Jahresrückblick 2025, Dezember
Jahresrückblick
Und tschüs, 2025: Hier also der fünfte und letzte Teil meines Lese-Jahresrückblicks. Der Dezember hat mir ein paar der besten Bücher beschert, die ich dieses Jahr gelesen habe. Ich habe dreimal die Bestnote "Blau" vergeben, drei weitere waren sehr gut, zwei Stück allerdings ziemlich blöd. Meine Autoren entführten mich zweimal nach Madagaskar, einmal nach Neuseeland, einmal in die Welt der chinesischen Philosophie. Ich eroberte mit Hannibal und tausend Monstern Rom, war zu Gast bei einem japanischen Uhrmacher in London, durchstreifte mit einer Colliehündin den Wilden Westen und sah das Verhängnis über eine Hamburger Kaufmannsfamilie hereinbrechen. Viel Spaß beim Stöbern in meinen Lesefrüchten - und die besten Wünsche für ein tolles Lesejahr 2026!
Hinweis:
Etwaige blau markierte Texte sind herausragende Spitzenbücher, rot steht für absoluten Mist, ein (e) hinter dem Titel bedeutet, dass ich den betreffenden Text in der eBook-Version gelesen habe, und hinter den Links verbergen sich ausführlichere Besprechungen innerhalb dieses Blogs.
Dezember
Judith und Christian Vogt: Ich, Hannibal
Antonia Michaelis: Enia und der Regenzauber
Antonia Michaelis hat mich in den vergangenen Jahren schon zweimal nach Madagaskar entführt, und auch diesmal hatte ich im Leseurlaub zwei neue Bücher von ihr im Gepäck, eines für Kinder oder Jugendliche, und eines für Erwachsene. Die Geschichte von Enia und dem Regenzauber ist ein Roman, der sich eher an ein jüngeres Publikum wendet. Es geht um ein phantastisches Wesen, das in Sagen und Legenden eine Rolle spielt, aber dessen Bild auch im Internet auftaucht: Ein kleiner Lemur mit Flügeln soll die Fähigkeit haben, Wasser aufzuspüren oder sogar Regen zu bringen. Als Enia, die Tochter eines Biologen, im Internet ein Foto dieses Halbaffen entdeckt, ist sie so elektrisiert, dass sie ihren Vater für eine Forschungsreise nach Madagaskar begeistern kann. Die beiden Deutschen kommen also eines Tages in einem kleinen Dorf auf der Insel an, bauen ihr Zelt auf und schließen bald Freundschaft mit den Kindern, die in der Nachbarschaft eine Schule besuchen.
Bei der Schule handelt es sich um eine besondere Schule. Unter anderem gibt es hier eine Ziege mit Schluckauf, ein blindes Mädchen, einen begnadeten Musiker und die zauberhafte Maitresse Tui, eine Lehrerin, die ein wenig an eine afrikanische Mary Poppins erinnert. Maitresse Tui kommt mit dem Wind, fährt ein magisches Fahrrad, verschafft den Kindern ein zauberhaftes Mittagessen, das sich auf ihren leeren Tellern manifestiert, wenn die Kinder beim Essen nur die Augen geschlossen halten. Und: Maitresse Tui liebt die Kinder und setzt sich dafür ein, dass sie etwas lernen, das ihnen eine bessere Zukunft verschaffen kann. Auch wenn immer wieder Eltern auftauchen und ihre Kinder aus der Schule zurückholen, weil die Kleinen gefälligst arbeiten sollen.
Bei allem Zauber, den Maitresse Tui um sich versprüht: Enia lernt schnell, dass sie hier nicht in ein harmloses Kinderparadies gekommen ist. Das Dorf ist bettelarm, die Bewohner werden regelmäßig von Räubern tyrannisiert und ausgeplündert, und es hat seit Jahren nicht geregnet. Die Felder sind verdorrt, das Land stirbt, und es ist nur noch eine Frage von Tagen, dass das Dorf aufgegeben werden muss. Eine mächtige Bergbau-Gesellschaft verhandelt mit dem Dorfhäuptling über den Verkauf des Geländes. Der gewährt den Kindern eine letzte Frist: Wenn es bis zu deren Ablauf nicht regnet, unterzeichnet er den Verkaufsvertrag. Die letzte Hoffnung ist der Wasser-Lemur. Verzweifelt, aber überzeugt von seiner Existenz machen sich die Kinder auf die Suche nach dem Wundertier. Und sie müssen nicht nur gegen die Ignoranz der Eltern, sondern auch gegen Räuber, finanzstarke Unternehmen und korrupte Polizisten kämpfen ...
