Karsten Ingmar Paul: Semmel sei der Mensch, Bratwurst und Senf!
Lyrik Karsten Ingmar Paul Muc-Verlag Jan-Eike Hornauer
"Gedichte mit Tradition" stellte Karsten Ingmar Paul immer wieder im Blog "Das Gedicht" vor. Nun präsentiert er seine gesammelten Gedicht-Parodien, Fortschreibungen und Gegenreden in einem Lyrikband, der im Muc-Verlag erschinen ist. "Semmel sei der Mensch, Bratwurst und Senf!", gab er dem Buch als Titel mit auf den Weg, hinter dem der Leser bereits unschwer das inzwischen zum Poesiealbumvers verkommenen "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" wiedererkennen kann.
Ob Goethe oder Fontane, Heine, Brecht oder Celan: Paul hat sich vielen großen Namen gestellt und ihre Werke mit dem eigenen humoristisch-kritischen und parodiefreudigen Zungenschlag in seine eigene lyrische Sprache übersetzt. Mal lustig, manchmal auch ernst und nachdenklich, respektlos und verehrungsvoll, immer aber mit dem gewissen "Aha-Effekt", der zeigt, dass auch jahrhunderte- oder sogar jahrtausendealte Gedichte dem heutige Menschen noch etwas zu sagen haben. Den Dichter haben sie auf jeden Fall inspiriert und durch ihn ein neues Leben im 21. Jahrhundert gewonnen. Vom römischen Epigrammatiker Martial bis hin zur Gegenwartslyrik reicht die Spannweite der "Opfer" Pauls, und es gibt nicht nur unter seinen eigenen, sondern auch unter den Originalen durchaus einige Perlen zu entdecken oder wieder zu entdecken.
Eine Parodie steht und fällt mit dem Bekanntheitsgrad des Originals. Preisfrage: Welches Lied verbirgt sich wohl hinter dem "Update LdD", das mit den folgenden Zeilen beginnt:
Deutschland, Deutschland unter anderm,
unter anderm usw.,
Dass es mit der Welt in Frieden
Sanft erblüh' und lang besteh'.
Destination all inclusive,
Und ein Bad im Wohlstandssee;
Deutschland, Deutschland unter anderm,
Unter anderm tut nicht weh."
Richtig, wer da nicht den Text von Fallersleben und dazu Haydns "Gott erhalte Franz den Kaiser" im Ohr hat, muss wohl von einem fremden Planeten stammen. Auch das "Wer hat dich, du Fichtenforst, / konzipiert als Nutzplantage" lässt Eichendorffs Verse "Wer hat dich, du schöner Wald / Aufgebaut so hoch droben" unmittelbar aus dem Zitatenschatz des kollektiven Gedächtnisses aufsteigen - und zur lyrischen Aktualisierung gibt es gleich den betrüblichen aktuellen Waldzustandsbericht mit Bemerkungen zu Monokulturen, Waldsterben und Borkenkäferplagen dazu, inklusive Meckereien eines Menschen, der sich in seiner Komfortzone bedrängt sieht und nur aus Natur- und Klimaschutzgründen sicher nicht auf Verbrennerauto und Ölheizung verzichten will. Rilkes Panther streicht noch immer vor den Augen des Lesers hin und her, nur nicht mehr an endlosen Gitterstäben, sondern infiziert mit dem Norovirus:
"Sein Arsch ist von den Durchfalldauerkrämpfen
so müd' geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als könnt' er nicht mehr weiterkämpfen,
schon an der Klotür endet ihm die Welt."
Scheu vor der Erwähnung von Geschlechtsteilen und Beischlaf ist diesem Autor nicht zu eigen. Da kann schon einmal der mündliche Verkehr mit den Worten gefeiert werden: "Es war, als hätt' den Pimmel / 'ne Göttin mir geküsst". Eichendorff wird es verkraften. Der goethe'sche König in Thule wird in einen Swingerclub verlegt. In einem anderen Gedicht kurz darauf geht es wieder züchtig zu: "Es war ein Malocher aus Bochum / gar treu bis über das Grab", schreibt Paul, wodurch der alte König sogar zu doppelten Ehren kam.
Aus "Wanderers Nachtlied" wird "Danwerers Lachtnied" und verwandelt den alten Text in einen herrlichen Buchstabensalat, der sich dennoch vollkommen flüssig lesen lässt. "ottos mops" findet sein Gegenstück in "ottos tod" - ebenfalls konsequent mit nur einem Vokal durchgehalten. Schillers "Glocke" ist unter "Schiller DingDong DingDong Kracks" zu neuem Leben auf erstanden, als Wort-Bild mit einem deutlichen Sprung im Klangkörper. Und aus Mörikes "Er ist's", dem allseits bekannten Frühlingslied mit dem blauen Band, wird eine Hymne der leidgeprüften Allergiker:
"Frühling schickt ins schniefe Land
wieder los die Allergene:
Pollen schweben durch die Szene,
nehmen zu und überhand.
