdischen Aufklärung befasst.

 

Samuel Pepys: Tagebuch (Reclam)
Samuel Pepys war britischer Beamter, Sekretär im Schatzamt, dann im Flottenamt. Sein Tagebuch führte er in den Jahren 1660 bis 1669, in einer sehr bewegten Zeit. Es ist die Zeit des Krieges mit Holland, der Pest, des großen Brandes von London. Sein Tagebuch ist eines der frühesten Beispiele für private, persönliche Aufzeichnungen und nicht für die durchaus üblichen dienstlichen Notizen über für die entsprechenden Fachbereiche wichtigen Ereignisse. Pepys kommentiert die großen zeitgeschichtlichen Begebenheiten, aber auch Theateraufführungen, seine Gesundheit und seine sexuellen Eskapaden.
Witzig, boshaft und zynisch sind seine Bemerkungen etwa zu einer Romeo-und-Julia-Aufführung: "Das schlechteste Stück, das ich je gesehen habe, dazu schauderhaft gespielt. Habe beschlossen, nie wieder in eine Premiere zu gehen, weil die Schauspieler dauernd ihren Text vergessen." Über seine Teilnahme an Hinrichtungen ist unter anderem zu lesen: "Nach Charing Cross, um zuzuschauen, wie Major Harrison gehängt, ausgedärmt und gevierteilt wurde. Er sah sehr vergnügt dabei aus."
Pepys führt peinlich genau Buch über seine Fürze, seinen Stuhlgang und seinen Kontostand. Und jedes Jahr feiert er gleich einem zweiten Geburtstag den Jahrestag seiner gelungenen Gallenstein-Operation.
Man erfährt viel über den Zustand der Flotte und über die Gesellschaft in London. Darüber, welcher Adlige ihm gewogen ist und wer ihm zulächelt. Darüber, wann er wo welche Frauen angefasst hat und wie er sich mit ihnen vergnügte. Und darüber, wie er kochend vor Eifersucht seine Frau beobachtet und beispielsweise ihren Tanzlehrer entlässt aus Argwohn, sie hätte etwas mit dem Mann am Laufen. Als er vorübergehend seine Schwester bei sich aufnimmt, muss sie am Gesindetisch essen - damit sie gar nicht erst anfängt, sich irgendetwas von ihm zu erhoffen.
Alles in allem ein ziemliches Arschloch. Aber sein Tagebuch ist eine wichtige Quelle für alles, was sich damals in London ereignete. Und es ist einfach verdammt amüsant zu lesen.

 

Thomas Heidemann: Feuersturm. Das McGreegga-Armageddon
Die Feuersturm-Crew ist wieder da und hat ihren ersten eigenen Roman. Das Raumschiff "Feuersturm", das nach einem Meteoritensturm oder Ähnlichem ein U und ein M aus dem Namenszug am Bug verloren hat, heißt eigentlich laut Schiffspapieren "Fe erstur". Denn es war billiger, den Namen zu ändern, als ein neues Schild malen zu lassen, klar.
Bekannt sind das Raumschiff und seine Mannschaft, eine liebenswürdige und absolut irrsinnige Chaotentruppe, einigen Lesern bereits aus mehreren Kurzgeschichten in den Anthologien des Leseratten-Verlags. Jetzt also die erste eigenständige Veröffentlichung, Und der Autor Thomas Heidemann zieht wahrhaftig alle Register des gehobenen Weltraum-Irrsinns. Die Inspiration durch Douglas Adams kann und will er dabei nicht verleugnen, es wäre aber auch ohne die ausdrückliche Erwähnung im Vorwort kaum übersehen worden. Nur, dass diese Crew noch ein bisschen durchgeschepperter ist als der durchschnittliche Anhalter.
Vizekapitän Armistead Bad Axe McGregga, den nur extrem böswillige Zeitgenossen mit seinem alten uncoolen Namen Shlomo Sorgsam anreden, begreift gar nicht so recht, wie ihm geschieht, als ihm Angehörige einer fremden Zivilisation vom Planeten Mi einen besonderen Ring überreichen. Das seltsame Schmuckstück ist ein mächtiges Artefakt, mit dem man sich in der Zeit zurückbewegen und Ereignisse verändern kann. Ein Hilfsmittel, das McGregga bald bitter nötig hat. Denn nur wenig später jagt er versehentlich seinen Heimatplaneten, die Erde, in die Luft. Was folgt, ist eine schräge Abfolge von Verfolgungsjagden, Stunts, Zeitsprüngen, Schießereien, Sprüchen und Metal-Musik. Und wenn dann noch eine die Kapitänin Sazqua mit ihrer alles erschlagenden Oberweite, ein schwer bewaffnetes Mini-Küken mit lockerem Schnabel und eine fleischfressende Pflanze namens Audrey III mitmischen, ist das Chaos nicht mehr aufzuhalten ...
Ein Heidenspaß für die Fans abgedrehter Science-Fiction-Parodien. Etwas schade ist jedoch, dass die bisher erschienenen Kurzgeschichten aus den Leseratten-Anthologien nicht mit abgedruckt wurden. Für Neueinsteiger sind gewisse "Ostereier", die Heidemann versteckte, nicht zu finden, und das ist traurig. Die Vorgeschichte(n) wären sicher auch für neue Fans interessant, etwa die Motivation der Kapitänin der "Axetöter", deren Ziel im Namens ihres Raumschiffs bereits deutlich ausgedrückt ist. Wobei natürlich auch die Anthologien kaufenswert sind.

 

Brita Rose-Billert: Der Tanz des Falken
Ich habe vor ein paar Jahren das Buch "Das Geheimnis des Falken" gelesen. "Der Tanz des Falken" ist der erste Teil der Serie, zu der es inzwischen noch mehr Bände gibt.
Erzählt wird die Geschichte eines Lakota-Indianers, der zur US-Armee geht, um dort Geld für die Farm seiner Familie zu verdienen. Ryan Spirit Hawk muss sich gegen einige weiße Mitrekruten durchsetzen, freundet sich mit einem bärenhaften Mechaniker an und wird, da er ein Super-Fahrer ist, bald zum Chauffeur eines Generals. Mit diesem kommt er sehr gut klar. Doch als dessen Dienstzeit endet, gerät er an einen ziemlich miesen Uniformträger, wird obendrein in eine Falle gelockt, bei der der Geheimdienst einen Zeugen verschwinden lassen will, steht plötzlich zu unrecht als Schuldiger da und wird unehrenhaft aus der Armee entlassen. Es folgen eine Karriere als Kopfgeldjäger, schließlich ein Neustart als Rennfahrer.
Ein sehr spannender Roman, mir hat ja bereits der andere Band gefallen. Negativ lässt sich allenfalls anmerken, dass die einzelnen Lebensstationen sehr abgehackt aufeinander folgen. Es sind eigentlich vier Kurzromane statt eines langen, insofern hat man auch nicht einen durchgehenden Spannungsbogen, sondern drei bis vier Kurzbögen. Aber das schadet nicht wirklich, mir hat's trotzdem Spaß gemacht. Und ich werde mir demnächst mal die weiteren Romane über Ryan Spirit Hawk anschaun.

 

Salman Rushdie: Die satanischen Verse
Ein Buch, das ich schon ziemlich lange auf meiner To-do-Liste habe. Jetzt habe ich, auch wegen des Attentats auf den Autor, es endlich wahr gemacht. Das musste jetzt mal sein.
Zunächst: Es ist keine ganz leichte Kost. Es ist ein ziemlich dicker Wälzer, und man braucht als Leser schon einige Zeit, um in die Geschichte hinein zu kommen. Die Handlung ist ziemlich verwickelt, spielt auf mehreren Zeit- und Realitätsebenen und hat für den europäischen Durchschnittsleser mit ihren indischen und arabischen Bezügen schon einige Arbeitsaufgaben parat. Hilfreich ist das Glossar im Anhang.
Ausgesprochen ärgerlich finde ich die vielen Deutschfehler und sprachlichen Grenzwertigkeiten in dem Buch. Bei einem Großverlag eines internationalen Autors kann man schon erwarten, dass die Übersetzer, Lektoren und Korrekturleser eine Ahnung von der deutschen Sprache haben. Wenn ich lese, dass eine Frau "gebärte", dann kriege ich fast selbst Wehen. Gnarf.
Worum geht es? Rushdie erzählt die Geschichte zweier indischer Schauspieler, die zu Beginn des Buchs mit einem Flugzeug abstürzen. Auf wundersame Weise überleben sie jedoch, wobei der eine nach und nach die Züge und den Charakter eines Erzengels annimmt, während der andere sich gegen seinen Willen in einen bocksfüßigen Teufel verwandelt. Der Engel ist es denn auch, der Mohammed die legendären "satanischen Verse" eingibt, die später aus dem Koran getilgt werden.
Rushdie ist vorsichtig. Er lässt die Episode mit den Versen in doppelter, ja dreifacher Brechung spiegeln, verleiht ihr eine durch mehrfache Realitätsebenen gebrochene Unwirklichkeit. Das Ganze spielt in der halbirrealen Welt nach dem Flugzeugabsturz. Es kommt zunächst daher wie ein historischer Roman. Mohammed wird vom Oberhaupt der Mekkaner angegangen, ob er nicht bei seinem radikalen Monotheismus eine Ausnahme machen könne und die drei für Mekka so unendlich wichtigen Kulte der Göttinnen Al-Lat, Uzza und Manat erhalten. Dafür wird ihm Macht und Einfluss und eine problemlose Übernahme der Stadt versprochen. Vielleicht lässt Mohammed sich auf den Deal ein und verkündet aus staatsmännischer Berechnung, Al-Lat, Uzza und Manat seien "edle Vögel", und ihre Fürbitten seien nicht vergebens. Vielleicht hat er tatsächlich eine Vision, die ihm diese Worte in den Mund legt. Klar ist nur, dass seine Anhänger, allesamt überzeugte Monotheisten, maulen und den Aufstand proben. Daraufhin geht Mohammed erneut auf den Berg und kommt mit der Botschaft zurück: Dies seien Verse gewesen, die ihm nicht der Erzengel Gibril eingegeben hat, sondern sie seien vom Satan gekommen. Und er verkündet die Neufassung der Sure.
Diese Geschichte, die zunächst nur in Prosa erzählt wird, wird gleichzeitig von dem Schauspieler Gibril, einem der beiden Abgestürzten, wie in einer eigenen Vision mitempfunden. Wobei er selbst sich in einer Art Doppelrolle wiederfindet, gleichzeitig als Erzengel und als Mohammed, der mit dem Erzengel, also er selbst mit sich selbst, verschmilzt. Zu allem Überfluss wird später auch noch gesagt, es handele sich um ein Drehbuch für einen religiösen Film.
Trotzdem reichte bereits die Erwähnung, die literarische Bearbeitung, aus, um einen islamischen Geistlichen dazu zu bringen, die Fatwa gegen Rushdie auszusprechen.
Ich muss gestehen, als ich vor einigen Jahren den Koran las, war die satanische Stelle für mich zwar interessant, eine spannende Anekdote und ein Blick in den historisch-kritischen Apparat des Koran. Die Sprengkraft dieser Stelle war mir damals noch überhaupt nicht klar, und ich begann erst jetzt bei der Rushdie-Lektüre, sie zu ahnen.
Diese kleine Ecke ist die große Achillesferse des Koran. Wenn man bei diesen Versen zugeben musste, dass da etwas mit der Offenbarung nicht ganz astrein war, dann darf man an jeder anderen Sure auch mal ganz vorsichtig anklopfen und fragen: Na, war das hier wirklich der Erzengel, der dir das eingegeben hat? Oder war's vielleicht doch der Teufel, und du hast es nur diesmal nicht gemerkt? Letzten Endes kann aber auch tatsächlich der ganz große Sündenfall des Mohammed dahinterstecken. Nach menschlichem Ermessen sogar bestimmt. Denn das hieße, dass Mohammed aus macht- und bündnispolitischem Kalkül selbst die Botschaft gefälscht hat ...
Ich will nicht sagen, dass ich die Fatwa für gerechtfertigt halte. Aber dass der eine oder andere Geistliche da austickt und Schaum vor dem Mund hat, erscheint mir logisch. Das war ja im Christentum auch so, als die Reformatoren ihre kritischen Thesen nicht mehr auf Latein in einem kanalisierten Wissenschaftsbetrieb veröffentlichten, sondern auf Deutsch, wo es jeder lesen konnte. Ähnlich ist das hier, wenn Rushdie sich in der Sprache der Belletristik mit Millionenauflage einem Thema widmet, das fromme Muslime lieber unter der Decke gehalten hätten.

 

Erik Fosnes Hansen: Ein Hummerleben
Nichtssagend, verzichtbar, verschwendete Lebenszeit. Die Geschichte plätschert eben so dahin. Der Ansatz ist ja nicht schlecht. Es geht um den Niedergang eines Nobelhotels und um die Suche des Hoteliers-Enkels nach Spuren seiner verschwundenen Mutter. Aber es bleibt alles seicht, trotz einiger Szenen, die dramatisch hätten sein können. Es gibt exakt eine wirklich aufregende Stelle in dem Buch, und zwar auf der viertletzten Seite. Aber der extrem grelle Schockeffekt wird bereits im nächsten Absatz widerrufen. Nee, es ist absolut nichts los mit diesem Buch, Finger weg davon.

 

Athenaios von Naukratis: Das Gelehrtenmahl
Athenaios gehört zu den Vertretern der so genannten "Buntschriftstellerei". Eine Literaturgattung, deren Werke gekennzeichnet sind durch die Aneinanderreihung von kürzeren Erzählungen, Anekdoten und "Wusstest du schon?"-Texten. Titelgebend war eine Sammlung von Älian, die "Bunte Geschichten hieß" und die ich im Dezember las. Die Buntschriftstellerei begann in der römischen Kaiserzeit. Sie war aber auch im Mittelalter sehr beliebt. Also, salopp formuliert: Es ist eine Sammlung von Kurztexten, die mal mehr, mal weniger zusammenhängen und die den Leser amüsieren sollen. Einen Gesamtspannungsbogen gibt es nicht, aber Athenaios hat für seine Sammlung eine Rahmenhandlung und gliedert sie nach Büchern. Es geht darum, dass sich eine Reihe Gelehrter zu einem Gastmahl treffen und sich über alles mögliche unterhalten. Über bestimmte Gerichte, über Tischsitten, über Luxus, freigebige Herrscher, Verschwender, schöne Frauen, bedeutende Kunstwerke, fremde Völker und so weiter.
Der vorliegende Band, den ich antiquarisch erhielt, stammt aus der Sammlung Dieterich und erschien im Jahr 1985. Es handelt sich um eine Auswahl und - wie es die Übersetzer im Nachwort für sich in Anspruch nehmen - um die erste Athenaios-Übersetzung in deutscher Sprache.
Der ganze Athenaios ist so umfangreich, dass er einen Leser durchaus erschlagen kann. Ich hatte im Studium mal ein Erinna-Zitat aus dem Gelehrtenmal gesucht und erinnere mich noch mit einigem Respekt an die griechisch-englische Ausgabe in der Anglisten-Bibliothek der Uni Hannover. Irgendwie spukt mir im Kopf herum, dass es 40 Bände im Regal waren. Jetzt, bei der Nachsuche im Bibliothekskatalog, fand ich nur eine siebenbändige Ausgabe. Jedenfalls war es ein langes Regal voll. Angeschafft hatte ich mir die Dieterichs-Ausgabe übrigens auch wegen des Erinna-Zitats. Aber gerade die Stelle war nicht drin.
Insgesamt ein sehr amüsant zu lesendes Buch. Vielleicht für zwischendurch im Bus oder Zug oder auch auf dem Klo geeignet. In der Gesamtheit etwas, das eher ein buntes Rauschen im Gehirn erzeugt aber keinen bleibenden Eindruck. Insgesamt aber eine reiche sprudelnde Quelle, denn fast jeder, der in der Antike mal etwas gesagt oder getan hat, ist hier erwähnt. Insofern auch ein Buch, das ein Register braucht und das man immer wieder zum Nachschlagen benutzen kann, nur nicht unbedingt zum Lesen im Zusammenhang geeignet.

 

Torquato Tasso: Befreites Jerusalem (Reclam)
Eine uralte zerfledederte und geklebte Reclam-Ausgabe. Keine Jahresangabe, aber es ist aus der Zeit, als die Reclamhefte ein blassbraunes Design und eine Säule auf dem Titel hatten. Also aus der ersten Zeit ab 1887. Frakturgedruckt und etwas schwülstig in der Übersetzung (J. D. Gries), aber in Versen und gereimt. Im hinteren Bereich waren ein paar Seiten noch nicht aufgeschnitten.
Tja, wie ist es? Man merkt schon, dass Tasso nicht Homer ist. Wo jener mit urwüchsiger, mythischer Power einfach aus sich selbst heraus spricht, ist das hier ein zierliches Kulturpflänzchen, das schöne Verse macht und christlich-höflisch daherkommt. Man braucht einige Zeit, um hineinzukommen. Es geht um Gottfried von Bouillon und seine Kreuzfahrer, die vor Jerusalem lagern und die Stadt von den Heiden befreien wollen. Nach und nach gewinnen die Helden und Heldinnen an Kontur. Und es stimmt nicht, dass Christen nicht tragisch sein können.
Was auffallend ist: Beim Lesen habe ich verstanden, warum Goethe in seinem Tasso den Dichter als einen Liebling der Frauen dargestellt hat. Ich habe noch nie ein Schlachtengemälde gelesen, in dem so viele unterschiedliche und sorgfältig ausgestaltete weibliche Figuren vorkommen. Und das nicht nur als Nebenhandlung.
Getragen wird das Ganze vor allem von Clorinde, der jungfräulichen Amazonenriegerin, und Armida, einer sarazenischen Zauberin, die dem christlichen Heer schwer zu schaffen machen. Aber auch die fromme Christin Sofronia, die in Jerusalem beinahe den Märtyrertod erlitten hätte, und Erminia, die aus Liebe zum Christenritter Tancred in Clorindes Rüstung aus Jerusalem flieht, sind hier zu nennen. Fast alle sind in Tankred verliebt (ich auch ein wenig), nur zwischen Armida und Rinaldo knistert es auch.
Ein bisschen anstrengend, aber nicht schlecht. Und lesbarer als der "Rasende Roland" ist es auf jeden Fall.

