Von Alfen, Elfen und Elben
Elfenschrift Elfen Elben Alben
Mit Elfen habe ich es ja nicht so. Und mit Legolas und seinen Klonen könnt ihr mich eigentlich jagen. Aber als Ulrike Stegemann 2009 für ihr Magazin Elfenschrift das Thema "Elfenstaub und Märchenzauber" festlegte, habe ich mir die spitzohigen Wesen dann doch einmal näher angesehen und versucht, auf 8000 Zeichen etwas über ihre Herkunft und über markante moderne Vertreter zu erzählen. Mein Liebling war damals Holly Short aus der Artemis-Fowl-Serie.
Viel Spaß damit.
Von Alfen, Elfen und Elben
Spitze Ohren, lange Haare, blasser Teint, oft etwas hochnäsig – in dieser Gestalt haben Elben ihren festen Platz in der Fantasy erobert. Doch woher kommen diese Naturwesen mit dem nie fehlgehenden Bogen?
Als Alfen sind sie bereits in der Edda erwähnt. Man erfährt nur wenig über Aussehen und Lebensweise, doch fällt auf, dass sie fast stets im Zusammenhang mit dem Göttergeschlecht der Asen genannt werden. Vermutlich ist das dem gleichen Anfangsbuchstaben zu verdanken, der Stabreim „Asen und Alfen“ dürfte den alten isländischen Dichtern ähnlich leicht von den Lippen geflossen sein wie heutigen Poeten die Reimworte „Herz“ und „Schmerz“. So sitzen sie im Lied Ägirs Gelage einträchtig im Saal des Meeresgottes:
„Von Waffen reden und ruhmvollen Kämpfen
Der Sieggötter Söhne.
Asen und Alfen, die hier innen sind“1
Erwähnt wird ein Land in der Götterwelt Asgard, in dem die Alfen leben. Im Grimnirsmal gibt der Götterkönig Odin eine Übersicht über die zwölf Götterburgen, die oft als eine Art astrologisches System gedeutet werden. Im Anschluss an die Schilderung von Thors Feste Thrudheim folgen die Verse:
„Ydalir heißt es, wo Uller hat
Den Saal sich erbaut.
Alfheim gaben dem Freyr die Götter im Anfang
Der Zeiten als Zahngebinde.
Die dritte Halle hebt sich, wo die heitern Götter
Den Saal mit Silber deckten. Walaskialf heißt sie, die sich erwählte
Der Ase in alter Zeit.“2
Alfheim, das Reich des Fruchtbarkeitsgottes Freyr gilt nicht als Götterburg, ist aber dennoch Teil Asgards. Auffallend ist, dass Alfheim in der Aufzählung zwar erwähnt wird, doch nur zwischen Position zwei und drei als Einschub, es erhält keine „laufende Nummer“. Sollten die alten Germanen hier an eine Art Schalttage gedacht haben?
In einigen Liedern wird unterschieden zwischen wohlgestalten, guten Lichtalfen und hässlichen, im Dunkel der Nacht agierenden Schwarzalfen, doch von Taten der Alfen wird so gut wie nichts berichtet.
Genau beobachtet ein Edda-Dichter die Ausdrucksweise der einzelnen Völker: Im Alvismal gibt es einen ausführlichen Vergleich des Vokabulars von Asen- und Wanengöttern, Riesen, Zwergen, Menschen, Unterweltsbewohnern und Alfen. So antwortet der Zwerg Alwis auf die Frage, wie man den Himmel in den einzelnen Welten nennt:
„Himmel den Menschen, Dach heißt er den Göttern,
Windweber Wanen,
Riesen Überwelt, Alfen Glanzhelm,
Zwergen Träufeltor.“3
Manchmal wird eine Verwandtschaft zu den Zwergen angenommen. Darauf könnten auch Namen wie Alberich (Zwergenkönig aus der Siegfriedsage) hindeuten. Das englische Wort „Dwarf“ für Zwerg stammt von „Dwarftalb“ – Schwarzalb.
Nach der Christianisierung wurden im Volksglauben Alfen zu dämonischen, bösen Mächten. So machte man sie verantwortlich für den Hexenschuss, der ursprünglich Albenschuss hieß. Auch heute ist noch das Wort „Alptraum“ geläufig, das seit der Rechtschreibreform als „Albtraum“ wieder seine elbische Herkunft ins Bewusstsein rückt.
Die moderne Fantasy verdankt ihr Elbenbild John Ronald Reul Tolkien. Er schilderte Wesen, die er „elves“ nannte. Doch war er selbst mit dem Wort nicht glücklich. Für die deutsche Übersetzung wünschte er sich daher, dass sie als „Alben“ oder „Elben“ bezeichnet werden. Sind sie im Buch vom Hobbit noch eher blasse Gestalten, die durch Baumwipfel fliegen und närrische Lieder singen, so mausern sie sich in der Trilogie Der Herr der Ringe zum Edelsten, was die Fantasy aufzubieten hat.
