Warum Mondmenschen kein Klo brauchen
Elfenschrift Pythagoras Pythagoräer Vorsokratiker Antike Mond
Habt ihr euch jemals über den Stoffwechsel von Mondmenschen Gedanken gemacht? Für die Elfenschrift Nummer 28 - sie stand unter dem Motto: "Sonne, Mond und Sterne" - habe ich mich vor Jahren einmal mit dem Thema befasst und fand den Artikel jetzt auf meiner Festplatte wieder. Zum Wegwerfen zu schade, finde ich, und vielleicht ist es ja für den einen oder anderen Schmunzler gut. Falls ihr Lust auf einen Ausflug der anderen Art zum Erdtrabanten habt, schaut doch mal herein. Viel Spaß damit!
Warum Mondmenschen kein Klo brauchen
Münchhausen, Cyrano von Bergerac, Mondfahrer Peterchen – von allen gibt es phantastische Berichte über Mondreisen und Mondbewohner. Weniger bekannt ist, dass es schon in der Antike Spekulationen darüber gab, ob der Mond bewohnt ist. Die Griechen mochten zwar die Mondgöttin Selene verehren, aber Philosophen hatten doch die Erkenntnis gewonnen, dass der Mond ein Himmelskörper wie die Erde ist. Da lag es nahe, auch Überlegungen darüber anzustellen, ob es dort Leben geben könnte und wie es aussah.
Schon der Vorsokratiker Anaxagoras (ca. 499-428 v. Chr.) lehrte, „der Mond sei aus Erde und habe Täler und Schluchten“1. Keine ungefährliche Behauptung: Er wurde in Athen angeklagt wegen der Beschäftigung mit himmlischen Dingen und musste fliehen. Anaxagoras ging davon aus, „daß die Lebewesen entstanden sind, indem die Samen vom Himmel auf die Erde fielen.“2
Ferner meinte er, dass der nemeische Löwe vom Mond herabgekommen sei. Das Raubtier gehörte zu den Ungeheuern, die Herakles tötete, als er seine zwölf Taten ausführte. Vielleicht war es die außerirdische Herkunft, die das Löwenfell zur undurchdringlichen Rüstung machte.
Auch der Vorsokratiker Demokrit (ca. 460-370) sagte, der Mond sei erdähnlich, die hellen und dunklen Stellen seien Täler und Berge. Und da er erdähnlich sei, müsse er auch bewohnt sein.
Einer der ersten, von denen eine Theorie zur Mondbevölkerung überliefert ist, war Philolaos (ca. 470 – nach 399 v. Chr.). Er war Pythagoreer und gilt als erster, der die bis dahin nur mündlich überlieferten Lehren dieser Philosophenschule aufgeschrieben hat.
Im Weltbild des Philolaos vermischen sich moderne und phantastische Ideen. Er war überzeugt, dass die Erde nicht unbewegt im Mittelpunkt des Kosmos ruhe, sondern dass sie und die anderen Planeten um ein Zentralfeuer kreisten, das er „Hestia“ nannte. Damit war er seiner Zeit um anderthalb Jahrtausende voraus, erst Kopernikus wagte erneut zu behaupten, dass nicht die Erde, sondern die Sonne im Zentrum des Sonnensystems stünde.
Doch ist auch viel Phantastisches im Kosmos des Philolaos zu finden. So ist das Zentralfeuer bei ihm nicht die Sonne, sondern auch die Sonne ist einer der Körper, die um Hestia kreisen. Und da Philolaos nur neun Himmelskörper kannte (Erde, Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn und die Fixsternsphäre), da er aber als Pythagoreer an die Heiligkeit der Zahl Zehn glaubte, meinte er, es müsse unbedingt einen zehnten Planeten geben, und postulierte eine Gegenerde, die gegenüber der Erde auf der anderen Seite des Zentralfeuers liegen sollte, den Augen der Menschen verborgen.
Seine kühnste Idee aber sind die Mondmenschen. Er war zu dem Schluss gekommen, dass ein Tag auf dem Mond 15 Erdentage dauerte. Vielleicht ging er davon aus, dass sich dadurch die Wachstumsphase verlängerte, jedenfalls behauptete er, Mondmenschen seien fünfzehnmal größer und stärker als Erdlinge. Ferner sagte er, dass sie wesentlich reiner seien, vielleicht aus edlerem Stoff geformt, und reinere Nahrung zu sich nähmen. Deshalb meinte er auch, dass Mondmenschen keinerlei Exkremente absonderten.
Die These, dass Mondmenschen nie aufs Klo müssten, findet sich indirekt auch bei Philoponos, einem christlich-neuplatonischen Philosophen des sechsten nachchristlichen Jahrhunderts, der Kommentare zu Werken des Aristoteles schrieb. Er sprach von intelligenten Wesen, die auf dem Mond lebten. Sie könnten ein Alter von 3000 Jahren erreichen und würden weder essen noch trinken. Er sagt nicht wörtlich, dass es bei ihnen keine Fäkalien gäbe, doch legt der Umstand, dass sie keine Nahrung zu sich nehmen, diesen Schluss nahe. Damit korrespondiert eine Äußerung in Platons „Phaedon“, Bewohner der oberen Sphären seien reiner als Erdmenschen und körperlos.
