Bettina Schneider: Mit Wolf und Adler
Bücher - Abenteuer Karl May Bettina Schneider Blitz-Verlag
Winnetou und Old Shatterhand - das ist die Geschichte einer großen Freundschaft. Doch im Karl-May-Kosmos ist Platz für noch mehr Freunde und Freundschaften. In "Mit Wolf und Adler" erzählt die Autorin Bettina Schneider von zwei jungen Kriegern, die eigentlich Todfeinde der Blutsbrüder sein müssten. Doch aus der von ihren Vätern ererbten Feindschaft wird schnell das Gegenteil: eine verschworene Gemeinschaft von Freunden, die sich untereinander jederzeit ihr Leben anvertrauen können.
Bettina Schneider, die im Blitz-Verlag bereits 2025 den Episodenroman "Die Opfer des Apachen" vorgelegt hat, bleibt ihrem Grundthema treu: Es geht um die Versöhnung von Todfeinden, um Frieden zwischen den Stämmen und darum, dass sich Auseinandersetzungen besser lösen lassen, wenn das Kriegsbeil begraben bleibt. Wobei in diesem Buch der Schwerpunkt auf der jungen Generation liegt: Es sind die Söhne des unversöhnlichen Kiowa-Häuptlings Tangua und des Utah-Häuptlings Ovuts-avath, die in diesem Buch die Hauptrolle spielen, und es gibt auch ein Wiedersehen mit dem jungen von den Oglala adoptierten Mandan Wokadeh.
Eine kurze Rahmenhandlung zeigt Old Shatterhand in der Zeit nach den in "Winnetous Erben" geschilderten Ereignissen: Der gealterte Westmann sitzt in Winnetous Arbeitszimmer im Schloss Tatellah-Satahs und liest im Testament des Apachen, der auf sein Leben und gemeinsame Abenteuer zurückblickt. Dabei schweifen die Gedanken Old Shatterhands ebenfalls zurück, und er erinnert sich an seine Erlebnisse mit dem Kleeblatt, dem langen Davy und dem dicken Jemmy - und eben mit Wolf und Adler.
Old Shatterhand schließt Freundschaft mit Pidas Bruder
Unterwegs mit Old Shatterhand - das ist vermutlich der Traum eines jeden jungen Apachen. Bei den Kiowas dürften eher wenige diesen Traum teilen. Doch als Old Shatterhand und seine Begleiter ihren Freund Wokadeh aus der Gefangenschaft der Kiowas retten wollen, bitten sie ausgerechnet einen Sohn Tanguas um Hilfe. Nicht Pida, der als Unterhäuptling mit seinen Loyalitätspflichten dem Stamm und seinem Vater gegenüber schon zu stark in das politische System seines Stammes eingebunden ist, sondern dessen jüngerer Bruder A'Pih, Fisch, wird zum Helfer Old Shatterhands beim Befreiungswerk.
Der Fisch, der später den Kriegsnamen Guipago, Allein unter Wölfen, erwirbt, wird zum Freund Old Shatterhands und Winnetous und erweist sich auch später als tüchtiger Begleiter - sowohl durch seine kriegerischen Fähigkeiten als auch durch seinen scharfen Verstand und seine klugen Pläne. Vor allem aber fällt dieser junge Wolf auf durch seinen Humor und seine Frotzeleien, mit denen er regelmäßig die "schwächlichen Apachen" Til-Lata und Yato-Ka aufzieht, die nicht gut genug auf ihren weißen Häuptling aufpassen können. Warum ist Karl May selbst eigentlich solch ein Held nicht eingefallen?