Ein wunderschönes Buch, magischer Realismus der madagassischen Art, in der besonderen Mischung aus Poesie und Härte, die den Zauber von Antonia Michaelis' Geschichten ausmacht. Einfach etwas Besonderes.
Antonia Michaelis: Die Wiederentdeckung des Glücks
"Ein wunderschönes Buch, magischer Realismus der madagassischen Art, in der besonderen Mischung aus Poesie und Härte, die den Zauber von Antonia Michaelis' Geschichten ausmacht. Einfach etwas Besonderes." Das habe ich gerade oben hingeschrieben, und wenn es auf das Jugendbuch passt, dann passt es auf das Erwachsenenbuch doppelt und dreifach.
"Die Wiederentdeckung des Glücks" ist die Geschichte von Terje, der dreimal nach Madagaskar fuhr, das dritte Mal als alter Mann zusammen mit seiner Tochter Nora. Es ist die Geschichte von Nora, die für eine Parfumfirma arbeitet und auf Madagaskar nach einem ganz besonderen Duft sucht. Es ist die Geschichte von Maribelle, der kleinen Prinzessin, die hinter einer Mauer gefangen ist. Aber vor allem ist es die Geschichte von Biscuit. Unfassbar, dieser Straßenjunge mit der Liebe zu seinem Fahrrad, die nur übertroffen wird von seiner Liebe zu Maribelle. Biscuit mit der magischen Fahrradklingel, mit dem unbezähmbaren Herzen, der Mann mit einem Traum und der berühmteste Cyclo-Pousse-Fahrer der ganzen Stadt. Dieses Buch ist eine Hommage an die Lastenfahrräder und Fahrradtaxis, die die Straßen Madagaskars bevölkern, und ihr Held ist ein Straßenjunge, der sich zur radfahrenden Legende emporarbeitete.
Dreimal begegnet Terje dem madagassischen Fahrradfreund. Beim ersten Treffen ist Terje noch ein junger Mann und Biscuit ein Straßenjunge, der damals noch den ungekürzten Spitznamen Bisikiletta, eben von "Bicycle" trug. Terje ist mit dem Fahrrad auf der Insel unterwegs und schenkt dem Jungen seine Fahrradklingel. Nach dem Ende seiner Tour will er ihm das Rad ganz zukommen lassen, aber es dauert Jahre, bis das nach Madagaskar geschickte Rad wirklich in die Hände des Jungen gelangt. Tatsächlich müssen Terje und Biscuit einen Einbruch in einen Gartenschuppen begehen, um das Rad zu erobern. Das dritte Mal schließlich kommt Terje als alter Mann nach Madagaskar und trifft einen Biscuit mit ehrgeizigen Plänen: Er will beweisen, dass das Cyclo-Pousse-Fahren nicht einfach nur eine Dienstleistung ist, die schlecht bezahlte, verachtete Underdogs ausüben, sondern eine hochachtenswerte Sportart von Weltbedeutung. Zu diesem Zweck organisiert er eine Weltmeisterschaft der Cyclo-Pousse-Fahrer. Und er will ein ganz besonderes Fahrrad dafür konstruieren.
