Günter Abramowski: vor den toren von tag & nacht
Der Lyriker Günter Abramowski hat bereits einige Gedichtbände veröffentlich, zuletzt "vom turm", erschienen 2012. Jetzt hat der Autor ein neues Buch herausgebracht: "vor den toren von tag & nacht", erneut ein Taschenbuch im elbaol-Verlag, doch im Tonfall recht anders als als der Vorgänger.
Insgesamt wirkt der neue Gedichtband ein wenig rauer, auch wohl zorniger. Abramowski scheut vor Formulierungen wie "auf die fresse kloppen" oder Worten wie "scheiße" nicht zurück, da ist ein "junge / mit dicken titten", manches "ist zum kotzen", mancher könnte "seinen arsch hochkriegen", einiges geht das lyrische Du "einen Scheißdreck an". Gelegentlich gibt es auch Anflüge an die Jugendsprache von vor urdenklichen Zeiten, wenn etwas als "voll krass" bezeichnet wird.
Oft spricht Wut aus den Versen, eine Wut, deren Entstehen dem Leser nur zu verständlich wird. So heißt es im Gedicht "geburt der ahnung":
über die funken eines glaubens
wächst lügende kälte
meinem feuer ein wütendes schwarz
geliebtes blau meiner arglosigkeit
rinnt dogmatischer macht
auf die fette leber
status quo
ist zum kotzen
Es geht um Nierenspenden, kleine Eichmänner, Gleichgültigkeit, Vergänglichkeit und Hilflosigkeit, Wut über alltägliche oder besondere Verlogenheiten, Lebenslügen. Dazwischen finden sich aber auch immer wieder sanftere Klänge, Erinnerungen an die Farben des Sommers, Naturbetrachtungen, Liebesgedichte. Manches ist durchaus humorvoll, im Gedicht "mitgenommen", das den Band eröffnet, gibt sich der Autor sogar hemmungloser, verspielter Albernheit hin. Oder es ist auch einfach nur ein besonderer Augenblick, der beschrieben wird:
es ist schön
leben ohne zu atmen
kühle stille
im punkt
unendlich
allem wachsen
Sehr schön formuliert und durchaus auch für Nicht-Christen lesenswert ist ein Gedicht mit dem Titel "rebellion des lichtes gegen die finsternis", in dem es heißt:
im wertfreien raum
wo das sein summt
sagt mir einer
so tief wie du fühlst
können die nicht mal pissen
ich weiß
das ist kein trost
aber ein kreuz
ich sag dem gekreuzigten
pass auf
wir lassen den glauben
all den paulussen
aber das licht bleibt hier
: ja klar meint er:
nicht unter den scheffel ...
Abramowski bevorzugt freie Rhythmen und offene Verse ohne strenges Versmaß und feste Silbenzahl, dennoch greift er in einigen wenigen Gedichten auf klassische Versmaße zurück und bietet gelegentlich sogar Reime. Satzzeichen werden kaum verwendet, die Konjunktion "und" ist gewöhnlich durch das tironische & ersetzt. Durchgängige Kleinschreibung gehört zum Standard, man möchte sagen: leider. Konsequente Kleinschreibung und das kaufmännische & waren zu Papa Wielands Zeiten mal modern, als Goethe noch in die Windeln gemacht hat. Manche Lyriker meinen heute noch, ihre Gedichte damit aufwerten und modern klingen lassen zu können ... Abgesehen davon ist "vor den toren von tag & nacht" ein durchaus lesenwertes, ansprechendes Werk, in dem es einiges zu entdecken gibt. Lesenswert.
Günter Abramowski: vor den toren von tag & nacht. Hamburg: Elbaol Verlag, 2014. 115 S., Euro 8,95.
Weitere Werke von Günter Abramowski:
das ende ist neu
das leichte ist im schweren
darüberhinaus
vom turm
© Petra Hartmann

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