Birke träumt beschwingt,
will schon balde fliegen.
- Horch, von fern Trompetenniesen klingt!
Frühling, ja du bist's!
Du wirst mich besiegen!
Gegenbilder, Antworten, aber auch Fortsetzungen finden sich. So erlebt der Leser mit, wie Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Haveland von der aufgebrachten Menge eine tüchtige Tracht Prügel erhält. Recht so, man weiß doch ganz genau, dass diese älteren Herrschaften, die kleinen Kindern Süßigkeiten schenken, üble Perverslinge sind und nichts Gutes im Schilde führen. Nun gut, es ist nicht unbedingt eine feinsinnige Pointe, den gutherzigen Birnenspender einfach zu verdreschen, aber einprägsam ist diese Fortsetzung allemal.
Dass die Idee, mit Gedichten auf Gedichte zu antworten und die Verse anderer Autoren fortzuschreiben, nicht neu ist, sondern dass "Gedichte mit Tradition" durchaus eine Tradition haben, zeigt Paul mit seinem "Dank dem Nachbarn". Dessen "Vorlage" lieferte Goethe mit seinem Gedicht "Nähe des Geliebten", dieser wiederum ließ sich inspirieren von Friederikle Brun und ihrem "Ich denke dein". Ein hochinteressanter Dialog beziehungsweise Multilog, wobei Paul ein durchaus patziges Schlusswort setzt und betont, dass er gar keine Nähe zu seinem Nachbarn wünscht. Auch so kann man auf Verse reagieren. Wenn auch der unbedarfte Leser das Original beziehungsweise die Originale hier ohne Hilfe wohl nicht erkannt hätte.
Eine Parodie steht und fällt mit dem Bekanntheitsgrad des Originals, schrieb ich oben. Da ist es an vielen Stellen schon hilfreich, dass der Herausgeber Jan-Eike Hornauer Pauls Gedichten nach Möglichkeit die Originale beigegeben hat. Nach Möglichkeit, das bedeutet in diesem Fall: Wenn die Rechte verfügbar waren. Nicht abgedruckt sind etwa die Texte moderner Autoren wie Ernst Jandl ("ottos mops"), Erich Fried ("Was es ist") oder Eugen Gomringers, dessen grafisch angeordnete Wort-Bilder jedoch beschrieben werden und dem Leser wohl vor Augen stehen, viele werden beim Blick auf Paus Schriftbilder Erinnerungen an ihr Deutschbuch haben. Warum Hornauer darauf verzichtete, Fallerslebens "Lied der Deutschen" zum Vergleich neben Pauls "Deutschland, Deutschland unter anderm" mit abzudrucken, erschließt sich dem Leser freilich nicht. Der Dichter ist lange genug tot, die Verse gemeinfrei. Angst vor Beifall von der falschen Seite? Platz genug wäre jedenfalls gewesen, wenn man Goethes "König in Thule" nicht im Abstand weniger Seiten doppelt veröffentlicht hätte.
Hornauer gibt auch manchmal Tipps wie: "Hier empfiehlt es sich, das Original zuerst zu lesen." Und bei den weniger bekannten Inspirationsquellen ist der Abdruck auf jeden Fall eine große Hilfe und überhaupt ein Gewinn. Wer kennt schon das "Slâfest du, vriedel ziere?" von Dietmar von Aist, das im zwölften Jahrhundert entstand? Wer hat seinen Opitz noch parat? Und von Martials Epigrammen, die über Gastfreundschaft und Einsamkeit am Tisch der reichen Herren spotten, hätte es auch das eine oder andere weitere sein können, das Paul sich ausgesucht hätte. Auf jeden Fall gibt es hier viel zu entdecken. Und dass Paul als Dichter "etwas kann", geht aus diesem Büchlein eindeutig hervor. Es dürfte spannend sein, einmal etwas "ganz Eigenes" von diesem Lyriker zu lesen.
Fazit: Spannende lyrische Begegnungen über die Jahrhunderte hinweg. Mit viel Humor, ordentlicher Handwerkskunst und jeder Menge Parodiefreude serviert und vom Herausgeber mit hilfreichen Kommentaren versehen. Unbedingt empfehlenswert.
Karsten Ingmar Paul: Semmel sei der Mensch, Bratwurst und Senf! Fortschreibungen, Parodien, Gegenreden usw. zu klassischen Gedichten von Martial über Goethe bis Gomringer - frisch aus den Niederungen des Jetzt. Hrsg. u. mit Einordnungstexten von Jan-Eike Hornauer. München: Muc Verlag, 2025. 139 S., Euro 19,95.
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