Es ist wohl das beeindruckendste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe. Die Persönlichkeit des Straßenjungen und Fahrers Biscuit, die trotz Schmutz, Armut und Niederlagen von einem ungeheuren inneren Leuchten durchdrungen ist, und die sich wie ein roter Faden durch das Buch hindurchziehende Grundhaltung des "Recyclings" machen diese "Wiederentdeckung des Glücks" geradezu zu einer literarischen Lebensphilosophie. Madagaskar ist das Land des Recyclings, nichts wird weggeworfen, aller Müll, den die Europäer hier abgeladen haben, ist wertvoller Rohstoff, aus dem sich noch etwas schaffen lässt, und nichts, absolut nichts ist nutzlos. So entsteht auch zweimal ein Superfahrrad, einmal aus leeren Plastikflaschen, dann, nach einer kleinen Katastrophe, das endgültige Weltmeisterschaftsrad aus leeren Shampoo-Flaschen. Und mit diesem selbstgebastelten Müll-Rad will Biscuit tatsächlich gegen die Radler der Welt antreten, sogar gegen seinen Erzrivalen, der ein von der Telekom gesponsertes High-Tech-Rad ins Rennen schicken kann? Es ist ein Wunder.
Dieses Buch hat Magie, Poesie und ein ganz großes Herz für den Zauber des Plastikmülls. Lest! DIeses! Buch!
Wolfgang Bauer: Geschichte der chinesischen Philosophie
Eine übersichtliche und sehr sachkundige Gesamtdarstellung, die auch für Einsteiger gut geeignet ist. Man erfährt viel über Konfuzius, seine Nachfolger und die unterschiedlichen Entwicklungsstufen des Konfuzianismus, über Mo-Di und den Mohismus, die Daoisten, über den Buddhismus und seine spezielle chinesische Ausprägung, über Gegensätze und Gemeinsamkeiten. Interessant fand ich, dass es in der konservativen Gesellschaft üblich war, dass ein Philosoph seine neuen Gedanken in Form eines Kommentars zu einem älteren Philosophen erscheinen ließ. Diese Kommentare konnten sich jedoch sehr weit vom besprochenen Buch entfernen. So lieferte Guo Xiang einen vermeintlichen Kommentar des älteren daoistischen Philosophen Zhuangzi, den ein buddhistischer Mönch mit den Worten kommentierte, Zhuangzi habe einen guten Kommentar zu Guo Xiangs Buch geschrieben.
Ich habe ein wenig ein Kapitel über den Maoismus vermisst. Wobei das vielleicht keine hundertprozentige Philosophie ist. Und ob die chinesischen Philosophen tatsächlich das betrieben, was wir unter Philosophie verstehen? Dahinter setzt der Autor auch an einigen Stellen ein Fragezeichen. Jedenfalls ist es ziemlich anders als die klassische griechische Philosophie und ihre Erben.
Insgesamt ein sehr gutes Buch mit guten Gedanken und vielen interessanten Informationen.
Natasha Pulley: Der Uhrmacher in der Filigree Street
Im Vorjahr hatte mich diese Autorin mit "Der Leuchtturm an der Schwelle der Zeit" komplett vom Hocker gerissen. Und eine Freundin meinte, ich müsse unbedingt auch den Uhrmacher lesen, der sei noch besser. Klar, dass ich diesem Ratschlag nachkommen musste. Und ich wurde nicht enttäuscht.
Es ist ein Roman, der im historischen London spielt. Die Handlung setzt ein im November 1883. Allerdings ist es beileibe kein historischer Roman, es geht eher um magischen Realismus mit einem kleinen Steampunk-Element und mit einer Figur, die in die Zukunft blicken und entsprechende Vorkehrungen treffen kann.
Thaniel Steepleton ist Angestellter des Innenministeriums und dort für die Bedienung des Fernschreibers zuständig. Eines Abends kommt er von der Arbeit nach Hause und stellt fest, dass jemand in seiner Wohnung war. Nein, geklaut wurde nichts, der Eindringling hinterließ vielmehr eine kostbare goldene Taschenuhr, hergestellt offenbar von einem geradezu einzigartigen Meister der Uhrmacherkunst. Versuche, den edlen Spender ausfindig zu machen, bleiben erfolglos, und Thaniel hat auch genug andere Dinge um die Ohren, immerhin hat eine Terror-Organisation angekündigt, in genau sechs Monaten einige öffentliche Gebäude in die Luft zu sprengen. Für Innenministerium, Scotland Yard und weitere Sicherheitseinrichtungen bricht eine Zeit äußerster Anspannung und Ermittlungsarbeit aus, und die Telegrafendrähte glühen. Die Drohung ist durchaus ernstzunehmen, davon sind die Behörden überzeugt. Und sie haben recht: Genau sechs Monate später explodiert eine Bombe im Gebäude von Scotland Yard.
