Michael Siefener: Cor Magis
Ein Herzinfarkt. Der Tod. Die Rückkehr ins Leben. Aber ist das ein Leben ...?
"Cor Magis" von Michael Siefener schildert diese Nahtod-Erfahrung und das Danach. Ein Danach, das vielleicht noch viel schauriger ist als das Aussetzen des eigenen Herzens.
"Cor Magis", erschienen in der Edition Dunkelgestirn, ist nicht gerade die Geschichte einer Heilung und einer glücklichen Rückkehr ins Leben. Vielmehr geht es um ein Manuskript eines Schriftstellers, der seine eigene Herzinfarkt-Erfahrung verarbeiten will, und weil dies ihm als direkte Betrachtung des eigenen Lebens zu schwer fällt, erfindet er einen Stellvertreter: Amon Ruf, so der Name seines Helden, durchlebt und durchleidet auf dem Papier all das, was seinem Autor widerfuhr.
Kunstfigur erwacht zu eigenem Leben
Doch die psychologische Camouflage taugt offenbar nicht zur Seelenhygiene und Selbstheilung. Im Gegenteil: Die Erlebnisse des Amon Ruf entwickeln ein unheimliches, beklemmendes Eigenleben, die Fiktion greift mehr und mehr auf die Realität über, und nach und nach verschwimmen die Grenzen zwischen der Welt des Ich-Erzählers und Autors und den in der personalen Perspektive geschilderten Erlebnissen seines Geschöpfs. Beklemmend real, albtraumhaft und ekelerregend wächst die Welt Rufs heran, und immer wieder nimmt der Ich-Erzähler in seiner Umgebung Dinge wahr, die eigentlich zu den vollkommen unglaubwürdigen. zusammenphantasierten Erfahrungen Rufs gehören.
Wer hat diese Albtraumwelt erlebt, Ruf oder sein Autor? Eine kafkaeske Reha-Einrichtung voller undurchschaubarer Gänge, von denen kein einziger nach draußen führt. Skurrile, nicht ganz zurechnungsfähige Mit-Patienten, die sterben und dann doch wieder auftauchen. Die Wiederbegegnung mit einer Jugendliebe. Schimmel und Schädlinge in den Wänden. Und eine bedrängende Ekligkeit, vor der es kein Entrinnen gibt.
Keine "schöne" Geschichte
Nein, es ist sicher keine "schöne" Geschichte, die der Autor und sein Geschöpf hier durchleben, und für den Leser ist es ganz sicher keine nette Cosy-Strandlektüre, sondern ein Gang durch Ängste und Seelenbedrängnisse, denen vielleicht sogar ein Tod durch Herzinfarkt vorzuziehen gewesen wäre ... Stilsicher und ausgesprochen dicht entfaltet Michael Siefener sein Panorama der Welt nach dem Nahtod, lässt sie enger und enger werden und nimmt den Leser mit auf die albtraumhafte Reise in die Welt Amon Rufs. Eine Geschichte, die den Leser nicht wieder loslässt und ihn mitnimmt auf einen Höllentrip.
Schwarzweiß-Zeichnungen werden zu Ölgemälden
Das Ganze präsentiert sich in der gewohnt aufwändigen Gestaltung der Edition Dunkelgestirn, die die beklemmende Situation des Helden oder der beiden Helden doppelt erfahrbar macht. Sehr interessant und atmosphärisch fügen sich die Illustrationen von Jörg Kleudgen in die Handlung ein. Wobei die in düsteren Höllenrot-Tönen im Stile alter Ölgemälde gehaltenen Innenillustrationen sehr eindrucksvoll sind. Allerdings wirft die Lektüre des vom Illustrator verfassten Nachworts doch einige Fragen auf beziehungsweise wird Stoff für Diskussionen liefern. Kleudgen erzählt, dass ihm aufgrund einer ausgeprägten Rot-Grün-Schwäche der Weg zum Malen in Öl verwehrt gewesen sei. Nun aber seien aus seinen Zeichnungen durch die Unterstützung einer KI diese dämonisch roten Illustrationen in Ölgemälde-Anmutung entstanden. Ja, diese Bilder "haben durchaus was". Es gibt keinen Grund, sie zu bekritteln, nur weil hier ein neueres Werkzeug verwandt wurde. Die kreative Eigenleistung ist hoch. Wobei die im Anhang beigefügten Originalzeichnungen Kleudgens fast noch beeindruckender sind als die farbigen Versionen. Kleudgen kann eine Menge, und er gehört nicht zu den Illustratoren, die mit der Maschine arbeiten, weil sie sonst unfähig sind. Ein bisschen schade ist es allenfalls, dass er selbst die eindrucksvollen Farben seiner Werke gar nicht adäquat wahrnehmen kann.
Fazit: Beklemmend, düster und nichts für schwache Gemüter - aber ein ungeheuer starkes Leseerlebnis.
Michael Siefener: Cor Magis. Die Geschichte vom Sterben und Leben des Amon Ruf. Illustriert von Jörg Kleudgen. Neustadt in Sachsen: Edition Dunkelgestirn, 2026. 207 S. plus unpaginierter Anhang mit Zeichnungen und Biografien. Euro 28.
© Petra Hartmann

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