James Krüss: Polulangrische Lieder
Lyrik James Krüss Helgoland Reclam
Die Polulangrische Halbinsel, ein Landstrich, in dem zahllose Sprachen und Gesangskulturen aufeinandertreffen, steht im Mittelpunkt dieser herrlichen Liedersammlung von James Krüss. Wiegenlieder und Arbeitslieder, Hymnen, Totengesänge - das alles hat der Autor gesammelt und - nein, nicht übersetzt - mit Kommentaren und Zeichnungen versehen. Der Verlag Reclam hat die Sammlung nun neu aufgelegt und in einem geschmackvollen Hardcoverbändchen präsentiert.
Polulangrien, wo liegt diese Halbinsel? Wohl irgendwo in der Nähe der Fabelinsel, Helgoland und den glücklichen Inseln hinter dem Wind. Der Name, den Krüss dieser Gegend gegeben hat, deutet es bereits an, dass hier eine vielfältige Sprachenlandschaft beheimatet ist, und der Autor präsentiert mit viel Liebe zum Detail ihre liebenswürdigen Besonderheiten. Unsinnspoesie in höchstem Tiefsinn und viel Freude an Wissenschaftsparodie sind in diesem Bändchen vereinigt, und obwohl der geneigte Leser kein einziges Wort dieser gesammelten Gesänge verstehen kann, wird er am Ende doch mit einigem Bedauern feststellen, dass er das viel zu dünne Büchlein viel zu schnell durchgelesen hat.
Das älteste Wiegenlied
Welches Kind würde sich nicht gern in den Schlaf wiegen lassen mit den Versen des "nachweislich ältesten Lied(es) der polulangrischen Halbinsel", das dem Forscher zufolge "von sämtlichen Sprachgruppen als Wiegenlied gesungen" wird?
Use duse molemu
Unke punke balge
Ole mole wolewu
Anse banse walge
Liru laru lobedil
Ani tani tunde
Garbo larbo asewil
Windu wandu wunde
Völliger Unsin? Krüss schafft mit frei erfundenen Worten Traumwelten, malt mit Klängen und vergreift sich trotz der anscheinend regellosen Sprachen nie im Ton. Wer seine "normalen" Gedichte kennt, weiß, dass dieser Autor nie im Metrum schlampt und trotzdem lebendige, geschmeidige Verse zu Papier bringt. Und auch dieses "Use duse molemu" trifft den Ton eines Wiegenliedes genau und ist so recht geeignet, einen greinende Säugling einzulullen.
Sehr gelungen und für den sprachwissenschaftlich geschulten Leser doppelt genussreich sind die zahlreichen pseudolinguistischen und para-kulturhistorischen Betrachtungen, die Krüss seinen "gesammelten" Liedern beigibt. So wird anlässlich des Wiegenlieds darauf hingewiesen, dass Hoffmann von Fallersleben dieses dem "ele mele muh" verwandten Silbenspiel "für den gesamten indogermanischen Sprachbereich nachgewiesen (habe), ohne aber nachweisen zu können, ob den Silben eine sinnvolle Aussage zugrunde gelegen hat". Der Autor stellt Ähnlichkeiten und Unterschiede zum gleichfalls abgedruckten "Mumbrischen Wiegenlied" dar. Und er vermerkt sogar zum Wort "Garbo"als Kuriosum, dass ein amerikanischer Philologe zufällig anwesend war, als eine schwedische Schauspielerin einen Künstlernamen suchte, und dieses Wort aus einer polulangrischen Untersuchung des Professors Pfauk-Tschocke vorschlug: "So ist aus den beiden wahrscheinlich sinnlosen Silben ein Name entstanden, den die Welt heute noch kennt, obwohl die Schauspielerin längst zu filmen aufgehört hat."
Fotografieren verboten
Krüss beschreibt seine Sprachreise durch die Länder der Halbinsel als schwierig, unter anderem ist das Fotografieren in einigen Ländern verboten, sodass er sich mit Zeichnungen behelfen muss - eine Kunst, die der Autor durchaus beherrscht. Er stellt sich in die Tradition von Herder, Pückler, Fallersleben und Rückert, die allesamt vor ihm die Halbinsel bereitst hätten, und lobt Pfauk-Tschokkes "Polulangrisches Universalwörterbuch" und dessen "Kurzlehrgang der funkziadischen Sprache", die ihm auf seiner Reise gute Dienste geleistet hätten.
