Liebesspielverderberin
Elfenschrift Hexen
"Hexenliebe" lautete das Motto der 24. "Elfenschrift", und ich habe mich dem Thema Liebe und Hexerei auf etwas ungewöhnliche Weise genähert. Nein, es ging nicht um Liebeszauber. In meinem Aufsatz "Liebesspielverderberin" widmete ich mich der historischen "Hexe" Sidonia von Borcke, die ein komplettes Herzogsgeschlecht mit Unfruchtbarkeit geschlagen und ausgerottet haben soll, und einer besonderen Knotentechnik. Vielleicht wäre es ja einmal ein Thema für einen Roman?
Liebesspielverderberin
„Rothaarig ist sie [...], die Leidenschaft soll schon von außen sichtbar sein; ihr Haar, von einem Netz gehalten, aber nicht mit einer Haube unsichtbar gemacht. Ein weißes Unterkleid, auf dem sich ein Überwurf aus dunklen Schnüren gut abhebt: Spinnennetz? Verknotungen? Schlangen?“1
So beschreibt Heidi Staschen ein Bild der als „Klosterhexe“ verschrienen Sidonia von Borck (1548 - 1620). Eine Frau, die wusste, was sie wollte, die liebte, die für eine Frau ihrer Zeit erstaunlich viel Durchsetzungswillen und Energie besaß und dafür als Zweiundsiebzigjährige auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Ein Netz aus dunklen Schnüren mit Verknotungen – der englische Maler Edward Burne-Jones, der im 19. Jahrhundert ein Porträt der Frau schuf, die einst die schönste und reichste adelige Jungfer von ganz Pommern gewesen sein soll, „wollte mit diesem Bild auf das hinweisen, was man ihr zeit ihres Lebens [...] nachsagte: das Nestelknüpfen. Es war eine magische Handlung: der geknüpfte Knoten soll die ‚Manneskraft’ (den Penis) schwächen. Je mehr Knoten, je weniger erotische Freuden.“2
Wer einen Liebestrank benötigte, um einen geliebten Menschen für sich zu gewinnen, ging oft zur Hexe. Doch auch wer Liebe verhindern wollte, konnte nach frühneuzeitlichem Glauben mit Magie dazwischenfunken. „Hexereiverdächtig waren [...]: Impotenz bei Männern, Unfruchtbarkeit bei Frauen“.3 Wenn die Frau einen Mann einfach nicht erhörte, wenn ein Ehemann fremd ging, wenn ein Mann oder eine Frau in der Produktion von Nachwuchs versagte, so war es Dank der Inquisition möglich, jemand anderen dafür verantwortlich zu machen und zu verbrennen.
Das Nestelknüpfen „auch Senkelknüpfen, Schloßschließen, Binden [...] ist“, laut Handwörterbuch des Aberglaubens, „ein berüchtigter, weitverbreiteter und gefürchteter Bindebrauch [...], der als abergläubische Entsprechung gewisser Fruchtbarkeitsriten anläßlich einer Trauung vielmehr dahin wirken sollte, den Bräutigam impotent zu machen und dies bei Neurasthenikern auch zweifellos oft erreicht hat.“4
Wer den Bräutigam in dieser Art „binden“ will, knüpft einen Knoten oder drückt ein Schloss zu, meist während der Trauung, und wirft Knoten oder Schloss anschließend ins Wasser, damit sie nicht gefunden werden können. Mit vermutlich leichtem Amüsement notiert das Handwörterbuch, dass der Brauch noch 1922, also rund ein Jahrzehnt vor Erscheinen des Artikels allgemein bekannt gewesen sein muss, in dem Jahr hatte es ein Lustspieldichter benutzt, „ohne fürchten zu müssen, unverstanden zu bleiben.“5
In der Antike, aber auch in Griechenland und Süditalien des 20. Jahrhunderts, in der Türkei, bei Südslaven, Magyaren und Russen sei der Zauber erwähnt und benutzt worden, auch das indische Atharvaveda spielt darauf an. Marcellus Empiricus (um 400 n. Chr.) notierte, zur Lähmung der Manneskraft müsse man dem Betreffenden eine „bekränzte Mörserkeule“ unters Bett legen. In der „Lex Salica“, dem alten Volksrecht des Salfranken aus dem 6. Jahrhundert, ist es vorausgesetzt, und auch die Kirche befasste sich auf zwei Synoden 1298 und 1446 mit den fiesen Knoten und verbot sie. Doch noch im 17. Jahrhundert finden sich Notizen dazu in sächsischen Visitationsakten.