 

Weitere Jahresrückblicke
Teil I: Januar bis März 2022

Teil II: April bis Juni 2022
Teil III: Juli bis Oktober 2022
Teil V: Dezember 2022

 

© Petra Hartmann




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Jahresrückblick III: Juli bis Oktober 2022

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 30 Dezember 2022 · 1.003 Aufrufe
Jahresrückblick

Teil drei meines Lese-Jahresrückblicks auf 2022. Diese Monate wurden beherrscht von Enid Blyton, der großen alten Dame der britischen Kinderliteratur. Ich habe mir die zweite Hälfte meiner "Fünf-Freunde"-Gesamtausgabe reingezogen, die erste Hälfte war ja im Vorjahr dran gewesen. Ansonsten gab es zwei Bücher über Sprachen, dazu bulgarische Science-Fiction, Phantastik und irische und schottische Sagen, zwei Comicalben, etwas aus Goslar und ein bisschen was auf die Ohren.
Und: Bitte nicht wundern. Mein Lese-Jahresrückblick hat im dritten Quartal vier Monate. Das liegt daran, dass ich im November/Dezember wieder einen exzessiven Leseurlaub gemacht habe, und dadurch wird Teil IV vermutlich wieder die Kapazitäten für Blogeinträge sprengen ...

 

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

 

Juli

 

Martin Krueger, Robert Götzenberger: Indigene Sprachen Nordamerikas

 

Gerhard Ludwig: Geschichten vom Hotzenplotz
Der Autor ist Goslarer. Ich las das Buch für die Goslarsche Zeitung und habe diesen Artikel darüber geschrieben:
https://www.goslarsc...id,2592604.html

 

August

 

Nicole Rensmann: Gewebewelten (e)
Ich muss gestehen, ich habe der Autorin bitter Unrecht getan. Aber warum gibt sie dem Buch auch so einen ekligen Titel? Irgendwie habe ich mit "Gewebewelten" automatisch die "Körperwelten" von Gunther von Hagens assoziiert und irgendwelches widerliches Zeug über plastiniertes Fett- und Bindegewebe, in Spiritus eingelegte Muskelstränge und Hautproben unter Glas erwartet. Das ist natürlich alles Quatsch. Das Gewebe, um das es hier geht, ist einfach nur ein Teppich, in dem vier Schüler versinken. Das heißt: "einfach nur" natürlich nicht, es ist ein phantastisches Abenteuer, und demzufolge ist der Teppich auch ein magischer Teppich. Bei einer Aufräum-Aktion in der Schule geraten zwei Jungen und zwei Mädchen in den Bann ebenjenes Teppichs, der Menschen dazu zwingen kann, die Wahrheit zu sagen. Sie werden ins Gewebe hineingesogen und geraten in eine andere Welt - eine sehr gefährliche Welt, zumal darin ein seltsamer Zauberer lebt, der von den Handlangern des Todes verfolgt wird. Aber noch tausendmal gefährlicher als die Handlanger des Todes sind die inneren Dämonen, denen sich jeder der vier Jugendlichen stellen muss. Und die zwischenmenschlichen Abgründe. Denn es handelt sich bei den vieren um alles andere als um gute Freunde. Und zumindest ein Mitglied der Truppe ist ziemlich widerwärtig. Genau so widerwärtig wie plastiniertes Bindegewebe ...

 

Enid Blyton: Fünf Freunde jagen die Entführer
Die erste Hälfte der Fünf-Freunde-Gesamtausgabe hatte ich im vergangenen Jahr gelesen, jetzt fing ich die zweite Hälfte an. In "Fünf Freunde jagen die Entführer" geht es um Berta, die Tochter eines Wissenschaftlers, der mit Georges Vater befreundet ist. Verbrecher planen, das Mädchen zu entführen, um den Vater zu erpressen. Das Mädchen soll daher bei Georges Eltern bleiben, wo die Entführer es nicht vermuten. Bei George fällt Berta allerdings sofort in Ungnade, da sie einen eigenen Hund besitzt, den Pudel Sally. Noch schlimmere Eifersucht empfindet George, die doch so gern ein Junge sein würde, als Berta nun ebenfalls Jungenkleidung tragen soll und das Haar kurz geschnitten bekommt. Arme George, immer wieder trifft sie auf Mädchen, die wesentlich besser Junge spielen können als sie. Als die Entführer, die Bertas Aufenthaltsort dann doch herausbekommen, das Mädchen entführen wollen, ist es nicht Berta, sondern George, die sie mitnehmen. Und nun hat George ihre Gelegenheit zum Heldentum. Sie hält eisern den Mund und klärt die Verwechslung nicht auf. Indessen machen sich die Freunde auf die Suche nach ihrer verschwundenen Freundin. Und sie erhalten dabei tatkräftige Unterstützung durch noch ein Jungen-Mädchen: Ihre alte Freundin Jo, die in dieser Übersetzung noch als Zigeunermädchen bezeichnet wird (in neueren Fassungen soll von "Landfahrern" die Rede sein, habe ich gelesen).

 

Enid Blyton: Fünf Freunde verfolgen die Strandräuber
Diesmal gehen die fünf Freunde auf die Reise nach Cornwall. Die Landschaft ist schön, nur der Junge Jan, der sich an ihre Fersen heftet, ist ziemlich nervig. Doch er kennt einen geheimen Weg an die Küste, und sein Großvater kann eine Menge Geschichten erzählen über die alten Schmuggler und Wrackplünderer in dieser Gegend. Von ihm erhalten sie auch eine Führung durch die Höhlen an der Küste - sehr zum Ärger der "Scheuner", Mitglieder einer Asi-Familie, die die Höhlenführungen als ihr Monopol beansprucht. Denn die Scheuner sind auf der Suche nach einem Schatz, der darin versteckt sein soll. Ratet mal, wer den Schatz findet. Tipp: Es sind nicht die Scheuner.

 

Hal Forster: Prinz Eisenherz. Band 10, Jahrgang 1955/1956. (Bocola)
Dieser Zweijahresband schildert die Rückkehr Eisenherz' und Aletas von den Nebelinseln nach Thule. Ein wichtiger Teil ist die Reise vom Schwarzen Meer über Dnjepr und Düna nordwärts, wobei die Schiffe auch oft über Land getragen werden müssen. Eisenherz und seine Begleiter hatten sich für diese Strecke entschieden, da die Seereise über das Mittelmeer als unsicher galt, dort war ein Zusammentreffen mit Piraten zu befürchten. Der Landweg entpuppt sich allerdings als ebenfalls ziemlich gefährlich. Die Reisenden treffen auf allerlei feindselige oder zumindest zwielichtige Völkerschaften. Immer wieder müssen sie Kämpfe bestehen, einmal wird Aleta entführt, und bei der Begegnung mit einem Wildrind - es wird als Auerochse bezeichnet, sieht jedoch einem Wisent ziemlich ähnlich - wird Eisenherz so schwer verletzt, dass er eine Zeitlang nicht kämpfen kann und an Krücken geht. Forster nutzt diese Zeit, um den außer Gefecht gesetzten Prinzen mal wieder seine alten Abenteuer erzählen zu lassen, diesmal für Arn, der mehr über das Leben als Ritter wissen will. Im Vorwort wird das sehr nett erklärt damit, dass die Serie ja auf ihren 20. Geburtstag zusteuerte und dass der Autor die Chance nutzte, um neue Fans, die die alten Geschichten nicht mehr kannten, neu abzuholen. Tja, ich mag es trotzdem nicht und bin ziemlich enttäuscht, den alten Scheiß mit neuer Begründung nochmal serviert zu bekommen. Wenn auch die Geschichte mit dem Dämonenspuk und der Entenmaske zu meinen Lieblingsepisoden gehört. Sehr gelungen dagegen die Darstellung der verschiedenen Stämme und Völker, denen die Reisenden begegnen. Und später reißt der Autor optisch einiges wieder raus durch die eindrucksvollen Landschaften aus Eis und Schnee, durch die Arn, wieder daheim, streift. Ein Aufstieg auf einen hohen Berg lässt den jungen Arn nachdenklicher und beinahe philosophisch zurückkehren. Der junge Mann entwickelt sich langsam zu königlicher Ruhe und Reife. Und sehr schön das Bild, in dem Aleta, als Fremde ihre Burg in Abwesenheit Eisenherz' stürmen, mit elegantem Schwung eine brennende Fackel in ein Bett wirft und Feuer legt. Ein Handlungsablauf im eigentlich unbewegten Bild, der beinahe genial zu nennen ist.

 

Enid Blyton: Fünf Freunde wittern ein Geheimnis
Die Geschichte mit Timmy und seinem Pappkragen. Die Dialoge habe ich noch im Ohr von der endlos abgenudelten alten Hörspielcassette. Timmy hat sich am Ohr verletzt, und der Tierarzt verpasst ihm einen Pappkragen, damit der Hund sich nicht kratzen kann. Allerdings macht so ziemlich jeder spitze Bemerkungen über die prächtige Halskrause des Hundes und hänselt ihn. George wird wütend und beschließt, mit Timmy zelten zu gehen, um den Gaffern und Lästerern zu entkommen. Als die restlichen drei Freunde Julius, Richard und Anne ankommen, folgen sie ihr und wollen gemeinsam Campen. Dabei begegnen sie einem Jungen, der ziemlich verrückt zu sein scheint. Mal ist er nett, mal bösartig, mal kennt er sie, mal nicht, manchmal kann er so schnell Standort und Kleidung wechseln, dass es an ein Wunder grenzt. Es stellt sich schließlich heraus, dass es sich nicht um einen schizophrenen Jungen, sondern um ein Zwillingspaar handelt, das sich gestritten hat. Als einer der beiden jedoch entführt wird, merkt der andere dann aber doch, dass ihm sein Bruder am Herzen liegt. Zusammen mit den Freunden macht er sich auf die Suche. Und auf einer alten Ausgrabungsstätte, die den Jungen schon zuvor sehr interessiert hatte, werden sie fündig, befreien ihren Freund und setzen die Entführer gefangen. Wie es endet? "Dieses Abenteuer hat mit Timmy und seinem Pappkragen begonnen, und es scheint auch mit Timmy und seinem Pappkragen zu enden."

 

 

September

 

Die Fälle von Emmeline & Miranda Finch: Der kopflose Reiter und weitere kuriose Geschichten

 

Kontakt mit Übermorgen. Bulgarische Science-Fiction
Vor drei Jahren hatte ich "Sternmetall", eine Sammlung mit Phantastik aus Bulgarien im Verlag Torsten Low entdeckt und war begeistert. Da musste ich natürlich zugreifen, als ich nun eine neue Sammlung bulgarischer Geschichten auf dem Verlagstisch vorfand. Und ich wurde nicht enttäuscht. Diesmal sind es Science-Fiction-Storys, 19 sehr unterschiedliche Texte, oft kurz und pointiert, einige dystopisch und ganz viele von ihnen mit hintergründigem Humor, der einfach Spaß macht.
Sehr witzig fand ich "Der Vergnügungsplanet" von Radoslaw Mladenow", der auf extrem hinterhältige Weise mit den schmutzigen Phantasien der Leser spielt. Sehr drastisch auch die Geschichte "Das große Treffen", in der die Landung eines außerirdischen Raumschiffs auf der Erde beschrieben wird. Aber die Fremden haben gar kein Interesse an einem Treffen mit dem amerikanischen Präsidenten, sie haben überhaupt kein Interesse an der Erde und ihren Bewohnern. Nur, dass sie, quasi nebenbei, der Menschheit zeigen, wie scheiße sie uns finden ... Eher ernst und ein wenig traurig kommt "Ich habe ein Menschengesicht geträumt" von Iwailo P. Iwanow daher. Eine Geschichte über einen Planeten voller seltsamer Lebewesen, teilweise mit einer naiven, kindlichen Intelligenz. Wesen, für die die Menschen verantwortlich sind oder sich verantwortlich fühlen sollten. Doch sie sind den Menschen herzlich egal ...
Es sind sehr viele beeindruckende Geschichten in dem Buch zu finden, manche hallen noch lange nach. Das Buch ist erst mein zweites Stück bulgarischer Literatur. Aber ich habe vor, mich in dem Bereich noch weiter umzutun.

 

Enid Blyton: Fünf Freunde auf dem Leuchtturm
Ziemlich nervig ist er ja, der Junge namens Brummer, der zusammen mit seinem Vater bei Georgs Vater zu Besuch ist. Professor Quentin und Brummers Vater sind beide gleich genial, gleich zerstreut und gleich reizbar. Und Brummer, der Besitzer eines Affen ist und das unangenehme Hobby hat, Autogeräusche nachzuahmen, fällt beiden Wissenschaftlern tierisch auf die Nerven. Auch für die fünf Freunde sind Brummer und sein Affe Schelm eine ziemliche Belastung. Aber als Brummer vorschlägt, man könne doch gemeinsam in seinen Leuchtturm ziehen und dort Ferien machen, um die genialen Wissenschaftler nicht zu stören, ist sogar George begeistert - und George besitzt immerhin eine eigene Insel. Die Kinder erkunden ihre neue Unterkunft und sind hin und weg. Allerdings geraten sie dabei zwei zwielichtigen Gestalten in die Quere. Die beiden sind Nachkommen eines Schurken, der früher Schiffe mit einem falschen Licht an der Küste in die Irre geführt und die Wracks geplündert hat. Nun suchen sie nach seinem versteckten Schatz. Und sperren die Freunde kurzerhand im Leuchtturm ein.

 

Enid Blyton: Fünf Freunde im Nebel
Erneut muss sich George mit einem Mädchen auseinandersetzen, das noch besser Junge spielen kann als sie. George und Anne verbringen ein paar Tage auf einem Reiterhof, und, zugegeben, diese Henrietta, die sich nur mit Henry anreden lässt, kann einfach besser reiten als alle anderen. Und als Julius und Richard nachkommen, merken sie gar nicht, dass Henry in Wirklichkeit ein Mädchen ist ...
Die Kinder freunden sich mit einem Zigeunerjungen namens Schniefer an, der ein lahmendes Pferd auf den Hof bringt, um es verarzten zu lassen. Allerdings ist Schniefers Vater ausgesprochen ungehalten, als der Hofbesitzer das lahmende Tier für mehrere Tage behalten will, damit das Bein richtig heilt. Die Fahrenden ziehen nämlich zu dieser Zeit immer ins Nebelmoor, und niemand weiß, was sie dort tun. Die neugierigen Freunde wollen es herausfinden, verirren sich aber hoffnungslos im Nebel. Doch dann kommen sie einem Geheimnis auf die Spur. Es geht um geschmuggeltes Falschgeld, geheimnisvolle Bahngleise im Nebel und die Geschichte einer stillgelegten Mine. Und zum Glück ist Henry auf Zack und kommt rechtzeitig zur Rettung.

 

Hörbuch

 

Valerie Salberg: Therme, Morde, Sahnetorte: Das Skelett im Kurpark

 

 

Oktober

 

Enid Blyton: Fünf Freunde und das Burgverlies
Diesmal sind die Freunde zu Gast auf einer Farm, auf der außer ihnen noch ein Amerikaner und sein scheußlicher Sohn untergebracht sind. Die Farmbesitzer sind arm, haben jedoch eine große Vergangenheit, zu ihrem Besitz gehören noch eine verfallene Burgruine und eine Kirche. Inzwischen ist die Familie allerdings so pleite, dass sie Feriengäste aufnehmen und die Marotten des großkotzigen Amerikaners und seines unerzogenen Sohnes ertragen muss. Und der Amerikaner nutzt ihre Not weidlich aus. Immer wieder will er ihnen Einrichtungsgegenstände, die wertvolle Antiquitäten sind, für einen Apfel und ein Ei abkaufen. Und dann ist da noch der sagenumwobene Schatz, der irgendwo auf dem Gelände verborgen sein soll und den der Amerikaner unbedingt bergen und sich aneignen will. Pech nur, dass die fünf Freunde sich auf das Schätzefinden und auf unterirdische Gänge wesentlich besser verstehen als er.

 

David Thomsen: Seehundgesang
Ein sehr schönes Buch, optisch wie inhaltlich, aus dem mare-Verlag. Erzählt werden schottische und irische Legenden über Selkies: Menschen, die sich in Robben verwandeln können. Oder sind es Robben, die sich in Menschen verwandeln können? Zahlreiche Sagen ranken sich um Männer, die eine schöne Seehundfrau beim Baden beobachten, ihr das abgelegte Fell stehlen und sie als ihre Frau in ihr Haus führen. Dort bleibt die Frau als freundliche, tüchtige Ehefrau und liebevolle Mutter, doch irgendwann kommt der Tag, an dem sie ihr Fell trotz aller Vorsicht des Mannes findet. Dann streift sie es über, springt ins Meer und kehrt nie wieder zu ihm zurück. Doch die Sagen wissen auch von Seehundmännern zu erzählen, die von einem Speer verletzt wurden und nun, todeswund, den Jäger in ihr unterseeisches Schloss holen lassen, denn nur er kann sie heilen. Oder von Seehunden, die blutige Rache nehmen, weil ein Mensch ihre Kinder getötet hat. Oder von solchen, die sich mit den Menschen befreundeten und ihnen Gutes erwiesen. Fast immer aber liegt über den Geschichten die Trauer und Schwermut eines trüben Tages an einem nebligen Meerufer.
Thomsens Buch ist nicht eigentlich eine Sagen-Sammlung alter aufgefundener Texte nach Art der Sammlungen der Brüder Grimm. Es ist die Geschichte eines Ich-Erzählers, der durch verschiedene Orte an der Küste wandert und immer wieder die Einheimischen nach den Robben fragt. Manchmal sind die Bewohner misstrauisch, öfter aber plaudern sie über eigene Erlebnisse, über die Familiengeschichte oder Anekdoten aus dem Ort, über Dinge, die sie gehört haben. Manchmal gibt es ein Wiedersehen in anderen Orten. Und irgendwann gerät der Wanderer auch selbst in eine Begegnung mit seltsamen Wesen, die vielleicht etwas Übernatürliches an sich haben.