Das Besondere: Thaniel, der sich in nächster Nähe in einer Gaststätte befindet, überlebt, weil ihn seine Uhr rettet. Aus unerfindlichen Gründen macht das Gerät plötzlich einen Heidenlärm, und Thaniel, dem der Radau peinlich ist, läuft nach draußen, um seine Kollegen nicht zu stören und den Unruhestifter zum Schweigen zu bringen. Kaum hat er das Gebäude verlassen, stürzt es mit einem gewaltigen Krach ein. Zufall? Thaniel stellt intensive Recherchen an und landet schließlich in der Uhrmacherwerkstatt des Japaners Keita Mori. Ein Mann aus einer Adels- und Ritterfamilie, der aber das Basteln und Tüfteln mehr liebte als den Weg des Samurai. In seiner Londoner Werkstatt stellt er tausend kleine Kunstwerke her, darunter künstliche Elfen, die durch den Garten schweben, und einen mechanischen Oktopus, der durch seine besondere Programmierung völlig zufällig und für seinen Schöpfer unvorhersehbar agieren kann. Zwischen Thaniel und Keita entwickelt sich schnell eine besondere Freundschaft, und Keita wirkt darauf hin, dass Thaniel nicht nur sein vergessenes musikalisches Talent wiederentdeckt und nach Jahren der Abstinenz wieder mit dem Klavierspielen beginnt, sondern er gibt auch seiner Karriere den entscheidenden Kick: Thaniel kann bald einige Brocken Japanisch und wird in seiner Behörde daraufhin als Experte für das Land der aufgehenden Sonne entdeckt. Als derartiger Spezialist kommt er wie gerufen, immerhin steht bald ein wichtiger Besuch aus Japan in London an.
Ja, dieses Buch ist wirklich ein zauberhaftes Stück Literatur, ein hintergründiges Märchen, das im Leser die Sehnsucht erweckt nach guter Handwerkskunst, der Weisheit Nippons und den tausend kleinen staunenswerten Dingen in der Uhrmacherwerkstatt. Einfach nur dasitzen, Keita beim Arbeiten mit den mikroskopisch kleinen perfekt eingepassten Zahnrädern zusehen und Monate später verblüfft feststellen, was alles aus seinen vermeintlich zufälligen Handlungen erwuchs. Und es wäre mir völlig egal, wenn mir ein eigenwilliger mechanischer Oktopus ständig meine Socken klauen und sich in meinen Schubladen verstecken würde.
Und ist es nun tatsächlich besser als der Leuchtturm-Roman? Nein, das würde ich nicht sagen. Aber ebenbürtig auf alle Fälle.
Anna K. Thomas: Alsterdiamanten
Geschichte einer Hamburger Kaufmannsfamilie, die von einem Großvater mit harter Hand regiert wird. Kinder und Enkelkinder müssen sich dem Willen des Familienoberhaupts beugen und strategisch heiraten, um den Einfluss der Familie und ihr Geschäft zu vergrößern. Dies ist die Geschichte der dritten Generation. Die Geschwister Freddy, Konrad und Sophie und ihre Cousine Konstanze sind jetzt im heirats- und geschäftsfähigen Alter. Doch während die schöne Konstanze prestigeträchtig verheiratet werden kann und entsprechend stolz gegenüber der Cousine auftritt, ist Sophie eher ein Mauerblümchen, das nicht einmal durch eine reiche Mitgift gewinnbringend an den Mann gebracht werden kann. Der ältere Bruder soll einmal das Geschäft übernehmen, als Erstgeborener ist er dazu verpflichtet. Aber er würde lieber Maler werden. Der zweite Bruder hat zwar Geschäftssinn und Ehrgeiz, ist aber eben nur die Nummer zwei. Das ist die Ausgangssituation als ein geheimnisvoller und auf alle Geschwister gleichermaßen anziehend wirkender Priester in Hamburg auftaucht. Er ist Beichtvater einer Comtesse, die mit der Familie entfernt bekannt ist und nun ihren Platz in der Hamburger Gesellschaft einnimmt. Der Abbé freundet sich mit den Kaufmanns-Nachkommen an, ist guter Zuhörer und Berater. Ausdrücklich nimmt er für sich in Anspruch, dass er niemals selbst eingreift, sondern nur "Möglichkeiten aufzeigt". Doch nach und nach wird das feste Gefüge der patriarchalischen Kaufmannsfamilie erschüttert, Flucht, Selbstmord, geschäftlicher Niedergang und sinkendes Ansehen sind die Folgen. Denn der Abbé hat als Kind ein böses Schicksal durch die Familie erlitten und kam als Racheengel nach Hamburg.
