Mephistopheles - ein tragischer Teufel
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Eigentlich tut mir Mephisto leid. Ein armer Teufel, der sich abrackert und schuftet, um am Ende doch nur die Sache Gottes zu betreiben. Für meine Magisterarbeit über den Faust-Stoff habe ich mich unter anderem an Goethes Faust abgearbeitet. Und als Herausgeberin Ulrike Stegemann für die Elfenschrift das Thema "Engel und Teufel" ausrief, war klar, dass ich unbedingt einen Aufsatz über meinen Freund Mephistopheles schreiben musste. Lange her, aber ich mag ihn immer noch irgemdwie. Ich stelle den Text hier noch einmal ein - für Freunde des teuflischen, tragischen Tausendsassas. Viel Vergnügen damit!
Mephistopheles – ein tragischer Teufel
Er ist einer der berühmtesten Teufel der Welt: Mephistopheles, auch kurz Mephisto genannt, der Höllengeist an Fausts Seite. Wie Goethe ihn gestaltet hat – welterfahren, zynisch und durch seine realistischen Kommentare zu Fausts Schwärmereien auch für viele Lacher gut – ist er seit 200 Jahren für viele Literaturfreunde der Teufel schlechthin.
Bereits in der ältesten Erzählung der Faustsage, der „Historia von D. Johann Fausten“ von 1587, ist der Name von Fausts höllischem Begleiter „Mephistophiles“. Er beschreibt seine Funktion selbst als: „Jch bin ein Geist / vnnd ein fliegender Geist / vnter dem Himmel regierendt.“1 Unklar ist allerdings, woher der Teufel seinen Namen hat. Manche leiten ihn von den hebräischen Wörtern „mephir“ und „tophel“ ab, was soviel wie lügen und betrügen bedeutet. Auch vom griechischen „me phos philes“ (einer, der das Licht nicht liebt) könnte der Name stammen, gedacht wurde auch an „me Faust philes“ (der den Faust nicht liebt). Möglicherweise besteht eine Verwandtschaft zur altitalischen Göttin Mefitis, der die aus der Unterwelt aufsteigenden üblen Gerüche heilig waren. Auch eine etymologische Verwandtschaft mit dem griechischen Verb opheleo (nutzen) wurde vermutet, Mephistopheles wäre dann ein Nichtsnutz, beziehungsweise jemand, der dem Faust nichts nützt. Eindeutig klären lassen wird sich die Frage wohl nie.
In den Schriften, die sich, nach dem Verkaufserfolg der „Historia“ ebenfalls dem Faust-Thema widmeten, eroberte sich auch Mephisto seinen Platz in der Literatur. Und als Christopher Marlowe sein Faust-Drama schuf, das 1604 erstmals im Druck erschien, begann für den Teufel die Theaterkarriere. Doch stand der Höllengeist meist nicht allein: So gibt es bei Marlowe an höllischem Personal auch Luzifer, Beelzebub, den bösen Engel, die sieben Todsünden und weitere Teufel. Noch im alten von Karl Simrock herausgegebenen Puppenspiel (eines der zahlreichen Dramen in der Nachfolge Marlowes) kämpfen die Geister Auerhahn, Astarot, Megära, Haribax, Polümor, Amodeus, Vitzliputzli und Xerxes um den Rang des Schnellsten, bis Mephisto die Auseinandersetzung zu seinen Gunsten entscheidet.2 Im Faust-Drama von Maler Müller (1778) wetteifert Mephisto mit den Teufeln Berlicki, Vitzliputzli, Pferdtoll, Mogol, Cacal, Atoti, Babillo und Satan um die Gunst Lucifers. Einzig bei Friedrich Maximilian Klinger (1794) ist es Leviathan, der aus der Versammlung der Höllenfürsten von Satan zu Faust emporgesandt wird – wider Willen, denn er hat von Deutschland die Nase voll.
Als der junge Goethe sich an sein Faust-Drama heranmachte – eine Arbeit, die ihn 60 Jahre lang beschäftigte – fand er eine rund zwei Jahrhunderte währende Tradition von Mephisto-Gestalten wieder. Eine Tradition allerdings, von der er vieles nicht verwenden konnte. Schaut man sich seine Vorläufer und Zeitgenossen an, fällt auf, dass sie an eine psychologische, charakterliche Gestaltung des Höllengeistes so gut wie gar keine Energie verwandten. Mephisto ist Verkörperung des Bösen, Gesandter der Hölle, aber damit ist auch bereits alles gesagt. Individuelle Züge und ein Eigenleben als gleichberechtigter Widerpart des Helden blieben dem berühmten Teufel versagt.
Einzig eine Einordnung in die höllische Hierarchie wird gewöhnlich vorgenommen. So tritt er in der „Historia“ als Diener Lucifers auf, eines gefallenen Erzengels, der den östlichen Teil des Acheron beherrscht, wobei Süden, Westen und Norden von Belial, Astaroth und Beelzebub regiert werden. Auch in anderen Bearbeitungen ist Mephisto meist eine Kreatur von niederem Rang. Bei Marlowe sagt er: „Ich bin ein Knecht des großen Lucifer / und darf dir nur, wenn er’s gestattet, folgen / und nur, was er befiehlt, nicht mehr! vollbringen.“3 Bei Müller weist ihn sein König Lucifer sogar zurecht: „eures Gleichen nehmen sich gerne viel heraus; merk dir daß ich König bin.“4 Allerdings ist Mephisto hier offenbar von höherem Range, er hat sieben Höllengeister unter seinem Befehl, die ihm bei der Verführung Fausts zu Diensten sind.