Ein Schwarzer Adler auf Entzug
Sein vollkommenes Gegenbild ist Wichuini Pawao, Schwarzer Adler, der Sohn des Utah-Häuptlings Ovuts-avath, dessen Verrat und Tod Karl May im Roman "Der Schatz im Silbersee" geschildert hatte. Entehrt und aus dem Stamm ausgestoßen, weil er sich dem "Feuerwasser" ergeben hat, zieht der Schwarze Adler nun mit einer Bande Gleichaltriger, ebenfalls Verstoßener durch die Prärie. Als er Old Shatterhand fangen kann, glaubt er, sich durch dessen Ermordung einer ehrenvollen Wiederaufnahme in den Stamm würdig zu zeigen. Doch der Alkohol ist ein harter Gegner, fast noch härter als die Gefährten Old Shatterhands. Gar nicht so einfach, aus diesem gefallenen Utah einen Freund zu machen. Schwarzer Adler ist ein Held, der einiges zu tragen hat. Der Verlust des Vaters und der eigenen Ehre, aber auch die Entzugserscheinungen, denen er sich stellen muss, formten diesen Adler schließlich zu einen stillen, nachdenklichen Charakter, der wie ein düsterer Schatten neben dem hellen, leichtfüßigen, stets zu einem kessen Spruch bereiten Kiowa steht. Doch am Ende sind Wolf und Adler beinahe unzertrennlich und verlässliche, tapfere Mitstreiter im Kampf für Frieden zwischen den Stämmen und mit den Bleichgesichtern.
Der "Wilde Westen" einer neuen Generation
Bettina Schneider zeigt ihren Lesern den "Westen" einer neuen Generation. Es sind nicht mehr die großen Kriege und Stammesfehden oder Kämpfe gegen die Bleichgesichter, die den Indianern Tod und Verderben bringen. Stattdessen treffen Alkohol und eine Masernepidemie die Stämme schwer. Nicht mehr Goldsucher sind die Gegner, sondern das "Schwarze Gold" kann Ursache werden, dass den Schoschonen ihr Land genommen wird. Und auch die Kämpfe mir der US-Armee sind weitgehend vorbei.
Es ist noch nicht ganz die Friedens- und Versöhnungs-Utopie, die aus Karl Mays letztem Roman "Winnetous Erben" spricht, aber schon hier deutet sich die Zukunft an, getragen von jungen Indianern, die durchaus noch die alten Tugenden der Krieger und Jäger zeigen, aber vor allem klug und einsichtsvoll handeln, ihre Streitigkeiten duch Reden und Argumente lösen und bereit sind, über Stammesgrenzen hinweg zu sehen. Wokadeh, Schwarzer Adler und der "Kiowa-Wolf", die beiden Mescaleros Til-Lata und Yato-Ka, aber auch die jungen Schoschonen-Häuptlinge Wagare-tey und Teeh sind die Träger dieses neuen Gedankens. Und auch bei den Weißen scheint ein Umdenken stattgefunden zu haben. Der junge Major Robert Merril, der neue Kommandant des Forts Richardson, erweist sich als vorurteilsfreier, gerechter Mann, auf dessen Hilfe die Schoschonen zählen können.
Traditionelle Motive und neue Charaktere
Bettina Schneider ist ein spannender Roman gelungen, der klassische Themen der Karl-May-Welt - Gefangenschaft, Anschleichen, Zweikampf auf Leben und Tod, Kampf gegen einen Grizzlybären - mit der Friedensethik des Spätwerks verbindet. Ihr lockerer, flüssiger Erzählstil und vor allem die frechen Bemerkungen des Kiowa-Wolfs machen das Buch zu einer wunderbaren Reise in die Welt des Maysters, die gleichzeitig dem Geist der Originale folgt und doch etwas durchaus Eigenes darstellt. Eine spannende, gut erzählte Geschichte und lebendige, individuelle Charaktere, was will man mehr von einem Buch? Eigentlich lässt "Mit Wolf und Adler" nur einen Wunsch offen: den nach einer Fortsetzung.
Fazit: Ein gelungener Roman im Geiste Karl Mays, und doch vollkommen eigen. Daumen nach oben für diese neuen Helden. Vor allem den Kiowa-Wolf möchte man unbedingt in neuen Abenteuern erleben.
Bettina Schneider: Mit Wolf und Adler. Blitz-Verlag, 2026. 343 S., Euro 16,95.
Weitere Karl-May-Fortsetzungen:
Thomas Ostwald: Aufbruch ins Ungewisse
Thomas Ostwald: Auf der Spur
Thomas Ostwald: Der schwarze Josh
Axel Halbach: Blutige Schluchten
Klaus-Peter Walter: Sherlock Holmes und Old Shatterhand
Wolfgang Berger: Weißer Vater
Bettina Schneider: Die Opfer des Apachen
Lennardt M. Arndt: An den Ufern des Nebraska
Lennardt M. Arndt: Die Buschklepper
Jacqueline Montemurri: Der Herrscher der Tiefe
© Petra Hartmann

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