
Simone Edelberg: Auch Zombies brauchen Liebe

"Auch Zombies brauchen Liebe", behauptet Autorin Simone Edelberg, und sie macht sich in ihrem gleichnamigen Buch für die Rechte der Untoten stark. In zwölf "vermoderten Geschichten" erzählt sie vom "Leben" nach der Zombifizierung, von Verfall und Fressen, aber auch von der Sehnsucht nach Dingen, die für Lebende ganz normal sind.
"Bürgerliche" Zombies mit Handtäschchen und Lifestyle-Magazin
Simone Edelbergs Zombies sind anders als die wandelnden Leichen, die man gewöhnlich in Zombiefilmen und Horrorbüchern antrifft. Möglicherweise werden Puristen Probleme damit haben, diese untoten Wesen als echte Zombies gelten zu lassen. Werden die Zombies gewöhnlich als dumpfe, durch die Welt schlurfende Wesen ohne eigene Persönlichkeit und Individualität gezeichnet, so verhält es sich bei den Helden dieses Büchleins gänzlich anders: Wir haben es mit ausgesprochen "bürgerlichen" Zeitgenossen zu tun, die Zeitungen und Lifestyle-Magazine lesen, in der Straßenbahn ihre unförmigen Handtaschen auf der Suche nach der Fahrkarte auspacken oder mit ihren Eheproblemen zur Paarberatung gehen. Wäre da nicht der Umstand, dass der Körper sich langsam aber sicher in seine Einzelteile zerlegt, und wäre nicht der ständige Hunger nach Menschenfleisch, Simone Edelbergs Zombies könnten genau so gut verschrobene Nachbarn und seltsame Arbeitskollegen in der realen Welt sein.
Interview mit einem Zombie
In zwölf kurzen Erzählungen - viele umfassen nur zwei bis drei Seiten - beleuchtet die Autorin schlaglichtartig unterschiedliche Aspekte des Zombie(un)lebens in München, wo die Seuche immer mehr Einwohner erfasst. Beeindruckend ist die Vielseitigkeit der Stile und Erzählformen, die in dem schmalen Band vereinigt sind. Es gibt journalistische Texte wie ein Interview mit dem Chefredakteur einer Zombiezeitschrift oder einen Zeitungartikel über Zombies, die ihr Recht auf eine menschenwürdige Behandlung einklagen, bessere Integration fordern und sich gegen Zombiephobie in Bayern zur Wehr setzen. Dazwischen finden sich klassische Horrorgeschichten, innere Monologe, putzige Situationen wie die Geschichte der tüdeligen alten Zombiedame mit ihrer Handtasche und witzige Szenen, die gut auch als Sketch auf der Bühne vorstellbar sind wie etwa die Geschichte eines Zombieehepaars, das sich darüber streitet, ob der Schwur "bis dass der Tod euch scheidet" nun mit der Zombifizierung aufgehoben ist, oder ob die eheliche Treueverpflichtung nach Eintreten des Untodes noch immer gilt.
Kongenial illustriert von Kristina Ruprecht
Die Geschichten sind leicht zu lesen, sehr eingängig und durch die Kürze der einzelnen Texte sehr gut geeignet für den kleinen Lesehunger zwischendurch. Dabei geht es der Autorin weniger um Horror, Splatter und Ekel-Storys um verstümmelte, faulende Menschenfleischfresser, vielmehr sind die Geschichten nachdenklich, gefühlvoll und oft humorvoll. Sehr schön ist auch die Aufmachung des Büchleins. Es liegt sehr gut in der Hand und ist auch optisch ein Genuss. Zu jeder der Geschichten gibt es eine Zeichnung von Kristina Ruprecht, die Simone Edelbergs Zombiestorys kongenial illustriert hat, im Anhang finden sich Porträts und Biographien der Autorin und der Künstlerin, und ein Geleitwort des Herausgebers Martin E. Alfred stimmt den Leser ein auf die Münchner Zombiewelt.
Fazit: Leichte, fluffige, ungewöhnliche Zombielektüre, splatterfreie Geschichten mit einem Augenzwinkern. Eine Sammlung, deren Vielschichtigkeit in verblüffendem Gegensatz zu ihrem geringen Umfang steht. Lesenswert.
Simone Edelberg: Auch Zombies brauchen Liebe. Zwölf vermoderte Geschichten. Band I. Hrsg. v. Martin E. Alfred. München: WortKuss Verlag, Erstauflage 2009, 2., überarbeitete Auflage 2010. 100 S., Euro 9,80.
© Petra Hartmann