 

Enid Blyton: Fünf Freunde und die wilde Jo
Noch ein Abenteuer mit Jo, einer der liebenswertesten und faszinierendsten Nebenfiguren der Serie. Die Freunde fahren ganz harmlos mit zwei Campingwagen in die Ferien und treffen auf einer Wiese mit einem Wanderzirkus zusammen. Eigentlich wollen die Kinder sich mit den Zirkusleuten anfreunden. Aber die Zirkustruppe lässt sie abblitzen. Schlimmer noch: Die Gruppe ist ziemlich unfreundlich und will die Kinder loswerden. Es geht böse zur Sache, und schließlich verschwinden die Wagen der Freunde. Doch dann taucht plötzlich Jo auf. Sie will die Zirkusleute besuchen, die Verwandte von ihr sind, freut sich über das Wiedersehen mit den fünf Freunden und staucht ihre Familie gewaltig zusammen, als sie hört, wie übel sie den Kindern mitgespielt haben. Schnell werden die Wagen zurückgeholt, und die Zirkusleute sind plötzlich von einer überschäumenden Herzlichkeit.
Die Freundschaft der Fahrenden können die Kinder dann auch bald sehr gut gebrauchen. Denn als sie vom Turm einer nahegelegenen Burgruine ein Licht sehen, kommen sie einem Entführungsfall auf die Spur. Einer von zwei verschwundenen Wissenschaftlern wird hier gefangen gehalten. Und ohne Jo und ihre Leute wären er und die Freunde nie wieder frei gekommen.

 

Malcolm Max: Die Schwesternschaft der Nacht

 

Enid Blyton: Fünf Freunde und der Zauberer Wu
Noch ein Zirkusabenteuer. Und Brummer, der Auto-Imitator, ist auch wieder mit dabei. Auf dem Grund und Boden, der Brummers Vater gehört, hat ein Wanderzirkus seine Zelte aufgeschlagen. Brummer will die Leute vertreiben, doch sie haben das verbriefte Recht, auf diesem Grundstück zu spielen. Eine besondere Klausel im Kaufvertrag, den Brummers Vater unterschrieben hat, sichert ihnen dieses Recht zu. Die Kinder freunden sich nach anfänglichen Reibereien mit den Zirkusleuten an. Und der Schimpanse Charlie schließt Freundschaft mit Brummers Äffchen Schelm. Dann passiert etwas Furchtbares: Im Turmzimmer von Brummers Vater wird eingebrochen. Alles ist verwüstet und durchsucht worden. Sind nun auch die Unterlagen für das bahnbrechende Geheimprojekt, an dem der Wissenschaftler arbeitete, verloren?

 

Enid Blyton: Fünf Freunde machen eine Entdeckung
In diesem Abenteuer lernen die Freunde Wilfried kennen, einen Jungen, dem sie eigentlich Gesellschaft leisten sollen, doch Wilfrid reagiert sehr ungehalten auf ihr Ansinnen und ist lieber mit sich und seinen Tieren allein. Denn Wilfrid hat eine besondere Gabe, sich mit Tieren zu befreunden, ähnlich wie Philipp in der Abenteuer-Serie. Die Freunde (außer Timmy) reißen sich nicht besonders darum, sich mit Wilfrid anzufreunden. Lieber wollen sie eine geheimnisvolle Insel erkunden, die vor der Küste liegt und auf der etwas Geheimnisvolles vor sich geht. Sie kommen einer Bande von Kunstdieben auf die Spur. Aber wenn Wilfrid sich nicht auf die Suche nach ihnen gemacht hätte, nachdem ihr Boot abgetrieben war, hätte dieses Abenteuer böse geendet.

 

Enid Blyton: Fünf Freunde meistern jede Gefahr
Enthält acht Kurzgeschichten:
- Fünf Freunde jagen den unsichtbaren Dieb
- Georgs Haar ist zu lang
- Guter, alter Tim!
- Ein fauler Nachmittag
- Gut gemacht, ihr fünf!
- Die fünf Freunde und das Wochenendabenteuer
- Fröhliche Weihnachten
- Als Tim die Katze jagte
Der Abschlussband der Serie. Er enthält die acht Kurzgeschichten über Julian, Richard, George, Anne und Timmy. Die Storys sind alle sehr kurz, sehr pointiert, kommen ohne größere Verwicklungen aus und sind insgesamt recht nett zu lesen. Aber eben auch sehr einfach gestrickt.

 

Fazit aus meiner Lektüre nach 22 Bänden der Fünf Freunde: Die Serie hat was, auch 80 Jahre nach der Erstveröffentlichung. Aufgefallen ist mir, wie viel Zeit sich die Autorin immer wieder nimmt, um in die Geschichte hineinzukommen. Da sind immer wieder seitenweise Schilderungen von Anreise und Wiedersehen, Strandausflügen und Picknicks, und der eigentliche Kriminalfall oder das Gefährliche und Abenteuerliche taucht erst gegen Ende des ersten Drittels auf. Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was heute Schulmeinung ist. Da muss ziemlich schnell, ziemlich früh Action kommen. Sonst springen die Leser ab, heißt es. Und hier zelebriert die Autorin über Seiten hinweg das Auspacken von Picknickkörben und lässt die Freunde feststellen, wie gut es doch schmeckt, wenn man unter freiem Himmel sitzt. Oder so. Das ist schon bemerkenswert. Aber vielleicht wäre es für heutige Kinder noch immer ein großes Abenteuer, einfach mal mit dem Picknickkorb allein in den Wald zu gehen und etwas zu essen.
An die anderen Namen konnte ich mich auch nach 22 Bänden nicht gewöhnen. Für mich wird Julian immer Julian bleiben und nicht Julius. Die Reihenfolge der Bände entspricht nicht der Original-Veröffentlichungsreihenfolge, warum auch immer.
Die Charakterzeichnung, gerade der Heldin George, ist sehr gut gelungen, und insgesamt fand ich die Serie besser als die Abenteuer-Serie, die ich vor zwei Jahren las. Klar, dass unbedingt jedes Mal ein Geheimgang oder Ähnliches eine Rolle spielen muss, ist vielleicht etwas einfallslos. Aber wie sagte Enid Blyton? "Kritik von Leuten über zwölf Jahre interessiert mich nicht."
Zum Preis-Leistungs-Verhältnis: 21 Romane und acht Kurzgeschichten in 11 Doppelbänden in der Komplettbox für 49,99 Euro - das ist einfach unschlagbar, da kann man nicht meckern.

 

Wilhelm von Humboldt: Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus und ihren Einfluss auf die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts (Einleitung zu Kawi-Werk)
Eine sehr schöne Ausgabe aus dem Ferdinand-Dümmler-Verlag, die ich in den frühen 90ern in einem Hannoverschen Antiquariat entdeckt hatte und seitdem als Schmuckstück in meiner Bibliothek hüte. Ein Nachdruck der postum erschienenen Erstausgabe von 1836. Vorn ist das Faksimile einer Widmung seines Bruders Alexander von Humboldt zu sehen.
Wilhelm von Humboldt war in meinem Philosophie-Studium, ich hatte ja meinen Schwerpunkt auf die Sprachphilosophie gelegt, mein ständiger Begleiter. Ich hatte mehrere Referate über ihn gehalten und auch meine Zwischenprüfung und Magisterprüfung über seine Sprachphilosophie gemacht. Da ich letztes Jahr durch ein Buch über seine Beziehungen zu David Friedländer wieder mal auf ihn gestoßen bin, dachte ich, es wäre Zeit, sich den dicken Wälzer noch einmal vorzunehmen.
Die Kawi-Sprache ist die alte Sprache der Priester und Dichter auf der Insel Java. Geschrieben wurde sie mit den Schriftzeichen, in denen auch die indische Hochsprache Sanskrit geschrieben wurde. Die Kawi-Sprache hat einige Sanskrit-Wörter aufgenommen, war aber weder mit dem Sanskrit verwandt noch hat sie durch den Kontakt ihren Charakter und ihre Eigenständigkeit verloren, wie Humboldt betont.
Er nutzte die Einleitung zu seinem Werk aber zu einer groß angelegten Gesamtschau über das Phänomen Sprache überhaupt. Dabei betrachtet er einzelne sprachliche Erscheinungen wie Wortarten und Satzbau und vergleicht Sprachen unterschiedlichen Typs miteinander. Er unterscheidet isolierende, agglutinierende und flektierende Sprachen voneinander und schätzt besonders letztere.
Als etwas fragwürdig und nicht politisch korrekt muss aus heutiger Sicht freilich seine Vorstellung bewertet werden, dass es kräftigere, energiereichere Sprachen gibt, die Unterscheidung zwischen wertvolleren und weniger wertvollen Sprachen ist inzwischen vom Tisch. Besonders hoch schätzte er Sanskrit, Griechisch und Hebräisch. Als absoluten Gegenpol zu den ausgefeiltesten flektierenden Sprachen sah er das Chinesische an, das ihm in seiner vertrackten Einsilbigkeit zwar missfiel, dem er aber für seine Konsequenz, jegliche Konjugation und Deklination zu verweigern, dann doch eine gewisse Achtung zollen musste. Dass die Chinesen trotz/wegen/mit ebendieser Sprache eine große Kulturnation mit Jahrtausende zurückreichender Kunst, Wissenschaft und Literatur werden konnten, ist dann doch der Stachel im Fleisch dieser Sprachen-Einteilung.
Beeindruckend ist aber auf jeden Fall die Vielzahl der Sprachen, die Humboldt kannte und beherrschte. Ob Englisch, Italienisch, Spanisch, Baskisch, Ungarisch, Tschechisch oder Litauisch. ob altamerikanische Sprachen wie Nahuatl, Otomí, Huastekisch, Maya, Tarahumara, Quechua, Muisca und Guaraní, ob Ägyptisch, Chinesisch, Japanisch oder Hawaiianisch - keine Ahnung, ob er in Tenochtitlan oder Macchu Picchu auf dem Markt hätte Tomaten kaufen können, aber er war in jedem Fall fähig, die unterschiedlichen Sprachstrukturen nachzuverfolgen und nebeneinander zu legen. Und so ist auch das dreibändige Kawi-Werk ein Meilenstein. Inzwischen mag es modernere Untersuchungen über die Sprache geben, aber er legte die Grundlage. Und die Einleitung dazu ist eben so etwas wie die Bibel der Sprachforscher ...

 

Hörspiel

 

Oliver Elias: Abenteuer und Wissen: Im Reich der Inkas. Der Kampf um das Gold
Hörspiel über das Inkareich und die Konfrontation mit den Spaniern. Man erfährt eine ganze Menge über die Organisation des Reichs und die Kultur und Landwirtschaft, der Schwerpunkt liegt aber auf dem Untergang und den Auseinandersetzungen der jeweiligen Herrscher mit Pizarro und seinen Nachfolgern.
Die Geschichte vom Tod des Atahualpa kennt vermutlich jeder, der in der Schule "Das Gold von Caxamalca" gelesen hat. Was mir vorher nicht ganz so klar war, sind die Verwandtschaftsverhältnisse: Atahualpa und sein Bruder Huascar haben beide bei ihren Kämpfen um die Macht versucht, die Spanier als Verbündete zu nutzen, und sind beide damit böse reingefallen. Es gab jedoch noch einen dritten Bruder, Manco Capac II, der die Herrschaft übernahm, als beide tot waren. Manco Capac begründete eine neue Inkaherrschaft in der Stadt Vilcabamba, die sich noch lange halten konnte. Insgesamt gab es fünf Brüder, die nacheinander den Inka-Titel trugen. Die letzten drei wurden von Pizarro eingesetzt.
Das Hörbuch erzählt die Geschichte der Inkas bis zum letzten Inka, Tupac Amaru. Er war ein Sohn von Manco Capac, wurde von den Spaniern schließlich besiegt und hingerichtet Sein Schwur, er werde eines Tages als Rächer zurückkehren, ist legendär, aber bis jetzt noch nicht erfüllt ...

 

Weitere Jahresrückblicke
Teil I: Januar bis März 2022

Teil II: April bis Juni 2022
Teil IV: November 2022
Teil V: Dezember 2022

 

© Petra Hartmann




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Jahresrückblick Teil II: April bis Juni 2022

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 29 Dezember 2022 · 1.204 Aufrufe
Jahresrückblick

Willkommen zum zweiten Teil meines Rückblicks auf das Lesejahr 2022. In den Monaten April bis Juni habe ich ein bisschen Science Fiction gelesen, kaum Fantasy, ein paar Krimis, etwas über Astronomie, die Geschichte Afrikas, zwei Comic-Klassiker. Es sind wieder einige Helgolandica und Goslar-Bücher dabei und auch ein paar Hörbücher, die mich auf langen Autofahrten begleitet haben. Schaut halt mal durch, vielleicht ist etwas dabei für euch.

 

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

 

 

April

 

Jürgen Hamel: Friedrich Wilhelm Herschel
Biographie des Astronomen und Uranus-Entdeckers, schon etwas angestaubt, eine antiquarische Entdeckung. 1988 in Leipzig erschienen in einer Buchreihe, die so ähnlich wie die Rowohlt-Monographien daherkommt. Sehr interessant. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Herschel auch komponiert hat. Und man erfährt auch viel über seine Schwester Caroline, ebenfalls eine engagierte Astronomin, die unter anderem acht Kometen entdeckte. Sehr detailliert werden Herschels Versuche, immer bessere Teleskope zu entwickeln, geschildert. Hat mir gefallen.

 

Carl Ludwig Reuss: Dark Shadows - Schatten der Vergangenheit
Ich habe das Buch für die Goslarsche Zeitung gelesen und rezensiert. Der Artikel dazu ist hier zu finden.

 

Amandara M. Schulzke und Nadine Muriel (Hrsg): Met-Magie
Eine Anthologie rund um den Honigwein, in der ich mit der Geschichte "Die Blaubeerbrücke" vertreten bin. Da ich selbst die Finger drin habe, mag ich hier nicht in die Details gehen, aber soviel kann gesagt werden: Es ist ein lesenswertes Buch mit vielen Lieblingsautoren und sehr vielseitigen, gut erzählten Geschichten.

 

Nanata Mawatani: Nur ein Indianer
Ein altes Schneiderbuch, das ich antiquarisch erstanden habe. Nanata Mawatani war mir durch ihre Kinderbücher "Schwarzes Pferd und weißer Vogel" und "Weißer Vogel und kleiner Bär" über eine weiße Frau, die bei den Cheyenne lebt, bereits bekannt, und ich war neugierig auf weitere Werke von ihr.
Das vorliegende Buch handelt wie die beiden anderen von Indianern, allerdings geht es diesmal um eine moderne Geschichte und nicht um einen historischen Roman. Die Autorin erzählt von einem ungleichen Freundespaar: Der weiße Junge Chris, ein Kind reicher Eltern, materiell verwöhnt, aber von seinen Eltern fast immer allein gelassen, trifft auf Tony, einen jungen Indianer, dessen Stammeszugehörigkeit nicht erwähnt wird. Tony, beziehungsweise Schneller Hase, lebt in eher ärmlichen Verhältnissen, aber er hat vieles, um das ihn Chris beneidet, darunter eine liebevolle Mutter und sehr viel Erfahrung darin, sich in der Wildnis zurechtzufinden.
Die beiden Jungen gehen gemeinsam Angeln, erforschen eine geheimnisvolle Höhle, und Chris lernt viel von seinem neuen Freund. Aber dann erfährt Chris von den Geschäften seines Vaters. Der Mann hat durch miese Machenschaften und Ausnutzen von Notsituationen die Besitzrechte an großen Teilen des Indianerlandes an sich gebracht und will nun die Bewohner vertreiben, darunter auch Tonys Familie.
Eine Geschichte, wie sie immer wieder vorkam und vorkommt, Dass die Rettung so wie in diesem Kinderbuch vonstatten gehen kann, ist leider wenig wahrscheinlich ...

 

Wolfgang Beck, unter Mitarbeit von Markus Cottin: Die Merseburger Zaubersprüche. Eine Einführung
Eigentlich ein recht dünner Band, aber dafür (und nicht nur dafür) sehr inhaltsreich und sehr gediegen, auch sehr schön und reichhaltig bebildert. Man erfährt etwas über die Entdeckung und Erforschung der Merseburger Zaubersprüche, über die darin erwähnten Götter (und darüber, was man über diese Götter weiß und nicht weiß), es sind mehrere Übersetzungen enthalten, und die Verfasser berichten auch über die Wirkung der Zaubersprüche auf die unterschiedlichen Künste, denn sie dienten als Inspirationsquelle für zahlreiche Schriftsteller, bildende Künstler und Musiker. Sehr schön gemacht, empfehlenswert.

