Unter der Eiche von Dodona
"Der Zauber von Pflanzen und Bäumen" lautete das Motto der 31. Elfenschrift. Ich beteiligte mich mit einem Artikel über einen ganz besonderen Baum. Es ging um die prophetische Eiche des Zeus im antiken Dodona, das älteste und nach Delphi bedeutendste Orakel Griechenlands. Viel Spaß beim (Wieder)Lesen!
Unter der Eiche von Dodona
Blätterrauschen, das Säuseln des Windes in der Baumkrone, mächtige, weit ausladende Äste, ein knorriger, ehrfurchtgebietender Stamm: Die Eiche von Dodona gilt als das älteste Orakel Griechenlands. Und aus dem Rauschen des geheimnisvollen, dem Göttervater Zeus geheiligten Baumes deuteten Priester über ein Jahrtausend lang die Zukunft.
Vieles, was das alte Heiligtum betrifft, liegt im Dunkeln. Dodona ist längst nicht so gut erforscht, wie die bekanntere Wahrsagestätte in Delphi, wo der Gott Apoll den Sterblichen seine oft rätselhaften Andeutungen und Wahrsprüche verkünden ließ. Die Ausgrabungen förderten an Tempelbauten nur wenige Mauerreste zu Tage. Dies mag damit zu tun haben, dass sich der Kult weniger in Tempelanlagen und anderen Gebäuden abspielte, sondern dass das Herzstück des Orakels ein Baum, eben die berühmte dodonäische Eiche, war.
Umso beredter sprudeln die literarischen Quellen. Schon in der Ilias Homers, der den Kultort Delphi noch nicht kennt, betet Achill zum Gott Dodonas:
„Zeus, pelasgischer, weitab wohnender, Herr von Dodona,
Wo der Winter so rauh. Dort lagern am Boden die Selloi,
Deine Seher, um dich mit niegewaschenen Füßen.“1
Barfüßige Priester mit ungewaschenen Füßen waren im alten Griechenland nicht gerade üblich. Vermutlich sollte hierdurch eine besondere Beziehung zum heiligen Mutterboden dargestellt werden. Dazu passt auch die Vorstellung, dass die dodonäischen Priester auch im rauhen Winter auf dem nackten Erdboden schliefen.
Auch in der Odyssee spielt das Orakel eine Rolle. Der in Verkleidung heimgekehrte Odysseus berichtet zweimal über seinen angeblichen Gang zum Zeus-Heiligtum:
„Nach Dodona, sagte er, ging er, um aus des Gottes
Hochbelaubter Eiche den Rat des Zeus zu vernehmen,
Wie er am besten ins reiche Land von Ithaka käme,
Da er so lang schon fern, ob öffentlich oder verborgen.“2
Noch Sokrates wird später seinen Schüler Phaidros ironisch belehren: „Mein Freund, im Heiligtum des Zeus zu Dodona sagten die Menschen, die ersten Weissagungen seien von einer Eiche ausgegangen. Ihnen, weil sie keine Weisen waren, wie ihr Jünglinge heute, genügte es in ihrer Einfalt, der Eiche und dem Stein zuzuhören, wenn sie nur die Wahrheit sagten.“3
Außer dem Blätterrauschen scheint auch das Gurren der im Baumwipfel sitzenden Tauben zum Orakel gedient zu haben. Dies könnte unter anderem durch ein Fragment aus dem Frauenkatalog des Dichters Hesiod belegt werden: „Und sie (die Tauben) wohnten im Stamm der Eiche. / Von dort holen die Sterblichen Erdbewohner / All die Arten von Sprüchen.“4
Woher die Tauben von Dodona kommen, dazu überliefert Herodot, der Vater der Geschichtsschreibung, eine alte Sage. Demnach seien einst zwei schwarze Tauben aus dem ägyptischen Theben losgeflogen, die eine landete in Libyen, die andere in Dodona. Beide hätten an ihrer jeweiligen Landestelle den Einwohnern befohlen, ein Zeus-Orakel zu gründen, woraufhin das libysche Heiligtum des Zeus-Ammon und die Stätte in Dodona entstanden seien. Herodot, der gern solche alten Sagen rationalistisch interpretierte, versuchte die Geschichte als einen historischen Frauenraub zu deuten. Damals seien zwei ägyptische Priesterinnen von Phöniziern entführt worden, wobei die eine nach Libyen, die andere nach Griechenland verkauft worden sei, übersetzt er es sich in sein vernünftiges Weltbild:
