Thorgal Saga: Die wandernde Stadt
Comics Thorgal Antoine Ozanam Mohamed Aouamri
Beeindruckend. Die Reihe "Thorgal Saga" hatte ja schon mit einigen hochklassigen Alben aufgewartet, aber "Die wandernde Stadt" ist zweifellos ein besonderer Höhepunkt. Texter Antoine Ozanam und Zeichner Mohamed Aouamri legen hier ein Abenteuer vor, das getreu dem Geist der alten Thorgal-Bände die bekannte Ethik des Helden zeigt und seinen Mut, dafür einzustehen, erneut seinen "Fluch" beschwört und ein Wiedersehen mit lieb gewordenen Charakteren bietet. Das Ganze in Optik und Ausstattung erneut vorbildlich und in Extralänge.
"Die wandernde Stadt" ist ein Abenteuer aus der Zeit, in der Thorgal glaubte, er müsse seine Familie schützen und sich deshalb fern von ihr halten. Um den Fluch der Götter, den der Held auf sich lasten fühlt, allein zu tragen und Aaricia, Jolan und Lupine ein friedliches, sicheres Leben zu verschafften, verlässt Thorgal die Seinen und macht sich allein auf die Reise, ohne gewisses Ziel, nur einfach weg von ihnen.
Ob er selbst tatsächlich den Göttern verhasst ist? Auf jeden Fall gibt es einen Gott, der Thorgal aus dem Weg schaffen will: Vigrid, der unbekannte Ase, der aus Asgard verbannt in Midgard wandelt, versucht, Thorgal ins Verderben zu stürzen, um selbst die Liebe Aaricias zu gewinnen. Wer die blonde Königstochter kennt, wird schon im voraus wissen, dass kein Gott in ihrem Herzen gegen Thorgal eine Chance hat.
Wiedersehen mit Shania aus "Jenseits der Schatten"
Die Geschichte lebt vor allem vom Wiedersehen mit einer zweiten Person aus der Thorgal-Historie: Shania, die Jugendliche, die Thorgal im sechsten Album, "Jenseits der Schatten" kennenlernte. Ein sensibles, berührendes Abenteuer und ein echter Höhepunkt der Serie, und doch seit Jahrzehnten offenbar ohne Folgen. Ein Umstand, der sich nun ändert. Shania soll nicht vergessen sein, beschlossen Antoine Ozanam und Mohamed Aouamri. Und so wird der freche, sommersprossige Fratz aus dem Totenreich, der Welt jenseits der Schatten, befreit und soll Thorgal ins Verderben führen. Ein Auftrag, den Shania nur allzu gern annimmt, und sei es nur, um sich dafür zu rächen, dass Thorgal sie vergessen hat ... Und so lockt sie Thorgal in die wandernde Stadt Prokletà.
Ja, es handelt sich tatsächlich um eine wandernde Stadt. Wüsten oder Eislandschaften, Wälder, Steppen, Gebirge - jeden Tag zeigt sich eine andere Aussicht von den Zinnen der Stadtmauer aus. Eine faszinierende Stadt, von der niemand sagen kann, in welcher Gegend sie am nächsten Morgen auftauchen wird. Aber sie ist auch ein Gefängnis. Denn wer einmal die Stadt Prokletà betrat, kann sie nie wieder verlassen, es sei denn, er erhält die geheimnisvolle Tinktur des Stadtherrschers, die dieser ausgesprochen knauserig vergibt. Einige Jahrzehnte Dienstzeit sind der Preis. Oder die Arbeit als Spitzel. Thorgal stellt schnell fest, dass er hier unter die Herrschaft eines bösartigen und grausamen Zwingherrn geraten ist. Er leistet Widerstand. Auch wenn er dafür hart büßen muss.
Kompromissloser Charakter und beeindruckende Landschaften
Das Album "Die wandernde Stadt" ist auf jeden Fall ein absoluter Höhepunkt der Serie. Es verbindet klassische Thorgal-Ethik und den kompromisslosen Charakter des Sohnes der Sterne mit der feinfühligen Zeichnung eines Beziehungsgeflechts und beeindruckenden Landschaftsbildern. Archaische Kämpfe, Belastungsproben für eine Freundschaft und die Frage nach Anstand auch unter erschwerten Bedingungen prägen die Handlung genau so wie eine gewisse Wehmut, die das Wiedersehen mit Shania mit sich bringt. Rührend die Verzweiflung Vigrids, der sich in der Menschenwelt bewähren muss und nur langsam lernt, worauf es ankommt im Leben der Sterblichen. Packend auch die Tragödie von Thorgals zeitweiligem Weggefährten Wojciech - des einzigen Menschen mit Ausnahme des Herrsches, der diese Stadt nicht verlassen will und für den Prokletà die einzige Überlebensgarantie bietet.
Das Ganze in vollkommen angemessenem Großformat, episch und opulent, mit 82 Seiten in Extralänge auf genau dem Raum erzählt, der dieser Geschichte zusteht. Sehr schön auch der 14-seitige Anhang mit Zeichnungen, Skizzen und uncolorierten Seiten des Abenteuers sowie den persönlichen Nachworten von Autor und Zeichner. Einfach perfekt.
Fazit: Klassisches Thorgal-Abenteuer mit alten, lieb gewordenen Weggefährten. Optisch und erzählerisch ein Genuss. So müssen Saga-Bände sein. Gut gemacht, Antoine Ozanam und Mohamed Aouamri.
Thorgal Saga: Die wandernde Stadt. Text: Antoine Ozanam, Zeichnungen: Mohamed Aouamri. Bielefeld: Splitter, 2026. 82 S. plus unpaginierter Anhang mit Skizzen. Euro 24.
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© Petra Hartmann

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