Goethe verwirft diese Höllenhierarchie. Die Frage, ob es über Mephisto noch einen Fürsten gibt, wird fast vollständig ausgeklammert. Dieser Teufel tritt auf als souveräner, freier Gesprächspartner. Er kommt in niemands Auftrag zu Faust, wird auch nicht von dem Gelehrten mit einer Beschwörung herbeigezwungen.
Mephisto erscheint im Kreis der Erzengel vor Gott und ist selbstbewusst genug, dem Herrn nach einem freundschaftlichen Disput über den Wert der Menschheit eine Wette anzubieten. Der Herr wettet nicht mit Engeln oder Teufeln. Und doch wird aus dem Gespräch nicht nur eine gewisse Sympathie zwischen beiden deutlich, sondern es entsteht auch die Spannung und Bewegung, die Gott mit den ewig verehrenden, anbetenden Erzengeln niemals erleben könnte. Der Platz des Teufels ist in der Schöpfung daher nicht nur von Gott vorgesehen, sondern auch als positiv wirkende Kraft erwünscht und notwendig. Der Herr erteilt ihm sogar ausdrücklich seinen Segen und die Handlungsvollmacht: „Des Menschen Tätigkeit kann allzuleicht erschlaffe, / Er liebt sich bald die unbedingte Ruh; / Drum geb‘ ich gern ihm den Gesellen zu, / Der reizt und wirkt, und muß, als Teufel, schaffen.“5
Damit ist nicht nur Mephistos Stellung im Weltgefüge definiert und legitimiert, es wird auch der Grundstein gelegt für eine Tragödie ganz eigener Art. Mag auch Faust im Mittelpunkt stehen und alle Freuden und Leiden des Menschenlebens auskosten, die wahre tragische Gestalt bleibt doch Mephisto. Als Teufel vollkommen negativ eingestellt, die Menschen verachtend, zynisch, brutal, über Leichen gehend, ist es doch sein Schicksal, die Menschheit zum Besseren zu bewegen, zur Tätigkeit anzustacheln und ungewollt an der Veredelung Fausts mitzuarbeiten. Mephisto „muß (…) schaffen“, obwohl dies seinem innersten Wesen „als Teufel“ völlig zuwiderläuft. Der destruktive Geist wird Ursache aller schöpferischen Produktivität der Menschen – eine wahre Höllenstrafe. Sein Scheitern ist vorprogrammiert. Wenn es keine Gotteslästerung wäre, könnte man sagen, der Herr habe sich mit Mephistopheles einen makaberen Scherz erlaubt.
Zum Teil ist der Teufel sich dieses Umstands durchaus bewusst. Er sei „Ein Teil von jener Kraft, / Die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ 6, stellt er sich Faust vor. Doch entfaltet er gleich darauf stolz sein Programm: „Ich bin der Geist, der stets verneint! / Und das mit Recht; denn alles was entsteht / Ist wert daß es zu Grunde geht“7. Er sei schon vor Gottes Schöpfungsruf „Es werde Licht“ dagewesen, deutet er an: „Ich bin ein Teil des Teils, der Anfangs Alles war, / Ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar“8
Faust erkennt sofort das beschränkte Wesen seines Gegenübers. „Du kannst im Großen nichts vernichten / Und fängst es nun im Kleinen an“9, stellt er fest und sagt ihm auf den Kopf zu: „So setzest du der ewig regen, / Der heilsam schaffenden Gewalt / Die kalte Teufelsfaust entgegen, / Die sich vergebens tückisch ballt!“10
Insofern ist es nur schlüssig, dass Faust, der bis ans Ende seiner Tage ein unbefriedigt Strebender blieb, von rettenden Engeln in den Himmel getragen wird. Mephisto, der ihn über 12111 Verse in Bewegung hielt, ihn durch Mittelalter, Antike und in die Neuzeit führte, ist der Betrogene. Aber dazu wurde er ja geschaffen.
1 Historia von D. Johann Fausten. Text des Druckes von 1587. Kritische Ausgabe. Hrsg. v. Stephan Füssel und Hans Joachim Kreutzer. Stuttgart, 1988. S. 29.
2 Ein Wettstreit, der sich auch in Lessings Faust-Fragment wiederfindet.
3 Christopher Marlowe: Die tragische Historie vom Doktor Faustus. Deutsche Fassung, Nachwort und Anmerkungen von Adolf Seebass. Stuttgart, 1988. S. 14.
4 Friedrich Müller, genannt Maler Müller: Fausts Leben. Hrsg. v. Johannes Mahr. Stuttgart, 1979. S. 23.
5 Johann Wolfgang Goethe: Faust. Texte. Hrsg. v. Albrecht Schöne. Frankfurt/M., 1994. S. 28 (V. 340-343).
6 Ebd. S. 64. (V. 1365f)
7 Ebd. S. 65. (V. 1338-1340)
8 Ebd. (V. 1349f)
9 Ebd. (V. 1360f). Einige Ausgaben lesen: „verrichten“.
10 Ebd. S. 66. (V. 1379-1382).
Erstveröffemtlichung:
Petra Hartmann: Mephistopheles - ein tragischer Teufel. In: Elfenschrift. 25, März 2010, S. 7–9.
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