Stefanie Bender: Der Pfad der Kolibris
"Der Pfad der Kolibris" von Stefanie Bender ist die kürzeste der vier im Herbst erschienenen neuen Herbstlande-Novellen - und zugleich die tragischste. Es geht um eine Mutter, die ihre Tochter sucht und dazu einen Wunsch in einem tönernen Kürbis verbrennt. Doch die Wünsche an die Kürbiskönigin sind gefährlich. Und wessen Wunsch nicht wahr ist, sondern auf einer Lüge beruht, findet niemals wieder zurück ...
Seit zwei Jahren ist Marinettes Tochter verschwunden. Josephine wurde zuletzt auf einem Jahrmarkt in der Nähe des Zeltes einer Wahrsagerin gesehen, danach verliert sich ihre Spur. Ausgerechnet eine Wahrsagerin, ausgerechnet ein Jahrmarkt. Denn das Wahrsagezelt der flammenden Lichter spielt eine große Rolle in den Geschichten, die Marinette einst ihrer Tochter erzählt hatte. Eine Familientradition, eine Welt, die einst ihr Vater geschaffen hat, erzählte Marinette ihrer Tochter. Das Zelt, in dem man einen Wunsch äußern darf. Und ein Wunsch, der wahr ist und nicht auf einer Lüge beruht, der wird erfüllt, so heißt es im Märchen der Familie.
Unverhoffte Einladung ins Wahrsage-Zelt
Josephine ist schon lange fort, als Freunde Marinette zum Gang über den Herbstlichen Jahrmarkt einladen. Marinette weiß nicht, wie ihr geschieht, als ihr plötzlich ein zerknitterter Zettel zugesteckt wird. Eine Eintrittskarte für das Zelt der flimmernden Lichter. Das Zelt, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Das Zelt aus den Bettkantengeschichten. Marinette fasst sich ein Herz und tritt ein. Ihr Wunsch ist klar und wahr: Sie will ihre Tochter wiederfinden.
Ihr Weg führt sie aus dem Wahrsagezelt hinaus in die Herbstlande, hinein in das Reich des September. Buntschillernde Kolibris begleiten sie auf ihrem Weg, und ein flauschiger Federfuchs steht ihr als Ratgeber zur Seite. Aber die sieben Stunden, die ihr für die Suche gewährt werden, sind kurz. Unterwegs lauern Gefahren, von denen Marinette nichts ahnte. Aber vor allem erweist sich als fatal, dass Josephine etwas sehr Wichtiges über die Familiengeschichte vom Wünsche erfüllenden Wahrsagezelt nicht wusste. Und wenn die Kerze im Zelt verlischt, wird das Unheil unabwendbar über Mutter und Tochter hereinbrechen ...
Zauberhaft und melancholisch
Stefanie Bender hat eine zauberhafte und melancholische Geschichte geschrieben, der in Tonfall und Botschaft sehr gut in den Herbstlande-Kosmos hinein passt. Es ist eine traurige, aber auch sehr anrührende Geschichte, die vor allem auf eines aufmerksam macht: Lügen, auch wenn sie gut gemeint sind, und vor allem Lebenslügen wachsen im Verborgenen fort, und eines Tages wird es sich bitter rächen, dass man einander nicht offen und ehrlich die Wahrheit gesagt hat. Aber vielleicht werden Mutter und Tochter ja doch noch glücklich. Die Kolibris und der Federfuchs mögen sie bewachen, wo immer sie auch hingehen.
Fazit: Zauberhafte, traurigschöne Novelle aus dem Herbstlande-Kosmos. Ein weises Märchen über Wünsche, Lügen und die Wahrheit. Berührend und unbedingt empfehlenswert.
Stefanie Bender: Der Pfad der Kolibris. Eine Herbstlande-Novelle. Meitingen/Erlingen: Verlag Torsten Low, 2023. 77 S., Euro 10,90.
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© Petra Hartmann

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