
Tino Falke: Ein Lied für die Sommerlande

Die Sommerlande sind ein Kind der Herbstlande-Geschichten, die seit einigen Jahren im Verlag Torsten Low erscheinen. Im Gegensatz zu den Ländern September, Oktober und November sind die Sommermonate und ihre Wesen noch nicht allzu gut erforscht - und auch noch lange nicht auserzählt. Mit "Ein Lied für die Sommerlande" legt Tino Falke nun den zweiten Band der Serie vor. Er ist deutlich heller und wärmer gestaltet als die manchmal recht melancholischen Herbstlande-Abenteuer und folgt den Spuren, die Allessandra Reß in ihrem Büchlein "Die Sommerlande" gelegt hat.
Heldin dieses Buches ist eine junge Nekuroi, ein Katzenwesen namens Juno. Sie lebt in der Stadt Einstadt, die durch die Sandwüste wandert und von Wesen aller drei Sommermonate bewohnt wird. Katzenwesen wie Juno sind eigentlich dafür bestimmt, in der Wüste eine Art Priesteramt auszuüben und den Sphingen zu dienen, aber da es viel mehr Nekuroi als Tempelstellen gibt, werden Junos Dienste nicht benötigt, und sie lebt nun in einer Stadt, in der Wesen und Kulturen der Sommerlande zusammenströmen.
Flaschenpost und Wimpernwunsch
Eines Tages fällt der Nekuroi eine Wimper aus, und sie lässt sie mit einem Wunsch weiterfliegen. Juno wünscht sich Freunde, konkret gesagt: Sie wünscht sich nicht mehr, Freunde zu finden, sondern die Freunde sollen sie finden. Wenig später wird sie selbst fündig: Sie entdeckt in einem Fluss, an dem ihre Stadt gerade vorbeizieht, eine Flaschenpost. Ein Seemann namens Lemuel hat beim Versuch, aus den Sommerlanden in die Herbstlande zu gelangen, Schiffbruch erlitten und ist auf der Insel Ling zwischen beiden Jahreszeiten gestrandet. Juno verlässt ihre sichere Heimat in der Wüstenstadt und versucht, ein Schiff zu finden. Unterwegs trifft sie Freunde und Weggefährten wie die Papalotl Vendel und den Quétzal Dakro, ein Musikduo, das auf der Flucht vor einem Riesenadler, einem Roch, ist und wunderschöne Lieder vorträgt. Eine Gorgone namens Maera, die in den Winterpyramiden nach Geschichten sucht, vervollständigt den Rettungstrupp. Die vier müssen sich Gefahren wie dem furchtbaren Mahlstrom aussetzen und begegnen auf der Insel Ling einer fiesen Piratenbande, erleben das Wunder des Sommerschnees und die Geburt eines neuen Liedes. Und der Riesenvogel ließ sich auch durch das Meer nicht von seiner Verfolgung der beiden Musiker abhalten ...
Liebenswürdiges modernes Märchen
Tino Falke hat ein liebenswürdiges modernes Märchen aus der noch jungen Welt der Sommerlande geschaffen. Die Geschichte ist frisch und humorvoll erzählt und lädt zum Staunen und Sich-Freuen über die Wesen der Monate Juni, Juli und August ein. Vogelwesen und Schmetterling, eine selbstbewusste Katzenfrau und eine Gogone mit dem versteinernden Blick bilden ein gelungenes Heldenquartett, dem die Herzen der Leser sofort zufliegen. Nachdenklich macht die Erwähnung der Monatskriege und der Denkmäler für die unzähligen Gefallenen aus dieser Ära der Sommer- und wohl auch der Herbstlande. Von den Geschichten, die in den alten Pyramiden zu hören sind, möchte man gern mehr erfahren. Insgesamt: Eine neue Welt voller Leben und Ideen, aus der sicher noch mehr Novellen zu erwarten sind. Alessandra Ress hatte damals ja mit ihrem ersten Band reichlich vorgelegt.
Sehr gelungen und sehenswert sind die Illustrationen, die Tenna Keßler für diese Novelle geschaffen hat. Vor allem sehenswert ist der kleine Comic, der Ereignisse aus dem ersten Kapitel noch einmal in Bildern erzählt. Vielleicht gibt es ja einmal einen kompletten Herbstlande- oder Sommerlande-Comic?
Fazit: Zauberhaftes, freundliches Märchen, das die Strahlen der Sommersonne einfängt, und eine Heldenreise eines ausgesprochen sympathischen Quartetts. Bitte mehr davon.
Tino Falke: Ein Lied für die Sommerlande. Eine Herbstlande-Novelle. Meitingen/Erlingen: Verlag Torsten Low, 2024. 109 S., Euro 11,90.
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© Petra Hartmann