Schattenseele - Seelenschatten
Elfenschrift Schatten Hans Christian Andersen Adelbert von Chamisso
Das Thema "Schatten" hat mich - nicht nur als Peter-Schlemihl-Fan - immer mal wieder beschäftigt. Meine erste Movenna-Geschichte, "König Subolds Grab" etwa entstand zur ersten Storyolmpiade, die unter dem Motto "Tanz der Schatten" stand. Als Ulrike Stegemann im Jahr 2008 für die September-Elfenschrift das Thema "Schatten" ausrief, war ich natürlich mit dabei und habe mir über den Zusammenhang von Schatten, Seele und Persönlichkeit Gedanken gemacht. Viel Spaß beim (Wieder)Lesen!
Schattenseele – Seelenschatten
Unheimlich, dieser dunkle Begleiter, der einem Menschen nicht von den Fersen weicht, nicht wahr? Kein Wunder, dass der Schatten im Glauben und Aberglauben vieler Kulturkreise eine bedeutende, gespenstische Rolle spielt. Seine Ähnlichkeit mit der zugehörigen Person rückten den düsteren Doppelgänger oft in den Bereich der Seele oder der Persönlichkeit, als deren sichtbares, mit eigentümlicher Magie begabtes Abbild er galt. Mal erscheint er als blasse, wenig mächtige Kopie des Originals, oft auch als starke und dunkle Macht, die schweren Schaden verursachen konnte.
Im Schöpfungsbericht des 1. Buches Moses heißt es in der Luther-Übersetzung, Gott habe den Menschen als „ein Bild, das uns gleich sei“ und „zu seinem Bilde“ geschaffen1. Doch das hebräische Wort „bezalmenu“ lässt sich ohne Weiteres auch übersetzen als „in unserem Schatten“, und fort ist die stolze Gottesebenbildlichkeit des Menschen, des schwachen, unvollkommenen und unmächtigen Schattenbildes.
Seltsam ambivalent sind die Vorstellungen über den Schatten Gottes. In einer Wüsten- und Steppenkultur wie dem alten Judentum war der Schatten zunächst Schutz vor der tödlichen, sengenden Sonne und ein Lebensspender. Daher heißt es auch im Psalm 121: „Der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand, daß dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.“2 Und im Neuen Testament wird der jungfräulichen Maria angekündigt: „Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“3. Doch nicht nur die Zeugung des Messias soll auf diesen Schatten Gottes zurückgehen: Einer bulgarischen Sage zufolge entstand auch der Teufel aus Gottes Schatten.4
Andere Vorstellungen besagen, Gott habe – als Wesen der höchsten Vollkommenheit und frei von irdischer Stofflichkeit – überhaupt keinen Schatten. Eine Vorstellung, die sich in vielen Religionen findet: So hieß es, die Heiligen der Perser seien so rein, dass sie keinen Schatten würfen, und im arabischen Raum wird von der Schattenlosigkeit des Leibes Mohammeds berichtet. Ähnliches wurde über das Abbaton des griechischen Gottes Zeus auf dem Lykaion erzählt: Wer dort eingetreten sei, habe keinen Schatten geworfen, wohl weil die Wohnung des Gottes als Quelle allen Lichtes galt. Ein Schatten sei dort ebenso undenkbar wie die Vorstellung, dass die Sonne einen Schatten habe.
In der griechischen Welt glaubte man, dass die Toten als Schatten im Hades, der Unterwelt, weiterlebten. Hier liegen die Vorstellung von Schatten und Seele sehr eng beisammen, und der Schatten ist im Jenseits Träger der Identität und der charakteristischen Persönlichkeit des Verstorbenen. Als Odysseus auf der Heimfahrt von Troja die Totenwelt besucht, bietet sich ihm ein trauriges Bild der ehemals so herrlichen Helden. Schwache Schattenbilder scharen sich um das Opferblut, das er für sie fließen lässt, trinken gierig, und selbst der dort unten hochgeehrte Heros Achill vertraut dem einstigen Kampfgefährten an: „Lieber wollt ich als Tagelöhner den Acker bestellen/ Bei einem armen Mann, der nicht viel hat an Besitztum,/ Als über alle die Toten, die hingeschwundenen herrschen.“5
Auch im späteren christlichen Abendland tritt der Schatten oft als seelenhaftes oder seelenähnliches Wesen auf. Ähnlich dem Teufelspakt Fausts wird von Gelehrten berichtet, die dem Satan zwar nicht ihrer Seele, wohl aber ihren Schatten überschrieben, um Wissen und Wahrheit zu erlangen. So heißt es, der Isländer Saemundr habe in Paris beim Teufel studiert und ihm als Honorar seinen Schatten gegeben. Ähnliches wird aus Löwen von einem schattenlosen Professor erzählt, auch aus Deutschland, Siebenbürgen und Spanien gibt es solche Sagen, und in Schottland hieß es, die besten Zauberer seien diejenigen, die keinen Schatten hätten.
Die Idee, den Schatten als minderes Tauschobjekt für Leib oder Seele einzusetzen, spiegelt sich auch in Sagen wider, in denen der Teufel „geprellt“ wird. So erzählt eine Legende von einer Teufelsschule, in der der Teufel als Lohn für seinen Unterricht denjenigen als Opfer verlangt habe, der als letzter die Schule verlasse. Der Verlierer des Wettlaufs deutete darauf gelassen hinter sich auf seinen Schatten, den der betrogene Teufel daraufhin packte und mit sich nahm.