Wow! Teuflisch und perfide, tragisch in seiner Unausweichlichkeit und unglaublich fein gesponnen. Ein großartiger Roman über eine Kaufmannsfamilie und den Fluch der bösen Tat des Patriarchen, entwickelt vor historischem Hintergrund und dramatischen Schilderungen des großen Stadtbrandes. Dabei mit einer vollkommen überraschenden Wendung im Showdown, die alles umkippt. Dabei wesentlich übersichtlicher als die Buddenbrooks. Spannend und in eingängiger Sprache erzählt, einfach großartig.
Carl Nixon: Settlers Creek
Enttäuschend. Ein spannender Klappentext und ein starker Anfang, danach lässt die Geschichte aber stark nach, beziehungsweise hält nicht, was sie verspricht.
Der Protagonist dieses Romans heißt Box Santon. Er lebt in Neuseeland, ist weiß, wie auch seine Frau. Sein Stiefsohn Mark aber ist Halb-Maori, seine Frau brachte ihn mit in die Ehe, und Box adoptierte ihn nach der Heirat.
Der Auftakt des Romans ist dramatisch. Mark begeht Selbstmord. Box lässt auf der Arbeit alles stehen und liegen, fährt zum Flughafen, fliegt nach Hause. Unterwegs gehen tausend Erinnerungen durch seinen Kopf, er hat den Jungen geliebt wie einen leiblichen Sohn. Zu Hause versuchen er und seine Frau mit der Katastrophe fertig zu werden. Sie organisieren die Beerdigung auf dem Friedhof, auf dem traditionell alle Angehörigen der Familie bestattet werden. Eine Gegend, an der viele Erinnerungen hängen, die für die Geschicke der Familie bestimmend war.
Doch es wird keine stille Beisetzung im Kreise der Familie. Wie aus dem Nichts taucht plötzlich Marks Maori-Vater auf, der sich all die Jahre über niemals um seinen Sohn gekümmert hat. Und er hat nahezu seine ganze Familie mitgebracht. Was zunächst einfach nur unangenehm wirkt, steuert schließlich auf einen Konflikt hin: Marks leiblicher Vater besteht darauf, dass Mark an einer traditionellen Maori-Begräbnisstätte mit traditionellen Maori-Riten beigesetzt wird. Box widerspricht dem vehement, immerhin hatte Mark nie Kontakt zu den Maori und kein Interesse an deren Traditionen, er wuchs auf wie ein Weißer. Woraufhin die Maoris verschwinden. Doch nicht, weil sie Box' Entscheidung respektieren. Die Gruppe fährt zum Krankenhaus, in dem Mark liegt, dringt gewaltsam in die Leichenkammer ein und stiehlt den Toten. Das war das erste Viertel, und es ließ sich ziemlich gut an. Doch ab jetzt folgen nur noch Verfolgungsjagden, Prügeleien, Brandstiftungen, Einbrüche, Crashs, Diebstähle, Gesplatter und jede Menge Action-Szenen und Stunts wie in einem Hollywood-Blockbuster der brutaleren Art.