Als Gegenmittel wird dem Ehemann geraten, drei Morgen durch den Ehering zu urinieren, ein verschlossenes Schloss in der Tasche zu tragen oder bei der Trauung den Trauring nur bis zum zweiten Fingergelenk zu schieben, was einen nicht vollständig vollzogenen Geschlechtsakt symbolisieren soll.
Sidonia, die „Klosterhexe“, soll solche Knoten geknüpft, solche Schlösser geschlossen haben. Die pommersche Adlige geriet den Macht- und Dynastienplänen der Herzöge von Stettin in die Quere, die ihr verboten, „den Mann ihrer Liebe, Herzog Ernst zu ehelichen.“6
Sidonia ging in ein Stift, eine damals übliche „Entsorgungsform“ für unverheiratete adlige Frauen, Ernst wurde mit einer anderen verheiratet. Sidonia hat diesen Schmerz nie vergessen. Sie suchte nach einer Möglichkeit der Rache, lernte „hexen“, genoss die Furcht und die Verehrung ihrer Mitmenschen, stieg gar zur Unterpriorin des Klosters Marienfließ auf. Sie soll bei Zigeunerinnen gelernt haben, traf sich mit der Wahrsagerin Wolde Albrecht, lernte Kräuter und Gifte kennen. „Todesfälle in der Umgebung ließen den Verdacht immer mehr auf sie fallen. [...] Und da absehbar war, daß das Geschlecht der pommerschen Herzöge bald aussterben würde, war natürlich auch sie daran schuld ...“7
Aberglaube und Machtstreben auf beiden Seiten: Das Hofgericht Stettin fand in ihr eine mustergültige Hexe. Und Sidonia? „Vielleicht sonnte sie sich zu sehr im Glanz, mit Magie umgehen zu können, über Tod und Leben zu entscheiden zu können, über Manneskraft und damit Mannesmacht“, vermutet Heidi Staschen. „Sidonia, die Macht wollte, die Magie betrieb, weil sie die Welt nach ihrem Bilde formen wollte, die Wut und Trauer in sich hatte und viel Rache für ihre unerfüllte Liebe und ihre Enttäuschungen. Rache – da wollte sie Hexe sein ...“8 Allerdings: Was Sidonia im Verlauf des Prozesses gestand, hätte vor keinem modernen Gericht Bestand. Die Verbrechen, die sie zugab, gestand sie unter der Folter.
Sidonia hat zahlreiche Autoren fasziniert. So erschien 1847 der Roman „Sidonia von Bork, die Klosterhexe“, das besonders in der englischen Übersetzung großen Erfolg hatte und den Maler Edward Burne-Jones zum eingangs beschriebenen Bild inspirierte. 1910 erschien „Die Klosterhexe von Marienfließ und der Untergang des Pommerschen Herzogsgeschlechts“ von Ludwig Hamann.