Eine ähnliche Vorstellung mag zugrunde gelegen haben, als sich der Brauch des „Bauopfers“ nach und nach humanisierte. Hatte man in alten Zeiten noch „etwas Lebendiges“6 mit eingemauert, um einer Festung oder einer Kirche Beständigkeit zu verleihen, so ging man dazu über, statt eines gekauften Kindes oder eines verurteilten Schwerverbrechers nur den Schatten eines Menschen mit einzumauern – auch wenn es hieß, dass derjenige sein Leben wegen dieses Verlustes bald verlieren sollte.
Auch im Bereich der Rechtsprechung schlug sich die Annahme nieder, der Schatten sei ein minderwertiger Stellvertreter der Person. So wurde in einigen Gegenden die „Schattenbuße“ praktiziert: Ein Angehöriger der unteren Volksschichten durfte, wenn er einen Prozess gegen einen Adligen gewonnen haben sollte, dessen Schatten einen oder mehrere Schläge versetzen. Der Prozessgegner selbst war für ihn tabu, einzig der Schatten sei ihm als gleichberechtigtes Gegenüber satisfaktionsfähig, denn das Volk stehe unter dem Adel ebenso tief wie der Schatten unter dem Menschen stehe.
In der Literatur des 19. Jahrhunderts verliert sich die Seelenbedeutung des Schattens zunehmend. Der dunkle Doppelgänger wird eher zum gesellschaftlichen Phänomen, sein Fehlen ist nicht unbedingt Sünde, macht den Betroffenen aber doch zum Außenseiter. Ein Teufelspakt, bei dem der Böse zunächst den Schatten – und eben nicht die Seele des Helden – fordert, findet sich in Adelbert von Chamissos „Peter Schlemihl“. Der Titelheld bekommt zum Tausch ein unerschöpfliches Geldsäcklein, doch trotz seines neuen Reichtums verliert Schlemihl alles – gesellschaftliche Stellung, Freunde, sogar die Geliebte – , als offenbar wird, dass er keinen Schatten hat. Erst jetzt kommt die Seele ins Spiel, als der Versucher ihm ein neues Geschäft anbietet: Die Rückgabe des Schattens im Tausch gegen die Seele. Doch Schlemihl schlägt aus und wählt bewusst das Leben als einsamer Naturforscher. Gott selbst gibt offenbar seinen Segen dazu, indem er oder andere freundliche Mächte dem Schattenlosen ein paar Siebenmeilenstiefel zukommen lassen: So büßt der Held eben nicht Seele, Lebenskraft und Gottesnähe ein, sondern nur ein simples gesellschaftliches Attribut und Statussymbol, auf das ein Romantiker ohnehin verzichten konnte. Schlemihls Lebensfazit lautet: „Du aber, mein Freund, willst du unter den Menschen leben, so lerne verehren zuvörderst den Schatten, sodann das Geld. Willst du nur dir und deinem bessern Selbst leben, oh, so brauchst du keinen Rat.“7
Noch einen Schritt weiter geht Hans Christian Andersen in seinem sehr bösen Märchen „Der Schatten“. Ein redlicher, etwas weltfremder Gelehrter ist neugierig, wer im Haus gegenüber wohnt, und macht seinem Schatten scherzhaft den Vorschlag, er könne einmal hinübergleiten und nachschauen. Doch der Schatten gerät ins Haus der Poesie, durch deren Zauber er zum richtigen Menschen wird, zu einem äußerst unerfreulichen Zeitgenossen obendrein, der durch dunkle Geschäfte und Erpressungen zu Geld kommt. Nach Jahren kehrt er zurück und schlägt dem armen Gelehrten vor, dieser könne nun ihm für Geld als Schatten dienen. Der Pakt zerbricht, als der Schatten auch noch eine Prinzessin heiraten will. Der Gelehrte beschließt: Das sei nicht in Ordnung, nun müsse er verraten, dass der vornehme Herr nichts als ein Schatten ist. Der Schatten fackelt nicht lange, er lässt sein Original verhaften. Am Tag der Hochzeit wird der Gelehrte hingerichtet, der Schatten übernimmt die Macht im Reich. Offenbar war zu dieser Zeit Schattenlosigkeit bereits kein Karrierehindernis mehr. Skrupellos, seelenlos, gottähnlich schattenlos setzt sich die Kopie an Stelle des Originals. Eine sehr böse Geschichte.
1 Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers. Stuttgart, 1985. 1. Mose, 1, 26 und 27.
2 Ebd. Psalm 121, 5-6.
3 Ebd. Lukas 1, 35.
4 Dieses und die folgenden Beispiele aus: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Hrsg. v. Hanns Bächtold-Stäubl. Band IX. Berlin, 1938/41.
5 Homer: Odyssee. Übersetzt von Roland Hampe. Stuttgart, 1979. XI, 489-491.
6 Erinnerungen daran spiegeln sich noch in Theodor Storms „Schimmelreiter“ wieder, als Hauke Haien verhindert, dass beim Deichbau ein junger Hund geopfert wird, und später mitsamt seiner Familie in die Fluten stürzt, um das Bauwerk zu erhalten.
7 Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Stuttgart, 1980. S. 78f.
Erstveröffentlichung:
Petra Hartmann: Schattenseele – Seelenschatten. In: Elfenschrift. 5. Jahrgang, September 2008, S. 10–12.
© Petra Hartmann
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