In der Tradition großer Volksliedsammler hält er die "Sombusische Sonnenode" und ein "Rumbrisches Brunnenlied" fest, zeichnet den "Totengesang der Wunglotten" auf und das "Mailied der Wolzbaken" und überliefert sogar Gesänge wie das "Blungwirische Schneckenlied" oder das "Lied der Krebsfresser von den bachkrontischen Inseln". Liebeslieder, Tanzlieder, Weinlieder, Gesänge der Handwerksburschen und Kameltreiber, Hymnen - es gibt kaum einen Anlass für Gesänge, den Krüss und die Polulangrier nicht bedacht haben.
Knirschende Krebspanzer
Der Gegensatz zum sanften Wiegenlied "Use duse molemu" kann nicht größer sein, wenn Krüss die in kulinarischen Freuden schwelgenden Krebsesser von den bachkrontischen Inseln belauscht. Man hört die Krebspanzer unter ihren Zähnen deutlich knirschen, wenn die Gourmets singen:
Krps rps wrps
Irkari rankulai trbs
Rankulai irkari
Hankulai kirkari
Schnrps krps drps
Chrks rks wrks
Schnabuli schmakulan trks
Schmakulan schnabulik
Bläkibap babulik
Schnrks krks drks
Der Liedersammler merkt an: "Es ist dies eines der heitersten Lieder der Halbinsel, das den leichtherzigen und manchmal gefährlich arglosen Charakter der Bachkronten auf exemplarische Weise spiegelt." Auch erfährt man, dass der sagenhafte erste König der Bachkronten als "bläkibab babulik" bezeichnet wurde, was soviel heißt wie: Der "mit Vergnügen schmatzende". Da möchte man doch sofort mit schnabulieren und schmackfatzen.
Jeder Übersetzungsversuch muss scheitern
Allerdings: "Der Versuch, die Lieder ins Hochdeutsche zu übertragen, den ich - zuletzt in der sombusische Hauptstadt Solangor - immer wieder unternahm, missglückte, weil er grundsätzlich immer wieder missglücken muss", schreibt der Autor. "Man kann in einer modernen Hochsprache keine Vorstellung von der Klangwelt dieser alten Elementarsprachen geben." So bleibt es beim Original: Ein herrlicher Spaß, der keine Übersetzung benötigt. Diese Lieder sind lautmalerische Kleinkunstwerke, die Beigaben eine wunderbare Wisenschaftsparodie, was braucht es mehr für ein paar vergnügliche Stunden?
Etwas schade ist es freilich, dass der Reclam-Verlag aus diesem Kleinod nicht "mehr" gemacht hat. Ja, das stilvolle Hardcover mit der Landkarte Polulangriens und den hellblauen Zwischenblättern macht optisch einiges her. Aber dass der Verlag im Anschluss einfach nur lieblos eine Zeittafel zum Leben des Autors hineingepappt hat, ist unwürdig. Ein kleines Nachwort zu Entstehung, Hintergründen und Rezeption dieses besonderen Lyrikbandes wäre doch nicht zu viel verlangt. So muss der unbedarte Leser sogar rätseln, ob es ein Nachdruck ist oder ein Manuskript aus dem Nachlass Autors. Nicht einmal das Impressum gibt Auskunft über die Erstveröffentlichung (laut Wikipedia 1968). Schade. Da ist man Reclam eigentlich höhere Standards gewohnt.
Fazit: Lautmalerische Gedichte von höchster Kunst, serviert mit freundlich-humorvoller Wissenschaftsparodie. Ein großartiger lyrischer Spaß. Unbedingt empfehlenswert. Schade, dass der Verlag kein Nachwort dazu spendierte.
James Krüss: Polulangrische Lieder. Gesammelt, herausgegeben und mit einer Vorbemerkung, Anmerkungen, Fußnoten, Zeichnungen und einem Literaturverhzeichnis versehen. Stuttgart: Reclam, 2026. 92 Seiten, Euro 16.

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