„Tauben aber sind die Frauen [...] von den Dodonern genannt worden, weil sie doch fremdsprachig waren und bei ihnen den Eindruck erweckten, daß sie wie Vögel zwitscherten. Nach einiger Zeit aber hat ‚die Taube‘ mit Menschenstimme gesprochen [...]. Dass sie aber sagen, die Taube sei schwarz gewesen, damit deuten sie an, daß die Frau aus Ägypten war.“5
Auch der späte griechische Epiker, Apollonios von Rhodos, berichtet von der Wahrsagekraft der Zeuseiche. In seinem Argonautenepos ist es jedoch nicht das Blätterrauschen des Baumes, sondern es ist ein Stück Holz aus dem Stamm der göttlichen Eiche, das sich im Wunderschiff Argo sehr lautstark zu Worte meldet:
„Gewaltig schrie der Pagaseïsche Hafen auf und auch die Pelische Argo selbst und spornte sie an, abzufahren“, erzählt der Dichter. „Denn in sie war ein göttlicher Stamm gefügt, den Athene in der Mitte des Vorderstevens aus der Dodonischen Eiche eingepasst hatte.“6
Hier ist nicht die Rede von irgendeinem Blätterrauschen, das der Priester erst noch zu deuten hat. Das Holzstück redet unbarmherzig Klartext und setzt der Mannschaft nach einem Verbrechen gehörig den Kopf zurecht. Sturm, Wellen und Riffe setzen der Argo zu.
„Und gleich ertönte plötzlich, mitten im Dahinlaufen, in menschlichem Klang der mit Sprache begabte Balken des gewölbten Schiffs, den ja Athene in der Mitte des Vorderstevens aus Dodonischer Eiche eingepasst hatte. Die aber ergriff verhängnisvolle Furcht, als sie mittendrin die Stimme der Argo und den schweren Zorn des Zeus vernahmen. Denn jene sagte, sie würden weder den Mühsalen der langen Salzflut noch den widrigen Wirbelwinden entrinnen, wenn nicht Kirke den erbarmungslosen Mord an Apsyrtos von ihnen abwüsche.“7
Klarheit und deutliche Sprache – das wird dem Orakel aus Blätterrauschen und Taubengurren oft von den griechischen Tragödiendichtern bescheinigt. Vielleicht ist hiermit auch eine Spitze gegen das manchmal etwas zweideutige „Konkurrenzorakel“ zu Delphi angedeutet. Man erinnere sich nur an Apollons bekannten Spruch an Krösus, er werde, wenn er den Fluss Halys überschreite, ein großes Reich zerstören. Krösus hielt dies für eine glückverheißende Prophezeiung – doch das Reich, das er durch den Kriegszug zerstörte, war sein eigenes.
Solche dunklen Sprüche scheinen die Priester und Priesterinnen in Dodona nicht verkündet zu haben. So wird im Gefesselten Prometheus des Aischylos erzählt, wie Inachos Boten nach Delphi und Dodona gesandt und zunächst „undurchsichtigen / Bescheid, schillernde Worte, nicht zu deutende“8 als Antwort erhalten habe, dann aber einen klaren, unzweideutigen Spruch. Ein wahres Wunder vollzieht sich an seiner Tochter Io:
„Denn als du kamest auf Molosserboden, in
Die Nähe von Dodonas steilem Rücken, wo
Der Sitz des weissagenden Thesproter-Zeus
Und ein unglaublich Wunder, Eichen, redende,
Von denen wurdest du deutlich, nicht mit Rätselwort,
Begrüßt als die Erwählte, der bestimmt ist, Zeus‘
Gemahl zu werden.“9
Auch Herakles in den Trachinierinnen des Sophokles weiß aus Dodona ganz genau, was ihm bevorsteht: „Das sei der alten Eiche zu Dodona Spruch“, berichtet seine Frau Deianeira,
„den er aus zweier Priesterinnen Mund gehört.
