Erstaunlich, dass sich in jüngster Zeit immer mehr junge Verlage an Lyrik heranwagen. "Ein Augenblick für Zwei", erschienen vor knapp drei Monaten im Verlag Saphir im Stahl, ist eine Anthologie vorwiegend regionaler Autoren aus der Umgebung des im hessischen Bickenbach ansässigen Verlags, zum Teil sogar in Mundart geschrieben.
Herausgeber Erik Schreiber merkt im Vorwort an, zu dieser Sammlung hätten ihn die regelmäßig in der örtlichen Zeitung "Der Bergsträsser" erscheinenden mundartlichen Gedichte inspiriert. Seine Einschätzung des Bandes: "Der Gedichtband 'Ein Augenblick für Zwei' wird sicherlich keinen neuen Dichterfürst hervorbringen. Dafür ist der Band aber ein ausgezeichnetes Beispiel deutschsprachiger Dichtungen und ein lesenswertes Werk von Alltagsliteratur."
Die Themen der Gedichte sind die klassischen Themen der Lyrik: Natur, erfüllte und unerfüllte Liebe, Trennung, Krankheit und Tod; dazwischen - seltener - Alltagsbeobachtungen und humorvolle Verse, die zum neuen Blick auf Vertrautes einladen. Die Anthologie enthält Beiträge von 73 Autoren im Alter von 12 bis 87 Jahren.
Die abgedruckten Werke sind vom Niveau her sehr unterschiedlich, manchmal hakt das Metrum oder es wurde geschrieben nach dem Motto "Reim dich, oder ich fress dich", dann wieder stößt der Leser auf Gedichte, die zum Innehalten und Wieder-Lesen einladen. Das Gedicht "Abschied auf Raten" von Maria Glasmachers etwa, das in schlichten, reimlosen Versen die Beziehung zu einem Demenzkranken schildert, gehört zu den erschütterndsten dieses Buches.
Ein besonderes Juwel sind die Balladen von Attila Böblinger, die etwa in der Mitte des Bandes zu finden sind. Da ist die für Kinder sehr bittere Geschichte vom zahnwehkranken Weihnachtsmann, der immer wieder als Ausrede herhalten muss, wenn der Vater für seine Kinder keine Geschenke bezahlen kann - die Gaben wurden zwar gekauft, damit die Nachbarn etwas zum Sehen hatten, doch an Heilig Abend hat Papa sie längst ins Pfandhaus getragen, und der Weihnachtsmann hat wieder Zahnweh ... Zu Herzen gehend ist die Ballade vom Auto, das statt Viertakt- einmal Zweitakt-Kraftstoff bekam. Mit viel Liebe zum Detail wurde hier jedes Schräubchen und Hebelchen beschrieben, das Ende der Nockenwelle, der Zylinder, der Ventile, der schwere Kolbenschmerz - einfach unvergleichlich. Von diesem Autor wünscht man sich einen Einzelband.
Sehr gediegen ist die Aufmachung des Buches. Der edle Hardcoverband, der als umfließendes Motiv einen von blühenden Bäumen gesäumten Bach zeigt, über den eine Brücke führt, lässt sich Zeit und bietet den Autoren Raum zum Sich-Entfalten. Die meisten der rund siebzig Dichter konnten zwei, drei oder mehr Gedichte beisteuern, sodass der Leser Gelegenheit hat, sich auf den Tonfall der einzelnen Sprecher einzustellen. Hier wurden nicht möglichst viele hoffnungsvolle Schriftsteller in einer Anthologie zusammengepfercht, um die Auflage möglichst sicher an Onkel und Tanten zu verkaufen.
Wünschenswert wären lediglich noch ein paar Worte zu den Autoren, ihren Biographien und eventuellen weiteren Werken gewesen. Platz hätte sich in dem Buch sicher gefunden, denn der Anhang mit Darstellung des weiteren Verlagsprogramms fiel mit zwölf Seiten sehr umfangreich aus.
Fazit: Eine vielschichtige Sammlung, die sehr interessante Entdeckungen und Begegnungen bietet, gut aufgemacht und lesenswert.
Ein Augenblick für Zwei. Hrsg. v. Erik Schreiber. Bickenbach: Saphir im Stahl, 2012. 208 S., Euro 15,95.
© Petra Hartmann