Nein, es stimmt nicht, was der Klappentext ankündigt: "Es beginnt der verzweifelte Kampf zweier Väter um ihren Sohn." Der Maori-Vater kommt im Buch gar nicht mehr vor. Was ein Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Kulturen, eine Schilderung von Traditionen und vielleicht ein Gespräch mit Austausch und wachsendem Verständnis hätte werden können, wird hier zu einer Vendetta eines verbissenen Einzelkämpfers, der mit äußerster Brutalität und Entschlossenheit vorgeht. Box hat noch nicht einmal richtige Gegner. Einmal gerät er in ein Handgemenge mit Halbstarken in der Stadt, in der der Maori-Vater lebt. An der Stätte, an der sein Sohn aufgebahrt liegt und für das Begräbnis vorbereitet wurde, begegnet Box keinem Menschen. In der Hütte sind keine Maori, da Box auf der anderen Seite des Geländes einen Kinderspielplatz angesteckt hat. Danach jagt er im Auto mit der Leiche davon, immer in Angst vor Verfolgern, die aber nie in Erscheinung treten, schlägt sich in der Wildnis durch, übernachtet in einer Hütte, bricht in einer Stadt in ein Haus ein und klaut ein neues Auto, langt schließlich körperlich und geistig am Ende seiner Kräfte an dem Friedhof an, auf dem er seinen Sohn selbst bestattet.
Offen bleiben so ziemlich alle Fragen, die zu Anfang aufgeworfen wurden. Allem voran die nach dem Motiv für Marks Selbstmord.
Das Buch ist nicht unbedingt schlecht geschrieben. Und spannend ist es durch die actionreiche Heimholung der Leiche natürlich auch. Aber ich hatte etwas anderes erwartet. Und bin aus der Reihe des Unionsverlags auch anderes gewohnt.
Arno Schmidt: Zettel's Traum
Oumph. Das war hardcore. Knapp 1500 schwerverdauliche Seiten, acht Bücher, zusammengefasst in fünf großformatigen Bänden, aufgrund des Überformats nicht ganz einfach in der Hand zu halten, aber man legt solche riesigen Bücher auch nicht so einfach auf den Tisch, sonst läuft es ja Gefahr, den Buchrücken zu brechen. Durch das Überformat sind die Seiten für kurzsichtige Leute schwer insgesamt zu erfassen, aber das ist noch das Harmloseste, immerhin muss man drei Spalten gleichzeitig im Auge behalten beim Lesen. Und das ist jetzt erstmal nur der materielle Aspekt. Zum Inhalt und Stil ... Holla.
Ich habe das Buch schon seit den 90ern auf dem Zettel, seit ich während des Studiums in Hannover immer wieder dieses Riesenmonster im Schaufenster einer Buchhandlung stehen gesehen habe. Das war damals wohl die alte Faksimile-Ausgabe. Und schon zu DM-Zeiten schweineteuer. Damals war die Drucktechnik noch nicht so weit, dass man das komplizierte dreispaltige - manchmal auch ein-, zwei- oder vierspaltige - Schreibmaschinen-Manuskript Schmidts 1:1 umsetzen konnte. Da stehen Buchstaben über- und untereinander, Zeichnungen und Zeitungsausschnitte sind integriert, es gibt Buchstaben aus anderen Alphabeten. Hinzu kommt die eigenwillige Schreibweise vieler Wörter, in denen der Autor Wortwurzeln oder Assoziationen hervorhebt.
Inzwischen ist die Technik fortgeschritten, seit 2010 gibt es diese Ausgabe. Die Taschenbuchausgabe war für 248 Euro zu haben, für das gebundene Prestigeobjekt hätte man noch einen Hunni mehr hinblättern müssen.
In den 70ern war es ein Kultbuch, es gab sogar einen Raubdruck. Kultbuch, hm. Naja, es geht um Sex, und das ziemlich geballt, das hat in den verklemmten 70ern in der Bundesrepublik natürlich gezogen. Aber gleichzeitig ist das Ganze so verquast und verschroben, dass es absolut nichts für Einhandleser ist. Eher ziemlich kopflastig, hochintellektuell, ein bisschen Altherrensexualität. Es ist absolut nicht vergnügungssteuerpflichtig, und mehr als 50 Seiten pro Tag sind absolut nicht drin, es hat mich fast meinen gesamten Leseurlaub lang beschäftigt.
