Wilhelm Busch: "Krasse Märchen"
"Ut oler Welt" nannte Wilhelm Busch einst seine Märchensammlung, die er allerdings zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlichen konnte. Die 1911 herausgekommenen Märchen sind heute fast vergessen und stehen im Schatten der berühmten Bildergeschichten des Maler-Dichters. Jetzt hat sich Rena Larf, bekannt unter anderem durch ihre Märchensendungen im Hamburger Literaturradio, der Sache angenommen.
"Krasse Märchen" nennt die Herausgeberin ihre Auswahl aus Buschs Märchenschatz. Das mag angehen. Zwar ist Busch nicht gerade ein Vertreter der "ey, voll krass konkret, Allda"-Generation, aber der manchmal etwas herbe, misanthropische Humor des niedersächsischen Dichters mag auf Menschen, die mit weichgespülten Heile-Welt-Märchen und Alle-haben-sich-lieb-Ende aufgewachen sind, durchaus an einigen Stellen "krass" wirken. Auf jeden Fall ist der Herausgeberin ein einprägsamer, unvergesslicher Titel eingefallen.
Busch erzählt von einer verfluchten Prinzessin, die ein Jahr lang jeden umbringt, der bei ihr die Totenwache hält. Von einer Frau, die als Hebamme zu Zwergen gerufen wird, von einem Mann, der einer Kröte das Leben rettet und dafür bei ihrer Hochzeit dabei sein darf, von ehebrecherischen Pastoren, bösen Stiefmüttern, vom dummen Burschen, klugen Mädchen, von klugen und dummen Bauern und schönen und hässlichen Leuten.
Viele Motive erinnern an alte Geschichten aus der niedersächsischen Sagenwelt, für einige andere scheinen auch heute noch bekannte Märchenklassiker Pate gestanden zu haben. So erinnert "Die böse Stiefmutter" an "Frau Holle" (Grimm) oder "Die beiden Stiefschwestern" (Asbjörnsen/Moe). Die Geschichte von Königin Isabelle liest sich wie eine Mixtur aus der "Klugen Bauerntochter" (Grimm, bekannt geworden auch durch die Oper "Die Kluge" von Carl Orff) und der Legende von Genoveva. Und bei den Märchen "Bauer Pihwit" und "Der kluge Knecht" fühlt man sich unwillkürlich an den "kleinen und den großen Klaus" von Hans Christian Andersen erinnert.
Dabei ist die Buschsche Märchenwelt durchaus eigen, bevölkert von skurrilen niedersächsischen Dorforiginalen wie besagtem Pihwit (Kiebitz) oder der neugierigen "alten Slükschen" von nebenan, die ihre Nase immer wieder zu tief in die Kochtöpfe der Nachbarn steckt. Endlich ist der Dummling einmal wirklich der Dumme und bleibt ohne Prinzessin, ja sogar überhaupt ohne Frau. Vielleicht sollte er die intelligente, aber kurzsichtige Ilsabein aus dem letzten Märchen heiraten, die wegen ihrer schwachen Augen unbemannt bleibt. Auf jeden Fall ist es eine Sammlung, in der ein scharfer Blick für menschliche Schwächen und Buschs schwarzer Humor eine märchenhafte Verbindung eingehen.
Dass dabei Schläge noch das harmloseste Mittel der Bestrafung sind, dass schon mal ein Bösewicht gevierteilt oder in einem von Nägeln durchbohrten Fass zu Tode gerollt wird, dass unschuldige Totenwachen von untoten Prinzessinnen umgebracht werden und faule Schwestern auf einem gerade bereitstehenden Hackklotz enthauptet werden, nun ja, bei den Grimms haben Hexen und böse Stiefmütter auch selten überlebt ... Leser, die das Ende von "Max und Moritz" oder "Die fromme Helene" goutieren, werden sicher auch an dem unbekannteren Märchenerzähler Busch ihre Freude haben.
Schade nur, dass die Sammlung so dünn ist. Die 16 kurzen Geschichten lesen sich sehr schnell weg, und ehe man sich's versieht, ist das Büchlein bereits zu Ende.
Fazit: Eine kurzweilige, eigenwillige Märchenwelt, die zeigt, dass Busch nicht nur als Erfinder der Comics einzigartig war. Das Büchlein gehört auf den Nachttisch jedes Märchenliebhabers.
Wilhelm Busch: Krasse Märchen - Fast vergessen. Ausgewählt von Rena Larf. Norderstedt: Book on Demand, 2011. 92 S., Euro 8,95.
© Petra Hartmann

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