Reimer Boy Eilers: Mit Magellan 3: Die Meerenge
Helgoland Reimer Boy Eilers Magellan
Ein Helgoländer umsegelt die Welt. In seinem Opus Magnum "Mit Magellan" schildert Reimer Boy Eilers die Geschicke des Fischers Pay Edel, der durch ein Missgeschick und auf verschlungenen Wegen an Bord der Magellan-Flotte gelangt und nur auf dem Umweg um den gesamten Globus zum roten Felsen zurückfinden kann. Der dritte Band trägt den Titel "Die Meerenge" und beschreibt die Fahrt von der Bahia Rio de Janeiro zur Magellanstraße.
Der Reisebericht, in dem Pay als Ich-Erzähler seine Erlebnisse schildert, kommt weiterhin daher als ein extralanger Brief an seine daheimgebliebene Verlobte, die Jungfer Peerke. Ob der Brief die Braut auf Helgoland jemals auf dem Postweg erreicht? Wenn man sich die ungeheure Stärke der vorliegenden Bände anschaut, wird einem zumindest um die Portokosten bange. Das Werk ist angelegt auf fünf Teile, von denen Teil vier gerade erschienen ist. Insgesamt dürfte es sich um 2000 bis 2500 Seiten handeln. Da passt es ganz gut, dass Pay an einigen Stellen, die er tagebuchartig und gewissermaßen vorläufig notiert, anmerkt, dass er bestimmte Stellen in der Version für Jungfer Peerke auslassen wird. So seine alles andere als platonische Beziehung zu einer jungen Eingeborenen in Brasilien, von der bereits im zweiten Band zu lesen war. Wobei noch einzurechnen ist, dass Pay das Lesen und Schreiben erst jetzt auf seiner Weltreise von einem arabischen Kartografen in Diensten Magellans lernt - und dass seine Helgoländer Braut Peerke voraussichtlich auch weiterhin Analphabetin bleibt. Sie wird sich seine Reisebeschreibung daheim vorlesen lassen müssen, höchstwahrscheinlich vom örtlichen Pastor.
Keine Heldengeschichte
Eilers erzählt definitiv keine strahlende Heldengeschichte. Waren schon im zweiten Band, der immerhin auch "Das Paradies" beschreibt, schon die Härten und Grausamkeiten des Seefahrerlebens zu Tage getreten, so werden die unschöneren Aspekte jenseits der Abenteuer-Klischees nun noch deutlicher. Magellan hat sich einer Meuterei zu erwehren, was ihm in fast aussichtsloser Lage auch gelingt. Immer wieder gibt es Intrigen und handgreifliche Auseinandersetzungen. Auch Missbrauch von Kindern beziehungsweise Jugendlichen geschieht an Bord, das tragische Schicksal des Schiffsjungen dürfte zu jenen Zeiten kein Einzelfall gewesen sein.
Magellans Justiz ist hart, aber in ihrer Konsequenz in dieser Situation unausweichlich. So erlebt Pay, und mit ihm der Leser, wie Meuterer und andere Delinquenten bestraft werden. Zumal in der Ausnahmesituation eines Expeditionsleiters, der sich jenseits aller spanischen Autorität in Respekt setzen muss. Darunter auch die furchtbare Hinrichtungsart des Aufs-Rad-Flechtens. In jener Zeit durchaus gebräuchliche Praxis.
Auch Pay selbst wird vorübergehend in einen Block geschlossen. Eine unbedachte kritische Äußerung, die von den falschen Ohren gehört wird, trägt ihm die Strafe ein. Eine Strafzeit, die er immerhin nutzen kann, um von seinem Freund Al Gharb das Schreiben zu lernen und Buchstaben in den Sand zu malen. Und noch eine weitere unterwegs erworbene Fähigkeit kann er schließlich zeigen: Er hat das Schwimmen gelernt und ist daher der einzige, der von unten ein Leck im Schiffsrumpf aufspüren kann. Aufgrund dieser hilfreichen Aktion wird er schließlich von Magellan begnadigt und wieder in die Reihen der guten Schiffskinder aufgenommen.
Menschen als Souvenirs
Doch nicht nur die Mitglieder der Expedition erfahren Härte und Grausamkeit. Auch die Bewohner der neu entdeckten Küsten machen mit den Fremden aus dem Osten denkbar schlechte Erfahrungen. Gewalt, Menschenraub und Mord sind die Begleiter dieser Entdecker, die mit typisch europäischer Arroganz auch menschliche Souvenirs mit nach Hause bringen wollen. Mit der "Personalgewinnung" für diese Fahrt hatten ja auch Pay und sein Eskimo-Freund Qivitoq bereits im ersten Band ihre Erfahrungen gemacht. Wie es den zurückgelassenen Sexualpartnerinnen in den nächsten neun Monaten mit den Abschiedsgeschenken der Spanier gehen wird, interessiert die Seefahrer gleichermaßen nicht.