Ist es empfehlenswert? Ich empfehle jedem, der sich mit dem Gedanken trägt, dieses Mammutwerk zu lesen, zuvor einmal Schmidts Buch "Sitara und der Weg dorthin" zu studieren. Das gibt es für kleines Geld im Antiquariat oder zum Leihen in der Bibliothek. Lest es und stellt euch dann das Sitara-Werk um noch eine Zehnerpotenz gesteigert vor, dann habt ihr eine ungefähre Idee von dem, was euch in "Zettel's Traum" erwartet.
Es ist, hm, eine Art Roman. Im Mittelpunkt steht der Schriftsteller Daniel Pagenstecher, genannt Dän, der ziemlich viele biografische und schriftstellerische Gemeinsamkeiten mit Schmidt aufweist. Dän bekommt Besuch von dem befreundeten Übersetzer-Ehepaar Wilma und Paul und der Tochter der beiden, der jugendlichen Franziska. Letztere ist, wenn ich es richtig im Kopf habe, 14 Jahre alt, sexuell hochgradig erregbar und schwer verliebt in Dän (wie offenbar schon die Frauen der Generation ihrer Mutter).
Im Gespräch mit Wilma und Paul entwickelt Dän seine "Etym-Theorie". Wobei die minderjährige Franziska schwören muss, dass sie absolut nichts versteht von dem, was die Erwachsenen reden ... Was sind Etyms? Das Wort geht natürlich zurück auf "Etymologie", hat aber nicht unbedingt etwas mit Wortwurzeln und Sprachgeschichte zu tun, sondern es geht um eine Art mitschwingende sexuelle Assoziationen, die ein Wort begleiten, auch wenn es gar keinen (etymologischen) Zusammenhang gibt. Dän und seine Besucher können so ziemlich in jedes Wort Anspielungen auf Geschlechtsorgane hineinlesen. So klingt im englischen "whole" - "ganz" - das Wort "hole" - "Loch" mit, und ein Loch ist natürlich eine dem Geschlechtsverkehr dienende Öffnung ...
Durchexerziert wird dies hauptsächlich am Gesamtwerk Edgar Allan Poes, das der Autor Schmidt, und damit auch Dän Pagenstecher, sehr gut kennt. Fast jeder Satz und nahezu jedes Wort wird daraufhin abgeklopft, ob es in irgendeiner indogermanischen, semitischen oder gegebenenfalls auch indianischen Sprache ein ähnlich lautendes Wort für Geschlechtsverkehr oder -organe gibt. Schon die Namen der Poe'schen Helden werden hier eine wahre Fundgrube, und Schmidt betont dies durch seine eigentümliche Orthografie. Aus Hans Pfaal oder Phaal wird "Hans Phall", Rodman trägt mit "Rod" (Wurzel) ebenfalls einen Penis im Namen, und wenn ein Autor schon Po(e) heißt, ist es nicht weit bis zum Analsex.
Mit einem unerschöpflichen Reservoir an Vokabeln und mit Freuds Theorien im Hinterkopf weist Dän dem Autor Impotenz und so ziemlich jede denkbare Perversion nach. Aber es geht nicht nur um Poe, sondern auch in der deutsche Alltagssprache findet Dän "Etyms", die denn auch im Text durch seine eigentümliche Rechtschreibung gekennzeichnet werden. Schmidt schreibt: "jedenPHALLS" und "ich meinesTAILS" usw. Man erfährt, dass der Zeuge vor Gericht mit "zeugen" zusammenhängt, wie auch schon im alten Rom "Testis" mit "Testiculum" zusammengehörte, da nur Männer mit Eiern als Zeugen zugelassen waren. Und dass "kastrieren" von "Castor" kommt, weil der Biber sich selbst in höchster Not die Hoden abbiss, um zu entkommen. Jeder "Pen" ist ein Penis, und somit steckt in dem englischen Wort für Pinguin, "penguin", eben auch ein "pen(is) go in". usw. usw. usw., 1500 Seiten lang.