 

Michael Stoffers: Taschenkrebse mögen keine Milch
Ein vom Autor exklusiv für das Helgoländer Lesefestival erstellter Sonderdruck, der so nicht in den Handel gelangte. Das Büchlein hat 97 Seiten, und die Geschichte soll später einmal Teil eines Bandes mit mehreren Erzählungen werden, verriet der Autor bei seiner Lesung. Ich denke aber, dass das kleine Büchlein auch durchaus separat als Urlaubslektüre für Helgoland-Besucher seinen Markt finden könnte.
Es ist eine Art Krimi. Zwei Polizisten, ein männlicher alter Hase und ein weibliches Greenhorn, erhalten den Auftrag, einen Mann zu beschatten. Der ist Mitarbeiter einer IT-Firma, arbeitet an einem wichtigen Katastrophenschutz-System, hat sich aber durch das Googeln mit Schlüsselbegriffen wie "Anthrax" und "Anheuern eines Profikillers" oder "Rohrbomben" verdächtig gemacht. Plant der Mann ein Attentat? Das Ermittler-Duo, getarnt als frisch verheiratetes Liebespaar, erhält den Auftrag, den Verdächtigen zu überwachen. Ihr Pech: Die Zielperson nistet sich ausgerechnet auf Helgoland ein.
Eine zugleich spannende und lustige Geschichte über Ermittlungen auf engstem Raum, über die anstrengenden Versuche, eine Tarnung aufrecht zu erhalten, und natürlich über den Zauber der Insel, der vielleicht auch aus einem vermeintlichen Liebespaar ein echtes machen kann - nach ziemlich viel Ärger, versteht sich.

 

Pamela Hansen: Die Inselpastorin. Mein Leben mitten in der Nordsee
Pamela Hansen ist Pastorin auf Helgoland und schreibt über ihr "Leben mitten in der Nordsee". Das Buch bietet humorvolle und interessante Einblicke in das Leben im Pfarrhaus und in der Gemeinde, in Probleme, von denen die Kirchenverwaltung auf dem Festland gar nichts ahnen kann, und in die Welt der Helgoländer. Hansen hatte jahrelang in einer Stadt nahe Detroit ihren Pfarrdienst geleistet - und nun schickte sie ihr "Boss", wie sie Gott liebevoll betitelt, auf den roten Felsen. Sie erlebt Überfahrten auf der schwankenden Fähre, hängt bei einer Seenotrettungsübung unversehens am Haken eines Helikopters, transportiert eine große Schaukel auf die Insel, leitet winzig kleine Konfirmandengruppen ... Und wenn ich etwas gelernt habe für meine künftigen Helgolandaufenthalte: Niemals schwatzend am Pfarrgarten vorbeigehen. Im Strandkorb verborgen sitzt nämlich eine Pastorin mit gespitzten Ohren und amüsiert sich köstlich über den Blödsinn, den die Touristen von sich geben.

 

Hörbücher

 

Lutz van Dijk: Die Geschichte Afrikas
Ich hatte das Hörbuch irgendwann in den Nuller Jahren mal gehört und fand es nicht so toll. Nach dem Hörspiel über Nelson Mandela, das ich im März gehört hatte, wollte ich mich nun doch noch einmal intensiver mit Afrika befassen und habe mir diese Geschichte Afrikas nochmal reingezogen. Das Ergebnis ist immer noch enttäuschend. Nichts von den alten schwarzen Königreichen, nichts von afrikanischer Kultur und Tradition, sondern es geht nur um das kolonisierte Afrika und den Weg in die Freiheit oder eben um gescheiterte Revolutionen und Korruption. Fast so, als sei Afrika wirklich der "geschichtslose" Kontinent, als den es Hegel bezeichnet hat. Da war doch mal was, bevor die Europäer kamen, oder? Man muss nicht mal Ägypten und Karthago bemühen. Ich hätte mir etwas über die alten Kulturen von Eritrea und Äthiopien gewünscht, das Königreich von Aksum, Reiche wie Ghana und Kanem. Schade. Also: Dieses Hörbuch war zweimal nichts.

 

Guiseppe Thomasi di Lampedusa. Der Leopard
Beeindruckender, groß angelegter Roman um eine sizilianische Adelsfamilie im 19. Jahrhundert, ihre Konfrontation mit der Revolution und ihr Aufgehen im Bürgertum. "Der Leopard" ist der Beiname des Don Fabrizio, Patriarch des Fürstengeschlechts Salina, der zu Beginn des Romans auf dem Höhepunkt seiner Macht gezeigt wird. Eine sehr beeindruckende, kraftvolle Gestalt mit einer großen Schwäche: sein Neffe und Ziehsohn Tancredi, frech, bürgerlich bis proletarisch beziehungsweise bohemienhaft und mit Sympathien für die Revolution. Ein Zusammentreffen zweier sehr starker Charaktere mit zwar unterschiedlichem Habitus, aber doch einer sehr großen Sympathie füreinander. Man erlebt Reichtum, Prunk und Standesbewusstsein der Familie, aber auch Intrigen und Verhandlungen um Liegenschaften und Positionen, schließlich die Arrangements zur Eheschließung Tancredis mit seiner Geliebten Angelica, bürgerlich, aber auch reichem Hause. Ein sehr detailfreudiger Roman in sehr schöner Sprache, die auch in der Übersetzung von Burkhart Kroeber sehr schön herüberkommt. Sehr ansprechend gelesen von Thomas Loibl. Hat mich auch ein bisschen an die Buddenbrooks erinnert, war aber weniger verzweigt und verschlungen und hatte weniger Personal. Das Buch war mir ein sehr guter Begleiter auf der A7 und der B6.

 

 

Mai

 

Jutta Ehmke: Twilight Zoo

 

Ingo Scharnewski: Der dreieckige Sarg (BunTES Abenteuer 50)
Geschichte eines interessanten Fundstücks in einem Schweizer Antiquariat. Der Ich-Erzähler entdeckt in einem alten Auftragsbuch eines Sagtischlers aus dem Inntal Hinweise auf einen gigantischen Sarg in Dreiecksform. Der in dieser Kiste Bestattete muss knapp 2,85 Meter lang gewesen sein und 1,31 Meter breit. Zusammen mit einem Freund mach sich der Ich-Erzähler auf die Suche nach Hinweisen auf das seltsame Artefakt, das irgendwann nach dem September 1879 in Auftrag gegeben und gebaut worden war. Die Geschichte ist reich an Details, und der Autor weiß viel an Hintergrund-Informationen über die besuchten Städte einzubringen. Auch die Hinweise auf einzelne sprachliche Besonderheiten, vor allem die rätoromanischen Einsprengsel, haben mir gut gefallen. Etwas weniger gelungen ist der Schluss. Nachdem der Autor sich so lange und detailreich auf das Ende zugetastet hat, kommt die Auflösung dann doch eher simpel daher. Der Rechercheur stößt auf einen, der weiß, was es mit dem Sarg auf sich hat, und der erzählt es ihm dann halt. Das kommt ziemlich plötzlich und ist nach der überlangen Vorbereitung dann einfach zu kurz und platt.

 

Rolf Krohn: Die Blitze (BunTES Abenteuer 1)
Eine sehr kurze Erzählung, 24 Seiten umfassend, die Nummer eins der TES-Reihe und wirklich ein würdiger erster Band. Wissenschaftler untersuchen ein Phänomen auf einem fremden Planeten: Ein Fels sendet immer wieder seltsame Blitze aus. Eine Botschaft einer fremden Zivilisation? Als einer der Experten eine Probe von dem Stein abschlägt, richtet er etwas Schreckliches an ... Sehr knapp und in ihrer Kompaktheit eine beeindruckende Geschichte. Böses Ende, gut geschrieben.

 

Hans-Martin Gutmann: Wendeblues
Der Theologe und Krimi-Autor Prof. Hans-Martin Gutmann ist gebürtiger Goslarer, daher habe ich seinen Roman "Wendeblues" für die Goslarsche Zeitung gelesen und besprochen. Außerdem verfasste ich ein Porträt des Autors.
https://www.goslarsc...id,2532499.html
https://www.goslarsc...id,2532742.html

 

Thomas Breuer: Leander und der Blanke Hans
Thomas Breuer habe ich schon vor einiger Zeit durch das Helgoländer Lesefestival kennen gelernt. Damals hatte er seinen Helgoland-Krimi "Leander und der Lummensprung" vorgestellt. Nun gibt es einen neuen Nordsee-Krimi, in dem Leander erneut als Ermittler in - zunächst nur einem - Mord tätig werden muss. Doch es bleibt nicht bei einer Leiche. Der Titelheld wird zwar diesmal "nur" auf Sylt und Föhr tätig, aber der Roman ist dennoch durch einen Brief eines geheimnisvollen "Hans Blank" mit Helgoland verbunden - im Buch und auch im realen Leben, wie der Autor beim diesjährigen Lesefestival während seiner Lesung erzählte.
Es geht um Flutkatastrophen und die zur Wiederauffütterung der Insel Sylt immer wieder angesetzten Sandaufspülungen. Vor allem aber geht es um Baufirmen, Konkurrenz um Aufträge, um nicht ganz sauber gewonnene Ausschreibungen und vor allem um sehr viel Geld. Leander findet nicht nur während einer verunglückten Wattwanderung eine Leiche, nein, auch bei einem Strandausflug mit seiner Lebensgefährtin und der extrem garstigen Tochter eines Bekannten wird ein weiterer Toter entdeckt. Die Art, wie Breuer diese Leichenfund gestaltet ist ... brrr ... einfach herrlich, grausam, bitterböse, unübertrefflich und hochverdient. Aber lest halt selbst, es ist echt ein verdammt geiler Stoff.

 

 

Hörbuch

 

Sonny Hennig: Rockmanns Erzählungen
Sonny Hennig erinnert sich an seine Zeit mit der legendären Deutschrockband "Ihre Kinder", die als erste Band (oder eine der ersten Bands) mit deutschen Texten auftrat, und erzählt von schrägen Erlebnissen und abenteuerlichen Zusammentreffen auf Tourneen oder Konfrontationen mit dem Establishment. Darunter sind so irre Erlebnisse wie grüner Urin oder eine Zusammenarbeit mit Klaus Kinski, die dann leider doch nicht die Auftrittsreife erlangte. Ein faszinierender Einblick in die deutsche Rockgeschichte der 1960er und 70er Jahre. Hat mir sehr gefallen.

 

Richard David Precht: Von der Pflicht
Hochinteressant. Precht geht dem etwas uncoolen und in Verruf geratenen Begriff der Pflicht nach, beginnend mit den alten Definitionen und Aufforderungen antiker Philosophen bis hin zur Verortung der Pflichterfüllung in modernen Gesellschaften. Besonders spannend fand ich seine im Schlussteil vorgetragene Idee, dass ein Mensch in seinem Leben zwei soziale Pflichtjahre für die Gemeinschaft leisten sollte. Das eine in seiner Jugend nach Beendigung der Schulzeit, das zweite nach dem Ende seiner Berufslaufbahn zum Beginn der Rentenzeit. Wobei letzteres nur geleistet werden sollte, wenn der betreffende Mensch dazu physisch und mental in der Lage ist. Precht fasst damit auch eine Diskussion zusammen, die er bereits vor einiger Zeit angestoßen hat, und geht Argumenten dafür, aber auch Gegengründen nach. Muss man nicht gleich unterschreiben, aber Stoff zum Nachdenken bietet es schon.

 

 

Juni

 

Horst Hoffmann: Insel im Nichts (Sternenlicht 1)
Start einer SF-Serie im Verlag Saphir im Stahl. Es geht um Weltraumabenteuer in der Nachfolge der legendären Orion-Crew. Allerdings schreibt die Menschheit inzwischen das Jahr 3166. Die Abenteuer von McLane und seiner Crew liegen über 160 Jahre zurück, das einst definierte menschliche Herrschaftsgebiet innerhalb einer Raumkugel von 900 Parsec Durchmesser ist zerbrochen in zahllose interplanetare Kleinstaaten, zu deren größeren die Sternenlicht-Vereinigung zählt und einen popeligen Durchmesser von gerade mal 10 Parsec hat. Die Raumschiffe tragen beeindruckende Namen wie "Winston Woodrow Wamsler", dessen Crew sich inzwischen den Ruf erarbeitet hat, legitime Nachfolger Cliff McLanes zu sein. Da passt es gut, dass der 19-jährige Praktikant Torben McLane, der sich mit dem Bordsystem hervorragend auskennt, für sich in Anspruch nimmt, ein Nachfahre des Orion-Commanders zu sein ...
Die Mannschaft der "3W" erlebt ein seltsames Abenteuer auf einem fremden Planeten, der von einer unbekannten Macht erfasst, aber nicht zerstört wurde. Es ist der bisher einzige Planet, der den Besuch dieses unbekannten Wesens/Volks/Wasauchimmer überlebte, gewöhnlich hinterlässt der Angreifer nur leblose Gesteinsbrocken. Die 3W-Crew will das sonderbare Phänomen erforschen, verliert zeitweise ein Besatzungsmitglied, die Zerstörung des Schiffs wird angekündigt, sofern es nicht innerhalb einer Frist den Planeten verlässt, gleichzeitig wird das Schiff durch eine unbekannte Kraft am Boden festgehalten. Dann stellt sich heraus: Die Außerirdischen wollen den Menschen etwas zeigen ...
Das Buch ist nicht schlecht geschrieben, und die Idee hat einiges Potenzial. Problematisch ist allerdings, dass der Autor zu Anfang sehr viel erklärt. Dem Leser werden haufenweise Informationen über die Entwicklung der Menschheit bzw. ihres Herrschaftsbereichs und der zerfallenen Einflusssphäre verpasst, außerdem gibt es zu Beginn sehr viele Personenbeschreibungen, die in dieser Menge schwer verdaulich und für den Leser auch schwer abzuspeichern sind. Wenn die Geschichte dann auch noch einsetzt mit einer Szene am Hof des Hunnenkönigs Etzel, in der Crewmitglied Astra Hannson in der Rolle der Brunhild auftaucht, ist die Verwirrung komplett. Astra hatte sich als Online-Rollenspielerin in einer virtuellen Welt aufgehalten und dabei glatt das Meeting in der Zentrale verpasst. Man muss sich schon ein wenig anstrengen, um in das Buch hineinzukommen ...

 

 

Jojo Vieira: Soko Mermaid (e)
E-Book, das ich auf meinen 9-Euro-Fahrt nach Nürnberg während eines unfreiwilligen Aufenthalts in Neudietendorf gelesen habe.
An der Lorelei wird eine Frauenleiche gefunden. Doch was die Polizisten zuerst für ein Meerjungfrauenkostüm halten, ist echt: Der Unterleib der Leiche besteht aus einem "Fischschwanz", jedenfalls soll das Knochenmaterial mit Walknochen verwandt sein. Um Himmelswillen, wenn davon die Presse Wind bekommt! Es stellt sich heraus, dass die Unbekannte mit Steinfischgift getötet wurde. Das bringt die Ermittler auf die Spur eines Mitarbeiters des Aquariums, der kürzlich einen Steinfisch mit nach Hause nahm ...
Ein sehr spannendes Setting, das zwei Genres kombiniert, die einander eigentlich widersprechen, die phantastische Welt der Meerjungfrauen und die rationale, analytische Welt der Ermittler. Wuchs hier etwas zusammen, das, wie bei einer Meerjungfrau Ober- und Unterkörper, gar nicht zusammen gehört?
Ein bisschen schade fand ich, dass der phantastische Aspekt dann doch gar nicht weiter ausgestaltet wurde. Nachdem die Beamten sich gehörig gewundert haben, laufen die Ermittlungen routiniert wie im samstäglichen Tatort-Krimi ab, man verhört Verdächtige, überprüft Alibis und so weiter. Einen Zusatzpunkt vergebe ich für die adelsstolze Mutter des Tatverdächtigen, die Frau war in ihrer verstaubten Blasiertheit einfach toll. Einen Punkt Abzug gibt es für die plötzliche und überraschend frühe Aufklärung des Verbrechens, die nicht gerade dem polizeilichen Scharfsinn geschuldet war. Ansonsten ist die Geschichte sehr kurz und kurzweilig, gerade recht, um sich einen unfreiwilligen Aufenthalt in Neudietendorf zu verkürzen.

 

Hal Forster: Prinz Eisenherz. Band 9, Jahrgang 1953/1954. (Bocola)
In diesem Doppelband ist es vor allem die christliche Seite des Titelhelden, die immer wieder die Handlung bestimmt. Schon zu Beginn geht es darum, einen heidnischen Wodans-Tempel zu zerstören und einen betrügerischen Priester zu entlarven. Später schließt Eisenherz Freundschaft mit dem Heiligen Patrick von Irland, zum Schluss unternimmt er sogar eine Pilgerfahrt nach Jerusalem. Das heißt allerdings nicht, dass Kriege und Kämpfe nun passé sind. So gilt es, erneut für König Artus in die Schlacht zu ziehen, als die Sachsen ins Land einfallen. Außerdem ist Aletas Herrschaft über die Nebelinsel in Gefahr. Ihr Schwager hat sich um Herrscher aufgeschwungen und versucht, die Königin auszubooten. Aber Aleta als Meisterin der Diplomatie und Intrige komplimentiert ihn geschickt aus ihrem Reich hinaus, und das sogar ohne Blutvergießen. Ein bezauberndes weibliches Gegenbild zum Kampfgetümmel, das Gawain und Eisenherz um sich herum entfalten.