Über ihr Äußeres wird wenig berichtet. Im Rat bei Elrond heißt es, dass Legolas’ Gesicht schön sei. Er ist in Grün und Braun gekleidet, mit Pfeil und Bogen bewaffnet. Die Elben, denen die Gefährten in Lothlórien begegnen, tragen graue Kleidung, leben in den Baumwipfeln und bewegen sich geräuschlos durchs Laub. Sie singen und lachen gern, doch sprechen sie auch mit befehlsgewohnter Stimme. Einmal wird erwähnt, das Haar eines Elben schimmere wie Gold in der Morgensonne. Tolkien hält sich mit Beschreibungen zurück. Doch als Frodo die Augenbinde abgenommen wird, erlebt er das Land so:
„Er sah keine Farben außer denen, die er kannte, Gold und Weiß und Blau und Grün, aber sie waren frisch und strahlend, als nehme er sie in diesem Augenblick zum ersten Mal wahr und erfinde neue und wunderbare Namen für sie. Hier konnte im Winter kein Herz um Sommer oder Frühling trauern. Kein Makel, kein Gebrechen, keine Mißbildung ließ sich an irgend etwas entdecken, das auf der Erde wuchs. Kein Fehl war am Lande Lórien.“4
Erst als die Gefährten zum Herrscherpaar geführt werden, gibt es eine Beschreibung. Doch auch hier beschränkt sich Tolkien auf wenige Merkmale, nennt Haarfarbe, Farbe der Kleidung und die ausdrucksstarken Augen:
„Sehr groß waren sie, und die Herrin nicht weniger groß als der Herr; und sie waren ernst und schön. Sie waren ganz in Weiß gekleidet; Frau Galadriels Haar war tiefgolden, und das Haar des Herrn Celeborn war silbern, lang und leuchtend; aber kein Zeichen des Alters war an ihnen, es sei denn in den Tiefen ihrer Augen; denn ihre Augen waren scharf wie Lanzen im Sternenlicht, und doch tiefgründig, die Bronnen alter Erinnerung.“5
In Tolkiens Welt erscheinen Elben als übersteigerte Menschen. Sie sind bedingt unsterblich, makellos und haben ihre Wurzeln außer in der nordischen Mythologie auch in theologisch-philosophischen Überlegungen zur Frage: Was wäre aus der Menschheit ohne den Sündenfall geworden? Kleine, kindliche Blumenelfen, die erst in moderner Zeit entstanden lehnte Tolkien jedenfalls ab und wollte mit dieser Verniedlichung nichts zu tun haben.
Einen eigenwilligen Umgang mit den Alfen-Nachfahren findet man in Wolfgang und Heike Hohlbeins Roman Elfentanz: Hier existiere Elfen und Elben nebeneinander als völlig verschiedene Völker. Die erste Elfe, die der junge Timo sieht, ist eine „wunderschöne, goldhaarige Frau in einem fließenden, silbernen Gewand, zartgliedrig und so blaß, dass ihre Hände und Füße im Sonnenlicht beinahe durchsichtig wirkten.“6 Ihre Stimme hat „einen wunderschönen Klang, als striche warmer Sonmmerwind durch ein Feld gläserner Blumen.“7 Es ist ein zierliches, verletzliches Wesen, das aber über starke magische Kräfte verfügt.
Elben dagegen sind Krieger. Ein Volk mit großer Vergangenheit, von der nicht viel blieb. „Einst waren sie ein mächtiges und stolzes Volk, das die Welt von einem Horizont bis zum anderen beherrschte. Aber diese Zeiten liegen so lange zurück, wie die Berge alt sind, und heute gibt es nicht mehr viele Elben“, heißt es.8 Die ersten Elben, denen Timo begegnet sind breitschultrige, hellgekleidete Krieger mit mächtigen Langbogen. Sie strahlen Ruhe und Gelassenheit, Friedfertigkeit und Weisheit aus. Zum Schluss wird sich das Volk in ein dezimiertes Häuflein verwandeln. Timo sieht heimatlose Elbinnen und Schwerverletzte, die sich auf den Kampf gegen den bösen Ahriman vorbereiten.
Eine eigenständige Schöpfung stellen die Hauselfen in Joanne K. Rowlings Harry-Potter-Romanen dar. Die dienstbaren Geister mit dem uneingeschränkten Willen zum Dienen und zur Unterwerfung sind eher tragische Geschöpfe und haben nichts mit den Elbenkriegern Mittelerdes gemein. Sie weisen eine Verwandtschaft mit englischen Brownies auf und einige Ähnlichkeit mit Heinzelmännchen, doch fehlt ihnen der Zorn und die Bereitschaft zum Weggehen, wenn Menschen sie nicht gut behandeln, oder wenn ihre Arbeit erledigt ist.
Mit Eoin Colfers „Artemis Fowl“ zog High Tech im Elfenreich ein. Die Zentrale Untergrund Polizei, vertreten durch die draufgängerische Elfe – der Autor verwendet den Gattungsbegriff „an elf“ – Holly Short, verfügt über ein Waffenarsenal aus futuristischen Laserstrahlern, Raumschiffen, Zeitfeldern und Bomben, die gefährlicher sind als Atomsprengköpfe. Colfer erklärte augenzwinkernd, Artemis Fowl sei eine Art „Die Hard mit Elfen“.
Seit der TV-Serie Alf wurde das ursprüngliche Wort für Elfenwesen selten. Wer schlanke, schöne Bogenschützen schildert, will sicher nicht, dass der Leser an einen schweren, behaarten Außerirdischen denkt, der aussieht wie eine Kreuzung zwischen einem Känguruh und einem Erdferkel.
1 Die Edda. Germanische Göttersagen aus erster Hand. Nach der Übersetzung von Karl Simrock neu hrsg., bearbeitet und kommentiert von Walter Hansen. Wien, Heidelberg, 1981. S. 117.
2 Ebd. S. 141.
3 Ebd. S. 135.
4 John Ronald Reul Tolkien: Der Herr der Ringe. Band I: Die Gefährten. Aus dem Englischen übersetzt von Margaret Carroux. Stuttgart, 1972. S. 423.
5 Ebd. S. 428.
6 Wolfgang und Heike Hohlbein: Elfentanz. Eine phantastische Geschichte. Wien, Heidelberg, 1984. S. 94.
7 Ebd. S.100.
8 Ebd.S. 138f.
Erstveröffentlichung:
Petra Hartmann: Von Alfen, Elfen und Elben. In: Elfenschrift. 21, März 2009, S. 10–12.
© Petra Hartmann
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