Antje Babendererde: Isegrim
Jola ist die Tochter eines Försters und mit dem Wald vertraut wie keine Zweite. Vor allem das militärische Sperrgebiet hat es ihr angetan, da sich hier - außerhalb der Schieß-Zeiten vollkommen von Menschen ungestört - eine einzigartige Tierwelt entfalten konnte. Doch die Idylle trügt. Der kleine Ort hat mehr als ein düsteres Geheimnis, das von den Bewohnern kollektiv totgeschwiegen wird, weil "man" darüber eben nicht spricht und das eigene Nest nicht beschmutzen will.
Da ist nicht nur die Nazizeit mit ihren Schatten. Da ist der Mord an einem schwarzen amerikanischen Soldaten und die Lynchjustiz an einem dafür verantwortlich gemachten polnischen Zwangsarbeiter. Und da ist die Erinnerung an Jolas Freundin Alina, die vor Jahren verschwand. Auch hierüber schweigen die Erwachsenen, doch Jola erfährt schließlich, dass Alinas Kleid gefunden wurde - mit einem blutigen Riss in der Herzgegend. Ist Alina einem Triebtäter zum Opfer gefallen? War der Verdächtige, der sich in der Untersuchungshaft erhängte, tatsächlich der Täter? Und was hat es mit dem mysteriösen Olek auf sich, der mit Pfeil und Bogen den Wald durchstreift? Es gibt viele Geheimnisse in diesem Ort, die meisten sind böse. Da hat der wildernde Schäferhund, der sich später als Wölfin entpuppt, fast nur eine Nebenrolle. Auch wenn die Wölfin und ihre Welpen am Ende beinahe Opfer der aufgestachelten Menge und eines schießverrückten Hobbyjägers werden.
Der Roman ist aus der Ich-Perspektive geschrieben, zumeist im Präsens, dazu gibt es einige klassisch erzählte Rückblenden. Das ist etwas anstrengend zu lesen und kommt nicht ganz an die mitreißende Spannung der "Tribute von Panem" heran, die in dieser Präsens-Ich-Perspektive eine Vorreiterrolle übernommen haben. Durch die vielen Themenwechsel und kurzen Kapitel ist der Roman trotz der einheitlichen Perspektive der Hauptfigur auch relativ zerrissen und kleinteilig, sodass man immer wieder Angebote zum "Aussteigen" erhält. Es ist auf jeden Fall kein Roman, der den Leser zum Weiterlesen "zwingt" und nicht aus der Hand gelegt werden kann, bevor die letzte Seite gelesen ist.
Sicher ist die Welt einer Abiturientin sehr voll und vielschichtig und von wechselnden Emotionen beherrscht, aber hätte die Autorin wirklich alle "großen Themen" gleichzeitig anschneiden müssen? Abistress, erster Sex und eine Liebes-Dreicksbeziehung, okay. Dazu meinetwegen noch das Wolfsthema und die aufgebrachten Schafzüchter, Waffenfetischisten und ängstlichen Spießbürger, auch okay. Aber dazu dann noch die Aufklärung eines Mordfalls aus der Zeit kurz nach dem Krieg, ein psychisch gestörter Mädchenentführer, ein tragischer Unfall, eine traumatisierte und kontrollsüchtige Autorin als Mutter der Heldin, eine verworrene Familiengeschichte, das Schicksal von Straßenkindern und ein faszinierender "wilder Junge", der in einer Höhle lebt? Das ist zu viel. Jeder einzelne dieser Handlungsstränge könnte ein komplettes Buch mit Spannung und Leben füllen. Vereinigt aber erdrücken sich die Themen gegenseitig, und keines kann sich zur vollen Blüte entfalten beziehungsweise wirkliche Tiefe entwickeln. Schade. man hätte aus allen diesen Ideen mehr machen können. Aber nicht gleichzeitig.
Fazit: Gute Ideen, sehr viele sogar, aber zu viele. Ein Buch einer guten Autorin, die sehr gut schreiben kann, aber hier einfach zu viel wollte. Nicht direkt schlecht, aber leider nur oberer Durchschnitt.
Antje Babendererde: Isegrim. Würzburg: Arena, 2013. 411 S., Euro 16,99.
Weitere Bücher von Antje Babendererde:
Julischatten
Findet mich die Liebe?
Rain Song
Schneetänzer
Wie die Sonne in der Nacht
© Petra Hartmann

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