 

Roger Leloup: Yoko Tsuno Sammelband 4: Vinea in Gefahr
- Die Titanen
- Der vergessene Planet
- Die Stadt des Abgrunds
Drei Abenteuer des japanischen Karategirls bei ihren Freunden auf dem Planeten Vinea. Im ersten Teil müssen Yoko und ihre Freunde sich mit einem Alienvolk auseinandersetzen, das optisch an riesenhafte Gottesanbeterinnen erinnert. Verständigung scheint zwischen Vineanern und Titanen nicht möglich, die Insektenwesen sind zu fremdartig, scheinen vollkommen gefühllos. Doch dann schließt Yoko mit einer der Riesengottesanbeterinnen Freundschaft, beide retten sich gegenseitig das Leben. Der Geschichte liegt die alte Weisheit zugrunde, dass letzten Endes auch der Feind menschliche Züge trägt, man muss nur danach suchen und dem Hass und der Furcht keinen Raum geben.
"Der vergessene Planet" konfrontiert die Vineaner mit ihren Urahnen. Ein seltsames Licht auf dem Mond Ixo führt Yoko und ihre Freunde an die Stätte, an denen die alten Vineaner gefährliche Chemikalien abbauen. Die gewonnene Energie senden sie mit einem gewaltigen Hohlspiegel in ihre Heimat, um ihrem zerstörten Planeten die Power für eine weitere Umkreisung ihrer Sonne zu verschaffen. Da die Sache für sie todgefährlich ist und die meisten bei den Arbeiten umkommen, werden die Arbeiter mit einem religiösen System für ihre Aufgabe fanatisiert ...
"Die Stadt des Abgrunds" schließlich bietet ein Unterwasserabenteuer auf Vinea. Optisch sehr beeindruckende Meereswelten, besonders Yokos Begegnungen mit dem Styr, einer Art Riesenmanta mit schlankeren Flügeln, ist faszinierend. Dann die "Erzengel" ... und dass sich Yoko tatsächlich in einen Androiden verliebt ...
Erneut ein sehr hochwertiges, reich ausgestattetes Hardcover-Album mit viel Hintergrundmaterial und Skizzen. Sehr beeindruckend immer wieder die Architektur und die Maschinen, die Lelloup entwirft, seine Phantasie und die Liebe zum Detail. Die Herausgabepraxis, die Alben nicht chronologisch, sondern nach Themen geordnet zusammenzustellen, ist allerdings noch immer gewöhnungsbedürftig.

 

Hörspiel

 

Berit Hempel: Abenteuer und Wissen: Frida Kahlo. Ein Leben voller Farbe
Geschichte einer beeindruckenden Frau, ihrer Farbenwelten und ihres Kampfes mit ihrem geschwächten, halb zerstörten Körper. Spannend erzählt und sehr gekonnt akustisch in Szene gesetzt. Ich habe viel Neues gelernt daraus.

 

Weitere Jahresrückblicke
Teil I: Januar bis März 2022
Teil III: Juli bis Oktober 2022
Teil IV: November 2022
Teil V: Dezember 2022

 

© Petra Hartmann




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Jahresrückblick Teil I: Januar bis März 2022

Geschrieben von Petra , in Jahresrückblick 28 Dezember 2022 · 1.065 Aufrufe
Jahresrückblick

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, Zeit also für einen Blick zurück. Ich möchte euch einladen, mit mir meine Lesefrüchte zu sichten und die eine oder andere Entdeckung mit mir zu teilen.
Zuvor noch ein paar Worte über meine persönliche Situation. Ich lebe, habe noch immer keine Corona-Infektion gehabt, bin nur ein Jahr älter geworden und noch unsportlicher als im Jahr zuvor. Und ich bin immer noch bei der schönsten Zeitung der Welt beschäftigt.
Veröffentlicht habe ich dieses Jahr - außer haufenweise Artikeln für die Goslarsche Zeitung - nur eine Kurzgeschichte aus Movenna, nämlich "Die Blaubeerbrücke" in der Anthologie "Met-Magie" und ein paar Gedanken darüber, dass man Gott unbedingt neu erfinden muss im Magazin für Gemeindereferenten.
Geschrieben habe ich ein Kinderbuch über eine dreibeinige Straßenhündin (Arbeitstitel: "Bertha sucht das Sonnenpferd") und ein paar skurrile Kurzgeschichten aus fremden Weltraumwelten, dazu vielleicht mehr im nächsten oder übernächsten Jahr. Außerdem habe ich die Schreibwerkstatt der Goslarer Wortwerkerin besucht und dort einen Spontantext verfasst.
Was ich für das nächste Jahr schon ankündigen kann, ist mein Indianerroman "Das Herz des Donnervogels", der voraussichtlich im Mai 2023 im Blitz-Verlag erscheinen wird.
Schön war, dass ich wieder auf Cons und Veranstaltungen lesen konnte. Noch arg durch Corona-Ausfälle gebeutelt war das Helgoländer Lesefestival in der Woche nach Ostern. Sehr viel Spaß hat mir die Lesung auf dem Conventus Leonis in Braunschweig gemacht. Ich habe im Rhüdener Freibad, auf dem Marburg-Con und dem - ebenfalls heftig von Corona heimgesuchten - Buchmesse-Con gelesen.
Sehr traurig bin ich, dass ich aufgrund der Seuche gleich zwei lieb gewordene Veranstaltungsorte verloren habe. Corona, die Lockdowns und die auch später ausbleibenden Kulturfreunde haben dafür gesorgt, dass sowohl der "Trollmönch" als auch die Nürnberger Galerie im Weinlager in diesem Jahr geschlossen wurden. Da freut es mich, dass ich im Sommer die Kamikaze-Aktion mit dem Neun-Euro-Ticket gewagt und die Galerie im Weinlager nochmal gesehen habe.

 

Doch nun zum Lese-Rückblick auf das Jahr 2022. Das erste Quartal ist noch recht überschaubar. Es sind ein paar moderne Klassiker dabei, Comics, etwas Phantastik, etwas über amerikanische Ureinwohner, Goslar-Bücher und relativ viele Hörbücher. Viel Vergnügen damit!

 

Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.

 

 

 

Januar

 

Antje Babendererde: Wie die Sonne in der Nacht

 

Walhalla. Die gesammelte Saga. Band 4
- Die Gaben der Götter
- Das Mysterium des Dichtermets
- Durch Feuer und Wasser

 

Friedrich Dürrenmatt: Grieche sucht Griechin
Humorvoller Roman (Achtung: Kein Schenkelklopfer), den ich mir wegen des Namens der Hauptperson zugelegt habe. Der griechische Lyriker, genauer gesagt: Jambograph, Archilochos ist ja einer meiner Lieblingsdichter. Hat aber damit nicht viel zu tun, wie sich herausstellte. Arnolph Archilochos ist Schweizer, hält sich aber viel zugute auf seine griechische Abstammung, auch wenn seine Vorfahren bereits zur Zeit Karls des Kühnen ins Land gekommen waren. Er ist beschäftigt als "Unterbuchhalter eines Unterbuchhalters" in einer Riesenfirma aus der Rüstungsindustrie, die aber auch eine Geburtszangen-Abteilung hat, in der Archilochos arbeitet. Der Mann ist nicht gerade mit weltlichen Gütern gesegnet und insgesamt ziemlich unscheinbar. Aber er beschließt, jetzt endlich zu heiraten. Beim Herumformulieren an einer Kontaktanzeige meint seine Wirtin energisch, er solle auf keinen Fall nach einer Jungfrau suchen, einer in der Ehe müsse mindestens Bescheid wissen. Aber Archilochos weiß ohnehin schon, was er schreiben will. Die Anzeige lautet daher kurz und feurig: "Grieche sucht Griechin".
Als sich daraufhin die schöne Chloé Saloniki meldet, kann Archilochos sein Glück gar nicht fassen. Sie ist bereit, ihn zu heiraten. Mehr noch: Seit er ihr Ehemann in spe ist, geht es mit seiner Karriere rasant bergauf. Es grüßen ihn Leute, die er bisher nur aus der Ferne angebetet hat: der Chef seines Rüstungs-und-Geburtszangenbetriebs, der Bischof der altneupresbyterianischen Kirche, der Archilochos angehört, und so weiter. Der Mann ist geradezu berauscht davon, wie ihm fast alle bedeutenden Männer der Stadt grüßen und seiner Karriere beförderlich sind. Warum, das kann der naive und vollkommen uninformierte Mensch allerdings nicht ahnen. Es stellt sich heraus, dass Chloé Saloniki die größte Edelprostituierte der Stadt ist und mit allen diesen Männern schon intim war.
Und nun? Wie wird Archilochos mit der Sache umgehen? Wird er sie verlassen oder die angenehme Lage und den neuen Wohlstand genießen? Dürrenmatt schrieb für seinen Roman zwei Enden. Das eine zeigt Archilochos als wütenden Kriegsgott und Bombenwerfer, wie er die Familie seines Bruders, die sich auf seine Kosten durchs Leben schmarotzt, niedermacht. Und das "Ende für Leihbibliotheken" bietet ein herrlich-kitschiges Happy End. Insgesamt sehr nett, ziemlich skurril, manchmal grotesk. Sehr schön.

 

Malcolm Max: Blutrausch

 

Februar

 

Umberto Eco: Der Name der Rose
Das Buch steht schon seit langem auf meiner To-do-Liste. Jetzt also habe ich es geschafft. Ich muss gestehen, ich war überrascht, dass ein solches Buch es auf die Bestsellerlisten geschafft hat. Immerhin bietet es nicht gerade leichte Kost, sehr viel Geschichtsreferat und theologische Grundsatzdiskussionen, eine Menge lateinische Zitate ... Nicht, dass es schlecht ist, aber ich hätte nicht gedacht, dass so etwas massentauglich ist. Sherlock Holmes und Doktor Watson ermitteln in einem frühneuzeitlichen Kloster. Holmes heißt hier Baskerville, konsumiert aber gleichwohl ebenfalls Drogen und verblüfft mit kühnen Schlussfolgerungen, legt auch eine gewisse Arroganz an den Tag wie sein Kollege aus der Bakerstreet. Watson heißt hier Adson und schaut mit Staunen und Bewunderung zu ihm auf. Das Ganze gut komponiert, und die Geschichte gewinnt nicht nur durch den historischen Hintergrund, sondern auch durch den abgeschlossenen Kosmos, in dem sie spielt. Ach, Mensch, die verschwundene Hälfte der "Poetik" hätte ich auch gern gelesen. EIn gutes, aber auch sehr forderndes Buch. Der Erfolg sei ihm gegönnt.

 

Katja Brandis: Khyona. Im Bann des Silberfalken

 

Carl Ludwig Reuss: Carl & Anna: Eine Harzer Forst- und Familiengeschichte. Autobiografie von Carl Reuss und Anna Reuss.
Ich habe das Buch mit der Autobiografie des ehemaligen Goslarer Stadtförsters in der Goslarschen Zeitung vorgestellt. Der Artikel ist hier zu finden.

 

Hörspiel

 

Maja Nielsen: Abenteuer! Julius Caesar. Feldherr und Staatsmann im alten Rom
Ein lehrreiches Stück, nicht ganz schlecht. Aber die Rahmenhandlung hat mich etwas enttäuscht. Es ist halt ein Erzählstück: Bei Caesars Begräbnis trifft ein junger Soldat auf einen alten Soldaten, der Caesar von Anfang an begleitet hat, und bittet ihn, ihm etwas über den Feldherrn zu erzählen. Beide setzen sich an einem Lagerfeuer nieder, und der alte Soldat erzählt eben ...
Ich frage mich auch immer, wie es zu dieser Verherrlichung des Mannes kam. Er war der Mann, der die römische Republik zerstörte und sich zum Tyrannen aufschwang. Kein Grund, ihn zu feiern. Wollte es nur mal gesagt haben.

 

März

 

Claudi Feldhaus: Zimazans
Eine mögliche Zukunft? Der Mensch hat sich weiterentwickelt zum "homo pennatus", zum geflügelten Menschen. Riesenhafte Menschen mit Flügeln beherrschen die Welt. Der homo sapiens ist allerdings nicht ausgestorben. Die weiterhin existierenden Sapiens fristen entweder ein Dasein als Sklaven in den Metropolen der Pennati, oder sie leben in der Wildnis als Jäger und Sammler auf der untersten Kulturstufe, immer in Angst, von den Flügelwesen als Jagdbeute getötet oder versklavt zu werden. Aber dann vergewaltigt ein Pennatus eine Sapiens-Frau. Deren Tochter entwickelt ungewöhnliche Körperkraft und nicht minder hohe Geistesgaben. Ein Kampf um die Freiheit der Sapiens beginnt. Allerdings: Der junge Erbe der Pennatus-Herrschaft und die Anführerin der Aufständischen lieben einander ... Eine spannende Geschichte und eine interessante Zukunftsvision. Und zum Zugreifen hat mich vor allem das zauberhafte Titelbild animiert.

 

Günter Abramowski: Die Umarmung
Ich hatte hier im Blog ja schon einige Gedichtbände des Lyrikers Günter Abramowski vorgestellt. Dieses Buch hier ist etwas anderes. Es handelt sich um sein Erstlingswerk, erschienen 1994. Ein Buch, das keine Gedichte enthält, sondern in einer Art lyrischen Prosa verfasst ist. Kurzgeschichten mag ich die fünf enthaltenen Texte nicht nennen, eher sind es Klanggebilde, zum Teil Traumbilder oder Handlungen vor surrealem Hintergrund. Der Autor selbst nennt die fünf Beiträge im Untertitel "Innenraumfiktionen". So erzählt die titelgebende Geschichte von einem Mann, der im Krankenhaus erwacht und sich in den Garten begibt und dort den Gärtner - ja, was genau eigentlich? Umschreibungen wie "Der Schürfverwundete geht unter", "Diese Kraft reverberiert den Gärtner zum Patienten" oder "Des Patienten Leben zerplatzt wie eine Seifenblase" lassen auf eine körperliche Auseinandersetzung schließen. Da ist es nur folgerichtig, dass am Ende zwei "sportive Pfleger" hinter seinem Rücken die Jacke verschnüren ...
Andere Geschichten erzählen von skurrilen, in sich kreisenden Personen, seltsamen Reisegruppen, Traumreisen oder Wirklichkeiten, die aus einem leicht verzerrten Winkel betrachtet werden. Vor allem aber ist dieses Buch ein Spiel mit Worten und Sprache, das durch überraschende Wort-Erfindungen immer wieder aufhorchen lässt.
Insgesamt eine Sammlung, für die man viel Ruhe und ein offenes Auge braucht. Auch eine zweite Lektüre tut den Texten wohl.

 

Urs Allemann: Carruthers-Variationen
Urs Allemann ist gebürtiger Schweizer und Wahl-Goslarer, daher landete sein Buch auf meinem Schreibtisch bei der Goslarschen Zeitung. Meine Rezension dazu ist hier zu finden.

 

DC: Shazam-Anthologie
Klassische Geschichten um Captain Marvel und seine Familie. Die Geschichte vom bettelarmen Zeitungsjungen und der magischen U.Bahn. Die Halle der sieben Todsünden. Der alte, weise Zauberer Shazam. Hach, ja, eben magisch. Schade, dass die Origin-Story von Captain Marvel junior nicht drin ist, aber immerhin ist die Geschichte drin, wie Billy seine unbekannte Schwester Mary findet. Und die vier Captains. Und Uncle Marvel natürlich. Die Freundschaft und ständige Rivalität mit Superman. Das Zusammentreffen der Marvels mit der Superman-Familie. Die Geschichte von Captain Thunder. Black Adam. Und das epische Werk "The Power of Hope", das ich auch als überformatiges Album besitze. Alles in allem eine schöne Sammlung.

 

Anna Müller-Tannewitz: Avija, das Mädchen aus Grönland
Geschichte einer jungen Inuit, damals noch Eskimo genannt, die gern "Benze" werden möchte. Benze ist das Inuit-Wort für Krankenschwester. Wieder eine schöne Vokabel gelernt. Als ihr Vater verletzt wird, pflegt sie ihn und ist dabei so geschickt, dass der dänische Arzt ihr Talent erkennt und ihr die Möglichkeit einer Ausbildung eröffnet. Avija träumt davon, in Kopenhagen zu lernen und dort so etwas wie Bäume zu sehen, die sie nur von Fotos kennt. Aber dann kommt alles ganz anders, und sie soll in einem grönländischen Krankenhaus ausgebildet werden.
Ein sehr liebenswürdiges Kinderbuch von einer der Urmütter der Indianerliteratur, das auch viel vom Alltag der Inuit zeigt. 1971 erschienen und daher ein wenig angestaubt, aber nett zu lesen.

 

Walhalla. Die gesammelte Saga. Band 5
- Die Ballade von Balder
- Die Mauer
- Völvas Visionen

 

Hörspiel/Hörbuch

 

Berit Hempel: Abenteuer & Wissen: Nelson Mandela - Ein Leben für die Freiheit
Gut gemachtes Hörspiel über die Lebensgeschichte eines beeindruckenden Mannes. Ich habe eine Menge gelernt daraus.

 

Ute Welteroth: Abenteuer und Wissen: Wolfgang Amadeus Mozart - Wunderkind und Musikrebell
Ordentlich gemacht, bietet aber keine größeren Überraschungen. Vielleicht, weil ich einfach schon zu viele Mozart-Hörspiele gehört habe. Arbeitet eben die Pflicht-Stationen ab.

