Ein dünnes Büchlein, aber pralles Leben. Auf knapp 60 Seiten präsentiert der rumänische Lyriker Robert Şerban im Band "Heimkino bei mir" seine Gedichte. Gegliedert ist das Buch in fünf Abschnitte - "Die Poesie", "Der Kampf", "Die Liebe", "Das Leben" und "Die Freundschaft" - und führt den Leser durch einen kleinen Kosmos, beginnend mit dem Ansatz zum Schreiben eines Gedichts bis hin zur Suche nach etwas, "was anderen nicht wehtut".
Robert Şerban bewegt sich durchaus in literarischen Traditionen. Traditionen, an denen er sich abarbeitet und gegen die es sich zu behaupten gilt. Geradezu programmatisch das Auftaktgedicht "Um schreiben zu können":
um besser schreiben zu können
lege ich einen Bogen Papier
auf ein Buch
der Name des Autors kommt dann und wann
zum Vorschein
wie ein Ertrinkender
und versucht mich an der Hand zu nehmen
ich schreibe schnell-schnell und mit Nachdruck
und die Wörter füllen
den dünnen Bogen
wie Erdschollen
ein frisches Grab
Es geht um Krieg und Tod, über den der Autor schreibt "mit der Leichtigkeit mit der ich ein Messer hineinramme / auf zwei Schritt", um fallende Sterne und gefallenes Laub. Ein "Klagelied" zeigt eine alte Frau, die mit dem Reisigbesen Blätter auf dem Hof kehrt, Totenklage zum rhythmischen Schurren des Besens. Aus dem Krieg Zurückgekehrte sieht man, "mit Erde und Blut befleckt / mit zerschmetterten Knien und aus dem Schädel hervorgetretenen Augen". Der Schild eines Kriegers, "weit wie ein Feld aus dem sich das Wasser zurückgezogen / und Tier- Menschen- und Fischkadaver zurückgelassen hat / wirft Schatten". Der Schattenwurf gemahnt an den biblischen Goliath, doch das Heroische geht diesem Bild vollkommen ab. Dieser Schild hier evoziert den Faulgestank verwesender Kadaver, und von welchem Schild der alten Helden hat man so etwas schon gesagt?
"Es gab keinen Krieg", heißt ein anderes Gedicht. Und doch hamstern die Frauen, der Dichter kauft Papier und Tinte auf Vorrat, Kinder sammeln Nägel, die zu Pfeilspitzen werden sollen, und der Himmel erinnert an das hoffnungslose Sterntalermärchen aus Büchners "Woyzeck": "es gab keinen Krieg / aber der Himmel ist eine Insektensammlung / in der die Köpfe der Nadeln leuchten".
Doch Robert Åžerban kann auch ganz anders. Vor allem, wenn er von der Liebe singt. Modernes großstädtisches Leben, oft kommentiert mit lakonischem Humor. "du kannst mir mit Leichtigkeit / das Herz aus der Brust reißen", anerkennt der Dichter - aber: "vorher jedoch musst du / die Knöpfe meines Hemdes / lösen". Da wird beklagt, dass man immer weniger Frauen begegne, in die man sich auf den ersten Blick verlieben könne. Um dann knapp zu resümieren: "in diesem Speisewagen / sind es nur zwei".
Lippen und Zunge, Fleisch, die Haut der Geliebten werden beschrieben, Frauen in kurzen Röcken, daneben Beobachtungen an Magazin-lesenden Damen, ein Flirt mit der schönen Zigeunerin im Straßencafé, Begegnungen in Restaurants, Verärgerungen über strenge Mütter. Immer wieder knappe Miniaturen, die wie Kurzgeschichten oder Glossen daherkommen. Etwa die beiden Frauen, die aus dem Sportwagen aussteigen und einfach viel zu schön sind. Nur der Gedanke, dass sie vielleicht Huren seien, kann da beruhigen.
Mit scharfem Auge werden zwei Schülerinnen beobachtet, die am Nebentisch Modezeitschriften studieren. Als sie aufstehen und gehen, folgt die zynische Erkenntnis, dass "ihnen aus den XXL-Jeans / die großen Chancen hervorquellen / schöpferisch tätig zu sein" - böse.
"Heimkino bei mir" ist ein sehr kraftvoller, lebendiger Lyrikband, der mit morbiden Kriegsbildern und humorvollen Zwischenmenschlichkeiten gleichermaßen den Ton trifft und den Leser immer wieder zum Aufhorchen bringt. Ein Buch, voller Bitterkeit und Augenzwinkern, das wach hält und Lust auf mehr macht. Gut gemacht.
Robert Şerban: Heimkino bei mir. Gedichte. Aus dem Rumänischen von Hellmut Seiler. Ludwigsburg: Pop, 2008. 77 S., Euro 14,50.
© Petra Hartmann

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