Vielleicht von Philolaos beinflusst, schrieb auch Herodoros, dass Mondwesen fünfzehmal so groß wie Erdlinge seien. Er verfasste um das Jahr 400 herum ein Buch über den Helden Herakles, in dem er auch von Geiern sprach, die vielleicht von der Gegenerde stammten.3 Ebenso wie Anaxagoras vertrat er die These, der nemeische Löwe sei Mondbewohner.
Aristoteles (384-322 v. Chr.) bedachte das System des Philolaos und die Theorie der Gegenerde mit beißendem Spott. Ihm schien es eine unwissenschaftliche Arbeitsmethode, von einer Theorie auszugehen und dann die Wirklichkeit so zurechtzubiegen, dass es passte.
Seltsamerweise erlaubte sich Aristoteles in seiner „Zoologie“ bezüglich der Mondwesen eine ganz ähnliche Spekulation: Aristoteles machte sich Gedanken über die Lehre des Empedokles von den vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer. Aristoteles kannte erdbewohnende Tiere, Wassertiere und Vögel. Es müsse auch Tiere geben, die im Feuer zu Hause sind, überlegte er. Da es auf der Erde solche Tiere nicht gibt, schlussfolgerte er: Dann müssen die Feuerwesen auf dem Mond leben.
Parodistisch-frech geht Lukian im zweiten nachchristlichen Jahrhundert das Mondthema an. Lukian stammte aus der Philosophenschule der Kyniker, trat als wandernder Redner auf, schrieb Dialoge und Prosa, in denen er die Schwächen und Eitelkeiten seiner Zeitgenossen geißelte. Seine Mondschilderungen sind keine astronomisch-philosophischen Schriften, vielmehr liefert er im Dialog „Ikaromennippus“ eine Satire auf die Mondtheorien der Philosophen. Ausgerüstet mit einem Adler- und einem Geierflügel schwingt sich der Philosoph Menippus in die Luft und fliegt zum Mond. Hier trifft er den nach seinem Sturz in den Ätna verbrannten Philosophen Empedokles und wird von der Mondgöttin als Bote an den Götterkönig Zeus/Jupiter gesandt mit folgender Klage:
„Ich verliere alle Geduld […], mich länger von den Philosophen so mißhandeln zu lassen. […] Die einen sagen ich werde bewohnt, andere ich hänge wie ein Spiegel über dem Meer herab; kurz jeder sagt von mir was ihm einfällt; ja was das Schlimmste ist, sie bringen sogar unter die Leute, mein Licht sei nicht ächt, und ich stehle es von der Sonne […] Vergiß also nicht, […] ihm zu sagen: es sey mir unmöglich länger auf meinem Posten zu bleiben, wofern er diesen Physikern nicht die Köpfe zerschmettere, den Dialektikern nicht den Mund stopfe, die Stoa zerstöre, die Akademie in Brand stecke, und den Verhandlungen im Peripatus ein Ende mache, mit einem Worte, mir vor den täglichen Beeinträchtigungen dieser geometrischen Herren nicht Ruhe verschaffe.“4
Noch toller treibt es Lukian im Roman „Wahre Geschichten“ und erzählt von einem Krieg zwischen Mond- und Sonnenmenschen. Da treten Pferdegeier an (Menschen, die auf riesigen Geiern reiten), Kohlvögel (die statt mit Federn mit Kohl bewachsen sind und Salatblätter als Flügel haben) und Riesenspinnen.
Lukian berichtet, es gäbe nur Mond-Männer, diese brächten aus ihren Waden Kinder zur Welt. Eine besondere Art, die baumartigen Dendriten, hätte gar keine Geschlechtsorgane. Mondmenschen seien meist kahlgeschoren, nur unter dem Knie trügen einige einen Bart. Ihre Füße hätten keine Zehen, ihre Ohren seien aus Platanenblättern, über dem Hintern wachse jedem ein Kohlkopf, sie würden Honig ausschneuzen und Milch schwitzen.
Ihr einziges Nahrungsmittel sei der Dampf gebratener Frösche, die dort massenweise herumfliegen, ihr einziges Getränk sei die in einen Becher ausgepresste Luft. Und mit einem Seitenhieb auf Philolaos bemerkt Lukian: „Bey einer so feinen Nahrung wissen sie nichts von den Excretionen, denen die Erdbewohner unterworfen sind […].“5 Eine Idee, die die Mondforscher offenbar jahrhundertelang beschäftigt hat.
1 Die Vorsokratiker II. Griechisch / Deutsch. Auswahl der Fragmente, Übersetzung und Erläuterungen von Jaap Mansfeld. Stuttgart, 2000. S. 211.
2 Ebd. S. 217.
3 Vgl. Carl. A. Hufman: Philolaos of Croton. Pythagorean and Presocratic. A commentary on the fragments and testimonia with interpretive essays. Cambridge, 1993. S.248.
4 Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge. Aus dem Griechischen übersetzt und mit Anmerkungen und Erläuterungen versehen von Christoph Martin Wieland. Nördlingen, 1985. S. 72-74.
5 Ebd. S. 104.
© Petra Hartmann
Erstveröffentlichung:
Petra Hartmann: „Warum Mondmenschen kein Klo brauchen“. In: Elfenschrift, Dezember 2010. S. 8-10.
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