Auch Theodor Fontane befasste sich intensiv mit ihr. Das zwischen 1879 und 1882 entstandene Fragment kam jedoch über das Stadium der Skizzensammlung nicht hinaus. Fontane studierte Quellen, war vor Ort, fertigt Grundrisse an, notierte die ihr zur Last gelegten Todes- und Krankheitsfälle und den Vorwurf: „Den jetzigen Pastor in Büche fecisse impotentem“9. Allerdings glaubt er als Kind des aufgeklärten 19. Jahrhunderts nicht, dass sie „Tod oder Unfruchtbarkeit aller Mitglieder der herzoglichen Familie veranlaßt haben sollte. Aber es lag einfach an ihrem [der Herzöge] wüsten Leben: vor allem maßloses Trinken brachte sie vor der Zeit ins Grab.“10
Dass es in seiner Novelle ums „Schloss-Schließen“ gehen würde, zeigt bereits eine Gesprächsnotiz Fontanes, eine Anekdote, die Senator Bremer erzählte: „Bei der Trauung sitzt der Büdners Sohn hinter dem Brautpaar und in dem Augenblick, wo der Geistliche die Kopulationsformel spricht [...] schließt er, der Büdnerssohn, ein Vorhängeschloß zu, daß es knapst, und wirft das Schloß in einen Ziehbrunnen. Wenn man das tut, würde die Ehe unfruchtbar.“11
Fontane kennt auch die zweite Variante des Schlosszaubers: „Sidonie muß das Schloß aufschließen und aufreißen und in einen Brunnen werfen, um dadurch eine Trennung von Herzog und Herzogin herbeizuführen.“12
Welche Rolle Sidonias Höllengeist „Chim“ gespielt hätte, der in den Prozessakten auftauchte, geht aus Fontanes Aufzeichnungen nicht hervor. Walter Keitel erinnert jedenfalls an eine nach der Hinrichtung aufgekommene Sage: „Sidonia soll das Gnadenangebot von Herzog Franz unter der Bedingung, daß sie die restlichen pommerschen Fürsten vom Tod rette, abgelehnt haben: ‚das Hängeschloß, in welches sie den Unsegen geknüpft, könne auch ihr Chim nicht aus den Tiefen des Sees bei Marienfließ hervorholen.’“13
Das schreckliche Ende Sidonies hat das Herzogsgeschlecht nur um 17 Jahre überlebt, 1637 war das Aussterben der „Greifen“ besiegelt. Was bleibt ist die Erinnerung an eine Frau, die Züge einer antiken Medea trägt und als ein weibliches „Kraftgenie“ für eine Tragödie des Sturm und Drangs hätte herhalten können. Fontane: „Sidonie war stolz, kühn und böse, und eigensinnig, neugierig, im Aberglauben ersoffen und gewohnt von niemandem Gutes zu sprechen. [...] Es schmeichelte ihrem Hochmut, wenn alles vor ihr kroch und bebte. [...] Sie ist durch und durch bös aristokratisch, mit Lastern gesättigt, aber kühn, mutig, frei trotz allem Aberglauben und nicht ohne eine gewisse Großartigkeit.“14
1 Heidi Staschen: Verraten, verteufelt, verbrannt. Hexenleben. Reinbek bei Hamburg, 1990. S. 87f.
2 Ebd. S. 88.
3 Wolfgang Tarnowski: Hexen und Hexenwahn. Nürnberg, 1994. S. 20.
4 Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Hrsg. v. Hanns Bächthold-Stäubli. Berlin u. Leipzig, 1934/1935. Bd. VI, Sp. 1014.
5 Ebd. Sp. 1015.
6 Heidi Stasch: A. a.O. S. 88.
7 Ebd. S.88f.
8 Ebd.
9 Theodor Fontane: Zwei Fragmente. „Sidonie von Borcke“ und „Storch von Adebar“. Bearbeitetet von Walter Keitel. Potsdam, o.J. (1968), S. 10.
10 Ebd. S. 15.
11 Ebd. S. 7.
12 Ebd.
13 Ebd. Einleitung, S. 5f.
14 Ebd. S. 11.
Erstveröffentlichung:
Petra Hartmann: Liebesspielverderberin. In: Elfenschrift. 24, Dezember 2009, S. 6–8.
© Petra Hartmann
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