Mark Brandis: Sirius-Patrouille
Diese "Sirius-Patrouille" hat es in sich: Kompetenzgerangel an Bord, ein schwer verletzter Commander und ein vom Jagdfieber gepackter Militär am Ruder. Der 18. Band der Serie "Mark Brandis" zeigt einmal mehr die Differenzen zwischen der zivilen VEGA (Venus-Erde-Gesellschaft für Astronautik) und der Raumflotte.
Der Name des Raumkreuzers, "Invictus", sagt eigentlich schon alles, was sich die Raumflotte erträumt. Das neu entwickelte Schiff vereinigt an Bord eine Mannschaft, in der zusammengestellt wurde, was eigentlich nicht zusammen gehört: Mark Brandis und sein Navigator Iwan Stroganow als Vertreter der VEGA begleiten ein neu entwickeltes Schiff auf seinem letzten Testflug, doch gleichzeitig ist dieser letzte Testflug auch der erste Patrouillenflug unter Kommando der Raumflotte und untersteht damit dem Flottenmajor Degenhardt. Eine Konstellation, die einiges an Sprengstoff birgt. Zwar hätte letzten Endes Brandis im Falle einer Konfrontation die Befehlsgewalt, im Bordalltag leitet aber Degenhardt die Geschäfte und bestimmt Kurs und Manöver, während der zurückhaltendere Brandis den Chefsessel weitgehend unbesetzt lässt.
Mark Brandis schwer verletzt und bewusstlos
Die Doppelspitze auf der Kommandobrücke zerbricht, als Brandis beim Versuch, einen Raumunfall aufzuklären, schwer verletzt wird und bewusstlos im Krankenbett dahindämmert. Degenhardt nutzt die Gelegenheit und macht Jagd auf ein geheimnisvolles chinesisches Schiff, offenbar ein Prototyp mit neuartigem Antrieb. Trotz des Friedens mit den Chinesen ist Degenhardt besessen von dem Gedanken, den "Manta" aufzubringen. Eine Hetzjagd ähnlich Kapitän Ahabs Jagd auf den weißen Wal beginnt.
Nikolai von Michalewsky verabschiedet sich vom Ich-Erzähler
Der Roman bricht mit der Erzähltradition der Mark-Brandis-Bände und verzichtet auf den gewohnten Ich-Erzähler, der aus der Perspektive des Titelhelden berichtet. Stattdessen ist der Bericht, wie der von Brandis geschriebene Vorspann erklärt, von Martin Seebeck verfasst. Seebeck, Journalist und Pulitzerpreisträger, befindet sich an Bord, um einen Artikel über die Patrouille zu schreiben. Er benutzt hierfür die personale Perspektive und schreibt durchgehend in der dritten Person.
Der Wechsel ist, wie der Leser schnell bemerkt, durchaus notwendig, da Brandis über weite Strecken der Geschichte bewusstlos oder nur halb bei Bewusstsein ist. Für kurze Sequenzen ohne seinen Titelhelden hatte der Verfasser Nikolai von Michalewsky bisher meist einmontierte Berichte anderer Personen oder Dokumente, die Brandis später in die Hände fielen, genutzt. Doch in diesem Ausmaß wäre die Ich-Perspektive kaum durchzuhalten gewesen.
"Sirius-Patrouille" kommt über weite Strecken ohne Mark Brandis aus
Es ist ein Zeichen für die große Erzählkunst des Nikolai von Michalewskys, dass der Roman über weite Strecken auch ohne die Identifikationsfigur des Commanders auskommt. Das Aufeinanderprallen von VEGA- und Raumflotten-Ethik, das monomanische, sich zur Besessenheit steigernde Jagdfieber des Majors, sein rücksichtsloser Umgang mit Mensch und Maschine, all dies ist so psychologisch dicht und eindringlich geschildert, dass es keines Mark Brandis auf der Brücke bedarf. Im Gegenteil, gerade die Leerstelle, die er hinterlässt, ist das Element, das den Spannungsbogen an Bord bis zum Zerreißen spannt. Eine Situation, in der durchaus auch der Gedanke an Meuterei aufkommen kann.
Die Auflösung mag vielleicht ein bisschen vorhersehbar sein, das Ende Degenhardts, nun gut, etwas glaubwürdiger als Scotts Sonnensturz in "Vorstoß zum Uranus" ist es schon. Aber wer ein Buch nur wegen der letzten Seite liest, verpasst so ziemlich alles, was diesen Roman ausmacht.
Fazit: Faszinierende Charakterstudien und eine brillante Analyse der Folgen von hierarchischen Fehlbesetzungen. Ein spannendes und kluges Buch.
Mark Brandis: Sirius-Patrouille. Nittendorf: Wurdack Verlag, 2010. 176 S., Euro 12.
Weitere Besprechungen zu Mark-Brandis-Romanen:
Band 5: Vorstoß zum Uranus
Band 6: Die Vollstrecker
Band 11: Operation Sonnenfracht
Band 12: Alarm für die Erde
Band 13: Countdown für die Erde
Band 14: Kurier zum Mars
Band 15: Die lautlose Bombe
Band 16: Pilgrim 2000
Band 18: Sirius-Patrouille
Band 19: Astropolis
Band 20: Triton-Passage
Band 23: Vargo-Faktor
Band 24: Astronautensonne
Band 25: Planetaktion Z
© Petra Hartmann

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