Und dieses Spruchs Unfehlbarkeit zielt auf die Zeit
die eben jetzt ist, daß er sich erfüllen muß [...]“.10
Auch Herakles selbst berichtet von seiner dodonäischen Weissagung, diesmal allerdings mit Hinweis auf eine eigene Fehlinterpretation des Spruchs:
„Als ich ins Heiligtum der bergbewohnenden,
auf bloßer Erde schlafenden Seller kam, schrieb ich
mir ein, was mit viel Zungen Vaters Eiche sprach.
Zu der jetzt lebenden, gegenwärtigen Zeit, hieß es,
werde der Plagen, die antreten gegen mich,
Kette sich lösen. Und ich deutete es auf Glück,
doch war nichts andres also als mein Tod gemeint.“11
Das Christentum machte schließlich der weit über tausendjährigen Orakelpraxis ein Ende. 391 oder 392 nach Christus wurde sogar die heilige Eiche gefällt – ähnlich wie das Fällen der Donarseiche in Germanien der Todesstoß für den heidnischen Kult. 30 Jahre zuvor, im Jahr 362, hatte der römische Kaiser Julian, dem die Christen wegen seiner Rückkehr zu den „alten“ Göttern den Beinamen „Apostata“, der Abtrünnige, gaben, noch ein letzte Mal versucht, das Orakel zu befragen. Er hatte Boten zum delphischen Apollon-Heiligtum und zum Zeus von Dodona entsandt. Aus Delphi ist als letzter Orakelspruch folgende Botschaft an den Kaiser überliefert:
„Saget dem Herrscher, zerstört liegt die kunstgesegnete Stätte,
Phoibos besitzt kein Dach mehr und keinen prophetischen Lorbeer;
Verstummt ist der sprechende Quell, es schweigt das murmelnde Wasser.“12
In Dodona schwieg das Orakel. Die Eiche des Zeus war für immer verstummt.
1 Homer: Ilias. Übersetzung, Nachwort und Register von Roland Hampe. Stuttgart: Reclam, 1979. XVII, 233-235. S. 328.
2 Homer: Odyssee. Übersetzt von Roland Hampe. Stuttgart: Reclam, 1979. XIV, 327-330. S. 234. Ähnlich XIX, 296-299, S. 322.
3 Platon: Phaidros oder Vom Schönen. Übertragen und eingeleitet von Kurt Hildebrandt. Stuttgart: Reclam, 1979. 275B. S. 87.
4 Hesiod Fragment 134 (Rzach). Zit. n. Martina Dieterle: Dodona: Religionsgeschichtliche und historische Untersuchungen zur Entstehung und Entwicklung des Zeus-Heiligtums. Hildesheim: Olms, 2007. S. 283.
5 Herodot: Historien. I-V. Übersetzt von Walter Marg. München: DTV, 1991. II, 54-57. S. 151f.
6 Apollonios von Rhodos: Die Fahrt der Argonauten. Griechisch/Deutsch. Hrsg., übersetzt und kommentiert von Paul Dräger. Stuttgart: Reclam, 2002. I 524-527. S. 43.
7 Ebd. IV, 580-588. S. 333.
8 Aischylos: Der gefesselte Prometheus. Übersetzung und Nachwort von Walther Kraus. Stuttgart: Reclam, 1965. V. 661f. S. 27.
9 Ebd. V. 829-835. S. 33.
10 Sophokles: Die Trachinierinnen. Übersetzung und Nachwort von Walther Kraus. Stuttgart: Reclam, 1989. V. 169-174. S. 10.
11 Ebd. V. 1166-1172. S.48.
12 Zit. n.: Das Orakel von Delphi. Geschichte und Texte. Griechisch/Deutsch. Von Marion Giebel. Stuttgart: Reclam, 2001. S. 111
Erstveröffentlichung:
Petra Hartmann: Unter der Eiche von Dodona. In: Elfenschrift. 31, September 2011, S. 10–12.
© Petra Hartmann
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