
Heidrun Jänchen: Willkommen auf Aurora

"Willkommen auf Aurora" vereinigt 17 Science-Fiction-Kurzgeschichten aus der Feder von Heidrun Jänchen. Der Sammelband lädt ein zu Reisen in fremde Welten, die auf beunruhigende Weise ausgesprochen vertraut wirken.
Ist das eigentlich Science-Fiction? Bei manchen Ereignissen, die Heidrun Jänchen schildert, könnte es sich glatt um Fälle aus der Tagezeitung oder dem Betroffenheits-TV handeln. Da sind streikende Bergarbeiter, die ihre Mienen besetzen und die Maschinen nicht herausrücken wollen, als die Bergbaugesellschaft wegen angeblicher Unrentabilität den Standort aufgeben will. Da sind Soldaten, die Aufständische bekämpfen sollen, und harmlos scheinende Kinder, die sich an den Gegner "heranspielen" und dort Bomben hinterlassen. Da sind "Zivilisierte", die weniger entwickelte Völker ausbeuten und gleichzeitig in ihren Mythen und Kunstwerken Dinge finden, die in der eigenen Kultur längst vergessen wurden.
Heidrun Jähnchen schreibt über Leihkörper, Organspender und Gebärmaschinen
Jänchen schreibt von Menschen, die einfach nur ihre Ruhe haben wollen und von der ewigen Werbeberieselung oder von der unausweichlichen Nähe der anderen Menschen beinahe verrückt werden. Sie erzählt von Menschen, die aus wirtschaftlicher Not ihren Körper verleihen müssen, von Unfallopfern, deren Gehirne wiederverwendet werden, von Frauen, die immer neue Männer zugewiesen kriegen, um endlich schwanger zu werden und ihren Beitrag zum Fortbestand der Gesellschaft zu leisten (beinahe hätte ich geschrieben: "...dem Führer ein Kind zu schenken").
Wäre nicht ab und zu der Name eines Planeten oder ein kleines Zukunfts-Accessoir eingefügt, die meisten Storys gingen als glänzend beobachtete Skizzen aus der Gegenwart durch.
Scharfer, mitleidsloser Blick und naturwissenschaftliche Präzision
Heidrun Jänchen hat einen scharfen Blick für die kleinen Absurditäten des Alttags genauso wie für weltpolitische und wirtschaftliche "Alternativlosigkeiten". Dabei denkt sie mit mitleidsloser Logik Entwicklungen aus dem 20. und 21. Jahrhundert weiter. Was passiert etwa, wenn patentierte Maisgene plötzlich in Kindern nachgewiesen werden? Ist der Gerichtsprozess um das Eigentum an dem Jungen Ramon, der mit einer - für Menschen vollkommen überflüssigen - Immunität gegen den Maiszünsler geboren wird, wirklich so abwegig? Das reale Vorbild der "Monaven Corporation" reagiert jedenfalls ziemlich ungehalten, wenn irgendwo Pflanzen mit "ihren" Genen auftauchen, und vielleicht ... Man traut Konzernen ja einiges zu.
Der herbe, sachliche, oft naturwissenschaftlich-präzise Tonfall der Autorin trägt viel zur ganz eigenen Atmosphäre des Buches bei und verstärkt den Eindruck der Unausweichlichkeit mancher absurden Entwicklungen. Dennoch schafft sie es oft, die Geschichte zu einem augenzwinkernden Schluss zu führen und die Gerechtigkeit siegen zu lassen. Ein kleines Stück Utopia inmitten des beängstigenden Realismus.
Fazit: 17 kleine Meisterwerke aus der Welt von heute und morgen, hervorragend erzählt und mit vielen fiesen kleinen Widerhaken, die im Gehirn noch lange pieksen werden. Eine Sammlung, die man nach dem Lesen nicht so einfach im Regal verschwinden lassen kann. Unbedingt empfehlenswert. Bitte mehr davon.
Heidrun Jänchen: Willkommen auf Aurora. Nittendorf: Wurdackverlag, 2012. 320 S., Euro 14,95.
© Petra Hartmann