Jürgen Fiege & Peter Reuter: Nur geschrieben ... über das Notieren
Ein Haiku-Band, dessen Autoren viel Wert auf die optische Gestaltung gelegt haben, ist "Nur geschrieben" mit Versen von Peter Reuter und "Tuschespuren" des Künstlers Jürgen Fiege. Jedes Gedicht ist sozusagen dreimal in diesem Buch Gestalt geworden: als gedruckter Dreizeiler, als handschriftlicher, kalligrafisch gestalteter Text und in Form einer leichten, mit wenigen Pinselstrichen hingeworfenen Illustration, bei deren Betrachtung man dem Haiku noch einmal langsam nach-atmen kann, bevor man die Seite umschlägt.
"Haiku" schrieb ich vor allem der Bequemlichkeit halber. Tatsächlich wäre für die meisten der hier vorgestellten Dreizeiler die Bezeichnung Senryu passender. Beide folgen dem klassischen Silbenschema 5-7-5, doch hat das Haiku gewöhnlich Natureindrücke zum Thema, während es im Senryu eher um persönliche Befindlichkeiten und philosophische Gedanken geht. Letzteres hat in diesem Gedichtband eindeutig den Löwenanteil, auch wenn Reuter in seinen Gedichten durchaus auch von seinen Naturerlebnissen spricht.
Es ist ein Band, der nicht einem einzigen Thema unterworfen ist. "Über das Notieren", lautet der Untertitel, und es geht tatsächlich viel um Notizen unterwegs, Beobachtungen am Wegesrand, Gedanken über Menschheit und Gesellschaft. "Eine Sortierung nach Themen oder Kapiteln gibt es nicht im Buch", merkt der Autor an:
"Der Grund ist sehr einfach. Stets trage ich Federhalter und Notizbuch mit mir. Täglich ergeben sich mannigfache Gründe zur Notiz. Manchmal ist es ein Gedanke oder Gelesenes, oft auch Wörter und Sätze, welche den Weg zu mir finden. Sie wollen bemerkt, beachtet und notiert werden Und das tue ich oft und gerne."
Es sind zum Teil sehr persönliche, den eigenen Nahraum, die Familie und Freundschaften warm und liebevoll zeichnende Verse. So schreibt Reuter unter der Überschrift "Von mir" (jedes Gedicht hat eine eigene Überschrift, bei Dreizeilern nicht selbstverständlich):
"Ich habe immer
geliebt und wurde es auch.
Rückblick? Vermächtnis?"
Naturschilderungen, etwa der Blick auf einen Bach oder den Apfelbaum, dem zwei Äste entfernt werden müssen, sind gewöhnlich verbunden mit einer Innenschau, einer Schilderung der eigenen Gedanken und Gefühle. Und häufig begegnet man auch Betrachtungen darüber, wie man mit Menschen umgehen sollte - und es heutzutage doch nicht tut. Über das "Menschenleben" schreibt Reuter: "es / ist für Folter und Ängste / nicht geeignet." Sehr bitter kommt das Gedicht "Satirische Lesung" daher:
"Las die Charta der
Menschenrechte. Ginge auch
als Satire durch."
Ja, leider hat der Autor recht, das ist schon kein Sarkasmus mehr, sondern kann als Realismus gewertet werden.
Auffallend, nicht nur beim obigen Gedicht, ist die Mittelzäsur, die Reuter häufig in der zweiten Zeile setzt. Sehr viele seiner Dreizeiler sind auf diese Weise in zwei Hälften geteilt, mal durch Punkte, mal durch Kommas oder Gedankenstriche. In den klassischen japanischen Dichtungen ist ein solcher Bruch nicht vorgesehen, hier bei Reuter scheint es aber durchaus Programm zu sein, sodass man oft nicht drei "Atemzeiten" hat wie beim klassischen Haiku oder Senryu, sondern, je nach Lesart, zwei lange oder vier kurze Einheiten. Eigenwillig, aber warum nicht.
Insgesamt ist es eine schöne Sammlung, sowohl inhaltlich als auch durch die optische Gestaltung, und jede Doppelseite ist es wert, dass man einige Minuten auf ihr verweilt und nicht hastig weiterblättert, wenn man die drei Zeilen überflogen hat. Beim Lesen empfiehlt es sich, sich Zeit zu nehmen und den Band nach dem Genuss eines oder zweier Gedichte erst einmal wieder zuzuschlagen.
Fazit: Ansprechend gestalteter Gedichtband mit Illustrationen und kalligrafischen Texten. Nicht thematisch sortiert, aber doch auch ein Ganzes ergebend. Lesenswert.
Jürgen Fiege & Peter Reuter: Nur geschrieben ... über das Notieren. Ochsenfurth: Kulturmaschinen Verlag, 2026. 135 S., Euro 18.

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