Alessandra Reß: Die Sommerlande
Die "Herbstlande" haben Zuwachs bekommen. Mit "Die Sommerlande" von Alessandra Reß ist - neben "Das Nebelreich" aus der Feder von Anja Bagus - ein zweiter Ableger der Jahreszeiten-Welt erschienen. Diesmal allerdings spielt das Abenteuer nicht in der aus September, Oktober und November bestehenden Herbstlande-Welt, die die vier Autoren Fabienne Siegmund, Stephanie Kempin, Vanessa Kaiser und Thomas Lohwasser erschaffen haben, sondern gewissermaßen "nebenan". Wie der Titel verrät, hat sich Alessandra Reß die Welt des Sommers vorgenommen.
Ähnlich wie bei den beiden großen Herbstlande-Romanen, geht es auch in den Sommerlanden um eine Queste, eine abenteuerliche Reise durch die drei Monate Juni. Juli und August. Anders als bisher dreht sich die Geschichte aber in dieser kleineren Erzählung nicht um das große Herbstlande-Thema des Nach-Hause-Kommens, sondern der Held, in diesem Fall der Alb Nemiah, verlässt seine Heimat, den Sonnenwendhof im Land Juni, um Hilfe und Rettung zu finden. Denn auf dem Hof sind, nach einer furchtbaren Gewitternacht, alle Flederzirpen verstummt. Die zarten, elfenhaften Geschöpfe, die sich nur durch Gesang äußerten und ansonsten stumm sind, lebten bisher mit den Alben in einer Art Symbiose und machten die Musik zu den Tänzen der Alben. Und die Alben sind auf Musik und Tanz angewiesen, denn nur hieraus beziehen sie ihre Kraft und Energie. Als es auf dem Sonnenwendhof still wird und seine Verwandten beginnen dahinzusiehen, macht sich Nemiah auf die Reise. Er ist überzeugt, dass die "Wanderer" die Stimmen der Zirpen mitgenommen haben - schlimme Wesen, die in Gewittern übers Land reisen und auch immer mal wieder einen Alb mitnehmen. So folgt Nemiah der Spur der Wanderer durch den Juni, den Juli und den August ...
Auf den Spuren eines Alben
Interessant ist, dass Nemiah, wohin er auch kommt, auf die Spuren eines gewissen "Narkis" stößt. Eines Alben, der einige Zeit vor ihm die Sommerlande durchwandert und sich dabei nicht nur Freunde gemacht hatte. Und sind die Wanderer wirklich so böse, wie man allgemein annimmt? Nach und nach löst sich das Rätsel der sommerlichen Zeitlosigkeit und des Zusammenhangs zwischen Sterben, Wandel und Wiederkehr.
Das Büchlein ist, wie alle Abenteuer des Herbstlande-Universums, außerordentlich schön gestaltet. Die Illustrationen von Fräulein Kirsten sind einfach nur zum Niederknien schön und machen die Reise durch die Monate zu einem wahren Genuss.
Katalogartige Abfolge von Begegnungen
Damit ist fast wettgemacht, dass die Reise selbst, so schwer das bei einem so schönen Buch zu sagen fällt, bestenfalls fantastischer Durchschnitt ist. Die Geschichte ist eine ununterbrochene Aneinanderreihung von Begegnungen mit mystischen und magischen Wesen aus unterschiedlichen Mythologien und aus der Erfindungsgabe der Autorin, Begegnungen mit zum Teil sehr interessanten Wesen sogar, aber es fehlt ein wenig der kleine Tropfen Magie, der eine Aufzählung zur spannenden Geschichte erhebt. Es fehlt die Dynamik, der Rhythmus, das Charakteristische der Wesenheiten. So ist das Büchlein, trotz seiner Kürze, zumindest in den ersten beiden Dritteln recht zäh und braucht einige Zeit. Das ist schade, denn viele der vorgestellten Sommer-Bewohner haben durchaus Potential. Etwa die Fliederzirpen - ein wunderschöner Name übrigens - oder die Najaden der Flüsterseen. Auch die ganz eigene Tragik Nemiahs ist durchaus etwas Besonderes und hätte gern mehr herausgearbeitet werden können.
Was bleibt, ist eine wunderschöne Welt mit sehr vielen, faszinierenden Völkern. Vielleicht begeben sich die Herbstlande- und Sommerlande-Entdecker ja noch einmal auf die Spur Nemiahs und lassen ihn ein zweites Abenteuer erleben, das über das katalogartige Abarbeiten von Völkern hinausgeht?
Fazit: Liebenswürdige Welt mit zauberhaften Illustrationen und ordentlicher, aber nicht origineller Abenteuer-Reise. Da könnte man mehr draus machen.
Alessandra Reß: Die Sommerlande. Ein Roman aus dem Herbstlande-Universum. Mit Illustrationen von Fräulein Kirsten. Meitingen/Erlingen: Verlag Torsten Low, 2019. 171 S., Euro 9,90.
Weitere Bücher über die Herbstlande
Herbstlande
Herbstlande - Verklingende Farben
Geschichten aus den Herbstlanden
Anja Bagus: Das Nebelreich
Fabienne Siegmund: Herbstfeuer
Markus Heitkamp: Die Reisen des jungen Haselhorn
Diana Menschig: Jaspers Reise zur Erkenntnis
Bernhard Stäber: Wenn Menschen Märchen sind
Stefanie Bender: Der Pfad des Kolibris
Stephanie Kempin: Fieberträume
Fabienne Siegmund: Hinter den fallenden Blättern
Tino Falke: Ein Lied für die Sommerlande
Agga Kastell: Mission Merlacorna
© Petra Hartmann

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