Jacqueline Montemurri: Der Herrscher der Tiefe
Bücher - phantastisch Karl May Jules Verne Orient
Karl May und Magie? Geht das? In der Reihe "Karl Mays magischer Orient" ist das jedenfalls möglich und gewollt. Und im siebten Band, "Der Herrscher der Tiefe" macht die Autorin Jacqueline Montemurri noch ein ganz anderes Zusammentreffen möglich: Karl May und Jules Verne beziehungsweise Kara Ben Nemsi und Kapitän Nemo in einem Abenteuer vereinigt. Eine Kombination, die Zündstoff birgt und auf jeden Fall ein spannendes Abenteuer verspricht.
Das Abenteuer beginnt in Kyrenia, Nordzypern, als die Reisegruppe um Kara Ben Nemsi von einem jugendlichen Dieb bestohlen wird. Die Reisegruppe, das sind außer dem Ich-Erzähler der treue Diener Hadschi Halef Omar, seine Frau Hanneh und deren Mutter Amscha, Halefs Schwägerin Djamila und der Magier Scheik Haschim. Außerdem ist der reiselustige Lord Sir David Lindsay zunächst mit dabei, der aber kurz darauf Abschied nimmt, um ein Abenteuer auf Kreta zu bestehen beziehungsweise um dort archäologische Forschungen zu unterstützen. Wenig später verschwindet Sir David beim Versuch, ein kretisches Höhlensystem zu erkunden. Britische Soldaten schaffen Kara Ben Nemsi und Teile seines Teams - Hanneh und Amscha werden heimgeschickt - nach Kreta. Das Ganze kommt eher einer Entführung als einer Bitte um Hilfe gleich. Aber als die Freunde erfahren, dass es um eine Rettungsaktion für ihren verschollenen Freund handelt, sind sie natürlich bereit, in das Labyrinth einzudringen.
Insgesamt ist es ein spannender und gut geschriebener Roman, allenfalls der Einstieg mutet etwas ungeschickt und umständlich an. Da wird Halef bestohlen, und Djamila hastet hinter dem jungen Dieb hinterher, eine schnelle, actionreiche Verfolgungsjagd beginnt, aber die Autorin hat nichts Besseres zu tun, als bereits im zweiten Satz eine lange, betuliche Rückblende zu beginnen. Ganz nach dem Motto: "Wir werden ausgeraubt. Jetzt lehne ich mich erstmal zurück und erzähle lang und breit, wie wir vor zig Jahren schon mal ausgeraubt wurden und wie wir uns überhaupt alle kennengelernt haben ..." Etwas unbefriedigend, dass man als Leser dieses Gelaber erdulden muss, während Djamila sich abmüht und hinter dem Dieb herspurtet.
Auch die langen Referate, mit denen Kara Ben Nemsi Halef über diverse Sagen, etwa über Jason und das Goldene Vlies oder Minos, Dädalos und den Minotaurus aufklärt, hätten gern knackiger und bewegter rübergebracht werden können. So wirkt das Ganze wie ein Frontalvortrag in der Schule ...
Begegnung mit Kapitän Nemo
Sehr interessant ist das Zusammentreffen zwischen Kara Ben Nemsi und dem Kapitän der Nautilus. Schon allein deshalb, weil der Ich-Erzähler May/Ben Nemsi die Erzählungen seines Kollegen Jules Verne im Vorfeld als Spinnereien und Lügengespinste abtut, während die eigenen Orient- und Wild-West-Abenteuer natürlich die reine Wahrheit sind ... Er wird im Laufe der Geschichte sein Urteil über Verne und dessen Bücher gründlich revidieren. Schön auch das kleine Denkmal, das die Autorin dem Verne-Kenner Wolfgang Thadewald gesetzt hat, den Kara Ben Nemsi in der gewaltigen Bibliothek des U-Boots kennen lernt.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Konfrontation der beiden außerordentlich unterschiedlichen Charaktere Kapitän Nemo und Kara Ben Nemsi. Zwei Männer, die durch ihre Liebe zur Wissenschaft durchaus eine Gemeinsamkeit haben. Der Ich-Erzähler ist fasziniert von den technischen Möglichen und Zukunftstechnologie der Nautilus. Aber dass Nemo sein Schiff nutzt, um britische Schiffe zu versenken, und dadurch bereits Hunderte, wenn nicht Tausende Menschenleben auf dem Gewissen hat, macht es Kara unmöglich, sich als "Partner" des Kapitäns einkaufen zu lassen. Zumal dies ewige Gefangenschaft an Bord bedeutet hätte. Eine Konfrontation, ein Kampf auf Leben und Tod ist unausweichlich.
Magie trifft Technik
Spannend ist auf jeden Fall das Zusammentreffen von Magie und Technik. Scheik Haschim als Magier hat der Nautilus-Technologie durchaus etwas entgegen zu setzen. Aber jeder Unsichtbarkeitszauber versagt, wenn der Gegner die Körperwärme seiner Feinde sichtbar machen kann ... Bemerkenswert auch, dass Kara Ben Nemsi nicht wie bei May gewohnt, der unbesiegbare Superheld mit dem alles und jeden überwältigenden Jagdhieb ist. Mehr als einmal bleibt er "zweiter Sieger" in Auseinandersetzungen, wird außer Gefecht gesetzt, muss zusehen, während seine Freunde kämpfen, oder muss auf die Fähigkeiten und Expertise etwa des Scheiks setzen. Eine sehr ungewöhnliche Lage für Mays Helden.
Und geht das nun - Karl May und Magie? "Karl May würde heute Fantasy schreiben", so lautet der Slogan, mit dem die Reihe "Karl Mays magischer Orient" angetreten ist. Aber wieso "würde"? Karl May hat Fantasy geschrieben; "Ardistan" und "Der Mir von Dschinnistan" sind die Urgroßmütter aller deutschen Fantasy-Romane.
Wenn es gut motiviert ist, hat Zauber in jedem Roman Platz. Der Leser muss sich ein bisschen einlassen auf die Rahmenbedingungen, die für die Roman-Reihe gesetzt sind, das geht schon. Auch wenn Puristen lieber "richtige" Orient-Abenteuer lesen würden. Sollen sie doch, Karl Mays Kosmos ist groß genug für alle. Schön ist aber auch, wenn sich die "Magie" des von Halef fast das ganze Buch über beschworenen "Goldenen Vlies" dann doch auf sehr physikalisch korrekte, mechanische Weise zeigt.
Fazit: Ein spannendes Aufeinandertreffen zweier starker Charaktere der Weltliteratur, ein Kampf zwischen Technik und Magie und ein Abenteuer, in dem der Held Kara Ben Nemsi ein Stück weit vom Sockel geholt wird. Lesensewert.
Jacqueline Montemurri: Der Herrscher der Tiefe. (Band 7 der Reihe: Karl Mays magischer Orient.) Bamberg: Karl-May-Verlag, 2019. 477 S., Euro 20.
Weitere Karl-May-Fortsetzungen:
Thomas Ostwald: Aufbruch ins Ungewisse
Thomas Ostwald: Auf der Spur
Thomas Ostwald: Der schwarze Josh
Axel Halbach: Blutige Schluchten
Klaus-Peter Walter: Sherlock Holmes und Old Shatterhand
Wolfgang Berger: Weißer Vater
Lennardt M. Arndt: An den Ufern des Nebraska
Lennardt M. Arndt: Die Buschklepper
Bettina Schneider: Die Opfer des Apachen
© Petra Hartmann

Benutzerdefiniertes Design erstellen