 

Kirsten Boie: Heul doch nicht, du lebst ja noch
Die Geschichte spielt im Juni 1945, und jeder, der das Datum liest, weiß natürlich, dass der Krieg damals schon seit einem Monat beendet war. Nur der Junge Jakob weiß das nicht. Jakob ist Jude, genauer gesagt: Halbjude. Durch seinen "arischen" Vater hatten Jakob und seine Mutter einen gewissen Schutz genossen. Doch als der Vater kurz vor Kriegsende stirbt, erhält die Mutter sofort die Aufforderung, sich bereit zu machen, sie werde abgeholt. Sie schärft ihrem Sohn ein, sich sofort zu seinen Großeltern zu begeben. Die haben die jüdische Schwiegertochter und ihren Sohn zwar nie geliebt, aber sie sollen sich nun um den Jungen kümmern.
Doch Jakob verirrt sich in der großen zerbombten Stadt Hamburg. Ein alter Mann versteckt ihn schließlich in einem halbzerstörten Haus und bringt ihm regelmäßig etwas zum Essen. Aber dann bleibt der Alte plötzlich aus. Jakobs Vorräte schwinden. Irgendwann muss er es wagen, die Ruine zu verlassen. Er versucht, Nahrungsmittel zu stehlen. Dann gerät er an eine Kinderbande, die etwas pikiert ist, als er sie mit einem zackigen "Heil Hitler!" begrüßt. Unter dem Namen Friedrich versucht er, bei der Gruppe mitzumischen. Was nicht leicht ist, zumal bei den Kindern Hermann das große Wort führt. Der war überzeugter Nazi und HJ-Führer und hasst alles, was irgendwie nach Jude oder Ausland riecht. Zum Glück ist Friedrich ja ein echter deutscher Junge ...
Es ist eine Geschichte, die unter die Haut geht. Und der Titel ist durchaus Programm für die Härte, mit der einige der Beteiligten auf ihr Leben blicken. Neben Jakob ist auch der widerliche Junge Hermann sehr detailliert und mit einigen tieferen Charakterstrichen gezeichnet. Der schwerbehinderte Vater und die tyrannische Art, wie der beinlose zynische Mann seine Familie schikaniert, haben auch Hermann hart und mitleidslos gemacht. Wenn er Mitleid empfindet, dann einzig und allein mit sich selbst, weil er an diese Familie gebunden ist, seinen Vater ständig aufs Klo tragen muss und keine Chance hat, mit einem Verwandten nach Amerika zu gehen.
Das einzige freundliche Wesen in der Gruppe ist das Mädchen Traute, die Bäckerstochter, die so gern beim Fußball mitmachen möchte und sich schließlich ihren Platz in der Mannschaft mit einem gestohlenen Brot erkauft. Aber was passiert, wenn der Vater nun ausgerechnet die mit im Haus einquartierte Flüchtlingsfamilie des Diebstahls bezichtigt? Traute muss gestehen, so schwer es ihr fällt.
Ein beeindruckendes, spannendes Hörbuch über eine schlimme Zeit, das zeigt, dass nach dem Krieg eben nicht alles vorbei war mit Hass und Gewalt.

 

Weitere Jahresrückblicke
Teil II: April bis Juni 2022
Teil III: Juli bis Oktober 2022
Teil IV: November 2022
Teil V: Dezember 2022

 

© Petra Hartmann








Das intergalaktische Bestiarium, 2025

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Was verbirgt sich hinter dem Tor des Krkt-jinn und warum verliert der Planet Light Lady seine Schwerkraft? Kann die Heimat der Regenbogenkatzen noch gerettet werden? Gibt es das sagenhafte Tier der Unordnung wirklich? Sind die irrsinnigen Prophezeiungen über das Wiedererwachen des unheiligen Urgottes Chthonio möglicherweise doch ernst zu nehmen? Und ist wirklich jeder dem Tod geweiht, der der Wurzel allen Übels begegnet?

Das Universum hat viele Wunder hervorgebracht, aber keines ist größer als das Leben. Ein paar der ungewöhnlichsten Lebewesen aller Welten sind in diesem intergalaktischen Bestiarium zu finden. Thomas Hofmann und Petra Hartmann haben sie aufgespürt.

 

Buch-Infos:

Das intergalaktische Bestiarium. Text: Petra Hartmann / Zeichnungen: Thomas Hofmann. Neustadt in Sachsen: Edition Dunkelgestirn, Mai 2025. 180 Seiten.
Reichhaltig mit Illustrationen von Thomas Hofmann versehen, zu denen die Texte von Petra Hartmann verfasst wurden. Gebunden in blaues Leinen, mit Leseband, silberner Prägung auf dem Buchrücken und Schutzumschlag. Versehen mit den Signumklischees der Autoren, nummeriert und auf 100 Exemplare limitiert. 32,90 Euro.

 

 

 

Das Herz des Donnervogels, 2023

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Ein Indianer taucht in dem verschlafenen Küstenstädtchen Kitty Hawk auf. Die Witwe Murdoch ist überzeugt, dass der Fremde ein Kundschafter ist und bald seine roten Spießgesellen zum Morden und Plündern mitbringen wird. Doch Junger Adler hat andere Pläne. Er träumt vom Fliegen und wartet auf das Eintreffen zweier verrückter Fahrradhändler.
Karl-May-Fans kennen Junger Adler bereits aus dem Roman Winnetous Erben. Die Vorgeschichte zu diesem Buch wird nun von Petra Hartmann erzählt.

 

Buch-Infos:
Petra Hartmann: Das Herz des Donnervogels

Band 18, Abenteuer-Roman
Exklusive Sammler-Ausgabe
Seiten: 282

Taschenbuch
VÖ: April 2023

2. Auflage: April 2024.
Künstler: MtP-Art (Mario Heyer)
Künstler (Innenteil): MtP-Art (Mario Heyer)
Preis: 12,95 Euro

 

Bestellen beim Blitz-Verlag

 

Das E-Book ist zum Preis von Euro 3,99 erhältlich.

Unter anderem bei Amazon

oder direkt beim Blitz-Verlag.

 

 

 

Falkenblut, 2020

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Blut und Tod, so weit die Falkenaugen reichen: So hatte sich Valkrys ihren ersten Flug als Walküre nicht vorgestellt. Ragnarök, die Endzeit-Schlacht, ist geschlagen. Die Götter tot, die Welt ein Flammenmeer, das Götterreich Asgard droht, in die Tiefe zu stürzen. Einzig Widar, den Sohn und Erben Odins, kann die Walküre retten. Doch der neue Götterkönig schweigt sich über seine Ziele aus ...

Es ist eine schaurige Welt, in der sich die junge Walküre behaupten muss. Doch Valkrys wäre keine echte Falkin, wenn sie einem Kampf aus dem Weg gehen würde. Todesmutig und mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor stürzt sie sich in die Begegnungen mit Jöten, Thursen, Reifriesen, Seelenräuberinnen, Werwölfen, Berserkern, Hexen, Meerungeheuern und dem furchtbaren Totenschiff Naglfari.

 

 

Petra Hartmann: Falkenblut.

Sibbesse: Hottenstein, 2020.

Broschiert, 247 S., Euro 11.

ISBN 978-3935928991

 

Bestellen im Hottenstein-Verlags-Shop

 

Bestellbar unter anderem bei Amazon

Hörbuch: Drachen! Drachen! 2020

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Fatal wäre es, Drachen zu unterschätzen! Wer glaubt, genug über sie zu wissen, hat schon verloren. Diese 23 meisterlichen Geschichten aus verschiedenen literarischen Genres belegen, dass das Thema aktuell, überraschend und packend ist - und gelegentlich fies!

Die Autoren: Rainer Schorm, Achim Mehnert, Andrea Tillmanns, Malte S. Sembten, Frank G. Gerigk, Christel Scheja, Fiona Caspari, Hendrik Loy, Christiane Gref, Linda Budinger, Miriam Pharo, Carsten Steenbergen, Rebecca Hohlbein, Frank W. Haubold, Melanie Brosowski, Astrid Ann Jabusch, Thomas R. P. Mielke, Karsten Kruschel, Marc A. Herren, Petra Hartmann, Monika Niehaus, Uwe Post.

 

Herausgeber: Petra Hartmann, Frank G. Gerigk

Sprecher: Tim Schmidt

Blitz-Verlag

Ungekürzte Lesung

mp3-Download

611 Minuten, 495.91 MB

9783991093435

 

Zu bestellen unter anderem bei Thalia oder bei Amazon.

Nestis und die verbotene Welle, 2017

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Meerprinzessin Nestis und ihre Freunde sind sauer: Lehrer Seestern meint, dass laute Haifischmusik nichts für Kinder ist. Und der Kronrat stimmt ihm zu. Deshalb bekommt die Band »Ølpæst« Auftrittsverbot in der gesamten Nordsee. Doch plötzlich ist deren Musik überall zu hören: Ein Piratensender strahlt die Hits der Knorpelfischgang lautstark aus.

Als eine hochexplosive Kugelmine über dem blauen Glaspalast im Meer dümpelt und ein führungsloser Öltanker in die Nordsee einfährt, droht eine wirkliche Ölpest. Gelingt es den Meerkindern, ein Unglück zu verhindern?

 

Petra Hartmann: Nestis und die verbotene Welle. Mit Illustrationen von Olena Otto-Fradina. Hildesheim: Verlag Monika Fuchs. Voraussichtlich ab Juni 2017 erhältlich.

Buch-Infos: ca. 152 Seiten, 14,2 x 20,6 cm, Hardcover, zahlreiche s/w-Illustrationen, mit Fadenheftung, Euro 14,90, ISBN 978-3-977066-00-1

 

Leseprobe

 

Bestellen beim Verlag Monika Fuchs.

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Demantin, 2016

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Demantin, der junge König von Antrium, liebt die griechische Königstochter Sirgamot. Doch ihr Vater ist strikt gegen die Hochzeit. Immerhin ist Sirgamot erst zwölf Jahre alt. So zieht Demantin in die Welt, um Ruhm zu erwerben, den Namen seiner Geliebten durch seine Taten zu verherrlichen und sich dem griechischen König als Schwiegersohn zu empfehlen. Er besteht heldenhafte Kämpfe, erwirbt sich die Freundschaft der Königin und des Königs von England und besiegt ein schauriges Meerweib. Letzteres allerdings erweist sich als verhängnisvoll. Denn die sterbende Unholdin verflucht Demantin und prophezeit, dass seine Geliebte mit dem üblen König Contriok verlobt werden soll. Kann Demantin noch rechtzeitig zurückkehren, um die Hochzeit zu verhindern?

 

Berthold von Holle / Petra Hartmann: Demantin. Ein Ritter-Epos
128 Seiten | 12 x 17 cm | Softcover | Klebebindung |
Verlag Monika Fuchs | Hildesheim 2016
ISBN 9-78-3-940078-34-6
8,95 EUR

 

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Leseprobe

 

Crane, 2016

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Gayol, der Sohn des ungarischen Königs, hat in jugendlichem Übermut den alten Hofmarschall seines Vaters zum Wettkampf herausgefordert und eine peinliche Niederlage erlitten. Aus Scham flüchtet er und gerät ins Reich des deutschen Kaisers, wo er unerkannt unter dem Namen Crane (Kranich) eine Stellung als Kämmerer annimmt und bald sehr beliebt ist. Doch als der Fremde und die Kaiserstochter einander näher kommen und Hofbeamten Unzucht und eine unstandesgemäße Liebschaft wittern, beginnt eine schwere Zeit für Königssohn und Kaiserstochter. Kann Gayol sich auf die Treue Acheloydes verlassen? Und kann die lebensbedrohliche Krankheit der Prinzessin noch geheilt werden?

 

Berthold von Holle / Petra Hartmann: Crane. Ein Ritter-Epos
84 Seiten | 12 x 17 cm | Softcover | Klebebindung |
Verlag Monika Fuchs | Hildesheim 2016
ISBN 978-3-940078-48-3
6,95 EUR

 

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Leseprobe

Hut ab, Hödeken! 2015

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Ein rasender Bischof auf dem Rennstieg.
Wegweiser, die sich wie von Geisterhand drehen.
Jäger in Todesangst.
Bierkutscher mit unheimlicher Fracht.
Ein stammelnder Mönch,
der plötzlich zum brillanten Redner wird.
Sollte da Hödeken seine Hand im Spiel haben?
Sagen um einen eigenwilligen Geist
aus dem Hildesheimer Land,
frisch und frech nacherzählt
von Petra Hartmann.

 

Petra Hartmann: Hut ab, Hödeken!

Hildesheim: Verlag Monika Fuchs.

101 S., Euro 7,95.

ISBN 978-3-940078-37-7

 

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Leseprobe

Freiheitsschwingen, 2015

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Deutschland in den 1830er-Jahren: Für Handarbeit, arrangierte Ehe und Kinderkriegen hat die junge Bürgermeistertochter wenig übrig. Stattdessen interessiert sie sich für Politik und Literatur und greift sehr zum Leidwesen ihres Vaters selbst zur Feder, um flammende Texte für die Gleichberechtigung der Frau und die Abschaffung der Monarchie zu verfassen. Angestachelt von der revolutionären Stimmung des Hambacher Festes versucht sie, aus ihrem kleinbürgerlichen Dasein auszubrechen und sich als Journalistin zu behaupten. Gemeinsam mit ihrer großen Liebe verschreibt sie sich dem Kampf für ein freies, geeintes Deutschland und schlägt den Zensurbehörden ein Schnippchen. Die Geheimpolizei ist ihnen jedoch dicht auf den Fersen, und die junge Journalistin begeht den verhängnisvollen Fehler, ihre Gegner zu unterschätzen

 

Petra Hartmann: Freiheitsschwingen

Personalisierter Roman

München: Verlag Personalnovel, 2015

ca. 198 Seiten. Ab Euro 24,95.

(Einband, Schriftart und -größe, Covergestaltung etc. nach Wahl.)

 

Bestellen unter:

www.tinyurl.com/Freiheitsschwingen

 

Timur, 2015

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Wer ist der bleiche Jüngling im Verlies unter der Klippenfestung? Prinzessin Thia will ihn retten. Doch wer Timurs Ketten bricht, ruft Tod und Verderben aus der Tiefe hervor. Als der Blutmond sich über den Horizont erhebt, fällt die Entscheidung ...

 

Beigaben:

Nachwort zur Entstehung

Original-Erzählung von Karoline von Günderrode

Autorinnenbiografien

Bibliografie

 

Petra Hartmann: Timur

Coverillustration: Miguel Worms

Bickenbach: Saphir im Stahl, 2015.

ISBN: 978-3-943948-54-7

Taschenbuch, 136 S.

Euro 9,95

 

 

Ulf, 2015

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Ein Roman-Experiment mit ungewissem Ausgang: Ulf (Magisterstudent unbekannter Fachrichtung), stammt aus einem Dorf, das mehrmals jährlich überschwemmt wird. Zusammen mit Pastor Dörmann (Geistlicher unbekannter Konfession) und Petra (Biografin ohne Auftrag) überlegt er, was man dagegen tun kann. Als ein vegetarisches Klavier die Tulpen des Gemeindedirektors frisst und das Jugendamt ein dunkeläugiges Flusskind abholen will, spitzt sich die Situation zu. Nein, Blutrache an Gartenzwergen und wütende Mistgabelattacken sind vermutlich nicht die richtigen Mittel im Kampf für einen Deich ...
Mal tiefgründig, mal sinnlos, etwas absurd, manchmal komisch, teilweise autobiografisch und oft völlig an den Haaren herbeigezogen. Ein Bildungs- und Schelmenroman aus einer Zeit, als der Euro noch DM und die Bahn noch Bundesbahn hieß und hannöversche Magister-Studenten mit dem Wort "Bologna" nur eine Spaghettisauce verbanden.

 

Petra Hartmann:

Ulf. Ein Roman-Experiment in zwölf Kapiteln.

eBook

Neobooks 2015

Euro 2,99

Erhältlich unter anderem bei Amazon

Vom Feuervogel, 2015

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Ein Tempel in der Wüste. Heilige Männer, die sich dem Dienst des Feuervogels geweiht haben. Ein Hirtenjunge, der seinem Traum folgt. Aber wird der alte und kranke Phönix wirklich zu neuem Leben wiederauferstehen, wenn der Holzstoß niedergebrannt ist? Eine Novelle von Idealen und einer Enttäuschung, die so tief ist, dass kein Sonnenstrahl je wieder Hoffnung bringen kann.

 

Petra Hartmann:

Vom Feuervogel. Novelle.

Erfurt: TES, 2015.

BunTES Abenteuer, Heft 30.

40 Seiten, Euro 2,50 (plus Porto).

Bestellen unter:

www.tes-erfurt.jimdo.com

 

eBook:

Neobooks, 2015.

Euro 1,99.

Unter anderem bei Amazon

Nestis und die Hafenpiraten, 2014

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Endlich Sommerferien! Nestis und ihre Freunde freuen sich auf sechs Wochen Freiheit und Abenteuer. Doch ausgerechnet jetzt verhängt der Kronrat ein striktes Ausgehverbot für alle Meerkinder. Denn in der Nordsee treibt plötzlich ein furchtbares “Phantom† sein Unwesen. Möwen, Lummen und Tordalke werden von einem unheimlichen Schatten unter Wasser gezerrt und verschwinden spurlos.

Nestis beschließt, den Entführer auf eigene Faust zu jagen. Als ein Dackel am Strand von Achterndiek verschwindet, scheint der Fall klar: Die gefürchteten “Hafenpiraten" müssen dahinter stecken. Zusammen mit ihrem Menschenfreund Tom wollen die Meerkinder der Bande das Handwerk legen ...

Petra Hartmann: Nestis und die Hafenpiraten
Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2014
ISBN 978-3-940078-84-1
14,90 EUR

 

 

Leseprobe unter

 

www.tinyurl.com/nestis2

Blitzeis und Gänsebraten, 2014

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Weihnachten im Potte †¦

†¦ ist so vielfältig wie die Menschen, die dort leben. Und deshalb findet sich auf diesem Bunten Teller mit 24 Hildesheimer Weihnachtsgeschichten für jeden etwas: romantische Erzählungen und freche Gedichte, Erinnerungen an die Nachkriegszeit, Geschichten von neugierigen Engeln, eifrigen Wichteln und geplagten Weihnachtsmännern. Der Huckup und die »Hildesheimer Weisen« fehlen auch nicht. Was es aber mit dem Weihnachtswunder an der B6 auf sich hat, erfahren Sie auf Seite 117. - Greifen Sie zu!

 

 

Petra Hartmann & Monika Fuchs (Hrsg.): Blitzeis und Gänsebraten. Hildesheimer Weihnachtsgeschichten.

Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2014.