Dazwischen äußert sich immer wieder eine mehr als heftige Begierde Franziskas, die für Dän schwärmt und sich unter anderem vor einem auf den Badezimmerspiegel gemalten Herz mit der Inschrift "D/Fr än" selbst befriedigt. Als Dän und Franziska Pilze suchen, wird die Atmosphäre ziemlich klebrig, obwohl, objektiv betrachtet, gar nichts "passiert". Aber Pilze, ihre Namen und Formen sind einfach prädestiniert für sexuelle Assoziationen. Ähnlich ergiebig sind die Diskussionen um Muscheln. Am Ende kommt Vater Paul mit der Sprache raus, was für ein Anliegen man an den reichen Schriftsteller hat: Die Familie kann sich das Schulgeld für Franziska nicht mehr leisten. Ja, Dän springt ein. Aber er stellt die Bedingung, dass er Franziska (mindestens bis zu ihrer Volljährigkeit?) nicht mehr sieht. Immerhin.
Tja, ist das Buch nun empfehlenswert? Es bietet Schweinkram (wenn man sich denn dafür interessiert) und einen gewissen intellektuellen Kitzel für den belesenen und polyglotten Bildungsbürger. Anstrengend ist es aber auf jeden Phall. Und wenn man sich zu tief in das Wahnsystem der Etymlehre hineindenkt, kann es passieren, dass man auch noch danach beim Lesen ganz normaler Texte ziemlich krause Sachen denkt. Einmal habe ich sogar nachts geträumt, ich hätte einen Zusammenhang zwischen dem griechischen Wort "tachýs" (schnell), dem jiddischen "Tacheles" (Klartext) und der norddeutschen Begrüßung "Tach" entdeckt. Aber fragt mich nicht, worin dieser Zusammenhang bestand ...
Bessy, Band 43: Die Geisterhütte
Andy und Bessy bereisen die Großen Seen auf der Suche nach den letzten Choctaw-Indianern. Andy hat von einem Verlag den Auftrag bekommen, Lebensweise und Kultur dieses Stammes zu dokumentieren. Bei einer Pause stromert Bessy allein herum, jagt ein Kaninchen und gerät in eine Falle, die der Choctaw-Junge Falkenfeder gebaut hat, und wird darüber hinaus auch noch von einer Giftschlange bedroht. Falkenfeder und seine Freundin Flughörnchen retten Bessy und nehmen sie mit in ihr Lager. Wenig später stößt auch Andy zu den Indianern. Er wird freundlich aufgenommen, aber der Häuptling spricht eine ernste Warnung aus: Es ist streng verboten, die Geisterhütte zu betreten. In dem Wickiup nahe dem Lager hat sich vor einiger Zeit eine Tragödie abgespielt. Ein Weißer und seine indianische Frau kamen hier auf mysteriöse Weise ums Leben, erzählen die Choctaw. Andy und Bessy schließen Freundschaft mit den Choctaw und helfen ihnen, als sie von feindlichen Natchez angegriffen werden. Doch die Hütte zieht Andys Neugier auf sich. Zumal dort einige Weiße herumschnüffeln. Schließlich verbannt ihn der Häuptling wegen der Missachtung des Tabus aus dem Dorf. Andy widmet sich daraufhin ganz dem geheimnisvollen Wickiup und kommt ihrem Geheimnis auf die Spur. Dabei wird es für ihn und Bessy lebensgefährlich.
Sehr schönes Abenteuer, bei dem wir Andy als Zeichner und Berichterstatter erleben und auch etwas über die Kultur der Choctaw erfahren. Sehr interessant das nächtliche "Jagen mit Licht", bei dem die Choctaw an ihren Kanus Feuertöpfe und einen Birkenrinden-Schirm anbringen, um Tiere anzulocken. Ein riesiger Elch ist die Jagdbeute, sehr eindrucksvoll. Seltsam, sonst heißt es ja immer, dass man ein Feuer anzünden muss, um die wilden Tiere abzuschrecken ...
Weitere Jahresrückblicke
2025, 1. Teil: Januar bis März
2025, 2. Teil: April bis Juni
2025, 3. Teil: Juli bis Oktober
2025, 4. Teil: November
© Petra Hartmann

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