Sehr unterschiedlich werden die Völker und Stämme geschildert, denen die Teilnehmer der Weltumsegelung begegnen. Da sind die freundlichen, offenen Naturkinder des gesegneten Landstrichs "Presil", an dem die Flotte überwintert, eine Welt des Friedens, der Sorglosigkeit, der Offenheit. Ein wenig zurückhaltender treten die Menschen auf, denen die Seefahrer weiter im Süden, in Feuerland und beim Erforschen der Straßen und Ströme zwischen Atlantik und Pazifik begegnen. Besonders eindrucksvoll ist das Aufeinandertreffen mit dem Volk der Alakalufes, Jäger wie Pays Freund Qivitoq, deren Nachkommen der Autor des Buchs noch kennen lernte und deren Schicksal er im Nachwort beklagt.
Die Grenzen der Erzählfigur
Pay Edel ist als Erzählfigur - als einfacher, wenig gebildeter Fischer aus dem Norden, der in der spanischen Flotte als ebenso einfaches Besatzungsmitglied dient - großen Einschränkungen unterworfen. Er ist nicht dabei, wenn Magellan und die Kapitäne den Kurs und die Belange der Expedition besprechen. Er bekommt Strategien und Gedanken der jeweiligen Parteien gewöhnlich erst zu spüren, wenn sie konkrete Auswirkungen auf seine Bordroutine haben. Und erst recht ist er nicht involviert in astronomische und kartografische Belange, die für die Expedition von entscheidender Bedeutung sind.
Hochinteressant ist es daher, den Autor dabei zu beobachten, wie er die Ergebnisse seiner offenbar sehr intensiven Recherchen transportiert und Pay Dinge erfahren lässt, die jenseits seiner Sphären liegen. Oft ist es der Araber Al Gharb, der dem Helgoländer (und damit dem Leser) Hintergründe erläutert. Aber auch der Ritter Pigafetta und sogar der Eskimo Qivitoq sind Auskunftgeber und erklären Pay Dinge, die er nicht wissen kann.
Einmal unterbricht der Autor die brieflichen Schilderungen Pays und lässt die Leser im Kapitel "Nächtlicher Monolog" teilhaben an einem Blick direkt in die Gedankenwelt Magellans. Ein Fremdkörper, ein irritierender, aber zweifellos erhellender Perspektivbruch. Im Prolog ergreift ein Nachfahr Pays das Wort und tritt als eine Art Herausgeber oder Bewahrer des Textkonvoluts auf. Und im Nachwort ergreift der Autor selbst das Wort.
Prophetischer Traum
Doch Pay hat durchaus noch andere Informationsquellen. So erleben die Leser mit, wie der Fischer in einem Traum die Zukunft der Alakalufes sieht:
"Gottlob träume ich selten, und solch ein übles Gesicht möchte ich nicht ein weiteres Mal an meinem inneren Menschen vorbeiziehen lassen. Ich sah, wie die nackten Alakalufes von gepanzerten Landsknechten aus dem Abendland, die vom Branntwein berauscht waren, mit Schwertern, Arkebusen und Hellebarden gejagt wurden. Den Toten - Männern, Frauen und Kindern - schnitten die Furien des Krieges die Ohren ab, um sie für guten Lohn als Trophäen an ihre Obersten und Kriegsherren zu verkaufen, zum Beweis, dass sie eine Art wilder Tiere erlegt hätten."
Verschlungen und mit starkem Ich
Dass Pay gelegentlich zu Umständlichkeiten und etwas verschlungenen Schilderungen neigt, wurde bereits bei den beiden Vorgängerbänden angemerkt. Detailreich, manchmal etwas ausschweifend und oft mit persönlichen Betrachtungen gespickt, erinnert er oft eher an einen Berichterstatter des 19. als des 16. Jahrhunderts und wirkt wie ein Kind einer Zeit, in der das Papier preisgünstiger war und das Ich des Berichterstatters mehr in den Vordergrund rückte. Derart viel Raum für eigene Befindlichkeiten hätte sich selbst ein von seinem eigene Ego überzeugter Flottenkommandant nicht gegönnt, um wie viel weniger ein schlichter Seemann, der an Bord seinen Dienst verrichtet. Sei's. Auf jeden Fall ist dieser Pay eine ausgesprochen interessante Persönlichkeit und durchaus in der Lage, einen historischen Roman zu tragen. Und durch die ständige Rückbindung an das Heilige Eiland gewinnt das Werk eine zusätzliche, sehr persönliche Ebene - etwa, wenn Magellan ein Kap nach der Heiligen Ursula und ihren 11.000 Jungfrauen benennt, die ja auch die Insel Helgoland besucht haben sollen, oder wenn Pay über den Seeräuber Störtebecker sinniert. Hier begegnen sich Landschaften und Geschichten, die bislang noch nie zusammen gedacht wurden. Sehr spannend. Und ein Konstrukt, das auch nach Beginn der zweiten Halbzeit dieser literarischen Weltumseglung trägt.
Fazit: Historische Entdeckungsreise zwischen Helgoland und Feuerland. Akribisch recherchiert, voller historischer Details und spannender Begegnungen. Lesenswert, macht Lust auf mehr.
Reimer Boy Eilers: Mit Magellan. Band 3: Die Meerenge. Von der Bahia Rio den Janeiro zur Magellanstraße. Ochsenfurt: Kulturmaschinen Verlag, 2024. 427 S., Euro 20.
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© Petra Hartmann

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