144 Seiten | 12 x 17 cm | Paperback |

ISBN 978-3-9400787-57-5
8,90 EUR

 

Leseprobe

Beim Vorderhuf meines Pferdes, 2014

Eingefügtes Bild

Das Messer zuckte vor. Fauchend wich die riesige Katze zurück. Doch nur, um sofort wieder anzugreifen. Das Mädchen, das auf dem Leichnam seiner Stute kauerte, schien verloren.
Acht Jahre ist Steppenprinzessin Ziris alt, als sie bei einem Sandkatzenangriff ihr Lieblingspferd verliert. Ist es wirklich wahr, was ihr Vater sagt? "Alle Pferde kommen in den Himmel ..."
Drei Erzählungen aus der Welt der Nearith über edle Steppenrenner, struppige Waldponys und die alte graue Stute aus Kindertagen.

Petra Hartmann: Beim Vorderhuf meines Pferdes. Neue Geschichten aus Movenna. eBook, ca. 30 Seiten. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2014. Euro 0,99.

Erhältlich unter anderem bei Amazon.

Darthula, 2014

Eingefügtes Bild

Darthula ist die Tochter eines irischen Kleinkönigs, der über das nebelreiche Land Selama herrscht. Als schönste Prinzessin Irlands lebt sie allerdings nicht ungefährlich. Als sie den mächtigen König Cairbar abweist und ihm nicht als seine Braut folgen will, nimmt das Unheil seinen Lauf. Cairbar überzieht das kleine Selama mit Krieg und Vernichtung und rottet Darthulas Familie aus. Mit ihrem Geliebten Nathos wagt die junge Frau die Flucht über die stürmische See. Aber Wind und Wellen sind unzuverlässige Verbündete ...

Beigaben zur Neuausgabe:
Vorwort der Autorin mit Infos zur Entstehungsgeschichte
Übersetzung des "ossianischen Originals"
Autorinnenbiographie und Veröffentlichungsliste

Buch-Informationen:
Petra Hartmann: Darthula, Tochter der Nebel.
Bickenbach: Verlag Saphir im Stahl, 2014.
Taschenbuch. 126 S., Euro 9,95.
ISBN 978-3-943948-25-7

Bestellen bei Saphir im Stahl

Pressearbeit für Autoren, 2014

Eingefügtes Bild

Petra Hartmann, Autorin und langjährige Lokalredakteurin, gibt Tipps für die Pressearbeit vor Ort. Sie erklärt die Wichtigkeit der „Ortsmarke“ für eine Zeitung, gibt Tipps zum Schreiben von Artikeln, zum guten Pressefoto und zum Umgang mit Journalisten. Anschaulich, verständlich, praxisorientiert und für Autoren jedes Genres anwendbar.

Petra Hartmann: Pressearbeit für Autoren. So kommt euer Buch in die Lokalzeitung.
eBook. Neobooks, 2014. Ca. 30 Seiten.
Euro 1,99
Diverse Formate, für alle gängigen eBook-Reader.
Erhältlich z.B. bei Amazon, eBook.de, Thalia, Hugendubel, Weltbild u.a.

Nestis und der Weihnachtssand, 2013

Eingefügtes Bild

Als kleine Weihnachtsüberraschung gibt es für Fans des "großen" Nestis-Buchs "Nestis und die verschwundene Seepocke" jetzt ein kleines bisschen Weihnachtssand: Der Verlag Monika Fuchs hat aus der "Ur-Nestis", einem Helgoland-Märchen aus dem Jahr 2007, jetzt ein eBook gemacht. Mit einem wunderschönen Cover von Olena Otto-Fradina und mit ein paar exklusiven Einblicken in Nestis' Nordseewelt.

Klappentext:
"November 2007: Orkantief Tilo tobt über die Nordsee und reißt große Teile der Helgoländer Düne ins Meer. Wer soll nun die Robbenküste reparieren? Meerjungfrau Nestis wünscht sich einfach mal vom Weihnachtsmann 500.000 Kubikmeter Sand ..."

Bonus-Material:
Die Autorin im Interview mit Wella Wellhorn von der Meereszeitung "Die Gezeiten"
XXL-Leseprobe aus "Nestis und de verschwundene Seepocke"

Petra Hartmann: Nestis und der Weihnachtssand. Ein Helgoland-Märchen. Mit Illustrationen von Olena Otto-Fradina. Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2013. 99 Cent.

Erhältlich für den Amazon-Kindle

Nestis und die verschwundene Seepocke, 2013

Eingefügtes Bild


Eine ausführliche Leseprobe findet ihr hier:
www.tinyurl.com/nestis


Wütend stampft Meerjungfrau Nestis mit der Schwanzflosse auf. Ihre Schwester Undine ist von den Menschen gefangen worden – und weder Meerkönig noch Kronrat wagen, die Kleine zu retten. Aber Nestis fürchtet sich nicht einmal vor den furchtbarsten Monstern des Meeres. Zusammen mit ihren Freunden bricht sie auf zur Rettungsaktion, und es zeigt sich, dass tollpatschige Riesenkraken und bruchrechnende Zitteraale großartige Verbündete sind.
Petra Hartmann entführt ihre Leser in eine etwas andere Unterwasserwelt mit viel Humor und Liebe zum Detail. Trotz des phantastischen Meermädchen-Themas findet der Leser auch sehr viel naturnahe Beobachtungen aus Nord- und Ostsee, lernt die Meerbewohner und ihre Probleme kennen. Dabei werden unter anderem auch die Meeresverschmutzung, Fischerei und die wenig artgerechte Haltung von Haien in Aquarien behandelt.
Zauberhaft dazu die Zeichnungen von Olena Otto-Fradina.

Text: Petra Hartmann
Bilder: Olena Otto-Fradina
| Hardcover | 14,8 x 21 cm
Verlag Monika Fuchs | Hildesheim 2013
151 S., Euro 14,90
ISBN 978-3-940078-64-3


eBook:
Amazon-Kindle, 2154 KB
Euro 6,99
http://amzn.to/JJqB0b

Autorenträume, 2013

Eingefügtes Bild


Autorinnen und Autoren schicken ihre Leser in vergangene Zeiten, ferne Länder, phantastische Welten, spannende Abenteuer und bringen sie zum Träumen.
Wovon aber träumen Autoren? Vom Nobelpreis? Vom Bestseller? Vom Reich-und-berühmt-werden? Oder einfach nur davon, eines Tages vom Schreiben leben zu können? Vom Lächeln auf dem Gesicht eines Kindes, wenn das neue Märchen vorgelesen wird? Oder sind es schreckliche Albträume, die der angebliche Traumberuf mit sich bringt? Werden Schriftsteller nachts im Schlaf gar von Verlegern, Lektoren, Rezensenten oder Finanzbeamten bedroht?
Monika Fuchs und Petra Hartmann starteten eine »literarische Umfrage«, wählten aus den über 300 Antworten 57 phantasievolle Beiträge aus und stellten sie zu diesem Lesebuch zusammen. Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen des Autorenalltags und träumen Sie mit!
Von jedem verkauften Buch wird 1 Euro an das Hilfswerk Brot & Bücher e.V. der Autorin Tanja Kinkel gespendet, die auch das Geleitwort zum Buch schrieb.

Petra Hartmann und Monika Fuchs (Hrsg.):
Autorenträume. Ein Lesebuch.
ISBN 978-3-940078-53-7
333 S., Euro 16,90

Bestellen beim Verlag Monika Fuchs

Mit Klinge und Feder, 2013

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Phantasie statt Völkerschlachten - das war das Motto, unter dem die Phantastik Girls zur Schreibfeder griffen. Mit Humor, Gewitztheit und ungewöhnlichen Einfällen erzählen sieben Autorinnen ihre Geschichten jenseits des Mainstreams der Fantasy. Kriegerinnen und gut bewaffnete Zwerge gehören dabei genau so zum Personal wie sprechende Straßenlaternen, Betonfresser oder skurrile alte Damen, die im Bus Anspruch auf einen Behindertensitzplatz erheben. Dass es dennoch nicht ohne Blutvergießen abgeht, ist garantiert: Immerhin stecken in jeder der Storys sechs Liter Herzblut. Mindestens.

Mit Klinge und Feder. Hrsg. v. Petra Hartmann und Andrea Tillmanns.
Mit Geschichten von Linda Budinger, Charlotte Engmann, Petra Hartmann, Stefanie Pappon, Christel Scheja, Andrea Tillmanns und Petra Vennekohl.
Homburg/Saar: UlrichBurger Verlag, 2013. 978-3943378078
247 S., Euro 9.
Bestellen bei Amazon

eBook:
396 KB, Euro 5,49.
Format: Kindle
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Das Serum des Doctor Nikola, 2013

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Berlin, 1927. Arbeitslos, pleite und mit der Miete im Rückstand: Bankierssohn Felix Pechstein ist nach dem "Schwarzen Freitag" der Berliner Börse ganz unten angekommen. Da erscheint das Angebot, in die Dienste eines fremden Geschäftsmannes zu treten, eigentlich als Geschenk des Himmels. Doch dieser Doctor Nikola ist ihm mehr als unheimlich. Vor allem, als Felix den Auftrag erhält, Nikola zu bestehlen ...

Petra Hartmann: Das Serum des Doctor Nikola
Historischer Abenteuerroman.
ISBN 978-3-938065-92-1
190 S., 12,95 Euro.
Bestellen beim Wurdack-Verlag

Leseprobe

Hörbuch: Der Fels der schwarzen Götter, 2012

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Bei einer Mutprobe begeht der junge Ask einen folgenschweren Fehler: Er schlägt einem der schwarzen Götter die Nase ab. Der unscheinbare Dreiecksstein wird Auslöser eines der blutigsten Kriege, die das Land jemals erlebt hat.
Bald wissen die Völker des Berglandes nicht mehr, wen sie mehr fürchten sollen: die schwarzen Götter, die weißen Dämonen oder die sonnenverbrannten Reiter aus den fernen Steppen ...

Der Fels der schwarzen Götter.
Hörbuch. 8 Stunden, 57 Minuten.
Sprecherin: Resi Heitwerth.
Musik: Florian Schober.
Action-Verlag, 2012.
CD/DVD: 16,95 Euro
mp3-Download: 11,95 Euro

Hörbuchfassung des 2010 im Wurdackverlag erschienenen Buchs "Der Fels der schwarzen Götter".

Termine

Messen, Cons, Büchertische

 

Samstag, 25. April: Marburg-ConBürgerhaus Weimar (Lahn) - Niederweimar, Herborner Straße 36, 35096 Niederweimar. Beginn: 10 Uhr. Büchertisch ist angefragt.

 

Donnerstag, 14. Mai, bis Sonntag, 17. Mai: Elze im Wunderland. Büchertage des Autorenkreises „Wort für Wort“ und des Hottenstein Buchverlags. Ich bin mit einer Lesung aus "Falkenblut" und einem Büchertisch vertreten. Datum und Uhrzeit folgen.

Links

Meine Heimseite:

www.petrahartmann.de

 

Facebook-Autorenseite:

www.facebook.com/AutorinPetraHartmann/

 

Nestis auf Facebook:

www.facebook.com/nestis.net/

 

Die Falkin auf Facebook:

https://www.facebook.com/FalkinValkrys

 

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Biografie

Petra Hartmann, Jahrgang 1970, wurde in Hildesheim geboren und wohnt in Sillium. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft in Hannover. Auf den Magisterabschluss folgten die Promotion mit einer Doktorarbeit über den jungdeutschen Schriftsteller Theodor Mundt und ein zweijähriges Volontariat bei der Neuen Deister-Zeitung in Springe. Anschließend war sie dort fünf Jahre Lokalredakteurin. Ferner arbeitete sie für die Leine-Zeitung in Neustadt am Rübenberge, die Nordsee-Zeitung in Bremerhaven, die Neue Presse in Hannover und die Volksstimme in Gardelegen. Derzeit ist sie bei der Goslarschen Zeitung beschäftigt.
Als Schriftstellerin liebt sie vor allem das fantastische Genre. Sie verfasst hauptsächlich Fantasy und Märchen. Bekannt wurde sie mit ihren Fantasy-Romanen aus der Welt Movenna. Mit den Abenteuern der Nordsee-Nixe Nestis legte sie ihre erste Kinderserie vor. Sie errang mit ihren Geschichten dreimal den dritten Platz bei der Storyolympiade und wurde 2008 mit dem Deutschen Phantastik-Preis ausgezeichnet.

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Leserunden zum Nachlesen

Leserunde zu "Darthula, Tochter der Nebel" auf Lovelybooks. Mit Autorin Petra Hartmann und Cover-Künstler Miguel Worms: http://www.lovelyboo...nde/1201913120/

 

Leserunde auf Lovelybooks zu "Nestis und die verschwundene Seepocke": Mit Autorin Petra Hartmann und Verlegerin Monika Fuchs:

http://www.lovelyboo...nde/1166725813/

 

Leserunde auf Lovelybooks zu "Mit Klinge und Feder": Mit den Autorinnen Linda Budinger, Petra Hartmann, Stefanie Pappon, Christel Scheja, Andrea Tillmanns und Petra Vennekohl: http://www.lovelyboo...nde/1156671163/

 

Leserunde zu "Falkenblut" auf Lovelybooks: https://www.lovelybo...263/2687604262/

Geschichten über Nestis

Bücher
"Nestis und die verschwundene Seepocke. Ein Meermädchen-Roman." Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2013.
"Nestis und die Hafenpiraten. Ein Meermädchen-Roman." Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2014.

"Nestis und die verbotene Welle. Ein Meermädchen-Roman." Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2017.

 

Mini-Buch

"Nestis und der Weihnachtssand. Ein Helgoland-Märchen." Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2017.

eBooks
"Nestis und der Weihnachtssand. Ein Helgoland-Märchen." Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2013.
"Nestis und die verschwundene Seepocke. Ein Meermädchen-Roman." Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2013.

"Nestis und die Hafenpiraten. Ein Meermädchen-Roman." Hildesheim: Verlag Monika Fuchs, 2014.

Hörbuch
"Eine Hand voll Weihnachtssand." In: Petra Hartmann: "Weihnachten im Schneeland". Gelesen von Karin Sünder. Mit Musik von Simon Daum. Essen: Action-Verlag, 2010. (mp3-Download und CD-ROM)

Beiträge zu Anthologien
"Weihnachtssand für Helgoland." In: "Wenn die Biiken brennen. Phantastische Geschichten aus Schleswig-Holstein." Hrsg. v. Bartholomäus Figatowski. Plön: Verlag 71, 2009. S. 163-174.

Hödeken-Lesestoff

Buch

Petra Hartmann: Hut ab, Hödeken! Sagen aus dem Hildesheimer Land. Hildesheim: Verlag Monika Fuchs. 101 S., Euro 7,95. ISBN 978-3-940078-37-7. Unter anderem erhältlich bei Amazon.

 

Hörbuch

Petra Hartmann: Hut ab, Hödeken! Sagen aus dem Hildesheimer Land. 2 CD. Hildesheim: Verlag Monika Fuchs. Euro 14,95. ISBN: 978-3940078414. Unter anderen erhältlich bei Amazon.

 

eBook

Petra Hartmann: Hut ab, Hödeken! Sagen aus dem Hildesheimer Land. Hildesheim: Verlag Monika Fuchs.

 

Geschichten

Das Wagenrennen auf dem Rennstieg. In: Hildesheimliche Autoren e.V.: Hildesheimer Geschichte(n). Ein Beitrag zum 1200-jährigen Stadtjubiläum. Norderstedt: Book on Demand. 196 S., Euro 9,99. ISBN 978-3734752698. Unter anderem erhältlich bei Amazon.

Die glücklose Hasenjagd. In: MVP-M. Magazin des Marburger Vereins für Phantastik. Marburg-Con-Ausgabe. Nr. 19b. S. 36-40.

 

Lesung

Das Wagenrennen auf dem Rennstieg, Radio Tonkuhle, Sendung vom April 2015.

 

Movenna-Kompass

Übersicht über die Romane und Erzählungen aus Movenna


Bücher

Geschichten aus Movenna. Fantasy. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2004. 164 S.
Ein Prinz für Movenna. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2007. 188 S.
Der Fels der schwarzen Götter. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2010. 240 S.

 

eBooks

 

Geschichten aus Movenna. Fantasy. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2014.
Ein Prinz für Movenna. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2014.
Der Fels der schwarzen Götter. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2014.

Beim Vorderhuf meines Pferdes. Nittendorf: Wurdack-Verlag, 2014.

Hörbuch

Der Fels der schwarzen Götter. Action-Verlag, 2012.


Movennische Geschichten in Anthologien und Zeitschriften

Die Krone Eirikirs. In: Traumpfade (Anthologie zur Story-Olympiade 2000). Hrsg. v. Stefanie Pappon und Ernst Wurdack. Dresden, 2001. S. 18-25.
Flarics Hexen. In: Geschöpfe der Dunkelheit (Anthologie zur Story-Olympiade 2001). Hrsg. v. Stefanie Pappon und Ernst Wurdack. Dresden, 2002. S. 22-28.
Raubwürger. In: Kurzgeschichten, September 2004, S. 20f.
Furunkula Warzenkraish. Elfenschrift, dritter Jahrgang, Heft 2, Juni 2006. S. 10-14.
Der Leuchtturm am Rande der Welt. In: Elfenschrift, vierter Jahrgang, Heft März 2007, S. 18-21.
Gewitternacht. In: Im Bann des Nachtwaldes. Hrsg. v. Felix Woitkowski. Lerato-Verlag, 2007. S. 57-60.
Pfefferkuchen. In: Das ist unser Ernst! Hrsg. v. Martin Witzgall. München: WortKuss Verlag, 2010. S. 77-79.
Winter-Sonnenwende. In: Mit Klinge und Feder. Hrsg. v. Petra Hartmann und Andrea Tillmanns. Homburg/Saar: UlrichBurger Verlag, 2013. S. 51-59.
Der Reiter auf dem schwarzen Pferd. Ebd. S. 60-68.

Die Blaubeerbrücke. In: Met-Magie. Hrsg. v. Amandara M. Schulzke und Nadine Muriel. Hamburg: Acabus Verlag, 2022. S. 163-174.

 

 

Movennische Geschichten in Fanzines

Föj lächelt. In: Alraunenwurz. Legendensänger-Edition Band 118. November 2004. Hrsg. v. Christel Scheja. S. 23.
Raubwürger. In: Drachenelfen. Legendensänger-Edition Band 130. Januar 2006. Hrsg. v. Christel Scheja. S. 3-5.
Goldauge. In Phantastische Geschichten mit den Phantastik Girls. (Broschüre der Phantastik Girls zum MarburgCon 2007)


Aufsätze

Wie kann man nur Varelian heißen? Über das Unbehagen an der Namensgebung in der Fantasy. In: Elfenschrift, 5. Jahrgang, März 2008. S. 16f.


Movennische Texte online

Aus "Geschichten aus Movenna":
König Surbolds Grab
Das letzte Glied der Kette
Brief des Dichters Gulltong
Der Kranich
Die Rückkehr des Kranichs

Aus "Ein Prinz für Movenna":
Der Leuchtturm am Rand der Welt
Furunkula Warzenkraish
Gewitternacht

Aus "Der Fels der schwarzen Götter":
Der Waldalte
Hölzerne Pranken
Im Bann der Eisdämonen

Die Bibliothek der Falkin

Übersicht über die Romane und Novellen über die Walküre Valkrys, genannt "die Falkin"

Bücher

Die letzte Falkin. Heftroman. Dortmund: Arcanum Fantasy Verlag, 2010.
Falkenblut. Sibbesse: Hottenstein-Verlag, Sommer 2020.

eBooks

Falkenblut. Vier Fantasy-Romane. eBook-Ausgabe. Chichili und Satzweiss.com, 2012. (vergriffen)

Falkenfrühling. Novelle. eBook. Dortmund: Arcanum Fantasy Verlag, 2011. (vergriffen)

Falkenfrühling. Novelle. In: Best of electronic publishing. Anthologie zum 1. Deutschen eBook-Preis 2011. eBook. Chichili und Satzweiss.com, 2011. (unter anderem erhältlich bei Thalia und Amazon)


Aufsatz

Aegirs Flotte - ein Nachruf. In: Fandom Observer, Dezember 2011. S. 16-18. Online-Magazin und Blogversion

Drachen! Drachen! 2012

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Frank G. Gerigk & Petra Hartmann (Hrsg.)
DRACHEN! DRACHEN!
Band 01, Drachen-Anthologie
ISBN: 978-3-89840-339-9
Seiten: 384 Taschenbuch
Grafiker: Mark Freier
Innengrafiker: Mark Freier
Preis: 14,95 €
Bestellen beim Blitz-Verlag

Fatal wäre es, Drachen zu unterschätzen! Wer glaubt, genug über sie zu wissen, hat schon verloren.
Diese 23 meisterlichen Geschichten aus verschiedenen literarischen Genres belegen, dass das Thema aktuell, überraschend und packend ist - und gelegentlich fies!

Die Autoren:
Rainer Schorm, Achim Mehnert, Andrea Tillmanns, Malte S. Sembten, Frank G. Gerigk, Christel Scheja, Fiona Caspari, Hendrik Loy, Christiane Gref, Linda Budinger, Miriam Pharo, Carsten Steenbergen, Rebecca Hohlbein, Frank W. Haubold, Melanie Brosowski, Astrid Ann Jabusch, Thomas R. P. Mielke, Karsten Kruschel, Marc A. Herren, Petra Hartmann, Monika Niehaus, Uwe Post.
Originalveröffentlichung!

Die Schlagzeile, 2011/2012

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Petra Hartmann: Die Schlagzeile.
Personalisierbarer Roman.
PersonalNovel Verlag, 2011.
eBook: PersonalNovel, 2012.
Personalisieren und bestellen

Verschlafen und idyllisch liegen sie da, die Orte Barkhenburg, Kleinweltwinkel und Reubenhausen. Doch dann stört der Diebstahl einer Heiligenfigur die Ruhe: Ein jahrhundertealter Hass bricht wieder aus und ein hitziger Streit entflammt, der aus Freunden Feinde und aus friedlichen Nachbarn sich prügelnde Gegner macht. Mittendrin: Eine Journalistin, die bereit ist, für eine Schlagzeile im Sommerloch alles zu geben. Mit viel Einsatz und einer Prise Humor versucht sie, das Geheimnis um die verschwundene Hubertus-Statue aufzuklären, und muss sich dabei mit erregten Politikern, aufgebrachten Dorfbewohnern und einem nervösen Chefredakteur herumschlagen. Aber die Journalistin lässt sich nicht unterkriegen - bis ihr ein Anruf fünf Minuten vor Redaktionsschluss die Schlagzeile zunichtemacht...

Falkenblut, 2012

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Petra Hartmann: Falkenblut.
Vier Romane in einem Band.
E-Book
Satzweiss.com - chichili agency, 2012.
3,99 Euro

 

Nicht mehr lieferbar!

Neuausgabe in Vorbereitung.


Die Abenteuer der jungen Walküre Valkrys beginnen an ihrem ersten Arbeitstag und ausgerechnet dort, wo die germanischen Götter- und Heldensagen enden: Ragnarök, die Endzeitschlacht, ist geschlagen, Götter und Riesen haben sich gegenseitig aufgerieben, die wenigen Überlebenden irren ziellos durch die Trümmer des zerbrochenen Midgard. An der Seite des neuen Götterkönigs Widar muss sich Valkrys nun behaupten. Dabei trifft sie auf Jöten, Thursen, Reifriesen, Seelenräuberinnen, Werwölfe, Berserker, Hexen, riesenhafte Meerungeheuer und das furchtbare Totenschiff Naglfari. Leseempfehlung ab 12 Jahren.

Meine Bücher 1998 - 2011

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Petra Hartmann
Falkenfrühling
eBook
Arcanum Fantasy Verlag
ISBN: 978-3-939139-59-1

Wegen Verkauf des Arcanum-Verlags ist die Ausgabe nicht mehr erhältlich, aber die Zweitveröffentlichung in der eBook-Anthologie "Best of electronic publishing" gibt es noch als epub oder Kindle-Ausgabe.

Valkrys träumt davon, eine echte Walküre zu sein. Sie springt, noch Kind, vom Dach des Langhauses.
Alle Ermahnungen ihrer Eltern sind vergeblich, sie macht sich an den Aufstieg zum Gipfel der nahen Klippe, besessen vom "Traum vom Fliegen" ...

Fünfter Platz beim Deutschen eBook-Preis 2011.

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Petra Hartmann
Die letzte Falkin
Roman.
Arcanum Fantasy Verlag
ISBN 978-3-939139-62-1
Bestellen beim Arcanum-Verlag

Blut und Tod, so weit die Falkenaugen reichen: So hatte sich Valkrys ihren ersten Flug als Walküre nicht vorgestellt. Ragnarök, die Endzeit-Schlacht, ist geschlagen. Die Götter tot, die Welt ein Flammenmeer, das Götterreich Asgard droht, in die Tiefe zu stürzen. Einzig Vidar, den Sohn und Erben Odins, kann die Walküre retten. Doch der neue Götterkönig schweigt sich über seine Ziele aus †¦


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Petra Hartmann
Der Fels der schwarzen Götter
Roman
Wurdack Verlag
ISBN 978-3-938065-64-8
Bestellen beim Wurdack-Verlag


Hochaufragende Felswände, darin eingemeißelt weit über tausend furchteinflößende Fratzen, die drohend nach Norden blicken: Einer Legende zufolge sind die schwarzen Klippen das letzte Bollwerk Movennas gegen die Eisdämonen aus dem Gletscherreich.
Doch dann begeht der junge Ask bei einer Mutprobe einen folgenschweren Fehler: Er schlägt einem der schwarzen Götter die Nase ab. Der unscheinbare Dreiecksstein wird Auslöser eines der blutigsten Kriege, die das Land jemals erlebt hat. Und die Völker des Berglandes wissen bald nicht mehr, wen sie mehr fürchten sollen: die schwarzen Götter, die weißen Dämonen oder die sonnenverbrannten Reiter aus den fernen Steppen ...


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Petra Hartmann
Darthula
Heftroman
Arcanum Fantasy Verlag
ISBN 978-3-939139-32-4
Bestellen beim Arcanum-Verlag


Darthula, die schönste Prinzessin der Nebellande, beschwört Krieg, Tod und Vernichtung über ihr heimatliches Selama herauf, als sie den Heiratsantrag des mächtigen Königs Cairbar ausschlägt. Zusammen mit ihrem Geliebten flüchtet sie in einem kleinen Segelboot übers Meer. Doch Wind und Wellen sind unzuverlässige Verbündete ...


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Petra Hartmann
Weihnachten im Schneeland
Hörbuch
Action-Verlag
Download bei Audible
CD bestellen beim Action-Verlag

WEIHNACHTEN IM SCHNEELAND von Petra Hartmann vereint vier wundervolle Kurzgeschichten für Kinder ab 6 Jahren. Schon die Titel regen die Phantasie der Kleinen an und verleiten zum Schmunzeln und Staunen:
- "Der Reserve-Weihnachtsmann"
- "Die Weihnachts-Eisenbahn"
- "Eine Handvoll Weihnachtssand"
- "Paulchen mit den blauen Augen"



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Petra Hartmann
Ein Prinz für Movenna
Paperback
Wurdack Verlag
ISBN 3-938065-24-9
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Mit dem Schild oder auf dem Schild
- als Sieger sollst du heimkehren oder tot.
So verlangt es der Ehrenkodex des heldenhaften Orh Jonoth. Doch der letzte Befehl seines sterbenden Königs bricht mit aller Kriegerehre und Tradition: "Flieh vor den Fremden, rette den Prinzen und bring ihn auf die Kiesinsel." Während das Land Movenna hinter Orh Jonoth in Schlachtenlärm und Chaos versinkt, muss er den Gefahren des Westmeers ins Auge blicken: Seestürmen, Riesenkraken, Piraten, stinkenden Babywindeln und der mörderischen Seekrankheit ....


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Petra Hartmann
Geschichten aus Movenna
Paperback
Wurdack Verlag
ISBN 3-938065-00-1
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Verwünschte Hexen!
Warum zum Henker muß König Jurtak auch ausgerechnet seinen Sinn für Traditionen entdecken?
Seit Jahrhunderten wird der Kronprinz des Landes Movenna zu einem der alten Kräuterweiber in die Lehre gegeben, und der Eroberer Jurtak legt zum Leidwesen seines Sohnes großen Wert auf die alten Sitten und Gebräuche. Für den jungen Ardua beginnt eine harte Lehrzeit, denn die eigenwillige Lournu ist in ihren Lektionen alles andere als zimperlich ...


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Wovon träumt der Mond?
Hrsg. v. Petra Hartmann & Judith Ott
Wurdack Verlag
ISBN 978-3-938065-37-2
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Der Mond - König der Nacht und gleichsam Verbündeter von Gut und Böse ... Seit jeher ranken sich Legenden voller Glauben und Aberglauben um sein Licht, das von den einen als romantisch verehrt und von den anderen als unheimlich gefürchtet wird. Seine Phasen stehen für das Werden und Vergehen allen Lebens, er wacht über die Liebenden, empfängt die Botschaften der Suchenden, Einsamen und Verzweifelten und erhellt so einiges, was lieber im Dunkeln geblieben wäre. 39 Autorinnen und Autoren im Alter von 12 bis 87 Jahren sind unserem nächtlichen Begleiter auf der Spur gewesen. In 42 erfrischend komischen, zutiefst nachdenklichen und manchmal zu Tränen rührenden Geschichten erzählen sie die Abenteuer von Göttin Luna und Onkel Mond, von erfüllten und verlorenen Träumen, lassen Perlmuttschmetterlinge fliegen und Mondkälber aufmarschieren. Und wer denkt, dass nur der Mann im Mond zuweilen die Erde besucht, irrt sich! Auch umgekehrt erhält er gelegentlich unverhofften Besuch dort oben.


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Drachenstarker Feenzauber
Herausgegeben von Petra Hartmann
Wurdack Verlag
ISBN 978-3-938065-28-0
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Öko-Feen, Büro-Feen, Todes-Feen und Bahn-Feen, geschäftstüchtige Drachen, goldzahnige Trolle, Sockenmonster, verzauberte Kühlschränke, Bierhexen, Zwirrrrrle, Familienschutzengel, Lügenschmiede, ehrliche Anwälte, verarmte Zahnärzte und andere Märchenwesen geben sich in diesem Buch ein Stelldichein.
51 Märchenerzähler im Alter von zwölf bis 76 Jahren haben die Federn gespitzt und schufen klassische und moderne Märchen, lustige, melancholische, weise und bitterböse Erzählungen, so bunt wie das Leben und so unvergesslich wie das Passwort eines verhexten Buchhalters.


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Zwischen Barrikade, Burgtheater und Beamtenpension.
Die jungdeutschen Autoren nach 1835.
ibidem-Verlag
ISBN 978-3-89821-958-7
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"Das Junge Deutschland“ - dieser Begriff ist untrennbar verbunden mit dem Bundestagsbeschluss vom 10. Dezember 1835, durch den die Werke der fünf Schriftsteller Heinrich Heine, Theodor Mundt, Karl Gutzkow, Ludolf Wienbarg und Heinrich Laube verboten wurden. Das Verbot markierte Höhe- und gleichzeitig Schlusspunkt einer literarischen Bewegung, die erst wenige Jahre davor begonnen hatte. Die Wege der Autoren trennten sich. Und doch gab es auch danach immer wieder Begegnungen und Berührungspunkte.
Petra Hartmann zeichnet die Wege der Verbotenen und ihrer Verbündeten nach und arbeitet Schnittstellen in den Werken der alt gewordenen Jungdeutschen heraus. Sie schildert insbesondere die Erfahrungen der Autoren auf der Insel Helgoland, ihre Rolle in der Revolution von 1848, aber auch die Versuche der ehemaligen Prosa-Schriftsteller, sich als Dramatiker zu etablieren. Irgendwo zwischen Anpassung und fortwährender Rebellion mussten die Autoren ihr neues Auskommen suchen, endeten als gescheiterte Existenzen im Irrenhaus oder als etablierte Literaten, die doch körperlich und seelisch den Schock von 1835 nie ganz verwunden hatten, sie leiteten angesehene Theater oder passten sich an und gerieten nach Jahren unter strenger Sonderzensur beim Publikum in Vergessenheit. Die vorliegende Untersuchung zeigt, was aus den Idealen von 1835 wurde, wie vollkommen neue Ideen - etwa die Debatte um Armut und Bildung - in den Werken der Jungdeutschen auftauchten und wie die Autoren bis zum Ende versuchten, ihr „Markenzeichen“ - ihren Stil - zu bewahren.


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Von Zukunft trunken und keiner Gegenwart voll
Theodor Mundts literarische Entwicklung vom Buch der Bewegung zum historischen Roman
Aisthesis-Verlag
ISBN: 3-89528-390-8
Bestellen beim Aisthesis-Verlag

Theodor Mundt - Schriftsteller, Zeitschriftenherausgeber, Literaturwissenschaftler und Historiker - verdankt seinen Platz in der Literaturgeschichte vor allem dem Umstand, daß seine Veröffentlichungen am 10. Dezember 1835 verboten wurden. Das vom deutschen Bundestag ausgesprochene Verbot, das sich gegen die vermeintlichen Wortführer des "Jungen Deutschland", Heine, Gutzkow, Laube, Wienbarg und eben Theodor Mundt richtete, war vermutlich die entscheidende Zäsur in den literarischen Karrieren aller Betroffenen. Daß sie mit dem schon berühmten Heinrich Heine in einem Atemzug genannt und verboten wurden, machte die noch jungen Autoren Gutzkow, Laube, Mundt und Wienbarg für ein größeres Publikum interessant. Doch während Gutzkow und auch Laube im literarischen Bewußtsein präsent blieben, brach das Interesse an Mundt und seinen Werken schon bald nach dem Verbot fast gänzlich ab. Seine weitere Entwicklung bis zu seinem Tod im Jahr 1861 wurde von der Literaturwissenschaft bislang so gut wie vollständig ignoriert. Diese Lücke wird durch die vorliegende Studie geschlossen. Nachgezeichnet wird der Weg von den frühen Zeitromanen des jungen Mundt bis hin zu den historischen Romanen seines Spätwerks.


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Faust und Don Juan. Ein Verschmelzungsprozeß,
dargestellt anhand der Autoren Wolfgang Amadeus Mozart, Johann Wolfgang von Goethe, Nikolaus Lenau, Christian Dietrich Grabbe, Gustav Kühne und Theodor Mundt
ibidem-Verlag
ISBN 3-932602-29-3
Bestellen beim Ibidem-Verlag


"Faust und Don Juan sind die Gipfel der modernen christlich-poetischen Mythologie", schrieb Franz Horn bereits 1805 und stellte erstmalig beide Figuren, speziell den Faust Goethes und den Don Giovanni Mozarts, einander gegenüber. In den Jahren darauf immer wieder als polar entgegengesetzte Gestalten aufgefaßt, treten Faust und Don Juan in den unterschiedlichsten Werken der Literaturgeschichte auf.

Bei Lenau sind sie Helden zweier parallel aufgebauter Versepen, bei Grabbe begegnen sie sich auf der Bühne und gehen gemeinsam zugrunde. Theodor Mundt stellt als Lebensmaxime auf, man solle beides, Faust und Don Juan, in einer Person sein und beide in sich versöhnen.

Anhand der Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, Johann Wolfgang von Goethe, Nikolaus Lenau, Christian Dietrich Grabbe, Gustav Kühne und Theodor Mundt zeichnet Petra Hartmann die Biographien Fausts und Don Juans in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach, einer Zeit, die beide Helden stark prägte und auch für heutige Bearbeitungen beider Stoffe grundlegend ist."

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